{"id":1330,"date":"2013-02-20T15:27:39","date_gmt":"2013-02-20T13:27:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1330"},"modified":"2013-02-20T15:27:39","modified_gmt":"2013-02-20T13:27:39","slug":"abstrakte-walder-rezension-zu-mateo-kriesmathias-schwartz-clauss-vitra-design-museum-hg-pop-art-designvon-thomas-hecken20-02-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/02\/20\/abstrakte-walder-rezension-zu-mateo-kriesmathias-schwartz-clauss-vitra-design-museum-hg-pop-art-designvon-thomas-hecken20-02-2013\/","title":{"rendered":"Abstrakte W\u00e4lder Rezension zu Mateo Kries\/Mathias Schwartz-Clauss [Vitra Design Museum] (Hg.), \u00bbPop Art Design\u00abvon Thomas Hecken20.2.2013"},"content":{"rendered":"<p>Unverkrampft und nicht naiv<!--more-->Zu Beginn muss man sich ein wenig Sorge um den Ausstellungsband machen. Im Geleitwort der Museumsdirektoren des Moderna Museet (Stockholm) und des Louisiana Museum of Modern Art (Humleback), die viele Leihgaben zur Ausstellung beigesteuert haben, hei\u00dft es in bestem Roman-Herzog-Deutsch, <strong>\u00bb<\/strong>unverkrampft\u00ab sei die <strong>\u00bb<\/strong>Geisteshaltung des Pop\u00ab.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, welches Wort an der Stelle im wahrscheinlich englischen Manuskript gestanden hat, fest steht aber zumindest, dass die beiden Direktoren glauben, gar nicht mehr in Manier des Bundespr\u00e4sidenten a.D. einen \u203aRuck\u2039 fordern zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Der Ruck hat sich ihnen zufolge n\u00e4mlich bereits vollzogen. Die Unterscheidung von <strong>\u00bb<\/strong>sch\u00f6ner\u00ab und <strong>\u00bb<\/strong>angewandter Kunst\u00ab, von <strong>\u00bb<\/strong><em>high<\/em> und <em>low<\/em>\u00ab w\u00fcrden <strong>\u00bb<\/strong>wir heute dank Pop-Art und Design kaum noch wagen zu verwenden.\u00ab<\/p>\n<p>Das w\u00e4re in der Tat eine erstaunliche Ver\u00e4nderung. In der <strong>\u00bb<\/strong>FAZ\u00ab, dem langj\u00e4hrigen Hausblatt des \u203aRuck\u2039-Freundes Herzog auf s\u00e4mtlichen (ein Hoch der Gewaltenteilung!) Spitzen des deutschen Staates (Parlamentsabgeordneter, Landesminister, Pr\u00e4sident des Verfassungsgerichts, dann Herr in Schloss Bellevue), klang das z.B. Ende 1967 noch ganz anders: <strong>\u00bb<\/strong>Pop \u2013 Peng! \u2013 dreht durch. Superman im Supermarkt verendet\u00ab, lautete der Titel des Artikels (Sabine Lietzmann, <strong>\u00bb<\/strong>FAZ\u00ab, 30.12.1967).<\/p>\n<p>Gemeint war: Die Pop-Art sei dabei, an ihrer warenf\u00f6rmigen, massenhaften Adaption zugrunde zu gehen. Um Supermann hat die <strong>\u00bb<\/strong>FAZ\u00ab keine Angst, wohl aber um Warhol &amp; Co: \u00bbPop als Mode, als Lebensstil, als Elixier der Unterhaltungsindustrie; das hat Pop Witz und Sch\u00e4rfe gekostet. Auf dem Umweg \u00fcber den teils bewu\u00dften, teils unbewu\u00dften Kitsch ist Pop eingesickert in den Konsum, in die Welt der Biergl\u00e4ser und Streichholzschachteln.\u00ab Kein Gedanke daran, dass Pop-Artisten solcher Verbreitung ihrer Arbeit vielleicht positiv gegen\u00fcberstehen k\u00f6nnten; f\u00fcr den <strong>\u00bb<\/strong>Konsum\u00ab wird der Kunst-<strong>\u00bb<\/strong>Pop\u00ab nicht verantwortlich gemacht: <strong>\u00bb<\/strong>[S]o geschah das Paradox, da\u00df die Banalit\u00e4t seine [sic] Parodie eingeholt hat, sie hat sich ihrer bem\u00e4chtigt, sie \u00fcberw\u00e4ltigt und verschlungen.\u00ab<\/p>\n<p>Auch das war eine erstaunliche Diagnose, sah sich doch die Pop-Art zu ihrem amerikanischen Beginn, in der ersten H\u00e4lfte der 60er Jahre, noch h\u00e4ufig der umgekehrten Kritik ausgesetzt: Sie sei zu nah an ihren zitierten Gegenst\u00e4nden aus Comics, Plakaten, Illustrierten, Boulevardzeitungen, Werbung und Supermarkt-Gebrauchsdesign, um zur Kunst z\u00e4hlen zu k\u00f6nnen. Nun, 1967, bereits in einer konservativen deutschen Zeitung die betr\u00fcbte (sicher auch etwas mit Schadenfreude durchsetzte) Meldung, leider sei die Pop-Art rasch gebrauchsf\u00e4hig geworden.<\/p>\n<p>Dazwischen liegt folglich jene Periode, in der die Pop-Art rasch zur Kunst nobilitiert wurde, indem man in der akademischen und feuilletonistischen Kunstkritik ihren Abstand zur Warenwelt und deren Gestaltung herausarbeitete. Am pointiertesten hat das Robert Rosenblum in seinem Artikel \u00bbPop Art and Non-Pop Art\u00ab getan: Wer an der Pop-Art deren Sujets sch\u00e4tze, schrieb er im Sommerheft der Zeitschrift \u00bbArt and Literature\u00ab 1965 , sei offenkundig wegen der Fixierung auf die <strong>\u00bb<\/strong>vulgar trees\u00ab nicht in der Lage, den <strong>\u00bb<\/strong>abstract forest\u00ab zu sehen. Die besten Pop-Artisten wie z.B. Roy Lichtenstein teilten mit ihren <strong>\u00bb<\/strong>abstract contemporaries a sensibility to bold magnifications of simple, regularized forms \u2013 rows of dots, stripes, chevrons, concentric circles; to taut, brushless surfaces that often reject traditional oil techniques in favor of new industrial media of metallic, plastic, enamel quality; to expansive areas of flat, unmodulated color.\u00ab<\/p>\n<p>Da machte es nicht einmal etwas aus, dass einige dieser Techniken und Farbvaleurs dem Bereich der Werbung und der \u203aslick-magazine\u2039-Fotografie entstammten, diente doch das Unnuancierte, k\u00fcnstlich Oberfl\u00e4chliche jener antirealistischen, abstrakt-flachen Illusionslosigkeit, der in der zeitgen\u00f6ssischen Kunstkritik seit l\u00e4ngerer Zeit zuverl\u00e4ssig das h\u00f6chste Lob zukam. Mit dem erfolgreich herausgestellten Zusammenhang von Pop-Art und abstrakter Kunst ist deshalb nicht der Status letzterer besch\u00e4digt, sondern der ersterer etabliert worden. Dem Zug der Pop-Art in die Museen und Universit\u00e4ten stand nichts mehr entgegen, nicht einmal ihre manchmal zweifelhaften Sujets und Vorlagen (bzw. ihre <strong>\u00bb<\/strong>vulgar trees\u00ab).<\/p>\n<p>Zwar ist der Antrieb der weiteren Pop-Art-Rezeption (etwa in den Nachrichtenmagazinen und auch bei Teilen der Museumsg\u00e4nger) sicherlich auch gespeist von der Freude an den Comics, Zeitungsschlagzeilen, Filmstars etc., dies gereicht aber aus Sicht der Anh\u00e4nger moderner \u00c4sthetik nur den Rezipienten zum Nachteil, nicht den K\u00fcnstlern. <strong>\u00bb<\/strong>They really worship Marilyn Monroe or Coca-Cola\u00ab, wunderte sich etwa Tom Wesselmann April 1964 in einem Interview mit <strong>\u00bb<\/strong>Art News\u00ab, um darum abwehrend gleich hart anzuf\u00fcgen: <strong>\u00bb<\/strong>The importance people attach to things the artist uses is irrelevant.\u00ab<\/p>\n<p>Der Vorrang \u00e4sthetischer Interesselosigkeit ist damit deutlich erkl\u00e4rt. Wenn die Begeisterung f\u00fcr das Sujet schon unwichtig f\u00fcr den Kunst-Status ist, wie merkw\u00fcrdig muss von dieser Warte erst ein Begriff wie der der \u203aGebrauchskunst\u2039 klingen. Gemessen an dieser Position w\u00e4re ein Gleichklang von Kunst und Design, von dem die angef\u00fchrten Museumsdirektoren glauben, er sei l\u00e4ngst vollzogen, tats\u00e4chlich ein bemerkenswerter \u203aRuck\u2039 und Zeugnis des \u203aUnverkrampften\u2039.<\/p>\n<p>Nicht nur weil die Begriffe im Deutschen wegen Herzogs Reden die starke Konnotation des Neoliberalismus besitzen, kann man sich jedoch kaum vorstellen, dass eine solche Aufl\u00f6sung des Gegensatzes von \u203ahigh\u2039 und \u203alow\u2039, von der wiederum die Direktoren ausgehen, in der Kunstwelt stattgefunden haben soll.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das auch nicht so. Der vorliegende Band selbst ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Obwohl Ausstellung und Katalog von einem Museum organisiert wurden, das sich der Stiftung eines M\u00f6belherstellers verdankt, der gleich im Titel der Institution prangt, ist von Supermarkt und Konsum wenig zu sp\u00fcren. Es handelt sich ja auch nicht um das Praktiker- oder Ikea-, sondern um das <strong>\u00bb<\/strong>Vitra Design Museum\u00ab. Folgerichtig sieht man in der Ausstellung u.a. Exponate des Grundstocks der hochpreisigen Vitra-M\u00f6bel, die von der abstrakten Kunst herstammenden Eames-St\u00fchle. In einen vagen Zusammenhang mit der Pop-Art werden z.B. auch die Design-Avantgardisten Ettore Sottsass und Eero Aarnio ger\u00fcckt, dazu gibt es einige Cover von Architektur- und Kunstzeitschriften zu sehen.<\/p>\n<p>Zur Ebene des Supermarkts st\u00f6\u00dft die Ausstellung jedoch nicht vor, nicht einmal zu Filmausstattungen, Illustrierten, Diskothekeneinrichtungen, Boutiquendekor (bei denen nicht nur in den 1960er Jahren Verwandtschaften zur Pop-Art festzustellen sind). Stattdessen bekommt man einmal mehr die Bilder der Pop-Art vorgef\u00fchrt, in denen Gebrauchsgegenst\u00e4nde mancher (vor allem leicht nostalgischer) Art zu sehen sind.<\/p>\n<p>Auch die Texte zum Katalog spiegeln das wieder. Es gibt viele solide Beitr\u00e4ge zur amerikanischen und englischen Pop-Art, die bereits von hunderten \u00e4hnlichen Aufs\u00e4tzen und B\u00fcchern zum Thema profitieren, wenn sie auch den Stand der Forschung (allein aus Platzgr\u00fcnden) nat\u00fcrlich nicht immer einholen k\u00f6nnen. Die Aufs\u00e4tze oder Kapitel zu Schaufenstergestaltung, Werbung, Schallplattenh\u00fcllen etc. unternehmen aber zumeist nicht einmal den Versuch, \u00fcber ein paar Hinweise auf bekannte Design-Avantgarde-Klassiker hinauszukommen.<\/p>\n<p>Der Essay von Diedrich Diederichsen zu LP-Covern besitzt immerhin den Vorzug, diese Verfahrensweise zu benennen (und nicht durch \u203aunverkrampfte\u2039 Rhetorik einer angeblichen Aufl\u00f6sung von \u203ahigh\u2039 und \u203alow\u2039 zu vernebeln): Diederichsen unterteilt in <strong>\u00bb<\/strong>naive\u00ab und (nein, nicht sentimentalische, sondern) <strong>\u00bb<\/strong>konzeptualistische\u00ab LP-Gestaltungen. Das sind in Diederichsens Aufsatz genau zwei St\u00fcck (Warhols Entw\u00fcrfe f\u00fcr <strong>\u00bb<\/strong>Velvet Underground &amp; Nico\u00ab und f\u00fcr <strong>\u00bb<\/strong>Sticky Fingers\u00ab). Um die anderen tausenden <strong>\u00bb<\/strong>naiven\u00ab Illustrationen f\u00fcr Schallplattencover braucht man sich dann selbst im <strong>\u00bb<\/strong>Pop Art Design\u00ab-Zusammenhang nicht mehr zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Dokumentiert wird dadurch einmal mehr der Siegeszug des <a title=\"aufsatz avant-pop\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2012\/09\/08\/avant-pop-als-bedeutende-zeitgenossische-kulturelle-richtung-von-thomas-hecken\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Avant-Pop<\/a>, der dazu beigetragen hat, das sich die Barriere zwischen hoher und niederer, sch\u00f6ner und angewandter Kunst teilweise ge\u00f6ffnet hat, sodass nun einige Schnittmengen beider Gebiete existieren. Von einer Aufl\u00f6sung der Grenze kann aber \u00fcberhaupt keine Rede sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><\/p>\n<p>Mateo Kries\/Mathias Schwartz-Clauss (Hg.)<br \/>\nPop Art Design<br \/>\nWeil am Rhein: Vitra Design Museum 2012<br \/>\nISBN: 978-3-931936-95-2<br \/>\n272 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unverkrampft und nicht naiv<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[261,278,526,990,1817,1993,2077,2337,2469,2504],"class_list":["post-1330","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-ausstellungskatalog","tag-avant-pop","tag-design","tag-high-and-low","tag-pop-art","tag-rezension","tag-schone-und-angewandte-kunst","tag-thomas-hecken","tag-vitra","tag-warhol"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1330"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1330\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1330"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1330"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1330"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}