Revolution WebVideo und die Verschwörungen des 11. September 2001

Revolution WebVideo und die Verschwörungen des 11. September 2001

Revolution WebVideo und die Verschwörungen des 11. September 2001

von Denise Lehmberg

Das Internet als Form der Gegenöffentlichkeit hat insbesondere seit Einführung des Web 2.0 einen hohen Stellenwert in der Generierung von öffentlicher Meinung erreicht. Der passive Konsum von Nachrichteninformationen hat sich zu einer aktiven Beteiligung und Mitgestaltung des öffentlichen Lebens gewandelt, in der verschiedenste Meinungen in verschiedensten Teilöffentlichkeiten diskutiert werden können. Diese neuen Kommunikationsstrukturen bieten einen idealen Nährboden für Verschwörungstheorien, die sich gegen die in den Massenmedien publizierten Informationen richten beziehungsweise diese zu hinterleuchten versuchen.

Dabei sind Verschwörungstheorien kein neues Phänomen, gewachsen aus der Möglichkeit der globalen Kommunikation, sondern eine weit in die Geschichte zurückreichende gesellschaftsimmanente Tradition[1]. Sie sind Pfeiler einer jeden Gesellschaft, bedienen sie sich doch dem Sündenbockprinzip und der Schaffung von Kausalzusammenhängen für bis dato Unerklärliches[2]. So auch die Verschwörungstheorien zum 11. September 2001, welche in den vergangenen Jahren insbesondere in WebVideos diskutiert wurden.

Web 2.0 – Wie verändert es die Kommunikation?

Der Anhang 2.0 stammt ursprünglich aus der Informatik und bezeichnet in der Regel eine überarbeitete Version eines bereits existierenden Programms. Der Name Web 2.0 lässt somit also verlauten, dass wir es mit einer neueren, besseren Version des bisherigen Internets zu tun haben[3]. Wie hat sich also die Kommunikation verändert?

Mit Einführung des Web 2.0, dem sogenannten „Mitmachweb[4]“, im Jahre 2005 veränderte sich die Hierarchie von Produzent und Konsument schlagartig – der Prosument war geboren. Das World Wide Web wird nun durch die Web 2.0-Anwendungen mit user-generated-content, in Form von Fotos, Texten und Videos, gefüllt. Durch diese Neuerung der möglichen Partizipation der gesamten Gesellschaft mit globaler Reichweite verspricht man sich im Gegensatz zu den redaktionell betreuten Inhalten einzelner Produzenten eine „Intelligenz der Vielen“[5].

Auf weltpolitische Ereignisse kann quasi in Echtzeit reagiert werden, eine neue Form der globalen Demokratie ist erwachsen, die das zeitgeschichtliche Geschehen medial aufgreift und verarbeitet. Insbesondere über die Geschehnisse am 11. September und deren Hintergründe wurde im Web 2.0 in einer Vielzahl von Texten und Videos diskutiert. Katja Hürlimann bezeichnet die Ereignisse als einen „Katalysator“ für Verschwörungstheorien jeglicher Art[6].

Die Verschwörungstheorien über 9/11 in Loose Change

Die Anschläge auf die Vereinigten Staaten von Amerika am 11. September 2011 gelten bis heute als mediales Extremereignis mit einer der größten jemals gemessenen internationalen Reichweiten, da an diesem Tag extrem hohe Nachrichtenfaktoren in Form von Überraschung, Schaden, Konflikt und Einfluss der Ereignisregion zu verzeichnen waren[7].

Sucht man heute bei YouTube nach Videos zu den Verschwörungstheorien vom 11. September 2001, so finden sich eine Vielzahl von „Dokumentationen“ mit professionellem und amateurhaftem Charakter[8]. Während sie sich in ihrer Darstellungsform oft unterscheiden, besitzen sie nahezu alle dieselben oder zumindest ähnliche Argumentationsstrukturen.

 Loose Change – 2nd Edition[9] vom Regisseur Dylan Avery aus dem Jahre 2005[10], gilt dabei als der meist gesehene verschwörungstheoretische Film zum Thema und wurde bisher in insgesamt vier verschiedenen Versionen veröffentlicht.

Loose Change - 2nd Edition Cover

Loose Change – 2nd Edition Cover

Hauptaussage des Films ist, dass die amerikanische Regierung selbst hinter den Flugzeugattentaten steckt, um so eine Legitimation für den Angriff auf Irak und Afghanistan zu schaffen und zudem unter den Twin Towers gelagerte Goldbarren im Wert mehrer Milliarden Dollar verschwinden zu lassen. Zur Stützung seiner Argumente bedient sich „Loose Change“ sowohl offiziellen Videobildern der Berichterstattung am Tag der Anschläge, als auch angeblich offizieller Regierungsdokumente, Zeugenaussagen und eigener Animationen. Von der Öffentlichkeit, in Form der Massenmedien, veröffentlichte Dokumente werden hier demnach benutzt, um Gegenöffentlichkeit zu generieren. Der Film intendiert möglichst viele Anhänger seiner Theorien zu finden.

Loose Change – 2nd Edition deutsch

Authentizität in Loose Change

Der Begriff „Authentizität“ leitet sich vom griechischen „authèntikos“ ab, was soviel wie ,gültig’, ,echt’ oder ,glaubwürdig’ bedeutet. Im Spätmittelalter bezeichnete man Schriftstücke als authentisch, die durch deren Verfasser beglaubigt oder mit dem Siegel hoher kirchlicher Würdenträger versehen waren. Im Film bedient man sich zur Verleihung von Authentizität verschiedener formaler Darstellungsmittel, wie beispielsweise dem Bild und dem Ton[11], die unterschiedlich, durch Montage, zueinander in Verbindung gesetzt werden. Dabei gilt es sowohl für Dokumentarfilme als auch für Verschwörungstheorien bestimmte Glaubwürdigkeitsparameter, wie historisches Kontextwissen und vorherrschende Deutungsmuster einer Gesellschaft, zu berücksichtigen[12].

„Loose Change“ ordnet sich der Definition des Dokumentarischen insofern unter, dass der Film ohne Berufsschauspieler und ohne Spielhandlung auskommt. Die Handlung ist durch die in der Vergangenheit liegenden Ereignisse im Jahre 2001 vorgegeben und kann somit nicht neu inszeniert werden. Jedoch ist die Intention des Films nicht die in ungezwungener oder gar erfreulicher Weise zu informieren (s. Alphons Silbermann: Handwörterbuch der Massenkommunikation und Medienforschung, S. 69). Mehrmals wird der Rezipient direkt angesprochen und aufgefordert, sich über das Gezeigte Gedanken zu machen (bspw. 54:30min oder 1:02:50h oder 1:19:34h). Er wird also aus der ungezwungenen Atmosphäre des passiven Zuschauens herausgeholt und zu einer aktiven Handlung aufgefordert.

Anders als im fiktionalen Genre beschreibt Daniel Sponsel den Dokumentarfilm als nicht vorherseh- oder steuerbar. Im fiktionalen Film werden alle Einstellungen im Voraus geplant, während beim Dokumentarfilm Situationen zumeist spontan entstehen[13]. Die Szenen des originalen Videomaterials vom Anschlagstag selbst ordnen sich diesem Schema des Unplanbaren eindeutig unter. Jedoch gilt es hier anzumerken, dass der Film mithilfe von stilistischer und ästhetischer Montage die Ausschnitte in einen eigenen Sinnzusammenhang ordnet, der vom Regisseur intendiert und somit nicht spontan ist. Die Chronologie der Ereignisse wird beispielsweise bewusst verändert, um eine intendierte Wirkung, also eine spezielle nichtfilmische Realität[14], zu vermitteln. Diese nichtfilmische Realität wäre im Falle von Loose Change die Vermutung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika selbst hinter den Anschlägen stecken, da sie den größtmöglichen Nutzen aus diesem Ereignis gezogen haben (ab 1:20:21h).

Anders als im Dokumentarfilm ist in der Literatur die Herstellung von Authentizität durch den Bezug auf authentische Quellen gekennzeichnet. Ebendiesem Handwerk bedient sich auch Loose Change, indem das vorhandene Videomaterial mit angeblich authentischen Quellen in Form von Regierungsdokumenten oder Zitaten aus Interviews unterlegt wird. (bspw. ab 03:48min) Dabei würde Loose Change, wäre es eine literarische Arbeit, bei einer literarischen Analyse auf Glaubwürdigkeit der Quellen klar durchfallen. Quellen, in Form von Ausschnitten aus Interviews, Regierungsdokumenten oder Videomaterial, werden oftmals ohne jeglichen Hinweis auf ihren Ursprung, teilweise sogar anonym, zitiert und aus ihren ursprünglichen Zusammenhängen herausgerissen.

Das gezeigte Videomaterial, da es den offiziellen Massenmedien oder autoritären Dokumenten entnommen ist, ist durch eine Unverfälschbarkeit gezeichnet, da es im Moment der Anschläge aufgenommen und unmittelbar ausgestrahlt wurde. Die Quellen, die Loose Change verwendet, besitzen sämtliche Authentizitätsmarker nach Holert, wie beispielsweise den Low-Tech Dokumentationsstil, verwackelte Bilder, die die amateurhafte Unmittelbarkeit vieler Aufnahmen von Privatpersonen verdeutlichen und die Verwendung handelsüblicher Consumer Hardware.. Jedoch werden diese Quellen filmisch auf einer höheren Reproduktionsebene durch Montage, Kommentare und Musik so aufbereitet, dass sich filmischer Strategien zur Generierung von Glaubwürdigkeit bedient wird. Ein Beispiel dafür sind die Szenen von verschiedenen einstürzenden Gebäuden ab 11:02min. Der Schnittrhythmus und der Rhythmus der Musik greifen hier perfekt ineinander, obwohl die verschiedenen Szenen keine zusammenhängenden Bilder ein und desselben Ereignisses zeigen.

Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es mit Einführung des Web 2.0 tatsächlich eine Revolution im Informationsaustausch stattgefunden zu haben scheint, die sich in enormer Weise auf die öffentliche Kommunikation auswirkt. Mit der Möglichkeit Meinungen in Form von user-generated content für die ganze Welt sichtbar im Internet zu kommunizieren, hat sich zum einen die Reichweite der Inhalte, beispielsweise im Vergleich zum selbstgestalteten Radio in den 1970ern, um ein Vielfaches erhöht, zum anderen aber auch die zwischenmenschliche Kommunikation durch die Kommentarfunktionen auf eine globale Plattform verlagert. Nicht nur Verschwörungstheorien ziehen aus dieser Veränderung ihren Nutzen, auch alle anderen von Nutzern veröffentlichten Inhalte erfahren größere Aufmerksamkeit. Das Verschwörungsdenken insbesondere, scheint in den Jahren nach dem 11. September 2001 zugenommen beziehungsweise das Web 2.0 in seiner Beschäftigung mit dem Thema 9/11 als Katalysator für Verschwörungstheorien jeglicher Art, wie Hürlimann es beschreibt, gedient zu haben. Tatsächlich gilt es als transhistorische Konstante, die in jeder Gesellschaft ihre Wurzeln hat, lediglich die Strukturen haben sich verändert.

Die Filme zum Thema Verschwörungen des 11. September 2001 bedienen sich dokumentarischer Stilistiken, die in neue Sinnzusammenhänge und Reihenfolgen gepackt werden und somit die notwendige propagandistische Wirkung beim Rezipienten erzielen. Mithilfe der Kommentarfunktion unter den Videos entstehen politische Diskussionen, im „Mitmachweb“, die die politischen Einstellungen einzelner beeinflussen können. Das Web 2.0 sorgt somit für eine neue Demokratisierung der Gesellschaft, in der jeder Informationen bereitstellen und konsumieren kann.

Literatur

[1] vgl. Dieter Groh: Anthropologische Dimensionen der Geschichte, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1992, S.301

[2] vgl. Katja Hürlimann/Henry Taylor/Andreas Volk: Verschwörung!, in: Traverse – Zeitschrift für Geschichte 2004/3, S. 8

[3] vgl. Rudolf Kammerl: Web 2.0. Neue Medien – neue Chancen für Partizipation und Demokratieerziehung?, in: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 32. Jahrgang, Heft 3, 2009, S. 9

[4] vgl. Kammerl, 2009, S. 9

[5] vgl. ebd.

[6] vgl. Hürlimann/Taylor/Volk, 2004, S.7

[7] Christian Schicha/Carsten Brosda: Medien, Terrorismus und der 11. September – Eine Einleitung. In: Schicha, Christian/Brosda, Carsten: Medien und Terrorismus – Reaktionen auf den 11. September 2001. Hamburg/London, LIT Verlag 2002, S. 82

[8] siehe YouTube: Verschwörung 9/11, https://www.youtube.com/results?search_query=verschwörung+9%2F11 (aufgerufen 10.06.2015)

[9] siehe infokriegerBerlin: Loose Change – 2nd Edition (deutsch) HD: https://www.youtube.com/watch?v=-IPuI4Bqbik (aufgerufen am 10.06.2015)

[10] siehe LooseChange911.com: http://www.loosechange911.com (aufgerufen am 11.06.2015)

[11] siehe Lexikon der Filmbegriffe (Uni Kiel): Authentizität, http://filmlexikon.uni-kiel.de/index.php?action=lexikon&tag=det&id=1242 (aufgerufen am 10.06.2015)

[12] vgl. Tobias Jaecker: Antisemitische Verschwörungstheorien nach dem 11. September – Neue Varianten eines alten Deutungsmusters, LIT Verlaf, Münster 2005, S.16

[13] vgl. Daniel Sponsel: Der Dokumentarfilm – Die Kunst der Stunde, in: Matthias Leitner, Sebastian Sorg, Daniel Sponsel (Hrsg.): Der Dokumentarfilm ist tot, es lebe der Dokumentarfilm, Schüren-Verlag GmbH, Marburg 2014, S.18

[14] vgl. Manfred Hattendorf: Dokumentarfilm und Authentizität – Ästhetik und Pragmatik einer Gattung, Verlag Ölschläger, Konstanz 1994, S. 45ff : Als nichtfilmische Realität wird nach Hattendorf die Realität bezeichnet, die der Produzent als mögliche Rezeptionsrealität intendiert beziehungsweise auf die er hinarbeitet. Ob diese nichtfilmische Realität dem Rezipienten tatsächlich übermittelt wird und somit ihre gewünschte Wirkung erzielt, ist dabei abhängig vom Vorwissen und der Genreerwartung des Rezipienten.