Abstracts

Prof. Dr. Natka Badurina (Università degli studi di Udine)

D’Annunzio e la memoria (con)divisa

Come molti altri avvenimenti della storia del confine orientale, l’episodio fiumano di D’Annunzio si è dimostrato terreno fertile per rappresentazioni narrative estreme e diametralmente opposte. Sin dai contemporanei, tra cui alcuni diretti partecipanti dell’impresa e altri suoi osservatori o vittime, il mito e l’antimito coesistono senza incontrarsi, esibendosi su palcoscenici diversi e per pubblici ben separati. Il presente intervento cercherà di delineare sommariamente le due costruzioni narrative in uno sguardo diacronico sulle rappresentazioni letterarie italiane e croate dell’episodio fiumano; si soffermerà poi, in particolare, sulle loro posizioni dopo gli anni novanta del ventesimo secolo. Il nuovo quadro ideologico globale del dopo 1989, la convinzione dominante di vivere nel migliore dei mondi, il discorso pareggiante sui totalitarismi e quello generico sui diritti umani, hanno creato condizioni nuove per il ricordo delle lotte ideologiche del passato. La questione che ci si pone è se questo spostamento di prospettiva ha aiutato la comprensione della complessa natura dell’episodio fiumano rendendo possibile un avvicinamento delle sue opposte interpretazioni, oppure, al contrario, ha reso più difficile la nostra capacità di giudizio critico sui contrasti ideologici (fascismo, antifascismo, comunismo, anticomunismo) e fenomeni politici (narcisismo, populismo, nazionalismo, razzismo) che lo hanno segnato e che oggi, apparentemente, non sono più nostri.


Prof. Dr. Günter Berghaus (University of  Bristol)


Dr. Alida Bremer (Münster)

Die Geburt des Faschismus aus dem Geist der Poesie:  Zur Dekonstruktion der Herrschaft im Roman Danuncijada von Viktor Car Emin (Mit einigen Digressionen zu weiteren Reaktionen auf D’Annunzios Werk und Ansichten – in früheren Zeiten und heute)

Nicht selten haben Zeitgenossen vor allem in Italien, aber auch anderswo in Europa, den italienischen Dichter D’Annunzio als großen Lyriker und zugleich als Helden und Propheten gefeiert. Doch einige Autoren störte schon damals jene bemerkenswerte Mischung aus Poesie, Rhetorik, dem Leben als narzisstisches Gesamtkunstwerk und Nationalismus, so etwa Carl von Ossietzky, der im Dezember 1920 in seinem Artikel „Der Fall D’Annunzio. Das Ende einer Komödie“ nüchtern schrieb: „Und als er aufhörte, jung zu sein, betrat er entschlossen die politische Arena. Seit 1910 etwa stellt er seine glühende, bildervolle Sprache in den Dienst der nationalistischen Propaganda für die ‚Italia irredenta‘, und Rom und Paris feierten ihn überschwänglich als großen Repräsentanten des Lateinertums. In einem Drama von fast exotischer Pracht behandelte er die Geschichte von der Gründung Venedigs, mit aktuellem Ausblick auf das Adria-Problem. Seine geniale Fertigkeit, künstlerische und politische Elemente zu mischen, wurde der geistigen Gesundheit Italiens höchst gefährlich.“

Selten jedoch beachtete man in Italien und anderswo in Europa die Reaktionen der kroatischen Schriftsteller und Intellektuellen auf die politischen Botschaften der Werke von D’Annunzio sowie auf seine Eroberung von Fiume. Das ist seltsam genug, denn sie waren davon am meisten betroffen – leider gibt es eine Hierarchie der Sprachen und der Kulturen in Europa, die nur schwer zu überwinden ist.

Im Oktober 1907 trug D’Annunzio in Rijeka persönlich das Drama La nave vor, als eine Art Ouvertüre zur Aufführung der Theatergruppe Compagnia Stabile. Auf die in diesem Stück vorgetragenen Thesen über die italienischen Rechte an der Adria antwortete Rikard Katalinić Jerotov in der Zagreber Zeitschrift Savremenik mit einem trotzigen Sonett: „Jadranu i njegovi osvajačima“ („Der Adria und ihren Eroberern“). Der Essayist Bogdan Radica äußerte sich negativ über D’Annunzios langes Poem „Maia“ und das darin verwendete „mystifizierte Bild des mediterranen Lebens“; das künstlerische Maß des Mittelmeers vertrage, so Radica, keine „dekorativen leeren Worte“, und die Neigung zum Maßvollen sei ein Ausdruck der mediterranen Skepsis, die er bei D’Annunzio nicht finde. Dem lateinisch dominierten Konzept des Mittelmeers setzt Radica seine multikulturelle Vision entgegen, in der auch die Slawen eine bedeutende Position einnehmen.

Das wichtigste Werk der kroatischen Literatur zu diesem Thema ist Danuncijada von Viktor Car Emin, ein Roman aus dem Jahr 1940, veröffentlicht erst 1946, mit dem bezeichnenden Untertitel: Romansirana kronisterija riječke tragikomedije 1919-1921. Das Wort ‚kronisterija‘, eine Neuschöpfung, die sich aus den Worten ‚Chronik‘, ‚Historie‘ und ‚Hysterie‘ zusammensetzt, verwendete auch Nedjeljko Fabrio im Jahr 1985 als Gattungsbezeichnung für seinen Roman Vježbanje života (Einübung des Lebens). Auch Fabrio geht in seinem Roman auf die Episode mit D’Annunzio in Rijeka ein; Fabrio ist auch der Autor des analytischen Essays „Italienische literarische Dannunziade“ (2003), der ebenfalls unsere Beachtung verdient.

Danuncijada von Viktor Car Emin ist der Roman eines Zeitzeugen und zugleich ein Werk von herausragenden literarischen Qualitäten, weshalb es besonders schade ist, dass er nicht in andere Sprachen übersetzt wurde. Dieser Roman könnte einer unzulässigen Verherrlichung des Abenteuers von D’Annunzio entgegenwirken, etwa jener aus dem Buch Die Temporäre Autonome Zone (1991) des amerikanischen Autors Peter Lamborn Wilson alias Hakim Bay oder jener aus dem neuesten Roman des amerikanischen SF-Autors Bruce Sterling Pirate Utopia (2016).

In jüngster Zeit ist ein Interesse an der Eroberung von Fiume in Kreisen der neuen Rechte in Europa zu bemerken, etwa in der Novelle des deutschen Autors Oliver Ritter Fiume oder der Tod oder im Essay Fiume kommt nicht wieder – Demographie und Chancen von Martin Sellner, dem „Kopf der österreichischen Identitären Bewegung“. In Serbien hat es zahlreiche positive Reaktionen auf D’Annunzios Oda alla nazione serba (Die Ode an die serbische Nation) aus dem Jahr 1915 gegeben; der serbisch-amerikanische Theaterwissenschaftler Branislav Jakovljević hat sich 2017 in einem Essey unter dem Titel „Novembarski pokolji. Fragmenti iz stogodišnjeg rata“ („Die Novembergemetzel. Fragmente aus dem hundertjährigen Krieg“) sowohl mit der Rezeption dieser Ode in der neueren serbischen Geschichte und in den Reihen der serbischen Rechtsextremisten auseinandergesetzt, wie auch mit dem anti-slawischen Rassismus in der Verfassung in D’Anunnzios Fiume („Carta del Carnaro“). Auch Bogdan Radica erinnert daran, dass in seiner Heimatstadt Split nach dem Ersten Weltkrieg die Mitglieder der jugoslawischen nationalistischen Organisation ORJUNA den Kosovo-Mythos und das serbische Heldentum gefeiert haben – „mit D’Annunzios Worten“.


Prof. Dr. Elisabeth von Erdmann (Otto-Friedrich-Universität Bamberg)

Der Dichter als Schöpfer und Herrscher – Macht über Kunst und Wirklichkeit bei Gabriele D’Annunzio und bei den russischen Symbolisten am Vorabend politischer Totalitarismen

Die Einheit von Kunst und Leben faszinierte Dichter und Künstler um die Jahrhundertwende von 1900. Der Dichter wurde zu einem Herrscher, der volle Gestaltungsfreiheit in seinem Werk wie in seinem Leben für sich beanspruchte. Inspiriert vom Übermenschengedanken und einem überwältigenden Drang zur Erneuerung von Kunst und Leben war der Dichter als Schöpfer in seinem Werk anwesend und überwand in ihm und mit ihm die Grenzen zur Lebenwirklichkeit. In diesem Mythos, in dessen Mittelpunkt sich der Dichter einrichtete und zum Übermenschen erhöhte, öffnete sich die Ästhetik neoromantischer Strömungen des Symbolismus für Neugestaltungen der Welt und den Anspruch einer machtvollen Teilhabe von Kunst und Literatur an den politischen, kulturellen und sozialen Veränderungen. Freiheit von moralischen und ästhetischen Regeln, Drogen, Promiskuität, Selbstinszenierungen, das Erproben neuer künstlerischer Formen, das Spiel mit Sprache und Synästhesien sowie die Affinität zu totalitären Macht- und Weltveränderungskonzepten ergaben sich aus den ästhetischen Prämissen des Symbolismus. In Italien verkörperte Gabriele D’Annunzio diesen Mythos in bemerkenswerter Vollständigkeit.

Im russischen Symbolismus traten um die gleiche Zeit Dichter und Ästhetiken hervor, die wie D’Annunzio den Mythos und seine Selbstinszenierungen sowie ihre ästhetische und moralische Freiheit lebten und in ihren Dichtungen und im Leben durchspielten. Wie der italienische Dichter schufen sie Literatur und entwickelten außerdem Drogensucht, skandalöse Affären sowie Affinität zu Macht und Umsturz. Valerij Brjusov (1873-1924) präsentierte sich als Begründer des russischen Symbolismus und lebte, wenn auch weniger erfolgreich und publikumswirksam, den Mythos aus, den D’Annunzio verkörperte. Die vergleichende Lektüre einiger wichtiger Werke wie zum Beispiel der Romane Der feurige Engel (Ognennyj angel 1908) von Brjusov und Lust (Il piacere 1989) und Das Feuer (Il fuoco 1900) von D’Annunzio machen eine erstaunliche Verbundenheit des italienischen mit dem russischen Dichter, sowohl was die Prämissen als auch was die Realisierungen angeht, augenfällig.

Der Vortrag folgt dem Verlauf einiger Linien, die zwischen dem italienischen und dem russischen Symbolismus sowie zwischen zwei hervorragenden Vertretern dieser Strömung sichtbar werden. Damit öffnet sich ein Kontext, in dem D’Annunzio bisher nicht betrachtet wurde.

 


PD Dr. phil. Marijana Erstić (Universität Siegen)

‚Il fuoco‘ und ‚L’impresa di Fiume‘. Nicht nur filmische Wiederbelebung einer literarischen Pathosformel

Die innerhalb der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts propagierte Doktrin einer Autonomie der Kunst, jene vermeintliche Befreiung des Ästhetischen von der Zweckmäßigkeit, die für gewöhnlich mit der Bezeichnung „Theologie der Kunst“ versehen wird, war nicht nur elitär, hermetisch und im höchsten Maße autoreferenziell. Immer wieder bemühten sich ihre Vertreter, wie Charles Baudelaire und Oscar Wilde etc., auch um eine möglichst amoralische Attitüde ihrer Sujets, Werke, aber auch ihrer Selbstinszenierungen. Und bekanntlich barg diese programmatische Festlegung gerade in ihrem Jenseits von Gut und Böse liegenden Kern die Idee einer neuen Ästhetik, die sich zwar dem ‚Schönen‘, nicht mehr aber dem ‚Wahren‘ und ‚Guten‘ verpflichtet sah. Implizit zielte die außerhalb der ethischen und religiösen Kategorien sich bewegende Poetik des Ästhetizismus auf die Vorstellung eines reizbaren und elitären, das ‚Schöne‘ erschaffenden, vor allem aber genießenden Menschen ab, den Friedrich Nietzsche und seine diversen Interpreten als Gründer einer neuen Gesellschaft sahen. Der durch Huysmans, George, den jungen Hofmannsthal vertretene radikale Ästhetizismus, die wohl kategorischste Ausformung der l’art-pour-l’art-Bewegungen, propagierte zwar den hermetischen Rückzug von der immer stärker industrialisierten und von der Kategorie der ‚Massen‘ gekennzeichneten Welt in einen symbolischen Elfenbeinturm der Kunstkostbarkeiten. Gabriele D’Annunzio jedoch, der Weltentrücktheit, geschickte Medienausnutzung und politische Demagogie eindrucksvoll miteinander zu verschränken wusste, scheint sich nicht nur dieser ästhetizistischen Prämisse zu entziehen, sondern auch jene bekannte Feststellung Walter Benjamins zu bestätigen, die besagt, dass vor allem die technischen Reproduktionsmedien, Tageszeitungen, Photographie, Film die Dekadenzkultur mitinitiiert und gleichsam auch empfänglich für den politischen Missbrauch gemacht haben.

Doch welche Rolle spielen bei der Entwicklung dieser d’annunzianischen Variationen des Ästhetizismus die Medien, welche die Performanzen? Diesen Fragen wird im Vortrag anhand der Romans Il fuoco (1900) und anhand der Filme aus der Zeit der Fiumebesatzung nachgegangen.


Prof. Dr. Justus Fetscher (Universität Mannheim)


Prof. Dr. Walburga Hülk-Althoff (Universität Siegen) / Prof. Dr. Gregor Schuhen (Universität Koblenz-Landau)

D’Annunzio Commandante. Ein poetischer Staatsstreich?

Die Kommandantur Gabriele D’Annunzios in Fiume steht am Beginn der Zeit zwischen den Weltkriegen, die Philipp Blom die „zerrissenen Jahre“ genannt hat. Pankaj Mishra situiert D’Annunzios Übernahme der Stadt im „Zeitalter des Zorns“, Andreas Platthaus im „Krieg nach dem Krieg“ der Jahre 1918/19. Die genannten aktuellen Publikationen reflektieren D’Annunzios solipsistische Aktion im Kontext von Zerrissenheit und Spaltung, Zorn und Demütigung. Insofern ist es ratsam, sich 100 Jahre nach Fiume und im Horizont neuer europäischer Nationalismen mit dem Phänomen des Kommandanten auseinanderzusetzen. Dieser Gedanke ist die Grundlage unserer Begegnung in der Villa Vigoni. Es wird in unserem Beitrag vor allem um die folgenden Aspekte gehen: 1. um Traditionen kommandantischer (Selbst-)Ermächtigung in Krisen- und Umbruchszeiten (z.B. in der politischen und medialen Vorläuferschaft Napoleons und Garibaldis sowie der ästhetischen „Führerschaft“ Marinettis); 2. Um typische Rollenmuster und Inszenierungen (Männlichkeiten, Performance im öffentlichen Raum, Rhetorik, Befehlsstruktur und technische Medien); 3. um Spuren und Performanzen des Kommandantischen im Werk D’Annunzios, das Befehl und Unterwerfung in der fiktionalen Kommunikation mit den Massen und in erotischen Beziehungen als zentrales Agens setzt (Beispiele : Il fuoco Das Feuer, Il piacere Lust, Il compagno dagli occhi senza cigli Der Kamerad mit den wimpernlosen Augen).  Ausgehend von diesem letzten Aspekt, stellt sich auch die Frage, ob es berechtigt ist, die Fiume-Episode als „poetischen Staatsstreich“ (Philipp Blom) eines Poseurs, Gauklers und Divo zu bezeichnen.


Prof. Dr. Peter Gendolla (Universität Siegen)


Prof. Dr. Aleksandar Jakir (University of Split)

Gabriele D’Annunzio aus dalmatinischer Perspektive nach dem Ersten Weltkrieg

Als es am 12. September 1919 dem selbsternannten ,commandante‘ Gabriele D’Annunzio gelang mit seinen 297 Arditi, denen sich lokale iredentistische Militante angeschlossen hatten, Fiume/Rijeka zu besetzten, und sich die übrigen Entente-Mächte zurückzogen, schien dies kriegsbereiten italienischen Irrendentisten ein praktikables Modell auch für Dalmatien. Ein gewisser conte Nino Fanfogna, Mitglied der italienischen Gemeinschaft, versuchte einen ähnlichen Coup in Trogir/Traù. Dies wurde jedoch schnell gestoppt, wobei die Alliierten eine Schlüsselrolle spielten. Aufgrund des Londoner Vertrags von 1915 hatten die Siegermächte untereinander vorgesehen, dass Italien für den Kriegseintritt auf der Seite der Alliierten große Gebiete an der östlichen Adriaküste zufallen sollten. Dies rief, gelinde gesagt, einen Sturm der Entrüstung in Dalmatien hervor. Nach Lage der Dinge hat die Anwesenheit und intensive Überwachung durch Einheiten der amerikanischen Marine zwischen November 1918 und September  1921 an der östlichen Adriaküste größere Zusammenstöße verhindert, vielleicht sogar einen Krieg, Ziel der Politik der USA war die „rasche Schaffung einer stabilen und uns freundschaftlich gesonnenen Regierung in Jugoslawien“.  In verschiedenen Denkschriften, welche die Kriegsmarine an den Präsidenten Wilson sandte, wurden die italienische Politik in Rijeka und Dalmatien, und D’Annunzios Aktionen als Teil derselben gedeutet, als „repressiv, grausam, reaktionär und bösartig“ beschrieben, und es wurde Verständnis dafür geäußert, dass „750.000 Slawen nicht unter italienische Herrschaft geraten wollen“. Wenig bekannt ist, dass Gabriele D´Annunzio mit seinen Legionären am 14. September 1919 auch in Zadar/Zara eintraf, was die neugebildete Landesregierung Dalmatiens und die ganze Region in Aufregung versetzte. Die Landung protofaschistischer Arditi wurde als Versuch begriffen, nun in Mitteldalmatien zu wiederholen, was vorher schon in Rijeka passiert war. Auf zahlreichen wütenden Demonstrationen in mehreren dalmatinischen Städten wurde gegen die Anwesenheit italienischer Truppen protestiert. Aufgrund starken diplomatischen Drucks, und wohl auch aufgrund D’Annunzios Einschätzung, dass die Zahl seiner Legionäre unzureichend war, falls es zum offenen Zusammenstoß kommen sollte, zogen er und seine Legionäre schon nach wenigen Tagen wieder ab, wie aus dem Schreiben des amerikanischen Admirals Knapp vom 28. November 1919 hervorgeht. Bis zum September 1921, als der letzte amerikanische Zerstörer der Hafen von Split verließ, spielte die amerikanische Marine eine wichtige Rolle bei der Verhinderung ernsterer Zusammenstöße. Situationen waren nicht selten, wie diejenige vom Juli 1920, als der italienische Marineminister Secchi, nachdem der italienische Kapitän Gallo bei einer anti-italienischen Demonstration in Split ums Leben gekommen war, mit dem Einsatz von Kriegsschiffen in Split/Spalato drohte. Bei solchen Gelegenheiten drohte mehrfach eine Eskalation der angespannten Beziehungen in einen offenen Konflikt, und die amerikanische Marine beruhigte jedes Mal die Situation. Erst nach der Unterzeichnung des Vertrags von Rapallo und der internationalen Anerkennung des jugoslawischen Staates, zogen die Vereinigten Staaten ihre Kriegsflotte zurück.

Im Vortrag soll darauf eingegangen werden, wie in Dalmatien zu jener Zeit D’Annunzio und die italienische Politik, deren Exponent er war, wahrgenommen wurde, wie auch auf deren Folgen und Implikationen im seinerzeitigen Kontext und aus heutiger Perspektive.


Prof. Dr. Dominique Kirchner Reill (University of Miami)


Dr. Tea Perinčić (Maritime and History Museum Rijeka / Pomorski i povijesni muzej Rijeka)


Prof. Dr. Ursula Renner (Universität Duisburg-Essen)

Hofmannsthal und d’Annunzio.  Ambivalente Faszination und Zerwürfnis

Anfang der 1890er Jahre entdecken Stefan George, der Gabriele d’Annunzio übersetzt, und die Jung-Wiener Avantgarde den italienischen Dichter. Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) dokumentiert ab 1893 in mehreren Essays seine ambivalente Faszination. D’Annunzio wiederum lässt sich Hofmannsthals erste Rezension übersetzen und greift erläuternd in sie ein. Der einmal begonnene Austausch setzt sich über die Jahre brieflich und auch in persönlichem Kontakt fort, wobei auf Hofmannsthals Seite die Spannungen zunehmen. Sein endgültiges Zerwürfnis mit ihm manifestiert sich 1912, in seiner „Antwort auf die Neunte Canzone Gabriele D’Annunzios“, die prominent auf der ersten Seite der Wiener Neuen Freien Presse erscheint. Nicht nur in Österreich und Italien, auch bei den Intellektuellen im Umfeld des Kulturvermittlers Harry Graf Kessler u.a. löst das einen wahrhaft europäischen Disput aus. Es geht in Hofmannsthals Antwort um die polemischen Attacken D’Annunzios gegen Österreich-Ungarn und den Freudentaumel über die italienische Besetzung von Tripolis (damals türkische Provinz). Hofmannsthal kontert extrem scharf und politisch-polemisch, man kann ohne Übertreibung von einem Dichterduell sprechen. Bezeichnenderweise setzt Karl Kraus, der vielleicht prominenteste österreichische Kulturkritiker noch eins oben drauf, wenn er seinen das Ganze kommentierenden Artikel („Es wird ernst“; Fackel  XIII, Feb. 1912) mit einer seinerseits polemischen Sequenz enden lässt: „Vielleicht ist Herr Hofmannsthal gar der d’Annunzio und der d’Annunzio nur ein Hofmannsthal?  Wie immer es sei, die Ästheten sind konsigniert. Wenn’s Gottbehüte ernst wird zwischen Österreich und Italien, kann man sich Gottlob jedes Blutvergießen ersparen. Brust heraus, Kopf hoch, statt Niederlagen Auflagen! Aber Tinte ist kein Wasser, und Herr Hofmannsthal und Herr d’Annunzio machen die Sache schon untereinander aus. Wenn’s dann zum Frieden kommt, werden wir, unserer historischen Mission getreu, keine Zugeständnisse machen, indem wir nämlich nur unter der Bedingung auf die Annexion von Herrn d’Annunzio verzichten, daß wir Herrn Hofmannsthal an Italien abtreten können.“

Mein Vortrag ist somit ein Beitrag zur europäischen Intellektuellendebatte am Beginn des 20. Jahrhunderts und zur  ‚Vorgeschichte‘ von Fiume.


Dr. Laura Roman del Prete (Universität Siegen)


Prof. Dr. Claudia Salaris (Fondazione Echaurren Salaris, Rom)

Fiume di creatività. Artisti e libertari con D’Annunzio

L’intervento riprende le analisi svolte dall’autrice nel libro Alla festa della rivoluzione (Bologna, Il Mulino, 2003; 2018).

L’impresa fiumana per molti versi è considersata un episodio precursore del fascismo, ma essa coagulò una quantità di esperienze diverse, di desiderio di libertà e velleità rivoluzionarie. Sotto questo aspetto fu come un lungo e febbrile carnevale all’insegna della provocazione, in linea con le avanguardie artistiche del tempo, ma fu anche un momento di ribellione come lo sarà il Sessantotto.

Rivisitando l’avventura fiumana sotto questa particolare angolatura, il contributo, mettendo in luce la presenza degli elementi più creativi (dai futuristi Filippo Tommaso Marinetti e Mario Carli allo scrittore Giovanni Comisso e all’aviatore-performer Guido Keller, dal poeta belga Léon Kochnitzky, ideatore della Lega di Fiume, fino ad altri protagonisti dimenticati) racconta l’intera esperienza dalla parte degli «scalmanati» che vi accorsero per partecipare a una sorta vita-festa, fatta di azioni futuriste e utopie, di sogni e trasgressioni, di beffe e piraterie, di gioco e guerra. In questa luce, l’esperienza di Fiume rappresenta un capitolo significativo di quella cultura della rivolta che ha caratterizzato il Novecento.

L’intervento sarà accompagnato da un powerpoint con immagini in gran parte inedite.


Lea Katinka Sauer, M.A. (Universität Siegen / Université de Valenciennes)


Prof. Dr. Sabine Schrader (Leopold-Franzens-Universität Innsbruck)


Dr. Tanja Schwan (Universität Leipzig)


Prof. Dr. Ludwig Steindorff (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

Ivan Meštrović: eine andere Sicht auf Istrien und Rijeka

Das gut einjährige, an der Stadt Rijeka (Fiume) durchgeführte Experiment von D’Annunzio, Herrschaft als Gesamtkunstwerk zu gestalten, bildet zugleich eine Etappe in der Klärung der Grenzziehung zwischen dem schon etablierten, expansionswilligen Nationalstaat Italien und dem jungen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, umgangssprachlich schon damals Jugoslawien. Das Agieren von D’Annunzio fügte sich ein in die lange Entwicklung des nationalen Programmes und der Kriegsziele Italiens. Diese waren zum einen gegen die alte, durch Österreich-Ungarn verkörperte imperiale Ordnung gerichtet, zum anderen standen sie in Konkurrenz zum seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts entfalteten Jugoslawismus.

Einer von dessen Protagonisten war der Bildhauer Ivan Meštrović (1883-1962), der sein künstlerisches Schaffen vielfach zugleich als Bauen an der Nation verstand und sich, sein Prestige als Künstler nutzend, immer wieder politisch positionierte. Er hinterließ 1961, kurz vor seinem Tod erstmals veröffentlichte Memoiren, die unabhängig von der Subjektivität der Erzählerposition ein im Faktischen weitestgehend stimmiges, vom eigenen Lebensweg strukturiertes Zeitgemälde von ca. 1904 bis in die späten Vierzigerjahre bietet. Meštrović, in Österreich-Ungarn von Internierung bedroht, hielt sich in den ersten Kriegsmonaten 1914 in Italien auf und erlebte den lauter werdenden Ruf nach Gewinnung der Irredenta. Er nennt ausdrücklich D’Annunzio als einen der Wortführer. So siedelte er erst nach Paris, später nach London über. Das inoffizielle Bekanntwerden des Londoner Abkommens zwischen Italien und den Entente-Mächten vom 26. April 1915 gab den Anlass zur Gründung des Jugoslawischen Ausschusses in London. Denn das Abkommen enthielt die Zusage nicht nur von Triest und Istrien, sondern auch Teilen Dalmatiens an Italien als Preis für den Eintritt in den Krieg auf Seiten der Entente.   Die eine Aufgabe des Ausschusses, dem neben Exilpolitikern auch Meštrović angehörte, bestand darin, sich bei den Entente-Mächten für die Revision des Londoner Abkommens einzusetzen. Zugleich war der Jugoslawische Ausschuss neben der Regierung Serbiens und der erst ab 1917 bedeutsamen Inlandsbewegung einer der Faktoren, die auf die Gründung eines jugoslawischen Staates hinarbeiteten. Meštrović verfolgt in seinen Memoiren die Ambivalenz zwischen dem Anliegen, einen auf der Idee der gleichberechtigten Vereinigung beruhenden Staat zu schaffen, und der von ihm abgelehnten Auffassung von diesem Staat als einem vergrößerten Serbien.

Schon vor Kriegsende 1918 deutete sich die Option an, Italien könnte auf Dalmatien verzichten, wenn es stattdessen neben Triest und Istrien auch Rijeka erhielte. Die Stadt, damals 1915 noch als Teil Österreich-Ungarns gedacht, sollte laut Londoner Abkommen als Ausgang zum Meer beim alten Staat bleiben. Während der Friedensverhandlungen 1919 riet Meštrović dem aus Dalmatien stammenden jugoslawischen Unterhändler Ante Trumbić, dieses Angebot zu akzeptieren, statt auf Rijeka zu beharren. Meštrović hielt sich seit Sommer 1919 in Zagreb auf. Dort weihten ihn Verschwörer in den Plan ein, dass im Hinterland Dalmatiens Freiwillige bereitständen, im Falle eines Anschlusses Dalmatiens an Italien dort einzumarschieren und einen Aufstand zu entfesseln. – Das Weitere ist bei Meštrović nicht mehr angesprochen, die Erzählung konzentriert sich von nun an ganz auf die inneren Verhältnisse.

Bis zum Friedensvertrag zwischen den Entente-Mächten einschließlich Jugoslawiens einerseits und Österreich andererseits vom 10. September 1919 war keine Einigung über die Grenze erreicht. In dieser Situation zog D’Annunzio am 12. September mit seinen Leuten in Rijeka ein, proklamierte dessen Anschluss an Italien und begann zugleich mit dem Aufbau seines Parallelstaates. Das Experiment des Dichters und Kommandanten endete mit dem Vertrag zwischen Italien und Jugoslawien vom 20. November 1920, als Rijeka nach dem Vorbild von Danzig zum Freistaat erklärt wurde und reguläre italienische Truppen den Abzug seiner Leute erzwangen.

1924 wurde Rijeka von Italien annektiert. Die Grenzziehungen von 1947 zwischen dem nun sozialistischen Jugoslawien und Italien entsprachen weitgehend den Maximalforderungen des Jugoslawischen Ausschusses während des Ersten Weltkrieges.


Prof. Dr. Gianluca Volpi (Università degli Studi di Udine)


Prof. Dr. Niels Werber (Universität Siegen)


Ass.-Prof. Dr. habil. Daniel Winkler (Universität Wien)

‚La Nave‘. D’Annunzio und das ‚römische‘ Mittelmeer

D’Annunzios Tragödie La nave (1908, UA Teatro Argentina in Rom), gilt nicht nur als seine letzte erfolgreiche Tragödie, sondern hat auch über das Sprechtheater hinaus  einen (irredentistischen) Ruhm erlangt, nicht zuletzt aufgrund von römisch-chauvinistischen Inszenierungsformen des Mittelmeers, die auf mythische Gründungsnarrative zurückgreifen. In gewisser Weise korreliert La nave – angesiedelt im Venedig des sechsten Jahrhunderts – so mit seiner vierteiligen monumentalen Gedichtsammlung Laudi del cielo, del mare, della terra e degli eroi (1903-33), als dass auch hier das Mittelmeer als Projektionsfläche für nationalistische und militaristische Phantasien dient, die vor dem Hintergrund der Grande Guerra und der Eroberung von Fiume, aber auch des aufkommenden italienischen Faschismus und Kolonialismus zu lesen sind (vgl. Teneo te, Africa, 1936).

La nave ist aber nicht nur in Hinblick auf diese ideologischen Implikationen interessant, sondern auch, weil das Stück mehrfach adaptiert wurde und auf vielfache Weise intermedial konnotiert ist: Hat Ildebrando Pizzetti, der später für Pastrones Cabiria (1913) tätig wird (Sinfonia del Fuoco), für die Theateraufführung des Stücks die Musik besorgt, so wird La nave 1918 kurz nach Kriegsende in der Scala zur ‚wagnerianischen‘ und ‚propagandistischen‘ Oper (mit Musik von Italo Montemezzi). Hinzukommen einschlägige Gedächtnisaufführungen (1938 in Venedig, zu D’Annunzios Tod) und eine Parodie des Stücks (Michele Depangher), aber auch zwei filmische Adaptionen durch die Turiner Ambrosio Film: ein Kurzfilm des D’Annunzio-erprobten Edoardo Bencivenga (1912) und v.a. die Monumentalfilmproduktion von 1921, die von D’Annunzios Sohn Gabriellino (mit Mario Roncoroni) stammt, dem der Film wohl anvertraut wurde, weil der Vater in Fiume anderweitig beschäftigt war.

Die intermedialen Transpositionen des Theatertexts erfolgen so im Rahmen zwei medialer Formen, die einerseits ästhetisch eng miteinander verwoben sind, andererseits einander diametral entgegenstehen: neigt sich die Karriere des italienischen melodramma deutlich seinem Ende entgegen, so verkörpert das Kino auch kommerziell eine zukunftsträchtige Form. Vor diesem Hintergrund will der Beitrag v.a. die Ambivalenzen des intermedialen Komplexes von La nave aufzeigen, die in Hinblick auf die Filmversion von 1921 besonders interessant erscheinen: Steht der Film einerseits ideologisch, ästhetisch und zeitlich eng mit den adriatischen Expansionsplänen Italiens und dem überwiegend nationalistischen Projekt des Monumentalfilms in Berührung, so ist er in Form der ersten Filmrolle der russisch-jüdischen Tänzerin und Schauspielerin Ida Rubinstein (als Basiliola) gleichzeitig mit der expressionistischen, sexuell liberalen und kosmopolitischen Moderne Europas verwoben.