{"id":1692,"date":"2013-05-12T10:28:04","date_gmt":"2013-05-12T08:28:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1692"},"modified":"2013-05-12T10:28:04","modified_gmt":"2013-05-12T08:28:04","slug":"mannlichkeitswahn-interview-mit-jan-g-grunwald-zu-male-spaces-bildinszenierungen-archaischer-mannlichkeiten-im-black-metalvon-dominik-irtenkauf12-5-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/05\/12\/mannlichkeitswahn-interview-mit-jan-g-grunwald-zu-male-spaces-bildinszenierungen-archaischer-mannlichkeiten-im-black-metalvon-dominik-irtenkauf12-5-2013\/","title":{"rendered":"M\u00e4nnlichkeitswahn? Interview mit Jan G. Gr\u00fcnwald zu \u00bbMale Spaces. Bildinszenierungen archaischer M\u00e4nnlichkeiten im Black Metal\u00abvon Dominik Irtenkauf12.5.2013"},"content":{"rendered":"<p>Bildwelt eines metallischen Sub-Genres<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Unter dem Terminus \u203aBlack Metal Theory\u2039 versammelt sich im angloamerikanischen Raum eine Gruppe von Akademikern, die stark metaphorisch und affizierend der Faszination des Black Metal nachgeht. Aus der Black Metal Theory l\u00e4sst sich jedoch auch eine zugleich beteiligte wie distanzierte Haltung entwickeln, die aus medienkritischer Perspektive die Themen und Ideologien untersucht, die mit diesem metallischen Sub-Genre verbunden sind. Dabei geht sie vom Material der Szene und den Diskursen, die dort kursieren, aus &#8211; wie auch Dr. Jan G. Gr\u00fcnwald (er vertritt im Sommersemester 2013 die Professur f\u00fcr Kunstdidaktik an der Justus-Liebig-Universit\u00e4t Gie\u00dfen) in seinem Buch \u00bbMale Spaces\u00ab, zu dem wir ihn interviewt haben.<\/p>\n<p><em>Im Black Metal sind M\u00e4nnlichkeitsbilder von hoher Bedeutung, da sich dieses Sub-Genre des Heavy Metals relativ gewaltt\u00e4tig in den Texten und Konzepten gibt. Sie haben diese M\u00e4nnlichkeitsbilder anhand von Videoclips untersucht. Was k\u00f6nnen Sie \u00fcber die Arten von M\u00e4nnlichkeit sagen, die in dieser Musikkultur vorkommen?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Beim Metal allgemein wird meistens ein eher archaisches M\u00e4nnerbild zu verk\u00f6rpern versucht. M\u00e4nnlichkeit als kriegerische Performance. Speziell im Black Metal dient eine ganz eigene Selbstdarstellung der Sicherung eines m\u00e4nnlichen \u00dcberlegenheitsgestus. Waffen, \u00fcbergro\u00dfe Nieten und das typische Corpsepaint \u2013 eine Gesichtsbemalung mit starkem Schwarz\/Weiss-Kontrast, die das Gesicht zur fratzenhaften Totenmaske stilisiert \u2013 sind Grundlage dieser ikonisierten Repr\u00e4sentation. Bei der Untersuchung dieser Szene interessiert mich genau das: was zeigt sich und wie zeigt es sich. Die Frage nach dem \u203aWarum\u2039 wird meistens zu fr\u00fch gestellt, d.h. dass die St\u00e4rke der Inszenierung sofort durch Interpretationen eines \u203aWarum\u2039 \u00fcberschrieben und entsch\u00e4rft wird. Da ich von dem Bildmaterial ausgehe, ist auch nicht zwingend n\u00f6tig, die Autoren\/Musiker oder Fans mit einzubeziehen. Das Bildprogramm des Black Metal entwickelt in all seinen Ausformungen und Wiederholungen ein ganz eigenes Feld, welches selbstverst\u00e4ndlich als Visualisierung der Musik entstanden ist und in einer klassischen subkulturellen Tradition von Rebellionsgesten zu sehen ist. Der \u00e4sthetische Umgang mit diesen Rebellionsgesten ist jedoch ein sehr eigenst\u00e4ndiger und er f\u00fchrte letztendlich zum Transfer eines \u00e4sthetisierten B\u00f6sen in die Realwelt, sprich: man hat sich nicht nur b\u00f6se und ernsthaft inszeniert, sondern erkannt, dass zum authentischen Ernst-Sein auch Ernst-Machen geh\u00f6rt. So kam es zu den Ereignissen in Norwegen in den 90er Jahren, mit ihren Kirchenbr\u00e4nden und Morden, die heute eine Art mythische Grundlage aller Inszenierungen des Black Metal stellen. Ich nenne das in meinem Buch die \u203aHypothese einer gewaltsamen \u00dcberschreitung\u2039, also dass man die M\u00f6glichkeit des Ernst-Machens aufrechterh\u00e4lt, um dem Ernst-Sein in \u00c4sthetik und Performance etwas Reales und Gef\u00e4hrliches zu geben.<\/p>\n<p><em>Zur Umsetzung dieser M\u00e4nnlichkeit ben\u00f6tigt der Black Metal gewisse \u203aandere Orte\u2039. Welche sind dies genau und was tragen sie zum Programm des Genres bei?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Die Inszenierung von M\u00e4nnlichkeit ist immer an bestimmte R\u00e4ume gebunden, die den \u00dcberlegenheitsgestus oder die Unheimlichkeit unterst\u00fctzen, ja sogar ma\u00dfgeblich mittragen. Ich unterscheide hier vier Raumtypen: andere Orte, Naturraum, Heterotopie und Filmraum. Als \u203aandere Orte\u2039 bezeichne ich Inszenierungen in R\u00e4umen, die nur dazu fungieren, das m\u00e4nnliche Subjekt erscheinen oder verschwinden zu lassen. Das Musikvideo \u00bbMother North\u00ab von Satyricon ist ein klassisches Beispiel f\u00fcr den anderen Ort. Am Anfang des Clips ist nur Nebel zu sehen. Aus diesem sch\u00e4len sich langsam die geschminkten Gesichter der Musiker. Die Performance ist gepr\u00e4gt vom Oszillieren zwischen An- und Abwesenheit, die der Inszenierung eine Unheimlichkeit in der Unendlichkeit dieses Raumes verleiht. Ganz anders verh\u00e4lt es sich bei Inszenierungen in der Natur \u2013 dem vielleicht wichtigsten Motiv im Black Metal. Wie bei Immortal, die in der Eisw\u00fcste Norwegens sp\u00e4rlich bekleidet vermitteln, dass die kriegerische M\u00e4nnlichkeit des Black Metal in diesem Raum zu \u00fcberleben in der Lage ist. Auch bei Bands, die in der Inszenierung sich nicht den klassischen Insignien des Black Metal bedienen, spielt der Naturraum eine zentrale Rolle. Wolves In The Throne Room zeigen sich auf Promofotos immer in einer Art mythischem Naturraum \u2013 dunkel und verborgen, ab jeder Zivilisation. Ein Foto zeigt beispielsweise ein Bandmitglied mit einem Gewehr vor einer einsamen Holzh\u00fctte stehen. Diese Aufnahme in der Totalen, unter Sternenhimmel im Naturraum, zeigt ebenfalls eine Form archaischer M\u00e4nnlichkeit, die nicht auf Nieten, Corpsepaint oder lange Haare angewiesen ist, um sich als kriegerisch und ernsthaft zu positionieren. Bei allen Inszenierungsr\u00e4umen verh\u00e4lt es sich so, dass Subjekt und Raum einen enormen Einfluss aufeinander aus\u00fcben und in gleichem Teil an der Wirkung der Bilder des Black Metal beteiligt sind.<\/p>\n<p><em>Diese archaische M\u00e4nnlichkeit geriet Anfang der Neunziger ins Rampenlicht der Boulevardmedien. Das Image dr\u00fcckte sich in Gewaltverbrechen wie Mord, Totschlag und Kirchenbrandstiftungen aus. Kann popul\u00e4re Musik heutzutage ohne Image nicht auskommen und wie stark ist das Genre an diesen Mythos der Gewalt gebunden?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Die Popkultur (und ich z\u00e4hle Black Metal im weitesten Sinne auch dazu) ist auf Mythen angewiesen, die dazu dienen, Musik und Performance zu transzendieren und einen Mehrwert zu erzeugen \u2013 also zu vermitteln, dass es sich um mehr handelt als nur um Musik. Der Black Metal hatte in diesem Sinne das \u203aGl\u00fcck\u2039, dass das \u00e4sthetisierte B\u00f6se in einem Moment Realit\u00e4t wurde. Es wurde so ein Mythos geschaffen, der immer auf den Black Metal ausstrahlen wird. Dessen waren sich die Protagonisten der Szene zur Zeit der gewaltsamen \u00dcberschreitung bereits bewusst. Die erste Tat dieser Ereignisse \u2013 der Selbstmord des S\u00e4ngers von Mayhem \u2013 wurde bereits von den Musikern Mayhems benutzt, um sich als besonders \u203atrue\u2039 zu pr\u00e4sentieren. Sie behaupteten, dass sich Dead (so der bezeichnende Name des S\u00e4ngers) umgebracht habe, weil er den Sellout der Szene nicht verkraftet habe. Aber auch B\u00fccher mit wissenschaftlichem Gestus wie \u00bbLords Of Chaos\u00ab tragen zu der Mystifizierung der Szene bei, indem sie den Sprachgestus distanziert halten, sich aber inhaltlich an den Mythen orientieren, die ihnen die Black Metal-Szene vorsetzt. So sind auch die Interviews in diesem Buch vor allem ein Beweis daf\u00fcr, wie ge\u00fcbt die Szeneprotagonisten in der Selbstinszenierung sind. Diese Mythen sind enorm wichtig und geben der Musik etwas, dass sie zu mehr macht. Gleichzeitig darf nicht \u00fcbersehen werden, wie viel innovative Musik aus dieser Szene kommt. Hatte man doch Streckenweise das Gef\u00fchl, Black Metal h\u00e4tte die Zutaten f\u00fcr Musik und Inszenierung gefunden und w\u00fcrde immer wieder dasselbe Gericht zubereiten, so zeigte sich in den letzten Jahren, wie viel kreatives Potenzial in den konstanten Widerst\u00e4ndigkeitsbestrebungen steckt und in wie viele Richtungen Black Metal streut, wie man beispielsweise an Xasthur, Blut Aus Nord, Amesoeurs oder WITTR (Wolves In The Throne Room) sehen kann.<\/p>\n<p><em>Kann eine Diskussion zum Black Metal auch ohne die Thematisierung der Verbrechen in Norwegen ablaufen? Sehen Sie eine Gefahr, ein Ereignis als stilpr\u00e4gend f\u00fcr eine gesamte Subkultur zu postulieren?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Der Black Metal hat einen musikalischen und inszenatorischen Wert, der auch ohne die Ereignisse in Norwegen Bestand h\u00e4tte. Man sollte die Ereignisse auch weniger unter dem Fokus des Verbrechens sehen, als sie vielmehr als Ereignis des Bruchs mit Konventionen der subkulturellen Rebellion zu interpretieren \u2013 also dass der Bereich der Rebellion, in dem eine Musikkultur operiert, erweitert wurde. Davon profitiert der Black Metal noch heute. Ich glaube, dass das den kreativen Ausdruck sogar schm\u00e4lern kann, weil man Gefahr l\u00e4uft, immer auf diese Metaebene des B\u00f6sen zu verweisen. Wenn sich aber der S\u00e4nger von Dissection erschie\u00dft oder Gaahl wegen K\u00f6rperverletzung angeklagt wird, dann findet das unausweichlich immer im Bereich der Ereignisse in den 90ern statt. Gerade die Rezeption in Feuilletons und Popmedien will diesen Mythos um die Ereignisse aufrechterhalten, um der eigenen geheuchelten Lust an der Gefahr zu fr\u00f6nen. Da sich die Szene mehr denn je diversifiziert, verschwindet der direkte Bezug zu den Ereignissen vielleicht irgendwann &#8230; allerdings nur, um neue Ereignisse zu generieren und sich dann auf diese zu beziehen.<\/p>\n<p><em>Es f\u00e4llt auf, dass Sie sich vor allem f\u00fcr die \u00c4sthetik der Bildinszenierungen interessieren. Wie beurteilen Sie die politische Ausrichtung der untersuchten Videoclips?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Meiner Einsch\u00e4tzung nach ist ein gro\u00dfer Teil des Bildprogramms des Black Metal im Kern konservativ und reaktion\u00e4r. Es wird eine vorzivilisatorische Fantasiewelt zelebriert, in der der einzelne Mann als Krieger oder ein paar M\u00e4nner als Horde existieren. Gesellschaft hat hier genauso wenig Platz wie Frauen. Und wenn Frauen in den Musikvideos vorkommen, dann meistens, um fetischisiert und\/oder geopfert zu werden. Gleichzeitig bietet der Black Metal einen Raum, um sich in Widerst\u00e4ndigkeit zu \u00fcben. Die franz\u00f6sischen Existentialisten sind ja auch aus der Philosophie Heideggers hervorgegangen, der ja bekannterma\u00dfen auch kein gro\u00dfst\u00e4dtischer Intellektueller war. Ein anderer Punkt der Bilder, die der Black Metal erzeugt, ist, dass die Inszenierung von M\u00e4nnlichkeit durch ihre teilweise \u00fcbertriebene Darstellung \u00fcberhaupt erst als Inszenierung erkennbar wird, w\u00e4hrend in den Mainstream-Medien eine scheinbare Normalit\u00e4t von Geschlechterrollen vermittelt wird, was ich f\u00fcr weitaus gef\u00e4hrlicher halte. Anstatt den Black Metal, wegen der Wahl seiner Mittel, abzulehnen, sollte man das Begehren nach einem Bruch mit der Konsensualit\u00e4t nutzbar halten, sodass letztlich nicht nur wei\u00dfe heterosexuelle M\u00e4nner (wie es \u00fcberwiegend der Fall ist) an den Inszenierungen partizipieren k\u00f6nnen und das Bildprogramm so erweitern. Und wenn das Outing Gaahls nur deswegen so milde von der Szene angenommen wurde, weil er so \u203atrue\u2039 und \u203aevil\u2039 ist, soll mir das recht sein.<\/p>\n<p><em>Black Metal steht unter dem Verdacht, Obskurantismus in Form von Okkultismus, Satanismus und Rechtsextremimus, aber zumindest Totalitarismus zu f\u00f6rdern. Kann man diese Vorw\u00fcrfe entkr\u00e4ften?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Der Black Metal ist zu ausdifferenziert, um ihn so einseitig zu bewerten. Es gibt mittlerweile anarchistischen Black Metal oder auch \u00d6ko-Black-Metal. Ein gewisser Hang zum Nihilismus scheint jedoch immer gegeben zu sein. Der infantile Reflex, m\u00f6glichst elit\u00e4r zu wirken, findet sich auch sehr h\u00e4ufig. Dabei stellt sich allerdings die Frage, ob diese Vorw\u00fcrfe zwingend entkr\u00e4ftet werden m\u00fcssen oder ob man sie zu einem gewissen Grad aushalten muss, weil vielleicht gerade durch den Versuch, m\u00f6glichst elit\u00e4r und nihilistisch zu sein, kreative Potenziale aktiviert werden, die den Black Metal musikalisch und \u00e4sthetisch zu dem gemacht haben, was er ist. Diese Frage ist ja eine ganz allgemeine und l\u00e4sst sich f\u00fcr Exploitationsfilme, Literatur, Philosophie usw. stellen: muss das k\u00fcnstlerische Subjekt oder sein k\u00fcnstlerischer Ausdruck zwingend menschenfreundlich sein, um ihm Wert beizumessen? Dietmar Dath hat sehr passend geschrieben, dass es nicht Aufgabe der Kunst sei, die Menschheit zu verbessern. Vielleicht k\u00f6nnte man erg\u00e4nzen, dass der Wert dieser Form von k\u00fcnstlerischem Ausdruck darin liegt, Unbehagen zu erzeugen. Gleichzeitig beinhaltet eine Ablehnung der bestehenden Welt auch immer das Potenzial, sich diese Welt als eine unter anderen Welten vorstellen zu k\u00f6nnen \u2013 sprich ein utopischer\/dystopischer Blick.<\/p>\n<p>(Ich spreche hier allerdings von den \u00e4sthetischen Ausformungen. Sobald diese universelle Provokationsstrategie in politische Bahnen gelenkt wird \u2013 wie beim National Socialist Black Metal \u2013 verliert sie dieses Potenzial, ein apokalyptisches Moment zu erzeugen, weil dann einer bestehenden, hegemonialen Struktur zugearbeitet wird, der jedes Neuerungspotenzial fehlt.)<\/p>\n<p><em>Jede vermeintliche Authentizit\u00e4t wird inszeniert und muss in der Erz\u00e4hlung durch Symbolik und Vokabular generiert werden. Der Black Metal wird als extremste Ausdrucksform des Heavy Metals von dieser Legitimation nicht ausgenommen, jedoch unterscheidet sich die Wahrnehmung der Fans von der allgemeinen \u00d6ffentlichkeit: wie authentisch sind die Musikgruppen bzw. wof\u00fcr stehen sie ein?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Authentizit\u00e4t ist von unsch\u00e4tzbarem Wert f\u00fcr den Metal. Der Begriff der \u203atrueness\u2039 beschreibt nichts anderes. Gleichzeitig ist Authentizit\u00e4t nur ein Affekt, etwas das subjektiv wahrgenommen wird. Wissenschaftlich gesehen gibt es eine solche Authentizit\u00e4t nicht. Es kann nur festgestellt werden, was beispielsweise eine Band erf\u00fcllen muss, um als von m\u00f6glichst vielen Rezipienten als authentisch wahrgenommen zu werden. Und selbstverst\u00e4ndlich herrscht eine Diskrepanz zwischen dem, was f\u00fcr Fans als authentisch gilt, und dem, was f\u00fcr die allgemeine \u00d6ffentlichkeit interessant ist. Ich merke das selbst, wenn ich Vortr\u00e4ge \u00fcber Black Metal und deren Inszenierungen halte. Nicht-KennerInnen k\u00f6nnen (teilweise zu Recht) nicht verstehen, wie \u203aM\u00e4nner in Leggins und Make-Up\u2039 und der Begriff der \u203aErnsthaftigkeit\u2039 zusammen passen sollen. Die brauchen unbedingt dieses Realgewalt-Surplus, um sich zufrieden der Inszenierung zu widmen. W\u00e4hrend Fans eher genervt sind, dass sich \u00fcberhaupt jemand mit diesem Thema wissenschaftlich auseinandersetzt. In diesem Fall bedeutet Authentizit\u00e4t dann, dass man den Black Metal nicht kategorisieren oder interpretieren darf und dass das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Black Metal nur immanent sein kann. Ich kann diese Position sogar sehr gut nachvollziehen. Die eigene Wichtigkeit f\u00fcr die liebste Musik kann meiner Meinung nach wissenschaftlich nicht befriedigend analysiert werden. Deswegen besch\u00e4ftige ich mich mit den Artefakten der Szene, um nicht spekulativ werden zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p><em>Zuguterletzt: Wieviel Affirmation geschieht heutzutage im Black Metal? Kennt die Gef\u00e4hrlichkeit dieser Musik Grenzen, und wie ernst kann man die misanthropischen Gewaltfantasien auf Black-Metal-Platten nehmen?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Ernsthaftigkeit muss man nicht zwingend ernst nehmen, sie jedoch als solche zur Kenntnis nehmen. Es ist ein gro\u00dfer Unterschied, ob ich eine Inszenierung ernst anlege oder bereits sp\u00f6ttisch entlarvend. Was Metal und Hip Hop zu Musikkulturen der Moderne macht, ist, dass sie (ganz anders als bei aktuelleren Trends) an eine Form von Wahrheit glauben, die sich in dieser Musik manifestiert. \u203aTrueness\u2039 und \u203arealness\u2039 liegen nicht so weit voneinander entfernt. Das bedeutet nicht, dass Metal und Hip Hop unreflektiert w\u00e4ren, jedoch sind sie noch nicht v\u00f6llig dem Spiel der ironischen Distanznahme erlegen. Wie ernst die Szeneprotagonisten ihren Nihilismus nehmen oder wie viel Pose dahinter steckt, finde ich nicht entscheidend. Wichtiger ist es, sich immerw\u00e4hrend abgrenzen zu wollen und daf\u00fcr Mittel zu w\u00e4hlen, die zumindest versuchen, Br\u00fcche zu erzeugen und dadurch Neues schaffen. Manche verfolgen diese Strategie konsequenter als andere. Manchen ist diese Strategie egal.<\/p>\n<p><em>Oder anders gefragt: was passiert, wenn Black Metal pl\u00f6tzlich von gro\u00dfen Tageszeitungen, dem Fernsehen und Mainstream-Medien in seiner Eigenart akzeptiert werden w\u00fcrde?<\/em><\/p>\n<p>Jan G. Gr\u00fcnwald: Diese Frage ist sehr wichtig und verweist auf das Problem, dass jede Abweichungsstrategie bereits mitgedachter Teil der Konsenskultur ist. Die Geste der Rebellion wird nicht nur als neuer Stil in den Mainstream eingegliedert, sondern von vornherein als Teil des Mainstreams gedacht. Das erh\u00f6ht die Schwierigkeit, \u00fcberhaupt Strategien zu finden, die nicht bereits mitgedacht werden. Der Black Metal ist ja schon im Mainstream angekommen. Und nicht nur mit seinen Gruselgeschichten, sondern als Form einer \u00c4sthetisierung den B\u00f6sen. Es gibt Modestrecken, in denen die Models Corpsepaint tragen; es gibt Dokumentationen, die bei Sundance gezeigt werden; der Rapper Tyler The Creator bedient sich satanischer \u00c4sthetiken, wie sie im Black Metal \u00fcblich sind; der Poprapper CRO verweist mit seiner Pandamaske inkl. umgedrehtem Kreuz auf ironische Adaptionen von Black Metal; irgendwo hab ich gelesen, dass die Geschichte von Varg Vikernes aka Burzum verfilmt werden soll; und und und. Es gibt da eine gute Strategie, um als evil Black Metaller dieser popkulturellen Assimilation zu entgehen: das alles als \u203auntrue\u2039 abzutun und als Ein-Mann-Band limitierte Kassetten zu produzieren. Hip Hop hat es auch geschafft, gleichzeitig Louis Vuitton zu promoten und lokale Fanzines rauszubringen. Hierbei ist Kreativit\u00e4t gefragt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nJan G. Gr\u00fcnwald<br \/>\nMale Spaces. Bildinszenierungen archaischer M\u00e4nnlichkeiten im Black Metal<br \/>\nFrankfurt am Main: Campus 2012<br \/>\nISBN 978-3-593-39645-3<br \/>\n229 Seiten<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bildwelt eines metallischen Sub-Genres<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[345,583,1096,1116,1429,1837],"class_list":["post-1692","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-black-metal","tag-dominik-irtenkauf","tag-interview","tag-jan-g-grunwald","tag-male-spaces","tag-pop-zeitschrift-2"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1692","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1692"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1692\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1692"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1692"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1692"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}