{"id":1995,"date":"2013-07-07T11:02:59","date_gmt":"2013-07-07T09:02:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=1995"},"modified":"2013-07-07T11:02:59","modified_gmt":"2013-07-07T09:02:59","slug":"statt-popularwissenschaft-offentlichkeitsarbeit-das-beispiel-der-synthetischen-biologiejulia-diekamper7-7-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/07\/07\/statt-popularwissenschaft-offentlichkeitsarbeit-das-beispiel-der-synthetischen-biologiejulia-diekamper7-7-2013\/","title":{"rendered":"Statt Popul\u00e4rwissenschaft \u00d6ffentlichkeitsarbeit.Das Beispiel der Synthetischen BiologieJulia Diek\u00e4mper7.7.2013"},"content":{"rendered":"<p>\u203aSynthetische Biologie\u2039 \u2013 erst nach der Jahrtausendwende wird der Begriff am Massachusetts Institut of Technology (MIT) in den Kreisen um den Forscher Drew Endy gebraucht (Hellsten\/Nerlic 2011: 377). Ein gr\u00f6\u00dferes Publikum nimmt den Terminus wahr, als das Team um Craig Venter 2010 sein synthetisiertes bakterielles Genom der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentierte. Seitdem bildet er die Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr allerlei Hoffnungen und \u00c4ngste.<\/p>\n<p>Beachtenswert ist die Synthetische Biologie heute nicht allein wegen der ihr zugeschriebenen Anwendungsm\u00f6glichkeiten, die positive Auswirkungen auf das Gesundheitssystem ebenso wie bei \u00f6kologischen Fragen versprechen. An ihr l\u00e4sst sich auch eine Wende anderer Art ausmachen. Diese Wissenschaft versteckt sich keineswegs in Sicherheitslaboren. Zwar richten sich die wissenschaftlichen Prim\u00e4rtexte nach wie vor an die Experten, eine Nivellierung des intern wissenschaftlichen und des \u00f6ffentlichen Diskurses findet nicht statt. Aber die Vermittlung der Wissenschaft setzt augenscheinlich auf popkulturelle Formen und auf Massenmedien.<\/p>\n<p>Schon im 18. und 19. Jahrhundert bem\u00fchte man sich, Laien an wissenschaftliche Erkenntnisse heranzuf\u00fchren. Seit den 1980er Jahren allerdings ist ein von Gro\u00dfbritannien ausgehendes, einer neuen Logik folgendes Bestreben erkennbar, weite Kreise in wissenschaftliche Prozesse einzubeziehen. Die Royal-Society-Studie \u00bbPublic Understanding Science\u00ab 1985 stellte deutlich die Absicht heraus, gesellschaftliche Akzeptanz durch sogenannten PUSH-Programme (public understanding science and humanites) zu bewirken.<\/p>\n<p>Die Abkehr von der klassischen Popul\u00e4rwissenschaft macht sich sprachlich bemerkbar: Das Wort \u203aPopularisierung\u2039 f\u00e4llt nicht mehr, stattdessen ist von Kommunikation und Dialog die Rede. Deren Bedeutung unterstreicht etwa auch das vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung lancierte Programm \u00bbB\u00fcrgerdialoge\u00ab.<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel zu diesem neuen Verst\u00e4ndnis: Wissenschaften stehen in pluralen Gesellschaften vor einem inhaltlichen, \u00f6konomischen und ethischen Legitimationsproblem. Dass diese Problemlage f\u00fcr die anwendungsbezogenen Naturwissenschaften mit ihrer potenziellen Einflussnahme auf Mensch und Umwelt dr\u00e4ngender ist als in anderen wissenschaftlichen Disziplinen, versteht sich fast von selbst. Schlie\u00dflich betrifft eine m\u00f6gliche Nutzung von Technologien ganz konkret unser Leben bzw. unser Verst\u00e4ndnis davon, wie wir leben (wollen). Wissenschaft gilt sowohl als m\u00f6gliche Bedrohung unseres Lebens (Beispiel Atomkraft) als auch als Vehikel gesellschaftlicher Probleml\u00f6sung. \u00bbAufgrund dessen gewinnen Wissenschaftler unweigerlich erheblichen Einfluss, der nicht durch ein Mandat legitimiert ist. Das so entstehende Legitimit\u00e4tsdefizit wird zudem durch den Umstand versch\u00e4rft, dass durch die Einf\u00fchrung neuen Wissens und neuer Techniken Folgeprobleme entstehen, die f\u00fcr den Einzelnen oder ganze Gruppen in der Bev\u00f6lkerung Risiken darstellen, ohne von ihnen mitbestimmt worden zu sein.\u00ab (Pansegrau\/Taubert\/Weingart 2011: 2).<\/p>\n<p>Das Legitimit\u00e4tsdefizit betrifft vor allem die ethische Legitimit\u00e4t der Forschung (d\u00fcrfen wir, was wir k\u00f6nnen?). Das hat erhebliche Auswirkungen auf die popul\u00e4rwissenschaftlichen Bestrebungen der Synthetischen Biologie. Neben den direkt an der Forschung Beteiligten unternehmen auch au\u00dferuniversit\u00e4re Einrichtungen Vermittlungsversuche zwischen Wissenschaften und Politikberatung. Diese Funktion erf\u00fcllt in Deutschland etwa ein Akademiensystem, zu dem neben der Akademie der Technikwissenschaften (acatech) die Nationale Akademie Leopoldina genauso z\u00e4hlt wie die acht zur Unionsakademie geh\u00f6renden Wissenschaftsakademien. All diese Instanzen besch\u00e4ftigen sich derzeit mit der Synthetischen Biologie.<a title=\"\" href=\"#_edn1\"><sup>[1]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Die Wege, die die Wissenschaft und die Wissenschaftspolitik gehen, lassen sich entgegen ihres eigenen Verst\u00e4ndnisses allerdings nicht allein mit dem Versprechen demokratischer Teilhabe erkl\u00e4ren. Auch hier tritt an die Stelle der \u203aVolksaufkl\u00e4rung\u2039 eine besondere Vorstellung von \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Dies ist umso wichtiger, als in der Berichterstattung \u00fcber die Synthetische Biologie schnell von einer Frankensteinwelt, vom Gottspielen die Rede war (vgl. Diek\u00e4mper 2012). Die dieser Bildwelt folgende Aufregung f\u00fchrte seitens der Wissenschaft zu einer \u203a\u00d6ffentlichkeitsarbeit\u2039, die an massenmedial anschlussf\u00e4higen Motiven ansetzt und zur Folge hat, dass es nicht mehr um die Verbreitung von Wissen, sondern um die Steuerung der \u00f6ffentlichen Meinung geht.<\/p>\n<p>Das verdeutlicht etwa die Selbsteinsch\u00e4tzung von acatech: 2010 bilanzierte die Akademie der Technikwissenschaften den eigenen Umgang mit der Synthetischen Biologie und gelangte zu dem Schluss, dass ein erweitertes \u00bbDialog-Angebot\u00ab notwendig sei, das sich auch aus Erfahrungen gescheiterter Kommunikation im Falle der Gr\u00fcner Gentechnologien ergebe (P\u00fchler et al. 2010). Trotz guter Argumente n\u00e4mlich \u2013 der m\u00f6gliche Beitrag der neuen Forschung zur \u00dcberwindung des Hungers auf der Welt \u2013 hat diese \u00f6ffentlich keine Anerkennung gefunden. Schnell war daher innerhalb der Wissenschaft die Rede von \u00bbkommunikativen Fehlern\u00ab, die bei der Transformation wissenschaftlicher Erkenntnis in \u00f6ffentliche Meinung unterlaufen seien. Dass beispielsweise genetisch modifizierte Lebensmitteln gesellschaftlich abgelehnt werden, sei einem Kommunikationsproblem geschuldet und nicht in der Sache begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Aus dieser Sicht torpediert gesellschaftliche Ablehnung wissenschaftlichen Fortschritt. Deshalb geht es um die Erz\u00e4hlung von Erfolgsgeschichten im Kontext einer Fortschrittsrhetorik. \u00bbSynthetische Biologie beginnt mit Werten und es sind Werte, die das Forschungsfeld vorantreiben.\u00ab (Kaebnick 2012: 52) Sie breitenwirksam verst\u00e4ndlich zu machen ist also kein bildungsb\u00fcrgerlich ambitioniertes Projekt wie bei der klassischen Wissenschaftspopularisierung, sondern gilt dem eigenen Vorteil. Dass die Steuerung \u2013 trotz erheblichen Aufwands durch die Akademien \u2013 nicht so einfach funktioniert, zeigte nach Einsch\u00e4tzung acatechs jene \u00bbMedienlawine\u00ab, die 2010 anl\u00e4sslich des von Craig Venters Team synthetisierten bakteriellen Genoms ausgel\u00f6st worden sei und die \u00bbFakten\u00ab unter sich begraben habe (P\u00fchler et al. 2010: 146).<\/p>\n<p>\u00bb\u00d6ffentlichkeitsarbeit\u00ab als Teil der Wissenschaften selbst nimmt im Fall der Synthetischen Biologie drei Formen an: Vor allem in j\u00fcngster Zeit lassen sich erstens Bestrebungen ausmachen, insbesondere den Naturwissenschaften durch diese neuartige Popularisierung, flankiert von bestimmten (nationalen wie internationalen) F\u00f6rderauflagen und Zielvereinbarungen<a title=\"\" href=\"#_edn2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>, das Versprechen abzunehmen, nicht nur intern \u00fcber ihre Disziplin zu verhandeln. Die Forschung durch sogenannte ELSI-(ethical, legal, social implications)-Programme fr\u00fchzeitig zu begleiten (bzw. begleiten zu lassen) stellt eine wichtige Option dar.<\/p>\n<p>Zweitens sind Bem\u00fchungen zu beobachten, die sich st\u00e4rker an der wissenschaftlichen Praxis orientieren: Vertrauensbildend sollen Selbstauflagen wirken. Die Wissenschaftler verabschieden sie etwa auf den j\u00e4hrlichen Konferenzen zur Synthetischen Biologie (unter Bezug zur bekannt gewordenen Asilomar-Verpflichtung). Es sei \u00bbratsam, durch Schaffung geeigneter interdisziplin\u00e4rer Diskussionsplattformen die Selbstkontrolle der Wissenschaft zu f\u00f6rdern\u00ab, hei\u00dft es in einem Papier der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, der Nationalakademie Leopoldina und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (acatech, Leopoldina, DFG, 2009).<\/p>\n<p>Von gro\u00dfer Bedeutung ist drittens die Aneignung popkultureller Medien. So setzt man Comics gerne ein, um Wissenschaft zu veranschaulichen. Der Wissenschaftler Drew Endy steuert sogar selbst einen bei: In seinem Comic stehen ein kleiner Junge und eine Frau mitten in einer \u00f6den Landschaft. Sie tr\u00e4gt einen Laborkittel, eine Brille verbirgt ihre Augen. Die Kleidung ihres jungen Begleiters spricht f\u00fcr eine ausgedehnte Expedition. Zwischen ihnen springt ein gro\u00df\u00e4ugiges, tintenfischartiges Etwas. Der kleine Junge \u00fcberlegt: \u00bbStell Dir mal vor, was alles m\u00f6glich w\u00e4r, wenn die f\u00fcr uns arbeiten w\u00fcrden.\u00ab (Endy 2010: 1) Die, das sind die hier frei flottierenden Bakterien, die so ver\u00e4ndert werden sollen, dass sie dem Wohle der Menschheit dienen.<\/p>\n<p>Dass die Synthetische Biologie vielleicht ein besonders exponierter Schauplatz, allerdings kein Einzelfall darstellt, zeigen andere wichtige Forschungsthemen, die ebenfalls in Bilder \u00fcberf\u00fchrt werden: Der \u00bb<a href=\"http:\/\/www.bmbf.de\/de\/20803.php\" target=\"_blank\">Kampf gegen den Klimawandel<\/a>\u00ab (2.3.2013) f\u00fchrt zum Beispiel laut dessen Initiatoren, dem Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung und dem Wissenschaftlichen Beirat Globale Umweltver\u00e4nderungen, den Rezipienten auf \u00bbungew\u00f6hnliche Wege\u00ab (ebd.), die genau darin bestehen, dass neun Wissenschaftler in einem Comic mit dem Titel \u00bbDie gro\u00dfe Transformation: Umwelt\u00a0 \u2013 So kriegen wir die Kurve\u00ab die Konsequenzen des Klimawandels verhandeln.<\/p>\n<p>Hier geht es nicht mehr nur um Selbstbegr\u00fcndung oder die Erzeugung von Transparenz, sondern um die Ver\u00e4nderung der Wahrnehmung von Wissenschaft. Diese \u00d6ffentlichkeitsarbeit der Wissenschaft bedient sich zweier Manuale: Zum einen zeigt sie Wissenschaft als gute Praxis: fortschrittlich, dem Wohle der Menschheit dienend. Zum anderen stellt sie sich \u2013 wie die Konsumenten selbst \u2013 als ethisch sensibel dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Direkte Aktion<\/p>\n<p>Die Synthetische Biologie geht auf andere Weise auf ein nichtwissenschaftliches Publikum zu als mit den klassischen Formen der Popul\u00e4rwissenschaft \u2013 Einf\u00fchrungen, Zeitschriftenbeitr\u00e4ge, Interviews f\u00fcr ein allgemeines Publikum. Popul\u00e4re Wissenschaftsvermittlung besteht nicht mehr nur in einem sekund\u00e4ren Diskurs, einem der Forschung nachfolgenden Verfahren, das arbeitsteilig von Volkshochschulen oder Zeitschriften (von \u00bbSpektrum der Wissenschaft\u00ab bis \u00bbPM\u00ab) \u00fcbernommen wird.<\/p>\n<p>Auf direkte Vermittlung ging eine Aktion des Bundesministeriums f\u00fcr Bildung und Forschung aus, das im August 2012 Gruppen von Studenten animierte, sich in die Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen ihrer Universit\u00e4tsst\u00e4dte zu begeben und Passanten \u00fcber die Neuigkeiten aus dem Reich der Lebenswissenschaften zu informieren. Anlass dieser Aktion war die seit 2005 j\u00e4hrlich stattfindende \u00bbinternational genetically engineered machine competition\u00ab (iGEM) am MIT, bei der die Synthetische Biologie im Mittelpunkt steht. Auch Wissenschaftsslams werden seit kurzem mit dem Ziel abgehalten, komplexe Inhalte massenkompatibel und unterhaltsam zu pr\u00e4sentieren. Das Land Nordrhein-Westfalen schrieb 2012 einen Videowettbewerb, aus, der den Beitrag \u00bbSynthetische Biologie. Einfach erkl\u00e4rt\u00ab pr\u00e4mierte und damit einen Hinweis liefert auf jene mediale Vielfalt der \u00bb\u00dcbersetzungsarbeit\u00ab, die gegenw\u00e4rtig geleistet werden soll.<\/p>\n<p>Eine vormals gut gesch\u00fctzte Grenze wird durchl\u00e4ssig: die zwischen Laien und Experten. Erkennbar geht es nicht nur darum, die Synthetische Biologie breitenwirksam zu etablieren und dem scheinbar Irrationalen etwas entgegenzusetzen Es geht auch darum, neben der Akzeptanz um neue Mitstreitende zu werben. Die Zielsetzung, Wissenschaft allgemeinverst\u00e4ndlich zu vermitteln, wird \u00fcberschritten: Die Pr\u00e4sentation soll Lust darauf machen, sich dem Forschungsfeld anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ein solches Verst\u00e4ndnis von Wissenschaft gibt vor, an ihr k\u00f6nnen, zumindest in dieser spielerischen Variante, alle teilnehmen, die \u00fcber entsprechende Infrastruktur bzw. einen internetf\u00e4higen Computer verf\u00fcgen. Das Verh\u00e4ltnis zwischen Laien und Experten ist also nur ein vorl\u00e4ufiges, weil es impliziert, dass es sich \u00e4ndern kann. Wenn jeder mitmachen kann, verliert Wissenschaft ihre Exklusivit\u00e4t. In dem Film \u00bbSynthetische Biologie\u00ab verhei\u00dft die Stimme aus dem Off, es m\u00f6ge zwar kompliziert klingen, \u00bbdabei ist es eigentlich ganz einfach.\u00ab (iGEM Bonn, 2012)<\/p>\n<p>Ob es die Synthetische Biologie durch solche Strategien wirklich schafft, Teil einer Jugendbewegung zu werden, ist nat\u00fcrlich zweifelhaft. Jedes deutsche <a title=\"iGEM\" href=\"http:\/\/2012.igem-bielefeld.de\/news.php\" target=\"_blank\">iGEM<\/a>-Team unterh\u00e4lt zwar einen Facebook-Account \u2013 das iGEM-Team Bielefeld res\u00fcmiert: \u00bbDie \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist ein wichtiger Faktor unseres Projekts\u00ab \u2013, das scheint die Synthetische Biologie allerdings zumindest im sozialen Netzwerk Facebook auch n\u00f6tig zu haben: Anfang M\u00e4rz 2013 gefiel sie genau 263 Personen (20.01.2013).<\/p>\n<p>Immerhin ist aber nicht zu \u00fcbersehen, dass \u2013 bezogen auf die klassische Wissenschaft \u2013 mancherorts so etwas wie eine Gegenkultur entsteht. Nicht ohne Grund ist die Rede von \u00bbBiopunks\u00ab. Garagenbiologie oder Biohacking, die jenseits der anerkannten Labore Bl\u00fcte tragen und eine Subkultur geworden sind. Wenn Wissenschaft wirklich f\u00fcr alle zug\u00e4nglich ist, k\u00f6nnen von der Open-Source-Option jedoch auch Gefahren ausgehen. Einen Ausblick darauf gibt Drew Endys Comic: Die Wissenschaft, die der jugendliche Held betreibt, vollzieht sich im trial-and-error-Verfahren. Er scheitert zwar, nutzt aber die Niederlage, um aus seinen Fehlern zu lernen und am Ende ein der Menschheit hilfreiches Produkt erzeugen zu k\u00f6nnen. Das Scheitern ist hier nicht mehr als eine Irritation, die sich produktiv wenden l\u00e4sst. Die Gefahr besteht aber darin, dass innerhalb des Forschungsprozesses etwas Unvorhersehbares, kein bewusster Missbrauch, passiert. Eine solche Bedrohung wird unter dem Begriff \u00bbBiosafety\u00ab diskutiert. Allerdings nicht im Comic. Und auch nicht in den anderen Produkten des massenkompatiblen Brandings der Synthetischen Biologie.<\/p>\n<p>Das gilt auch f\u00fcr den missbr\u00e4uchlichen Umgang mit frei zug\u00e4nglichem Wissen. Dass die Aktivit\u00e4ten der Off-Szene nicht nur seitens der etablierten Wissenschaft wahrgenommen werden, zeigt auch die regelm\u00e4\u00dfige Pr\u00e4senz des FBI beim iGEM. Nur die Zielsetzungen, hier Insulin, dort Biowaffen, unterscheiden zwischen guter und schlechter Wissenschaft. Beg\u00fcnstigt wird die Forschung jenseits wissenschaftlicher Prim\u00e4rorte dadurch, dass man auf dem Wege der Internet-Bestellung auf ein umfangreiches Netz an DNA-Bausteinen zur\u00fcckgreifen kann. Die Kosten f\u00fcr Gensequenzierung sind zudem in den letzten Jahren ebenso deutlich gefallen wie die f\u00fcr das n\u00f6tige Laborequipment. Wie einfach die Arbeit am Gen m\u00f6glich ist, f\u00fchrten unl\u00e4ngst die Wissenschaftsjournalisten Hanno Charisius, Richard Friebe und Sascha Karberg vor, die sich in die Szene begaben und denen es gelang, Erbgutst\u00fccke in ihre Redaktionsr\u00e4ume zu bestellen, mit denen sich das t\u00f6dliche Gift Rizin herstellen lie\u00dfe (Charisius\/Friebe\/Karberg 2013).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wissenschaftliche Subjekte<\/p>\n<p>Den Mythos der Volksaufkl\u00e4rung hat die Synthetische Biologie zu den Akten gelegt, an ihre Stelle ist die \u00d6ffentlichkeitsarbeit getreten. Zugleich hat sich eine wissenschaftliche Gegenkultur entwickelt. All dies klingt so, als dr\u00e4nge die Wissenschaft selber in popkulturelle Gefilde vor. Doch wie verbreitet diese sich ver\u00e4ndernde Wissenschaft ihre Inhalte?<\/p>\n<p>Auffallend im Kontext der Synthetischen Biologie \u2013 und das unterscheidet sie von anderen Forschungszweigen \u2013 ist, dass sie in ihrer Au\u00dfenwahrnehmung stark auf die sie aus\u00fcbenden Protagonisten setzt. Craig Venter oder Drew Endy sind als Werbebotschafter ihrer Sache omnipr\u00e4sent. Ein Teil der \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist zugeschnitten auf die \u2013 ausschlie\u00dflich m\u00e4nnlichen \u2013 Helden der Wissenschaft. Diese Strategie unterscheidet sich vorderhand von den Nivellierungsbem\u00fchungen zwischen Experten- und Laientum. Sie findet aber nicht nur gleichzeitig mit Bestrebungen wissenschaftlichen Nachwuchses statt, sie ist auch durch das Bem\u00fchen gekennzeichnet, m\u00f6glichst auf Tuchf\u00fchlung mit der Alltagswirklichkeit zu gehen. Endy erkl\u00e4rt etwa f\u00fcr ein iGEM-Video die Synthetische Biologie. Er tut dies in seinem B\u00fcro, statt einen Kittel tr\u00e4gt er ein T-Shirt, das das iGEM-Logo ziert. Das B\u00fcro steht ganz offensichtlich im Kontrast zum sterilen Labor. Seine Ausf\u00fchrung verdeutlicht <a title=\" iGEM - Drew Endy Defining Synthetic Biology (video) \" href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?feature=player_detailpage&amp;v=XIuh7KDRzLk\" target=\"_blank\">Endy<\/a> an einem old-school-Schaubild an der Tafel, nicht mit Hilfe technischen Equipments. Craig Venter hingegen l\u00e4sst sich wie ein Popstar auf einer Yacht ablichten. Dass er sich in Szene zu setzen wei\u00df, und zwar nicht als Wissenschaftler, sondern als Person des \u00f6ffentlichen Interesses, ist augenscheinlich.<\/p>\n<p>Auch deutsche iGEM-Teams bem\u00fchen sich nicht um althergebrachte Seriosit\u00e4t: Die Gruppe aus der TU M\u00fcnchen posiert im Dirndl im Labor und erkl\u00e4rt ihr Projekt,<a href=\"http:\/\/2012.igem.org\/File:TUM12_AE120612001.jpg\" target=\"_blank\"> Synbio-Bier <\/a>zu produzieren; das iGEM-Team Bielefeld 2011 setzt sich selbst als \u00bb<a href=\"http:\/\/2011.igem.org\/Team:Bielefeld-Germany\" target=\"_blank\">Bisphenol-A-Team<\/a>\u00ab in Szene.<\/p>\n<p>Nicht nur diejenigen, die Wissenschaft praktisch vollziehen, erhalten im Sprechen \u00fcber Synthetische Biologie ein Gesicht. Auch die, mittels derer ein Forschungsprozess \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist, treten bildreich in Erscheinung. Das sind: Bakterien. Diese mit blo\u00dfem Auge zu sehen, ist in den Beispielen nur durch die \u00dcbersetzungsarbeit m\u00f6glich. Bakterien werden hier aber nicht schlicht vergr\u00f6\u00dfert. Der Film \u00bbSynthetische Biologie. Einfach erkl\u00e4rt\u00ab macht das besonders augenscheinlich. Auch in Drew Endys Comic besa\u00dfen die Bakterien schon Gesichter. Die reduzierte Darstellung von Bakterien (E.Coli) sind in dem Wettbewerbsbeitrag im Gegensatz zu den neutralen Comic-Wesen aber offensichtlich nette Gef\u00e4hrten, die hier wie dort anthropomorphisiert werden. Sie sind, in Gang gesetzt durch die Sch\u00f6pfer-Stars, Arbeiter an der guten Sache. Ausgehend von der Eigenschaft der Fluoresenz erkl\u00e4rt der Beitrag die M\u00f6glichkeit, Bakterien auch anderweitig zu beeinflussen. Der Zuschauer ersetzt im Folgenden den Forschenden, wenn er an seiner statt nicht durch ein Mikroskop, sondern durch eine Lupe auf die Bakterien schaut. Was er da sieht, ist ein Bakterium im Krankenschwester-Outfit. Man kann n\u00e4mlich, so die Off-Stimme, die Bakterien \u00bbleicht und kosteng\u00fcnstig Medikamente herstellen lassen.\u00ab Das n\u00e4chste Bakterium erscheint im Sherlock-Holmes-Gewand. Es kann, daher sein Aufzug, Stoffe im Boden aufsp\u00fcren und so belastete B\u00f6den erkennen. Ein weiteres Bakterium ist als Tankwart t\u00e4tig. Hier geht es um die M\u00f6glichkeit, Biotreibstoffe herzustellen.<\/p>\n<p>Soweit der Ist-Zustand. Zuk\u00fcnftig allerdings soll die Synthetische Biologie einen Beitrag dazu leisten, t\u00f6dliche Krankheiten zu heilen. Das Bakterium, das diese Leistung versinnbildlicht, tr\u00e4gt keine Berufskleidung aus dem medizinischen Sektor, sondern ist als Polizist gekleidet. Die Bakterien \u00fcbernehmen somit alle Aufgaben, die wir aus unserem allt\u00e4glichen Leben kennen und die wir als Beitrag an der Gemeinschaft sch\u00e4tzen. Was sollte gegen ihren Einsatz sprechen? Das Bild von Wissenschaft, das hier entworfen wird, macht die Objekte wissenschaftlicher Handlung zu Subjekten, die uns nicht nur \u00e4hneln und denen wir nicht nur bereits begegnet sind. Sie \u00fcbernehmen auch noch Aufgaben, die man ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten als gesellschaftlich erw\u00fcnscht klassifizieren kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Let\u2019s play \u2013 Wissenschaft als Spiel<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie \u00d6ffentlichkeitsarbeit die Popularisierung von Wissen abl\u00f6st, so tritt bei den \u00bbDialogangeboten\u00ab der Synthetischen Biologie Erlebnis an die Stelle von Erkenntnis. Um auf ihr Projekt \u2013 eine Flash-Coli-Pr\u00e4sentation (\u00bbthe fastes e-coli in the world\u00ab) \u2013 aufmerksam zu machen, verwendet das G\u00f6ttinger iGEM-Team ein Online-Spiel. Der Rezipient wird direkt animiert, an der \u00bbForschung\u00ab teilzunehmen: \u00bbWillkommen zum Flash Coli Spiel! Flash Coli schwimmt durch deinen Darm und wird von t\u00f6dlichen Phagen attackiert. Gl\u00fccklicherweise kann sich Flash Coli mit Proteasen verteidigen. Versuche so viele Phagen wie m\u00f6glich zu t\u00f6ten!\u00ab.<\/p>\n<p>Indem Flash Coli in \u00bbunserem\u00ab Darm schwimmt, hat das Spiel zudem direkt mit unserem Leben zu tun. Und dieses Leben betrifft uns sogar im ganz direkten Sinn: Denn in unserem K\u00f6rper herrscht Krieg. Die Metapher gewaltsamer Konfrontation kn\u00fcpft dabei an einen alten Topos an (vgl. Sarasin 2004), der die Interventionsnotwendigkeit jenseits des spielerischen Angebots rechtfertigt. Erkl\u00e4rend hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u00bbViren, die Bakterien befallen k\u00f6nnen, hei\u00dfen Phagen (oder auch Bakteriophagen). In diesem <a title=\"Flash Coli Spiel\" href=\"http:\/\/2012.igem.org\/Team:Goettingen\/Human_Practice\/Flash_coli_game_deu\" target=\"_blank\">Spiel<\/a> haben die Phagen dieselbe Gr\u00f6\u00dfe wie Flash Coli. In der Realit\u00e4t sind diese Phagen jedoch viel kleiner! Flash Coli hat mit 2 \u00b5m (0,002 mm) die Gr\u00f6\u00dfe eines durchschnittlichen <em>Escherichia coli<\/em> Bakteriums. Phagen jedoch sind normalerweise mit 0,2 \u00b5m zehn mal kleiner. Da solch kleine Ziele so schwer zu treffen sind, haben wir die Phagen hier ein wenig gr\u00f6\u00dfer gestaltet\u00ab.<\/p>\n<p>Nicht nur k\u00f6nnen hier alle mit internetf\u00e4higem Computer an der Forschung teilnehmen. Die Forschung ist auch notwendig, weil wir bedroht werden. Eine Unterlassung k\u00f6nnte demnach zur Katastrophe f\u00fchren. Dass eine solche Schutzma\u00dfnahme gleichzeitig auch Spa\u00df macht, ist in der Logik des Spiels angelegt: N\u00fctzliches tun und sich erfreuen.<\/p>\n<p>Der iGEM Wettbewerb, der all diese Beitr\u00e4ge hervorgebracht hat, macht selbst nicht nur mittels eines Lego-Steins auf sich aufmerksam, auch erhalten die als Sieger gek\u00fcrten Studierenden einen Lego-Stein als Troph\u00e4e. Die molekulargenetischen Einheiten Biobricks, die dieser Symbolwahl zugrunde liegt, weil sie sich variationsreich zusammenbauen lassen, verweisen auf einer anderen Ebene auf den spielerischen Charakter dieser Wissenschaftswahrnehmung: Das Spektrum der Kombinierbarkeit erweist sich auch im \u00fcbertragenen Sinne als anschlussf\u00e4hig. Denn im Spielparadigma kommt die Technik im klassischen (antiken) Wortsinn als \u201at\u00e9chne\u2019 vor. Zum einen ist T\u00e9chne nach Platon das Wissen um die Gr\u00fcnde, Ursachen und Zusammenh\u00e4nge von Vorg\u00e4ngen, zum anderen ordnet sie Aristoteles der Poiesis zu, also dem sch\u00f6pferischen Hervorbringen (W\u00f6rterbuch der Philosophie, Bd. 10, 1998: 941).<\/p>\n<p>Insofern dieses sch\u00f6pferische Hervorbringen sich auf den Bereich des Lebendigen ausdehnt, ist es sinnvoll, im Unterschied von Artefakten von Biofakten (Karafyllis 2009; 2010) zu sprechen. Nehmen wir den Modus des Spiels mit dessen Gegenst\u00e4nden (\u201aLeben\u2019) zusammen, dann mag dies zu einer normativen Unvertr\u00e4glichkeit f\u00fchren. Diese normative Unvertr\u00e4glichkeit entsteht aus zwei konfligierenden Bildern: Hier der allm\u00e4chtige Sch\u00f6pfer der j\u00fcdisch-christlichen Tradition, dort der kalkulierende Sch\u00f6pfermensch als planender Bastler.<\/p>\n<p>Semantisch gilt es allerdings zwischen Basteln und Spielen zu differenzieren. Trotz famili\u00e4rer \u00c4hnlichkeiten dr\u00fcckt doch ersterer Begriff bei aller Kreativit\u00e4t auch Genauigkeit aus. Die bastelnden Ingenieure, die Pr\u00e4zisions- und Ma\u00dfarbeiter am Objekt Leben, \u00fcberf\u00fchren das Basteln produktiv ins Bauen und verleihen dem Vollzug so einen konstruktiven Charakter. Hier tritt gegen\u00fcber dem freien Spiel die an den Regeln und Kunstfertigkeiten orientierte t\u00e9chne pr\u00e4gnant in Erscheinung. Der Topos des Bauens pr\u00e4gt die g\u00e4ngige Selbstwahrnehmung der Synthetischen Biologie: In dem von Venter \u00a02010 ver\u00f6ffentlichten, k\u00fcnstlich synthetisierten Bakteriengenom waren drei Zitate in der Sequenz der DNA verborgen. Eines lautete: \u00bbWhat I cannot built, I cannot understand.\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Es stammt urspr\u00fcnglich von dem Physiker Richard Feynman. Das ist erkenntnistheoretisch aufschlussreich und unterscheidet sich ma\u00dfgeblich vom Wissenschaftsverst\u00e4ndnis vorangegangener Jahrhunderte. Weiss argumentiert (allerdings), dass ein solches Argument keineswegs neu, sondern vielmehr bereits f\u00fcr den Beginn neuzeitlicher Naturwissenschaft konstitutiv sei. Die Synthetische Biologie schreibe sich damit in ein ontologisches Herstellungsparadigma ein (Weiss, 2011: 185).<\/p>\n<p>Eine zeitgen\u00f6ssische Variante des Paradigmas bot 2010 das iGEM Team Weimar-Heidelberg an, indem es den fiktionalen Supermarkt \u00bb<a title=\"Super Cell\" href=\"http:\/\/2010.igem.org\/Team:Weimar-Heidelberg_Arts\" target=\"_blank\">Super Cell<\/a>\u00ab er\u00f6ffnete, der spektakul\u00e4re Produkte aus dem Reich der Synthetischen Biologie feil bot. Der Supermarkt und seine Produkte bilden das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Studierenden der Gestaltung medialer Umgebungen (Weimar) und Vertreterinnen der molekulare Biotechnologie, der Biologie, Philosophie und Psychologie (Heidelberg). Das Warenangebot reichte von einem Bakterienspiel bis zu einem Hefe-Deo. Zu seinen Offerten z\u00e4hlt etwa auch eine Baby-Spezial-Windel, die gleich mit dreierlei Sensoren wirbt: Nicht nur wird der Nahrungsbedarf des S\u00e4uglings ermittelt, auch \u00fcberwacht die Windel den Schlaf und reagiert auf m\u00f6gliche Ausscheidungen. Man muss selbst keinen S\u00e4ugling versorgen, um zu ahnen, dass hier ein lebenspraktischer Mehrwert erzeugt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Schluss<\/p>\n<p>Aus der Wahrnehmung des Legitimit\u00e4tsdefizits folgt die Bem\u00fchung der Wissenschaft, popul\u00e4r zu werden. Dieses Popul\u00e4re, mit dem die Wissenschaft unausgesprochen Bande kn\u00fcpft, erscheint nur in einem ersten Schritt als Synonym f\u00fcr Allgemeinverst\u00e4ndlichkeit, Anschaulichkeit, Vereinfachung des Wissens. Tats\u00e4chlich ist das l\u00e4ngst nicht mehr das einzige Ziel der neuen Popularisierungen. Kennzeichnend ist vielmehr, dass Wissenschaft ein Produkt ist, das es zu vermarkten gilt. Die W\u00e4hrung auf diesem Markt wird dabei vordergr\u00fcndig nicht in Euros entrichtet, sondern in Anerkennung. Dass dies in einem zweiten Schritt monet\u00e4ren Einfluss auf eine limitierte Forschungsf\u00f6rderungslandschaft hat, versteht sich allerdings von selbst.<\/p>\n<p>Die Popularisierung mittels massenkultureller Medien wird bejaht, weil sie als Motor der Projekte dient. Erfolgreiche Wissenschaft in diesem Sinne ist also nicht nur eine, die sich an ihren Zielen misst, sondern ebenfalls eine, die sich zu verkaufen wei\u00df. Auch hinsichtlich ihrer Form gleicht die Popularisierung nicht (zumindest nicht allein) den klassischen Idealen der Volksaufkl\u00e4rung, sondern eher den Zielen der Werbung: Wissenschaft und damit deren Produkte sollen guten Gewissens konsumierbar werden.<\/p>\n<p>Das Medium Comic verdeutlicht diese Tendenz. Es geh\u00f6rt offensichtlich zur Mainstreamkultur und spiegelt die Hybridisierung von Medien und Wissenschaft. Die Wahl des Mediums spekuliert mit der aktuellen Popularit\u00e4t des Genres. Die Wissenschaft, von der hier berichtet wird, l\u00e4sst sich als Geschichte erz\u00e4hlen. Mehr noch, Wissenschaft folgt nicht nur einer spannungsreichen Dramaturgie, sie ist auch bunt und eing\u00e4nglich. Sie bildet eine konsumierbare Oberfl\u00e4che.<\/p>\n<p>Das zeigt sich etwa auch daran, dass sie an popkulturell bekannte Narrative anschlie\u00dft. Das iGEM-Team Bielefeld 2011 stellt sich als \u00bb<a title=\"Biosphenol-A-Team\" href=\"http:\/\/2011.igem.org\/Team:Bielefeld-Germany\" target=\"_blank\">Bisphenol-A-Team<\/a>\u00ab vor und verwischt zwinkernden Auges die Grenze zwischen Realit\u00e4t und Fiktion. In der TV-Serie der 1980er Jahre \u00bbA-Team\u00ab, die der Namensgebung Pate steht, engagierten sich ehemalige Soldaten zum Wohle der Menschheit, wurden dabei allerdings selbst von der Milit\u00e4rpolizei gejagt. Auch die Studierenden w\u00e4hnen sich offenkundig \u2013 konfrontiert mit vielerlei Widerst\u00e4nden \u2013 in guter Mission unterwegs.<\/p>\n<p>Solche Erz\u00e4hlungen, die im Sprechen \u00fcber Synthetische Biologie an die Alltags\/Medienwirklichkeit ankn\u00fcpfen, machen deutlich, dass nicht mehr nur die scheinbar klare Trennlinie zwischen dem Popul\u00e4ren und dem Elit\u00e4ren ins Wanken ger\u00e4t, sondern auch, dass das Elit\u00e4re von der massenkulturellen Erz\u00e4hlung abh\u00e4ngig wird, jedenfalls was die Legitimationsgrundlage betrifft. Gerade im Fall von Naturwissenschaften braucht diese Legitimationsgrundlage eine breite \u00d6ffentlichkeit, die es herzustellen gilt, man braucht Fans, und man braucht Stars. Mit welchen Folgen, das macht ein Teilnehmer des <a title=\"iGEM\" href=\"http:\/\/igem.org\/hs\" target=\"_blank\">iGEM<\/a> auf dessen Homepage deutlich: \u00bbLove iGEM. Love synthetic biology. Love science.\u00ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Acatech und Leopoldina ver\u00f6ffentlichten 2009 gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) eine Stellungnahme zur Synthetischen Biologie; auch die zur Unionsakademie z\u00e4hlende Berlin Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) arbeitet im Kontext der interdisziplin\u00e4ren Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht zum Thema Synthetische Biologie und gab 2012 einen entsprechenden Monitoringbericht heraus (BBAW, 2012). Im Rahmen des Jahresthemas \u00bbArteFakte. Kunst ist Wissen. Wissen ist Kunst\u00ab fand zudem 2011 die Tagung \u00bbSynthetische Biologie. Leben Kunst\u00ab in der BBAW statt, die sich einer interdisziplin\u00e4re Perspektive verschrieben hatte und sich in eine Vielzahl von Veranstaltungen einreiht, die besonders seit 2009 zu verzeichnen sind. Im Jahr 2011 veranstaltete etwa das Institut f\u00fcr Technikfolgenabsch\u00e4tzung und Systemanalyse (ITAS) des Karlsruher Instituts f\u00fcr Technologie (KIT) unter dem Titel: \u00bbAuf dem Weg zum k\u00fcnstlichen Leben?\u00ab (Juni) eine \u00f6ffentliche Diskussionsveranstaltung zu den Chancen und Risiken der Synthetischen Biologie. Im Rahmen des 4. Bonner Ethik-Forum des Deutschen Referenzzentrums f\u00fcr Ethik in den Biowissenschaften (DRZE) und des Instituts f\u00fcr Wissenschaft und Ethik (IWE) fand die Konferenz \u00bbSynthetische Biologie: Auf dem Weg zum k\u00fcnstlichen Leben?\u00ab (Juli) statt. Die Universit\u00e4t Bielefeld organisierte die Veranstaltung \u00bbSynthetische Biologie: philosophische Grundlagen und ethische Probleme\u00ab (September). Auf der <a title=\"Leopoldina-Jahresversammlung 2011: Was ist Leben?\" href=\"http:\/\/www.leopoldina.org\/de\/presse\/pressemitteilungen\/pressemitteilung\/press\/1000\/\" target=\"_blank\">Leopoldina-Jahresversammlung 2011 (September) umkreiste die Frage \u00bbWas ist Leben?<\/a>\u00ab explizit die Synthetische Biologie. Der Deutsche Ethikrat lud ein zur \u00bbWerkstatt Leben. Bedeutung der Synthetischen Biologie f\u00fcr Wissenschaft und Gesellschaft\u00ab (November). In der Berlin-Brandenburgischen Akademie wurden im Rahmen der Tagung \u00bbSynthetische Biologie. Leben \u2013 Kunst\u00ab (Dezember) die Ber\u00fchrungspunkte zwischen Naturwissenschaft und Kunst ausgelotet<\/p>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a> Auf politischer Ebene gilt \u2013 jenseits allgemeiner Zielsetzungen &#8211; die Lissabon-Strategie als Grundlage der Aktivit\u00e4ten. Diese sieht vor, die Innovationsf\u00e4higkeit des Landes zu st\u00e4rken, die Wissensgesellschaft und Zukunftsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen und den daf\u00fcr notwendigen wissenschaftlichen Nachwuchs f\u00fcr Wissenschaft und Forschung zu begeistern.<\/p>\n<\/div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Die anderen beiden Zitate lauteten: \u00bbTo live, to err, to fall, to triumph, and to recreate life out of life\u00ab und \u00bbSee things not as they are, but as they might be.\u00ab Unter: http:\/\/singularityhub.com\/2010\/05\/24\/venters-newest-synthetic-bacteria-has-secret-messages-coded-in-its-dna\/ [12.07.2011]. Zu dem sogenannten verum-factum-Prinzip siehe auch Boldt\u00a0(2010).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Acatech, Leopolodina, DFG (2009): Synthetische Biologie. Standpunkte, Weinheim.<br \/>\nAnacker, Michael (2004): Wissen, in: Historisches W\u00f6rterbuch der Philosophie, S. 896-899.<br \/>\nCharisius, Hanno; Karberg, Sascha; Friebe, Richard (2013): Biohacking. Gentechnik aus der Garage, M\u00fcnchen.<br \/>\nDiek\u00e4mper, Julia (2012): Die Synthetische Biologie in den Medien, in: K\u00f6chy, Kristian\/H\u00fcmpel, Anja (Hg.): Synthetische Biologie. Entwicklungen einer neuen Ingenieurbiologie?, Dornburg, S. 215-231.<br \/>\nEndy, Drew (2010): Abenteuer im Reich der Synthetic Biology, Cambridge.<br \/>\nHellsten, Iina\/Nerlich, Brigitte (2011): Synthetic biology: Building the language for a new science brick by metaphorical brick, in: New Genetics and Society, Vol. 30., Historisches W\u00f6rterbuch der Philosphie (1998), Bd. 10, Artikel: Technik, Darmstadt.<br \/>\nKaebnick, Gregory E.(2012): Ethische Fragen zur Synthetischen Biologie. Zwischen Folgenbewertung und intrinsischen Normen, in Boldt, Jochen\/M\u00fcller, Oliver\/Maio, Giovanni (Hg.): Leben schaffen? Philosophische und ethische Reflexionen zur Synthetischen Biologie, Paderborn, S.51-64.<br \/>\nKarafyllis, Nicole C. (2009): Artefakte &#8211; Lebewesen \u2013 Biofakte. Philosophische Aspekte lebendiger Bauten, in: de Bruyn, Gerd\/Ludwig, Ferdinand\/Schwertfeger, Hannes (Hg.): Lebende Bauten \u2013 Trainierbare Tragwerke, M\u00fcnster\/ New York, S. 97-111.<br \/>\nKarafyllis, Nicole C. (2010): Biofakte als neue Kategorie der Informatik?, in: Jakob, Raimund\/ Philipps, Lothar\/Schweighofer, Erich\/Varga, Csaba (Hg.): Auf dem Weg zur Idee der Gerechtigkeit. Gedenkschrift f\u00fcr Ilmar Tammelo, M\u00fcnster, S. 249-262.<br \/>\nMitchell, Robert (2010): Bioart And The Virtuality of Media, Washington.<br \/>\nPansegrau, Petra\/Taubert, Niels\/Weingart, Peter (2011): Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Ergebnisse einer Online-Befragung, Bielefeld.<br \/>\nP\u00fchler, Alfred\/M\u00fcller-R\u00f6ber, Bernd\/Weitze, Marc-Denis (2010): Synthetische Biologie. Die Geburt einer neuen Technikwissenschaft, acatech Diskussion, Berlin.<br \/>\nRabinow, Paul\/Bennett, Gaymon (2012) Designing human practice. An experiment with synthetic biology, Chicago.<br \/>\nReth, Michael (2012): Magie und Tragik der Synthetischen Biologie, in Boldt, Jochen\/M\u00fcller, Oliver\/Maio, Giovanni (Hg.): Leben schaffen? Philosophische und ethische Reflexionen zur Synthetischen Biologie, Paderborn, S.41-50.<br \/>\nSarasin, Philipp (2004): Anthrax. Bioterror als Phantasma, Frankfurt a.M.<br \/>\nWeiss, Martin G. (2011): Verstehen wir, was wir herstellen k\u00f6nnen? Martin Heidegger und die Synthetische Biologie, in: Dabrock, Peter\/B\u00f6lker, Michael\/Braun, Mathias\/Ried, Jens (Hg.): Was ist Leben im Zeitalter seiner technischen Machbarkeit? Beitr\u00e4ge zur Ethik der Synthetischen Biologie, Freiburg\/ M\u00fcnchen, S.173-195.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<p><a title=\"website diek\u00e4mper\" href=\"https:\/\/www.hcu-hamburg.de\/bachelor\/q-studies\/personen\/lehrende\/diekaemper-julia\/\" target=\"_blank\">Julia Diek\u00e4mper<\/a> (Dr. phil) ist Kulturwissenschaftlerin. Ihre Dissertation wurde unter dem Titel \u00bbReproduziertes Leben. Biomacht im Zeitalter der Pr\u00e4implantationsdiagnostik\u00ab ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer den Artikel in einer wissenschaftlichen Arbeit zitieren m\u00f6chte, verweise bitte auf die mit Seitenzahlen versehene PDF-Version:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><a title=\"aufsatz diek\u00e4mper\" href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2013\/07\/aufsatz-diek\u00e4mper-bioscience.pdf\" target=\"_blank\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-114 alignleft\" title=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2013\/07\/rezension-hujer-seeliger-gangstarap.pdf\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2012\/08\/download-pdf.png\" alt=\"\" width=\"60\" height=\"56\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cSinging sirens.&lt;br \/&gt;Contemporary pop and rock goddesses and their potentially feminist acts of \u00bbchanter hyst\u00e9rique\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;Evelien Geerts&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;18.6.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=1889&amp;action=edit\"><strong><br \/>\n<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Synthetische Biologie geht auf andere Weise auf ein nichtwissenschaftliches Publikum zu als mit den klassischen Formen der Popul\u00e4rwissenschaft.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[85428],"tags":[475,593,1175,1701,1837,1869,2272],"class_list":["post-1995","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aufsaetze","tag-craig-venter","tag-drew-endy","tag-julia-diekamper","tag-offentlichkeitsarbeit","tag-pop-zeitschrift-2","tag-popularwissenschaft","tag-synthetische-biologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1995","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1995"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1995\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1995"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1995"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1995"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}