Der klassische Genre-Begriff und seine Grenzen

Der klassische Genre-Begriff und seine Grenzen

Von Huyen-Ly Nguyen

Jorge Luis Borges zitiert eine fiktive chinesische Enzyklopädie, in der Tiere wie folgt kategorisiert werden:

„a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.“
(Borges 1966, 212, zitiert nach Foucault, 1994, S. 17)

Was  haben aber „Milchschweine“ und „Sirenen“ mit Webvideos zu tun?

Im Rahmen unseres Seminars „Webvideo-Forschung“ versuchten wir, YouTube-Videos für Analyse-Zwecke in Genres einzuordnen. Die Videolandschaft auf YouTube ist aufgrund der wachsenden Partizipationskultur so vielfältig, dass sie eine klare Genre-Einteilung fast unmöglich macht.

Können zum Beispiel a) Homevideos, b) lustige, c) und angesagte Videos, d) Baby-Videos, e) How-to-Videos, f) Let’s Play, g) Parodien, h) Musikvideos, i) Videos, in denen ausgepackt wird usw. als abgrenzbare Genres auf YouTube gesehen werden? Nach welchen Kriterien können Webvideo-Genres definiert werden? Das Zitat aus der chinesischen Enzyklopädie verdeutlicht in diesem Zusammenhang genau dieses Problem der willkürlichen Einordnung.  

Der folgende Beitrag beschäftigt sich mit dem Genre-Begriff und dessen Grenzen nach filmwissenschaftlicher Tradition und dient als Verständnisgrundlage für eine weitere Diskussion um Webvideo-Genres.

Historischer Abriss

Das Wort Genre kommt aus dem Französischen und bedeutet „Art“ oder „Klasse“. Die Ausgangsidee stammt bereits aus der Antike: Aristoteles kategorisiert in seinem Werk Poetik die Dichtung auf Basis bestimmter Texteigenschaften in unterschiedliche Gattungsformen. Die Literaturwissenschaft gilt daher als Vorbild für die Genre-Theorien in der Filmwissenschaft.

Genres in der amerikanischen Filmkultur um 1910

Genres entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts zum kulturindustriellen Prinzip:
Die Kinoindustrie konnte die Produktion vereinfachen und standardisieren, indem sie auf Genrekonventionen (z.B. typische Handlungsmuster, Erzählformen etc.) zurückgreifen konnte. Zu den ersten Filmgenres zählen der Western, die Komödie, der Gangsterfilm sowie der Horrorfilm.

Zu den Anfängen der Genre-Theorien (60er-70er) …

„Genre criticism has confined itself to producing taxonomies on the basis of ‚family resemblances’“
(Ryall, 1975, S. 27) 

Seit den 60er und 70er Jahren beschäftigten sich die Filmwissenschaftler zunehmend mit Genres. Der Fokus lag dabei auf dem Versuch einer Kategorisierung, die anhand von inhaltlichen (Thema, Setting) und formalen Merkmalen (Struktur, Stil) begründet wurde (vgl. Zitat Ryall, 1975, S. 27). Filme, die beispielsweise Monster oder übernatürliche Ereignisse beinhalteten und auf formaler Ebene (Musik, Einstellungsperspektiven, Schnitte, Licht und Schatten) eine düstere Stimmung erzeugten, wurden dem Horrorfilm zugeordnet. Im Folgenden sind weitere Beispiele aufgeführt, die aufgrund der Verwendung typischer Genrekonventionen zu den entsprechenden Genres „Action“, „Horror“ und „Komödie“ zugeordnet werden können.

1. Action – konstituierendes Merkmal: Actionszenen (Schießerei, Explosionen, Verfolgungsjagd, …)

Beispiel: Mission Impossible II (2000)

2. Horror – konstituierendes Merkmal: Angst, Schrecken und das Vorkommen von übernatürlichen Phänomenen (Monster, Geister, Zombies,…) oder Psychopathen

Beispiel: The Shining (1997)

3. Komödie – konstituierendes Merkmal: Humor, Belustigung

Beipsiel: Grown Ups 2 (2013)

… und den Grenzen der klassischen Genres

Eine Taxonomie allein aufgrund bestimmter Merkmale ist zu einfach und geht einher mit Problemen der Definition und Abgrenzung von Genres:

  • Genre-Klassifikationen sind nicht neutral und intersubjektiv nachvollziehbar. Es gibt keine festen Regeln für den Einschluss bzw. Ausschluss von Merkmalen (vgl. „chinesische Enzyklopädie“ in Michel Foucault (1994), Die Ordnung der Dinge, S. 17).
  • Die Klassifikation basiert auf unterschiedlichen Grundlagen, zum Beispiel: Thema (Kriegsfilm, Abenteuerfilm), Setting (Western, Science-Fiction), emotionaler Affekt (Horror, Komödie).

Es gibt keine Merkmale, die exklusiv für ein bestimmtes Genre gelten können. Genregrenzen sind nicht statisch, vielmehr verschwimmen sie miteinander. Bei Men in Black II handelt es sich zum Beispiel um eine Mischung aus SciFi/Action/Komödie; Harry Potter kann sowohl dem Abenteur- als auch Fantasy-Film zugeordnet werden; der Film Shaun of the Dead verwendet typische Elemente aus den Genres Horror und Komödie (siehe Beispiele in Abbildungen 1 – 3).

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Abb. 1: Men in Black II                     Abb. 2: Harry Potter                               Abb. 3: Shaun of the Dead

Neuere Ansätze der Genre-Theorien (80er – heute)

“[C]onventions of a genre are always in play rather than  being simply replayed“
(Neale, 2000, S. 165; Hervorhebungen im Original)

Die neueren Ansätze konzentrieren sich im Gegensatz zu den Genre-Theorien der 60er/ 70er Jahren auf die Prozesshaftigkeit von Genres, anstatt auf statische Taxonomien. Wie im Zitat von Neale (2000) deutlich wird, sind nicht nur die Wiederholung, sondern vor allem Abweichungen wichtig für ein Genre. Erst kleine Veränderungen ermöglichen die Weiterentwicklung (Genre-Hybridisierung, neue Genres, Subgenres). Das Zusammenspiel von Genre-Konventionen ist interessant. Daher liegt das Forschungsinteresse hier in der Variationsbreite innerhalb eines oder verschiedener Genres und nicht darin, nach einer festen „Formel“ zu suchen. Der Filmtheoretiker David Bordwell versteht Genres als „fluid framework“ (Schneider, 2004, S. 20), einem beweglichen Rahmen, der Texte eingrenzt und ihnen Orientierung verleiht.

Grundmodell zeitgenössischer Medientheorie

“The master image for genre criticism is the triangle composed of artist/ film/ audience. Genres may be defined as patterns/ forms/ styles/ structures which transcend individual films, and which supervise both their construction by the filmmaker, and their reading by an audience“ (Ryall, 1975, S. 28)

Genres liefern den Rahmen, in denen Texte hergestellt und ausgelegt werden. Genres sind demnach ein gemeinsam geteilter „Code“ zwischen Produzent und Rezipient (vgl. Zitat Ryall, 1975, S. 28). In Abbildung 4 ist das Dreiecks-Verhältnis veranschaulicht:

Unbenannt

Abb.4 : Dreiecksverhältnis zwischen Produzent – Text – Rezipient

Mithilfe von Genrekonventionen kann die Produktion standardisiert und somit erleichtert werden. Mit dem Rückgriff auf traditionelle Genremerkmale wird der Text, z.B. ein Horrorfilm, von den Produzenten auf eine bestimmte Art und Weise gestaltet. Die Bedeutung eines Textes wird somit reduziert, indem formale und inhaltliche Strukturen auf eine bestimmte Deutungsmöglichkeit hinweisen. Beispielsweise wird der Horrorfilm inhaltlich und formal „gerahmt“ durch entsprechende Gruselszenen oder den Einsatz von einer bestimmten Art von Musik. Dadurch erkennt der Rezipient den Film als Horrorfilm. Durch die Einordnung in ein Genre, wird auch die Art und Weise beeinflusst, wie der Text gelesen wird. Genres liefern wichtige Bezugsrahmen, die den Zuschauern dabei helfen, Texte zu identifizieren und sinnvoll zu interpretieren.

Fazit

„Genre (…) is not your average descriptive term, but a complex concept with multiple meanings, which we might identify as follows:

  • genre as blueprint, as a formula that precedes, programmes and patterns industry production;
  • genre as structure, as the formal framework on which individual films are founded;
  • genre as label, as the name of a category central to the decisions and communications of distributors and exhibitors;
  • genre as contract, as the viewing position required by each genre film of its audience“        

(Altman, 1999, S. 14; Hervorhebung im Original)

Das Zitat verdeutlicht die Komplexität und Vielschichtigkeit von Genres. Genres sind mehr als nur ein fixes Klassifikationssystem. Als dynamische Systeme unterliegen sie Prozessen der Verhandlungen und Veränderungen. Sie haben eine regulierende Funktion innerhalb des Dreiecksverhältnisses zwischen Produzent-Text-Rezipient. Was letztendlich unter einem bestimmten Genre verstanden wird, ist abhängig von Faktoren, wie z.B. der jeweiligen Zeit und Kultur. Daher muss ein gemeinsames Genre-Verständnis stets kollektiv ausgehandelt werden.

„Genre is what we collectively believe it to be“ (Tudor, 1974, S. 137) 

Unter diesem Motto einigten wir uns im Seminar auf die folgenden Webvideo-Genres, die näher untersucht wurden:

Quellen:

Altman, Rick (1999). Film/Genre. London: bfi Publishing.

Borges, Jorge Luis (1966). Die analytische Sprache John Wilkins’. In: ders., Das Eine und die Vielen. Essays zur Literatur. München.

Michel Foucault (1994). Die Ordnung der Dinge (12. Auflage). Frankfurt am Main, S. 17.

Neale, Steve (2000). Questions of Genre. In: Robert Stam & Toby Miller (Hrsg.), Film and Theory. An Anthology. Department of Cinema Studies. New York University: Blackwell, S. 157-178.

Ryall, Thomas (1975). Teaching through Genre. In: Screen Education, 17, S. 27-33.

Schneider, Irmela (2004). Genre, Gender, Medien. Eine historische Skizze und ein beobachtungstheoretischer Vorschlag. In: Claudia Liebrand & Ines Steiner (Hrsg.), Hollywood hybrid. Genre und Gender im zeitgenössischen Mainstream-Film. Marburg: Schüren Verlag, S. 16-28.

Tudor, Andrew (1974). Image and Influence: Studies in the Sociology of Film. London: George Allen & Unwin.