{"id":1051,"date":"2012-12-15T14:16:42","date_gmt":"2012-12-15T12:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1051"},"modified":"2012-12-15T14:16:42","modified_gmt":"2012-12-15T12:16:42","slug":"das-weltbild-des-kleinburgertums-rezension-zu-florian-illies-1913-der-sommer-des-jahrhundertsvon-sven-gringmuth15-12-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/12\/15\/das-weltbild-des-kleinburgertums-rezension-zu-florian-illies-1913-der-sommer-des-jahrhundertsvon-sven-gringmuth15-12-2012\/","title":{"rendered":"Das Weltbild des Kleinb\u00fcrgertums Rezension zu Florian Illies, \u00bb1913 \u2013 Der Sommer des Jahrhunderts\u00abvon Sven Gringmuth15.12.2012"},"content":{"rendered":"<p>Welt als Mummenschanz<!--more--><\/p>\n<p>Die Ideologie der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts in Europa kann\u00a0 mit einem Wort bezeichnet werden: Fortschritt. Erst mit dem Ende der liberalen \u00c4ra und einer gro\u00dfen Wirtschaftskrise endet in Deutschland dieser verbreitete Fortschrittsglaube, verliert der Gedanke der Aufkl\u00e4rung an Attraktivit\u00e4t. Eine gewisse \u203aHybridit\u00e4t\u2039 zwischen gebrochenem Fortschrittsglauben und radikalem Zweifel setzt sich auf intellektuellem Felde durch \u2013 ihr Stichwortgeber wird Friedrich Nietzsche.<\/p>\n<p>Die Diskrepanz zwischen den Erwartungen an den Fortschritt einerseits und den ern\u00fcchternden Erfahrungen mit dem Fortschritt andererseits formuliert Nietzsche in einer umfassenden Kulturkritik. Er \u00fcberf\u00fchrt die neue \u203aMentalit\u00e4t der Entt\u00e4uschung\u2039 in Begriff und System. Ma\u00dfstab seiner Kritik ist dabei die gesamte b\u00fcrgerlich-liberale Welt. Der \u203aPhilosoph mit dem Hammer\u2039 verwirft die Ideen von Aufkl\u00e4rung und Klassik, Romantik und politischer Reaktion, Demokratie, Liberalismus und Sozialismus gleicherma\u00dfen. Der r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten Utopie einer vermeintlich heilen Welt organischer Sozialformen erteilt er ebenso eine Absage wie Humanismus-Kanon, Menschheitspathos und Fortschrittsoptimismus. In the mix: Die Wirklichkeit ist\u00a0 \u00bbkulturell pr\u00e4pariert\u00ab, \u00bbWahrheiten sind Illusionen\u00ab, die Zivilisation lediglich eine \u00bbZ\u00e4hmung des Menschen\u00ab, welche \u00bbdie Krankhaftigkeit im bisherigen Typus\u00ab ausdr\u00fcckt. Fazit: \u00bbAlles Fiktionen, die unbrauchbar sind\u00ab.<\/p>\n<p>Die Leitbegriffe der Aufkl\u00e4rung \u2013 Ratio, Wissenschaft, Geist, der Begriff des Subjekts \u2013 werden in diesem S\u00e4urebad radikaler Kritik zersetzt. F\u00fcr Nietzsche ist Logik lediglich der Versuch, \u00bbnach einem von uns gesetzten Seins-Schema die wirkliche Welt zu begreifen, richtiger: uns formulierbar, berechenbar zu machen\u2026\u00ab. Doch was geschieht, wenn die Begrifflichkeiten und Kategorien nicht mehr taugen, wenn Aufkl\u00e4rung und der Glaube an Gott ein hohler Mummenschanz waren? Das Ich verliert seinen Status als Subjekt, wird zum Objekt seiner \u00c4ngste \u2013 unkontrolliert und unkontrollierbar. Universale Bedrohung, ersp\u00fcrte Deformationspotenziale des Kapitalismus, drohende Totalentfremdung, Existenzangst, Qual, Orientierungslosigkeit, Ich-Dissoziation traumhaft-surreale Sequenzen. All dies: Massenhaft verbildlicht, verschriftlicht, medialisiert \u2013 in der Kunst der Moderne.<\/p>\n<p>Das geschaffene Vakuum kann kaum gef\u00fcllt werden, wenn die Geschichte ziellos, labyrinthisch verl\u00e4uft, wenn es keine Vernunft im Bestehenden gibt und keinen geschichtsphilosophischen Trost. Der nietzscheanische Nihilismus kennt keine \u203aNaturabsicht\u2039 (Kant), keinen \u203aWeltplan\u2039 (Fichte), keine \u203aList der Vernunft\u2039 (Hegel). Er ist ein Affront gegen\u00fcber jeder Fortschrittsideologie und Utopie. Auch das Elend wird affirmiert, die Grausamkeit zum Wesen der Kultur erkl\u00e4rt, die Moral verd\u00e4chtig. Begriffe wie \u203aMoralins\u00e4ure\u2039 und \u203aMoralpredigt\u2039 h\u00e4ufen sich in der Textproduktion Nietzsches. Seine \u203aEntzauberung der Moderne\u2039 (Georg Bollenbeck) wird zum Motor der folgenden gegenkulturellen Suchbewegungen.<\/p>\n<p>Dies ist die Situation der Generation 1913: Der industrielle \u203atakeoff\u2039 hat in Deutschland versp\u00e4tet, daf\u00fcr jedoch mit aller Macht eingesetzt. Der soziale Wandel von einer agrarisch-gepr\u00e4gten Feudal- zur konkurrenzf\u00e4higen Industriegesellschaft im bereits dreiviertel-globalisierten Kapitalismus vollzog sich erosionsartig. Gesellschaftlicher, technischer, medizinischer, \u00f6konomischer, politischer, kultureller demografischer und ein Wandel der Werte gingen Hand in Hand. Hineingeworfen in diese \u203aWelt der \u00dcberf\u00fclle\u2039 (Kurt Pinthus) mit ihrem drohenden Vernichtungspotenzial. Eine wichtige Antwort: Zerfall des Wahrnehmungssubjekts, Zerfall des Ichs. Die \u00bbtranszendentale Obdachlosigkeit\u00ab (Georg Luk\u00e1cs) scheint vollkommen, ein organisches Sozialsystem kann nicht mehr hergestellt werden. Alle Subjekte agieren in einer Welt der Verdinglichung und Entfremdung. Der Soziologe Georg Simmel beschreibt den Prozess der Urbanisierung als\u00a0 \u00bb\u00dcberwuchern der objektiven Kultur\u00bb; als Kampf, in dem der Einzelne einer \u00bbgewaltigen Organisation von Dingen und M\u00e4chten\u00ab gegen\u00fcbersteht \u2013 und letztlich scheitert.<\/p>\n<p>Die Dissoziation des Subjekts als \u00bbeine der elementaren Sozialisierungsformen\u00bb der Moderne (Simmel), Identit\u00e4tskrisen, die sich aus den Verlust\u00e4ngsten des vom sozialen Abstieg bedrohten Klein- und Gro\u00dfb\u00fcrgertums speisen, das Gef\u00fchl, in einer Endphase der Geschichte zu leben. Reduzierung des Subjekts also \u2013 Reduzierung auf seine Fleischlichkeit, Verfallssymptome, die Seele auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte (\u00bbDie Krone der Sch\u00f6pfung, das Schwein, der Mensch\u00ab). Umwertung aller Werte und erkenntnistheoretische Bodenlosigkeit (Hilferuf von Georg Trakl an Ludwig von Ficker; 1913 abgesandt: \u00bbEs ist ein namenloses Ungl\u00fcck, wenn einem die Welt entzweibricht. O, mein Gott, welch ein Gericht ist \u00fcber mich hereingebrochen\u2026 Sagen Sie mir, dass ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen\u2026\u00ab).<\/p>\n<p>Um all dies geht es in Florian Illies neuestem Roman \u00bb1913 \u2013 Der Sommer des Jahrhunderts\u00ab nicht. Worum aber geht es dann? Es geht um k\u00fcnstlerbiografische Anekdoten, (vermeintliche) historische Treppenwitze und \u203aWhat-if\u2039-Spielereien. Illies scheut (bewusst oder unbewusst) den gro\u00dfen Entwurf, er scheut die Darstellung geschichtlicher Prozesse und Triebkr\u00e4fte, \u00f6konomischer Entwicklung und kultureller Komplexe ebenso wie ideengeschichtliche Herleitungen. Die zusammengestellten Szenen und Sequenzen aus dem Krisenjahr 1913 weisen letztlich immer nur auf die Akteure selbst zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00bbIn Prag leidet Kafka\u00bb (S.50) an seiner seltsamen Liebe zu Felice Bauer, \u00bbPicasso war schwer krank\u00ab (S. 178), aber Henri Matisse brachte Blumen vorbei, Georg Trakl \u00bbs\u00e4uft wieder, rast herum, schreit wie ein Kind, liebt seine Schwester\u00ab (S. 84), Oskar Kokoschka bestellt \u00bbdas Aufgebot f\u00fcr seine Heirat mit Alma Mahler\u00ab, die dann aber doch an der gewitzten Frau scheitert, die lieber wissen m\u00f6chte, \u00bbwelche Chancen sie noch hat bei Walter Gropius, dem ernsten, strengen Geliebten von einst\u00ab (S. 188). Und, ach ja, \u00bbRainer Maria Rilke hat Schnupfen\u00ab (S. 85).<\/p>\n<p>312 Seiten. Was findet man darin, in dieser Mischung aus Befindlichkeiten und Anekdoten im \u203aHappy-go-lucky\u2039-Stil verfasst? In erster Linie findet man darin das Weltbild des Kleinb\u00fcrgertums. Ulf Poschardt schrieb 2008 in \u00bbVanitiy Fair\u00ab, Deutschland habe das \u00bbkleinb\u00fcrgerlich Egalit\u00e4re [\u2026] nach Ausb\u00fcrgerung seiner Moderne nach 1933 zur Staatsr\u00e4son erkl\u00e4rt\u00ab. Dar\u00fcber hinaus offenbar zur universell ausweitbaren Geschichtsphilosophie im Romanformat. Die Welt (einmal mehr) als Ergebnis des Wirkens \u203agro\u00dfer M\u00e4nner\u2039 (selten Frauen) und historische Prozesse zu pers\u00f6nlichen Animosit\u00e4ten und \u203aWeh-Wehchen\u2039 geschrumpft. Ganz wie der Kleinb\u00fcrger sich und die Welt sieht.<\/p>\n<p>So begegnen sich on top der bettelarme M\u00e4nnerwohnheimsinsasse Adolf Hitler und der bettelarme politische Fl\u00fcchtling Josef Stalin \u2013 vielleicht (!) \u2013 im Januar 1913 einmal im Wiener Park von Sch\u00f6nbrunn, und \u00bbsie waren sich also nie n\u00e4her als an einem dieser bitterkalten\u00a0 Januarnachmittage\u00ab (S.27). Doch was bedeutet das? Haben Sie sich vielleicht schief angeschaut? Hat der eine dem anderen ein Bein gestellt? Auf einer \u00e4hnlichen Ebene wird die Begegnung zwischen Bucharin, Trotzki und Stalin geschildert: Bucharin kann, \u00bbanders als Stalin, bei dem Kinderm\u00e4dchen landen, was dieser ihm zeitlebens nicht verzeihen wird (und wof\u00fcr Bucharin irgendwann einmal mit einer Kugel im Kopf bezahlen muss)\u00ab (S. 68), und Trotzki sieht sogleich \u00bbnicht den geringsten Anflug von Freundlichkeit in seinen [Stalins \u2013 S.G.] Augen\u00ab (ebd.) \u2013 ein Eispickel im Sinn, m\u00f6chte man mitdenken. Es f\u00e4llt schwer, bei dieser Art Lekt\u00fcre nicht zu lachen oder mit dem Kopf zu sch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Weltgeschichte als Schwank, Prozesse als spontane Eingebungen, (k\u00fcnstlerische, politische etc.) Positionsbestimmungen aus Sympathien und Antipathien abgeleitet. Wer keinen Begriff von Klasse und Bewusstsein hat, dem muss sich die Welt als Mummenschanz darstellen. Dieses Buch erfreut das Herz des Kleinb\u00fcrgers, denn, wie es bei Franz Josef Degenhardt hei\u00dft, \u00bbder hasste und liebte [schon \u2013 S.G.] immer nur Personen, weil er alles pers\u00f6nlich nahm\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis<\/strong>:<\/p>\n<p>Florian Illies<\/p>\n<p>1913 \u2013 Der Sommer des Jahrhunderts<\/p>\n<p>Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag 2012<\/p>\n<p>ISBN 978-3-10-036801-0<\/p>\n<p>319 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"Homepage Sven Gringmuth\" href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/gringmuth_sven\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sven Gringmuth<\/a> ist Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welt als Mummenschanz<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[88759,778,1052,1234,1676,1841,2266],"class_list":["post-1051","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-88759","tag-fortschritt","tag-illies","tag-klatsch","tag-nietzsche","tag-pop-kultur-und-kritik","tag-sven-gringmuth"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1051","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1051"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1051\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1051"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1051"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1051"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}