{"id":1362,"date":"2013-03-02T11:01:37","date_gmt":"2013-03-02T09:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1362"},"modified":"2013-03-02T11:01:37","modified_gmt":"2013-03-02T09:01:37","slug":"akademisches-wellenreiten-rezension-zu-kristin-lawler-the-american-surfer-radical-culture-and-capitalismvon-konstantin-butz2-3-2013-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/03\/02\/akademisches-wellenreiten-rezension-zu-kristin-lawler-the-american-surfer-radical-culture-and-capitalismvon-konstantin-butz2-3-2013-2\/","title":{"rendered":"Akademisches Wellenreiten Rezension zu Kristin Lawler, \u00bbThe American Surfer \u2013 Radical Culture and Capitalism\u00abvon Konstantin Butz2.3.2013"},"content":{"rendered":"<p>Puritanische Studien<!--more--><\/p>\n<p>Mit \u00bbThe American Surfer \u2013 Radical Culture and Capitalism\u00ab legt die Amerikanerin Kristin Lawler eine Studie vor, die sich der Bedeutung und Signifikanz von Wellenreiterinnen und Wellenreitern in ihrer popul\u00e4rkulturellen Repr\u00e4sentation annimmt. Neben Nick Ford und David Browns \u00bbSurfing and Social Theory: Experience, Embodiment and the Narrative of the Dream Glide\u00ab (2006) entwickelt sie damit eine der wenigen monografischen Abhandlungen zum Thema \u00bbSurfing\u00ab, die vor einem soziologischen und sozialtheoretischen Hintergrund verfasst wurden. \u00bbThe American Surfer\u00ab erscheint in der Reihe \u00bbRoutledge Advances in Sociology\u00ab.<\/p>\n<p>Lawler gliedert ihre Arbeit in f\u00fcnf gro\u00dfe Teilabschnitte, in denen sie die Entwicklung der Surfkultur skizziert. Sie folgt dabei einem chronologischen Aufbau, der auch in zahlreichen popul\u00e4rkulturellen (das hei\u00dft nicht-akademischen) Publikationen als Grundlage f\u00fcr eine \u203aGeschichte\u2039 des Surfens dient: von den fr\u00fchen polynesischen Kulturen auf Hawaii bis zur kommerziellen Surfkultur an der kalifornischen K\u00fcste.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">\u00a0Inhalts\u00fcbersicht<\/p>\n<p>Im ersten Kapitel \u00bbRadical: Surf Culture, Image, and Capitalism\u00ab betont sie die Bedeutung, die sie der Repr\u00e4sentation von Surfing, Surferinnen und Surfern in den USA zuschreibt. Die Verbreitung von \u00bbimages\u00ab der Surfkultur sieht sie dabei an eine Vermittlung von Freiheitsmotiven gekoppelt, die \u2013 trotz ihrer kommerziellen Medialisierung \u2013 als Inspirationsquelle f\u00fcr Alternativen einer durch Arbeitsverh\u00e4ltnisse entfremdeten Gesellschaft fungieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dass sie in diesem Zusammenhang unter anderem Max Webers Werk \u00bbDie protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus\u00ab anf\u00fchrt, \u00fcberrascht insofern nicht, als die darin beschriebenen Charakteristika des Kalvinismus einer als hedonistisch geltenden und eben nicht auf Produktivit\u00e4t ausgelegten Surfkultur gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>So unterstreicht Lawler gleich zu Anfang, wen bzw. was sie als kulturellen Gegenpart zum Surfen w\u00e4hnt: den puritanisch gepr\u00e4gten amerikanischen Kapitalismus und Konservatismus. Dass der Kapitalismus und die damit einhergehende Konsumkultur, die in den USA f\u00fcr eine Verbreitung des Surf(er)images sorgen, allerdings nicht per se im Widerspruch zum subversiv-gegenkulturellen Potential der Surfkultur stehen m\u00fcssen, bildet eine Hauptthese, die Lawler zu Beginn ihres Buches festh\u00e4lt. Sie ist der Meinung, dass \u00bbthe idea that consumerism is the great enemy of the political potential of the working class has been wildly overstated, to say the very least\u00ab (9).<\/p>\n<p>Damit gibt sie die affirmative Tendenz vor, die im Folgenden ihre Analyse der Surfkultur charakterisieren wird. Trotz (oder gerade wegen?) deren kommerzieller und massenmedialer Vermarktung, w\u00e4hnt sie in der Surfkultur und ihrer Repr\u00e4sentation die M\u00f6glichkeit eines Aufbegehrens, das den Zielen der Working Class nahe steht und sich gegen etablierte Strukturen der Leistungsgesellschaft richtet.<\/p>\n<p>Im Kapitel \u00bbIsland Time: Primitives, Puritans, and Hucksters\u00ab schildert Lawler zun\u00e4chst die Kultur der polynesischen Siedler auf Hawaii, die auch im Allgemeinen (das hei\u00dft in anderen Publikationen zum Thema Surfing) als \u203aUrsprung\u2039 des Wellenreitens beschrieben wird und damit die Grundlage f\u00fcr \u00bbthe founding story of the surf subculture\u00ab (16) liefert. Hier wird Surfen vor allen Dingen mit Freiheit und im wahren Sinne des Wortes mit Freizeit verbunden und als essenzieller Bestandteil hawaiianischer Kultur verstanden.<\/p>\n<p>Lawler erkl\u00e4rt, wie sich demgegen\u00fcber im Zuge der Missionierung des Archipels die puritanischen Moralvorstellungen des Kalvinismus etablieren, die zum Teil brutale Repressionen nach sich ziehen und f\u00fcr eine Unterdr\u00fcckung der polynesisch gepr\u00e4gten Surfkultur sorgen. Neben den in diesem Zusammenhang weiterhin wichtigen Verbindungen zu Webers Arbeit \u00fcber die protestantische Ethik, nimmt Lawler an dieser Stelle Bezug auf E.P. Thompsons Aufsatz \u00bbTime, Work-Discipline, and Industrial Capitalism\u00ab: Die von \u00bbspontaneity, pleasure, and freedom\u00ab (16) gepr\u00e4gte \u00bbIsland Time\u00ab auf Hawaii, wird an dieser Stelle einer Zeitmessung gegen\u00fcbergestellt, die mit der Industrialisierung das Leben der Menschen zu pr\u00e4gen beginnt. Die \u203aurspr\u00fcngliche\u2039 hawaiianische Surfkultur scheint sich einer solchen profitorientierten Tagesgestaltung zu entziehen.<\/p>\n<p>Lawler untersucht in diesem Kapitel zun\u00e4chst vor allem Bilder und Repr\u00e4sentationen von Surferinnen und Surfern, die vor der missionarischen Intervention auf Hawaii aktiv waren, um deren visuell gepr\u00e4gte Anziehungskraft, ihre Attraktivit\u00e4t und ihr Fortbestehen innerhalb der amerikanischen Kultur herauszustellen. Die Verk\u00f6rperung von individueller Freiheit und spielerischer Freizeit, die hier vermittelt wird, korrespondiert nach Lawlers Lesart mit den Sehns\u00fcchten vieler Amerikanerinnen und Amerikaner.<\/p>\n<p>Sie kann dementsprechend erl\u00e4utern, inwiefern diese \u00bbimages\u00ab vom Surfing zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil verschiedener Marketingcampagnen wurden, die den Tourismus auf Hawaii befl\u00fcgelten und zahlreiche Menschen auf die Insel und besonders nach Waikiki Beach lockten. Ebenso attraktiv waren Surfpr\u00e4sentationen auf dem amerikanischen Festland, wo sie genutzt wurden, um die potentielle K\u00e4uferschaft neu entstehender Immobilien an die K\u00fcste Kaliforniens einzuladen.<\/p>\n<p>Lawler markiert an dieser Stelle eine Widerspr\u00fcchlichkeit, die sie daran festmacht, dass mit dem Surfen nun eine T\u00e4tigkeit Teil der kommerziellen Kultur wird, die dem puritanischen Flei\u00df und der kapitalistischen Produktion zuwiderl\u00e4uft. Sowohl puritanische Moralvorstellungen als auch touristische Gesch\u00e4ftsmodelle werden im Sinne Lawlers vom \u00bbGeist des Kapitalismus\u00ab umweht, und trotzdem stehen sie f\u00fcr v\u00f6llig unterschiedliche Reaktionen, mit denen sich die Surfkultur konfrontiert sieht. Moralische Ablehnung trifft hier auf kommerzielle Aneignung.<\/p>\n<p>Letztere spielt in Lawlers Schilderungen dann auch eine enorme Bedeutung f\u00fcr die Stilisierung der so genannten \u00bbbeach boys\u00ab, die ein Leben frei von Zw\u00e4ngen und Arbeit verk\u00f6rpern. Sie spielen ebenfalls eine herausragende Rolle in der kommerziellen Bewerbung Hawaiis, wobei Lawler besonders auf die sexuelle Freiz\u00fcgigkeit der Beteiligten hinweist und hier Alternativen zu den konservativ konnotierten Vorstellungen von traditioneller M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit entdeckt. Im Aufeinandertreffen und Zusammenwirken vom \u00bbbeach boy\u00ab als Surflehrer und weiblichen Touristinnen macht sie keine etablierten Rollenmodelle fest, sondern betont das sexuell befreite Auftreten der \u00bbsurf students\u00ab.<\/p>\n<p>Ein solches Ausleben unterdr\u00fcckter Sexualit\u00e4t kann sie unter Bezug auf psychoanalytische Theorieans\u00e4tze von Sigmund Freud und Herbert Marcuse als weitere gegenkulturelle Komponente umschreiben, mit der die Surfkultur den puritanisch gepr\u00e4gten Kapitalismus konfrontiert. Als Grundlage f\u00fcr ihre Beobachtungen dienen Lawler eine Vielzahl von Postkarten und Touristenbrosch\u00fcren aus Hawaii, die sie zu diesem Zweck detailliert beschreibt und ausf\u00fchrlich vorstellt.<\/p>\n<p>Im anschlie\u00dfenden Kapitel \u00bbThe Oceanic Feeling: Surfing\u2019s Lost Paradise\u00ab erweitert die Autorin ihre Bez\u00fcge zur Psychoanalyse und den Arbeiten Freuds. Sie erl\u00e4utert, inwiefern \u00bbimages of surfing exude the promise of redemption, of a return to the oneness with the world that Freud calls \u203aoceanic\u2039\u00ab (69). Sie weist erneut darauf hin, dass Surfing, trotz der massiven Pr\u00e4senz in der amerikanischen Kultur, weitgehend unerforscht ist und damit dem von der Psychoanalyse untersuchten \u203aUnbewussten\u2039 gar nicht un\u00e4hnlich.<\/p>\n<p>Die damit implizierte Forschungsl\u00fccke sucht sie zu schm\u00e4lern, indem sie den Blick nun besonders auf die kalifornische K\u00fcste lenkt, wo sich in den Dekaden vor dem zweiten Weltkrieg eine Surfkultur etabliert, welche sp\u00e4tere Bewegungen wie die der Beats oder der Hippies vorwegnimmt und so ihre Wichtigkeit und Einflussnahme innerhalb amerikanischer Gegenkulturen unter Beweis stellt. Durch ein Leben am Strand, gepr\u00e4gt von einem \u00bbpopular cultural myth of primitive, Edenic pleasure and abundance\u00ab (95), kommen Surferinnen und Surfer nach Lawlers Interpretation dem ozeanischen Gef\u00fchl eines Einklangs mit der Natur besonders nahe und repr\u00e4sentieren dadurch die Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies, einem \u00bbparadise lost\u00ab (69).<\/p>\n<p>Abermals betont sie die subkulturelle bzw. gegenkulturelle Pr\u00e4gung des Surfing, indem sie die Spitznamen, die sich die Mitglieder der Surfkultur selber geben, durch Louis Althussers \u00dcberlegungen zum Begriff der \u00bbAnrufung\u00ab oder \u00bbInterpellation\u00ab pr\u00e4zisiert und deutet: \u00bbWe can see the refusal to be \u203anamed\u2039 as a refusal of the <em>subjection<\/em> that makes working class reproduction [&#8230;] (as alienated, exploited workers) possible\u00ab (82) erkl\u00e4rt Lawler und kreiert damit weitere Verbindung zwischen den K\u00e4mpfen der Working Class und der Widerst\u00e4ndigkeit der Surfkultur.<\/p>\n<p>In ihren Augen entgehen die Mitglieder der Surfkultur durch ihre Spitznamen \u2013 das hei\u00dft, durch den Verzicht auf eine fixierte Identit\u00e4t \u2013 einer Anrufung, die sonst das arbeitende Subjekt dem Reproduktionszyklus des Kapitalismus unterwirft. Die mythologische Konstruktion eines verlorenen Paradieses bzw. der R\u00fcckzug dorthin erm\u00f6glicht es dabei den Surfenden, im ozeanischen Gef\u00fchl einen Zustand zu antizipieren, der sich einer Entfremdung durch die Mechanismen einer gewinnorientierten Gesellschaftsorganisation entgegenstellt.<\/p>\n<p>Lawler f\u00fcgt hinzu, dass es daf\u00fcr nicht wichtig ist, ob der zugrunde liegende Mythos eines Garten Eden oder eines Paradieses tats\u00e4chlich wahr ist, sondern dass es auf die Konsequenzen ankommt, die aus seiner Existenz resultieren: \u00bbWe are looking at what [the myth] <em>produces<\/em>\u2014which is action intended to get back to oceanic pleasure\u00ab (95).<\/p>\n<p>Die R\u00fcckkehr zu diesem ozeanischen Gef\u00fchl verbindet Lawler mit der Hoffnung, die traumatische Erkenntnis zu \u00fcberwinden, dass wir offenbar nicht eins sein k\u00f6nnen mit der Welt, sondern uns immer durch eine von Sprache und Repr\u00e4sentation bestimmte Identit\u00e4t auszeichnen; eine Einsicht, die sie unter Bem\u00fchung von Jaques Lacans Konzeption der \u00bbmirror stage\u00ab konkretisiert.<\/p>\n<p>Das folgende Kapitel \u00bbRiders on the Storm: Surfers and the Sixties\u00ab befasst sich mit der Nachkriegszeit in den USA und beginnt mit einem Verweis auf Tom Wolfes \u00bbThe Pump House Gang\u00ab (1968) und der darin beschriebenen \u00bbteenage surf scene\u00ab (109), die Lawler als exemplarisch f\u00fcr die Entwicklung in den 1960er Jahren vorstellt. Sie spricht dabei der von Wolfe beschriebenen Surf-Szene eine politische Dimension zu, die sich angeblich darin manifestiert, dass die Beteiligten explizit f\u00fcr \u00bbhappiness explosions\u00ab (112) im Sinne Wolfes eintreten und damit all denjenigen Paroli bieten, die, ganz in der Tradition des puritanischen Einflusses, den hedonistischen Lebensstil am Strand lebender Jugendlicher ablehnen und verurteilen.<\/p>\n<p>Um das rebellische Potential herauszustellen, das Lawler an dieser Stelle vermutet, stellt sie eine konzise Analyse von Zeitungsartikeln aus der \u00bbLos Angeles Times\u00ab vor, in denen sich die konservativen und autorit\u00e4ren Reaktionen widerspiegeln, die von so genannten \u00bbsurf bums\u00ab provoziert wurden. Diese stellt Lawler dem ebenfalls weit verbreiteten Bild der \u00bbclean-cut surfers\u00ab (133) gegen\u00fcber, sozusagen den harmlosen, angepassten und sportlich ambitionierten unter den Surfenden.<\/p>\n<p>Allerdings sieht sie die kritische Berichterstattung in der nationalen Presse und die anhaltende Sorge von Polizei, Eltern und Schulbeh\u00f6rden als Beweis daf\u00fcr, dass hier erneut der rebellische Impetus der Surfkultur durchscheint und \u00fcberwiegt, w\u00e4hrend es sich bei dem \u203asauberen\u2039 Bild vom Surfen eher um \u00bbwishful thinking\u00ab (135) handelt. Es schlie\u00dfen sich weitere Analysen und Bezugnahmen auf Surffilme und Surfmusik an, die eine ausf\u00fchrliche \u00dcbersicht \u00fcber die mediale Repr\u00e4sentation in den 1960er Jahren schaffen und von Lawler genutzt werden, um das Image des \u00bbAmerican Surfer\u00ab als losgel\u00f6st von rigoroser Arbeitsethik und stark von Freiheit gepr\u00e4gt nachzuzeichnen.<\/p>\n<p>Das abschlie\u00dfende Kapitel \u00bbThe Malibu Surfer Problem: Play and the Cultural Politics of the Class Struggle\u00ab dient Lawler daf\u00fcr, ihre Studie in einer philosophisch gepr\u00e4gten Diskussion m\u00fcnden zu lassen. Unter R\u00fcckbezug auf das von John Rawls entwickelte \u00bbMalibu Surfer Problem\u00ab wird sich mit verschiedenen Gesellschaftsentw\u00fcrfen auseinandergesetzt, um die M\u00f6glichkeit eines garantierten Grundeinkommens f\u00fcr alle Mitglieder einer Gesellschaft zu durchdenken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Rawls die Surfer Malibus von einem bedingungslosen Grundeinkommen ausschlie\u00dfen w\u00fcrde, weil diese sich nicht produktiv bet\u00e4tigen, formuliert Lawler an dieser Stelle die politische Kernaussage, die sie mit ihrer Studie entwickeln m\u00f6chte: Sie liest das von ihr dargestellte Image des \u00bbAmerican Surfer\u00ab und die zugeh\u00f6rige Kultur als alternative Strategie, die \u2013 in Kongruenz zum \u00bblabor movement\u00ab \u2013 den Kampf um k\u00fcrzere Arbeitszeiten anfeuert und perpetuiert.<\/p>\n<p>Ihre affirmative Lesart der amerikanischen Surfkultur kann somit festgezurrt und in der Formel zusammengefasst werden, dass \u00bba more relaxed culture is a weapon against capitalist exploitation\u00ab (175). In diesem Sinne konstituiert die Surfkultur durch die ihr immanente Gelassenheit und den offensichtlichen Abstand zum marktorientierten Gewinnstreben eine antikapitalistische \u203aWaffe\u2039, die im Endeffekt ein Nebenprodukt einer einfachen Lebensauffassung zu sein scheint: \u00bba life lived in the moment, with pleasure\u00ab (ebd).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">Diskussion und Bewertung<\/p>\n<p>\u00a0Zusammenfassend l\u00e4sst sich festhalten, dass Lawler mit \u00bbThe American Surfer\u00ab eine gut recherchierte und materialges\u00e4ttigte Studie vorlegt, die klar geschrieben ist und besonders durch die intensive Einsicht in die mediale Inszenierung und Entwicklung eines kulturellen Ph\u00e4nomens zu \u00fcberzeugen wei\u00df. Ihre Grundannahme, dass Surfing elementarer Bestandteil der heutigen popul\u00e4ren (Konsum-) Kultur ist, wird auf wenig Widerspruch sto\u00dfen: Die Tatsache, dass es kaum mehr m\u00f6glich ist, sich eine Badehose zu kaufen, die nicht als Surf- oder Boardshorts angepriesen wird, beschreibt nur die Speerspitze einer Vermarktungskette, die das Image vom Wellenreiten zu einem medialen Alltagsph\u00e4nomen macht. Dementsprechend ist der Verwunderung Lawlers dar\u00fcber unbedingt beizupflichten, dass der Surfkultur im akademischen Feld, insbesondere in den Cultural Studies, bisher nur \u00e4u\u00dferst peripher Aufmerksamkeit zuteil wurde. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Bearbeitung dieses Desiderats.<\/p>\n<p>Kritisch angemerkt werden muss jedoch, dass der affirmative Zugang, den Lawler etabliert, teilweise eine wirklich differenzierte Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand vermissen l\u00e4sst. Der Versuch, auch in der kapitalistischen Konsumkultur nach Aspekten widerst\u00e4ndigen Potenzials und gegenkulturellen Handelns zu suchen, ist dabei zun\u00e4chst positiv zu bewerten: eine solche Herangehensweise kann durchaus als Aufgabe einer kritischen Analyse verstanden werden, die Jugend-, Popul\u00e4r- und Subkultur ernst nimmt, ohne sie von vorneherein zum kulturindustriell bedingten Scheitern zu verurteilen. Allerdings erscheint es in Lawlers Ausf\u00fchrungen h\u00e4ufig so, als verstehe sie sich als Syndikus einer Surfkultur, der ansonsten nur mit linkspolitischer Verdammung begegnet w\u00fcrde und die nun mit akademischem Beistand rehabilitiert werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Lawler formuliert den Wunsch, den Images des Surfing, die f\u00fcr Werbung und Konsum rekrutiert werden, wohlwollend gegen\u00fcberzutreten und darin auch weiterhin Spuren eines gegenkulturellen Auswegs aus einer puritanischen Gesellschaft festzumachen. Sie zieht daf\u00fcr wegweisende Studien heran \u2013 zum Beispiel Daniel Bells \u00bbThe Cultural Contradictions of Capitalism\u00ab oder Stephen Duncombes \u00bbDream: Re-Imagining Progressive Politics in the Age of Fantasy\u00ab (2007) \u2013 und formuliert einen Appell an all diejenigen Menschen, die sich als progressiv verstehen, also \u00bbthose who purport to be in favor of workers\u2019 victories, environmentalism, and a liberal attitude to gender roles and sexuality\u00ab (10).<\/p>\n<p>Ihr Aufruf ger\u00e4t \u00fcberzeichnet, denn Lawler empfiehlt, \u00bbto abandon the dour Puritanism that largely informs the left critique of popular and commercial culture, and embrace the fantasies of liberation and ecological connection that Americans are giving voice to when they respond with gusto to images of surfing (and others)\u00ab, um hinzuzuf\u00fcgen, dass es gegen\u00fcber einer vermeintlich unflexiblen Linken gerade Werbefachleute sind, die verstehen, dass \u00bbtapping into these libidinal fantasies is a source of great energy\u00ab (ebd). Ihre Forderung lautet: \u00bbProgressives who dream of liberation and of ecological connection would do well to ride this wave\u00ab (ebd).<\/p>\n<p>Obwohl es v\u00f6llig legitim erscheint, die wirtschaftlichen Mechanismen der Werbung in Bezug zu menschlichen Sehns\u00fcchten zu setzen und auf ihre potenzielle Produktivit\u00e4t innerhalb progressiver, politischer Bewegungen abzuklopfen, deutet sich bereits durch Lawlers Wortwahl an, dass ihrem Ansatz an diesem Punkt die kritische Sch\u00e4rfe abgeht. W\u00e4hrend an vielen Stellen die alltags- und umgangssprachlichen Einsch\u00fcbe der Autorin f\u00fcr einen angenehmen Lesefluss sorgen, tut sie sich keinen Gefallen damit, hier \u00bbto ride this wave\u00ab, also das \u203aReiten einer Welle\u2039 einzufordern. Im Hinblick auf die Thematik ihres Buches erscheint das Wortspiel zwar verf\u00fchrerisch, wenn man das damit verbundene Bild jedoch zu Ende denkt, beinhaltet es die M\u00f6glichkeit, auch unkontrolliert von einer Welle mitgerissen zu werden. Der Anspruch wissenschaftlicher Analyse erschwert es jedenfalls, sich vorzustellen, mit Werbeleuten auf der gleichen Welle zu reiten und dabei wom\u00f6glich in einen Sog zu geraten, der den kritischen Blick verw\u00e4ssert.<\/p>\n<p>An einigen Stellen des Buches entsteht dann tats\u00e4chlich der Eindruck, als sei Lawler etwas zu \u00fcberzeugt von dem rebellischen Bestreben und Wirken der Surfkultur. Dies f\u00fchrt zu einseitigen Interpretationen, die sich zu sehr an Mythen \u2013 den von ihr selbst so bezeichneten \u00bbfounding myths\u00ab des Surfens \u2013 orientieren. Wenn sie beispielsweise den hawaiianischen Surfer Buttons Kaluhiokalani als \u00bb\u203ablack is beautiful\u2039 poster boy\u00ab (107)\u00a0 bezeichnet, um das angeblich damit einhergehende \u00bbiconic image of the primitive-looking, free-living, peace-and-love-and-aloha brown man\u00ab als Gegenpol zum \u00bbclean cut male\u00ab (ebd.) zu etablieren und als Beleg daf\u00fcr anzuf\u00fchren, dass Surfing (bis heute) eng mit der Gegenkultur verbunden ist, dann entsteht der Eindruck, als w\u00fcrde Lawler einige der Brosch\u00fcren f\u00fcr bare M\u00fcnze nehmen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts die touristische Werbetrommel f\u00fcr Hawaii r\u00fchren.<\/p>\n<p>Der kritische Diskurs der angesichts der \u00e4u\u00dferst bewegten Geschichte des Archipels, seiner Missionierung und seiner Annektierung gef\u00fchrt werden m\u00fcsste, tritt bei Lawler zu h\u00e4ufig in den Hintergrund. Die Beschreibung des Aufeinandertreffens amerikanischer Missionare und der hawaiianischen Bev\u00f6lkerung h\u00e4tte sicherlich von einem R\u00fcckbezug auf die Critical Whiteness Studies profitieren k\u00f6nnen. Dadurch h\u00e4tte sich eine sch\u00e4rfere Analyse ergeben.<\/p>\n<p>Exemplarisch daf\u00fcr kann Lawlers Bezug auf den hawaiianischen Surfer und Schwimmer Duke Kahnamoku genannt werden, den sie als \u00bbembodiment of the surfer as noble savage\u00ab (hier h\u00e4tte man sich in ihrem Text Anf\u00fchrungszeichen gew\u00fcnscht) einf\u00fchrt. Leider rezipiert sie in diesem Zusammenhang nicht den wegweisenden Aufsatz \u00bbDuke Kahnamoku\u2019s Body: Biography of Hawai\u2019i\u00ab (2002) von Michael Nevin Willard, der die mediale Stilisierung Kahanamokus dekonstruiert und die rassistischen Mechanismen aufzeigt, die dabei zum Tragen kommen. Die Lekt\u00fcre Willards h\u00e4tte zumindest die Tendenz der Autorin problematisiert, in den Abbildungen fr\u00fcher (und auch aktueller) Surferinnen und Surfer haupts\u00e4chlich ein unschuldiges und von Spa\u00df und Freude gepr\u00e4gtes Freiheitsstreben oder Freisein festzumachen.<\/p>\n<p>Die Schw\u00e4chen des Buches werden jedoch an anderer Stelle relativiert, denn in bestimmten Teilen ihrer Studie stellt Lawler kritische Gesichtspunkte in der Entwicklung der Surfkultur heraus, die in der popul\u00e4ren Historiografie des Wellenreitens ansonsten definitiv zu kurz kommen. So deckt sie beispielsweise den ausgepr\u00e4gten Nationalismus von Alexander Hume Ford auf, der sich als F\u00fcrsprecher des Surfing und als Gr\u00fcnder der ber\u00fchmten Surfgemeinschaft \u00bbOutrigger Canoe Club\u00ab bereits mit Beginn des 20. Jahrhunderts einen Platz in den Geschichtsb\u00fcchern der Surfkultur gesichert hat.<\/p>\n<p>Obwohl sich Ford oberfl\u00e4chlich f\u00fcr ein harmonisches Zusammenleben mit der hawaiianischen Bev\u00f6lkerung interessierte, stellt Lawler klar heraus, dass er dabei von einer wei\u00dfen Vormachtsstellung ausging und, unter Bezug auf die Werbewirksamkeit des Surfens, wei\u00dfe Amerikanerinnen und Amerikaner nach Hawaii locken wollte, um das Archipel vor einer gef\u00fcrchteten Einwanderungsflut aus Japan zu sch\u00fctzen. Dieser Hinweis auf die Xenophobie amerikanischer Nationalisten und deren Angst vor asiatischem Einfluss ist ausgesprochen wertvoll, f\u00fcgt er Lawlers Buch doch eine kritische Komponente hinzu, die klar macht, dass der medialen Verbreitung und kommerziellen Distribution der Surfkultur auch politische Interessen anhaften. Interessen, die eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Bild vom \u00bbAmerican Surfer\u00ab verlangen, weil es sich eben nicht auf einen gegenkulturellen Gestus freiheitsliebender Teenager beschr\u00e4nken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Eine konsequentere Fortf\u00fchrung der kritischen Hinterfragung und der damit verbundenen Lesart gegen den Strich etablierter (Surf-) Narrative h\u00e4tte der Studie gut getan. Trotzdem entwickelt sie einen ausf\u00fchrlichen Einblick in das Ph\u00e4nomen der amerikanischen Surfkultur und schafft, gerade auch durch die Ambivalenz eines sehr affirmativen Zugriffs, Denkanst\u00f6\u00dfe auf denen nachfolgende Forschungen aufbauen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis: <\/strong><\/p>\n<p>Kristin Lawler<br \/>\nThe American Surfer \u2013 Radical Culture and Capitalism<br \/>\nNew York u. Oxon, UK: Routledge 2011<br \/>\nISBN 978-0-415-81147-7<br \/>\n209 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. <a title=\"homepage konstantin butz\" href=\"http:\/\/www.khm.de\/personen\/lehrendeforschende\/kuewis\/vcard\/786_butz\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Konstantin Butz<\/a> ist k\u00fcnstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule f\u00fcr Medien K\u00f6ln<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Puritanische Studien<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[111065,1267,1308,1837,1993],"class_list":["post-1362","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-american-surfer","tag-konstantin-butz","tag-kristin-lawler","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1362","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1362"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1362\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1362"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1362"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1362"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}