{"id":1451,"date":"2013-03-14T14:14:17","date_gmt":"2013-03-14T12:14:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1451"},"modified":"2013-03-14T14:14:17","modified_gmt":"2013-03-14T12:14:17","slug":"pop-konzepte-der-gegenwartvon-thomas-hecken14-3-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/03\/14\/pop-konzepte-der-gegenwartvon-thomas-hecken14-3-2013\/","title":{"rendered":"Pop-Konzepte der Gegenwartvon Thomas Hecken14.3.2013"},"content":{"rendered":"<p>Eine Pop-Bestimmung<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[Zuerst erschienen in der Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 1, Herbst 2012, S. 88-107]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Wertfrage<\/p>\n<p>Seit Mitte des 20. Jahrhunderts h\u00f6rt man h\u00e4ufig den Begriff \u203aPop\u2039. So rasch das W\u00f6rtchen ausgesprochen oder hingeschrieben werden kann, so gro\u00df seine Wirkung. Komposita wie Popmusik, Popstar, Pop-Art und Popkultur sind ein Anzeichen f\u00fcr die weite Verbreitung von Pop in den westlichen Gesellschaften. Die beiden letzten Begriffe zeigen zudem an, dass Pop andere Meriten erlangen konnte, als allein aufgrund weiter Verbreitung und wirtschaftlicher Profite gemeinhin zu erzielen sind.<\/p>\n<p>Zweifellos ist das ein Erfolg all jener, die seit den 1950er Jahren f\u00fcr eine kulturelle Anerkennung von Pop gestritten haben. Ein gro\u00dfer Teil des allgemeinen Redens \u00fcber Pop bestand genau darin, diese Anerkennung zu betreiben und zu begr\u00fcnden. Das geschah auf zwei Arten und Weisen: Erstens indem man dekretierte, dass Fl\u00fcchtigkeit, Oberfl\u00e4chlichkeit, Eing\u00e4ngigkeit, K\u00fcnstlichkeit positive (und nicht, wie zuvor \u00fcblicherweise angenommen, negative) Eigenschaften seien. Die Umwertung war nicht selten mit dem typisch modernen Argument verbunden, Pop sei zeitgem\u00e4\u00df: Die platonische Kunstauffassung sei veraltet, an ihre Stelle m\u00fcsse in der schnelllebigen Gegenwart eine \u00c4sthetik des Fl\u00fcchtigen treten; die Abwertung des \u00c4u\u00dferlichen zugunsten des Wesens oder innerlicher Tiefe sei einer nachmetaphysischen, unchristlichen Zeit unangemessen, etc. Die zweite Verteidigung oder gar Affirmation von Pop setzte wissenschaftlicher an, in empirischen Studien wie in theoretischen Grundsatzdebatten. Hier ging es vor allem um den Nachweis, dass Pop-Ph\u00e4nomene nicht blo\u00df (oder sogar wenig) zur Passivit\u00e4t, Verrohung, Verdummung, Stereotypenbildung, Standardisierung beitragen. Von liberalen Systemtheoretikern und Rezeptions\u00e4stheten \u00fcber wohlmeinende P\u00e4dagogen bis hin zu sozialistischen oder radikaldemokratischen Vertretern der Cultural Studies haben sich viele Richtungen dabei hervorgetan.<\/p>\n<p>Ich setze das alles in die Vergangenheitsform, nicht um anzudeuten, dass man auf diese Argumentationsweisen heute kaum mehr trifft, sondern um das Urteil zu unterstreichen, dass die Schlacht weitgehend geschlagen ist. Mehr als gen\u00fcgend Leute haben sich besagte Lobes- und Verteidigungsweisen zu eigen gemacht, um den Rang von Pop in der kulturellen Hierarchie im oberen Bereich zu behaupten. Die Argumente sind mittlerweile fest verankert, teilweise werden sie sogar institutionell beschwert, man braucht sie deshalb nicht mehr stetig wiederholen oder ausdr\u00fccklich betonen. In der Praxis von Feuilletonisten und Wissenschaftlern, sich ausf\u00fchrlich und differenziert zu vielen einzelnen Pop-Gegenst\u00e4nden zu \u00e4u\u00dfern, schwingen sie h\u00e4ufig unausgesprochen mit.<\/p>\n<p>Es soll nat\u00fcrlich nicht bestritten werden, dass die Auseinandersetzung weiter gef\u00fchrt werden k\u00f6nnte, um noch mehr Pop-Anteile im Schulunterricht, noch mehr Tantiemen f\u00fcr Pop-Komponisten, noch mehr musealen Raum f\u00fcr Pop-Art-Werke, noch mehr Zeit f\u00fcr Pop-Sendungen in \u00f6ffentlich-rechtlichen Medien durchzusetzen \u2013 aber au\u00dfer wenigen liberalen Anti-Etatisten will diesen Kampf wohl niemand f\u00fchren. Auch der Streit um mehr Platz in den Feuilletons der privatwirtschaftlichen Zeitungen scheitert heutzutage schlicht daran, dass weitere Forderungen (wie gut begr\u00fcndet auch immer) fast unversch\u00e4mt erscheinen w\u00fcrden. In beinahe allen anderen Sektoren der kapitalistischen Wirtschaft stellen sich solche Fragen ohnehin nicht, schlie\u00dflich versprechen sehr viele Pop-Waren zumindest f\u00fcr kleine, h\u00e4ufig aber auch f\u00fcr gro\u00dfe Firmen akzeptable Renditechancen, oftmals ganz unabh\u00e4ngig davon, ob die Waren als kulturell wertvoll gelten oder nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Vier wichtige Pop-Konzepte<\/p>\n<p>Dennoch sind die allgemeinen Debatten rund um Pop keineswegs an ihr Ende gelangt. Wenn es auch nicht mehr grunds\u00e4tzlich darum gehen muss, Pop einen Kulturnimbus zu verleihen, bleiben gen\u00fcgend prinzipielle Fragen und Antworten \u00fcbrig. Vor allem die Beantwortung der Frage zum politischen Stellenwert der Pop-Ph\u00e4nomene ist oft f\u00fcr entschieden vorgetragene, deutlich zugespitzte oder ausf\u00fchrlich entfaltete Pop-Konzepte gut gewesen. Vier bemerkenswerte historische Varianten, die alle in die Gegenwart hineinreichen, sind zu verzeichnen:<\/p>\n<p>Erstens die Einordnung von Pop in den kulturindustriellen Komplex, verbunden mit der seit den 1960er Jahren sehr bekannten kritischen Diagnose, dass Pop als besonders standardisiertes Kommerzprodukt die Ein\u00fcbung ins musterhaft autorit\u00e4tsh\u00f6rige, gedanken- wie freudlose Verhalten betreibe und zugleich die Vollendung des Niedergangs autonomer Kunst darstelle. Die Freiheitsspielr\u00e4ume in der Freizeit, die Pop er\u00f6ffne, sowie die von vielen versp\u00fcrten sinnlichen Pop-Sensationen seien blo\u00df Scheinfreiheiten, leider erfolgreiche Konditionierungsversuche und Ablenkungen vom Ziel einer wahrhaft zwanglosen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Dagegen steht \u2013 zweitens \u2013 teilweise die linke bzw. radikaldemokratische Auffassung an, die Pop als Ausdruck oder Werkzeug von Subkulturen ansieht, die zwar nicht politisch organisiert sind, aber durch ihren Hedonismus und ihre eigenst\u00e4ndige Aneignung kulturindustrieller Erzeugnisse der herrschenden Ordnung allt\u00e4glichen Widerstand entgegensetzen.<\/p>\n<p>Aus dem Widerspruch zur Kulturindustriekritik ist auch die dritte Position entstanden. Sie kassiert die Hoffnung auf eine autonome, menschliche Kreativit\u00e4t allseits bef\u00f6rdernde Kunst ein, weil sie dieses Ziel als offizielle, kulturfromme Staatsdoktrin und wichtigen Bestandteil einer depolitisierenden Alternativbewegung ausmacht und verachtet. Im radikalen Gegenzug setzt sie darum auf die Gl\u00e4tte, Oberfl\u00e4chlichkeit, Funktionalit\u00e4t von Pop als politisches\u00a0 Projekt (ein vorgeblich politischer Zug nat\u00fcrlich nicht im Sinne einer bestehenden Partei, sondern gespeist aus Boheme und \u203aSalonbolschewismus\u2039).<\/p>\n<p>Abgesetzt von allen drei mehr oder minder linken Positionen ist \u2013 viertens \u2013 die liberale Pop-Affirmation. Sie geht \u00fcber die allgemeine liberale Haltung, Aktivit\u00e4ten in der Freizeit und in der Privatsph\u00e4re vor restriktiven Eingriffen zu sch\u00fctzen, hinaus und ist deshalb als besonderes Pop-Konzept einzustufen. Pop wird von diesen Liberalen hervorgehoben und ausdr\u00fccklich bejaht, weil sie darin einen Motor ihres Projekts sehen, moralische Einschr\u00e4nkungen und konservative Traditionen zugunsten einer demokratisch ge\u00f6ffneten Kultur und freien, entgrenzten Unternehmertums zu beseitigen.<\/p>\n<p>In der Gegenwart der 2010er Jahre haben all diese Positionen ihren Platz gefunden, wenn auch in ver\u00e4nderter Form und Bedeutung. Die Kritik am kulturindustriellen Pop findet man nur noch selten in adornitischer Sch\u00e4rfe und Reichweite vor, sie hat aber \u00fcberlebt in vielf\u00e4ltigen Ans\u00e4tzen der Kritik an der Kommerzialisierung, an der Celebrity-Kultur etc. Diese Anw\u00fcrfe kommen freilich in den meisten Feuilletons oder bei Geschmacksurteilen von Angeh\u00f6rigen der Mittelschicht derart entkr\u00e4ftet daher, dass nur ganz bestimmte, ohnehin von ihnen als k\u00fcnstlerisch minderwertig angesehene Pop-Ph\u00e4nomene (Dieter Bohlen und, bei h\u00e4rter ausgreifender Kritik, Lady Gaga) dem Kommerzialismus-Vorwurf ausgesetzt werden.<\/p>\n<p>Die Cultural-Studies-Richtung (Pop als subkultureller, allt\u00e4glicher Widerstand) hat eine andere Wandlung durchlaufen. Unter ihren Vertretern haben sich die allermeisten von den (m\u00e4nnlichen) Arbeiterjugendlichen als m\u00f6glichen Verfechtern solchen Widerstands mittlerweile verabschiedet. Durch die Hinwendung zu queeren Szenen, die sich der k\u00fcnstlichen Objekte und Moden des Pop spielerisch bedienen, besitzt der Ansatz jedoch auch heute Zugkraft. Mit einem liberalen Projekt m\u00f6chte der queere Subversionspop weiterhin nicht verwechselt werden. Bei vielen seiner Anh\u00e4nger liegt die (meist recht vage) Absicht zugrunde, ein dezentriertes, deterritorialisiertes (fr\u00fcher h\u00e4tte man gesagt: anarchistisches) Multiversum zu schaffen. Dass die queeren, als gegenkulturell gedachten Verwirrungen in liberal-kapitalistischen Staaten zumindest in gro\u00dfen St\u00e4dten und in beachtlichen Teilen der \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr keine Aufregung mehr sorgen, sondern im Gegenteil als unterhaltsame oder private Vorlieben toleriert oder gar gesch\u00e4tzt werden, stellt deshalb f\u00fcr sie ein Problem dar. Im Gegensatz zu den Kulturindustriekritikern, die sich am Schematismus von Pop st\u00f6ren, glauben einige von ihnen sogar, dass der Kapitalismus heutzutage vor allem fortw\u00e4hrende kreative Abweichungen und k\u00fcnstlich-modische Differenzen ben\u00f6tige, um seine Maschinerie am Laufen zu halten. Zumeist l\u00f6st die Mehrheit der Queer-Verfechter das Dilemma aber einfach auf bzw. ignoriert es, indem sie ganz bestimmte Protagonisten und Versuche ablehnen und mehr Radikalit\u00e4t einfordern (etwa an die Stelle Lady Gagas Genesis P-Orridge setzen).<\/p>\n<p>Die Pop-Liberalen muss das nicht k\u00fcmmern, solange auch diese radikalen Formen wie \u00fcblich in erster Linie ihren Platz in Clubs, Galerien und Museen suchen oder zumindest finden. Nachdem die bunte popliberale Anschauung mit der Selbstaufl\u00f6sung des grauen Sowjetblocks triumphieren konnte, ist ihr gegenw\u00e4rtiges Problem vielmehr, dass die rasch aufstrebende illiberale Macht China die modernistische Popkultur von Cola bis Prada keineswegs f\u00fcr unvertr\u00e4glich mit ihrem Modell des staatlich organisierten Kapitalismus und der autorit\u00e4ren Parteiherrschaft h\u00e4lt. Die Sicherheit, dass Pop, Liberalismus und Kapitalismus untrennbar zusammengeh\u00f6ren, ger\u00e4t dar\u00fcber ins Wanken. Im Westen allerdings ist der Zusammenhang mittlerweile derart durchgesetzt, dass sich kaum mehr wirkungsvoller konservativer Protest dagegen organisieren l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dazu beigetragen hat (aus k\u00fcnstlerischen und intellektuellen Kreisen heraus) nicht zuletzt die antialternative Pop-Affirmation der 1980er Jahre. Zwar ist sie als \u203asalonbolschewistisches\u2039 politisches Vorhaben rasch gescheitert, umso gr\u00f6\u00dfer bleibt bis heute ihr Erfolg, den Kanon der Avantgarde und der Boheme (in dem sich nicht nur Baudelaire und Gertrude Stein, Var\u00e8se und Charles Mingus, sondern auch schon Grateful Dead und Zappa, Warhol und Roxy Music befanden) um Gruppen wie Chic, das Design von McDonalds, das Layout der \u00bbBild\u00ab-Zeitung etc. zu erweitern. Im gro\u00dfen Publikumssegment der Mittelschichten hat sich dieses Prinzip schnell in moderater Weise geltend gemacht; dort stehen sich jetzt Disco und Rock, Picasso und Pop-Art, Tatort und Simpsons, Tom Cruise und Tarantino nicht mehr zwingend feindlich gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Die Bilanz f\u00e4llt darum in einer Hinsicht einfach aus: Alle vier gro\u00df ansetzenden Pop-Konzepte haben einen gemeinsamen Gegner weit hinter sich gelassen \u2013 den bildungsb\u00fcrgerlichen Konservatismus. Aus der Konkurrenz untereinander geht der Pop-Liberalismus heute aufs Ganze gesehen als klarer Sieger hervor. Widerspruch dagegen wird jedoch keineswegs blo\u00df von machtlosen Stellungen aus eingelegt. In den Universit\u00e4ten, modernen Museen, zeitgen\u00f6ssischen Galerien, mit k\u00fcnstlerischem Anspruch operierenden Veranstaltungsst\u00e4tten, Verlagen, \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehredaktionen, intellektuellen Feuilletons, in Hip-Illustrierten und auf ungez\u00e4hlten kleinen Internetseiten dominieren die Ansichten und Vorlieben der anderen drei Pop-Fassungen und -Deutungen. Weil sie sich aber in recht vielen F\u00e4llen distanziert gegen\u00fcberstehen und vor allem weil sie in den meisten F\u00e4llen nicht einmal versuchen, sich mit Kr\u00e4ften au\u00dferhalb der Boheme, der Kunstwelt und der kulturwissenschaftlichen Fakult\u00e4ten zu verb\u00fcnden, bleibt ihr Einfluss auf einige wichtige Sektoren der Publizistik, P\u00e4dagogik, Wissenschaft und der modernen Kunst beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0Eine Pop-Bestimmung<\/p>\n<p>Aus diesen Kreisen stammen auch die meisten wichtigen Beitr\u00e4ge im dritten entscheidenden Bereich der Meinungsbildung zur Lage und zum Zuschnitt von Pop. Neben der \u00e4sthetisch-kulturellen Bewertung und der politischen Aufladung ist das die Definitionsfrage. Nachdem der Wertunterschied von Hoch- und Popkultur verringert oder durch manche sogar aufgehoben worden ist, zieht die Definitionsfrage zwar keine \u00e4u\u00dferst gravierenden Konsequenzen mehr nach sich \u2013 es kommt keiner Entehrung mehr gleich, als Pop-Gegenstand oder -Vertreter angesehen zu werden \u2013, Bestimmungen, was unter Pop zu verstehen ist und was nicht, bleiben gleichwohl von Bedeutung. Sie lenken den Blick auf bestimmte Formen oder bringen diese erst hervor, sie bereiten den Boden, auf dem \u00e4sthetische Wertungen und politische Aufladungen vorgenommen werden.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nun einfach, wenn Pop nur als Oberbegriff f\u00fcr alle Formen von Musik diente, die vor allem von Jugendlichen oft geh\u00f6rt wird. Bereits seit der Pop-Art aber kann die Beschr\u00e4nkung auf einen Bereich der K\u00fcnste oder Kultur f\u00fcr Pop-Bestimmungen schwerlich das letzte Wort sein. Es w\u00e4re auch noch einfach, wenn man Pop allgemein blo\u00df auf eine Komponente reduzieren w\u00fcrde, etwa auf Jugendlichkeit oder auf Schnelligkeit, auf Warenf\u00f6rmigkeit, auf Gegenwartsaufzeichnung, Fl\u00fcchtigkeit, leichte Verst\u00e4ndlichkeit, nicht zuletzt auf Chartstauglichkeit. Das kann man zweifelsohne tun \u2013 und tats\u00e4chlich wird nicht selten so verfahren \u2013, allerdings mit der Folge, sich stark abzusondern, und mit dem zus\u00e4tzlichen Preis, mit dem einen Faktor zwangsl\u00e4ufig viele unterschiedliche Ph\u00e4nomene zu versammeln. In den B\u00fccherbestsellerlisten z.B. stehen Autoren wie Walser, Precht, von Schirach, die nun kaum jemand als Pop-Autoren bezeichnen m\u00f6chte. Und \u2013 anderes Beispiel \u2013 mit den Jahren und der zunehmenden Aussch\u00f6pfung seiner M\u00f6glichkeiten bedeutete es f\u00fcr den Pop-Sektor fast das Ende der Geschichte, wenn man Pop exklusiv an Jugendlichkeit, Fl\u00fcchtigkeit, Schnelligkeit und Gegenw\u00e4rtigkeit binden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auch viele g\u00e4ngige Kombinationen von Merkmalsangaben sind problematisch, weil sie zu einem nicht geringen Teil Pop mit Popul\u00e4r- oder Massenkultur identifizieren. Sp\u00e4testens seit der Pop-Art und der englischen Mod-Bewegung Anfang der sechziger Jahre liegt es aber nahe, Pop entschieden von der Popul\u00e4rkultur und ihren Merkmalen wie Einfachheit, Urspr\u00fcnglichkeit, Ungek\u00fcnsteltheit, Gemeinsinn, Verwurzelung im Regionalen, Nationalen oder im Alltagsleben der kleinen Leute zu trennen. Den anderen oft zu lesenden Ansatz, Pop im Sinne der Massenkultur an gro\u00dfe, schichten\u00fcbergreifende Rezipientengruppen zu binden, an allgemeine Beliebtheit und Verst\u00e4ndlichkeit, m\u00f6chte ich ebenfalls streichen, weil er das Problem mit sich bringt, viele K\u00fcnstler von Velvet Underground \u00fcber Rolf Dieter Brinkmann und Mike Kelley bis Patrick Wolf nicht mehr als Pop-K\u00fcnstler ansprechen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Ich schlage deshalb sieben andere Bezugspunkte vor, die als unverzichtbare Bestandteile der Pop-Bestimmung dienen sollten: Oberfl\u00e4chlichkeit, Funktionalismus, Konsumismus, \u00c4u\u00dferlichkeit, Immanenz, K\u00fcnstlichkeit, Stilverbund.<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlichkeit. Pop wendet sich gegen moderne, n\u00fcchterne Prinzipien. Die \u00dcberzeugung, dass die Form dem praktischen Zweck des Gegenstands dienen m\u00fcsse, wird nicht geteilt. Eine auff\u00e4llige Oberfl\u00e4che, die in keinem Zusammenhang zum Nutzen von technischen Ger\u00e4ten, H\u00e4usern, M\u00f6beln steht, markiert das Pop-Design. Die dekorative Verpackung von G\u00fctern weitet das Oberfl\u00e4chen-Prinzip \u00fcber solche Objekte entscheidend aus; die Abl\u00f6sung des braunen Umschlags durch das Schallplattencover ist ein bedeutsames Beispiel daf\u00fcr. Dennoch ist Pop der modernen, asketischen Auffassung \u00bbweniger ist mehr\u00ab nicht vollkommen untreu. Die Oberfl\u00e4chen des Pop sind vorzugsweise geschlossen, selten verl\u00e4uft oder vermischt sich etwas. In der Pop-Werbung wie in der Pop-Art sind die Farben nicht nur bunt, sondern vor allem unmoduliert und weisen harte Grenzen zueinander auf.<\/p>\n<p>Funktionalismus. Funktional soll Pop in einer anderen Hinsicht sein, als von der puristischen Moderne gefordert. Pop ist zwar moralisch weitgehend desinteressiert, tritt aber nicht mit dem Anspruch \u00e4sthetischer Interesselosigkeit auf. Es gibt hier mehr als einen Zweck: f\u00fcr Belebung sorgen, angenehm erregen, den K\u00f6rper in Bewegung setzen, Attraktivit\u00e4t erh\u00f6hen und eine nette, heitere Stimmung oder eine coole Haltung bewirken.<\/p>\n<p>Konsumismus. Pop tritt daf\u00fcr ein, dass nicht nur dem t\u00e4tigen Leben ein hoher Rang zukommt. Sich berieseln, erregen, unterhalten lassen steht ebenso hoch im Kurs. Konsumieren, also verzehren, ist zudem ein Pop-Kennzeichen, weil es den Gegensatz dazu bildet, sich verzehren zu lassen. Bewusstseinsverlust, Aus-Sich-Selbst-Heraustreten, Rausch z\u00e4hlen allenfalls vor\u00fcbergehend einmal zur Pop-Welt \u2013 als Samstagnachtph\u00e4nomen. Die Grundhaltung von Pop ist anti-ekstatisch.<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferlichkeit. Pop h\u00e4lt sich strikt an das sinnlich Gegebene. Auch Ableitungen werden nicht vorgenommen. An Innerlichkeit ist Pop ebenso wenig interessiert wie an psychologischer Umdeutung des Manifesten. In den Augen erkennen Pop-Anh\u00e4nger einen sch\u00f6nen Glanz, nicht die Seele.<\/p>\n<p>Immanenz. Anders pointiert, bedeutet das: Pop kann mit der Werbung oder den gro\u00dfen B\u00fchnenshows, die sich aus dem historisch-literarischen, mythologischen Fundus bedienen, etwas anfangen, weil es manchmal deren Gestaltung sch\u00e4tzt, nicht deren Bestreben, etwas \u00fcber das H\u00f6r- und Sichtbare Hinausgehendes zu behaupten. Dann muss z.B. das Auto und vor allem dessen sinnliche Pr\u00e4sentation in der Werbung gefallen, die Einpr\u00e4gsamkeit, die Rhetorik, der Klang des Slogans, nicht die ausdr\u00fcckliche oder nahegelegte Aussage, dass das Auto f\u00fcr Freiheit und Abenteuer stehe. Letzteres ist kein Pop-Bestandteil, sondern geh\u00f6rt der Popul\u00e4rkultur an. Pop kann sich solchen Mythen oder konventionellen Konnotationen nur n\u00e4hern, indem es deren Zeichengrundlage um des Schauwerts willen aufgreift oder ironisch zitiert.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlichkeit. Im Gegensatz zur Popul\u00e4rkultur steht auch, dass Pop mit dem Nat\u00fcrlichen nichts anfangen kann, au\u00dfer es zu elektrifizieren, im Studio bewusst aufzusplitten, digital zu modellieren. Plastik, Aufnahme- und Abspielger\u00e4te, Schneideraum, Mischpult, Scheinwerfer, Schminke, Silikon, Dildos, Photoshop, Syntheziser- und Sampler-Software, Spraydosen, Keyboards z\u00e4hlen zu den wichtigsten Instrumenten und Materialien des Pop. Die enge Verbindung von K\u00fcnstlichkeit und technischen Neuerungen macht es m\u00f6glich, dass der Popkonsum \u2013 selbst bei gro\u00dfem Bem\u00fchen um Distinktion \u2013 kein Luxuskonsum sein muss. Poster, Haarspray, synthetische Stoffe, elektrische N\u00e4hmaschinen, Bleichmittel, bedruckte T-Shirts, Illustrierte, billige Fernseher und Laptops, Flatrates reichen aus, um f\u00fcr Glamour und modische Abwechslung zu sorgen.<\/p>\n<p>Stilverbund. Ein Pop-Gegenstand kommt niemals allein. Nicht nur geh\u00f6ren zum Pop-Objekt der Aufdruck und die Verpackung bindend dazu, ein spezieller Gegenstand steht auch in einer Reihe mit Dingen aus anderen Bereichen. Der Musikstil z.B. ist mit einer Frisur, einer Hose, einem Auto, einer Attit\u00fcde verbunden. Auf dieser Ebene endet oftmals die K\u00fcnstlichkeit des Pop: solche Zusammenstellungen erscheinen dem Pop-Anh\u00e4nger fast immer unaufhebbar zu sein. Wenn auch nicht durch Transzendenz, Hingabe ans Nat\u00fcrliche oder Glaube an eine tiefe, verborgene Kraft, ersteht zumindest durch das Stilbewusstsein eine konservative Bindung.<\/p>\n<p>Soweit die Liste der Pop-Charakteristika. Zustimmung oder Widerspruch zu diesen Aussagen \u2013 als positiver oder negativer Bescheid zur gerne gestellten Frage, ob das denn wirklich so sei, ob Pop oberfl\u00e4chlich sei, konsumistisch etc. \u2013 ist erst einmal unsinnig. Das gilt ebenfalls f\u00fcr alle anders ansetzenden Definitionen. H\u00e4lt man sich an die umherlaufenden Reden \u00fcber Pop, ist Pop ja weit herumgekommen. Nicht nur nette Liedchen aus dem Radio geh\u00f6ren dazu. Schon seit l\u00e4ngerem meint man Pop einerseits an abseitigeren, andererseits an hochoffiziellen Orten anzutreffen, an dunklen Ecken oder in gut ausgeleuchteten Kulturst\u00e4tten. Pop hat sich aber auch im Londoner Bankendistrikt heimisch gemacht, ebenfalls z\u00e4hlt Pop zur Grundausstattung erfolgreicher politischer F\u00fchrung. Zumindest ist das alles so, wenn man den Ausf\u00fchrungen verschiedener respektabler Organe folgt. Im Feuilleton ist seit der Finanzkrise 2008 \u00f6fter zu lesen, dass entfesselter Finanzkapitalismus und Pop-Hedonismus miteinander verwandt seien. Die unterlegene Kandidatin einer aufstrebenden Partei sieht bei der Berliner Wahl 2011 den siegreichen B\u00fcrgermeister im Banne des \u00bbPopstar-Populismus\u00ab. Pop-Underground und Pop-Avantgarde sind bereits wesentlich \u00e4ltere Wortzusammenf\u00fcgungen, die im Bereich der Kultur zum Populismus gegenl\u00e4ufige Ph\u00e4nomene in den Blick nehmen sollen. Aber auch wer Pop als Bestandteil des Mainstream oder der Subversion, als kulturelle Avantgarde oder kommerziellen Populismus, als h\u00fcbsche Melodie, aufregenden Krach oder beides gleichzeitig bestimmt, hat nichts anderes getan, als seinen Sprachgebrauch zu dokumentieren und festzulegen. Den kann man nicht widerlegen, sondern nur verwerfen \u2013 und im zweiten Schritt versuchen, eine andere Definition geltend zu machen, die sich allgemein durchsetzt und somit andere Bestimmungen in Vergessenheit geraten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Genau das ist die Absicht dieses Essays. Der erste Beweggrund daf\u00fcr ist, Pop sch\u00e4rfer und pr\u00e4ziser als \u00fcblich von Popul\u00e4rkultur und Massenkultur zu trennen. Ginge Pop in diesen auf, br\u00e4uchte man den Begriff nicht. Das soll nat\u00fcrlich nicht hei\u00dfen, Pop sei immer elit\u00e4r oder ein seltenes Produkt manueller Arbeit. Es bedeutet aber, dass Pop nicht zwangsl\u00e4ufig aus den niederen Schichten hervorgehen oder in hoch reproduzierter und rezipierter Zahl vorliegen muss. Nach dem hier vorgeschlagenen Sprachgebrauch geh\u00f6rt ein Lichtenstein-Gem\u00e4lde ebenso zum Pop-Bereich wie ein Marvel-Comic, Deep Freeze Mice ebenso wie die Bee Gees, James Bond wie die fr\u00fchen Filme von Jean-Luc Godard, Cecily von Ziegesar wie Richard Meltzer. Die Trennung von Pop, Popul\u00e4rkultur, Massenkultur beruht freilich keineswegs auf einer strikten Abneigung gegen Letztere. Damit soll auch nicht zum Ausdruck gebracht werden, Letztere geh\u00f6rten der Vergangenheit an. Im Gegenteil, die st\u00e4rkere Trennung der Begriffe macht es erst m\u00f6glich, sie einzeln herauszuheben. Bei jedem Pop-Ph\u00e4nomen im hier vorgeschlagenen Sinne kann man nun untersuchen, ob es (teilweise) auch der Popul\u00e4r- oder Massenkultur angeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Fasst man etwa Massenkultur als eine Kultur auf, die aus gemeinschafts- und schichten\u00fcbergreifenden Publika gebildet wird, werden sich fraglos einige Pop-Gegenst\u00e4nde finden, die dieser Massenkultur angeh\u00f6ren. Definiert man Popul\u00e4rkultur als eine Kultur der beherrschten Klassen, in der das als nat\u00fcrlich und einfach Erachtete bevorzugt wird, kann man allenfalls \u00dcberschneidungen zu Pop feststellen. Solche Mischformen gibt es allerdings in reicher Zahl. Ohne K\u00fcnstlichkeit, Funktionalismus, Stilverbund, Oberfl\u00e4chlichkeit (vom Konsumismus ganz zu schweigen) kommt in einzelner oder zusammenh\u00e4ngender Weise schon seit l\u00e4ngerem weder der Boulevardjournalismus noch der volksmusikalische Schlager, weder die Fernsehkrimiserie noch die biederste Werbung aus (nur \u00c4u\u00dferlichkeit und Immanenz \u2013 und offen ausgestellte K\u00fcnstlichkeit \u2013 bleiben der Popul\u00e4rkultur verschlossen).<\/p>\n<p>Experimentell-avantgardistische Varianten von Pop liegen ebenfalls in beachtlicher Zahl vor. Zeichnet sich Pop bereits dadurch aus, dass einzelne Effekte, Sounds, Gags, Schockfarben, sexuelle Reize, schnelle Schnitte und\/oder lang anhaltende rhythmische Wiederholungen eine gro\u00dfe Beachtung erfahren, steigert die Pop-Avantgarde das noch, indem sie es wesentlich st\u00e4rker aus seinem narrativen Zusammenhang l\u00f6st. Fehlt bei Pop nie eine Geschichte, eine Legende, eine Melodienfolge, m\u00f6chten die avantgardistischen Freunde oder Feinde die Pop-Reize ihres Sinns und ihres Kontextes radikal entkleiden. Warhols Serien und Screen Tests, Burroughs Cut-Up-Texte, \u00e4u\u00dferst minimalistische Techno-St\u00fccke geben daf\u00fcr nur einige Beispiele ab.<\/p>\n<p>Wenn man Rock \u2013 um eine letzte Scheidung vorzunehmen \u2013 identifiziert mit grotesker K\u00f6rperlichkeit, Rausch, Energie, tiefem Gef\u00fchl, gewolltem (nat\u00fcrlich erscheinendem) Primitivismus, Expression, dann tritt der Abstand zu Pop \u2013 zum sterileren, \u00e4u\u00dferlichen, anti-ekstatischen, ganz und gar k\u00fcnstlichen Pop \u2013 noch st\u00e4rker hervor als in der \u00fcblichen Trennung von Rock- und Popmusik. Deren g\u00e4ngige Zuordnungen geraten dar\u00fcber manchmal sogar in Verwirrung: Frank Zappa, Crass und Napalm Death geh\u00f6ren nach der hier vorgeschlagenen Unterscheidung st\u00e4rker in den Pop-Sektor; Nirvana bleiben trotz ihrer mitunter poppigen Harmonien vollends im Rock-Lager; selbst wenn sie gemeinhin als Ikonen des Rock firmieren, stellen die Rolling Stones wegen Mick Jaggers Ironie eine Mischform dar; gegen ihren Ruf ist Madonna wegen ihres Faibles f\u00fcr ehrliche Botschaften, Mystizismus und orgasmische Sexualit\u00e4t keinesfalls ein reiner Popstar; viele ihrer Singles und einige Videos erf\u00fcllen die Pop-Anforderungen allerdings durchweg.<\/p>\n<p>Das Spiel kann nun unendlich weitergehen, nicht nur mit eindeutigen Alternativen (Warhol vs. B\u00f6ll), sondern auch in allen Schattierungen. Welcher Film f\u00e4llt eher unter Pop, \u00bbRebel Without A Cause\u00ab oder \u00bbPsycho\u00ab? Ist, gemessen am Gesamtwerk, Nick Hornby ein Pop-Autor oder Bret Easton Ellis? Wen kann man h\u00e4ufiger als Pop-Designer einordnen: Lagerfeld oder Galliano? Was ist die eindeutigere Pop-Marke: McDonald\u2019s oder Starbucks? Weil das Spiel \u00fcber erkl\u00e4rte Regeln \u2013 die sieben Bezugspunkte \u2013 verf\u00fcgt, sollten die Aufl\u00f6sungen klar sein (\u00bbPsycho\u00ab, Ellis, Lagerfeld, McDonald\u2019s).<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage, was der Sinn des Spiels ist. Gibt es einen Grund \u00fcber die Freude am Spiel mit den Unterscheidungen hinaus (wobei Spiel nat\u00fcrlich auch Machtspiel bedeutet)? Dass man Nominaldefinitionen nicht widerlegen, sondern nur ignorieren oder abl\u00f6sen kann, war unser Ausgangspunkt. Man kann sie aber auf ihre N\u00fctzlichkeit hin pr\u00fcfen. Die zwei anerkannten wissenschaftlichen Kriterien daf\u00fcr lauten: Beseitigung von Vagheit und von Wertungen. Zumindest Letzteres ist erreicht: \u00bbOberfl\u00e4chlichkeit\u00ab, \u00bbK\u00fcnstlichkeit\u00ab etc. sind hier deskriptive, keine negativen (aber auch keine positiven) Begriffe. Ob man die mit Hilfe der Bestandteile K\u00fcnstlichkeit, Oberfl\u00e4chlichkeit etc. gefassten Pop-Ph\u00e4nomene gut oder schlecht findet, bleibt einer weiteren, anderen Aussage \u00fcberlassen. Vagheit und Mehrdeutigkeit ist immerhin insofern angegriffen worden, als die sieben Elemente der Pop-Definition nicht nur benannt, sondern n\u00e4her erl\u00e4utert wurden. Ob der Versuch erfolgreich war, werden allerdings erst die Reaktionen Dritter deutlich zeigen.<\/p>\n<p>Gewisse Chancen sind dem Versuch jedoch von vornherein einzur\u00e4umen, weil er in einigen Punkten an gut eingef\u00fchrte Konzeptionen anschlie\u00dft, z.B. an Susan Sontags Essaysammlung \u00bbAgainst Interpretation\u00ab (1966) oder an Mary Harrons \u00bbMcRock. Pop as a Commodity\u00ab (Harrons Aufsatz, der 1988 in dem von Simon Frith herausgegebenen Sammelband \u00bbFacing the Music\u00ab ver\u00f6ffentlich wurde, ist zwar nur wenigen bekannt, ihm kommt aber, weil er Pop-Standpunkte ausformuliert, die etwa von George Melly, Simon Frith, Paul Morley, aus sp\u00e4ter \u00bbSounds\u00ab und fr\u00fcher \u00bbSpex\u00ab gel\u00e4ufig sind, beinahe Allgemeing\u00fcltigkeit zu).<\/p>\n<p>Man braucht jedoch nicht einmal Theoretiker und Feuilletonisten bem\u00fchen, um die hier vorgestellte Pop-Auffassung, die sich vom Verweis auf je einzelne Gattungen, auf die Charts, auf bestimmte soziale Schichten, auf allt\u00e4glichen Widerstand, auf die manipulative Kulturindustrie abhebt, in Umrissen an vielen historischen Orten wiederzufinden. In einem der ersten Nachrichtenmagazinartikel (\u00bbNewsweek\u00ab, 14. Mai 1956) zu Elvis Presley etwa wird nicht nur ein Wort zur Musik (\u00bbrhythmic rock \u2019n\u2019 roll\u00ab, \u00bba coarsened version of what a \u203ajump\u2039 band like Count Basie\u2019s does with refinement\u00ab) und zum Habitus verloren (\u00bbimpressive bodily contortions\u00ab), sondern auch \u00fcber sein Aussehen, wie es die Zuschauer beurteilen: \u00bbGirls describe Presley as a combination of Marlon Brando and James Dean. [\u2026] A local reviewer (adult and male) was less impressed: \u203aPresley is more of a male burlesque queen than anything else\u2039\u00ab. Denselben Raum nimmt sogar ein Abschnitt \u00fcber seine Auto-Vorlieben ein: Elvis besitze drei Cadillacs und ein \u00bbMesserschmitt tricycle car\u00ab; bis vor kurzem sei auch deren Farbgebung klar gewesen: \u00bb\u203aI used to be on a pink-and-black kick\u2039, he says. \u203aPink-and-black shirts, even a pink-and-black Cad.\u2039\u00ab<\/p>\n<p>Oder nehmen wir Chris Stamp, Co-Manager von The Who, einen der fr\u00fchen Mods. In \u00bbStoned\u00ab (2000) von Andrew Oldham, einem weiteren Modernist (und Nouvelle-Vague-Anh\u00e4nger), kurzzeitigem Schaufensterdekorateur von Mary Quant sowie langj\u00e4hrigem Manager der Rolling Stones, berichtet Stamp \u00fcber die Vorliebe der Mods Anfang der 1960er Jahre: \u00bbElvis, doo-wop, American, but not black stuff particularly.\u00ab Es bleibt aber nicht bei musikalischen Angaben, vor allem die Begeisterung f\u00fcr Protagonisten des Modern Jazz verdankt sich st\u00e4rker den Covern von Blue Note, Columbia und Prestige als den Platten: \u00bbWe sorta liked Gerry Mulligan, Jimmy Smith and John Coltrane; we weren\u2019t that into Jazz \u2013 it was the look.\u00ab Von der Mode zur Haltung; die Begeisterung f\u00fcr das Design ist ebenso wenig wie das f\u00fcr die Musik von \u00e4sthetischer Interesselosigkeit gepr\u00e4gt: \u00bbSubconsciously we knew that blacks had no real power in the States, any more than we did, but their clothes made them look in control, on top, not to be messed with.\u00ab Zu Funktionalismus, Oberfl\u00e4chlichkeit, \u00c4u\u00dferlichkeit, Konsumismus, Stilverbund kommt mit den Amphetaminen noch Immanenz und K\u00fcnstlichkeit hinzu: \u00bbThat attitude was why clothes were part of the triad with music and pills for mods.\u00ab<\/p>\n<p>Ob nicht nur die Mods und die New Yorker Entourage Andy Warhols, sondern auch geisteswissenschaftliche Theoretiker diese Partydroge genommen haben, ist nicht bekannt. Offen auf der Hand liegt aber, dass die Vorliebe f\u00fcr Look, Haltung, Oberfl\u00e4che sich gut mit dem antihermeneutischen Affekt verbinden l\u00e4sst (gegen die Sinnsuche und psychologische, theologische, ganzheitliche Ausdeutung, f\u00fcr eine \u00bbErotik der Kunst\u00ab, wie das Susan Sontag nannte). Dass einige der bekanntesten Strukturalisten und Poststrukturalisten lobende Worte f\u00fcr Pop-Art, Hyperrealismus, Disco-Repetition \u00fcbrig hatten, passt ins Bild. Mit dieser Vorliebe vertr\u00e4gt sich auch das hier vertretene Pop-Konzept sehr gut.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es keinen zwingenden Grund, weshalb so bestimmte Pop-Ph\u00e4nomene blo\u00df mit (post-)strukturalistischen Methoden untersucht werden sollten. Was zweifellos zur Hochwertung von Pop beigetragen hat \u2013 der antihermeneutische Angang \u2013, muss die wissenschaftlichen Disziplinen nicht k\u00fcmmern oder gar binden. Die Wissenschaft, die Pop-Gegenst\u00e4nde betrachtet, braucht keine Pop-Wissenschaft zu sein. F\u00fcr die wissenschaftliche Analyse ist nicht einmal entscheidend, mit der hier vorgenommenen Unterscheidung von Pop und Popul\u00e4r- bzw. Massenkultur (oder auch mit einer anderen) zu operieren. Noch wichtiger ist, dass die Untersuchung sich anderen g\u00e4ngigen Fragen widmet: Wie ist das Produkt, das Ereignis genau beschaffen? Wer stellt es her, in welchen Medien erscheint es? Wie kann man auf es aufmerksam werden, wie wird es beworben? Wer kauft oder rezipiert es? Wie wird es von Produzenten und Rezipienten klassifiziert? Welche Reaktionen ruft es bei wem hervor? Wie wird es benutzt? In welche Zusammenh\u00e4nge wird es hineingestellt? Ob man den Gegenstand, die Produktion, die Aufnahme etc. dann als Pop verbucht oder nicht, ist im wissenschaftlichen Zusammenhang eher zweitrangig.<\/p>\n<p>Anders sieht das im allt\u00e4glichen und journalistischen Bereich aus. Bestimmte Begriffe, die wichtig sind \u2013 und Pop, Popul\u00e4rkultur, Masse, Volk z\u00e4hlen dazu \u2013, stehen dort immer gleich als K\u00fcrzel f\u00fcr bedeutsame Einstellungen, starke Wertungen, ganze Weltanschauungen. Die Gebrauchsweise des Pop-Begriffs in den letzten f\u00fcnfzig Jahren zeigt deutlich einen kulturellen Umschwung an. Was fern humanistischer Bildung, aber auch fern volkskultureller oder rockiger Vorlieben und Auffassungen liegt, genie\u00dft mittlerweile einen betr\u00e4chtlichen Ruf, das geht \u00fcber die anerkennenden Worte des gymnasialen Kunst- oder Musiklehrers f\u00fcr Jasper Johns oder die Beatles heute weit hinaus. Daran k\u00f6nnen auch die zitierten, abf\u00e4llig gemeinten Worte vom Popstar-Populismus oder von der beschleunigten Pop-\u00d6konomie der B\u00f6rsenmakler momentan nichts \u00e4ndern. Sie zeigen allerdings deutlich an, dass die Auseinandersetzung um die Vor- oder Nachteile des Pop-Prinzips l\u00e4ngst nicht abgeschlossen ist. Immer noch gro\u00dfer Beliebtheit erfreuen sich vor allem (gerade unter Studenten) die Hinweise darauf, dass ein Produkt kommerziell oder Bestandteil des Mainstreams sei, auch wenn die Sprecher kaum anzugeben verm\u00f6gen, wieso denn ihre Kauffavoriten weniger kommerziell seien oder wodurch sich der Mainstream heutzutage auszeichne. Selbst das abf\u00e4llige Wort von der Unterschichtenkultur kann wieder Anh\u00e4nger finden, als habe es Rock \u2019n\u2019 Roll und Beat, Doo-Wop und Hip-Hop nie gegeben und st\u00fcnde die Minderwertigkeit von Werken, wenn sie nicht rein den Mittel- oder gar Oberschichten entspringen, nach wie vor fest.<\/p>\n<p>Als beendet gelten darf die Diskussion wohl blo\u00df in Reihen der Anh\u00e4nger der Pop-Subversion; ihre Hoffnung, dass Warhol, Zappa, Throbbing Gristle, David Bowie, Underground-Pornografie, queere Geschlechterverwirrung etc. den Bestand einer liberal-kapitalistischen Gesellschaft gef\u00e4hrden k\u00f6nnten, hat sich, wie bereits angedeutet, als wenig tragf\u00e4hig erwiesen. Das Gegenteil ist der Fall, sie alle z\u00e4hlen heute zum Kanon der (post-)modernen, universit\u00e4ren, musealisierten, im Feuilleton der angesehenen \u00fcberregionalen Zeitungen ausgebreiteten Kultur. Sie alle geh\u00f6ren zu den m\u00f6glichen Vorlieben der Angeh\u00f6rigen der Mittel- und F\u00fchrungsschichten, zumindest vereinzelt tauchen sie im breit gestreuten Kreis der jeweiligen Favoriten dieser Leute auf. Was f\u00fcr einen intellektuellen Mod(ernist), dessen Pop-Begeisterung sich nicht zuletzt daraus speist, dass in der Pop-Welt weder Handke noch Franzen, weder Bach noch Wagner, weder Jauch noch Schirrmacher auftauchen, undenkbar ist, bildet hier den guten Ton: Sich Mangas anschauen, aber auch Filme von Lars von Trier, in eine Impressionismus-Ausstellung gehen und in eine \u00fcber Modefotografie, eine Single von Carla Bruni anh\u00f6ren und eine CD von Anna Netrebko kaufen. Nicht immer geht es freilich derart pluralistisch zu, besonders unter Doktoranden geisteswissenschaftlicher F\u00e4cher, j\u00fcngeren Kulturjournalisten, Lektoren, Kuratoren etc. gibt es eine ganze Reihe an Leuten, die sich zwar nicht ausschlie\u00dflich, aber in konzentrierterer Form f\u00fcr David Foster Wallace, James Blake, Mike Kelley, Rainald Goetz usf. interessieren.<\/p>\n<p>Diesen akademisch, museal, feuilletonistisch erfolgreichen Sektor m\u00f6chte ich mit dem Begriff Avant-Pop belegen. Zum Avant-Pop z\u00e4hlen jene K\u00fcnstler, die im Pop-Bereich als besonders kreativ, originell, experimentell oder radikal angesehen werden, da stehen Talking Heads neben Jeff Koons, Quentin Tarantino neben Sonic Youth; in weniger gro\u00dfer Zahl k\u00f6nnen hier auch gef\u00e4lligere Vertreter Platz finden, die Supremes oder die Pet Shop Boys. Hervorgebracht wird der Avant-Pop durch eine bestens vertraute Verfahrensweise: Man beurteilt einzelne Artefakte nicht kurz hinsichtlich einer bestimmten Funktion und Wirkung (zum Tanzen bringen, f\u00fcr gute oder angespannte Stimmung sorgen usf.), sondern stellt Werke und K\u00fcnstler-Pers\u00f6nlichkeiten heraus, die man mit einigem theoretischen und interpretatorischen Aufwand einordnet und beschreibt.<\/p>\n<p>Dadurch ergibt sich eine Teilung innerhalb des Pop-Bereichs, die zuvor h\u00e4ufiger zwischen Pop und anderen Richtungen existierte, etwa zwischen Pop und Rock, Pop und zeitgen\u00f6ssischer Musik oder kurzzeitig auch zwischen Pop-Art und abstrakter Malerei. Diese Teilung ist oftmals weniger eine der Sache als der Bewertung nach. Vom hier vertretenen Pop-Begriff wird sie jedoch nicht gefordert. Mit ihm bleibt der Weg zu einer Hochwertung von Pop-Ph\u00e4nomenen ohne Lob des Kreativen und Experimentellen sowie nach Ma\u00dfgabe knapper Funktionsangaben und isolierter Betrachtung offen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer den Aufsatz im wissenschaftlichen Zusammenhang zitieren m\u00f6chte, benutze bitte die mit Seitenzahlen versehene Heftver\u00f6ffentlichung (\u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 1, Herbst 2012, S. 88-107).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Pop-Bestimmung<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1816,1820,1826,1836,1841,1859,2337,2589],"class_list":["post-1451","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-pop","tag-pop-und-politik","tag-pop-definition","tag-pop-theorien","tag-pop-kultur-und-kritik","tag-populare-kultur","tag-thomas-hecken","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1451","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1451"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1451\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1451"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1451"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1451"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}