{"id":1584,"date":"2013-04-08T09:44:08","date_gmt":"2013-04-08T07:44:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1584"},"modified":"2013-04-08T09:44:08","modified_gmt":"2013-04-08T07:44:08","slug":"lasst-uns-zusammen-bleiben-soul-in-der-nachpostmodernevon-nadja-geer8-4-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/04\/08\/lasst-uns-zusammen-bleiben-soul-in-der-nachpostmodernevon-nadja-geer8-4-2013\/","title":{"rendered":"Lass(t) uns zusammen bleiben: Soul in der Nachpostmodernevon Nadja Geer8.4.2013"},"content":{"rendered":"<p>Die Kinder von Apple und Lady Gaga<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><small>[leicht \u00fcberarbeiteter Beitrag aus \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 2, Fr\u00fchling 2013, S. 22-26]<\/small><\/p>\n<p>Die Jugend menschelt. Nach Jahren des konstruktiven Aushaltens eines unterk\u00fchlten Zustands des Digitalen zeichnet sich bei den Kindern von Apple und Lady Gaga ein Backlash ab: Das nachpostmoderne Subjekt schaltet nicht nur Facebook ab, um Erfahrungen zu sammeln, sondern investiert auch in Ehrlichkeit, Wahrhaftigkeit und Beziehungsfragen \u2013 statt an der Wall Street, was bekanntlich ohnehin nichts bringt. Frank Oceans gef\u00fchlsgeladene Suche nach der \u00bbReal Love\u00ab kann als emblematischer Sound der New-Heart-Bewegung angesehen werden, die sich in R&amp;B, Soul und Hip-Hop ausbreitet und diesen Musikstilen eine Renaissance beschert, die seit ein paar Monaten von den ausgehungerten Musikmagazinen aufs Herzlichste begr\u00fc\u00dft wird.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/lZ0O4Uo5IAg&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Kendrick Lamar geh\u00f6rt hierher, ebenso wie Jesse Boykins III und MeLo-X mit ihrem Album \u00bbZulu Guru\u00ab. Nicht zu vergessen James Blake. Ja, auch Blake kann als Soul bezeichnet werden, sei es nur wegen seiner Sentimentalit\u00e4t und seiner Liebe zum amerikanischen R&amp;B der 1990er Jahre, die sich in seinen neuartigen und spektakul\u00e4ren R&amp;B-Samplefragmenten zeigt.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/rqScKIZaurE&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>In seinem aktuellen Video kooperiert er sogar mit dem HipHop-Star RZA, und wieder f\u00e4llt ihm nichts Besseres ein, als zu bedauern, dass er seine Freundin nicht vom Fleck weg heiraten kann.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/lPC0ZdU9Jqg&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Schon die Pop-Affirmation der 1980er Jahre wurde durch Soul und Romantik mitgetragen: Die Bands der <a title=\"TV-Sendung zu New Romantics\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=z1sUYvxqUl0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">New Romantics<\/a> \u00fcberboten sich in ihrem \u00fcberkandidelten Auftreten, und dass Prince mit seinem genialen Pop-Soul und seinem Queer-Habitus einmal so stilpr\u00e4gend werden w\u00fcrde, ahnte damals auch noch nicht jeder.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/FP6OsQC4uMw&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Der Romantiker Prince trug sein R\u00fcschenhemd so offen, damit man seinen Herzschmerz besser sah: ein Aufstand des Stils gegen den Normalit\u00e4tsdruck des m\u00e4chtigen Mainstream. Geteiltes Land. Oder wie die Zimmerm\u00e4nner sangen: Nichts ist uns geblieben, wir d\u00fcrfen uns nicht lieben, denn Krieg und Frieden sind zu verschieden.<\/p>\n<p>Obgleich der damals einsetzende Neoliberalismus erst heute so richtig regiert, sind pl\u00f6tzlich Krieg und Frieden (sprich: Macht und Pop) gar nicht mehr so verschieden, sondern lieben sich aufs Innigste. Ausdruck fand das in Barack Obamas Rede nach seiner Wiederwahl: \u00bbEgal, ob Du schwarz oder wei\u00df bist, Latino oder Asiate oder Indianer, jung oder alt, reich oder arm, gesund oder behindert, homosexuell oder hetero: Du kannst es hier in Amerika schaffen.\u00ab F\u00fcr eine neue Offenheit gegen\u00fcber Queerness, Blackness und Otherness steht jetzt nicht mehr Prince, sondern Mr. President himself, der von den amerikanischen Medien liebevoll \u00bbMr. Tough Love\u00ab genannt wird.<\/p>\n<p>Obamas \u00bbpoetics of presidency\u00ab (Sabine Sielke) unterst\u00fctzen ein Pop-Selbst, das post-racial ist und sich irgendwo zwischen Ethik und \u00c4sthetik eingerichtet hat. Eine Kommentatorin der Berliner \u00bbtaz\u00ab schrieb nach Obamas Wiederwahl sogar, er h\u00e4tte sich die Milliarden sparen k\u00f6nnen, die er f\u00fcr die Medienkampagne ausgegeben hat, h\u00e4tte er schon fr\u00fcher die Fliegerjacke aus dem Film \u00bbTop Gun\u00ab angezogen.<\/p>\n<p>Diese gezielte Verwendung des \u00bbmeaning of style\u00ab nutzt eine \u00e4sthetische Taktik aus der Popkultur \u2013 doch auch Pop als Pose, also als ein Konzept, bei dem man seinen K\u00f6rper tr\u00e4gt wie einen (Kleidungs-)Stil, findet bei Obama Anwendung. Die Pop-Pose, die er perfektioniert hat, h\u00f6rt auf den Namen Soul. Bei Obama ist die politische Rhetorik kein Krieg mehr, auch kein Krieg der Identit\u00e4ten, sondern Liebe. Eine klassische Soul-Message. Soul steht f\u00fcr Liebe, f\u00fcr alle m\u00f6glichen Formen der Liebe, f\u00fcr die Liebe Gottes, f\u00fcr die Liebe deiner Frau, deines Mannes, deines gleichgeschlechtlichen Transgenderpartners, f\u00fcr k\u00f6rperliche Liebe. Gleichzeitig ist die Liste derjenigen Songs endlos, die darauf aufbauen, dass du dich selbst lieben und respektieren musst, um von anderen und der Gesellschaft respektiert zu werden. Auch Kendrick Lamar rappte 2012 mal wieder: \u00bbWhat\u2019s love got to do with it if you don\u2019t love yourself.\u00ab<\/p>\n<p>Doch Soul stand nie ausschlie\u00dflich f\u00fcr \u00bbGef\u00fchl und Tiefe\u00ab, wie im letzten Jahr im \u00bbRolling Stone\u00ab zu lesen war, sondern auch immer schon f\u00fcr die stylische Pose (sonst w\u00e4re es ja Gospel) und den \u00dcberschlag einer (auch) politischen Haltung in den Kommerz. Sophisticated ist der \u00bbWorld Soul\u00ab von dem selbsternannten Jesse Boykins III daher nicht wirklich.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/avS3mizaxIE&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Auch seinem Kumpel MeLo-X, der \u00bbinfluences from Eminem to Nirvana, from Picasso to Moses\u00ab nennt, scheint es nicht um Distinktion zu gehen, vielmehr folgt er wohl dem neuen Pop-Konzept des 21.\u00a0Jahrhunderts: Integration. Schaut man sich die Bilderflut auf Boykins\u2019 Fashionblog \u00bb<a title=\"theloveapp\" href=\"http:\/\/theloveapp.tumblr.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Love Apparatus. Life\u00a0&amp;\u00a0Musical Timeline of Jesse Boykins III \u203astaying humble within my genius\u2039<\/a>\u00ab an, dann erkennt man \u2013 wenig dem\u00fctig \u2013 einen stilistischen \u00dcbermut. Eine Sintflut popkultureller Styles und Posen, alles passt oder wird passend gemacht, indem es vom Model Boykins re-modelt wird, von Jimi Hendrix bis Malcolm X: Hauptsache stylisch, farbenfroh und Engagement symbolisierend.<\/p>\n<p>Das ist es, wof\u00fcr diese Form des affirmativen Mainstream-Pop angloamerikanischer Pr\u00e4gung steht: f\u00fcr eine groovige Pose des Engagements.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite spielt das Bilder\u2011 und Sounddesign eine gro\u00dfe Rolle, \u00fcber das eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen entsteht, auf der anderen Seite wird aber immer wieder der Gestus des \u00bbI\u2019m New Here\u00ab (so der beste Titel auf dem Album von Jesse Boykins III und MeLo-X) mit neuer Energie gespeist.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/Lh1h2f_RTzI&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Einerseits ist das Irgendwo-neu-Sein eine hinreichende und notwendige Bedingung f\u00fcr Pop als Ideologie: \u00bbRoutes Not Roots\u00ab, nannte das Terre Thaemlitz. Doch auch der Mythos der USA liegt darin begr\u00fcndet, dass sie eine Nation \u203ain the being\u2039 sind, wie es im Englischen so sch\u00f6n hei\u00dft, und damit als Paradigma f\u00fcr das stehen k\u00f6nnen, f\u00fcr das auch guter Pop steht: Emergenz. Diese Form des amerikanischen Pop trifft nun mit \u00bbZulu Guru\u00ab auf London \u2013 die amerikanischen World-Soul-Stars werden durch die BBC gehyped und auf Ninja Tunes ver\u00f6ffentlicht. Popmusiker wie Boykins III und MeLo-X bedienen sich nicht nur direkt aus der verspielten und trickreichen Requisitenkiste der Native Tongues, die Dave Tompkins beschreibt, sondern greifen auch auf europ\u00e4ische Selbsterm\u00e4chtigungsspielchen wie den Dandyismus zur\u00fcck. \u00bbZulu Guru\u00ab steht einfach f\u00fcr alles: Hip-Hop, Jazz, Soul und Dubstep, Afrika, die USA und Europa \u2013 doch vor allem steht es f\u00fcr \u203aglobal pop\u2039, daf\u00fcr, dass ein Konzept gewonnen hat.<\/p>\n<p>Einiges hat sich also ver\u00e4ndert, seit Motown in den 1960ern mithalf, das b\u00fcrgerliche afroamerikanische Subjekt zu etablieren.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/player.vimeo.com\/video\/51201636&#8243; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Der World Soul unserer Zeit will ein bisschen mehr. Analog zu der Tatsache, dass Alben wie \u00bbChannel Orange\u00ab von Frank Ocean auf Def Jam erscheinen und Def Jam jetzt zu Universal geh\u00f6rt, wurde auch das Konzept Soul universalisiert und verpoppt. Es setzt an, ein gr\u00f6\u00dferes Kaliber zu werden: Es transzendiert geografische Grenzen, demoliert die wei\u00dfe Moderne, dekonstruiert die Heteronormativit\u00e4t und globalisiert die westliche Popkultur, indem es \u2013 auch nicht wirklich neu, aber gerade mal wieder hip \u2013 das ganzheitliche Naturdenken indigener und afrikanischer V\u00f6lker kulturalisiert. Ihr glaubt, die Welt sei in der Krise? Nicht doch, schlie\u00dflich gibt es das globale Romantic Movement. Pop ist nicht nur die erste postchristliche Universalkultur, es ist die erste postchristliche Heilsbotschaft.<\/p>\n<p>Dass damit auch die Figur des Gurus wieder auf der Agenda steht, daran erinnert Flying Lotus. Obgleich oft eher dem Electro zugerechnet, geh\u00f6rt er als Produzent und DJ ebenfalls ins oben beschriebene Feld. FlyLo, wie er von seinen Fans liebevoll genannt wird, vertritt aber eine g\u00e4nzlich andere Pose. Unter seinem Alias \u00bbCaptain Murphy\u00ab gibt er in dem 35-min\u00fctigen Video \u00bbDuality\u00ab eine satirische Schritt-f\u00fcr-Schritt-Anleitung, wie man zum erfolgreichen Guru wird.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/ldRhniqAI6s&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Das erinnert daran, dass sich einer der ber\u00fchmtesten Rapper der 1990er Jahre den K\u00fcnstlernamen Guru zulegte \u2013 die Rede ist hier nat\u00fcrlich von Guru von Gang Starr \u2013 und Alice Coltrane auf ihrem Album \u00bbWorld Galaxy\u00ab dem Guru ihres Mannes mit \u00bbNarration on Love by Swami Satchidananda on A Love Supreme\u00ab ein musikalisches Denkmal setzte. Der indische Guru stand dort f\u00fcr kosmische Liebe und damit gleichzeitig f\u00fcr eine Form der schwarzen Boheme, den sogenannten Afro-Futurismus, der immer zwischen Jazz, Techno und Avantgarde m\u00e4anderte und als Gegenmodell fungieren kann zum bodenst\u00e4ndigen, \u203anormalen\u2039 Soul, R&amp;B und dem, ja, bildungsb\u00fcrgerlichen \u00bbConscious Rap\u00ab \u2013 jene Formen schwarzer Popmusik, deren Orte die Schule, Kirche, die Stra\u00dfe und das Schlafzimmer sind, weniger das Universum und der Kosmos.<\/p>\n<p>Heute nun l\u00e4sst sich \u2013 und dagegen wendet sich Alice Coltranes Gro\u00dfneffe Flying Lotus m\u00f6glicherweise in seinem Video \u2013 im R&amp;B und Soul wie auch in gewisser Weise bei Obama die Figur des Gurus wiederfinden. Der Guru ist \u203ain\u2039, l\u00e4uft gerade dem \u203apreacher\u2039 und \u203ateacher\u2039 den Rang ab. Wenn Flying Lotus in seinem Video vor allem Aufnahmen aus den 1960ern bis 1980ern mixt, erinnert er an die historische, auch popkulturelle Bedeutung des Gurus. Zugleich untergr\u00e4bt er diese Figur durch \u00e4sthetische Taktiken, die aus der digital hergestellten Kunstfigur Captain Murphy einen Dada-K\u00fcnstler des 21. Jahrhunderts machen: Da w\u00e4re zun\u00e4chst einmal die Ironie, oder vielleicht sollte man besser sagen, der Sarkasmus, der nicht nur dadurch zustande kommt, dass Murphy einem eine Anleitung zum Guruwerden an die Hand gibt, sondern auch durch Lehrmeinungen \u00fcber das Gurutum, die so klingen, als g\u00e4be es irgendwo ein Lexikon der Guruwissenschaften: \u00bbA practical application of an abstract ideal\u00ab hei\u00dft es da (es lie\u00dfe sich spekulieren, ob Murphy damit nicht die Pr\u00e4sidentschaftspoetik l\u00e4cherlich machen will). Dazu loopt der Captain \u2013 dessen Name nicht umsonst an den SciFi-Comichelden Captain Future erinnert \u2013 immer wieder die Anweisung: \u00bbPlanet Earth is about to be recycled. If you want to evacuate you have to leave with us\u00ab und entwirft damit eine Lachnummer, die auf einem abgedrehten schwarzen Sun-Ra-Utopismus aufbaut. (Auch hier k\u00f6nnte man wieder deuten, dass er damit den Environmentalists unter den Popfans zeigen will, was er von ihren Weltrettungsdispositiven h\u00e4lt.)<\/p>\n<p>Auf der Bildebene bewirken der Retro-Look und die Montage von Fiktion und Realit\u00e4t einen, wie Walter Benjamin es ausdr\u00fcckte, \u00bbTrick der Evidenz\u00ab, der dem Geschriebenen etwas Neues hinzuf\u00fcgt. (N\u00e4mlich die illokution\u00e4re Message: alles Quatsch). Diesem eh schon \u00fcberladenen Schauspiel einer sich selbst feiernden Supersophistication f\u00fcgt FlyLo jetzt noch einen fulminant-dreckigen Rap hinzu, eine Art Simulation dessen, was gerade als Hardcore im Hip-Hop gilt: So witty und so unvorhersehbar kann der als abgehobener Soundt\u00fcftler bekannt gewordene FlyLo rappen, dass die Web-Community lange Zeit dachte, Captain Murphy sei das Alias von Tyler, the Creator, dem Frontmann der \u00bbOdd Future Wolf Gang Kill Them All\u00ab.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/XSbZidsgMfw&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Von verschiedenen Musikmedien wurde dieses Video-Mixtape, dessen Soundmix man inzwischen umsonst als MP3 herunterladen kann, als das beste Hip-Hop-Album des Jahres 2012 bezeichnet. Und das alles, obwohl Flying Lotus mit seinem auf Warp erschienenen Album \u00bbUntil the Quiet Comes\u00ab gerade auch sein Talent als Minimal-Breakbeat-Free-Jazzer unter Beweis gestellt hat! All diese Strategien, so kann man zusammenfassen, haben nur ein Ziel: zu demonstrieren, dass der wahre Guru auf einen Namen h\u00f6rt: Flying Lotus. Diese Pose dient nat\u00fcrlich dazu, den Autor \u2013 und um nichts anderes handelt es sich ja \u2013 \u00fcber den Anschein von Genialit\u00e4t den ersten Platz im Olymp einzur\u00e4umen. Ihr wollt Gurus sein? Meinetwegen. Ich bin Gott.<\/p>\n<p>Dass Pop die Widerspr\u00fcchlichkeit eingeschrieben ist, Kultur der Gegenwart und Kritik dieser Kultur der Gegenwart zugleich zu sein, zeigt sich also heute einmal mehr in der Musik der Zeit. Auf der einen Seite menschelt die aktuelle Popmusik und passt sich dem Neohumanismus der Nachpostmoderne an, auf der anderen Seite feiert sie das, was man mit einem Albumtitel von \u00bbA Guy Called Gerald\u00ab mit dem emblematischen Begriff \u00bbBlack Secret Technology\u00ab bezeichnen \u2013 was auch 2013 noch auf die Begriffe \u203aSubversion\u2039, \u203aSophistication\u2039 und \u203aSignifying\u2039 gebracht werden kann. W\u00e4hrend Boykins und MeLo-X in ihrer Pose \u2013 und damit sind hier sowohl ihre Musik als auch ihre Attit\u00fcde und ihre \u00c4sthetik gemeint \u2013 in einem altmodischen Popsprech-Duktus \u203aaffirmativ\u2039 erscheinen, steht Flying Lotus in Pose und Sound f\u00fcr die Kraft der Negation.<\/p>\n<p>Dabei tritt seine \u00bbmusic as music criticism\u00ab (Adam Harper) zweifach in Erscheinung: Erstens, indem er auf dem Album \u00bbUntil the Quiet Comes\u00ab Soul fragmentiert, kondensiert und minimalisiert (womit er eine Intensit\u00e4t schafft, die der \u00bbNew Aesthetic\u00ab als einer Sucht nach Bildern, die das Jetzt einfangen k\u00f6nnen, eine Art \u203aewigen Sound\u2039 entgegensetzt), und zweitens, indem er in alter Punkmanier und in der Tradition des \u203asignifying monkeys\u2039 eine Art Guerilla-Semiotik auff\u00e4hrt, die zu einem Implodieren von Gegenwart f\u00fchrt. Lotus\u2019 im Material zu suchende Ideologiekritik an den USA ist darin begr\u00fcndet, dass sich die Aussage immer wieder durch den Mix verfl\u00fcchtigt, dass die fl\u00fcchtige Materialit\u00e4t also selbst zur Kritik wird.<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/DHupT8yp_XY&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n<p>Der fliegende Lotus ist die Nadel im Fleisch einer amerikanischen Wohlf\u00fchlwelt, f\u00fcr das in den Medien das Dream-Team Barack und Michelle Obama steht, als eine Art Verdinglichung eines vergangenen Pop-Traums namens Marvin Gaye und Tammi Terrell. Doch ist es nicht in der Tat ein ungeheurer Fortschritt, wenn President Obama bei einem Fundraising-Dinner Al Greens \u00bbLet\u2019s Stay Together\u00ab singen kann?<\/p>\n<p>[iframe id=&#8220;http:\/\/www.youtube.com\/embed\/MVzYxqG9N1c&#8220; align=&#8220;center&#8220;]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kinder von Apple und Lady Gaga<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1309,1315,1608,1613,1816,2177,2589],"class_list":["post-1584","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-kritik","tag-kultur","tag-nachpostmoderne","tag-nadja-geer","tag-pop","tag-soul","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1584","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1584"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1584\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1584"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1584"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1584"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}