{"id":1420,"date":"2013-03-10T17:55:41","date_gmt":"2013-03-10T15:55:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1420"},"modified":"2013-03-10T17:55:41","modified_gmt":"2013-03-10T15:55:41","slug":"in-den-massenmedien-von-libyen-nach-syrienteil-2von-thomas-hecken10-3-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/03\/10\/in-den-massenmedien-von-libyen-nach-syrienteil-2von-thomas-hecken10-3-2013\/","title":{"rendered":"In den Massenmedien von Libyen nach SyrienTeil 2: Vor dem Kriegvon Thomas Hecken10.3.2013"},"content":{"rendered":"<p>Was war nochmal mit Libyen? Wenn man sich nur an die Massenmedien h\u00e4lt \u2013 und woher sonst bekommen 99,9% der Deutschen ihre Informationen \u00fcber ferne L\u00e4nder \u2013, gibt es das Land nicht mehr. <!--more mehr-->Ein wenig erstaunlich ist das schon, immerhin war es \u00fcber viele Wochen ein weit vorne platziertes Thema von \u00bbFAZ\u00ab \u00fcber \u00bbBild\u00ab bis \u00bbSpiegel\u00ab und dominierte die Berichterstattung in Tagesschau und Heute Journal.<\/p>\n<p>Auch zuvor gab es zumindest ab und zu Artikel \u00fcber Libyen zu lesen, es reichte zuletzt schon aus, dass Gaddafi sich auff\u00e4lliger anzog als andere Staatschefs, um dem Land etwas Aufmerksamkeit zu sichern. Eine offensive Feindschaft wider USA und westliche Wirtschafts- und Milit\u00e4rb\u00fcndnisse lobte Gaddafi im letzten Jahrzehnt nicht mehr aus, Subjekt der aufmerksamkeitsheischenden Berichterstattung \u00fcber Terrorismus konnte er deshalb nicht mehr in dem fr\u00fcher \u00fcblichen Ma\u00dfe sein.<\/p>\n<p>Nicht einmal als er dazu aufrief, die Schweiz, die es gewagt hatte, einen seiner S\u00f6hne vor\u00fcbergehend der k\u00f6rperlichen Gewalt (gegen Domestiken) anzuklagen, im Dschihad zu bek\u00e4mpfen, kam es zu nennenswerten westlichen Reaktionen. Zugang zu Libyens \u00d6lvorkommen und vor allem wohl die erfolgreiche Einbindung des nordafrikanischen Mittelmeeranrainers in die ausgeweitete europ\u00e4ische Grenzsicherung standen dagegen.<\/p>\n<p>H\u00f6hepunkt westlicher Humanit\u00e4t: Die US-Amerikaner, die noch Mitte der 1980er Jahre unter Pr\u00e4sident Ronald Reagan Gaddafi nicht durch eine anonyme Geheimdienstaktion, sondern vor aller Augen t\u00f6ten wollten (dem Luftangriff auf seine Residenz konnte Gaddafi knapp entkommen), \u00fcberstellten in den 2000er Jahren Islamisten, die sie des Terrors verd\u00e4chtigten, nach Libyen. Dort konnte man schlie\u00dflich auf eine l\u00e4ngere Erfahrung mit Foltermethoden zur\u00fcckblicken als bei der CIA.<\/p>\n<p>Man muss sich solche Tatsachen stets vergegenw\u00e4rtigen, um nicht aus den Augen zu verlieren, dass Interventionen des Westens keineswegs allein von humanit\u00e4ren \u00dcberlegungen bestimmt sind \u2013 oder vom dringenden Wunsch, demokratische Verh\u00e4ltnisse notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Entscheidender ist der Anspruch, \u00fcberall auf der Welt zust\u00e4ndig zu sein \u2013 grundlegend ist die Methode, die Verh\u00e4ltnisse dort auf hiesige Interessen, Befugnisse und Werte zu beziehen; und dies wohlgemerkt nicht blo\u00df in F\u00e4llen, in denen es gilt, V\u00f6lkermord zu verhindern, sondern in schlichtweg allen F\u00e4llen.<\/p>\n<p>Deshalb k\u00f6nnen die Begr\u00fcndungen f\u00fcr milit\u00e4rische Handlungen mitunter vollkommen imagin\u00e4r sein (etwa dass es gelte, am Hindukusch unsere Freiheit oder unsere wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen). Deshalb k\u00f6nnen auch grunds\u00e4tzlich plausiblere Begr\u00fcndungen mal zu Interventionen f\u00fchren, mal zu beinahe gegenteiligen Bem\u00fchungen (etwa im Falle des autorit\u00e4r-islamistischen Saudi-Arabien, das sich vielf\u00e4ltiger westlicher Unterst\u00fctzung bis hin zu umfangreichen Waffenlieferungen erfreuen darf) \u2013 dies h\u00e4ngt im Einzelfall von vielf\u00e4ltigen anderen Faktoren ab.<\/p>\n<p>Beinahe konsequent ausgeblendet wird das in jener medialen Berichterstattung, die sich an gr\u00f6\u00dfere Teile der Bev\u00f6lkerung wendet. Sobald von Kr\u00e4ften der nationalen Regierung oder innerhalb des westlichen Milit\u00e4rb\u00fcndnisses Vorkommnisse in einem anderen Land als interventionstr\u00e4chtig auf die Tagesordnung gesetzt werden, konzentriert man sich in den Redaktionen darauf zu ergr\u00fcnden, ob die anstehende Intervention geboten ist \u2013 nicht auf eine Betrachtung des Zusammenhangs, in dem solche Absichten politisch vorgebracht werden.<\/p>\n<p>Publiziert werden m\u00fcssen demnach nicht zwanghaft immer nur Gr\u00fcnde, die daf\u00fcr sprechen. Die Konzentration auf den konkreten Fall bringt es aber beinahe zwangsl\u00e4ufig mit sich, dass \u00fcberzeugende Gr\u00fcnde f\u00fcr das kriegerische Eingreifen gefunden werden. Bilder von Elend und Tod sind selbstverst\u00e4ndlich schon Grund und Dokument genug. Im jeweiligen Einzelfall wird aber f\u00e4lschlich stets so getan, als sei dies immer so. (Kein Gedanke daran, dass bereits mit einem Bruchteil des Kriegsbudgets Zehntausende vor dem Hungertod gerettet werden k\u00f6nnten.)<\/p>\n<p>Zudem ist allgemeines Freiheitspathos auch Antrieb genug, um allerorten Ans\u00e4tze f\u00fcr tiefgreifende m\u00f6gliche Ver\u00e4nderungen auszumachen. Trotz der Erfahrungen des Irak-Krieges konnte man in den letzten Jahren den Eindruck gewinnen, dass nicht blo\u00df naive Rockzeitschriften an ihren eigenen Demokratieidealismus (siehe dazu <a title=\"von libyen nach syrien teil eins\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2013\/02\/17\/in-den-massenmedien-von-libyen-nach-syrienteil-1von-thomas-hecken17-02-2013\/\" target=\"_blank\">Teil 1 dieser Artikelserie<\/a>) tats\u00e4chlich glauben. Nicht nur im \u00bbRolling Stone\u00ab usf., sondern auch in f\u00fchrenden Tageszeitungen wurden z.B. mehr Artikel \u00fcber freiheitsliebende arabische Blogger, Heavy-Metal-Musiker und Rapper ver\u00f6ffentlicht als \u00fcber die Fraktionen in der jeweiligen Machtelite des Landes, die Zusammensetzung des Milit\u00e4rs etc.<\/p>\n<p>Umso bemerkenswerter, dass h\u00e4ufig nicht einmal das offizielle politische und das massenmediale Kernargument \u2013 die Repression und das Morden unter dem st\u00fcrzenswerten Regime \u2013 nach dem erfolgten Umsturz noch eine Rolle spielt. Wie gro\u00df die Zahl der Toten bei diesem Umsturz war, ob es irgendwie angemessen war, diesen neuen Schrecken hervorzurufen, das ist dann oftmals keine Debatte mehr wert. Die Zahl der Artikel geht schlagartig zur\u00fcck, evtl. wird einige Zeit sp\u00e4ter auf einer hinteren Seite in einer kleinen Spalte die nun amtlich festgestellte Zahl der Verwundeten und Toten vermeldet.<\/p>\n<p>Dazu \u2013 mit Blick auf den speziellen Fall Libyen \u2013 mehr im dritten Teil dieser Artikelserie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was war nochmal mit Libyen? 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