{"id":1965,"date":"2013-07-04T00:14:43","date_gmt":"2013-07-03T22:14:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1965"},"modified":"2013-07-04T00:14:43","modified_gmt":"2013-07-03T22:14:43","slug":"tom-kummer-in-berlinder-mythos-soll-funktionierenvon-stefanie-roenneke4-7-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/07\/04\/tom-kummer-in-berlinder-mythos-soll-funktionierenvon-stefanie-roenneke4-7-2013\/","title":{"rendered":"Tom Kummer in BerlinDer Mythos soll funktionierenvon Stefanie Roenneke4.7.2013"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbD\u00e4mmerung im S\u00fcdwesten Amerikas: Vor mir liegt ein menschenleerer Strand, wie die \u00d6dnis am Ufer einer unbekannten Welt\u00ab.<!--more mehr--> So beginnt die Reportage \u00bbBorderline. Ein Road-Trip entlang der Grenze von den USA und Mexiko\u00ab von Tom Kummer, die in der Juni-Ausgabe des Schweizer Magazins \u00bb<a title=\"Magazin Reportagen\" href=\"http:\/\/reportagen.com\/magazin\" target=\"_blank\">Reportagen<\/a>\u00ab erschienen ist. Er schildert darin seine Fahrt entlang dieser Grenze und l\u00e4sst jenen 3000 Meilen langen Zaun auf sich wirken, der die \u00bbmythische Landschaft, die Mexiko mit den Vereinigen Staaten von Amerika verbindet, zur Kriegszone verwandelt\u00ab. Kummer bringt dem Leser die Wucht dieser \u203aBorderline\u2039 somit nicht mit den Mitteln der Sozialreportage n\u00e4her. Es sind 40.000 Zeichen \u00fcber ein monumentales Bauwerk, das wie ein St\u00fcck Land Art wirke, jene urspr\u00fcngliche amerikanische Kunstform.<\/p>\n<p>Im Zuge der Ver\u00f6ffentlichung hat \u00bbReportagen\u00ab und der Taschenhersteller \u00bb<a title=\"Freitag am Donnerstag\" href=\"http:\/\/www.freitag.ch\/amdonnerstag\" target=\"_blank\">Freitag<\/a>\u00ab zu einer Veranstaltung in Berlin geladen. Die Eidgenossenschaft verbindet.<\/p>\n<p>Der Raum ist voll, etwas zu warm, ein K\u00fchlschrank lockt in Berliner Manier mit Gratisgetr\u00e4nken. Im Bier soll Liebe stecken, verspricht die Zutatenliste. K\u00e4se- und Salamibrote f\u00fcllen die M\u00fcnder der G\u00e4ste. Sie alle geben sich mit kleinen gelben Zetteln zu erkennen, die sie \u00fcber dem Herzen oder an der Hose tragen. Im Raum verteilte, grell leuchtende Ausgaben des Magazins erinnern w\u00e4hrenddessen doch an den Anlass des Abends. Dieser steht unter dem Motto \u00bbRecherche vs. Inszenierte Realit\u00e4t\u00ab. Es ist von Anfang an klar: Das wird keine \u203anormale\u2039 Lesung. Wenn Tom Kummer kommt, dann wird geredet.<\/p>\n<p>Nachdem \u00bbReportagen\u00ab-Chefredakteur Daniel Puntas Berne zusammen mit Tom Kummer den Text vorgestellt und kommentiert hat, f\u00fchrte das anschlie\u00dfende Publikumsgespr\u00e4ch oftmals in die Vergangenheit. Der so genannte \u203aMedienskandal\u2039 um die gef\u00e4lschten Interviews von Tom Kummer interessiert Leser und Kulturproduzenten seit 13 Jahren, obwohl \u2013 oder gerade weil \u2013 wissenschaftliche Arbeiten, eine Dokumentation und unz\u00e4hlige vorhergehende Diskussionen das publizistische Klima der damaligen Zeit, die Rolle von Schuldigen, Geprellten und Entt\u00e4uschten er\u00f6rtert haben. Dabei bietet der Text selbst gen\u00fcgend Beispiele, an dem die gewollte Dualit\u00e4t \u00bbRecherche vs. Inszenierte Realit\u00e4t\u00ab diskutiert werden kann.<\/p>\n<p>Die Diskussion macht deutlich: Der Skandal wird gebraucht. Es scheint, dass nur dadurch die Debatte um Dichtung und Wahrheit im deutschen (Boulevard-)Journalismus gef\u00fchrt werden kann, der stets dem Druck des Neuen und Unterhaltsamen unterliegt. Angst vor einer Umkehr der Verh\u00e4ltnisse muss daher nicht bestehen. Der \u203aFakt\u2039 geht gest\u00e4rkt hervor.<\/p>\n<p>Und Kummer bleibt, weil sein Stil selbst zur Marke geworden ist, mit seinem \u00bbKonzeptjournalismus\u00ab in der Nische und dient als Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr das, was nicht sein darf. Zur Sicherheit ist im \u00bbReportagen\u00ab-Magazin das obligatorische Beglaubigungs-Interview enthalten, und der Text hei\u00dft sicherlich nicht grundlos \u00bbBorderline\u00ab. Zudem f\u00e4llt die Wiederholung des im Text enthaltenen Satzes \u00bbNichts was der Reporter jetzt mit eignen Augen sieht, ist deswegen schon real\u00ab so grell aus wie das \u00bbReportagen\u00ab-Cover. Ein Satz, den man kennen sollte. Es ist der ewige Tanz zwischen Skandal, Mythos und der unausgesprochen Frage, wie oft Autoren, Redakteure und Herausgeber ihren Tr\u00e4umen erliegen (damals und heute) und wo der \u203aFake\u2039 eigentlich beginnt.<\/p>\n<p>In den Kritiken zu der Veranstaltung bleibt eine klare positive Wertung aus \u2013 sie muss wohl ausbleiben. Es dominiert die Wiederholung des Bekannten und der Wunsch mit etwas Greifbaren aus dem Abend zu gehen: \u00bbAuch an diesem Abend bekommt man ihn nicht zu fassen\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbDie Bildung des Mythos Kummer, sie findet einzig und allein im Kopf statt\u00ab, schreibt <a title=\"Tom Kummer: Borderliner an der Borderline\" href=\"http:\/\/www.spex.de\/2013\/07\/01\/tom-kummer-borderline-reportagen-lesung\/\" target=\"_blank\">Jan Wehn<\/a> in seiner Rekapitulation des Abends weiter, nachdem er jenen Mythos in der genauen Beschreibung Kummers zu suchen scheint: \u00bbKummer tr\u00e4gt nagelneue schwarze Basketballschuhe, eine abgewetzte Bluejeans und ein ausgeblichenes Shirt mit der Aufschrift \u203aWoodstock\u2039. Wie alle \u203aStarschreiber\u2039 sieht er viel zu gut aus f\u00fcr einen Journalisten. Will hei\u00dfen: Sehr braun. Genau richtig viele Falten. Helle, aber nicht wei\u00dfe Z\u00e4hne. Beinahe schon auratisch.\u00ab Er bricht diese naive Suche selbst: \u00bbDas ist, nat\u00fcrlich, alles Quatsch\u00ab. Dennoch hat er seinen Text mit dem zur Legende gewordenen <a title=\"Der schlechteste Journalist von allen\" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/christian-kracht-im-gespraech-der-schlechteste-journalist-von-allen\/151028.html\" target=\"_blank\">Zitat<\/a> des ebenfalls mythischen Christian Kracht eingeleitet: \u00bbIch glaube, Tom Kummer hat in Hollywood Dinge geschaut, die wir nie sehen werden, nie sehen k\u00f6nnen\u00ab.<\/p>\n<p>Man kann erg\u00e4nzen, dass ein Mythos weder wahr noch falsch sein, sondern nur funktionieren muss. Der Mythos ist wie ein performativer Akt. Er muss gelingen. So hei\u00dft es im \u00bb<a title=\"Hey, seid ihr bekifft? \" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/medien\/tom-kummer-zu-gast-in-berlin-hey-seid-ihr-bekifft-\/8422366.html\" target=\"_blank\">Tagesspiegel<\/a>\u00ab: \u00bbNicht ohne Stolz reicht Tom Kummer das Magazin im Publikum herum[\u2026]. Am Ende der Diskussion in Berlin l\u00e4sst sich Kummer das Heft mit dem Bronson-Interview wieder zur\u00fcckgeben, er schlie\u00dft das Magazin vorsichtig. Er passt gut darauf auf\u00ab, rahmt Sonja \u00c1lvarez ihren Text.<\/p>\n<p>Es spielt keine Rolle, ob das <em>tats\u00e4chlich<\/em> so passiert ist. Es funktioniert. Der Mythos des \u00bbBad Boy\u00ab wird weiter gepflegt.<\/p>\n<p>Jan Wehn erinnert sich anders, obwohl er sich mit der Frage nach der Echtheit die Szene dem Mythos weiter unterwirft: \u00bbJemand in der ersten Reihe meldet sich und gesteht, mit dem Werk Kummers g\u00e4nzlich unvertraut zu sein. Ein schlechter Scherz, denkt man. Vielleicht wurde der junge Herr engagiert. Kummer greift hinter sich und holt seine Tasche (nicht aus LKW-Planen, sondern aus Leder) hervor. Mikl\u00f3s Gimes, der Regisseur der Dokumentation \u203aBad Boy Kummer\u2039 habe ihm bei einem Treffen alte Magazine, die er f\u00fcr seine Dreharbeiten und Recherchen ben\u00f6tigte, zur\u00fcckgegeben. Kummer bl\u00e4ttert durch die Titel, macht Andeutungen, will den ganzen Stapel wieder in die Tasche zur\u00fcckzustecken, \u00fcbergibt dem Fragensteller dann aber doch ein d\u00fcnnes Heft mit Charles Bronson auf dem Cover.\u00ab<\/p>\n<p>\u00bb<a title=\"Der Mythos klebt\" href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/kino\/film-ueber-tom-kummer-der-mythos-klebt\/4134304.html\" target=\"_blank\">Der Mythos klebt<\/a>\u00ab lautete mal eine \u00dcberschrift im \u00bbTagesspiegel\u00ab zu dem Film \u00bb<a title=\"Kulturzeit Bad Boy Kummer\" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gu0agl708GQ\" target=\"_blank\">Bad Boy Kummer<\/a>\u00ab. Das stimmt, er soll kleben, denn der Deviant st\u00fctzt das System.<\/p>\n<p>Man erinnert sich: An einem Derby-Samstag Ende November 2011 war Tom Kummer zu Gast beim Journalistentag in Recklinghausen. Zwei Tage zuvor wurde der gro\u00dfe Versuch gestartet, Karl-Theodor zu Guttenberg mit einem \u00bbZeit\u00ab-Interview, das zugleich Werbung f\u00fcr sein Buch \u00bbVorerst gescheitert\u00ab war, zu rehabilitieren. In diesem Fall h\u00e4tte es fast geklappt. Gefakte Lifestyle-Texte wiegen schwerer. Tr\u00e4ume wiegen schwerer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbD\u00e4mmerung im S\u00fcdwesten Amerikas: Vor mir liegt ein menschenleerer Strand, wie die \u00d6dnis am Ufer einer unbekannten Welt\u00ab. So beginnt die Reportage \u00bbBorderline. 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