{"id":1106,"date":"2012-12-24T10:19:35","date_gmt":"2012-12-24T08:19:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1106"},"modified":"2012-12-24T10:19:35","modified_gmt":"2012-12-24T08:19:35","slug":"zu-weihnachten-konsumkritikteil-3von-thomas-hecken24-12-2012","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/12\/24\/zu-weihnachten-konsumkritikteil-3von-thomas-hecken24-12-2012\/","title":{"rendered":"Zu Weihnachten Konsumkritik(Teil 3)von Thomas Hecken24.12.2012"},"content":{"rendered":"<p>Das wichtigste feststellbare Ergebnis der Konsumkritik besteht darin, dass insgesamt nicht weniger, sondern lediglich einige andere, angeblich unkommerziellere Dinge gekauft und verbraucht werden.<!--more--><\/p>\n<p>Die Verkaufszahlen rund um Weihnachten belegen das Jahr f\u00fcr Jahr. Je unumstrittener die Konsumkritik prinzipiell ist, desto h\u00f6her der Umsatz. Offenkundig folgt nur f\u00fcr zutiefst \u00f6kologisch besorgte oder religi\u00f6s-asketisch eingestellte Personen aus der Konsumkritik ein Konsumverzicht bzw. eine Verringerung der Ausgaben.<\/p>\n<p>Die Aussage von Wolfgang Ullrich aus dem Jahr 1999 hat darum prinzipiell an G\u00fcltigkeit nichts verloren. Der heutige Kulturkritiker, hei\u00dft es in Ullrichs \u00bbNachruf auf die Kulturkritik\u00ab, \u00bbwill nicht wirklich etwas ver\u00e4ndern, sondern lediglich bei m\u00f6glichst vielen Lesern Zustimmung ernten. Dann vermittelt man ihnen ein gutes Gef\u00fchl, n\u00e4mlich den Eindruck, \u00e4hnlich weise zu sein wie der Kommentator und zu wissen, was z\u00e4hlt auf der Welt.\u00ab (Wolfgang Ullrich, \u00bbZentrifugalangst und Autonomiestolz. Ein Nachruf auf die Kulturkritik\u00ab, in: Neue Rundschau, Heft 1, 1990, S. 9-22, hier S. 21)<\/p>\n<p>Mit Blick auf die Konsumkritik sind blo\u00df zwei Dinge zu erg\u00e4nzen. Erstens soll von den meisten Konsumkritikern weniger der Eindruck von Weisheit als der des Durchblickens und der Geschmackssicherheit hervorgerufen werden. Der Grund daf\u00fcr ist leicht auszumachen: Die Konsumkritik ist heutzutage weiter verbreitet als die anderen Dimensionen der Kulturkritik. Wenn Ullrich von den Lesern schreibt, bei denen der Kulturkritiker das einvernehmliche Gef\u00fchl weiser \u00dcberlegenheit erzeugen m\u00f6chte, kann bei der Konsumkritik viel st\u00e4rker von Sprechern geredet werden. Die Konsumkritik ist Teil der Alltagskommunikation, sie geh\u00f6rt zum festen Bestand vieler m\u00fcndlich ge\u00e4u\u00dferter Einlassungen und Urteile. In solchen Situationen und Zusammenh\u00e4ngen ist nicht Weisheit gefragt, sondern rasche \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Und zweitens: Zwar wird die heutige Konsumkritik zumeist ohne die entschiedene Absicht angebracht, mit der konsumkritischen Aussage die Gegenwart negativ an einem fr\u00fcheren Zustand zu messen und entschlossen zur \u00dcberwindung dieser Gegenwart aufzurufen. \u00dcber ein unverbindliches Lamento geht sie aber hinaus. Pr\u00e4zise dient sie dazu, einem Geschmacksurteil mehr Gewicht, eine objektivierende Note zu verleihen. Das ist die am weitesten verbreitete Form gegenw\u00e4rtiger Konsumkritik: die Form des maskierten, beschwerten Geschmacksurteils.<\/p>\n<p>Wenn gesagt wird: Der Song x, die Hose y, das Event z sei kommerziell, ein typisches Konsumprodukt, dann bedeutet dies fast immer: Es handelt sich um einen schlechten Song, eine geschmacklose Hose, ein \u00e4sthetisch minderwertiges Event. Wie durchgesetzt diese Form der Konsumkritik ist, sieht man daran, dass diejenigen, die solche \u00c4u\u00dferungen t\u00e4tigen, h\u00f6chst selten Rechenschaft dar\u00fcber ablegen, ob denn die von ihnen bevorzugten Gegenst\u00e4nde und Ereignisse keine aus Profitgr\u00fcnden hergestellten Konsumprodukte sind \u2013 und kaum einmal von anderen aufgefordert werden, dar\u00fcber Rechenschaft abzulegen.<\/p>\n<p>Unbedacht und unwidersprochen bleibt zumeist ebenfalls, dass die allermeisten, die solche Urteile f\u00e4llen, Anh\u00e4nger der Auffassung sind, dass die K\u00fcnste regellos und der Geschmack subjektiv seien, die Aussage \u00fcber die Konsumgestalt eines Objekts demnach nichts Feststehendes \u00fcber seinen \u00e4sthetischen Wert besagen kann. Auch dies ist ein schwerwiegendes Indiz daf\u00fcr, wie stark die Konsumkritik Halt in der Alltagskommunikation findet. Ihre Funktion liegt dort darin, das eigene Urteil zu zementieren, es \u00fcber die Beliebigkeit des Meinens \u2013 \u00fcber Geschmack l\u00e4sst sich nicht streiten \u2013 hinauszuheben und dadurch die eigene Hochwertigkeit zu dokumentieren und durchzusetzen.<\/p>\n<p>Wenn Wolfgang Ullrich ausf\u00fchrt, dass die Kulturkritik ihren heutigen Verfechtern oft ein gutes Gef\u00fchl verschafft, gilt das f\u00fcr die meisten Konsumkritiker erst recht: Sie d\u00fcrfen nicht nur den Eindruck genie\u00dfen, \u00fcber einen guten Geschmack zu verf\u00fcgen, der von anderen kaum bestritten wird. Sie k\u00f6nnen sich auch dar\u00fcber freuen, dass ihnen der Vollzug ihrer Vorlieben nicht als konsumistischer Akt vorgeworfen wird, obwohl ihre Lieblingsgegenst\u00e4nde ebenfalls in Gestalt von Waren erworben werden m\u00fcssen und ihre Aneignung zumeist auch nicht wesentlich bed\u00e4chtiger und konzentrierter vorgenommen wird als die eines Big Macs, eines Dieter-Bohlen-Songs oder einer amerikanischen Comedy-Serie. So lange aber nur diese der Konsumkritik verfallen, wird die Konsumkritik weder \u00f6konomische noch \u00f6kologische \u00c4nderungen bewirken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das wichtigste feststellbare Ergebnis der Konsumkritik besteht darin, dass insgesamt nicht weniger, sondern lediglich einige andere, angeblich unkommerziellere Dinge gekauft und verbraucht werden.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[865,1270,1277,1280,1320,2210,2558],"class_list":["post-1106","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-geschmacksurteil","tag-konsum","tag-konsumkritik","tag-konsumprodukt","tag-kulturkritik","tag-sprachgebrauch","tag-wolfgang-ullrich"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1106","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1106"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1106\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}