{"id":1064,"date":"2012-12-17T00:16:28","date_gmt":"2012-12-16T22:16:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1064"},"modified":"2012-12-17T00:16:28","modified_gmt":"2012-12-16T22:16:28","slug":"zu-weihnachten-konsumkritikteil-2von-thomas-hecken16-12-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/12\/17\/zu-weihnachten-konsumkritikteil-2von-thomas-hecken16-12-2012\/","title":{"rendered":"Zu Weihnachten Konsumkritik(Teil 2)von Thomas Hecken16.12.2012"},"content":{"rendered":"<p>Die Konsumkritik besitzt offenkundig weder Einfluss auf die H\u00e4ufigkeit des Warenkonsums noch auf das Tempo des Verbrauchs.<!--more mehr--> Die Wachstumsraten sprechen eine eindeutige Sprache. Nicht abwegig ist deshalb die Vermutung, dass es \u2013 abseits gestriger, wenn auch m\u00e4chtiger Institutionen wie der christlichen Kirche \u2013 eine enorm wirkungsvolle, offensive Propaganda f\u00fcr den Konsumismus geben muss (gegen die sich dann kleine, machtlose Umweltschutzgruppierungen und andere versprengte Kr\u00e4fte vergeblich zur Wehr setzen). Staat und Unternehmer sollten hier Hand in Hand arbeiten, um f\u00fcr die gemeinsame kapitalistische Sache einzutreten.<\/p>\n<p>Dies ist aber auf der manifesten Ebene \u00fcberhaupt nicht der Fall. Als Beispiel daf\u00fcr soll das Nachrichtenmagazin \u00bbDer Spiegel\u00ab dienen. Mit beinahe einer Million K\u00e4ufern und ca. f\u00fcnf Millionen Lesern geh\u00f6rt es zu den auflagen- und weitreichenst\u00e4rksten Bl\u00e4ttern Deutschlands. Seine Leserschaft rekrutiert sich aus den Mittel- und Oberschichten, z\u00e4hlt demnach zu den kaufkr\u00e4ftigsten Konsumentenkreisen. F\u00fcr die Rendite des \u00bbSpiegel\u00ab selbst ist es wichtig, dass viele Anzeigen zu Produkten im Heft platziert werden; weil der \u00bbDer Spiegel\u00ab diese gro\u00dfe, konsumfreudige Leserschaft versammelt, hat er beste Voraussetzungen f\u00fcr seine Werbekunden, gro\u00dfe deutsche und internationale Firmen, geschaffen.<\/p>\n<p>Dies sind beste Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass der \u00bbDer Spiegel\u00ab dem Konsum auch in seinen Artikeln huldigt, schlie\u00dflich h\u00e4ngt seine Existenz unmittelbar von ihm ab. Ein Blick ins Heft belehrt einen aber eines Besseren bzw. Kritischeren. Selbst in der Vorweihnachtszeit, dem H\u00f6hepunkt der Ausgaben privater Haushalte, nimmt die Redaktion keine Auszeit von der Konsumkritik. Nicht nur, dass keineswegs zum Konsum aufgerufen wird \u2013 im November und Dezember 2010 z.B. ver\u00f6ffentlichte man sogar eine ganze Reihe langer, wohlkomponierter Artikel wider den Konsum:<\/p>\n<p>Am 8. November diagnostizierte und beklagte Peter Sloterdijk in guter konservativer, ordoliberaler Tradition die \u00bbSynergie von Sozialstaat und Sensationsindustrie\u00ab, bei ihm noch mit dem liberalen und republikanischen Zusatz versehen, dass solche Synergie nicht nur den B\u00fcrgerstolz, sondern auch die demokratische \u00d6ffentlichkeit gef\u00e4hrde (\u00bbDer verletzte Stolz. \u00dcber die Abschaffung der B\u00fcrger in Demokratien\u00ab, in: \u00bbDer Spiegel\u00ab, Nr. 45, 8.11.2010, S. 136-142, hier S. 138).<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter druckte der \u00bbSpiegel\u00ab einen sehr langen Auszug aus der deutschen \u00dcbersetzung des franz\u00f6sischen Traktats \u00bbDer kommende Aufstand\u00ab nach. Der Befund ist derselbe wie beim (ordo-)liberalen Sloterdijk: Angeklagt wird zugleich die \u00bbLustgier der Rentnerhorden\u00ab und die Enteignung \u00bbunserer\u00ab Eigenheiten durch die Kultur- und Konsumg\u00fcterindustrie (Anonymus, \u00bbDer kommende Aufstand\u00ab, in: \u00bbDer Spiegel\u00ab, Nr. 47, 22.11.2010, S. 166-170, hier S. 168). Im Unterschied zu Sloterdijk ergeht die Anklage aus einer mittlerweile auch schon wieder gut vertrauten anarchistisch-situationistischen Perspektive; wie so oft bei Philosophen und K\u00fcnstlern aus Bohemia kann man die linksradikalen Aufschw\u00fcnge nicht immer von reaktion\u00e4ren oder gar faschistischen Standpunkten trennen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die bildungsbeflisseneren unter seinen Lesern hatte der \u00bbSpiegel\u00ab somit innerhalb von 14 Tagen ein ausgewogenes Angebot konsumkritischer Einsch\u00e4tzungen bereitgestellt. Beide Artikel bedienen sich \u00e4lterer kulturkritischer Gehalte und Formen, sie kontrastieren eine Gegenwart, die unter gro\u00dfer Betroffenheit in den d\u00fcstersten Farben gemalt wird, mit historisch entlegenen Zust\u00e4nden; beide Artikel pr\u00e4sentieren mit gro\u00dfem Pathos zugleich m\u00f6gliche Agenten des Widerstands: die anarchistischen Situationisten wie \u00fcblich eine unorganisierte, pl\u00f6tzlich aufbegehrende, jugendliche Menge, der deutsche Ordoliberale setzt allen Ernstes auf ein Medienereignis des Jahres 2010, die sog. \u00bbWutb\u00fcrger\u00ab (inzwischen schon wieder l\u00e4ngst vergessen).<\/p>\n<p>Es ist deshalb kein Zufall, dass beide Artikel von externen Autoren stammen. Der Redaktion des \u00bbSpiegel\u00ab sind solche entschieden kulturkritischen, traditionellen T\u00f6ne nur Beiwerk, interessantes Zitat. Das kann sogar so weit gehen, dass ein Feuilletonredakteur im \u00bbSpiegel\u00ab Ende November, kurz nach Abdruck der beiden langen Gesinnungsaufs\u00e4tze, deren Thesen dem Spott preisgibt: \u00bbAber ist die Moderne wirklich schuld, wenn der Rotwein korkt?\u00ab, lautet die abschlie\u00dfende rhetorische Frage (Georg Diez, \u00bbTraktate der schlechten Laune\u00ab, in: \u00bbDer Spiegel\u00ab, Nr. 48, 29.11.2010, S. 166-170, hier S. 160-163, hier S. 163). Zuvor sind die Schuld-Thesen allerdings wieder breit referiert worden, erw\u00e4hnenswert sind sie also allemal.<\/p>\n<p>Wie eine moderne Konsumkritik aussieht, bleibt aber noch offen, das muss die Redaktion des \u00bbSpiegel\u00ab folglich selbst leisten. Der Gro\u00dfversuch dazu wird weitere zwei Wochen sp\u00e4ter, am 13. Dezember, vorgelegt. Der Rahmen ist freilich traditionell, unter dem Titel \u00bbWeltreligion Shoppen\u00ab wird einmal mehr die These aufgestellt, an die Stelle des Glaubens sei der Materialismus getreten. Neuen Pepp soll das bekommen, indem Ergebnisse der neurologischen Forschung pr\u00e4sentiert werden, die bekanntlich mit allermodernsten Maschinen arbeitet. Der Umstand, dass in bestimmten L\u00e4ndern mehr eingekauft und Werbung gesehen wird als vor einigen Jahrzehnten, soll durch den Hinweis, dass sich w\u00e4hrenddessen im Hirn etwas abspielt, \u00fcber den Status einer banalen Tatsache hinaus gelangen: \u00bbImmer tiefer dringt die Forschung zurzeit in die Konsumentenk\u00f6pfe ein \u2013 und stellt dabei fest: Erfolgreiche Produkte befeuern die gleichen Hirnregionen, in denen auch die religi\u00f6sen Gef\u00fchle zu Hause sind.\u00ab Mit der Hirnforschung soll nat\u00fcrlich ebenfalls belegt werden, dass die Konsumenten manipuliert w\u00fcrden, auch dies ein altbekannter Topos der Konsumkritik (Martin U. M\u00fcller\/Thomas Tuma, \u00bbWeltreligion Shoppen\u00ab, in: \u00bbDer Spiegel\u00ab, Nr. 50, 13.12.2010, S. 56-65, hier S. 58).<\/p>\n<p>Wieso das schlecht ist, wei\u00df das Magazin aber \u00fcberhaupt nicht mehr anzugeben. Darin liegt der Hauptunterschied zur \u00e4lteren Konsumkritik, darin liegt ihre Aktualit\u00e4t. Gepflegt wird nur noch der Gestus des abgekl\u00e4rten Durchblickens. Dies geht sogar so weit, dass auch im Konsumkritiker der Konsument entdeckt wird:<\/p>\n<p>\u00bbUnd wen angesichts all der \u00dcberf\u00fclle des Angebots flimmernde Leere \u00fcberkommt, der konsumiert eben ein bisschen Konsumkritik, bestellt einen Hybrid-Toyota und beschenkt sich mit dem \u203aSolarmilchsch\u00e4umer\u2039 f\u00fcr 29,90 Euro aus dem \u203atazshop\u2039 oder im Manufactum-Laden mit etwas Best\u00e4ndigem. Einem Paar Dinkelacker Schn\u00fcrschuhen aus Pferdeleder f\u00fcr 849 Euro zum Beispiel.\u00ab (Ebd., S. 56)<\/p>\n<p>Es gibt nur eine Schranke des \u203aDurchblickens\u2039: Sie betrifft das eigene Produkt, hier also den \u00bbSpiegel\u00ab, er bleibt von der Diagnose ausgenommen, obwohl der konsumkritische Artikel selbst zum vergn\u00fcglichen, raschen Konsum angerichtet ist. Auch von der Betrachtung ausgenommen bleibt, dass der \u00bbSpiegel\u00ab mit seinen Werbeseiten und der Ausrichtung seines Kulturteils auf Besprechungen aktueller Kaufprodukte dem Konsumismus zuarbeitet und von ihm abh\u00e4ngig ist. Darum kann man wie vor zwei Wochen (Heft 49, 2012, S. 143) \u2013 dieses Jahr f\u00e4llt die vorweihnachtliche Konsumkritik exklusiver aus \u2013 den \u00bbKaufrausch\u00ab auf dem Markt moderner Kunst kritisch betrachten, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, die eigene penetrante Berichterstattung \u00fcber die \u203aStars\u2039 des Kunstmarkts zu reduzieren.<\/p>\n<p>Diese Ignoranz und Heuchelei ist allerdings nicht die Regel unter den Konsumkritikern. Ihr Anliegen ist es vielmehr, mit der Konsumkritik die Kritik bestimmter Produkte voranzutreiben. Daraus erkl\u00e4rt sich auch die Wirkungslosigkeit der Konsumkritik sehr leicht (wie der \u00bbSpiegel\u00ab ja selbst am Beispiel der Pferdelederschuhe anklingen lie\u00df). Verringert wird nicht der Konsum, ver\u00e4ndert werden oftmals nicht einmal die Konsumweisen, konsumiert werden lediglich andere Dinge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Konsumkritik besitzt offenkundig weder Einfluss auf die H\u00e4ufigkeit des Warenkonsums noch auf das Tempo des Verbrauchs.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[254,558,1270,1277,1816,2153,2198,2337],"class_list":["post-1064","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-aufstand","tag-diez","tag-konsum","tag-konsumkritik","tag-pop","tag-sloterdijk","tag-spiegel","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1064","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1064"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1064\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1064"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1064"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1064"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}