Broad City vs. Girls: Ein Vergleich von Web- und TV-Serien

Broad City vs. Girls: Ein Vergleich von Web- und TV-Serien

Von Kristin Geiger

Nach erfolgreichen Webserien wie lonelygirl15, Die Pietshow oder Ninas Welt verzeichnet das Genre der Webserie ein unaufhörliches Wachstum. Eingebettet in rahmende Videportale wie YouTube, Vimeo oder myvideo ermöglichen sie einen flexiblen Abruf zu jeder Tages- und Nachtzeit und stehen dadurch bei Zuschauern hoch im Kurs. Dabei wird die Webserie scheinbar eine immer größere Konkurrenz für die klassische TV-Serie, die tendenziell eher starren statt flexiblen Gesetzen folgt. In diesem Rahmen stellt sich die Frage, inwiefern die Webserie eine Konkurrenz für die klassische Fernsehserie darstellt. Hat die Web- die TV-Serie schon längst ein- und überholt? Stellt sie das Fernsehen von morgen dar? Um dieser Frage nachzugehen, werden im Folgenden die Webserie Broad City und die Fernsehserie gegenübergestellt und nach dramaturgischen, technischen und inhaltlichen Gesetzmäßigkeiten verglichen.

Die TV-Serie Girls

Die seit 2012 ausgestrahlte Fernsehserie Girls handelt von vier jungen Frauen in Manhattan, deren Diskussionen und deren Praxis von Themen wie Liebe, Sexualität und Freundschaft bestimmt sind. Schauplatz ist der unglamouröse New Yorker Bezirk Brooklyn, in dem vier Freundinnen Mitte zwanzig ein Hindernis nach dem anderen überwinden müssen. Die neurotische Hannah Horvath (Lena Dunham), bildet dabei als erfolglose Schriftstellerin den Mittelpunkt im Freundinnen-Quartett. Die zynische und klassische Marnie Michaels (Allison Williams), der Freigeist Jessa Johansson (Jemima Kirke) und die Unschuld Shoshanna Shapiro (Zosia Mamet) machen das Ensemble vollständig.

Merkmale von Fernsehserien

Fernsehserien wie Girls wirken auf jeder Ebene professionell. Ermöglicht wird dies nicht nur durch die Höhe der finanziellen Mittel, sondern insbesondere durch den Stab, der jede künftige Episode genauestens vorausplant, vorbereitet und aufbereitet. Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zur Webserie bietet dabei der hinter der Produktion stehende Fernsehsender, der den Erfolg der Serie mittels Werbemaßnahmen und PR maßgeblich beeinflusst. Sind Webvideos zumeist durch Eigenvermarktung gekennzeichnet, die sich zumeist auf die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und Co. beschränkt, verfügen Fernsehserien meist über uneingeschränkte Vermarktungsmöglichkeiten.

Des Weiteren ermöglichen Fernsehserien wie Girls durch die gewisse Länge der Episoden (typischerweise eine Dauer von 20 bis 45 Minuten) umfassende Charakterentwürfe. In den von Girls-Autoren gezeichneten Charakterbeschreibungen finden sich dadurch viele Konstruktionen von „Weiblichkeit“, die von selbstbewussten, konservativen bis hin zu naiven „Frauenbildern“ reichen.1 Die Serie geht besonders in das Innere der „weiblichen“ Psyche und besticht durch tiefgründige Themen wie Zukunftsängste oder psychische Krankheiten. Im Gegensatz dazu greifen Webserien äußerst selten ähnliche Schwerpunkte auf, da sie aufgrund der begrenzten Dauer nur schwer eine solch problematische Thematik fassen können. Webserien sind zumeist durch eine einfache Struktur ausgezeichnet, die nur selten komplexe Sachverhalte, sowohl inhaltlich als auch bildlich, aufgreift.

Ein weiteres wesentliches Kernmerkmal der Fernsehserie liegt in der ausgefeilten filmischen Inszenierung mittels Bild- und Schnitttechnik. Von Beginn an steht dabei Girls im Kontext der authentischen Charakterzeichnung durch verschiedene Filmtechniken. Besonders der Aufbau einer persönlichen Beziehung zur Serienheldin (Hannah) wird durch geschickte technische Strategien voran getrieben. Das Verwenden einer subjektiven Kamera oder das oft anzutreffende alleinige Auftreten der Hauptfigur Hannah bieten Identifikationsmöglichkeiten und erwecken Authentizität. Plastizität und Multidimensionalität werden besonders durch Verweise oder Besuche in die Vergangenheit der Charaktere möglich. Dadurch schafft Girls ein abgerundetes Bild der vier Frauen, wodurch Handlungen besser nachvollziehbar und so Einblicke in die Psyche möglich sind. Webserien bewegen sich hingegen zumeist in der Gegenwart und greifen selten vergangene Ereignisse auf. Auch Broad City spielt zumeist im „Hier und Jetzt“, wodurch der Zuschauer nur schwer Entwicklungen nachvollziehen kann.

Ein weiteres besonders markantes Merkmal der Fernsehserie stellt der für sie prägende Vorspann dar. Dieser wird häufig teuer und aufwendig produziert, um ein einzigartiges Erkennungsmerkmal für die jeweilige Serie zu schaffen. Auch im Web werden einzelne Serien durch einen Vorspann oder ein Logo bzw. ein digitales Wasserzeichen von anderen Serien unterschieden.2 Im Gegensatz zur typischen Fernsehserie wird dabei jedoch zumeist auf eine längere, aufwendig produzierte Eröffnung verzichtet.

Die Webserie Broad City

Die die in den Jahren 2009 bis 2011 auf YouTube ausgestrahlte Webserie Broad City ähnelt oberflächlich betrachtet der Fernsehserie Girls: Zwei beste Freundinnen in den Mid-Zwanzigern, Abbi (Abbi Jacobson) und Ilana (Ilana Glazer), kämpfen sich durch ihren Alltag in New York. Dieser ist geprägt von schlecht bezahlten Jobs, kleineren und größeren „Frauenproblemen“ und Zukunftsängsten. Dieser oft skurrile Alltag wird dabei nicht wie bei Girls fortlaufend bzw. einem Muster folgend erzählt, sondern mittels sketchartiger Momentaufnahmen aus dem Leben der besten Freundinnen dargestellt.

Merkmale von Webserien

Für die Produktion einer Webserie sind theoretisch lediglich zwei technische Mittel notwendig: Eine Kamera und einen Internetzugang. Zusätzliche Merkmale wie Kreativität und Handlung entscheiden weiter über den Erfolg der Produktion. Steht, wie oben erwähnt, hinter einer Fernsehserie meist ein Ensemble aus professionellen, kreativen Produzenten und Redakteuren, fußen Webserien allzu oft auf Low-Budget Produktionen einiger Amateure.3 Selten werden sie zu einem solch durchschlagenden Erfolg wie TV-Serien. Doch Broad City schaffte es: Die kreativen Köpfe Ilana Glazer und Abbi Jacobson lernten sich 2006 kennen und kreierten Broad City ohne weitere finanzielle Mittel. Dabei sollte die Serie ein „authentisches“ Abbild der beiden Freundinnen darstellen.

Broad City besticht durch einen besonderes Mut zur Innovationskraft. Eine Kraft, die viele Webserien und nur wenige TV-Serien innehaben. Denn diese greifen größtenteils auf bereits erfolgreich etablierte Formate des In- und Auslands zurück. Vor allem Webserien fungieren dabei häufig als Themenlieferanten für Fernsehserien. Dieses Selektionskriterium sichert kostspieligen TV-Serien den Absatz und damit den Erfolg. Im Gegensatz dazu agieren Webserien meist losgelöst von anderen Formaten, was zwar ein gewisses Risiko mit sich bringt, aber wiederum auch einen zentralen Erfolgsfaktor darstellen kann.4

Neben dieser oben beschriebenen Innovationskraft von Webserien kann die  Verflechtung in ein Video-Portal als ein besonders prägendes Merkmal von Webserien verstanden werden. Mit insgesamt 15.6415 Abonnenten und einer Gesamtzahl von 2.317.469 6 Video-Aufrufen kann die Serie Broad City große YouTube-Erfolge verzeichnen. Der YouTube-Kanal besteht aus 2 Staffeln, zu jeweils 18 bzw. 7 Episoden. Zudem bieten Jacobson und Glazer zahlreiche Feature-Videos zur Serie an, die sich teils auf einzelne bestehende Episoden beziehen und teils unabhängig von diesen rezipiert werden können.

Ein weiteres webserienspezifische Charakteristikum ist in der Länge bzw. Kürze der Episoden festzumachen. Durchschnittlich weisen die gesamten Videos eine Dauer von etwa 3-einhalb Minuten auf, was der konventionellen Episodenlänge einer Webserie entspricht. Webserien passen sich damit den zum Fernsehen veränderten Sehgewohnheiten an: Die Aufmerksamkeitsspanne ist im Web deutlich kürzer, weswegen Webserien-Anbieter selten eine Dauer von 15 Minuten überschreiten. An Stelle einer ausführlichen Exposition und einer in sich stimmigen, ausführlichen Charakterbeschreibung der Protagonisten zeichnet sich die Webserie zumeist durch eine oberflächliche Betrachtung der Charaktere aus. Die Webserie gelangt im Allgemeinen zügig zu den wesentlichen Hauptaspekten der Protagonisten. Längere Episoden ermöglichen eine deutlich detailreichere Ausgestaltung der Charakter und der Handlungsstränge – die Webserie schafft nur selten eine ähnliche Transparenz.7

Ein zentrales Charakteristikum der Webserie ist schließlich die Möglichkeit der Interaktivität des Zuschauers. Anders als die Fernsehserie, die als passives Erzählformat Interaktion nur mit einem Internetbruch kennt, bieten Webserien die Möglichkeit der Interaktivität des Users mit dem Anbieter. Auch die YouTube-Videos von Broad City weisen tausende von Kommentaren auf, die Wünsche, Fragen und Äußerungen zu Episoden enthalten. Dabei reagieren Jacobson und Glazer auf die Kommentare, indem sie gewünschte Videos, wie die Video-Chat-Reihe „Hack into Broad City“, bereitstellen.

Liegt die Zukunft der Serie im Web?

Webserien bieten, wie eingangs erwähnt, eine Reihe von Vorteilen. Es ist ein flexibler Abruf überall und zu jeder Tages- und Nachtzeit möglich. Zudem werden Webserien häufig auf verschiedensten Endgeräten, wie beispielsweise dem Computer, GoogleTV oder dem Mobiltelefon, angeboten. Durch die Kürze ihrer Episoden eignen sie sich besonders für den Konsum „zwischendurch“. Doch genau in dieser kurzen Episodendauer liegt das größte Problem der Webserie: Eine Dauer von durchschnittlich 5 bis 10 Minuten macht es dramaturgisch äußerst schwierig, dreidimensionale Charakter zu erschaffen, die einen konstitutionellen Erfolgsfaktor von Serien darstellen. Des Weiteren behandeln Webserien selten tiefgründige, den Zuschauer bewegende Inhalte. Broad City, eine Mischung aus Sketch und Comedy, lässt – ähnlich wie die meisten Webserien – keinen Spielraum für Tiefgang. Webserien stellen daher derzeit für TV-Serien in dramaturgischer und inhaltlicher Hinsicht nur eine bescheidene Konkurrenz dar. Auch wenn es für klassische Webserien schwierig ist, TV-Serien ein- bzw. zu überholen, können jedoch „neuere“ Webserien wie bspw. House of Cards der TV-Serie durchaus den Rang ablaufen. Diese neuere Form der Webserie ist durch eine äußerst professionelle Produktionsweise gekennzeichnet, die alle Vorteile von Web- und TV-Serien miteinander vereint: Flexibilität, Tiefgang und Professionalität. Die Zukunft könnte dahingehend also durchaus im Web liegen.

Quellen:

1  Tanja Maier: Gender und Fernsehen,2007, S. 143.
2  Jan Henne/Markus Kuhn: Die deutsche Webserien-Landschaft: Eine Übersicht. In: uni-hamburg.de, 21.05.2011 (abgerufen am 30.05.2014).
3  Carrie Cutforth-Young: Are Web Series TV Online? In: iwcc-ciwc.org, 02.11.2013 (abgerufen am 21.04.2014).
4  Claudia Gerhards: Nonfiction-Formate für TV, Online und Transmedia, 2013, S.94f.
5 Stand: 12.04.2014, 19.30.
6  Ebd.
7 Gerhards: Nonfiction-Formate für TV, Online und Transmedia, S.94.