1. LipDubs

Von Jennifer Kleemann und Svenja Schubert

Das Genre „LipDub“ (engl. to dub – synchronisieren) bezeichnet eigens erstellte Musikvideos, von denen die Tonspur eines bereits aufgenommenen, meist bekannten Songs übernommen und dessen Text durch Lippensynchronisation bzw. Playback wiedergegeben wird. Spezifisch für das LipDub-Video ist außerdem der Aufnahmemodus: Das Video wird ‚an einem Stück‘, d.h. in einer Plansequenz aufgenommen und auch nachträglich nicht mehr geschnitten. Der Inhalt und die Darstellung eines LipDub-Videos kann aber durchaus von  dem originalen Musikvideo abweichen und mit eigenem Inhalt gefüllt werden. Dadurch kann sich die Botschaft gänzlich verändern oder ein anderer Kontext enstehen.

Nachfolgend stellen wir einige LipDub-Videos vor, die bei YouTube mit dem entsprechenden Schlagwort gefunden werden können. In der Auswahl der Videos haben wir uns u.a. an den Aufrufzahlen und dem Inhalt orientiert, um eine große Bandbreite der am meisten gesehenen Videos abzubilden.

Beispiel 1:

  • Länge: 4:55 Min.
  • Aufrufe: 10.763.576 (Stand 25.11.2013)
  • Positive Bewertungen: 45.116 || Negative Bewertungen: 1.184 (Stand 25.11.2013)
  • Kategorie: Unterhaltung

Ausgewählt wurde das Video, da es der meist aufgerufene Clip unter dem Stichwort „Lipdub“ (Stand 29.11.2013) ist und damit zur Beschreibung der Charakteristika des Genres als geeignet erscheint. Das Video wurde als Gemeinschaftsprojekt der Universität Quebec mit Ziel der herkunftsunabhängigen Zusammenarbeit produziert. Handlungsort ist dabei die Universität Quebec, gefilmt wurde im Innenraum, sowie anfänglich draussen im Freien. Untermalt wird das Video mit dem Song „I gotta feeling“ von den Black Eyed Peas. Die jeweiligen sich im Bild befindenden Personen singen den Song playback. Abschließend singt die Gruppe den Song im Chor in der Landessprache Französisch weiter.

Zur Kameraführung ist zu sagen, dass eine Handkamera laienhaft geführt wird und die Kamera sich durchweg vorwärts bewegt. Die Qualität der Aufnahme ist gering. Der Film wurde zu Beginn mit einem Schwarz-Weiss-Filter versehen. Es existiert kein Schnitt in dem Video. Die Akteure sind Studenten, ein bis mehrere Personen kommen ins Bild und gehen wieder heraus. Teilweise sind die Personen kostümiert, manche tragen jedoch auch Alltagskleidung. Die Umsetzung der Darstellungen der Akteure sind am Liedtext orientiert (Do it! –> Aerobic-Outfit, „Jump up that sofa“ –> Mädchen springt von einem Couch).

Zusätzlich werden Partyszenen nachgestellt. Thematische Schwerpunkte der Darstellungen sind Party, Spass haben, Feiern, Alkohol trinken und Tanzen. Zur Dramarturgie ist zu sagen, dass zu Beginn des Clips vor der Tür der Universität gedreht wurde, bevor ein willkürlich Rundlauf durch die Universität vom Foyer bis hin zu einzelnen Seminarräumen startete. Zum Ende befinden sich alle Beteiligten auf einer großer Bühne und singen  und tanzen im Chor und leiten so den Höhepunkt ein. Der Abspann zeigt ca. 30 Sekunden Angaben zur Produktion, Nennung der Namen der Beteiligten und schlussendlich eine Danksagung der Unterstützer.

Beispiel 2:

  • Länge: 5:53 Min.
  • Aufrufe: 24.135.870 (Stand 25.11.2013)
  • Positive Bewertungen: 213.850 ||  Negative Bewertungen: 3.646 (Stand 25.11.2013)
  • Kategorie: Unterhaltung

Das Video zeigt einen Mann namens Isaac, der um die Hand seiner Freundin Amy anhält – und das auf ziemlich originelle Weise: Er hat Freunde, Familie und Nachbarn mobilisiert und mit diesen eine Choreografie zum Song „Marry You“ von Bruno Mars einstudiert. Während also seine Freundin den Song über Kopfhörer hört, sitzt sie im offenen Heck eines Vans und wird langsam durch die Straßen kutschiert. Immer wieder springen bekannte Gesichter über die Straße, viele auch verkleidet. Die statische Kamera, ein häufiges Merkmal von LipDubs, ist am Heck angebracht, der Eindruck von Bewegung entsteht nur durch die „Sänger“ und „Schauspieler“.  Während des gesamten Videos gibt es keinen Schnitt, nur eine lange Einstellung. Außerdem trägt die Perspektive der Kamera dazu bei, dass die Performance wie ein Musical aussieht.

Die Hauptdarsteller des Videos treten paarweise auf, was wohl dem Anlass geschuldet ist: Man sieht ältere Paare, jüngere Paare, homosexuelle Paare. Über den Live-Ton, den der Zuschauer ebenfalls hört, bemerkt man, dass Amy oft kichern muss.  Die Textebene ist auf die Handlungsebene umgesetzt („pocket full of cash“ –> Geld aus der Hosentasche ziehen; „we are looking for something dumb to do“ –> suchende Gesten). Außerdem gibt es eine Quasi-„mise en abyme“: Manche Darsteller halten Laptops vor Amy, die laufende Videos von Lip-Dub-Videos zeigen, die den gleichen Song umgesetzt haben. Diese Laptops dienen gleichzeitg als Ablenkung, denn danach steht Amys Freund Isaac hinter der tanzenden Menge und wartet auf seinen Einsatz. Die anderen Darsteller bilden einen Spalier, Isaac geht auf seine Freundin zu, kniet sich vor sie und steckt ihr einen Ring an den Finger, die Menge applaudiert.

Es ist ganz deutlich, dass hier ein sehr privater und intimer Moment stattfindet, an dem der Zuschauer Teil nimmt. Es ist der Clip unter dem Stichwort „Lipdub“, der am zweitmeisten aufgerufen wurde. (Stand 30.11.2013)

Beispiel 3:

  • Länge: 3:52 Min.
  • Aufrufe: 48.510 (Stand 25.11.2013)
  • Positive Bewertungen: 502 || Negative Bewertungen: 19 (Stand 25.11.2013)
  • Kategorie: Musik

Der Hintergrund des Videos: Projekt von Passauer Studenten für on3, dem Magazin-Format des Bayrischen Rundfunk, eine Lipdub Choreographie in ihrem Wohnort zu machen. Hier spielt die Regionalität eine große Rolle. Handlungsort ist die Passsauer Altstadt. Die Aufnahmen fande draußen und drinnen statt. Die Kameraführung ist gekennzeichnet durch eine professionell geführte Handkamera, die sich rückwärts bewegt. Durch gutes, professionelles Equipment entstehen qualitativ hochwertige Aufnahmen. Das Material wurde nachträglich bearbeitet indem ein Sepia-Filter über den Film gelegt wurde. Das Video weist keinen merklichen Schnitt auf und das Video wurde mittels Zeitraffer beschleunigt.

Die Akteure des LipDub sind Studenten. Ein oder mehrere Personen treten ins Bild und verschwinden wieder. Einige tragen Alltagskleidung, andere tragen regionale Tracht. Auch verschiedenene Berufskleidung wird gezeigt (Polizei, Handwerker).  Passanten sind als Unbeteiligte am Rand sichtbar. Das Leitthema des LipDubs ist ein künstlerisch gestalteter Rundgang durch die Strassen und Kneipen Passaus. Inhalte des Liedes, welches die Bilder untermauert, werden durch die Akteure in kurzen Gesten aufgegriffen (z.Bsp. durch das Nachahmen des Rauchens).

Zur Dramaturgie ist zu sagen, dass sich der Betrachter zu Beginn in den Gassen Passaus wiederfindet, einen kurzen Abstecher durch eine Kneipe macht und sich zum Ende im Untergeschoss der Kneipe in einer ausgelassen feiernden Partygesellschaft vor einer Bühne, auf der eine Liveband spielt, wiederfindet. Musikalisch wird der LipDub mit dem Song „Autobahn“ von LaBrassBanda unterlegt. Dieses wird wiefolgt in den LipDub eingebaut, indem die jeweilige sich im Bild befindende Person den Song Playback singt. Die Akteure spielen die im Lied zu hörenden Instrumente playback nach.

Beispiel 4:

  • Länge: 6:37 Min.
  • Aufrufe: 2.101.892 (Stand: 25.11.2013)
  • Positive Bewertungen: 13.604 || Negative Bewertungen: 2.104 (Stand: 25.11.2013)
  • Kategorie: Nachrichten & Politik

Dies ist ein Beispiel für ein politisch motiviertes LipDub-Video: Es geht um Katalaniens Kampf um Unabhängigkeit (s. auch Kategorie des Videos). Bereits der Video-Titel ist auf katalanisch, in der Beschreibung wird die Intention nochmals genau formuliert. Außerdem wurde mit diesem Video ein Weltrekord aufgestellt: 5.771 Darsteller haben insgesamt mitgewirkt.

Nach anfänglicher Live-Übertragung (laute Trommeln etc.) wird die Studio-Versions des Video-Songs eingespielt. Die Künstler sind Obrint Pas, eine 6-köpfige Ska-Punk-Band aus Valencia; der Song heißt „La Flama“ und steht dafür, dass eine Flamme am Leben gehalten werden soll, nämlich der Kampf um die Unabhängigkeit Katalaniens von Spanien. Das Thema ist seit jeher mit vielen Emotionen behaftet.

In diesem Video ist die Kamera zwar beweglich, die Perspektive bleibt aber gleich: Die Menschen sind ‚aufgestellt‘ und reagieren auf das Ankommen der Kamera. Es gibt sowohl aktive Teilnehmer (LipDubber, Tänzer, Fahnenschwenker) als auch passive Teilnehmer (Zuschauer, Spaziergänger). Viele Elemente sind folkloristisch, z.B. die Menschentürme, ein traditioneller Tanz. Im Video werden Botschaften explizit schriftlich formuliert: „Adéu Espanya“. Außerdem gibt es auch „implizite“ Botschaften, wie z.B. Flaggen, Pullis oder die mit Kataloniens Farben bemalte Brust. Ab 3:47 läuft die Menschenmenge der Kamera hinterher (die Kamera bewegt sich rückwärts). Dann erfolgt eine langsame, stetige Erhöhung der Kamera in die Vogel-Perspektive, der Blick schwenkt über den Marktplatz, bis zur vollkommenen Aufsicht auf die Menge. Die Menge skandiert: „Vi-, viva, viva Valencia!“

Fazit

  • Hauptsächlich von jungen Menschen (u.a. auch gerne von Studenten) genutztes Video-Genre
  • Lipdubs zu aktuellen Chart-Songs bzw. Songs, die den Video-Inhalt unterstreichen
  • Gerne auch mit regionalen Bezügen (s. Passauer LipDub)
  • Vorher einstudierte oder zumindest abgesprochene Choreografien (zum Teil sehr aufwändig)
  • Merkmal: fast immer viele Darsteller
  • Das Genre ‚Lipdub‘ wird gerne nachgemacht (vgl. Harlem Shake)

Weiterführende Links:

http://mundolipdub.blogspot.de/
http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/525569/Die-sieben-goldenen-Regeln-fuers-gute-LipDub-Video
http://www.sinn-frei.com/die-erste-live-lip-dub-scheidung-der-welt_17425.htm