{"id":1979,"date":"2013-07-04T20:12:11","date_gmt":"2013-07-04T18:12:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1979"},"modified":"2013-07-04T20:12:11","modified_gmt":"2013-07-04T18:12:11","slug":"gangsta-rap-und-nicht-gangster-rap-rezension-zu-martin-seeliger-deutscher-gangstarap-zwischen-affirmation-und-empowermentvon-kenneth-hujer4-7-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/07\/04\/gangsta-rap-und-nicht-gangster-rap-rezension-zu-martin-seeliger-deutscher-gangstarap-zwischen-affirmation-und-empowermentvon-kenneth-hujer4-7-2013\/","title":{"rendered":"Gangsta-Rap und nicht Gangster-Rap Rezension zu Martin Seeliger, \u00bbDeutscher Gangstarap. Zwischen Affirmation und Empowerment\u00abvon Kenneth Hujer4.7.2013"},"content":{"rendered":"<p>Gangsta-Rap ist nicht irgendein Genre<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbMan schreibt es im \u00dcbrigen \u203aGangsta-Rap\u2039 und nicht \u203aGangster-Rap\u2039.\u00ab So beendete Falk Schacht unl\u00e4ngst einen offenen Brief an die Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung, nicht ohne pointierend zu erg\u00e4nzen: \u00bbGangster sind auf der Stra\u00dfe und ticken Keta, Gangsta-Rapper stehen auf der B\u00fchne und ticken im Takt.\u00ab<\/p>\n<p>Schacht, seit Ende der 1990er Jahre einer der wichtigsten Rap-Journalisten in Deutschland, bezog sich auf einen Artikel, den die von der Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung verantwortete Medienplattform Fluter.de ver\u00f6ffentlicht hatte. Unter dem Titel \u00bbRapper suchen ein Zuhause\u00ab wurde darin eine Bestandsaufnahme deutschsprachiger Rap-Musik versucht. Einerseits, so der Autor des Artikels, gebe es anspruchsvolle K\u00fcnstler, \u00bbdie Deutschrap wieder gesellschaftsf\u00e4hig machen\u00ab, weil sie \u00bb\u00fcber Liebe, Freundschaft und die Suche nach der eigenen Identit\u00e4t\u00ab rappen und damit \u00bbChronisten eines Zeitgef\u00fchls\u00ab seien. Andererseits gebe es Gangsta-Rapper, deren \u00bbMein-Block-Romantik\u00ab und textliche Schilderungen von \u00bbDrogengesch\u00e4ften und Gewaltexzessen\u00ab ausgedient h\u00e4tten.<\/p>\n<p>An dieser Dichotomie st\u00f6rte sich Schacht derart, dass er sich zu besagtem offenen Brief veranlasst sah. \u00bbDa wird nur eine Art von Jugendlichen ernst genommen, w\u00e4hrend eine andere Art von Jugendlichen ausgeschlossen wird, und ihnen sogar jede Form von Kunstfertigkeit und Daseinsberechtigung abgesprochen wird.\u00ab Diese Stigmatisierung sei typisch, so Schacht, f\u00fcr die \u00bbbildungsnahe gutb\u00fcrgerliche Mittelschicht und ihre Medienschaffenden.\u00ab Wie diese sei auch der Autor des genannten Artikels elit\u00e4r und schlecht informiert \u2013 was nicht nur an dem bezeichnenden Schreibfehler deutlich werde. Elit\u00e4r, weil er dem Gangsta-Rap jedwedes Verm\u00f6gen abspreche, und schlecht informiert, weil deutschsprachiger Gangsta-Rap mitnichten ausgedient habe. Zum Beleg verweist Schacht auf die Genregr\u00f6\u00dfen Farid Bang und Kollegah, deren gemeinsames Album im Februar 2013 auf Platz eins der Charts einstieg und inzwischen mit Gold ausgezeichnet wurde.<\/p>\n<p>Der oberfl\u00e4chlichen und zugleich diskreditierenden Auseinandersetzung h\u00e4lt Schacht in seinem offenen Brief die Forderung entgegen, bisher weitgehend vermiedene Fragen zu stellen: \u00bb1. Warum rappen diese Jugendlichen \u00fcber diese gewaltt\u00e4tigen und illegalen Dinge? 2. Welche sozialen Umst\u00e4nde sind daf\u00fcr verantwortlich? 3. Warum h\u00f6ren so viele Jugendliche sich diese Musik an und feiern sie?\u00ab Und \u00bb4. Was sagt es \u00fcber die Gesellschaft und die Medien aus, wenn sie diese Jugendlichen nur verurteilt und in keinen Dialog mit ihnen tritt?\u00ab<\/p>\n<p>Ein im Berliner Posth Verlag erschienener Band des Soziologen Martin Seeliger widmet sich implizit ebendiesen Fragen. Unter dem Titel \u00bbDeutscher Gangstarap. Zwischen Affirmation und Empowerment\u00ab wird ausgehend von grundlegenden Ausf\u00fchrungen zur Hip-Hop-Kultur und deren Einbettung in popkulturelle und damit auch gesamtgesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge versucht, die Eigenheiten des hiesigen Gangsta-Rap herauszuarbeiten, um ihn auf seine Potenziale hin zu untersuchen. Wie der Titel bereits andeutet, sieht Seeliger im Gangsta-Rap sowohl fortschrittliche als auch regressiv-affirmative Momente walten.<\/p>\n<p>Gangsta-Rap ist nicht irgendein Genre. Gleich zu Beginn f\u00fchrt Seeliger den ehemaligen Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg an, dessen Plattensammlung eine Vielzahl von Musikstilen beherberge. Doch begeistert sich der Hobby-DJ und Pop-Eklektizist Guttenberg auch f\u00fcr Gangsta-Rap? Nein, meint Seeliger. Zwar habe sich \u00bbdie subkulturelle Landschaft des deutschen Gangstarap besonders im Jahr 2010 [&#8230;] ausdifferenziert\u00ab, weiterhin aber fehle ein notwendiges \u00bbMa\u00df an gesellschaftlicher Akzeptanz\u00ab. Dass der CSU-Politiker Guttenberg auf seiner Facebook-Seite unter dem Banner \u203aLieblingsmusik\u2039 wie selbstverst\u00e4ndlich notieren kann: \u00bbVon Hard Rock \u00fcber Rock bis hin zu House und Soul. Das AC\/DC Konzert in M\u00fcnchen war klasse!\u00ab, das Genre Gangsta-Rap aber notwendig jenseits dieser Aufz\u00e4hlung liegt, erkl\u00e4rt sich f\u00fcr Seeliger aus den \u00bbBildwelten des Gangstarap\u00ab. Diese \u2013 so die zentrale These seines Buchs \u2013 seien \u00bbgesellschaftlich h\u00f6chst voraussetzungsreich\u00ab. Der Grund: Sie seien zumeist eng mit der Repr\u00e4sentation einer sozial prek\u00e4ren und randst\u00e4ndigen Lebenswirklichkeit verflochten. Zwei Interpretationsweisen ergeben sich f\u00fcr Seeliger aus diesem Zusammenhang, die wiederum jenes Spannungsfeld aus \u00bbAffirmation\u00ab auf der einen und \u00bbEmpowerment\u00ab auf der anderen Seite begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>So speise sich ein in der Bundesrepublik virulenter \u00bbKrisendiskurs um migrantische M\u00e4nnlichkeiten\u00ab \u2013 in dem ein Unbehagen gegen\u00fcber einer \u00bbneuen Unterschicht\u00ab mit einer zunehmenden \u00bbEthnisierung entsprechender Deutungsmuster\u00ab verschmelze \u2013 nicht zuletzt aus den Bildwelten des Gangsta-Rap. \u00bbDer Gangstarapper als \u203aSozialfigur\u2039 erscheint hier als adoleszenter Gewaltkrimineller mit Migrations- und ohne Bildungshintergrund, der die (vermeintlichen) Probleme ethnisch segmentierter Bev\u00f6lkerungsteile [\u2026] zum Thema hat.\u00ab Als Projektionsfl\u00e4che negativer Eigenschaften versinnbildliche die Figur des Gangsta-Rappers \u00bbein B\u00fcndel hegemonialer Vorstellungen, die Vertretern dieser Bev\u00f6lkerungsteile die Verantwortung f\u00fcr ihre eigene Problemsituation zuschreibt.\u00ab Darin gr\u00fcndet laut Seeliger das affirmative Moment des Gangsta-Rap, weil er indirekt zur Verh\u00e4rtung sozialer Stigmatisierung beitrage.<\/p>\n<p>Dem entgegen l\u00e4uft der zweite Interpretationsstrang: Indem der Gangsta-Rapper mittels seiner k\u00fcnstlerischen Inszenierung als erniedrigtes und ver\u00e4chtliches Wesen zum erfolgreichen Gesch\u00e4ftsmann avanciere, setze er sich, so Seeliger, gegen die soziale Stigmatisierung erfolgreich zur Wehr und erlange gleichsam eine \u00bbm\u00e4nnliche Hegemonie\u00ab. Der Begriff \u00bbEmpowerment\u00ab, mit dem der Autor diese Position beschreibt, meint wohlgemerkt etwas vollkommen anderes als der psychoanalytische Terminus der Ich-St\u00e4rke. Um das Konzept der hegemonialen M\u00e4nnlichkeit verst\u00e4ndlich zu machen, rekurriert Seeliger auf die intersektionelle Perspektive, von der er sich verspricht, dass sie der \u00bbKomplexit\u00e4t der Strukturen gesellschaftlicher Ungleichheit\u00ab Rechnung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Anhand der symbolischen Bezugspunkte Geschlecht, Ethnizit\u00e4t, Klasse und K\u00f6rper bzw. Sexualit\u00e4t zeichnet er schlie\u00dflich nach, wie die Bildwelten des Gangsta-Rap gegenw\u00e4rtige Prinzipien hegemonialer M\u00e4nnlichkeit (wie Leistungsf\u00e4higkeit, Erfolg, sexuelle und k\u00f6rperliche Unverletzlichkeit, etc.) besetzen und daraus einen \u00bblegitimen Anspruch auf die Vetreterschaft hegemonialer M\u00e4nnlichkeit ableiten.\u00ab<\/p>\n<p>Dass Seeliger am Ende seines Buchs weder der einen noch der anderen Interpretationsweise den Vorzug erteilt, vielmehr deren unmittelbare Verschr\u00e4nkung ausweist, wirkt keineswegs ern\u00fcchternd. Die St\u00e4rke seiner Arbeit liegt weniger in einer fundierten Schlussfolgerung, als vielmehr in der Fundierung beider Lesarten. Gerade die daf\u00fcr notwendigen historischen Herleitungen der US-amerikanischen Hip-Hop-Kultur und im Besonderen ihrer Adaption in der Bundesrepublik sind \u00fcberaus aufschlussreich \u2013 auch weil letztere in Engf\u00fchrung mit der westdeutschen Migrationsgeschichte nachvollzogen wird.<\/p>\n<p>Obwohl Seeliger allerlei Grundlegendes einf\u00fchrt und zumindest manches dem Leser an anderer Stelle bereits begegnet sein d\u00fcrfte, wird keines seiner W\u00f6rter zum \u203amodrigen Pilz\u2039. Der Autor beherzigt die lebensweltliche Erkenntnis, dass jeder Versuch einer exakten Wiederholung zum Scheitern verurteilt ist. Anstatt blo\u00df historische Begebenheiten und wissenschaftliche Theoreme wiederzugeben, ordnet er bisherige Erkenntnisse neu, das hei\u00dft: spontan \u2013 gem\u00e4\u00df seiner Forschungsabsicht.<\/p>\n<p>Zu beanstanden ist einzig das Missverh\u00e4ltnis zwischen den grundlegenden Ausf\u00fchrungen und deren Anwendung auf den Gegenstand \u00bbdeutscher Gangstarap\u00ab. An manchen Stellen w\u00fcnscht man sich weniger didaktische Vorbereitung und mehr von Seeligers essayistischer Raffinesse, der es an Witz nicht mangelt.<\/p>\n<p>Die einleitend genannten Fragen des Journalisten Schacht sind mit Seeliger folgenderma\u00dfen zu beantworten. Auf Grundlage eines gesellschaftlichen Krisendiskurses wird ein sozialschwaches, meist migrantisches Milieu seitens des \u00bbmoralisch integren Mehrheitsdeutschen\u00ab stigmatisiert und delegitimiert. Ebendieser Krisendiskurs stellt wiederum \u00bbeinen Pool kultureller Referenzpunkte f\u00fcr die Inszenierung der Sprecher dar\u00ab. Dadurch dass die Jugendlichen sich als die skandalisierten Sozialfiguren inszenieren, k\u00f6nnen sie zugleich eine Gegen-Hegemonie begr\u00fcnden. M\u00f6glicherweise dient diese gar ihrer H\u00f6rerschaft als \u00bbRessource der Lebensbew\u00e4ltigung\u00ab. Dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft Gangsta-Rap gr\u00f6\u00dftenteils skandalisiert, erkl\u00e4rt sich aus jenem Krisendiskurs selbst: So findet sie im Gangsta-Rap den Beweis f\u00fcr alle \u203aAbarten\u2039, die sie zuvor imaginierte.<\/p>\n<p>Seeligers Verdienst ist zweifelsohne, dass er der deutschsprachigen Forschung wichtige Impulse gibt. \u00dcberhaupt ist Gangsta-Rap, ja Hip Hop allgemein im deutschen Sprachraum noch immer ein \u00bbstranger to academia\u00ab. Deswegen wird Seeligers Ver\u00f6ffentlichung f\u00fcr die Publikationen kommender Jahre sicherlich eine wichtige Referenz sein. Diesen ist zu w\u00fcnschen, dass sie das vom Autor thematisierte Spannungsfeld noch weiter radikalisieren. Anstatt Emanzipation und Empowerment blo\u00df in m\u00e4nnlicher Hegemonie zu vermuten, die am Gl\u00fccksversprechen des Marktes teilhaben l\u00e4sst, ist immer auch nach einem \u00dcberschreiten aller Verh\u00e4ltnisse zu fragen, die jenen Chauvinismus der (deutschen) Mehrheitsgesellschaft allererst m\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Walter Benjamin spricht in seinem ber\u00fchmten Aufsatz \u00bbZur Kritik der Gewalt\u00ab von der \u00bbheimliche[n] Bewunderung des Volkes\u00ab f\u00fcr \u00bbdie Gestalt des \u203agro\u00dfen\u2039 Verbrechers\u00ab. Wenngleich seine Zwecke absto\u00dfend seien, fasziniere das \u00bbblo\u00dfe Dasein [der Gewalt] au\u00dferhalb des Rechts\u00ab, so Benjamin. Liest man die Figur des Gangsta-Rappers als vorgenannten Verbrecher, ist zu erahnen, welche heimliche Sehnsucht das Genre Gangsta-Rap neben Tarantinos Filmen kanalisiert. \u00bbDie Sympathie der Menge gegen das Recht.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><strong>Bibliografischer Nachweis<\/strong>:<br \/>\nMartin Seeliger<br \/>\nDeutscher Gangstarap. Zwischen Affirmation und Empowerment<br \/>\n[Schriften zur Popkultur; Bd. 9]<br \/>\nBerlin 2013<br \/>\nPosth Verlag<br \/>\nISBN-13 978-3-944298-01-6<br \/>\n153 Seiten<\/p>\n<p><br class=\"\u201dclear\u201d\/\" \/>Website von <a title=\"website hujer\" href=\"http:\/\/asciugamano.tumblr.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Kenneth Hujer<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gangsta-Rap ist nicht irgendein Genre<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[819,1216,1466,1837,1993],"class_list":["post-1979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-gangsta-rap","tag-kenneth-hujer","tag-martin-seeliger","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1979"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1979\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}