12.03.2011

Heimat – Ein Diskurs am Film von Edgar Reitz‘ „Heimat – Eine deutsche Chronik“ (von Kathrin Glasmacher)

Heimat – ein Wort und so viele Assoziationen. Ein Wort, so bedeutungsvoll und so bedeutungslos zugleich. Kaum ein Wort wird so heiß diskutiert wie das Wort „Heimat“, und doch kann keiner genau sagen was sie eigentlich ist – die Heimat. Seine Vorstellung von Heimat zeigt Edgar Reitz auf besondere Weise in dem gleichnamigen Film „Heimat – eine deutsche Chronik“ aus dem Jahre 1984. In einem knapp 16 stündigen Filmepos erzählt er eine Geschichte aus seiner Heimat, von „Dableibern“ und „Weggehern“ und dem Wandel der Heimat. Kein typischer Heimatfilm, der Idylle schafft, sondern der zum Erinnern anregt. Heute noch genau so aktuell wie damals, denn die Diskussion um Heimat ebbt nie ab und ist heute im Rahmen der „Integrationsdebatten“ mindestens genau so interessant.

In meiner Arbeit werde ich versuchen, die Bedeutung von Heimat an dem Film „Heimat“ von Edgar Reitz etwas klarer zu fassen und die Reaktionen auf den Film zu skizzieren.

„Heimat – eine deutsche Chronik“ – Ein Überblick

„Heimat“ erzählt die Geschichte eines (fiktiven) Hunsrücker Dorfs namens „Schabbach“ im Verlauf der Jahre 1919 bis 1982. Im Mittelpunkt steht die Familie Simon, ganz besonders Maria Simon, die 1900 geboren wurde und immer so alt ist wie das Jahrhundert. Mit ihrem Tod endet 1982 auch die Chronik. Maria heiratet Paul Simon, mit dem sie zwei Söhne bekommt. Eines Tages verschwindet Paul ohne ein Wort zu sagen nach Amerika und lässt seine Familie zurück. Erst nach dem zweiten Weltkriege kehrt er in seine Heimat zurück, doch es hat sich viel verändert. Nicht nur seine Söhne sind erwachsen und kommen langsam aus dem Krieg heim, auch sein Vater ist verstorben und seine Mutter ist sehr alt, und stirbt ebenfalls im Laufe seines Besuchs. Maria, die Paul so lange die Treue gehalten hat und nie wusste was mit Ihrem Mann war, hat eine andere Liebe gefunden, aus der der kleine Hermann entstanden war. Paul findet sich in seiner Heimat nicht mehr zurecht und begibt sich wieder in die USA. Die beiden großen Söhne verwirklichen ihre eigenen Geschäftsideen und auch Hermann wird erwachsen und verlässt die Mutter. Am Ende ist die Küche, die vorher Mittelpunkt der Familie war, leer. Zum Tode Marias versammeln sich alle ein letztes Mal in der Heimat.

Edgar Reitz wollte mit diesem Film kein historisches Werk schaffen, sondern Erinnerungsarbeit leisten. Das Thema ist dabei nicht die ‚große‘ Geschichte, sondern was im Dorf geschieht und was man dort von der Geschichte spüren kann. Die Weltgeschichte spiegelt sich nur gelegentlich in den Geschichten der Einzelnen,[1] wenn sie radikal in ihr Leben eingreift.[2]

„Es geht nicht darum, ‚dieses Jahrhundert am Beispiel eines Dorfes‘ zu schildern, sondern umgekehrt, die zum Teil rätselhaften, zum Teil derb-komischen, zum Teil aber auch völlig unseriösen Geschehnisse so absolut zu setzen, dass man deswegen unwillkürlich nach der übrigen Welt fragt. Es wird manche Widersprüche zum Geschichtsbild geben, vieles ist aber in einer solchen Harmonie mit der Welt, dass man sich fragen muss, warum das von den Lebenden niemand bemerkt.“[3] (Reitz 2004:9)

„Heimat“ spiegelt die Zeit der Inflation nach dem ersten Weltkrieg, die Machtergreifung der Nationalsozialisten und den zweiten Weltkrieg, die Wirtschaftswunderjahre, aber vor allem den technischen Fortschritt, der auch vor Schabbach keinen Halt macht. Seine Authentizität gewinnt der Film durch den engen Kontakt mit den Hunsrückdörfern, durch den Dreh vor Ort, dem Einsatz vieler Laiendarsteller aus der Region und insbesondere durch die im Film dargestellten Dialoge im „Hunsrücker Platt“.[4] Während der Drehbucharbeiten und der Produktion lebt Edgar Reitz über viele Monate hinweg im Hunsrück zur Erinnerung und Feldforschung.[5] Das Ergebnis ist eine Mischung aus erzählten, gesammelten Geschichten, biografischen Versatzstücken und Erfindungen.[6] Sein Konzept dabei war es, Geschichte zu begreifen, wie sie von den einfachen Leuten erlebt worden ist[7] und bei den Zuschauern Erinnerung auszulösen, sodass sie ihre eigenen Geschichten erzählen.[8] „Von dort, wo die großen historischen Ereignisse niemals mit der Wucht ihrer Bedeutsamkeit ankamen“.[9]

Der Heimatbegriff in Edgar Reitz „Heimat – Eine deutsche Chronik“

„Es gibt in unserer deutschen Kultur kaum ein ambivalenteres Gefühl, kaum eine schlimmere Mischung von Glück und Brutalität als die Erfahrung, die hinter dem Wort ‚Heimat‘ steht. In allen Zeiten der deutschen Kultur hat man sich mit diesem Gefühl herumgeschlagen.“[10]

Lange Zeit und zum Teil auch noch heute wird das Wort „Heimat“ mit Vorsicht verwendet. Die Probleme, die mit diesem Begriff assoziiert werden, sind hauptsächlich der Zeit des Nationalsozialismus geschuldet, in der der Begriff im Sinne der NS-Ideologie instrumentalisiert und missbraucht wurde.[11] Mit der Zurückweisung dieser Ideologie wurde auch das Bedürfnis nach Heimat als falsch empfunden[12] und man schwieg lieber darüber. Neben Scham setzte mit der „Stunde Null“ auch die Wirklichkeitsverdrängung ein.[13] Die Deutschen fühlten sich in Ihrer Identität gebrochen. „Wir Deutschen haben es mit den eigenen ‚Geschichten‘ schwer. Was uns im Wege steht, ist unsere eigene ‚Geschichte‘.“[14] Der Aspekt der Herkunft wurde immer weniger gewichtet.[15]

Mit der Wahl des Titels „Heimat“ bricht Reitz mit diesem Tabu und den damit verbundenen Bann. Dabei wird Heimat nicht idyllisiert, sondern zeigt „die Brutnester, aus denen da deutsche Geschichte kroch“.[16] Heimat wird in Reitz‘ Film als eine geschlossene Gemeinschaft dargestellt. Diese spiegelt sich auch im Dialekt wieder, der im nächsten Dorf schon ein anderer sein kann.[17] Heimat findet in dem Dorf, in der Familie und in der Kindheit statt.[18] Die Küche als Mittelpunkt stellt dabei einen Raum der familiären Vertrautheit und gleichzeitig der provinziellen Enge dar.[19]

„Heimat ist auch immer ein kindlicher Radius von Erfahrungen, ist identisch mit der ewigen Wiederkehr von Schauplätzen, Orten, die für alles mögliche herhalten müssen. Für die erste Erfahrung von Ferne, für die erste Liebe, einfach als Treffpunkt oder die Stelle, an der man immer wieder vorbeikommt, wenn man sich von Ort A nach dem Ort B begibt.“[20]

Doch eine solche Geschlossenheit bedeutet auch Enge. Diese zwiespältige Gefühlsbeziehungen des Fortstrebens und Verharrens prägen den ganzen Film.[21] Edgar Reitz geht von dem System der „Weggeher“ und „Dableiber“ aus, auf der Suche nach dem Glück. Der erste „Weggeher“ ist Paul Simon. Das Gefühl der Enge geht vor allem von Wünschen aus, die lokal nicht mehr zu befriedigen sind.[22] Bei Paul zeigt sich schon lange der Wunsch nach „Welt“, der sich im ereiferten Radiobau niederschlägt, ein „Tor“ nach draußen.  Als ihn 1924 ein notgelandeter Pilot in seinem Doppeldecker mitnimmt, fühlt sich Paul das erste Mal seit dem ersten Weltkrieg frei.[23] Wenig später verschwindet er nach Amerika. Er verlässt die Welt der Bauern, und weiß, dass er nichts mitnehmen kann was dieses Lebensgefühl ausmacht, nicht ein mal die Sprache. Die „Weggeher“ sehen die Chance zum Überleben in sich selbst. Ihnen geht es um eine individuelle Karriere.[24] Das Selbstwertgefühl, was sie dafür brauchen, erwerben sie bereits in der Heimat.[25] Paul brachte es aus dem Krieg mit, durch sein Wissen über die Technik. Aber die Welt in die die „Weggeher“ aufbrechen ist unsicher. Aus diesem Grund betrachten sie die Heimat als „Festes“, die in ihren Gedanken unverändert bleibt. Heimweh stellt somit das Sicherheitsbedürfnis des Weggegangenen dar[26] und Heimat ist die Sehnsucht nach der sicheren Verortung.[27] In gewisser Weise ist Heimat erst für den Weggegangenen begreifbar. Die Tragödie ist, dass der Verlust nicht rückgängig zu machen ist.[28] In der Ferne verändern sich die „Weggeher“, daher ist der Heimkehrer nicht derselbe der ging und kann nicht mehr finden was er sucht: Die Distanzlosigkeit.[29] Aber nicht nur der Weggegangene verändert sich, auch die Heimat ist nicht mehr dieselbe. „Keine Heimat der Welt kann alle behalten. Aber ihr Weggehen hat immer zur Folge,      daß ein Stück Heimat kaputtgeht. Sie hinterlassen Lücken, in die nur etwas vom Weggegangenen dieser Welt, nichts vom Dagebliebene paßt.“[30] Eine Kettenreaktion die niemand begreift, und doch muss der Weggegangene damit leben, ein Verbrechen an der Heimat begangen zu haben.[31] Dies muss auch Paul feststellen, als er aus Amerika nach Schabbach zurückkehrt. Wie ein kleines Kind läuft er zur Schmiede des Vaters, in dem naiven Glauben die Heimat läge in einem Dornröschenschlaf. „Wenn man zurückkehrt, findet man dort aber keineswegs eine Welt, in der all disese Sehnsüchte erfüllt sind. Es haben Veränderungen stattgefunden […], man sieht vor allem auch, daß diese Welt nicht die Entsprechung der Sehnsüchte sein kann.“.[32] So bleibt die Heimat in der Form der Erinnerung gegeben.[33]

Für die Dageblieben zeigt sich die Heimat auf eine andere Weise. Alles spielt sich in ihrem Dorf ab, dabei stellt sich keiner „die Frage, ob es richtig ist, hier zu leben, sondern man gestaltet […] den Ort unbewusst.“[34] Besonders in den ersten Episoden stellt Reitz dar, welches Glück es sein kann, in eine dörfliche Gemeinschaft eingebunden und mit der Landschaft verwurzelt zu sein.[35] Für die „Dableiber“ ist Schabbach die Mitte der Welt, was zwangsläufig dadurch bewiesen wird, dass eine Reiterin auf dem Weg von Paris nach Berlin den Ort durchquert.[36] Aber durch das Weggehen der einen fängt auch für die „Dableiber“ die Fremde an zu existieren.[37] Die „Dableiber“ entwickeln den Wunsch aus ihrer Welt auszubrechen, dennoch bleiben sie zurück, werden Zeugen und zum Teil „Mitverantwortliche des Auflösungsprozesses traditioneller ländlicher Lebens- und Kommunikationsformen.“[38] Als Ausweg besuchen sie das Kino, das ihnen gedanklich einen Weg aus der heimatlichen Enge zeigt und den Kontakt mit der „großen weiten Welt“ herstellt. Hier verdeutlicht sich wie beim „Weggeher“ der Dualismus zwischen Heimat und Fremde.[39] Die „Dableiber“ bleiben nicht nur im selben Ort, sondern auch im selben Personenkreis. Wichtig ist hier der Bezug zur Mutter, die auch für die „Weggeher“ von Bedeutung ist. „Die Frau im Haus, […] die ist ein Mittelpunkt und verbreitet ganz stark das, was man mit Heimat verbindet.“[40] Dies lässt sich mit der Tatsache erklären, dass das Erwachsen werden mit Enttäuschungen verbunden ist. Die Welt der Kindheit hat man als gut in Erinnerung. Sie wird erst später zerstört. Deshalb sucht man nach Kindheit und Jugend, wenn man zurückkehren will.[41] Auch Maria träumt vom Reisen, aber sie kann sich nicht los reißen. Vielleicht weil manche „Frauen dazu verurteilt sind, Heimat zu sein, für die anderen“.[42] Dies spiegelt sich in Marias Tod wieder. In einem Gespräch zwischen Paul und Hermann heißt es „Jetzt sind wir nirgends mehr daheim“ und „Wir haben nicht gewußt, wie schön das war, als sie noch da war.“ Sie „fühlen sich nun verlassen von Maria, die sie zuerst selbst verlassen hatten auf der Suche nach etwas, von dem beide wußten, daß es außerhalb der dörflichen Enge liegen muß und das doch erheblich schwerer zu finden ist, als beide geglaubt hatten.“[43] Die leibliche Gestalt der Heimat, Maria, scheint ihre Welt mit ins Grab zu nehmen. Doch schon während ihres Lebens löst sich Marias Welt immer weiter auf, verlassen von denen, die sie liebte, bis sie die Welt schließlich nicht mehr verstand.[44] Ausgelöst wird dieser Prozess durch die technische Entwicklung, die nicht nur Pauls Fernweh steigerte. Durch den Ausbau der Straßen, der Telefonnetze und die Entwicklung moderner Medien wie dem Fernsehen, vereinsamten die Alten und wurden mit ihren Geschichten alleine gelassen.[45] So löst sich auch die Küche als Mittelpunkt der Familie auf, die so lange erhalten blieb, wie die Alten lebten.[46] Jetzt ist die Küche leer. Keiner der folgenden Generationen wollte am Haus als Lebensmittelpunkt festhalten.[47]

Der Auflösungsprozess wird von Reitz sehr genau umschrieben. Auch die Dagebliebenen haben einen Anteil an ihm. Mit Anton und seiner Fabrik zieht das Unternehmertum in den Hunsrück ein. Die neue Verantwortung verändert Anton zum Tyrannen seiner Familie.[48] Die Familie zerfällt immer stärker durch die Konflikte zwischen Anton und Ernst, aber auch zwischen Maria und Hermann. Die soziale Identität der Familie weicht einer ökonomischen der Einzelindividuen.[49] Ernst beteiligt sich an der Auflösung der Heimat direkt, in dem er die Bauernhäuser durch neue Fenster und Türen modernisiert. Dabei gelingt es den Bewohnern nicht, „die Stilsicherheit des Tradierten gegen die Entgleisung einer […] Baumarktästhetik zu verteidigen“.[50] Die Auflösung erreicht ihren Höhepunkt, wenn bei der Beerdigung Marias Düsenjets im Tiefflug über den Friedhof donnern. Es findet eine Dekonstruktion von Heimat statt, wenn man aus dem Cockpit des Piloten erkennt, wie winzig, bedeutungslos und flüchtig das Dorf in der Landschaft verschwindet.[51] Durch die Industrialisierung wurde der Zustand zwischen Heimat und Fremde aufgehoben. „Denn der Gegensatz von Heimat ist nicht die Heimatlosigkeit, sondern Staat, Gesellschaft und Ordnung.“[52] Letztendlich erzählt „Heimat“ immer wieder die Geschichte der Trennung in verschiedenen Variationen.[53] Am Ende steht die Trennung von Maria und damit auch von der Heimat.

Reaktionen auf „Heimat – eine deutsche Chronik“

Mit dem umstrittenen Titel „Heimat“ und durch die ungewöhnliche Anlegung des Films hat dieser ein starkes Echo ausgelöst. Schon vor der Ausstrahlung wurde „Heimat“ zu einem Ereignis für und aus den Medien, durch zahlreiche Vorberichte. In den hohen Einschaltquoten von ca. 26% während der Erstausstrahlung zeigte sich der starke Publikumszuspruch, der „Heimat“ auch zu einem Ereignis in den Medien werden ließ. Dies zog weitere Berichterstattungen und Kommentierungen nach sich, wie zum Beispiel die Dokumentation „Ein Denkmal für den Hunsrück“ von Christa Tornow. Auch in den Printmedien fand der Film sein Echo. „Heimat“ wurde zu einem Medienereignis[54] und löste einen erheblichen Diskurs aus. Dabei beschäftigte vor allem die Brisanz des Heimatbegriffs und die Darstellung der NS-Zeit, die große Diskussionen auslöste. Im „Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt“ wurde vermutet, Reitz sei sich der Problematik des Wortes „Heimat“ nicht bewusst gewesen. Elke Heidenreich beschreibt den Film in „der Zeit“ als „ein zum Ereignis emporgejubeltes Mittelmaß“[55] und Uwe Künzel kritisiert die historische Ungenauigkeit, „die munter die Phantasie wuchern läßt“.[56] Deutschland wird nicht als furchterregend, sondern als liebenswert dargestellt. Ruth Perlmutter spricht sogar von der „Heiligsprechung“ der deutschen Heimat. Den Naziopfern sei dabei nur in Anspielung gedacht.[57] Allerdings wird bei diesen Kritiken vergessen, dass Reitz die Erinnerung der einfachen Leute darstellen will, die Judenvernichtung kommt dabei nicht vor, weil sie im Denken und Fühlen der filmischen Figuren nicht vorkommt.[58] Allerdings findet sie trotzdem Erwähnung, wenn der Anlass es zu lässt.[59] Die Gleichgültigkeit, die die Figuren den Nazi-Verbrechen entgegen bringen, ist dabei schrecklich genug und zeigt nachvollziehbar wie es zu einem solchem Massenmord kommen konnte. Auch Cattani weist die Verharmlosung der NS-Zeit von sich. Er sieht die Realität des Alltags abseits der Brennpunkte des Geschehens gut getroffen. Der Nationalsozialismus sei in der Provinz besonders durch den technischen Fortschritt zu spüren gewesen, von den Schattenseiten bekamen die Leute wenig zu sehen.[60] Insgesamt war die positive Bewertung des Films eindeutig in der Überzahl.[61] Für Reitz regnete es Pressesuperlative[62] und der Erfolg gab ihm Recht. Der im Voraus belächelte Film[63] war bis dahin einer der erfolgreichsten Filme im Deutschen Fernsehen und für die ARD der Höhepunkt im Bereich des Fernsehspiels im Jahr 1984.[64] Nicht überraschend dabei ist, dass besonders ältere Zuschauer immer wieder einschalteten. Bei ihnen löste Reitz Irritationen aus. Sie hatten sich zuvor ablehnend gegen die Vergangenheit verhalten und eine unbeteiligte Haltung eingenommen. „Heimat“ stellte eine Art Provokation an sie dar und appellierte an ihre Gefühle.[65] Dies funktionierte offensichtlich: Reitz schaffte mit Schabbach so eine glaubhafte Welt, dass Touristen in den Hunsrück pilgerten, um auf dem Friedhof das Grab von Katharina Simon zu suchen.[66] Auch im Ausland erzielte der Film große Erfolge. Er wurde in 30 Länder exportiert. Dort diente „Heimat“ vor allem als Schaufenster in ein Land, dass immer noch misstrauisch beäugt wurde.[67]

„Heimat, der Geburtsort, ist für jeden Menschen die Mitte der Welt. An dieser einfache Wahrheit erinnert uns Edgar Reitz in kosmopolitischer Zeit. 16 Stunden sind um keine Minute zu viel für dieses europäische Requiem der kleinen Leute, das Erfahrungen unseres ganzen Jahrhunderts umfaßt“[68]

lobten ihn seine Kollegen. Der Heimatbegriff hatte wieder an Bedeutung gewonnen. 1985 wurde „Heimat“ zu den 100 bedeutendsten Filmen der Filmgeschichte gewählt.[69] (vgl. Rauh :202).

Fazit

Heimat ist kein Begriff der einfach in Worte zu fassen ist. Es ist ein subjektives Gefühl, dass sehr widersprüchlich sein kann und doch den Ursprung immer wieder in der Kindheit findet. Genau das zeigt „Heimat“. Die Spannung zwischen „Dableibern“ und „Weggehern“ ist leicht nachzuvollziehen. Man fühlt sich in seinem bekannten Umkreis, meistens in der Familie geborgen, und doch will man sich selber verwirklichen, seine eigene Erfahrungen machen und vielleicht auch noch etwas von der Welt sehen. So sieht man heute immer mehr junge Erwachsene die in die weite Welt aufbrechen, nach Australien, Amerika oder ähnliches. Auch der Umzug in die Stadt wegen eines Berufs etc. entspricht der Selbstverwirklichung. Die Heimat lässt man zurück und doch trägt man sie als Bild immer mit sich. Den Zerfall der Heimat hat Reitz dabei treffend dargestellt. Einen Ort wie Schabbach gibt es heute kaum noch. Die Selbstverwirklichung wird über die Gemeinschaft gesetzt.

Die Auseinandersetzung mit dem Begriff war zur Zeit der Veröffentlichung von „Heimat“ von hoher Bedeutung, da die Leute kaum mit der Verarbeitung der NS-Zeit begonnen hatten. Auch wenn ein Film den Begriff nicht rein waschen kann, so war er zumindest wieder in den Köpfen der Leute. Der Film löste Erinnerungen aus und das war das Ziel von Edgar Reitz. Auch heute, in der Zeit der Globalisierung, ist die Diskussion um den Heimatbegriff noch lange nicht beendet. Denn wie im Film bereits dargestellt, verändert die Zeit die Heimat.


[1] Vgl. Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat (1996), S. 44

 

[2] Vgl. Kaes, Anton: Geschichten aus der Geschichte. Zur Filmchronik „Heimat“ von Edgar Reitz In: Augen-Blick 1+2 (1985), S.44; z.B. die Gefallenen im Krieg die aus Schabbach stammen.

[3] Reitz, Edgar: Drehort Heimat (2004), S. 9

[4] Vgl. Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat, S. 53; Kaes, Anton: Die Geschichten aus der Geschichte, S.41

[5] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 56; Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat, S. 42)

[6] Vgl. „Deswegen waren unsere Muttis so sympathische Hühner“ Diskussion zu Heimat. In: Frauen und Film Heft 38/1985, S.96

[7] Ebd., S.96

[8] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung, S. 64

[9] Schmidt, Thomas E.: Heimat (1999), S. 18

[10] Reitz, Edgar: Liebe zum Kino (1984), S. 109

[11] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung, S. 8,14

[12] Vgl. Schacht, Alexander: Nostalgie oder Utopie? In: Augen-Blick 5 (1988), S.14

[13] Vgl. Schmidt, Thomas E.: Heimat (1999), S. 34ff

[14] Kaes, Anton: Geschichten aus der Geschichte, S. 43

[15] Vgl. Schmidt, Thomas E.: Heimat (1999), S. 39

[16] Witte, Karsten: Von der Größe der kleinen Leute. In: Die Zeit. 14.09.1984, S. 49

[17] Vgl. Reitz, Edgar: Drehort Heimat (2004), S. 14

[18] Edb., S. 119

[19] Vgl. Barg, Werner: Erzählkino und Autorenfilm (1996), S. 287

[20] Reitz, Edgar: Drehort Heimat (2004), S.76f

[21] Vgl. Seidel, Hans-Dieter: Der Hunsrück als Mitte der Welt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24.10.1984, S. 252

[22] Vgl Knoch, Habbo: Das mediale Gedächtnis der Heimat. Krieg und Verbrechen in den Erinnerungsräumen der Bundesrepublik. In: edb.: Das Erbe der Provinz (2001), S. 295

[23] Vgl. Barg, Werner: Erzählkino und Autorenfilm (1997), S. 284

[24] Vgl. Reitz, Edgar: Heimat – Eine Chronik in Bildern (1985), S. 82f

[25] Vgl. ebd.: Drehort Heimat (2004), S. 33

[26] Vgl. ebd., S. 37

[27] Vgl. Scholz, Lena: Die Konstruktion von Heimat in Edgar Reitz zweiter Heimat (1996), S.52

[28] Vgl. ebd., S. 52; Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 83

[29] Vgl. Schmitt-Sasse, Joachim: „In die Küch‘ zu Vadter und Mutter“ Edgar Reitz‘ Geschichten aus den Hunrückdörfern Deutschland. In: Augen-Blick 5 (1988), S. 108

[30] Seeßlen, Georg: Made in Germany. In: Medium. Heft 9/1984, S. 5

[31] Vgl. ebd., S.5

[32] „So entstand fast von selbst die Geschichte“. In: FILM-Korrespondenz Nr. 20, 25.09.1984, S. 8

[33] Vgl. Scholz, Lena. Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat (1996), S. 58

[34] Reitz, Edgar: Drehort Heimat (2004), S. 29

[35] Vgl. Seidel, Hans-Dieter: Der Hunsrück als Mitte der Welt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24.10.1984, S. 252

[36] Vgl.ebd.

[37] Seeßlen, Georg: Made in Germany. In: Medium. Heft 9/1984, S. 5

[38] Kaes, Anton:  Geschichten aus der Geschichte. Zur Filmchronik „Heimat“ von Edgar Reitz In: Augen-Blick 1+2 (1985), S.42

[39] Vgl. Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat (1996), S. 72

[40] „Deswegen waren unsere Muttis so sympathische Hühner“ Diskussion zu Heimat. In: Frauen und Film Heft 38/1985, S. 102

[41] Vgl. „So entstand fast von selbst die Geschichte“. In: FILM-Korrespondenz Nr. 20, 25.09.1984, S. 8

[42] Seeßlen, Georg: Made in Germany. In: Medium. Heft 9/1984, S. 10

[43] Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 84

[44] Vgl. Ludin, Malte: Wo der Misthaufen noch friedlich dampft. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt. 16.09.1984, S.22

[45] Vgl. Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat (1996), S. 50

[46] Vgl. Seeßlen, Georg: Made in Germany. In: Medium. Heft 9/1984, S. 8

[47] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 84

[48] „Deswegen waren unsere Muttis so sympathische Hühner“ Diskussion zu Heimat. In: Frauen und Film Heft 38/1985, S. 101

[49] Barg, Werner: Erzählkino und Autorenfilm (1997), S. 288

[50] Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 82

[51] Vgl. ebd.,S. 81

[52] Seeßlen, Georg: Made in Germany. In: Medium. Heft 9/1984, S. 9

[53] Vgl. Witte, Karsten: Von der Größe der kleinen Leute. In: Die Zeit. 14.09.1984, S. 49

[54] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 87, 97

[55] Vgl. Heidenreich, Elke: Was hat Edgar Reitz denn? Apropos Heimat. In: Die Zeit. 16.11.1984, S.80

[56] Künzel, Uwe: Fiktion und Fantasie im Heimat-Fernsehen. In: Basler Zeitung. 02.01.1986, S. 21

[57] Vgl. Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat (1996), S. 55f

[58] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 75

[59] So kommen Pauline und ihr Mann zu einer größeren Wohnung, weil ein Jude sie verkaufen muss. Zudem erwähnt SS-Wiegand in einem Gespräch die unliebsame Aufgabe der radikalen Endlösung, wobei alle in den Schornstein gehen etc.

[60] Cattani, Alfred: „Heimat“ und Nationalsozialismus. Zur Darstellung eines politischen Umfelds. In: Neue Zürcher Zeitung. 25.10.1984, S. 43

[61] Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 96

[62] „Ein deutsches Meisterwerk“ titelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Ein Kinoereignis das alle Grenzen sprengt“ die „Süddeutsche Zeitung“. Vgl. Rauh, Reinhold: Edgar Reitz (1993), S. 201

[63] Vgl. Horn, Effi: Ein Teppich aus tausend Schicksalen. In: Rheinischer Merkur/Christ und Welt. 14.09.1984, S.19

[64] Vgl. Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung (2004), S. 97

[65] Vgl. Schmidt, Thomas E.: Heimat (1999), S. 20

[66] Vgl. Rauh, Reinhold: Edgar Reitz (1993), S. 200

[67] Vgl. ebd., S. 209

[68] Witte, Karsten: Von der Größe der kleinen Leute. In: Die Zeit. 14.09.1984, S. 49

[69] Vgl. Rauh, Reinhold: Edgar Reitz (1993), S. 202

Literaturverzeichnis

Barg, Werner: Erzählkino und Autorenfilm. Zur Theorie und Praxis filmischen Erzählens bei Alexander Kluge und Edgar Reitz. München 1996

Cattani, Alfred: „Heimat“ und Nationalsozialismus. Zur Darstellung eines politischen Umfelds. In: Neue Zürcher Zeitung. 25.10.1984, S.43

„Deswegen waren unsere Muttis so sympathische Hühner“ Diskussion zu Heimat mit Friedrich P. Kahlenberg, Gertrud Koch, Klaus Kreimeier, Heide Schlüpmann. In: Frauen und Film. Heft 38/1985, S.96-106

Hartlieb, Gundolf: In diesem Ozean von Erinnerung, Edgar Reitz‘ Filmroman Heimat – ein Fernsehereignis und seine Kontexte, Siegen 2004. [=Massenmedien und Kommunikation; 153/154]

Heidenreich, Elke: Was hat Edgar Reitz denn? Apropos Heimat. In: Die Zeit. 16.11.1984, S.80

Horn, Effi: Ein Teppich aus tausend Schicksalen. Edgar Reitz‘ umjubelte Fernseh-Familiensaga „Heimat“. In: Rheinischer Merkur/Christ und Welt. 14.09.1984, S.19

Kaes, Anton: Geschichten aus der Geschichte. Zur Filmchronik „Heimat“ von Edgar Reitz In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Nr.1+2 /1985, S. 38-51

Knoch, Habbo: Das mediale Gedächtnis der Heimat. Krieg und Verbrechen in den Erinnerungsräumen der Bundesrepublik. In: Knoch, Habbo: Das Erbe der Provinz. Heimatkultur und Geschichtspolitil nach 1945, Göttingen 2001, S. 275-300

Künzel, Uwe: Fiktion und Fantasie im Heimat-Fernsehen. Die „Heimat“-Filme des Edgar Reitz. 16 Stunden lang Bilder vom Leben im Hunsrück. In: Basler Zeitung. 02.01.1986, S. 21

Ludin, Malte: Wo der Misthaufen noch friedlich dampft. In: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt. 16.09.1984, S.22

Rauh, Reinhold: Edgar Reitz. Film als Heimat. München 1993

Reitz, Edgar: Drehort Heimat, Frankfurt am Main 2004

Reitz, Edgar: Heimat – Eine Chronik in Bildern, München 1985

Reitz, Edgar: Liebe zum Kino. Utopien und Gedanken zum Autorenfilm. 1962-1983. Köln 1984

Schacht, Alexander: Nostalgie oder Utopie? Dimensionene der Heimatsehnsucht. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Nr. 5/1988, S. 6-18

Schmidt, Thomas E.: Heimat, Leichtigkeit und Last des Herkommens, Berlin 1999

Schmitt-Sasse, Joachim: „In die Küch‘ zu Vadter und Mutter“ Edgar Reitz‘ Geschichten aus den Hunrückdörfern Deutschland. In: Augen-Blick. Marburger Hefte zur Medienwissenschaft. Nr. 5/1988, S. 92-112

Scholz, Lena: Die Konstruktion von Geschichte in Edgar Reitz‘ zweiter Heimat, Siegen 1996. [=Massenmedien und Kommunikation; 105/106]

Seeßlen, Georg: Made in Germany. „Heimat“: Stichworte zur Edgar Reitz‘ schönem Film.  In: Medium. Heft 9/1984, S. 4-10

Seidel, Hans-Dieter: Der Hunsrück als Mitte der Welt. „Heimat“, ein großer, sechszehnstündiger Film von Edgar Reitz, zum Abschluß des Filmfests München. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24.10.1984, S. 25

„So entstand fast von selbst die Geschichte“ Franz Ulrich sprach mit Edgar Reitz über seinen 16-Stunden-Film HEIMAT. In: FILM-Korrespondenz Nr. 20/ 25.09.1984, S. 7-10

Witte, Karsten: Von der Größe der kleinen Leute. Die Ehrenrettung eines Genres: Edgar Reitz‘ elfteiliger Fernsehfilm „Heimat“. In: Die Zeit. 14.09.1984, S. 49-50

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