Webvideo und Remix: Eine spannende Beziehung

Webvideo und Remix: Eine spannende Beziehung

Webvideo und Remix: Eine spannende Beziehung

Auch wenn der Begriff „Remix“ eigentlich aus der Musik stammt: Webvideos und die Praxis des Remixens gehen spätestens seit der Etablierung von YouTube und anderen Online-Videoportalen Hand in Hand miteinander. Der Remix hat sich als kulturelle Technik zentral in den digitalen Praktiken der Gesellschaft verankert. Mit der Initiative „Recht auf Remix“ möchte sich der Verein Digitale Gesellschaft e. V. aus Berlin für eine lebendige, kreative und kritische Remixkultur einsetzen, in der es für jeden Menschen möglich ist, sich in Form eines Remix‘ pointiert, humorvoll, satirisch oder künstlerisch auszudrücken.

Zu diesem Zweck konzipierte ein Team aus Kulturschaffenden und -forschenden ein „Online.Museum“, das die Kreativität und das kulturelle Ausdrucksvermögen von Remixen quer durch verschiedene mediale Genres und Traditionen aufarbeitet. Die Exponate des Museums sind unterschiedlichen Kontexten entnommen und können als künstlerische Werke für sich selbst stehen. In ihrer Gesamtheit zeigen sie jedoch, wie vielfältig, originell und kreativ die Kultur des Remix‘ sein kann. Insgesamt wurden fünf kuratorische Bereiche für die unterschiedlichen Ausprägungen des Remixens angelegt:

Recht auf Remix: Online.Museum

Eintritt ins Online.Museum

Die kulturelle Bedeutung des Remix‘ anhand dreier Beispiele

Seitdem es möglich ist, Klangereignisse auf Medien zu speichern und sie zu manipulieren, haben sich Künstler mit der Frage auseinander gesetzt, wie aus dem benutzten Material neue Werke geschaffen werden können. Bereits in den späten 1920er Jahren gab es erste Versuche, aus gesammelten Alltagsklängen ein neues Stück herzustellen, wie die Klangcollage „Weekend“ beweist. Der Filmregisseur Walter Ruttmann hatte ein Wochenende lang Klänge verschiedenster Herkunft wie Straßenlärm, Gespräche oder Alltagsgesräusche aufgezeichnet, sortiert und sie anschließend nach einem planvollen Verfahren neu miteinander montiert. „Weekend“ hat an vielen Stellen einen ganz eigenen und humorvollen Charakter, der sich aus dem unerwarteten und originellen Zusammenschnitt des Ausgangsmaterials ergibt. Dass Ruttmann sich als „Remix-Pionier“ bereits Ende der 1920er Jahre so experimentierfreudig zeigte und seine Klänge auf neue, „unerhörte“ Weise miteinander kombinieren konnte, lag vor allem daran, dass er als Filmschaffender Zugang zu den damals gängigen Technologien zur Filmedition hatte. Im Fall von „Weekend“ handelte es sich um das Lichttonverfahren, das sich allerdings nicht langfristig durchsetzen konnte.

Einige Jahre später schuf Charles A. Bridley im Namen des britischen Informationsministeriums einen filmischen Remix, der vor allem einem Zweck diente: Adolf Hitler und sein Deutschland durch den Kakao zu ziehen. In „Hitlers Lambeth Walk“ sehen wir den Diktator in seinen typischen Posen und den harten Stechschritt seiner treudoofen Soldaten. Was anfangs noch wie ein normaler deutscher Propagandafilm daherkommt, entpuppt sich allerdings nach wenigen Sekunden als sarkastische Parodie auf Hitlerdeutschland. Denn die Soldaten laufen plötzlich vorwärts wie rückwärts und scheinen ihre Bewegungen wie in einem militärischen Ballett aufeinander abgestimmt zu haben, während der Führer fleißig Hände schüttelt und seinen Arm rhythmisch zum Gruße hebt. Die ursprünglich so monumentale Marschmusik wirkt im Zusammenschnitt mit den editierten Bewegungen der Deutschen geradezu lächerlich und unterstreicht damit die Künstlichkeit der militärischen Paraden. Das kurze Video gibt mit seinen simplen Editierungen einen subtilen Kommentar auf die militärische Macht Deutschlands, das Großbritannien im Zweiten Weltkrieg angegriffen hatte. Der „Lambeth Walk“ bedient sich dabei ganz explizit an dem Material, das als Propaganda in den deutschen Massenmedien ausgestrahlt wurde, wobei die eigentliche Bedeutung geschickt „umgedreht“ und damit ins Lächerliche gezogen wird.

Das dritte Beispiel für eine lebendige und vielseitige Remixkultur, die sich heute besonders stark über das Internet verwirklicht, ist eine Serie von Videos, die gerade einmal eine halbe Minute lang sind. Es gibt mittlerweile hunderte, vielleicht sogar tausende Versionen des „Harlem Shake“, einem Tanzstil, der auf dem gleichnamigen Song des New Yorker DJs Baauer basiert. Die „Harlem Shakes“ folgen als Webvideo dabei alle dem gleichen Muster: In der ersten Hälfte des Videos sieht man ein paar Menschen, die sich relativ alltäglich bewegen; manchmal tanzt eine einzelne Person sprichwörtlich „aus der Reihe“ oder bewegt sich ungewöhnlich. Ansonsten scheint alles seinen ganz normalen Gang zu gehen. In der zweiten Hälfte des Videos steigen jedoch die anderen Personen unvermittelt in den Tanz mit ein, rasten aus und tanzen wild und zappelnd durcheinander. Das Entscheidende beim „Harlem Shake“ ist der Kontext, denn das einzelne Video ergibt eigentlich kaum Sinn. Als Mem funktioniert der Harlem Shake durch seine schiere Vielzahl an Versionen, die sich alle innerhalb des gleichen Rahmens bewegen, dabei eigene, originelle, witzige oder abwegige Ideen einbringen und auf diese kreative Weise die Grenzen des Rahmens ausloten.

 

Remix my Culture: Das Alte bleibt im Neuen erkennbar

Die einzelnen Exponate des Online.Museums präsentieren den Remix als eine künstlerische Ausdrucksform, die über mediale Grenzen hinweg zur Anwendung kommt. Egal ob es sich um Internet-Memes, Video-Edits oder Sampling basierte Musik handelt: das Entscheidende ist, dass das Alte im Neuen erkennbar bleibt. Beim Remix geht es nicht darum, das Alte komplett zu überwinden oder zu negieren, um etwas vollkommen Neues zu erschaffen. Das Alte wird vielmehr aktualisiert, neu gerahmt, als Referenz angeführt oder parodiert. Altes und Neues gehen eine Verbindung miteinander ein, ohne sich gegenseitig auszuschließen. Sie behalten die Spannung, die durch ihre Vereinigung entsteht, als künstlerischen Aspekt bei. Dieses spannende Nebeneinander von Alt und Neu macht den Kern der Remix Culture aus.

Neben der Erarbeitung des Online.Museums möchte die Initiative „Recht auf Remix“ ein Bündel aus konkreten Vorschlägen vorlegen, wie das Urhebergesetz zugunsten einer legalen Remix-Kultur überarbeitet werden kann. Der Hintergrund dieser Forderungen ist die prekäre urheberrechtliche Lage, in der sich das Remixing befindet. Das deutsche Urhebergesetz beispielsweise legt besonderes Gewicht auf die Selbstständigkeit eines Werkes. So wird gemäß § 24 des deutschen Urheberrechtsgesetzes die „freie Benutzung“ von Werken erlaubt, sofern dabei ein selbstständiges Werk entsteht. Wie wir gesehen haben, zeichnet sich ein Remix jedoch gerade dadurch aus, dass kein völlig selbstständiges Werk geschaffen wird, sondern Alt und Neu miteinander verwoben werden und dabei erkennbar bleiben.

Um den Einfluss des Rechts auf künstlerisch-musikalische Praktiken zu dokumentieren, wurde demRemix vor Gericht“ einen eigenen Museumsbereich gewidmet. In diesen Exponaten werden in einer allgemeinverständlichen Sprache fünf Fälle gezeigt, welche die hohen rechtlichen Hürden für den Remix untersuchen. Um zur Debatte über die urheberrechtliche Regulierung von Kunst einen konstruktiven Beitrag zu leisten, werden im Manifest von „Recht auf Remix“ drei konkrete Forderungen vorgestellt:

  1. Das Recht, Werke bei der Nutzung zu verändern und das Ergebnis öffentlich zugänglich zu machen (Pauschalvergütetes Transformationsnutzungsrecht — Beispiel: Hintergrundmusik im Handyvideo).
  2. Das Recht, Remixes von bestehenden Werken zu erstellen und diese öffentlich zugänglich zu machen (Pauschalvergütetes Remixrecht – Beispiel: Fake-Trailer einer Fernsehserie).
  3. Das Recht, gegen Zahlung einer angemessenen Vergütung Remixes auch kommerziell zu verwerten. (Lizenzpflichtiges Remixverwertungsrecht – Beispiel: Verkauf von Musik-Mashup via iTunes).

 

Weiterführende Informationen und Links

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Zum Weiterlesen: Buchpublikation „Generation Remix“

Für die Initiative führten wir außerdem zahlreiche Interviews mit Künstlern und Musikern, die alle mit Remixpraktiken arbeiten: Musiker, Filmemacher, Netzkünstler, Videoaktivisten, Blogger, Facebook-Nutzer… Sie bestätigten: Remixing ist heute – im Gegensatz zu Walter Ruttmanns oder Charles A. Bridleys Zeiten – kein Privileg einer technologisch-künstlerischen Elite mehr, sondern künstlerische Praxis sowie Teil unserer Alltagskultur geworden, auch wenn es oft in rechtlichen Grauzonen stattfindet. Weitere Einschätzungen zu diesem kulturellen Wandel finden sich in dem Sammelband „Generation Remix. Zwischen Popkultur und Kunst“, der als Begleitlektüre zur Initiative „Recht auf Remix“ von Valie Djordjevic und Leonhard Dobusch herausgegeben wurde und bei iRights.Media als eBook und Buch erhältlich ist.

Djordjevic,Valie/Dobusch, Leonhard (Hg.) (2014): Generation Remix. Zwischen Popkultur und Kunst, iRights Media, 340 Seiten, ISBN: 978-3-944362-02-1.

Zur Initiative: rechtaufremix.org

Zum Online.Museum: museum.rechtaufremix.org

Zum Sammelband „Generation Remix“: irights-media.de/publikationen/generation-remix