{"id":1859,"date":"2013-06-10T10:52:23","date_gmt":"2013-06-10T08:52:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1859"},"modified":"2013-06-10T10:52:23","modified_gmt":"2013-06-10T08:52:23","slug":"reeperbahn-filmevon-hans-j-wulff10-6-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/06\/10\/reeperbahn-filmevon-hans-j-wulff10-6-2013\/","title":{"rendered":"Reeperbahn-Filmevon Hans J. Wulff10.6.2013"},"content":{"rendered":"<p>Deutscher Sexfilm<!--more--><\/p>\n<p>Sicherlich gibt es eine Unmenge von Filmen, die in Hamburg spielen. Und eine gro\u00dfe Anzahl sucht sich St. Pauli als eines der \u00e4ltesten innerst\u00e4dtischen Reviere aus, nahe am Hafen, bekannt durch die sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts ansiedelnden Am\u00fcsierbetriebe an der Reeperbahn und der Gro\u00dfen Freiheit. Im Krieg zum Teil zerst\u00f6rt, bald wieder aufgebaut, bis in die 1970er hinein ein Am\u00fcsierzentrum der Republik. Und gerade in dieser Phase zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er wurde St. Pauli zu einem der pr\u00e4gnantesten Handlungsorte des BRD-Krimis.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Im Stil der Reportage<\/p>\n<p>Geradezu als Wegbereiter f\u00fcr die Welle muss J\u00fcrgen Roland gelten. 1925 in Hamburg geboren, nach dem Krieg einer der ersten deutschen Rundfunkreporter bei Radio Hamburg, spezielles Einsatzgebiet: St. Pauli. Anfangs der 1950er zum Fernsehen gewechselt. Mit <em>Der Polizeibericht meldet<\/em> (1953-58, insgesamt 26 Folgen) gr\u00fcndete er die wohl erste Reality-Serie des deutschen Fernsehens \u2013 in Zusammenarbeit mit der Kriminalpolizei. Er stellte F\u00e4lle aus den Polizeiakten mit Schauspielern nach und lie\u00df die Filmstrips vom Hamburger Kriminaldirektor Carl Breuer kommentieren.<\/p>\n<p>Die Polizeiberichten nachempfundene Serie <em>Stahlnetz<\/em> schloss sich 1958 an, das fr\u00fche Reality-Format zu einer Vorform des sp\u00e4teren deutschen TV-Krimis weiterentwickelnd. Die Mischung von Krimi und Lokalkolorit bestimmte auch Rolands Kinofilm <em>Polizeirevier Davidswache<\/em> (1964), der vierundzwanzig Stunden Alltag im Polizeirevier auf St. Pauli in fast naturalistischer Manier erz\u00e4hlt; im Zentrum steht ein Hauptwachtmeister, der seine Tochter vom Bahnhof abholen will, aber von einem Schwerverbrecher erschossen wird. Roland blieb dem Reportagestil auch in seinem n\u00e4chsten St.-Pauli-Film <em>Vier Schl\u00fcssel<\/em> (1965) treu.<\/p>\n<p>Der nach einem Roman von Max Pierre Schaeffer konzipierte Film erz\u00e4hlt von einem Bankraub, zu dem die Verbrecher die Schl\u00fcssel zum Safe auftreiben m\u00fcssen; dabei kommt es zu mehreren Toten. Roland griff mit seinen Filmen Stilimpulse nicht nur seiner Fernseharbeiten auf, sondern auch des Neorealismus und einer ganzen Reihe sozialrealistischer deutscher Filme der Zeit (etwa von Georg Tressler oder Will Tremper). Erinnert sei auch an Francesco Rosis heute fast vergessenes Sozialdrama <em>I Magliari<\/em> (<em>Auf St. Pauli ist der Teufel los<\/em>, Italien 1959), der von einem Kleinkriminellen erz\u00e4hlt, den es auf die Reeperbahn verschl\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Hafenstadt-Melancholien<\/p>\n<p>Gerade der der Reportage oder gar dem Dokumentarfilm verpflichtete Stil der beiden Roland-Filme hob sich aber scharf von der Mehrzahl der bisherigen St-Pauli-Filme ab. Den Zeitgenossen vielleicht am bekanntesten war das Melodram <a title=\"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=07hn4uXJ-tQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Auf der Reeperbahn nachts um halb eins<\/em> <\/a>(1954, Wolfgang Liebeneiner) mit Hans Albers und Heinz R\u00fchmann: ein Matrose, der nach Jahren zur\u00fcckkommt; eine Galopp-Diele auf der Reeperbahn, die sein bester Freund betreibt, kurz vor dem Konkurs; eine Tochter, in die sich der Protagonist verliebt; die ihrerseits aber in einen Reedersohn verliebt ist und sich schlie\u00dflich als seine Tochter herausstellt \u2013 und er muss den Freund retten und verl\u00e4sst die Stadt, ohne der Tochter seine Vaterschaft eingestanden zu haben. Das ist ein ganz anderes Hamburg als das der Roland-Filme, obwohl auch Liebeneiners Film gro\u00dfenteils vor Ort fotografiert wurde.<\/p>\n<p>Unvergessen war sicher auch Helmut K\u00e4utners <a title=\"Gro\u00dfe Freiheit Nummer 7 YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=yv8R2REE8AQ\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Gro\u00dfe Freiheit Nr. 7<\/em><\/a> (1944) \u2013 ebenfalls ein Melodram, ebenso im Hippodrom spielend, ebenfalls von der Liebe eines Seemanns zu einer jungen Frau erz\u00e4hlend, die einen anderen liebt (diesmal einen Werftarbeiter); am Ende wird der Matrose wieder zur See fahren, er hat die Ersehnte verloren. Wegen der Bombenangriffe wurden die Dreharbeiten in Berlin und Prag durchgef\u00fchrt, das Lokalkolorit blieb dennoch sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Die Geschichten vom Seemann, der seine Liebe nicht finden kann, sind auch anfangs der 1960er noch <em>en vogue<\/em>: Die verlogen-romantische Schlagerschmonzette <a title=\"Heimweh nach St. Pauli YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Qhau9kHNMTw\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Heimweh nach St. Pauli<\/em><\/a> (1963, Werner Jacobs) mit Freddy Quinn etwa erz\u00e4hlt wieder eine Geschichte m\u00e4nnlichen Verzichts \u2013 der Protagonist hatte einst Geld seiner Mutter beim Pferderennen verspielt, war nach Amerika geflohen, hatte dort Karriere als Schlagerstar gemacht, kommt zur\u00fcck, vers\u00f6hnt sich mit der Mutter und wird am Ende nicht weiter singen, sondern wieder auf gro\u00dfe Fahrt gehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Anf\u00e4nge der Reeperbahn-Filme<\/p>\n<p>Dabei ver\u00e4ndert sich in kurzer Zeit manches \u2013 St. Pauli wird zu einem Ort des Verbrechens, der Prostitution, der Rache und der S\u00fchne. Das Remake des 1954er Hans-Albers-Films <em>Auf der Reeperbahn nachts um halb eins<\/em>, das Rolf Olsen und Al Adamson 1969 verantworteten, nimmt einige signifikante Umstellungen in der Geschichte vor, auch wenn der Schluss das Geschehen melodramatisch wendet: Der Held kommt nicht mehr vom Schiff, sondern aus dem Gef\u00e4ngnis; er hat acht Jahre unschuldig gesessen, weil ihm sein Kompagnon einen Mord untergeschoben hatte; sein Ruf ist zerst\u00f6rt, er kann kein normales Leben mehr f\u00fchren, beschlie\u00dft, den wahren T\u00e4ter zu \u00fcberf\u00fchren; er bekommt moralische Unterst\u00fctzung von einem M\u00e4dchen, das sich sp\u00e4ter als seine Tochter herausstellt. Andere Filme nehmen Impulse aus Rolands Arbeiten auf. So fu\u00dft <em>M\u00e4dchenjagd in St. Pauli<\/em> (1965, G\u00fcnter Schlesinger) auf einer realen Vorlage, ist aber nicht realistisch, sondern rei\u00dferisch orientiert \u2013 es geht um Rauschgiftschmuggel, Mord, Bordellbetrieb und Striptease.<\/p>\n<p>Zu immer zentralerer Bedeutung gelangt das Themenfeld von Sexualit\u00e4t, Prostitution, M\u00e4dchenhandel. In einer Mischung von Krimi und Sexfilm erz\u00e4hlt <em>St. Pauli Herbertstra\u00dfe<\/em> (1965, \u00c1kos von R\u00e1thonyi) von einer Bauerntochter, die nach einer Vergewaltigung bei den Zuh\u00e4ltern auf der Reeperbahn landet, bis ein engagierter Automechaniker sie befreit. Dem deutschen Sexfilm der Zeit zugerechnet wird <em>St. Pauli zwischen Nacht und Morgen<\/em> (1967) von dem franz\u00f6sischen Regisseur Jos\u00e9 B\u00e9naz\u00e9raf. Er erz\u00e4hlt von einem Polizisten, der sich in eine Striptease-T\u00e4nzerin verliebt und korrumpiert wird; der Film ist mit diversen Nachtclub-Szenen und Striptease-Einlagen durchsetzt.<\/p>\n<p>Der Handlungsort mancher solcher Filme ist gleich das Bordell. Die zwischen Sexfilm-Parodie und Milit\u00e4rklamotte irisierende Kom\u00f6die <em>Das gelbe Haus im Pinnasberg<\/em> (1970, Alfred Vohrer) nach einem Roman von Bengta Bischoff spielt in einem Bordell f\u00fcr Frauen, das autorit\u00e4r von einem \u201eGeneral\u201c gef\u00fchrt wird; als einer der Prostituierten ein Kind zeugt, wird er durch einen Soziologiestudenten ersetzt, der praktische Studien zum Sexualverhalten anstellen will, sich aber in die Tochter des \u201eGenerals\u201c verliebt; als sich alles zum Gl\u00fccklichen wendet und das gelbe Haus verkauft wird, st\u00fcrzt es auf Grund der Bohrungen in einem benachbarten Kohlefl\u00f6z zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Reportfilme und Exploitations-Kino<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Letzteres Beispiel mag auch verdeutlichen, dass die Explizitheit der Darstellung und die anr\u00fcchige Exklusivit\u00e4t der Handlungsorte durchaus ironisch get\u00f6nt sein kann, als solle der voyeuristisch angeregte Zuschauer durch Lachen entlastet werden. Gleichwohl kommt es zu einer thematischen Vereindeutigung des St.-Pauli-Bildes. Sex + Verbrechen: das Film-St.-Pauli der zweiten H\u00e4lfte der 1960er nimmt endg\u00fcltig die Farbe der \u201eRotlicht-Meile\u201c an. Es entsteht eine Art deutschen Exploitation-Kinos, die nun zug\u00e4nglichen Schauwerte des Sexfilms mit oft rohen Krimi-Plots verbindend, den geografisch so nahen Handlungsort als exotisch-verbotene Insel des S\u00fcndigen ausweisend (und ihn zugleich als realen Ort authentifizierend). Das \u201eSt. Pauli\u201c, das im Titel vieler Filme auftaucht, wird zum Markenzeichen einer verbotenen Genuss versprechenden Halbwelt. St. Pauli (bzw. seine Am\u00fcsierzonen) werden zum Tr\u00e4ger eines Images, das sicher auch einem besonderen St.-Pauli-Tourismus Impulse verliehen hat. Exploitation als Gesch\u00e4ft auf Gegenseitigkeit: das Stadtviertel verliert seinen b\u00fcrgerlichen Anstrich und gewinnt daf\u00fcr Unterhaltung (und sexuelle Stimulation) wollende Touristen und das Geld, das sie in den Kneipen, Bars, Striptease-Lokalen und Bordellen ausgeben. Die St.-Pauli-Filme als Form des Stadt-Marketing?<\/p>\n<p>1968 gr\u00fcndete der Pressefotograf G\u00fcnter Zint die Illustrierte<em> St. Pauli Nachrichten<\/em>, die neben zahlreichen pornografischen Bildern und Kontaktanzeigen auch l\u00e4ngere Texte enthielt. Sie wurde f\u00fcr mehrere Jahre dem linken Spektrum zugerechnet, hatte also explizit politische Anliegen; zu den Redakteuren geh\u00f6rten Henryk M. Broder und Stefan Aust. Die Mischung von Sex und politischer Explizitheit geh\u00f6rte durchaus zum Erscheinungsbild der linken Publizistik der Zeit (bekannt geblieben ist das Szene-Magazin <em>Konkret<\/em>, das eine \u00e4hnliche Kombination von Themen verfolgte).<\/p>\n<p>F\u00fcr den St-Pauli-Film spielte die heute eigenartig wirkende Amalgamierung von politischer Freiheit und sexueller Libertinage keine Rolle \u2013 wenn ein Fernsehreporter in dem Episodenfilm <em>St. Pauli-Nachrichten<\/em> <em>\u2013 Thema Nr. 1<\/em> (1970) von dem Regie- Routinier Franz Marischka vorgibt, \u00fcber die St. Pauli Nachrichten zu berichten, ist dies nur Vorwand f\u00fcr eine lockere Folge von kleinen Sexgeschichten nach dem Muster der diversen Report-Filme der Zeit.<\/p>\n<p>Die anfangs noch braven Filme wurden bereits Ende der 1960er deutlicher. Eine Kommissarin, die bei der Sittenpolizei auf der Reeperbahn arbeitet, ist die Heldin von <em>Stra\u00dfenbekanntschaften auf St. Pauli<\/em> (1968, Werner Klingler); sie soll von einem Nachtclub-Besitzer, der \u00fcberwiegend minderj\u00e4hrige Frauen besch\u00e4ftigt und zudem verbotene pornografische Filme zeigt, mit Nacktfotos ihrer 18j\u00e4hrigen Tochter erpresst werden; die junge Frau kann aber den Aufnahmen entkommen, indem sie den Clubbesitzer niederschl\u00e4gt; ein Polizist t\u00f6tet ihn, die Spuren deuten auf die junge Frau hin, die mit dem Polizisten zusammen quer durch Hamburg flieht, gesucht von der Polizei und einem Freund des Toten.<\/p>\n<p>Aus der Produktion des Sexfilm-Produzenten Alois Brummer und seines Stamm-Regisseurs G\u00fcnter Hendel stammt <em>Eros Center Hamburg<\/em> (1969): Ein amerikanischer Journalist recherchiert f\u00fcr eine Reportage \u00fcber das Leben und die Liebeskunst im Hamburger Eros-Center, als eine junge Frau ermordet wird; der Held beginnt selbst mit der Aufkl\u00e4rung und ger\u00e4t an eine Zuh\u00e4ltergang, die unter anderem spezielle Shows mit lesbischen M\u00e4dchen organisiert. Der Filme wurde gr\u00f6\u00dftenteils in M\u00fcnchen-Pasing gedreht, nur wenige Au\u00dfenaufnahmen erinnern noch an das reale St. Pauli.<\/p>\n<p>Es mag die Mischung von visueller Explizitheit und der Episodenhaftigkeit des Erz\u00e4hlens sein, die einen eigenen Reiz der Filme ausgemacht hat. Ein Kapitel des Report-Films <a title=\"Prostitution heute YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=fladHqqNnHI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Prostitution heute<\/em><\/a> (1970, Ernst Hofbauer) spielt in Hamburg und zeigt eine SM-Show, in der eine Frau ausgepeitscht und mit einem Messer gequ\u00e4lt wird; beigegebene Interviews r\u00fccken die Nummer in den Horizont einer \u2013 allerdings erkennbar sensationalistisch orientierten \u2013 Reportage.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Episode findet sich auch in der ersten Episode des deutsch-italienischen Billigfilms <em>Inseratenreport<\/em> (1976, Harry Reisch) \u2013 nach einem kurzen Besuch des Fischmarkts folgt die Besichtigung eines Bordells in der Herbertstra\u00dfe; nach dem Muster der Schl\u00fcssellochfilme der Fr\u00fchzeit werden einzelne Zimmer vorgef\u00fchrt, in denen sexuelle Praktiken stattfinden, bis hin zu einer Auspeitschung und einer schwarzen Messe; ein Wissenschaftler gibt ein kurzes Statement zur Prostitution ab und maskiert das Ganze als ernstgemeinten Bericht.<\/p>\n<p>Auch J\u00fcrgen Rolands <em>St.Pauli-Report<\/em> (aka: <em>J\u00fcrgen Rolands St.-Pauli-Report<\/em>, 1971) ist als Nummernfolge aufgebaut. Der Film beginnt mit einer wilden Montage von Aufnahmen aus anderen St.-Pauli-Filmen (darunter <em>Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn<\/em>, 1967, oder sogar <em>Prostitution heute<\/em>, 1970). Roland, zwischen zahlreichen Filmdosen als Experte drapiert, gibt eine kurze Einf\u00fchrung, was man mit \u201eSt. Pauli\u201c assoziieren k\u00f6nnte. Erst danach beginnt eine Reihe von kleinen Geschichten, die das zu Anfang suggerierte St.-Pauli-Bild unterwandern und konterkarieren; der Fokus bleibt auf die Unterwelt gerichtet, die Darstellung ist vielfach mit dokumentarischen Aufnahmen durchsetzt.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnlich multiepisodisch angelegte Geschichte enth\u00e4lt Alfred Weidenmanns <em>Unter den D\u00e4chern von St. Pauli<\/em> (1970), der ein Kaleidoskop von Geschichten erz\u00e4hlt, die sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden ereignen \u2013 ein Mann erschie\u00dft seine Frau, die als Striptease-T\u00e4nzerin arbeitet; ein Gangster kommt zu Tode; Sch\u00fcler spielen ihrem Lehrer eine Prostituierte zu; ein Vater wird zu gr\u00f6\u00dferer Freiz\u00fcgigkeit bekehrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Krimis<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Eine schon vor den <em>Reeperbahn Movies<\/em> etablierte Vorstellung fasste den Kiez als kriminogenes Milieu. Es nimmt dann nicht wunder, dass in der Krimi-Kom\u00f6die <em>Die fidelen Detektive<\/em> (aka: <em>Zwischen M\u00fcnchen und St. Pauli<\/em>, 1957, Hermann Kugelstadt) zwei pensionierte M\u00fcnchner Polizisten in Hamburg auf Verbrecherjagd gehen. Rolands fr\u00fche, an Polizeiberichten geschulte Fernseharbeiten taten ein \u00dcbriges, die Assoziation Hamburg \u2013 Kriminalit\u00e4t zu stabilisieren.<\/p>\n<p>Die Affinit\u00e4t zum Krimi findet sich sogar in Melodramen wie <a title=\"Der Arzt von St. Pauli YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=lvOUyinVZOc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Der Arzt von St. Pauli<\/em><\/a> (1968, Rolf Olsen), dessen ebenso b\u00e4rbei\u00dfiger wie rechtschaffener Titelheld eine Armenpraxis am Jungfernstieg betreibt; als ein junger Matrose des Mordes verd\u00e4chtigt wird, stellt er eigene Nachforschungen an, in denen er seinen verbrecherischen Bruder entlarvt, der als Frauenarzt schwangere Patientinnen zur Prostitution erpresst, sie manchmal gar mit Drogen gef\u00fcgig macht.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich finden sich Kriminalfilme im engeren Sinne, wobei St. Pauli des \u00d6fteren der Ort ist, an dem das B\u00fcrgerliche und das Unterweltliche aufeinander treffen. Zwei Br\u00fcder markieren den moralischen Konflikt in Wolfgang Staudtes Drama <em>Fluchtweg St.Pauli: Gro\u00dfalarm f\u00fcr die Davidswache<\/em> (1971): Der eine ist Bankr\u00e4uber, der nach seiner Entlassung feststellen muss, dass das Haus, in dem er einst die Beute versteckt hatte, abgerissen ist; der andere ist Taxifahrer; als der R\u00e4uber bei einem Einbruch versehentlich eine Frau erschie\u00dft, versucht er, den anderen zu erpressen, um ins Ausland fliehen zu k\u00f6nnen; auf der Flucht zur d\u00e4nischen Grenze wird er gestellt und entzieht sich durch Selbstmord der erneuten Verhaftung. Der Film wurde ausschlie\u00dflich <em>on location<\/em> aufgenommen, nimmt so Impulse aus der Vorzeit der Reeperbahn-Filme wieder auf.<\/p>\n<p>Die Krimihandlung findet sich in allen m\u00f6glichen Genremischungen wie etwa in dem zwischen Heimatdrama, Gangsterfilm und Kom\u00f6die changierenden <a title=\"Der Pfarrer von St. Pauli YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=cZt8HJopmZc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Der Pfarrer von St. Pauli<\/em> <\/a>(1970, Rolf Olsen), dessen Titelheld ein ehemaliger U-Boot-Kapit\u00e4n ist, der in gr\u00f6\u00dfter Gefahr geschworen hat, Priester zu werden und seitdem normalen B\u00fcrgern ebenso wie Ganoven, Prostituierten und Zuh\u00e4ltern hilft und Zuspruch gibt; er muss aber einen Mordfall aufkl\u00e4ren, hinter dem das organisierte Verbrechen steckt.<\/p>\n<p>Und auch der Horrorfilmelemente adaptierende Film <a title=\"Perrak YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Yyd8g7naKT0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Perrak<\/em><\/a> (1970, Alfred Vohrer) ist im Kern auf die Versuche des Titelhelden konzentriert, einen Transvestitenmord aufzukl\u00e4ren; seine Recherchen f\u00fchren ihn nicht nur durch mehrere Bordelle, sondern vor allem zu einem als Freudenhaus umfunktionierten M\u00e4dchenpensionat, in dem reiche Einwohner der Stadt verkehren.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Rolands <em>Die Engel von St.Pauli<\/em> (1969) behandelt das Thema aus Sicht des Gangsterfilms: Eine Prostituierte wird auf der Hamburger Reeperbahn niedergestochen und stirbt in den Armen ihres Zuh\u00e4lters; der Mord f\u00fchrt zum Waffenstillstand zwischen den Hamburger und Wiener Zuh\u00e4ltern, die schlie\u00dflich \u2013 als die Polizei den T\u00e4ter vergeblich zu ermitteln sucht \u2013 die Sache selbst in die Hand nehmen. Auch Rolands<a title=\"Zinks\u00e4rge f\u00fcr die Goldjungen YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SQ8ta7ibMTs\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> <em>Zinks\u00e4rge f\u00fcr Goldjungen<\/em> <\/a>(BRD\/Italien 1973) \u00fcbernimmt Muster des Gangsterfilms, mischt sie aber mit Momenten des Actionsfilms: Er handelt vom Versuch amerikanischer Gangster, unter massivem Waffeneinsatz die Kontrolle \u00fcber die kriminellen Strukturen der Reeperbahn zu \u00fcbernehmen; erst als sich der Sohn des deutschen und die Tochter des amerikanischen Gangsterbosses ineinander verlieben, kommt Irritation auf; eine nach Mustern der James-Bond-Filme inszenierte Verfolgungsjagd mit Booten im Hamburger Hafen beendet den Film, der auch international ausgewertet wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Das Auslaufen der Welle<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Die Zeit der Faszination einer auf der Exploitierung von Anr\u00fcchigkeit, Unb\u00fcrgerlichkeit und Kriminalit\u00e4t basierenden Welle von B-Filmen endete mit Klaus Lemkes Soziodrama <a title=\"Rocker YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=R9iPRYOc_J4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Rocker<\/em><\/a> (1972), Peter Fleischmanns fast surrealistischer Sexfilm-Satire <em>Dorotheas Rache<\/em> (1974) und Roland Klicks halbdokumentarischem Kriminalfilm <a title=\"Supermarkt YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kARjkHVx6eI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Supermarkt<\/em><\/a> (1974).<\/p>\n<p>Ausschlie\u00dflich mit Laien besetzt, nimmt <em>Rocker<\/em> Impulse des Kiezfilms und des damals prominenten Rockerfilms auf: Ein sich zunehmend kriminalisierender 14j\u00e4hriger Lehrling muss zusehen, wie sein v\u00e4terlicher Freund, ein alternder Rockerf\u00fchrer, zu Tode gepr\u00fcgelt wird; am Ende nimmt der Motorradclub Rache an den T\u00e4tern.<\/p>\n<p><em>Dorotheas Rache<\/em> erz\u00e4hlt von einer 17j\u00e4hrigen Sch\u00fclerin, die auf der sp\u00e4tpubert\u00e4ren Suche nach Liebe eine zutiefst frustrierende Wanderung durch das Rotlicht-Milieu antritt, in eine Kommune auf dem Lande zieht und das Prinzip der freien \u2013 also nicht kommerzialisierten \u2013 Liebe auslebt.<\/p>\n<p>Auch in <em>Supermarkt<\/em> steht ein 18-J\u00e4hriger im Zentrum, der sich in eine Prostituierte verliebt und scheitert; die drastische Realistik des vollst\u00e4ndig on location gedrehten Films, seine r\u00fcde Sozialkritik ebenso wie die Ankl\u00e4nge an die Erz\u00e4hlweisen eines Gro\u00dfstadt-Film-Noirs wurden seinerzeit als Elemente des neuen deutschen Autorenfilms gelesen. Drei Filme, drei miteinander kaum vereinbare Stilistiken, einander \u00e4hnelnde Geschichten und der Kiez als gemeinsamer Handlungsort: Die Zeit der Sex-, Trash-, Exploitation- und Billigfilme ging zu Ende.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Was bleibt<\/p>\n<p>Gleichwohl sind die Filme des Motivkreises bemerkenswert, sie leben als Video- oder DVD-Editionen und als TV-Ausstrahlungen weiter. Bemerkenswert ist die Spannbreite der Machart, vom stilisierten Realismus der fr\u00fchen Filme Rolands \u00fcber die marktschreierische \u00dcberdeutlichkeit, in der vor allem die Sex-Reportagen den Kiez darstellten (darin der \u00c4sthetik von Aushangfotos nicht un\u00e4hnlich), bis hin zu den naturalistischen Rollenspielen in <em>Rocker<\/em>. J\u00fcrgen Roland und Ralf Olsen waren sicherlich die stilpr\u00e4genden Regisseure der kleinen Filmwelle; doch zahlreiche Routiniers des deutschen Kinos wie Alfred Weidenmann, Alfred Vohrer, Franz Marischka und Wolfgang Staudte waren beteiligt (keiner von ihnen stammt aus Hamburg, ihr Engagement war rein kommerziell bedingt).<\/p>\n<p>Eine gro\u00dfe Zahl von Schauspielern bietet ein oft chargierendes, oft aber angesichts der Klischeehaftigkeit der Handlungen bemerkenswertes Spiel an, viele kennt man vom Theater und von ganz andersartigen Filmen \u2013 von Curd J\u00fcrgens, Horst Frank, Erik Schumann oder Horst Tappert \u00fcber Herbert Fux, Judy Winter oder Erika Pluhar bis zu den wilden Jungen wie Eva Mattes oder Fritz Wepper; dazu rechnen auch Volksschauspieler wie Helga Feddersen und G\u00fcnter L\u00fcdke (eine vor allem das lokale Publikum vermeinende Besetzungsstrategie, die sich schon in der TV-Serie <a title=\"Hafenpolizei YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=l8WsxVJD5sc\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Hafenpolizei <\/em><\/a>, 1963\u201366, sowie in dem Sequel<a title=\"Polizeiruf funkt YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=SWmHLnjYu5k\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em> Polizeifunk ruft<\/em><\/a>, 1966\u201370, fand).<\/p>\n<p>Eine Reihe von Kurzauftritten damals prominenter Hamburger Schauspieler unterf\u00fctterte vor allem in Rolands<a title=\"Polizeirevier Davidswache\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=U7dMFmizIik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> <em>Polizeirevier Davidswache<\/em><\/a> \u00fcber den Realismus des on location gedrehten Films hinaus mit zus\u00e4tzlichen, nur Hamburger Insidern verst\u00e4ndlichen Hinweisen auf den Drehort.<\/p>\n<p>Viele der Gesichter sind aus der sp\u00e4teren Geschichte vor allem des Fernsehfilms nicht wegzudenken. Und auch musikalisch boten die Filme manchmal Erstaunliches, nahmen Strategien des Einsatzes von szenetypischer Rock-, Funk- und Soulmusik vorweg, die im US-Kino erst um 1970 m\u00f6glich und \u00fcblich wurde; im Diskurs der Zeit markierte diese Musik die Lebenssph\u00e4ren eines diffusen \u201eAnderen\u201c, einer radikal antib\u00fcrgerlichen Welt<sup>[1]<\/sup>.<\/p>\n<p>St. Pauli ist Handlungsort zahlloser Filme geblieben, war Standort mehrerer Tatort-Kommissare (von Trimmel bis zu St\u00f6ver &amp; Brocki) und einer ganzen Reihe von Vorabendserien (von dem immer noch prominenten <a title=\"Gro\u00dfstadtrevier YouTube\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Z2-nefBFs68\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><em>Gro\u00dfstadtrevier <\/em><\/a>, 1986ff, bis zu der Seifenoper <em>St. Pauli Landungsbr\u00fccken<\/em>, 1979\u201382, mit Inge Meysel).<\/p>\n<p>Eine Hommage an die klassische Zeit der <em>Reeperbahn-Movies<\/em> wurde der aufwendig produzierte Fernseh-Sechsteiler <em>Der K\u00f6nig von St. Pauli<\/em> (1998) von Dieter Wedel, der aber bei allen stofflichen Anlehnungen an die Filme zwischen 1965 und 1975 deren rohe Spr\u00f6digkeit und die L\u00fcsternheit des Blicks auf die Milieus niemals erreichte, sondern im Hochglanzstil moderner Gangsterfilme gl\u00e4ttete.<\/p>\n<p>Gerade wegen der erkennbaren Trashhaftigkeit der Kiezfilme werden sie aber zu sicheren Indikatoren der in ihrer Zeit laufenden gesellschaftlichen Neuverhandlung ihrer sexuellen Thematik und ihrer Kommerzalisierung, Promiskuit\u00e4t, Kriminalit\u00e4t. Es mag fast paradox anmuten, dass die so trivial wirkenden Filme des Motivkomplexes dem (b\u00fcrgerlichen) Publikum einen eigentlich verbotenen Blick in eine Halb- oder gar Unterwelt gestatteten und damit einer gesellschaftlichen Neubestimmung vor allem des Umgangs mit Sexualit\u00e4t den Weg bereiteten!<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Anmerkung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[1] Den Hinweis verdanke ich Dietmar Elflein. Verwiesen sei auf die US-amerikanische Musik-CD <em>St.Pauli Affairs. Red Light Music from German Reeperbahn Movies of the 1960s and 70s<\/em> (Diggler Records DIG 002, 2001).<\/p>\n<p><a title=\"Hans J\u00fcrgen Wulff\" href=\"http:\/\/www.ndl-medien.uni-kiel.de\/personal\/professoren\/hans-juergen_wulff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Hans J\u00fcrgen Wulff<\/a> ist Professor f\u00fcr Medienwissenschaft an der Universit\u00e4t Kiel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutscher Sexfilm<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[935,1309,1315,1816,1838,1966,2589],"class_list":["post-1859","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-hans-j-wulf","tag-kritik","tag-kultur","tag-pop","tag-pop-zeitschrift-de","tag-reeperbahn-filme","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1859"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1859\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}