{"id":1389,"date":"2013-03-10T16:02:25","date_gmt":"2013-03-10T14:02:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1389"},"modified":"2013-03-10T16:02:25","modified_gmt":"2013-03-10T14:02:25","slug":"von-der-sklavensiglierung-zum-modeaccessoire-rezension-zu-querformat-heft-4-und-zu-ulrike-landfester-stichworte-tatowierung-und-europaische-schriftkultur-von-jesko-reiling-10-3-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/03\/10\/von-der-sklavensiglierung-zum-modeaccessoire-rezension-zu-querformat-heft-4-und-zu-ulrike-landfester-stichworte-tatowierung-und-europaische-schriftkultur-von-jesko-reiling-10-3-2013\/","title":{"rendered":"Von der Sklavensiglierung zum Modeaccessoire Rezension zu \u00bbQuerformat\u00ab Heft 4 und zu Ulrike Landfester, \u00bbStichworte. T\u00e4towierung und europ\u00e4ische Schriftkultur\u00abvon Jesko Reiling10.3.2013"},"content":{"rendered":"<p>Oberfl\u00e4chenver\u00e4nderung<!--more--><\/p>\n<p>Man mag es schon gar nicht mehr schreiben und man braucht es eigentlich auch nicht mehr: T\u00e4towierungen sind in unserer westlichen Kultur allgegenw\u00e4rtig und l\u00e4ngst ein Massenph\u00e4nomen geworden. Tattoos sind heute so verbreitet, dass man sie mit gutem Recht als selbstverst\u00e4ndliches Modeaccessoire des jungen oder junggebliebenen, \u00fcberwiegend urbanen Menschen beschreiben kann.<\/p>\n<p>Als kulturelle Praxis hat sich das T\u00e4towieren in den vergangenen zwei Dekaden l\u00e4ngst etabliert; m\u00f6glicherweise auch, weil es im Grunde nicht viel braucht, um daran teilzuhaben: etwas Geld, Mut sowie die Bereitschaft, w\u00e4hrend des Stechens den Schmerz auszuhalten. Im Zuge der allgemeingesellschaftlich beobachtbaren Tendenz zur \u00f6ffentlichen Selbstinszenierung und der damit verbundenen K\u00f6rpergestaltung (body styling) erwiesen sich T\u00e4towierungen als leicht verf\u00fcgbare Techniken der Identit\u00e4tsproduktion und Inszenierungspraxis.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrascht vor diesem Hintergrund kaum, dass T\u00e4towierungen in j\u00fcngster Zeit vermehrt zum Gegenstand der Reflexion geworden sind. Hier sollen zwei Publikationen vorgestellt werden, die in den letzten zwei Jahren erschienen sind und einen guten Einstieg ins Thema bieten, weil beide ausgew\u00e4hlte Perspektiven auf das in Frage stehende Ph\u00e4nomen bieten und zudem in ihren Er\u00f6rterungen den interessierten Leser reichlich auf weitere Literatur verweisen.<\/p>\n<p>Das Heft Nr. 4 von \u00bbQuerformat. Zeitschrift f\u00fcr Zeitgen\u00f6ssisches, Kunst, Popul\u00e4rkultur\u00ab aus dem Jahr 2011 wirft einen vorwiegend kunst- und bildwissenschaftlichen Blick auf die Praxis des T\u00e4towierens in der Moderne, und Ulrike Landfester untersucht in ihrer 2012 erschienenen Studie \u00bbStichworte. T\u00e4towierung und europ\u00e4ische Schriftkultur\u00ab mit einem schrifttheoretischen und literaturwissenschaftlichen Interesse die \u00bbGeschichte der Deutungsoperationen dieser Praxis\u00ab (Landfester, S. 26) seit deren Anf\u00e4ngen, wodurch sich beide Publikationen gut erg\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Zusammengenommen lassen sie das \u00fcberaus bunte Wesen der T\u00e4towierung in dia- wie synchroner Perspektive erkennen. Sie tun dies \u2013 und darauf sei ausdr\u00fccklich hingewiesen, weil es mit unterschiedlichen Anforderungen an den Leser einhergeht \u2013 mit den je eignen medialen Bedingungen: W\u00e4hrend die Zeitschrift in leicht verst\u00e4ndlicher Sprache und mit Hilfe vieler Bilder, die jedoch vielfach so klein geraten sind, dass sich ein Abdruck eigentlich er\u00fcbrigt h\u00e4tte, sowie einem aufw\u00e4ndigen, kaum nachvollziehbaren und chaotischen grafischen Konzept das Thema angeht, tr\u00e4gt Landfester ihre \u00dcberlegungen in (gelegentlich schwer verst\u00e4ndlicher) Wissenschaftsprosa vor und druckt blo\u00df einige wenige Abbildungen der erw\u00e4hnten T\u00e4towierungen ab, die zum Teil mehrere Jahrhundert alt sind und heutigen Betrachtern im Gegensatz zu den fr\u00fcheren kaum mehr fremd vorkommen, aufgrund ihrer Historizit\u00e4t aber faszinieren.<\/p>\n<p>Landfesters Studie und die verschiedenen Zeitschriften-Beitr\u00e4ge spannen ein geschichtliches wie anthropologisches Koordinatennetz auf, das die kulturelle Praxis des \u203aTattoos\u2039 (so meist in der Zeitschrift) resp. der \u203aT\u00e4towierung\u2039 (so Landfester durchgehend in ihrer Arbeit) systematisch zu charakterisieren vermag. In der Geschichte der T\u00e4towierung spiegelt sich auch die Geschichte des modernen Menschen, die sich um die Achsen Individualit\u00e4t\u00a0\u2013\u00a0Sozialit\u00e4t, Freiheit \u2013 Zwang, Eigenes\/Identit\u00e4t \u2013 Alterit\u00e4t\/Alienit\u00e4t sowie Inklusion \u2013 Exklusion dreht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">\u00a0Anf\u00e4nge<\/p>\n<p>Diese Konstellationen finden sich im Grunde bereits schon in den ersten \u00dcberlieferungszeugnissen, wie Landfester herausarbeitet. Die im Codex Hammurabi (ca. 1800 v. Chr.) beschriebene mesopotamische Sklavensiglierung an H\u00e4nden oder im Gesicht diente dazu, Sklaven als Besitztum zu markieren. Diese Sigle hatte jedoch auch den positiven Effekt, dem Sklaven gleichzeitig \u203aSchutz\u2039 gegen \u00dcbergriffe von au\u00dfen zu versprechen, da dieser durch die T\u00e4towierung eindeutig als Eigentum eines bestimmten Menschen gekennzeichnet war.<\/p>\n<p>Andere T\u00e4towierungen aus der Fr\u00fchzeit, wie etwa die Narbenzeichnungen, die man auf \u00e4gyptischen Mumien (2000 v. Chr.) oder auf dem Eismann \u00d6tzi (3100 v. Chr.) fand, scheinen ihren Ursprung jedoch eher in religi\u00f6sen oder medizinischen Kontexten zu haben, trugen damit aber auch einen Teil zur Gruppenbildung bzw. -identifikation bei.<\/p>\n<p>Auch das vor Jahren noch so vielgestochene und entsprechend scharf kritisierte \u203aArschgeweih\u2039 l\u00e4sst sich ohne weiteres in die oben genannten Koordinaten einf\u00fcgen. In der h\u00e4mischen Ausdeutung steht es f\u00fcr die Gruppe von geistig eher minder bemittelten \u203aModetussis\u2039, die zwanghaft dem letzten Schrei nachlaufen. In der positiven Bestimmung artikuliert sich mit ihm jedoch das Selbstbewusstsein junger Frauen, die Mut und Erotik zugleich ausstrahlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">\u00a0Das Tattoo in der bildenden Kunst<\/p>\n<p>\u00dcber die hier nur in vagen Umrissen skizzierte Geschichte der T\u00e4towierung informiert die Zeitschrift in zwei Artikeln von Iris Dankemeyer und Igor Eberhard. Sie macht dar\u00fcber hinaus auf Aspekte aufmerksam, die sich von der Flie\u00dfbandarbeit \u00e0 la \u203aArschgeweih\u2039 deutlich unterscheiden: T\u00e4towieren ist auch eine Kunstform. Die Maler der neuen Sachlichkeit etwa, so erl\u00e4utert Burcu Dogramaci, stellten diese Kunst in ihren Bildern dar und schufen damit eine \u00bbdoppelte Leinwand\u00ab, ein Bild im Bild, das zum metapoetologischen Reflexionsraum der eigenen Kunst avancierte und auf den Projektionsprozess der Imagination bzw. auf den Vorgang des Sehens aufmerksam zu machen suchte.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit den 1970er Jahren gingen K\u00fcnstler wie Valerie Export oder Timm Ulrichs dazu \u00fcber, sich selbst zu t\u00e4towieren bzw. t\u00e4towieren zu lassen und diesen Akt als k\u00fcnstlerische Performanz resp. als Kunstwerk anzusehen (vgl. den Beitrag von Sabine Kampmann).<\/p>\n<p>Santiago Sierra t\u00e4towierte Ende der 1990er Jahre seine \u00bbtattoo lines\u00ab \u00fcber mehrere Personen hinweg und wollte damit die \u00bbkapitalistischen und menschenverachtenden Mechanismen\u00ab kritisieren, denen der moderne Mensch unterworfen sei. Er selbst bediente sich freilich ebendieser Mechanismen, wenn er seine \u203aFreiwilligen\u2039 im Drogen- oder Sexmilieu suchte und ihnen nur einen \u00e4u\u00dferst kleinen Lohn daf\u00fcr zahlte, sich dauerhaft t\u00e4towieren zu lassen (vgl. den Beitrag von Katrin Weleda).<\/p>\n<p>Ebenfalls umstritten war die Idee von Wim Delvoye, der 2006 den R\u00fccken eines jungen Schweizers komplett mit einer betenden Madonna t\u00e4towierte und \u2013 vertraglich mit dem Schweizer vereinbart \u2013 diesen als lebendes Kunstwerk verkaufte. Ein Interview mit dem T\u00e4towierer Kes One 3001 \u00fcber die menschliche Haut als k\u00fcnstlerisches Material rundet diese Perspektive ab. Hier h\u00e4tte sich ebenso gut auch ein Artikel \u00fcber die T\u00e4towierer Simone Pfaff und Volker Merschky vom W\u00fcrzburger Tattoostudio Buena Vista Tatto Club angeboten, die mit ihrem \u00bbRealistic Trash Polka\u00ab-Stil, der Fotorealismus, Schriften und grafische Elemente miteinander innovativ mischt, in den vergangenen Jahren einen neuen Stil kreiert haben und international f\u00fcr Furore sorgten.<\/p>\n<p>Dass der Grafik- und Designbereich die heutige T\u00e4towierpraxis nachhaltig beeinflusst, zeigt auch der Beitrag von Ina Salz \u00fcber die in j\u00fcngster Zeit vermehrt in Mode gekommenen \u00bbtypographischen oder Text-Tattos\u00ab. Die Verzahnung von Design und Tattoo h\u00e4tte man auch \u2013 damit sei die Benennung von Leerstellen beendet \u2013 anhand von Ed Harris studieren k\u00f6nnen, der freilich als T\u00e4towierer durch seine mit Tattoomotiven bedruckten T-Shirts die Kleidermode um einiges bunter gemacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">\u00a0Die T\u00e4towierung als Schrift-Metapher<\/p>\n<p>Die uns heute so selbstverst\u00e4ndliche Gleichsetzung von T\u00e4towierung als Schrift et vice versa nimmt Ulrike Landfester in den Blick, deren Studie sich gerade an dieser Denkfigur entz\u00fcndet, die, so Landfester, bislang jedoch kaum detaillierte \u00bbAufmerksamkeit gefunden\u00ab habe (Landfester, S. 10). Wenn in der heutigen Reflexion \u00fcber die Schrift, etwa bei Jacques Derrida, Michel Serres oder Christoph T\u00fcrcke, die T\u00e4towierung als deren Metapher aufgefasst wird und damit die Schrift und das Schreiben als \u00bbgewaltsame Zurichtung des menschlichen K\u00f6rpers\u00ab (Landfester, S. 14), als eine dem Individuum feindliche Kulturmacht, beschrieben werden, werde nicht nur die T\u00e4towierung lediglich auf ihre Schriftf\u00f6rmigkeit reduziert und somit deren Bildlichkeit ausgeblendet, sondern auch blo\u00df der Prozess des T\u00e4towierens, nicht aber die T\u00e4towierung selbst in den Blick genommen.<\/p>\n<p>Die mit der Gleichsetzung von Tattoo und Schrift einhergehende Annahme, dass die Praxis des T\u00e4towierens eine Vorstufe unserer Schrift darstelle, identifiziert Landfester als \u00bbEffekt einer schriftzentrischen Projektionsleistung\u00ab (S. 18). Diese beginne bereits in der Antike, indem die T\u00e4towierung in der schriftlichen \u00dcberlieferung stets als schriftf\u00f6rmig charakterisiert werde. Dieses \u00bbzunehmend schriftgeleitete[\u00a0] Selbstverst\u00e4ndnis der gr\u00e4koromanischen Hochkulturen\u00ab (S. 21) artikuliert sich dar\u00fcber hinaus auch darin, dass schriftf\u00f6rmige T\u00e4towierungen akzeptiert, ornamentale oder fig\u00fcrlich-ikonische Tattoos hingegen als barbarisch abgelehnt wurden (ebd., S. 23f).<\/p>\n<p style=\"text-align: left\" align=\"center\">Auch als mit der Entdeckung der Neuen Welt im 15. und 16. Jahrhundert die bildf\u00f6rmigen T\u00e4towierungen der Eingeborenen, die heute als \u00bbTribals\u00ab bezeichnet werden, die allgemeine (europ\u00e4ische) Wahrnehmung dominierte, f\u00fchrte das nicht dazu, die Relation von Schrift\/Schreiben und T\u00e4towierung zu revidieren. Vielmehr wurde sie ideologisch gest\u00e4rkt, indem die schriftferne T\u00e4towierung als Ausdruck von Alterit\u00e4t und R\u00fcckst\u00e4ndigkeit oder Primitivit\u00e4t diffamiert wurde. Landfester entwirft nun aber nicht, wie man vielleicht meinen k\u00f6nnte, eine (neue) Geschichte der europ\u00e4ischen Wahrnehmung von Tattos, die sich dem weitgehend verdr\u00e4ngten bildlichen Aspekt widmen w\u00fcrde, sondern verfolgt in 14 Einzelnarrativen die verschiedenen historischen Ausformungen der \u00bbpoetologischen R\u00fcckkoppelung zwischen Schrift und T\u00e4towierung\u00ab (S. 27).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">Oberfl\u00e4chenver\u00e4nderung<\/p>\n<p>Auch wenn die einzelnen Kapitel chronologisch angeordnet sind und sich somit eine geschichtliche Perspektive einstellt, betont Landfester zu Recht, dass sie keine zusammenh\u00e4ngende Entwicklungsgeschichte vorlegen m\u00f6chte. Das verbiete schon die \u00bbBr\u00fcchigkeit der \u00dcberlieferung\u00ab (S. 26). Denn in der Tat hat sich erst seit Ende des 18.\u00a0Jahrhundert die Rede vom \u203aTattoo\u2039 durchgesetzt; den Begriff brachte James Cook 1774 von seiner Entdeckungsreise aus Polynesien mit und etablierte damit eine Bezeichnung, die sich rasch und dauerhaft ausbreitete.<\/p>\n<p>Erst mit diesem Begriff wurde das damit bezeichnete Ph\u00e4nomen zu einem \u00bballgemein verf\u00fcgbaren Bestandteil kulturellen Wissens\u00ab (S. 11), davor herrschte jedoch nicht nur in semasiologischer, sondern auch in onomasiologischer Hinsicht Unsicherheit. In den alten Quellen resp. deren \u00dcbersetzungen lassen sich verschiedene Formulierungen finden wie etwa \u203aEinschnitte anbringen\u2039, \u203awundritzen\u2039, \u203aZeichen einritzen\u2039 (S. 38) oder \u203aZeichen einstechen\u2039 (S. 53) bzw. \u203ain die Haut eingestochene Bilder\u2039 (S.119), womit verschiedene Formen wie Brandmarkung, Narben- oder Farbt\u00e4towierungen gemeint sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Theodor de Bry sprach in den 1600 ver\u00f6ffentlichten Reiseberichten aus Amerika, der \u00bbWunderbarliche\/ doch Warhafftige Erkl\u00e4rung von der Gelegenheit und Sitten der Wilden in Virgina\u00ab, die wohl als erstes Druckwerk \u00fcberhaupt Abbildungen von T\u00e4towierungen pr\u00e4sentierten, vom \u203aStipffen\u2039 (S. 166) und meinte damit das punktuelle Durchstechen der Haut. Verbindendes Moment dieser verschiedenen Redeweisen ist der Aspekt der Oberfl\u00e4chenver\u00e4nderung, die durch das \u203aT\u00e4towieren\u2039 herbeigef\u00fchrt wird. Dieser Sachverhalt ist es auch, der die reziproke \u00dcbertragung von T\u00e4towierung und Schrift entscheidend bef\u00f6rdert hat, denn auch die Schrift modifizierte in ihren Anf\u00e4ngen als Einritzungen auf Steinen, Ton oder Holz sowie als Eindrucke in Wachstafeln die Oberfl\u00e4che des beschriebenen Objektes (S. 405ff.).<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt es sich leicht, weshalb das Verfahren der T\u00e4towierung als Praxis des Schriftgebrauchs verstanden werden konnte und als deren Spiegelung angesehen wurde. Am Ende ihrer den gesamte Zeitraum der abendl\u00e4ndischen Schrifttradition umfassenden Studie weist Landfester dann jedoch auch darauf hin, dass diese wechselseitige \u00dcberblendung von Schrift und Tattoo wohl nicht mehr lange Geltung haben d\u00fcrfte. Im Zeitalter der Digitalisierung werde Schrift und Schreiben nicht mehr l\u00e4nger vom \u00bbPrinzip der nachhaltigen Oberfl\u00e4chenzurichtung\u00ab her definiert, sondern von demjenigen der \u00bbFl\u00fcchtigkeit und Variabili\u00e4t\u00ab, in der Postmoderne brauche die \u00bbabendl\u00e4ndische Schriftkultur die T\u00e4towierung nicht mehr, um sich denken zu k\u00f6nnen\u00ab (S. 417).<\/p>\n<p>Dieses Fazit zieht Landfester aus der Beobachtung, dass seit den 1980er Jahren geradezu \u203aexplosionsartig\u2039 die T\u00e4towierung in Romanen nicht mehr in Relation zur Schrift verhandelt werde, sondern als \u00bbMetapher f\u00fcr intra- wie intermediale Schnittstellen\u00ab Verwendung finde. Die postmodernen Romane, die von Landfester jedoch nicht eingehender analysiert werden, setzten damit im Grunde fort, was Ray Bradbury mit seiner 1951 ver\u00f6ffentlichten Erz\u00e4hlsammlung \u00bbThe Illustrated Man\u00ab begonnen hatte, in der er die T\u00e4towierung resp. die \u00bbSchriftform von den Bildsch\u00f6pfungsverfahren des Films\u00ab (S. 384) her reflektierte.<\/p>\n<p>Hier geht es nicht mehr wie in den von Landfester zuvor analysierten Beispielen nur um eine Schriftkritik, sondern um eine allgemeine Medienkritik, die sich an der erst in den 1940er Jahren entwickelten Farbfilmtechnologie als neue M\u00f6glichkeit der Wirklichkeitssimulation entz\u00fcndet. Die T\u00e4towierungen des Illustrated Man, die nachts zu bewegten Bildern \u2013 Filmen \u2013 werden, nehmen dem Menschen, weil sie alles zeigen, die Imaginationsfreiheit; erz\u00e4hlende Literatur hingegen \u2013 auch wenn sie Bilder benutzt \u2013 bietet hingegen diesen Freiraum, weil sie stets nur schriftlich als Zeichen auftritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\" align=\"center\">\u00a0Gewalt\/Erkennungszeichen<\/p>\n<p>\u00c4hnlich negativ konnotiert sind die T\u00e4towierungen auch in den anderen von Landfester analysierten literarischen Texten der Neuzeit. Besonders in Heimito von Doderers Erz\u00e4hlung \u00bbEine T\u00e4towierte\u00ab von 1924 und in Franz Kafkas \u00bbIn der Strafkolonie\u00ab (1914) wird anhand der T\u00e4towierung die t\u00f6dliche oder gewaltt\u00e4tige Macht der Schrift demonstriert, von der auch die KZ-H\u00e4ftlingst\u00e4towierungen durch die Nazis Zeugnis geben, wie Landfester in einem weiteren Kapitel darlegt. Obwohl s\u00e4mtliche Opfer davon berichten, dass die erzwungenen Nummernt\u00e4towierungen, die an die Sklavensiglierungen der Antike erinnern, ein traumatisches Erlebnis darstellten, wurden sie lediglich in den autobiografischen Schriften von Primo Levi (\u00bbIst das ein Mensch?\u00ab) und Ruth Kl\u00fcger (\u00bbweiter leben. Eine Jugend\u00ab und \u00bbUnterwegs verloren\u00ab) semantisch aufgeladen und erz\u00e4hlerisch instrumentalisiert, um den Lesern das erlebte Grauen vermitteln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den zwei Kapiteln \u00fcber Reiseberichte aus dem 16. Jahrhundert und dem 18.\/19. Jahrhundert wird der Umgang der Europ\u00e4er mit den T\u00e4towierungen der Wilden analysiert, wobei es kaum \u00fcberrascht, dass die europ\u00e4ische (Schrift-)Kultur dem Primitivismus der Wilden meist als \u00fcberlegen angesehen wird. Hier, wie auch in den sechs Kapiteln zur T\u00e4towierung in biblischen und antiken Texten und zur christlichen T\u00e4towierung in der Tradition der imitatio Christi, ger\u00e4t der Bezug zur Schriftreflexion bisweilen etwas aus dem Fokus, was aber, wenn man diese Passagen eher als kulturgeschichtliche Bausteine begreift, nicht negativ ins Gewicht f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Vielmehr werden hierbei \u2013 freilich eher unter der Hand \u2013 zwei Traditionslinien sichtbar, von denen sich jedoch nur eine in den besprochenen literarischen Texten wiederfindet: die negativ konnotierte der Straf- oder Zwangst\u00e4towierung. Daneben gab es jedoch \u2013 trotz des Tattoo-Verbots im Alten Testament (3. Mose 19,28 und 21,5) \u2013 die Tradition der christlichen T\u00e4towierung, die schon in den Urgemeinden, dann aber auch von den (mittelalterlichen) Mystikern wie etwa Heinrich Seuse (1295\/97-1366) selbst an sich vollzogen wurden. Damit gab man sich nicht nur ein Erkennungszeichen, sondern ahmte auch, so die Intention seit dem Mittelalter, den Leidensweg Christi nach.<\/p>\n<p>Auch die Pilgert\u00e4towierungen, die sich die Kreuzfahrer in Pal\u00e4stina stechen lie\u00dfen, standen in diesem Heilskontext und wurden von ihren Tr\u00e4gern positiv aufgefasst. Nach ihrer R\u00fcckkehr haben sie sich sogar bewusst darum bem\u00fcht, ihre T\u00e4towierungen \u00f6ffentlich zur Schau zu stellen und damit ihre besondere Fr\u00f6mmigkeit und Verbundenheit mit Christi zu demonstrieren. Diese positive Beurteilung der T\u00e4towierung durch eine Minderheit l\u00e4sst sich mit der, so ist zu vermuten, wohl ebenfalls weitgehend affirmativen Auffassung der T\u00e4towierung bei den Wilden vergleichen.<\/p>\n<p>Leider, das zeigt Landfesters Studie nur allzu deutlich, hat sich diese Ansicht \u00fcber die Jahrhunderte nicht durchgesetzt; es scheint jedoch, als w\u00fcrde sich heute eine solch affirmative Sichtweise fest etablieren, wenn auch weitgehend ohne den fr\u00fcheren religi\u00f6sen Hintergrund, womit die Geschichte der T\u00e4towierung und ihrer gesellschaftlichen Wahrnehmung zu Beginn des 21.\u00a0Jahrhunderts gleich in zweifacher Hinsicht demonstriert, wie wenig \u203aschriftgl\u00e4ubig\u2039 wir heute sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nUlrike Landfester<br \/>\nStichworte. T\u00e4towierung und europ\u00e4ische Schriftkultur<br \/>\nBerlin 2012<br \/>\nMatthes &amp; Seitz Verlag<br \/>\nISBN 978-3-88221-561-8<br \/>\n492 Seiten<\/p>\n<p>Sabine Kampmann, Anja Herrmann, J\u00f6rg Petri, Ralf de Jong (Hg.)<br \/>\nQuerformat. Zeitschrift f\u00fcr Zeitgen\u00f6ssisches, Kunst, Popul\u00e4rkultur<br \/>\nNr. 4: Tattoo<br \/>\nBielefeld 2011<br \/>\ntranscript Verlag<br \/>\nISBN 978-3-8376-1867-9<br \/>\n92 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. <a title=\"homepage jesko reiling\" href=\"http:\/\/jeskoreiling.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Jesko Reiling<\/a> ist Stipendiat des Schweizerischen Nationalfonds (Einzelprojektf\u00f6rderung: Das \u203aVolk\u2039 in Literatur und Literaturtheorie zwischen 1840 und 1860).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oberfl\u00e4chenver\u00e4nderung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1132,1837,1936,1993,2284,2285,2418],"class_list":["post-1389","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-jesko-reiling","tag-pop-zeitschrift-2","tag-querformat","tag-rezension","tag-tatowierung","tag-tattoo","tag-ulrike-landfester"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1389","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1389"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1389\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1389"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1389"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1389"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}