{"id":1522,"date":"2013-03-19T15:11:21","date_gmt":"2013-03-19T13:11:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1522"},"modified":"2013-03-19T15:11:21","modified_gmt":"2013-03-19T13:11:21","slug":"vergroserter-boulevard-rezension-zu-bernhard-porksenhanne-detel-der-entfesselte-skandal-das-ende-der-kontrolle-im-digitalen-zeitaltervon-thomas-hecken19-3-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/03\/19\/vergroserter-boulevard-rezension-zu-bernhard-porksenhanne-detel-der-entfesselte-skandal-das-ende-der-kontrolle-im-digitalen-zeitaltervon-thomas-hecken19-3-2013\/","title":{"rendered":"Vergr\u00f6\u00dferter Boulevard Rezension zu Bernhard P\u00f6rksen\/Hanne Detel, \u00bbDer entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter\u00abvon Thomas Hecken19.3.2013"},"content":{"rendered":"<p>Skandalisierungen<!--more--><\/p>\n<p>Scheinbar ein Buch zum Boulevardthema. P\u00e4dagogen instruieren ihre Sch\u00fcler, Magazine appellieren an die Eltern unter ihren Lesern und Zuschauern, ihre Kinder zu warnen: Sei nicht zu offenherzig bei deinen Facebook-Eintr\u00e4gen, versende keine Nacktfotos von dir \u2013 das kann b\u00f6se Folgen haben, rachs\u00fcchtige Exfreunde warten nur darauf, dich blo\u00dfzustellen, in zehn Jahren scheitert daran vielleicht deine Bewerbung, das Netz vergisst nichts. Nat\u00fcrlich werden all diese Geschichten auch und gerade publiziert, um entsprechende F\u00e4lle gen\u00fcsslich auszubereiten, dem hoch besorgten Boulevardkonsumenten zum Vergn\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das Buch der T\u00fcbinger Medienwissenschaftler P\u00f6rksen\/Detel (ersterer auch im Beirat unserer Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab) will von der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit f\u00fcrs Thema zugleich profitieren und sie um eine vern\u00fcnftige Analyse bereichern. Das Buch ziert eine alberne Grafik, die eine Bombe (zusammengesetzt aus Nullen und Einsen) zeigt, deren Z\u00fcndschnur glimmt. Der Text h\u00e4lt dieses Versprechen auf Knalleffekte zum Gl\u00fcck nicht ein. Zwar pr\u00e4sentiert es auch einige bekannte schl\u00fcpfrige Anekdoten, wahrt aber einen Rest an Dezenz.<\/p>\n<p>Die These, dass nicht nur wie zuvor Prominente, sondern jeder heutzutage zum Gegenstand voyeuristischer Handlungen und \u00fcbler Nachrede \u2013 und das weit \u00fcber die Nachbarschaft und den eigenen Verwandten- und Bekanntenkreis hinaus \u2013 werden kann, vertreten sie jedoch ohne Abstriche. Die Entgrenztheit dieser Feststellung hat die Gestalterin des Covers wohl zu ihrem Bomben-Bild gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Was aber f\u00fcr sich genommen unstrittig ist \u2013 dass die Archivkapazit\u00e4t des Internets und die einfache, milliardenfache Zug\u00e4nglichkeit der Webeintr\u00e4ge die M\u00f6glichkeit potenziert, im Guten wie im Schlechten Objekt gro\u00dfer Anteilnahme zu werden \u2013, bedeutet noch lange nicht, dass es geschieht. Da es eine riesige Zahl an Internetpostings gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von mehr als den engsten Bekannten der Absender wahrgenommen werden, \u00e4u\u00dferst gering.<\/p>\n<p>Ob der (meist missg\u00fcnstige) Klatsch durch das Netz \u00fcber den Umfang des zuvor \u00fcblichen B\u00fcro- und Nachbarschaftsgeredes erheblich hinauskommt, ist deshalb zu bezweifeln. Nicht zu bezweifeln ist, dass einzelne putzige Begebenheiten oder peinliche Ereignisse durch das worldwideweb eine zuvor ungeahnte Reichweite selbst \u00fcber kontinentale Grenzen hinweg erlangen. Da die betroffenen Helden des Alltags aber im Regelfall weder \u00fcber Verbindungen in fernen L\u00e4ndern verf\u00fcgen noch die Absicht haben, ihre vor\u00fcbergehende Prominenz dort zu kapitalisieren, bleibt f\u00fcr sie wiederum ihr \u00fcblicher Bekanntenkreis das Ma\u00df ihrer Dinge. Deshalb ist auch dieser Effekt kaum der Rede wert.<\/p>\n<p>P\u00f6rksen\/Detel sehen das wohl trotz ihrer einleitenden Seiten, die solche Alltagssensationen in den Mittelpunkt stellen, nicht vollkommen anders. Fast alle weiteren Kapitel ihres sehr gut geschriebenen Buches widmen sich n\u00e4mlich Prominenten und politischen F\u00e4llen. Ihr Diktum, dass es \u00bbneue Opfer\u00ab von Skandalisierungen gebe \u2013 \u00bbbislang vollst\u00e4ndig Unbekannte\u00ab \u2013 \u00fcberzeugt in dem Zusammenhang nicht, denn in Boulevardmedien haben solche Nicht-Prominenten auch zuvor bereits eine wichtige Rolle gespielt, wenn es galt, Erf\u00fcllungen und vor allem Abweichungen von durchgesetzten oder zu etablierenden Normalit\u00e4tsvorstellungen zu sanktionieren und am anschaulichen Beispiel zu bekr\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Das ist aber schon der einzige Kritikpunkt: \u00dcberzeugend und klar arbeiten P\u00f6rksen\/Detel \u00a0jeweils heraus, wie sich die Berichterstattung von Fernsehen und Printmedien durch die neuen \u203aVortester\u2039 und \u203aAnheizer\u2039 aus der Blogsph\u00e4re und den sozialen Netzwerken graduell ver\u00e4ndert: Ausl\u00f6ser von Skandalen k\u00f6nnen nun auch \u2013 unabh\u00e4ngig von journalistischen \u203aGatekeepern\u2039 \u2013 einzelne Internetuser sein, wenn deren Botschaft oder Fundst\u00fcck von anderen Nutzern massenhaft verbreitet wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Prominenten, Firmen und politischen Institutionen wiederum bedeutet die \u00bbbreite Streuung der Daten, ihre leichte Verf\u00fcgbarkeit, die wom\u00f6glich globale Verbreitung, die Permanenz ihrer Pr\u00e4senz, die rasche Durchsuchbarkeit und leichte Rekombinierbarkeit, die schwierige Identifikation der Verursacher und Ausl\u00f6ser\u00ab, dass die \u00bb\u00fcblichen Formen des Skandalmanagements (Zensur- und Einsch\u00fcchterungsversuche durch aggressive Medienanw\u00e4lte, Gegendarstellungen, Korrekturen etc.)\u00ab nicht mehr recht greifen (S. 25).<\/p>\n<p>Andererseits besitzt der \u00fcbliche \u00bbSkandal\u00ab bzw. die \u00f6ffentliche Erregung (gegenw\u00e4rtig) eine Halbwertzeit von h\u00f6chstens zwei Monaten, wie P\u00f6rksen\/Detel zu Recht bilanzieren. Diese Zeit reicht nat\u00fcrlich mehr als aus, damit ein Bundespr\u00e4sident die Nerven verliert (K\u00f6hler) oder ein Minister zum R\u00fccktritt bewegt wird (Guttenberg), nicht aber dazu, politisch-milit\u00e4rische Doktrinen und Institutionen zu ersch\u00fcttern, wie man leicht an den ebenfalls im Buch dargelegten Beispielen der Ver\u00f6ffentlichung der Bilder aus Abu Ghraib und des \u00fcber WikiLeaks verbreiteten \u00bbCollateral Murder\u00ab-Videos sehen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nBernhard P\u00f6rksen\/Hanne Detel<br \/>\nDer entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter<br \/>\nK\u00f6ln 2012<br \/>\nHalem Verlag<br \/>\nISBN: 978-3-86962-058-9<br \/>\n247 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Skandalisierungen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[315,644,932,1837,1993,2337],"class_list":["post-1522","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-berhnard-porksen","tag-entfesselte-skandal","tag-hanne-deteil","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1522","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1522"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1522\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1522"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1522"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1522"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}