Eine kurze Geschichte des bewegten Bildes im Internet

Von Simon Ruschmeyer und Axel Volmar

Der Begriff Webvideo umfasst alle möglichen Arten von Bewegtbildern im Internet. Von einer Webvideo-Kultur kann man allerdings eigentlich erst sprechen, seitdem die 2006 online gegangene Videoplattform YouTube einen allgemeinen Bekanntheitsgrad – und entsprechend hohe Mitgliederzahlen – erreicht hatte. Dennnoch gab es natürlich schon vorher Videos im Internet. Einige dieser frühen Webvideos wollen wir an dieser Stelle vorstellen, da viele von diesen auch für heutige Webvideos stilbildend waren und teilweise sogar zur Ausprägung bestimmter Webvideo-Genres beigetragen haben.

Prä-YouTube Videos

1. Dawn of the Webcam

Der Trojan Room Coffee Pot gilt als erste Anwendung einer Live-Videocam mit einer Auflösung von 128 x 128 Pixeln (heute die Größe von Desktop-Icons). Diese bereits im Jahr 1991 im Rechenzentrum der University of Cambridge installierte Kamera übertrug mittels periodisch aktualisierter Bilder Informationen über den Füllstand der Kaffeemaschine ins Internet, so dass Mitarbeiter in weiter entfernt liegenden Büros mit Hilfe eines Webbrowsers entscheiden konnten, ob sich der Weg in die Büroküche lohnte. Die Kamera wurde 2001 abgeschaltet und die Kaffeemaschine (von Krups) im Rahmen einer eBay-Auktion von SPIEGEL online für 3500 Britische Pfund ersteigert.

Trojan_Room_coffee_pot_xcoffee

2. 3D-Animationen

Ein Beispiel für ein frühes virales Video war ein 3D-animiertes tanzendes Baby, das 1996 ursprünglich als Beispiel die Möglichkeiten der Software Character Studio/3D Studio Max verdeutlichen sollte. Gerenderte Sequenzen dieser Animation, v.a. ein animiertes GIF des Webentwicklers John Woodell, begannen sich rasch über das WWW und andere Kanäle wie z.B. Internetforen zu verbreiten. Das „Dancing Baby“ war außerdem das erste Webvideo, dass aus dem Internet auch von anderen Medien aufgegriffen wurde, promient taucht es z.B. mehrfach in der Serie Ally McBeal auf, wo es in einer Art Traumsequenz die Auseinandersetzung der Protagonistin mit ihrem Kinderwunsch thematisiert. Die vielen Versionen und Nachahmungen weisen bereits auf einen wesentlichen Aspekt der Webvideo-Kultur hin: die medialen Praktiken von Aneignung und Remix. Der folgende Clip ist z.B. so ein Remake.

3. Flash-Animationen

„End of Ze World“ ist ein typisches Beispiel für eine Flash-Animation, eine Vektorgrafik-Technologie, mit denen animierte Filme und interaktiver Webcontent erstellt werden konnte und die ab 1996 von Macromedia vertrieben wurde. „End of Ze World“ erschien im Jahr 2003 und damit relativ spät – es verbreitete sich stark viral, steht rückblickend aber auch bereits am Ende der Ära von Flash, da sich ab dieser Zeit zunehmend Videos verbreiteten, die mit Digitalkameras aufgenommen wurden.

4. Amateurvideos / User Generatet Content

Das „Star Wars Kid“ ist eines der bekanntesten dieser frühen Beispiele. Der damals 15-jährige kanadische Schüler Ghyslain Raza hatte sich in seiner Schule Ende 2002 dabei gefilmt, wie er mit einem Stab Lichtschwert-Choreographien aus den Star-Wars-Filmen nachahmte. Raza hatte dabei nicht vor, das wenig vorteilhafte Video zu veröffentlichen. Dies nahmen ihm einige seiner Mitschüler im April 2003 ab, wodurch das Video gleichzeitig ein unrühmliches Dokument für Cyber-Mobbing wurde. Zwar wurde Raza zu einer der ersten Internet-Celebrities, allerdings waren viele Kommentare zum Video ziemlich ehrverletzend. In seiner Schule wurde Raza so massiv gehänselt, dass ihn seine Eltern von der Schule nehmen mussten. „Star Wars Kid“ selbst gilt jedoch noch heute als eines der viralsten Videos überhaupt. Es wurde zum Internet-Meme und existiert in verschiedenen Fassungen, sogar mit Special Effects und Original-Musik:

Einem ähnlichen „Peinlichkeitsfaktor“ verdankt sich die Verbreitung des Videos „Numa Numa“, das einen übergewichtigen jungen Mann (Gary Brolsma) dabei zeigt, wie er ein ausgelassenes Playback des Liedes Dragostea din tei von O-Zone, das er über Kopfhörer hört, vor seiner Webcam performt. Das Video veröffentlichte er 2004 auf der Plattform Newgrounds.com. Anders als im Fall von „Star Wars Kid“ gelang es Brolsma jedoch, die Aufmerksamkeit, die das Video erzeugte, gewinnbringend für eine eigene Webvideo-Karriere zu nutzen. Er wurde z.B. in verschiedene Talkshows eingeladen und hat eigene Songs aufgenommen.

Video-Hitparade

Einen Überblick über die „Top Ten Viral Videos“ aus den frühen Tagen des Internets (soll heißen: vor YouTube) gibt außerdem folgende schöne Zusammenstellung von Nostalgia Chick.

YouTube & Co.

Das erste YouTube Video mit dem Titel Me at the zoo wurde im April 2005 von Jawed Karim, einem der drei Gründer von YouTube, hochgeladen – ein halbes Jahr vor dem offiziellen Launch von YouTube. Der 19-sekündige Clip ist ein Testvideo und für sich genommen völlig unspektakulär. Dennoch zeigt es eine der charakteristischsten Eigenschaften von Webvideos: Eine Frontaleinstellung auf eine zentral im Bild positionierte Person, die eine Alltagssituation schildert. Durch die zunehmende Verbreitung von Breitbandanschlüssen rückten Videoplattformen technisch in greifbare Nähe. YouTube war nur eine von vielen Plattformen, die zu dieser Zeit gegründet wurden.

In der Frühphase von YouTube etablierte sich durch die P2P-Funktionen der Plattform vor allem das Videoblogging, bei dem viele Menschen auf der Suche nach Austausch vor ihrer Webcam sitzen und aus ihrem Leben erzählen. Als prototypische Vlog-Situation kann die Webserie lonelygirl-15 gelten: Ein Mädchen sitzt nachmittags in ihrem Kinderzimmer vor ihrer Webcam und erzählt von sich, bezieht sich auf andere Videos, die sie schon gesehen hat und hofft auf Kommentare und Antwortvideos. Die Videos von lonelygirl-15 sind vor allem auch deshalb interessant, weil diese später als Teil einer fiktionalen Webserie enttarnt worden ist. Obwohl dieser erste „Skandal“ um die Authentizität von lonelygirl-15 für viel Wirbel gesorgt hat, tat das der Popularität der Serie erstaunlicherweise keinen Abbruch.

Obwohl viele der weltweit meistgesehenen Webvideos banalste Alltagsszenen zeigen, die Sensationslust des Massengeschmacks bedienen oder einfach nur himmelschreiend komisch sind, hat sich die auf User-Generated Content basierende Webvideo-Kultur bereits nach wenigen Jahren zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten für die herkömmlichen Massen-, sprich: Sendemedien entwickelt.

Die Datenbank-Logik der Videoplattformen, d.h. die Möglichkeit, Videos auf YouTube nicht nur zu speichern, sondern mit Hilfe von Schlagwörtern, Kommentaren und Links miteinander zu verknüpfen, beschleunigte zudem zur Ausprägung vieler neuer, webspezifischer Bewegtbild-Genres. Hier gehts weiter!