{"id":1311,"date":"2013-02-17T10:43:39","date_gmt":"2013-02-17T08:43:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1311"},"modified":"2013-02-17T10:43:39","modified_gmt":"2013-02-17T08:43:39","slug":"in-den-massenmedien-von-libyen-nach-syrienteil-1von-thomas-hecken17-02-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/02\/17\/in-den-massenmedien-von-libyen-nach-syrienteil-1von-thomas-hecken17-02-2013\/","title":{"rendered":"In den Massenmedien von Libyen nach SyrienTeil 1: Grundsatzfragenvon Thomas Hecken17.02.2013"},"content":{"rendered":"<p>Das ist kein Thema, \u00fcber das man gerne schreibt. Ist es auch ein Thema, zu dem man besser in der medialen \u00d6ffentlichkeit nichts sagen sollte?<!--more mehr--> In einer Hinsicht schon, zu gro\u00df ist der Abstand zwischen dem Elend dort und dem Wohlergehen hier. Einsch\u00e4tzungen, gar Ratschl\u00e4ge besitzen vom sicheren, befriedeten deutschen Boden darum leicht (wahrscheinlich sogar unvermeidlich) etwas Anma\u00dfendes und Obsz\u00f6nes.<\/p>\n<p>Fraglos ist es so, dass dem Schritt, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, in den meisten F\u00e4llen ein hoher Leidensdruck vorausgegangen sein muss, wenn es sich um \u00e4ltere Akteure au\u00dferhalb von Armeen handelt (die sich in den niederen R\u00e4ngen nicht von ungef\u00e4hr aus fr\u00fchzeitig gedrillten, jungen Menschen zusammensetzen).<\/p>\n<p>Wenn dieser Schritt nicht nur von einzelnen vollzogen wird, darf er als untr\u00fcglicher Indikator daf\u00fcr genommen werden, dass die Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen unertr\u00e4glich geworden sind. Dies ist erst einmal anzuerkennen und in politischen Kommentaren nicht sofort durch Begriffe wie \u203aTerrorismus\u2039 oder \u203aRealpolitik\u2039 so oder so zu \u00fcberdecken und abzuwerten. Auch gilt es wie gesagt zu bedenken, dass der Abstand vom bequemen deutschen Schreibtischstuhl zu den schrecklichen Zust\u00e4nden dort einfach zu gro\u00df ist, um zu Urteilen gelangen zu k\u00f6nnen, die den Betroffenen angemessen erscheinen.<\/p>\n<p>Dennoch soll das in anderer Hinsicht gerade kein Argument gegen das Bequeme sein (und prinzipiell keins f\u00fcr den Vorrang existenzieller Beglaubigung). Im Gegenteil, allen Argumenten, die bei ihren kritischen Betrachtungen \u00e4rmlicher L\u00e4nder (in denen es neben den reichen Machthabern nur eine vergleichsweise kleine Mittelschicht gibt) vom Fortschritt hin zu allgemein gr\u00f6\u00dferem materiellen Wohlergehen (hin zu gr\u00f6\u00dferer \u203aBequemlichkeit\u2039) absehen und stattdessen \u2013 wie das in der Berichterstattung oft geschieht \u2013 allein Freiheitsrechte in den Mittelpunkt stellen, ist zu misstrauen.<\/p>\n<p>Nicht, weil ihr Anliegen grunds\u00e4tzlich falsch w\u00e4re. Viel st\u00e4rkerer Schutz des Einzelnen vor staatlicher (exekutiver wie juristischer) Gewalt, vergr\u00f6\u00dferte Meinungs- und Pressefreiheit \u2013 das sind hoch berechtigte Forderungen. Zu beschr\u00e4nkt ist diese Forderung aber, weil sie an den dr\u00e4ngenden Bed\u00fcrfnissen weiter Teile der Bev\u00f6lkerung vorbeigeht. Eine Folge der Art, dass gr\u00f6\u00dfere individuelle Freiheitsrechte zwingend zu h\u00f6herem Lebensstandard f\u00fchrten, gibt es leider nicht.<\/p>\n<p>Deshalb liegen nun einmal bestimmte liberale Rechte Schriftstellern, Journalisten, Geisteswissenschaftlern, oppositionellen Politikern n\u00e4her am Herzen als dem gro\u00dfen Rest der Bev\u00f6lkerung, die in ihrem t\u00e4glichen Dasein viel weniger von den Einschr\u00e4nkungen solcher Rechte betroffen ist als von anderen Mangelerfahrungen.<\/p>\n<p>Demokratische Wahlen f\u00fchren unter solchen Bedingungen recht h\u00e4ufig nur dazu, dass die (regionalen, religi\u00f6sen usw.) Unterschiede innerhalb des Staatsvolks neu dokumentiert oder sogar vertieft werden \u2013 falls auf die Wahl nicht eine Regierungskoalition \u203anationaler Einheit\u2039 folgt (f\u00fcr die im Regelfall Aushandlungen unabh\u00e4ngig vom Wahlakt ohnehin wichtiger sind), sondern die diskriminierende Machtaus\u00fcbung der Vertreter einer (relativen) Mehrheit \u00fcber die Wahlverlierer.<\/p>\n<p>Die Frage, ob es sich daf\u00fcr lohnt, ins Gef\u00e4ngnis zu gehen oder die Waffe in die Hand zu nehmen, ist deshalb selbst aus westlich-demokratischer Sicht nicht zwangsl\u00e4ufig zu bejahen. Umso dringlicher ist es, die Beweggr\u00fcnde f\u00fcr die Gewalthandlungen zu \u00fcberpr\u00fcfen, auch aus der Distanz heraus. Denn in einer Hinsicht besteht gar kein Abstand vom westlichen Alltag hier zu den blutigen K\u00e4mpfen dort: Fast kein Aufstand in den \u00e4rmlichen L\u00e4ndern kommt ohne Betreiben westlicher Diplomatie, Geheimdienst- und Milit\u00e4raktionen entscheidend voran.<\/p>\n<p>Die westlichen Massenmedien, besonders die TV-Anstalten und gro\u00dfen Presseorgane, fungieren dabei f\u00fcr gew\u00f6hnlich auf breiter Front als Parteig\u00e4nger der jeweiligen nationalen Regierungen und\/oder der westlichen B\u00fcndnisorganisationen. Dadurch geh\u00f6ren Revolution und Krieg auch zur Alltagsroutine all der Leute, die gem\u00fctlich zu Hause oder bei Reisen, deren gr\u00f6\u00dfte Gefahr darin liegt, dass sich Versp\u00e4tungen von ein paar Minuten ergeben, Nachrichtensendungen sehen und Tageszeitungen lesen.<\/p>\n<p>Jedes Jahr liefert daf\u00fcr neue Beispiele. In den n\u00e4chsten beiden Folgen dieser kleinen Artikelserie geht es um Libyen als den schon wieder vergessenen und um Syrien als den aktuellen Berichtsort solch internationaler Bem\u00fchungen um einen gewaltsam herbeigef\u00fchrten Regimewechsel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das ist kein Thema, \u00fcber das man gerne schreibt. 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