{"id":1944,"date":"2013-07-01T17:14:51","date_gmt":"2013-07-01T15:14:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1944"},"modified":"2013-07-01T17:14:51","modified_gmt":"2013-07-01T15:14:51","slug":"gangnam-stylevon-stefan-wellgraf1-7-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/07\/01\/gangnam-stylevon-stefan-wellgraf1-7-2013\/","title":{"rendered":"Gangnam Stylevon Stefan Wellgraf1.7.2013"},"content":{"rendered":"<p>Der gro\u00dfe Bruder<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbGangnam Style\u00ab war der unumstrittene Erfolgshit des Jahres 2012. Das Musikvideo gilt mittlerweile als der meistgesehene Clip in der Geschichte von YouTube. Anders als bei vorhergehenden, meist englischsprachigen Charterfolgen handelt es sich um einen gr\u00f6\u00dftenteils auf Koreanisch gerappten Song. Mit Blick auf den koreanischen Entstehungskontext \u2013 mein Interesse am Gangnam Style wurde w\u00e4hrend eines Korea-Aufenthalts im Sommer 2012 geweckt \u2013 und auf die Verbreitung des Liedes in verschiedenen Weltregionen sollen Zug\u00e4nge zu einem ungew\u00f6hnlichen koreanischen K\u00fcnstler und einem \u00fcberraschenden Pop-Ph\u00e4nomen er\u00f6ffnet werden. Was ist der Gangnam Style und warum eroberte er im letzten Jahr die Charts? Weshalb tanzen pl\u00f6tzlich sowohl Berliner Hauptsch\u00fcler als auch englische Elitesch\u00fcler eine Art koreanischen Pferdetanz? Und was k\u00f6nnen wir an diesem Beispiel \u00fcber die globale Verbreitung zeitgen\u00f6ssischer Popkultur lernen?<\/p>\n<p>Diese Fragen stehen im Mittelpunkt meiner von den Cultural Studies und Stuart Hall inspirierten Betrachtungen zum Gangnam Style. Stuart Hall hatte zun\u00e4chst in den 1970er ma\u00dfgeblich den Cultural-Studies-Ansatz der Medienforschung vorangebracht. Dieser ist f\u00fcr meine Fragestellung von besonders Bedeutung, weil mit ihm die komplexen Aneignungsformen und Bedeutungszuschreibungen vonseiten der Medienrezipienten in den Blick genommen werden k\u00f6nnen (Hall 1999; Hepp 2010). In sp\u00e4teren Arbeiten besch\u00e4ftigte sich Hall st\u00e4rker mit Fragen der kulturellen Verflechtung in postkolonialen Kontexten und er\u00f6ffnete dabei analytische Zug\u00e4nge, die helfen k\u00f6nnen, den Erfolg und Misserfolg des Gangnam Style in verschiedenen Weltregionen nachzuvollziehen (Hall 2003).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Entstehungskontext: Koreanische Lesarten<\/p>\n<p>Was bedeutet \u00bbGangnam\u00ab? Gangnam ist ein Stadtteil der s\u00fcdkoreanischen Metropole Seoul, dem der Ruf eines reichen und dekadenten Ausgehviertels vorauseilt. Im Song wird die Textzeile \u00bbOppan Gangnam Style\u00ab best\u00e4ndig wiederholt, was so etwas wie \u00bbder gro\u00dfe Bruder hat den Gangnam Style\u00ab bedeutet, wobei mit dem gro\u00dfen Bruder in diesem Fall wohl Psy selbst gemeint ist. Allerdings wurden die meisten Szenen des dazugeh\u00f6rigen Musikvideos nicht in Gangnam, sondern an verschiedenen Orten in Seoul aufgenommen. Gleichzeitig tauchen die ebenfalls mehrfach besungenen \u00bbsexy ladys\u00ab in verschiedenen Varianten auf, weshalb das Video sexuell stark aufgeladen wirkt.<\/p>\n<p>Die Ouvert\u00fcre des Musikclips findet auf einem Sandspielplatz statt, der zun\u00e4chst wie ein Strand inszeniert wird. Die Einstellung wechselt zwischen dem Spielplatz, wo ein 7-j\u00e4hriger Junge freakig tanzt, den Psy kurz zuvor bei einer Castingshow entdeckt hatte, und einem Pferdestall, in dem die f\u00fcr den Gangnam Style typischen jockeyartigen Tanzbewegungen aufgef\u00fchrt werden. Sp\u00e4ter folgen in schneller Folge eine Reihe absurd anmutender Szenen: Psy entspannt in einer Sauna, er tanzt mit leichtbekleideten Frauen auf einem Tenniscourt, sitzt auf dem Klo, mustert begeistert einen weiblichen Po und tanzt unter anderem vor einem Karussell, in einem Tourbus und auf einem Boot.<\/p>\n<p>Die dazugeh\u00f6rige Musik ist eine penetrante Mischung aus eing\u00e4ngigem Elektropop, koreanischem Rap und englischsprachigen Refrainges\u00e4ngen. Eine Reihe bekannter koreanischer Pers\u00f6nlichkeiten aus Fernsehen und Showbusiness, mit denen Psy bereits vorher aufgetreten war, taucht im Verlauf des Videos auf, etwa der Kom\u00f6diant und TV-Moderator Noh Hongchul in einer Fahrstuhlszene und der Entertainer Yoo Jaesuk Yoo, der aus einem teuren Mercedes aussteigt und Psy zu einem Tanz-Battle herausfordert. Auch Mitglieder der erfolgreichen koreanischen Boygroup Bigbang sind, allerdings als Rentner verkleidet und von einer Explosion vertrieben, kurz zu sehen. Das Musikvideo endet mit einer Comiceinstellung, in der eine Psy-Figur wie zu Beginn in einem Pferdestall den \u00bbGangnam Style\u00ab tanzt.<\/p>\n<p>Gangnam steht symbolisch f\u00fcr einen hippen, hedonistischen und konsumorientierten Lifestyle und f\u00fcr ein hypermodernes und turbokapitalistisches S\u00fcdkorea. Das Musikvideo pr\u00e4sentiert diesen Lebensstil in einer humoristischen \u00dcbersteigerung, indem es jene Typen darstellt, die diesen Style krampfhaft nachahmen und in ihrer angestrengten Coolness ziemlich l\u00e4cherlich wirken.<\/p>\n<p>Der Verweis auf Gangnam ist zun\u00e4chst nur f\u00fcr Koreaner verst\u00e4ndlich, die den Song nach seiner Ver\u00f6ffentlichung im Juli 2012 zu ihrem beliebtesten Sommerhit erkoren. Wohin man in diesem hei\u00dfen koreanischen Sommer auch ging und wann immer man den Fernseher anschaltete \u2013 Psy war auf den Bildschirmen pr\u00e4sent und seine Beats t\u00f6nten aus den Boxen.<\/p>\n<p>Das Motiv des Gangnam-Lifestyles ber\u00fchrt auf spielerische Weise durchaus ernste Fragen: Die koreanische Gesellschaft wird von einer spannungsvollen Dynamik zwischen einer egalit\u00e4ren Orientierung und hierarchischen Statusaspirationen gepr\u00e4gt. Die Betonung von Homogenit\u00e4t steht neben dem Streben nach Reichtum. Beide kulturellen Str\u00f6mungen nehmen jeweils historische Versatzst\u00fccke auf und transformieren sie, etwa die konfuzianische Betonung von Ausgleich und Gehorsam oder Elemente der jahrhundertelangen Herrschaft einer aristokratischen Yangban-Elite (Lie 1998; Seth 2002).<\/p>\n<p>Kultureller Tr\u00e4ger der post-aristokratischen kapitalistischen Statusorientierung ist vor allem jene urbane Mittelschicht, die im Zuge der raschen Industrialisierung seit den 1970er Jahren entstand und sich stark \u00fcber einen konsumorientieren Lifestyle und Bildungserfolge definiert. Gleichzeitig kann die Mehrheit der koreanischen Bev\u00f6lkerung mit den medial vermittelten Konsumstandards der urbanen Mittel- und Oberschicht nicht mithalten. Der Gangnam Style gewinnt seinen Reiz aus diesem Spannungsverh\u00e4ltnis, er bezieht sich auf Distinktionsk\u00e4mpfe in der koreanischen Gegenwartsgesellschaft, die in vergleichbarer Form jedoch auch in anderen Weltregionen zu beobachten sind. Dies ist einer der Gr\u00fcnde f\u00fcr die intuitive Verst\u00e4ndlichkeit und die Anschlussf\u00e4higkeit des Gangnam Style in verschiedenen Weltregionen.<\/p>\n<p>Als Bewegungs\u00e4quivalent zum Gangnam Style dient Psy eine Art Pferdetanz ohne Pferd: Rhythmische Bewegungen, bei denen die Beine, H\u00fcften, K\u00f6rper und H\u00e4nde in der Art eines Pferdejockeys bewegt werden, Lassoschwung inklusive. Psy hatte nach eigener Auskunft drei\u00dfig N\u00e4chte lang mit Tierchoreographien experimentiert und dabei unter anderem auch panda- und k\u00e4nguruartige Bewegungen ausprobiert. Das Pferd steht motivgeschichtlich in einer Assoziationskette mit Status und Herrschaft (Johns 2006; Baum 1991). Es waren in der Regel die Reichen und M\u00e4chtigen, die sich das Reiten auf Pferden leisten konnten und sich als Reiter inszenierten und repr\u00e4sentieren lie\u00dfen. Auch in der asiatischen Kultur wird das Pferd mit hohem Sozialstatus assoziiert, besonders in China und Japan, die beide einen starken kulturellen Einfluss auf Korea aus\u00fcbten. Auch eines der ersten Propaganda-Bilder des neuen nordkoreanischen Diktators Kom Jong-un zeigten diesen auf einem Pferd posierend. Beim ebenfalls im Gangnam Style zitierten Cowboy-Motiv steht das Reiten des Pferdes zudem in einem Kontext von M\u00e4nnlichkeit und Amerikanisierung.<\/p>\n<p>Der Gangnam Style l\u00e4sst sich dem Genre des \u00bbK-Pop\u00ab, eine Abk\u00fcrzung f\u00fcr \u00bbKorean Pop\u00ab, zuordnen (die folgenden Daten und Zahlen nach den ungew\u00f6hnlich umfangreichen und detaillierten Wikipedia-Artikeln, die sich mit Psy (http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Psy_(entertainer), dem Gangnam Style ((http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gangnam_Style)) und koreanischer Popmusik besch\u00e4ftigen http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/K-Pop).<\/p>\n<p>Mit \u00bbK-Pop\u00ab wird popul\u00e4re s\u00fcdkoreanische Popmusik bezeichnet, die sowohl f\u00fcr den einheimischen als auch f\u00fcr den internationalen Musikmarkt konzipiert wird. Die Songtexte sind typischerweise koreanisch, mit gelegentlichen englischsprachigen Textelementen, im Song \u00bbGangnam Style\u00ab etwa die Refrain-Zeile \u00bbHey, sexy lady\u2026\u00ab. In den letzten drei Jahren verzeichnete die K-Pop-Branche einen rasanten Umsatzanstieg, zuletzt um 27,8 Prozent im Jahr. Mit einem Gesamtumsatz von 3,4 Milliarden US-Dollar pro Jahr und einem eigenen YouTube-Kanal ist sie mittlerweile der achtgr\u00f6\u00dfte digitale Musikmarkt der Welt.<\/p>\n<p>Psy war nicht der erste K-Pop-Vertreter, der internationale Bekanntschaft errang. Die koreanischen Girlgroups Wonder Girls und 2NE1 gewannen bereits zuvor die Aufmerksamkeit eines westlichen Publikums, und die Boygroup Bigbang wurde 2011 bei den MTV Musik Awards als \u00bbBest Worldwide Act\u00ab ausgezeichnet. Bigbangs erste Welttournee wurde in Asien, Europa, S\u00fcdamerika und den USA von insgesamt 800.000 Menschen besucht. Doch der Erfolg von \u00bbGangnam Style\u00ab stellte selbst diese eindrucksvollen kommerziellen Erfolge weit in den Schatten: Mit \u00fcber 1,3\u00a0Milliarden Aufrufen bei YouTube avancierte das Video zum bisher meistgesehenen Musikclip in der Geschichte des Internets. \u00bbGangnam Style\u00ab toppte mit mehr als 6,8 Millionen Verk\u00e4ufen zahlreiche Charts, unter anderem in Deutschland, Gro\u00dfbritannien und den USA. Hinzu kamen hochkar\u00e4tige Auszeichnungen, etwa als \u00bbBest Video\u00ab bei den MTV Europe Music Awards 2012.<\/p>\n<p>Die K-Pop-Branche schwimmt seit einigen Jahren auf einer koreanischen Welle, einem weitverbreiteten Boom von koreanischer Kultur. Etwa seit der Jahrtausendwende wurden neben der Popmusik auch koreanisches Essen, koreanische Kinofilme und koreanische TV-Serien zun\u00e4chst in Asien und sp\u00e4ter in anderen Teilen der Welt zunehmend beliebter. Die gezielte F\u00f6rderung der Musikindustrie wird, \u00e4hnlich wie die der Filmbranche, von der s\u00fcdkoreanischen Regierung als wichtiger Teil der Au\u00dfenpolitik betrachtet.<\/p>\n<p>Statt \u00fcber Radio und CD-Verk\u00e4ufe findet die Verbreitung von K-Pop von Anfang an verst\u00e4rkt \u00fcber das Fernsehen und das Internet statt. Die TV-Orientierung geht mit einer Betonung der physischen Attraktivit\u00e4t der K-Pop-Stars einher. Diese werden von den gro\u00dfen koreanischen Musikkonzernen h\u00e4ufig bereits als minderj\u00e4hrige Jungtalente unter Vertrag genommen und dann mit einer jahrelangen rigorosen Ausbildung auf ihre Musikkarriere vorbereitet. Die gezielte Vermarktung \u00fcber YouTube wiederum passt zur internetaffinen koreanischen Kultur, die sich bereits bei einer ersten U-Bahnfahrt in einer koreanischen Gro\u00dfstadt bestaunen l\u00e4sst, und erm\u00f6glicht dar\u00fcber hinaus eine rasche internationale Verbreitung.<\/p>\n<p>Psy ist allerdings alles andere als ein typischer K-Pop-Star, und wahrscheinlich ist es gerade seine Eigenwilligkeit, die seinen au\u00dfergew\u00f6hnlichen Erfolg erm\u00f6glichte. Sein Vater, Park Won-ho, ist Executive Chairman der millionenschweren DI Corporation, einem Zulieferer f\u00fcr Halbleiterhersteller. In koreanischen TV-Interviews betont Psy die schwierige Beziehung zu seinem strengen Vater, der ihm zwar ein Vorbild an Disziplin war, doch bei dem emotionale Zuneigung nicht geschenkt, sondern erarbeitet werden musste. Seine Mutter, Kim Young-hee, besitzt mehrere Restaurants in Seouls Gangnam-Distrikt, in dem Psy auch geboren wurde. Psy kennt den von ihm besungenen Gangnam Style und die Distinktionsk\u00e4mpfe koreanischer Eliten also bereits aufgrund seiner famili\u00e4ren Herkunft.<\/p>\n<p>Um die \u00dcbernahme der v\u00e4terlichen Firma durch den Sohn vorzubereiten ging Psy 1996 f\u00fcr ein Wirtschaftsstudium an die Boston University in die USA. Dort schmiss er jedoch heimlich die Uni, kaufte sich von den gesparten Semestergeb\u00fchren einen Computer und produzierte illegal kopierte koreanische Popsampler, die sich in der koreanischen Community in den USA bald gro\u00dfer Beliebtheit erfreuten. Nebenbei belegte er Kurse im Berklee College of Music. Als von dort anl\u00e4sslich des Parent\u2019s Days Gru\u00dfkarten an die Eltern der Studierenden verschickt wurden, erfuhr auch Psys \u00e4u\u00dferst erboster Vater vom neu eingeschlagenen Karriereweg seines Sohnes, der bald darauf nach Korea zur\u00fcckkehrte.<\/p>\n<p>Psy wurde in den 2000er Jahren in S\u00fcdkorea zun\u00e4chst vor allem wegen einer Reihe von Medienskandalen bekannt. Sein erstes Album \u00bbPsy from the Psycho World!\u00ab gibt nicht nur Aufschl\u00fcsse zur Wahl seines K\u00fcnstlernamens, sondern erhielt auch eine Strafe wegen \u00bbunangemessener Inhalte\u00ab. Psy beschreibt in seinen zahlreichen Interviews selbstironisch sein erstes Treffen mit Vertretern der koreanischen Musikbranche. Diese suchten demnach zun\u00e4chst verzweifelt L\u00f6sungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Psys als wenig attraktiv geltendes \u00c4u\u00dferes und diskutierten etwa Sch\u00f6nheitschirurgie oder das Tragen einer Maske.<\/p>\n<p>Als die Musikmanager ihn jedoch bei einer Karaoke-Party bizarre Tanzbewegungen auff\u00fchren sahen, hatten sie ihr Erfolgsrezept gefunden. Psys Musik wurde jedoch aufgrund seiner Verhaftung wegen Marihuana-Besitzes im Jahr 2001 zun\u00e4chst vom koreanischen Fernsehen nicht ausgestrahlt. Im Zuge der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und S\u00fcdkorea errang er dennoch mit seinem Fu\u00dfballsong \u00bbChampions\u00ab gro\u00dfe Aufmerksamkeit. Anschlie\u00dfend wurde seine Musikkarriere durch zwei insgesamt 55 Monate andauernde Milit\u00e4rdienste unterbrochen. Wohl auch aufgrund seines provozierenden Auftretens wurde er ungew\u00f6hnlicherweise zweimal zum Milit\u00e4rdienst eingezogen, das letzte Mal kurz vor Erreichen der Altersgrenze und trotz der Geburt von Zwillingen.<\/p>\n<p>Auch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten \u2013 sein Vater hatte nach der Entt\u00e4uschung \u00fcber Psys Umtriebe in den USA seine Unterst\u00fctzung eingestellt \u2013 schloss sich Psy 2010 dem gro\u00dfen koreanischen Musiklabel YG an. Dessen Chef Yang Hyun-suk war mit Psy befreundet und in den 1990er Jahren mit der Band Seo Taiji &amp; Boys selbst ein einflussreicher musikalischer Vorg\u00e4nger der K-Pop-Welle. Wenig sp\u00e4ter sollten beide mit Gangnam Style ihren bisher gr\u00f6\u00dften Erfolg feiern.<\/p>\n<p>Die Erfolgswelle des Gangnam Style beinhaltete von vornherein eine Vielzahl von ebenfalls vor allem \u00fcber YouTube verbreiteten Adaptionen und Variationen. Psy hatte, wohl auch aufgrund seiner eigenen Karriere mit illegalen Popsamplern, auf ein Copyright f\u00fcr seinen Song verzichtet und somit die T\u00fcren f\u00fcr kreative Aneignungen ge\u00f6ffnet. Allerdings sind in Deutschland eine Vielzahl der Coverversionen des Gangnam Style wegen eines Rechtsstreits zwischen der GEMA und YouTube nicht zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Manche meiner koreanischen Bekannten berichteten, dass sie zun\u00e4chst erst eine der weltweit mittlerweile etwa 33.000 Coverversionen gesehen hatten und erst im Nachhinein vom Original erfuhren. Dabei lassen sich zwei typische Aneignungsformen unterscheiden: die Kopie und die Parodie. Kopierte Varianten des Gangnam Style versuchen auf dessen Erfolgswelle mitzuschwimmen, indem sie im Wesentlichen das gleiche Konzept leicht variiert in einem anderen r\u00e4umlichen Kontexten wiederholen, wobei die Spannbreite von Handyaufnahmen bis zu professionell arrangierten Inszenierungen reicht. Diese Videos hei\u00dfen dann etwa \u00bbDaegu Style\u00ab oder \u00bbBusan Style\u00ab, sie sind also nach anderen koreanischen Gro\u00dfst\u00e4dten benannt.<\/p>\n<p>Parodien spielen das ironische Spiel des Gangnam Style weiter, indem sie diesen selbst persiflieren oder neu interpretieren, etwa als \u00bbGun-Man Style\u00ab, als \u00bbFarmer Style\u00ab oder als \u00bbGungan-Style\u00ab in Anlehnung an eine Spezies aus dem Star Wars Universum. Ich werde sp\u00e4ter noch eine Reihe von kulturellen \u00dcbersetzungen und Neudeutungen in verschiedenen nationalen Kontexten vorstellen.<\/p>\n<p>Der Kodierungsvorgang medialer Produkte legt nach Stuart Hall bestimmte Interpretationen nahe, die jedoch im aktiven Prozess der Medienrezeption auf vielf\u00e4ltige Weise umgedeutet werden k\u00f6nnen (vgl. Hall: 1999). Dekodierung ist deshalb eine Form der kreativen Aneignung, wobei man mit Blick auf die Coverversionen des Gangnam Style noch weiter gehen und von vielf\u00e4ltigen Rekodierungen sprechen k\u00f6nnte, da die digitalen Medienpraktiken der YouTube-Nutzer auch die eigenst\u00e4ndige Produktion und Ver\u00f6ffentlichung von medialen Bildern umfassen.<\/p>\n<p>Hall unterscheidet am Beispiel des Fernsehens zwischen drei verschiedenen Lesarten: der hegemonialen Position, bei der die dominanten Deutungen weitgehend \u00fcbernommen werden; der ausgehandelten Position, bei der zwar der hegemonialen Sichtweise zugestimmt wird, jedoch auf situative Ausnahmen verwiesen wird; und der oppositionellen Position, bei der abweichende Perspektiven entwickelt werden.<\/p>\n<p>Halls Ansatz wurde seit den 1970er Jahren vielfach angewendet, weiterentwickelt und kritisiert. Vor allem in Gro\u00dfbritannien wurde eine Reihe von empirischen Studien zu den Rezeptionsweisen von Medienangeboten durchgef\u00fchrt (z.\u00a0B. Morley 1992). So betonte John Fiske in seinen Studien zur Popul\u00e4r- und Medienkultur vor allem die widerst\u00e4ndige Seite der Umgangsweisen mit Medien- und Konsumprodukten (Fiske 2003).<\/p>\n<p>Medienwissenschaftler gehen heute in der Regel eher von einer \u00bbRezeptions-Bricolage\u00ab aus sowie davon, dass die gleichen Personen verschiedene Lesarten in unterschiedlichen Kontexten anwenden, wodurch die Medienaneignungen zwischen den Polen der Routine und des Widerstandes changieren (G\u00f6ttlich 2004: 180 f.). Stuart Hall selbst bezeichnete seinen Ansatz im R\u00fcckblick weniger als ein strenges und koh\u00e4rentes analytisches Modell, sondern betonte, dass er vor allem eine bestimmte Zugangsweise anregen wollte, bei der den komplexen Prozessen der Medienrezeption mehr Beachtung zukommen sollte (vgl. Hall 1994).<\/p>\n<p>Popul\u00e4re Medientexte wie der Gangnam Style zeichnen sich h\u00e4ufig vor allem durch ihre Vieldeutigkeit, ihre Polysemie, aus (vgl. Fiske 2003). Besonders ironische und humoristisch inszenierte mediale Produkte produzieren Ambivalenzen, ihr Deutungspotenzial besteht h\u00e4ufig gerade darin, feste Bedeutungszuschreibungen zu unterlaufen und mit Widerspr\u00fcchen zu spielen.<\/p>\n<p>Die Lesarten sind dennoch nicht v\u00f6llig beliebig. In Bezug auf den Gangnam Style reicht das Spektrum der Deutungen von einer kulturkritischen bis zu einer politische Interpretation. Die (pop-)kulturkritische Position sieht in der ironisch gebrochenen Reproduktion eines hedonistischen und konsumorientierten Lebensstils eine zeitgen\u00f6ssische Form der Unterwerfung unter die Kulturindustrie. Slavoy \u017di\u017eeks Kommentare zum Gangnam Style in diversen Vortr\u00e4gen zielen in diese Richtung, da er gerade im modischen pseudo-subversiven Spiel mit Statussymbolen eine zeitgen\u00f6ssische Funktionsweise von Ideologie vermutet.<\/p>\n<p>Eine politische Lesart w\u00fcrde den Gangnam Style umgekehrt als eine Form von Subversion und Kritik verstehen. Ai Weiweis regimekritische Aneignung des Gangnam Style, auf die ich sp\u00e4ter noch zu sprechen komme, zielt in diese Richtung. Verbindet man beide Positionen, k\u00f6nnte man darauf verweisen, dass ein erfolgreiches Pop-Produkt wie der Gangnam Style sowohl eine dominante als auch eine subversive Seite hat. Die von ihm erm\u00f6glichten Anschl\u00fcsse und kulturellen Dynamiken resultieren aus der Offenheit f\u00fcr Widerspr\u00fcche, die in dem \u00fcberbordenden visuellen, sprachlichen und musikalischen Verweisen des Musikvideos zum Gangnam Style bereits angelegt sind.<\/p>\n<p>Mit Slavoj \u017di\u017eek und Ai Weiwei sind wir bereits bei Deutungen des Gangnam Style angelangt, die \u00fcber den koreanischen Kontext hinausweisen und denen ich mich im Folgenden etwas ausf\u00fchrlicher widmen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Kulturtransfer: \u00dcbersetzungen des Gangnam Style<\/p>\n<p>Seit den 1980er und -90er Jahren haben Autoren wie Stuart Hall, Homi Bhaba und James Clifford eine noch immer andauernde kulturwissenschaftliche Debatte \u00fcber die kulturellen Dynamiken von Globalisierungsprozessen angesto\u00dfen (Hall 2003; Clifford 1997; Bhaba 1994). Fragen von Macht und Hegemonie spielten dabei eine zentrale Rolle, jedoch nicht mehr verstanden als ein unilinearer Kulturtransfer vom Zentrum in die Peripherie, sondern im Sinne einer Analyse von komplexen Verflechtungszusammenh\u00e4ngen sowie unter der Pr\u00e4misse ohnehin best\u00e4ndig vorgehender \u00dcbersetzungsprozesse.<\/p>\n<p>Prozessen der kulturellen \u00dcbersetzung mit ihren Br\u00fcchen, Reibungen und Widerspr\u00fcchen, die von Adaptionen, \u00fcber neue Mischformen bis hin zu kulturellen Gegenbewegungen reichen, wurde besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Analyse des Dekodierens und Rekodierens von Popmusik erh\u00e4lt aus dieser Perspektive eine noch gr\u00f6\u00dfere Komplexit\u00e4t. Ein \u00dcberblick \u00fcber die Rezeption des Gangnam Style in Asien, Amerika und Europa soll dies veranschaulichen, wobei nicht die durchg\u00e4ngig beeindruckenden Chartplatzierungen referiert werden, sondern an ausgew\u00e4hlten Beispielen gefragt wird, wie der Gangnam Style in anderen r\u00e4umliche und soziale Kontexten \u00fcbersetzt wurde.<\/p>\n<p>Die Rezeption des Musikvideos in den S\u00fcdkorea umgebenden L\u00e4ndern China, Nordkorea und Japan zeigt, dass geopolitische Fragen auch die Wirkung von Popmusik beeinflussen k\u00f6nnen. In China wurde die Popularit\u00e4tswelle s\u00fcdkoreanischer Kulturg\u00fcter durch den Erfolg der koreanischen TV-Serie \u00bbWinter-Sonata\u00ab angesto\u00dfen. Psy konnte daran anschlie\u00dfen und brachte in einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Sendung kurz vor dem chinesischen Neujahr einigen der bekanntesten chinesischen Showgr\u00f6\u00dfen den Gangnam Style bei.<\/p>\n<p>Mittlerweile kursiert eine kaum noch \u00fcberschaubare Anzahl von chinesischen Cover-Versionen. Neben kommerziellen Anbietern aus der Musikbranche ver\u00f6ffentlichten auch die chinesische Polizei und Feuerwehr Interpretationen des St\u00fcckes, bei denen vor Gefahren gewarnt wird. Als ein chinesischer Bahnbeamter seine Version des Gangnam Style in Dienstuniform vorf\u00fchrte, wurde er vom Dienst suspendiert. Ein anderes Video zeigt, wie auf einem Schulhof aufgereihte Sch\u00fcler \u00fcber Lautsprecher mit Psys Musik bedr\u00f6hnt werden und den Gangnam Style als eine milit\u00e4risch anmutende Sport\u00fcbung vollziehen.<\/p>\n<p>Auch der chinesische K\u00fcnstler und Dissident Ai Weiwei ver\u00f6ffentlichte eine Cover-Version, bei der er mit Handschellen in der Hand den Gangnam Style interpretiert. Dabei \u00fcbertr\u00e4gt er die bereits im Original angelegte Persiflage von S\u00fcdkoreas Neureichen und M\u00e4chtigen in eine Kritik des chinesischen Machtapparates. Das Video wurde einen Tag nach der Ver\u00f6ffentlichung von der chinesischen Regierung gesperrt, gewann aber dennoch aufgrund der Prominenz von Ai Weiwei die Aufmerksamkeit internationaler Medien. Auch andere politische Aktivisten, etwa von Greenpeace, Amnesty International und der Free-Tibet-Bewegung, haben den Gangnam Style in ihre Formen des politischen Aktivismus integriert.<\/p>\n<p>Vermutlich \u00fcber aus China geschmuggelte Raubkopien gelangte der Gangnam Style auch nach Nordkorea. Die nordkoreanische Regierung ver\u00f6ffentlichte daraufhin eine allerdings mit einer anderen Melodie hinterlegte Parodie mit dem Titel \u00bbI\u2019am Yushin Style\u00ab auf einer regierungsnahen Webseite, welche die s\u00fcdkoreanische Pr\u00e4sidentin Park Geun-Hye als Anh\u00e4ngerin ihres autokratischen Vaters, dem ehemaligen Diktator Park Chung-Hee, blo\u00dfstellen soll. Im Gegenzug performte Psy den Gangnam Style bei den Inaugurationsfeierlichkeiten der neuen Pr\u00e4sidentin im Februar 2013.<\/p>\n<p>In Japan, der ehemaligen Besatzungsmacht Koreas, st\u00f6\u00dft Psy auf zwiesp\u00e4ltige Reaktionen. Auf der einen Seite ist s\u00fcdkoreanische Popmusik dort besonders bei Jugendlichen und Frauen popul\u00e4r. Bereits vor Ver\u00f6ffentlichung des Gangnam-Hits trat Psy Anfang des Jahres 2012 bei einem gemeinsamen Konzert mit Bigbang und 2NE1 vor 80.000 Zuschauern in Osaka auf. Auf der anderen Seite gibt es im stolzen Japan auch eine kulturelle Gegenbewegung zum Erfolg s\u00fcdkoreanischer Kulturg\u00fcter. Diese reicht von der Diskussion \u00fcber Quotenregelungen bis zu Manga-Comics mit Titeln wie \u00bbHating the Korean Wave\u00ab. Angeheizt wird das anti-koreanische Ressentiment durch den diplomatischen Konflikt um die von Japan und S\u00fcdkorea beanspruchte Felseninsel Dokdo, die von den jeweiligen nationalen Medien mit enormem Nationalpatriotismus begleitet wird.<\/p>\n<p>In anderen asiatischen Regionen, vor allem in S\u00fcdostasien, feierte der Gangnam Style und mit ihm die K-Pop-Welle, wie die folgenden kursorischen Beispiele bezeugen, eindrucksvolle Erfolge. So trat Psy unter anderem bei den Geburtstagsfeierlichkeiten des thail\u00e4ndischen K\u00f6nigs, bei den 2012 Mnet Asian Music Awards in Honkong und vor \u00fcber 100.000 Zuschauern bei einem Konzert in Malaysia auf. Arabische Versionen des Gangnam Style fallen unter anderem dadurch auf, dass Frauen seltener auftauchen und weniger sexuelle Anspielungen verwendet werden.<\/p>\n<p>Die Interpretation des \u00bbJewish Style\u00ab ist dagegen mit Songzeilen wie \u00bbhey sexy rabbi\u00ab und viel nackter Haut deutlich freiz\u00fcgiger.<\/p>\n<p>Auch einen \u00bbAfghanistyle\u00ab gibt es, performt von US-Soldaten auf einer Milit\u00e4rbasis.<\/p>\n<p>In der T\u00fcrkei wird die Anzahl der aktiven Mitglieder in K-Pop-Fanclubs auf 100.000 gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Die Komplexit\u00e4t von kulturellen Transferprozessen l\u00e4sst sich an der Karriere des Gangnam Style in den USA besonders gut veranschaulichen. Zun\u00e4chst ist das K-Pop-Genre mit seinen Boy- und Girlbands wie die s\u00fcdkoreanische Kultur insgesamt stark von US-amerikanischen Einfl\u00fcssen gepr\u00e4gt. Eine deutlich US-gef\u00e4rbte Form von Coolness und Konsumorientierung hat seit dem Ende des Koreakrieges die ehemals prim\u00e4r auf moralische Erziehung ausgerichtete koreanische Kultur beeinflusst. In den 1950er und -60er Jahren brachten die Konzerte US-Amerikanischer Truppen westliche Popmusik erstmals nach Korea, was wiederum unterschiedliche Adaptionen zur Folge hatte. Gleichzeitig wird die starke Pr\u00e4senz von US-Amerikanern und von Amerikanisierung in S\u00fcdkorea von starken Widerst\u00e4nden begleitet.<\/p>\n<p>Auch Psy hatte im Zuge der Diskussionen um den Tod eines S\u00fcdkoreaners im Irak anti-amerikanische Lieder interpretiert, sich sp\u00e4ter jedoch daf\u00fcr entschuldigt. Psy selbst lebte vier Jahre in den USA, er bringt als Rapper sowohl den HipHop nach Korea, wo er \u00fcbrigens auch schon einmal zu einer Coverversion eines St\u00fccks von Beyonc\u00e9 in Frauenkleidern aufgetreten war, als auch koreanische Musik in die USA. Nachdem er w\u00e4hrend seiner Studienzeit in der US-amerikanischen Ostk\u00fcste noch Mixtapes mit koreanischer Musik verkaufte, erobert er mittlerweile mit seinem K-Pop-Rap die US-Charts.<\/p>\n<p>K-Pop wurde in den USA zun\u00e4chst vornehmlich von US-Amerikanern koreanischer Herkunft geh\u00f6rt, hat mittlerweile jedoch eine breitere H\u00f6rerschaft, unter anderem auch bei Afro-Amerikanern, gewonnen. Der Erfolg des Gangnam Style wurde besonders durch die jeweils an Millionen Abonnenten versendeten Twitter-Lobpreisungen von amerikanischen Pop- und Kinostars wie Katy Perry, Britney Spears und Tom Cruise bef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Psy, mittlerweile zu einem YouTube- und iTunes-Million\u00e4r geworden, empfand seinen Erfolg in den USA, wo seine Studienkarriere eher unr\u00fchmlich verlaufen war, als besondere Genugtuung. Er trat unter anderem gemeinsam mit Madonna im Madison Square Garden auf, wurde zu \u00bbThe Today Show\u00ab und \u00bbSaturday Night Live\u00ab eingeladen und spielte im Hauptgeb\u00e4ude der Vereinten Nationen sowie beim Weihnachtskonzert von US-Pr\u00e4sident Obama. Zu seinem 35. Geburtstag performte Psy den Gangnam Style bei der Silvesterfeier am New Yorker Times Square.<\/p>\n<p>Zu den zahlreichen amerikanischen Coverversionen und Neuinterpretationen z\u00e4hlen eine Reihe von Varianten aus den Bereichen des Milit\u00e4rs und des Sports, etwa eine Version der amerikanischen Raumfahrtagentur NASA und diverse Cheerleader-T\u00e4nze. Hinzu kommen unter anderem auch Persiflagen bekannter Politiker, wie der \u00bbObama Gangnam Style\u00ab und der das konservative Establishment mit Textzeilen wie \u00bbhey, wealthy ladies\u00ab \u00a0persiflierende \u00bbMitt Romney Style\u00ab.<\/p>\n<p>In S\u00fcdamerika hatte K-Pop vor allem in Chile und Peru schon vor dem Siegeszug des Gangnam Style einen gro\u00dfen Einfluss auf die Jugendkultur. In Brasilien trat Psy w\u00e4hrend des Karnevals in Rio de Janeiro auf. Ein Flashmob fand unter anderem in Sao Paulo mit seiner gro\u00dfen asiatischen Community statt. Zudem erschienen auch in Brasilien zahlreiche Varianten des Gangnam Style. In einer wird eine junge Frau mit dem Aufruf \u00bbcopie o meu style\u00ab dazu aufgefordert, ihre h\u00e4sslichen alten Sachen zugunsten eines hippen neuen Looks einzutauschen. Eine andere, wegen seiner expliziten sexuellen Anspielungen kontrovers diskutierte Version, zeigt den Junggesellenabschieds eines m\u00e4nnlichen Brasilianers, der von vielen leichtbekleideten Damen vers\u00fc\u00dft wird.<\/p>\n<p>In Europa war Korean Pop zun\u00e4chst vor allem in London und Paris popul\u00e4r, wo auch die ersten europ\u00e4ischen K-Pop-Konzerte stattfanden. Die ersten Fans hatten zun\u00e4chst meist selbst einen asiatischen Familienhintergrund, doch der Gangnam Style ist dar\u00fcber hinaus ein milieu\u00fcbergreifendes Pop-Ph\u00e4nomen. In England wurde der \u00bbEton Style\u00ab, eine Adaption von Sch\u00fclern der gleichnamigen Elite Schule, bei der auch ein Lehrer auftritt, mehr als zwei Millionen Mal auf Youtube angeklickt. Die in schwarzen Anz\u00fcgen auftretenden J\u00fcnglinge machen sich darin in einer kreativen Fortf\u00fchrung des Gangnam Style \u00fcber den verklemmten Elitismus der britischen Oberschicht lustig: \u00bbWe may be awkward, frustrated, lonely and insecure, hey, yes insecure, hey, (\u2026) we\u2019re not too social, can\u2019t talk to women, although we try, hey, we\u2019re just too shy, hey, if you approach us then we\u2019ll just break down and cry.\u00ab<\/p>\n<p>In Paris tanzte Psy im November 2012 bei einem vom Radiosender NRJ organisierten Flashmob zusammen mit 20.000 Menschen am Pariser Trocadero-Platz.<\/p>\n<p>Auch in Rom und Mailand fanden zu dieser Zeit Flashmobs dieser Gr\u00f6\u00dfenordnung statt. Hinzu kamen kleinere Flashmobs in fast allen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern, vom isl\u00e4ndischen Reykjavik bis nach Nikosia auf Zypern.<\/p>\n<p>In Deutschland trat Psy unter anderem bei \u00bbWetten dass..?\u00ab und der Fernsehshow \u00bbTV Total\u00ab von Stefan Raab sowie bei einem Konzert in K\u00f6ln auf. Auch hierzulande kursierten mehrere Adaptionen von Psys Gangnam Style, diese reichen von einer stark dem Original folgenden deutschsprachigen Coverversion bis zum \u00bbOpa Gandolf Style\u00ab \u2013 einer Anspielung auf eine der Figuren im Kinofilm \u00bbHerr der Ringe\u00ab.<\/p>\n<p>Bei meinen Feldforschungen an einer Berliner Sekundarschule im Schuljahr 2012\/13 begegnete mir ebenfalls wiederholt der Gangnam Style. Einige Sch\u00fcler aus asiatischen Familien waren schon seit l\u00e4ngerem an K-Pop interessiert, einer von ihnen nahm auch am Gangnam-Style-Flashmob auf dem Berliner Alexanderplatz teil. Allerdings war er etwas entt\u00e4uscht, da nach etwa 10 Minuten die Veranstaltung schon wieder vorbei war. Den restlichen Sch\u00fclern diente eine spontane Gangnam-Performance vor allem zur Provokation des Lehrpersonals. Mit dem Refrain von \u00bbOh sexy Lady\u00ab und begleitenden Spr\u00fcchen wie \u00bbSex auch f\u00fcr Omas\u00ab wurde etwa eine \u00e4ltere und etwas korpulente Lehrerin zum Unterrichtsbeginn auf ironische Weise begr\u00fc\u00dft. Und neben dem ebenfalls popul\u00e4ren \u00bbHarlem Shake\u00ab war der Gangnam Style eine h\u00e4ufig willkommene Tanzeinlage, um in besonders langweiligen Unterrichtsstunden, etwa beim Fach Chemie in der achten Stunde, eigenm\u00e4chtig f\u00fcr ein wenig popul\u00e4re Unterhaltung zu sorgen.<\/p>\n<p>Die diversen Beispiele veranschaulichen, dass der Gangnam Style in verschiedenen r\u00e4umlichen und sozialen Kontexten unterschiedliche Bedeutungen annimmt. Der Gangnam Style ist dabei keineswegs ein frei \u00fcber die Welt schwebendes Pop-Ph\u00e4nomen, sondern gewinnt seinen \u00fcberraschenden Reiz und seine kulturelle Anschlussf\u00e4higkeit aus seiner spezifischen kulturellen F\u00e4rbung. Er schreibt die Erfolgsgeschichte des K-Pop fort \u2013 das selbst ein hybrides Musikgenre ist \u2013, f\u00fcgt ihm eine neue Musikerpers\u00f6nlichkeit und eine stark am US-amerikanischen Rap orientierte musikalische Note hinzu.<\/p>\n<p>Die auf Statusk\u00e4mpfe deutenden Verweisungszusammenh\u00e4nge, inklusive der Pferde- und Konsummotive, k\u00f6nnen sowohl als Affirmation als auch als Kritik gedeutet werden. In beiden F\u00e4llen erm\u00f6glichen sich vielf\u00e4ltige, allerdings keineswegs reibungslos verlaufende Anschlussm\u00f6glichkeiten. Die tausendfachen Dekodierungen und Rekodierungen des \u00bbGangnam Style\u00ab zeugen von einer popkulturellen Kreativit\u00e4t, deren Vielschichtigkeit und Facettenreichtum hier nur angedeutet werden konnte.<\/p>\n<p>Weitere Fragen schlie\u00dfen sich an. Im Angesicht des Erfolges des Gangnam Style erscheint die elit\u00e4re Kulturkritik als reichlich provinziell und mit ihren bisherigen Analyseinstrumentarien als ziemlich hilflos. Eine an der b\u00fcrgerlichen Hochkultur geschulte und auf \u00e4sthetische Qualit\u00e4t ausgerichtete Musikkritik muss vor einem zun\u00e4chst m\u00f6glicherweise als debil und sexgeil erscheinenden koreanischen Clown kapitulieren.<\/p>\n<p>Der Interneterfolg des Gangnam Style verlangt danach, \u00e4sthetische Kategorien neu denken und dabei die spezifischen affektiv-\u00e4sthetischen Prozesse beim Onlineschauen von Popmusik zu konzeptualisieren. Die Rezeptionsforschung sollte dabei im Kontext einer Mediatisierung der Alltagswelt \u00fcber das Dekodieren von Popmusik hinaus von vielf\u00e4ltigen Formen der Rekodierung ausgehen. Die Analyse dieser Aneignungsprozesse muss wiederum systematisch um die komplexen Fragen der kulturellen \u00dcbersetzung erg\u00e4nzt werden. Viel Arbeit f\u00fcr die Popkulturforschung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Bachmann-Medick, Doris (2009): Cultural Turns. Neuorientierungen in den \u00a0Kulturwissenschaften, Reinbeck bei Hamburg.<br \/>\nBaum, Marlene (1991): Das Pferd als Symbol, Frankfurt\/Main.<br \/>\nBhaba, Homi (1994): The Location of Culture, London\/New York.<br \/>\nClifford, James (1997): Routes. Travel and Translation in the Late Twentieth Century, Cambridge, MA.<br \/>\nFiske, John (2001): Fernsehen. Polysemie und Popularit\u00e4t, in: Winter, Rainer\/Mikos, Lothar (Hg.): Die Fabrikation des Popul\u00e4ren. Der John Fiske Reader, Bielefeld: S. 85-109.<br \/>\nFiske, John (2003): Lesarten des Popul\u00e4ren, Wien.<br \/>\nG\u00f6ttlich, Udo (2004): Kreativit\u00e4t in der Medienrezeption? Zur Praxis der Medienaneignung zwischen Routine und Widerstand, in: H\u00f6rning, Karl\/Reuter, Julia (Hg.): Doing Culture. Neue Positionen zum Verh\u00e4ltnis von Kultur und sozialer Praxis, Bielefeld, S. 169-183.<br \/>\nHall, Stuart (1999): Kodieren\/Dekodieren, in: Bromley, Roger\/G\u00f6ttlich, Udo\/Winter, Carsten (Hg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einf\u00fchrung, L\u00fcneburg, S. 92-110.<br \/>\nHall, Stuart (2003): Creolization, Diaspora, and Hybridity, in: Okwui Enwezor (Hg.): Cr\u00e9olit\u00e9 and Creolization, Dokumenta 11, Ostfildern-Ruit, S. 185-189.<br \/>\nHall, Stuart (1994): Reflections upon the Encoding\/Decoding Model. An Interview with Stuart Hall, in: Cruz, Jon\/Lewis, Justin (Hg.): Viewing, Reading, Listening. 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