{"id":2024,"date":"2013-07-21T16:15:47","date_gmt":"2013-07-21T14:15:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2024"},"modified":"2013-07-21T16:15:47","modified_gmt":"2013-07-21T14:15:47","slug":"what-else-rezension-zu-ian-bogost-alien-phenomenology-or-what-its-like-to-be-a-thingvon-regine-buschauer21-7-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/07\/21\/what-else-rezension-zu-ian-bogost-alien-phenomenology-or-what-its-like-to-be-a-thingvon-regine-buschauer21-7-2013\/","title":{"rendered":"What else? Rezension zu Ian Bogost, \u00bbAlien Phenomenology, or What It\u2019s Like to Be a Thing\u00abvon Regine Buschauer21.7.2013"},"content":{"rendered":"<p>Fragen nach Dingen und Objekten sind disziplinen\u00fcbergreifend prominent<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><small>\u00bbWhat else is there, here, anywhere [\u2026]?\u00ab (Bogost 2012, 134)<\/small><br \/>\n<small>\u00bbWhat is a thing [\u2026]?\u00ab (ebd., 11)<\/small><\/p>\n<p>Fragen nach Dingen und Objekten sind disziplinen\u00fcbergreifend prominent. Dies gilt in den letzten Jahren zumal f\u00fcr eine breite Wendung \u203azu den Dingen\u2039 vorrangig durch die Impulse der Actor Network Theory (ANT) und ihrer Symmetrisierung menschlicher und nicht-menschlicher \u00bbagency\u00ab \u2013 von der Wissenschafts- und Technikforschung \u00fcber Sozial-, Kultur- und Medien\u00adwissenschaft bis zur Kunst und dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p>\u00bbMaking Things Public\u00ab lautete 2005 der Titel der hierf\u00fcr einschl\u00e4gigen Ausstellung im ZKM Karlsruhe: Mit der Frage nach der \u00bb<em>res<\/em> der res publica\u00ab sollte das Wort \u00bbthing\u00ab (der Herkunft nach: Zusammenkunft, Sache, Angelegenheit, Objekt), fern von einer \u00bbbilligen Vorstellung von Objektivit\u00e4t\u00ab, wie Bruno Latour in der Einleitung schrieb, \u00bbwieder zum Leben\u00ab erweckt werden (Latour 2005, 29). So lenkte das Motto \u00bbBack to Things!\u00ab die Aufmerksamkeit u.a. auf Objekte der Wissenschaft, Superm\u00e4rkte, Computernetze, die B\u00f6rse oder den Laufsteg von Modeschauen.<\/p>\n<p>Der Titel dieser Ausstellung mag einem nun auch beim Lesen des 166 Seiten schmalen Buchs \u00bbAlien Phenomenology, or What It\u2019s Like to Be a Thing\u00ab von Ian Bogost wieder in den Sinn kommen, ebenso wie das Motto: Zur\u00fcck zu den Dingen! Bogost, Medienwissenschaftler und Computerspielexperte am Georgia Institute of Technology, schlie\u00dft allerdings mit seinem j\u00fcngsten Buch weniger an Latour an \u2013 und ebenso nur wenig an seine eigenen bekannten Arbeiten zur Computerspielforschung wie \u00bbUnit Operations: An Approach to Videogame Criticism\u00ab (2006) oder \u00bbHow to Do Things With Videogames\u00ab (2011). Das Buch folgt vielmehr einer neueren, spekulativen Wendung \u203azu den Dingen\u2039 und der Formulierung einer \u00bbobjekt\u00adorientierten Philosophie\u00ab Graham Harmans. Grundlage des Buchs ist, genauer, die Postulierung einer \u00bbobject-oriented ontology\u00ab oder \u00bbOOO for short\u00ab (6).<\/p>\n<p>Hierzu ist etwas auszuholen. Dies schon deshalb, weil Bogosts essayistisches Buch sich wenig mit theoretischen Grundlagen aufhalten noch eine Debatte der Metaphysik entfalten will, die mit Harmans Philosophie aufgerufen ist. Hinzuweisen ist daher an dieser Stelle auf Graham Harman, Philosoph an der American University in Kairo, der sein objektorientiertes Denken erstmals 2002 in \u00bbTool Being: Heidegger and the Metaphysics of Objects\u00ab formuliert und als (weitreichende) Folgerung aus seiner Lekt\u00fcre Heideggers abgeleitet hat. So wird Heideggers Analyse des \u00bbZeugs\u00ab, beispielhaft: des Hammers, in \u00bbTool Being\u00ab zum Ausgangspunkt einer auf Objekte und ihre Rela\u00adtionen \u00fcberhaupt ausgedehnten Ph\u00e4nomenologie. Harman, der diesen Ansatz u.a. in \u00bbGuerrilla Metaphysics. Phenomenology and the Carpentry of Things\u00ab (2005) fortgef\u00fchrt hat, vertritt damit eine \u00bbhuman-centered philosophy\u00ab (ebd. 171) entgegengesetzte Objektmetaphysik im Sinne einer \u00fcber den \u00bbhuman access\u00ab (23) hinaus auf Dinge erweiterten Philosophie.<\/p>\n<p>Mit dieser Position gilt Harman in neuerer Zeit als ein Vertreter des \u00bbSpeculative Realism\u00ab (nach dem Titel eines Workshops 2007) bzw. gegenw\u00e4rtiger \u203anew metaphysics\u2039, die in unterschiedlicher Weise die \u00bbIdee\u00ab der \u00bbKorrelation\u00ab von \u00bbDenken und Sein\u00ab (Meillassoux 2008, 18), Ich und Welt in Frage stellen. Von der wachsenden Diskussion um dieses Spektrum spekulativer Philosophien zeugt j\u00fcngst auch ein deutscher Textband (\u00bbRealismus jetzt. Spekulative Philo\u00adsophie und Meta\u00adphysik f\u00fcr das 21. Jahrhundert\u00ab, 2013). Dar\u00fcber hinaus ist Harman in den letzten Jahren mit neueren Publikationen, u.a. zu Bruno Latour, hervorgetreten wie auch mit weiteren Aktivit\u00e4ten, darunter die Begr\u00fcndung einer \u00bbobject-oriented ontology (OOO)\u00ab.<\/p>\n<p>Die Bezeichnung ist Ergebnis der Verbindung Harmans mit Levi Bryant (von dem sie stammt) und mit Ian Bogost, Einladender des ersten gemeinsamen OOO-Symposiums 2010 am Georgia Institute of Technology. (Ein bereits drittes \u2013 \u00bbOOOIII\u00ab \u2013 fand 2011 in New York statt). Objektorientierte Ontologie (OOO), so hei\u00dft es knapp auf der Webseite des Symposiums, und so nun auch erneut in Bogosts Buch, stelle \u00bbDinge ins Zentrum\u00ab: Sie mache geltend, dass \u00bbnichts einen Sonderstatus hat, sondern gleicherma\u00dfen alles existiert \u2013 Klempner, Baumwolle, Bonobos, DVD-Player und Sandstein, zum Beispiel\u00ab \u2013 und lenke \u00bbdie Aufmerksamkeit auf Dinge aller Gr\u00f6ssenordnungen (von Atomen bis zu Alpacas [\u2026])\u00ab (6).<\/p>\n<p>\u00bbOOO\u00ab (\u00bbcall it \u203atriple O\u2039 for style\u2019s sake\u00ab, ebd.) pr\u00e4sentiert sich im Ansatz Bogosts also, wie deutlich wird, nicht im Rahmen einer theoretischen Debatte spekulativer Metaphysik, sondern ist Grundlage eines Projekts, das diese \u00fcber Theorie hinaus und in Praxis \u00fcberf\u00fchren m\u00f6chte. So steht \u00bbAlien Phenomenology\u00ab f\u00fcr den Entwurf einer Art \u203apraxisorientierter objektorientierter Philosophie\u2039, wobei das Projekt zugleich einen Versuch darstellt, in mehrfacher Hinsicht geltende Unterscheidungen kollabieren zu lassen. Daraus resultiert ein Buch, das sich als eine wenig konventionelle Zusammenkunft liest, und es ist diese heterogene Zusammenkunft, in der Bogosts Projekt (und die ihm zugrundeliegende \u00bbOOO\u00ab) auff\u00e4llt und, \u00fcber die postulierte Dingontologie hinaus, Fragen aufwirft.<\/p>\n<p>Bogost selbst kennzeichnet sein Projekt als eine vielleicht \u00bbangewandte\u00ab Form spekulativen Realismus. Diesen n\u00e4mlich g\u00e4lte es, \u00bbif we take speculativism seriously\u00ab (29), \u00fcber erste Prinzi\u00adpien hinauszudenken. Der Auffassung gem\u00e4\u00df, dass sich Philosophen die \u00bbH\u00e4nde schmutzig\u00ab machen m\u00fcssen (mit \u00bbSchmierfett, Saft, Schie\u00dfpulver und Gips\u00ab), zielt dies auf eine \u00bbalien pheno\u00admenology\u00ab als eine \u00bbpractise of metaphysics\u00ab philosophischen Handwerks und eines spekulativen \u00bbM\u00e4anderns\u00ab im schlechterdings Fremden und Unbegreifbaren einer Welt der Dinge (34). Exemplarisch verweist Bogost hierzu auf den Computer und auf den \u00bbgl\u00fccklichen\u00ab Umstand seines eigenen Zugangs zu einer Metaphysik der Dinge von Seiten digitaler Medientechnik. Denn Computer, \u00bbplastic and metal corpses with vodoo powers\u00ab, provozierten beispielhaft die Frage, wie sie jenseits des Bezugs zum Humanen als Ding oder Assemblage \u00bbon its own terms\u00ab zu verstehen seien (10) \u2013 und wie eine Ph\u00e4nomenologie der Dinge \u00fcberhaupt. So fragt Bogost nach Relationen einer Dingwelt, die, auch wenn wir ihre \u00bbUrsache, Subjekt oder Nutznie\u00dfer\u00ab sein m\u00f6gen, ohne uns stattfindet: Wie begreifen wir die \u00bbgr\u00fcne Pfefferschote\u00ab oder den \u00bbMikrochip\u00ab als Dinge \u00bbleft to themselves and [\u2026] interacting with others, us among them?\u00ab (29)<\/p>\n<p>Theoretisch finden solche Fragen ihre Grundlage in der Metaphysik Harmans und dessen Vorstellung universaler \u00bbtool-beings\u00ab \u2013 \u00bb[that] withdraw from each other no less than [\u2026] from us\u00ab (Harman 2002, 127) \u2013, die Bogost zu Beginn seines Buchs kursorisch rekapituliert. Ausgangs- wie Angelpunkt dieser knappen Bemerkungen ist der philosophische \u00bbevent\u00ab (oder \u00bbBig Bang\u00ab, 5) des Spekulativen Realismus und dessen Abkehr vom \u203ahumanzentrierten\u2039 \u00bbkorrelationistischen\u00ab Denken \u2013 ein Denken, das Bogost beiden der wissenschaftlichen \u00bbzwei Kulturen\u00ab (C.P. Snow) zuschreibt (13). Dem gegen\u00fcber stellt Bogost eine \u00bbflat ontology\u00ab (Bryant) als nicht-hierarchisches Konzept einer Welt der Objekte und ihrer, nach Bogost, \u00bbpromiskuitiven\u00ab Dichte: Ein Objekt ist zugleich eine \u00bbweird structure\u00ab, und alles, \u00bbanything whatsoever\u00ab, ist ein Objekt \u2013 \u00bb[a]nything is thing enough to party\u00ab (23f.). Dieses Konzept grenzt Bogost von solchen u.a. der ANT ab, so von denen des \u00bbnetworks\u00ab (Latour) und des \u00bbmess\u00ab (John Law): Ist ersteres aus seiner Sicht zu sehr auf Relationen fokussiert und \u00bbzu geordnet\u00ab, so letzteres \u00bbzu ungeordnet\u00ab; und woher zudem, so fragt Bogost, sei \u00fcber diese (bzw.: wessen) Ordnung zu entscheiden? (21) Dagegen greift Bogost theoretisch auf sein andernorts entworfenes, aus Alain Badious mathematischer Ontologie abgeleitetes Modell der \u00bbUnit Operations\u00ab (2006) zur\u00fcck: \u00bbUnits\u00ab (die in Bogost Buch von 2006 medienanalytisch als konfigurative Einheiten begriffen sind) erscheinen damit, alternativ zu Ding- und Objektbegriffen, als Modell einer Welt, in der \u00bbunits operate\u00ab (27).<\/p>\n<p>Derartige \u00dcberfl\u00fcge weitreichender Theorielandschaften empfehlen sich nicht als eingehende Darlegung und werden in Bogosts Buch auch nicht mit einem solchen Anspruch verbunden. Explizit distanziert sich Bogost von volumin\u00f6sen Seinstheorien (\u00bbbeing is simple\u00ab, 21) wie auch von der \u00bbsemiotischen Obsession\u00ab einer \u00bb\u00fcberm\u00e4\u00dfigen Fixierung auf Argumente\u00ab oder von \u00bbPedanterie\u00ab statt \u00bbNeugier\u00ab (91). So laden seine Ausf\u00fchrungen, die sich selbst eher als eine Art praxisorientiertes Operieren mit Theorieobjekten darstellen, wenig zu theoretischer Kritik ein, sondern zu einer Lekt\u00fcre im Blick auf Bogosts Projekt einer \u00bbpractise of metaphysics\u00ab. Hierzu beschreibt sein Buch drei Zug\u00e4nge, \u00bbOntography\u00ab, \u00bbMetaphorism\u00ab und \u00bbCarpentry\u00ab.<\/p>\n<p>Die drei Bezeichnungen, die Bogost in teils ver\u00e4nderter Weise von Harman \u00fcbernimmt, stehen alle f\u00fcr eine Zielsetzung, das \u00bbFremde\u00ab der Dinge im Sinne dessen wahrzunehmen, was Bogost in einem letzten Kapitel als \u00bbwonder\u00ab umschreibt: \u00bbTo wonder is to respect things as things in themselves\u00ab (131). Hierf\u00fcr schl\u00e4gt \u00bbOntography\u00ab eine Praxis des Katalogisierens vor \u2013 etwa in Formen der Fotografie, in Listen wie im Werk Latours oder Aufz\u00e4hlungen wie bei Roland Barthes \u2013, die Dinge in ihren diskonnektiven Beziehungen registriert, wof\u00fcr Bogost vergleichend Explosionsbilder heranzieht \u2013 z.B. das technische Schema einer Fahrradgangschaltung. Weitere Beispiele sind (Computer-) Spiele wie etwa ein Wort-Karten-Spiel, die Bogost als \u00bbonto\u00adgraphische Maschinen\u00ab beschreibt. Sie erzeugen \u00bbOntography\u00ab als eine Form \u00bbof exploding the innards of things \u2013 be they words, intersections, shopping malls, or creatures\u00ab (58).<\/p>\n<p>\u00bbMetaphorism\u00ab dagegen bezieht sich als spekulative Praxis auf die Titelfrage des Buchs \u2013 \u00bbWhat It\u2019s Like to Be a Thing\u00ab? Die Frage zitiert den Aufsatz Thomas Nagels \u00bbWhat it is like to be a bat?\u00ab (1974) und dessen Beispiel der uns g\u00e4nzlich fremden Wahrnehmung der Flederm\u00e4use: Die Fledermaus ist \u00bbfundamentally alien\u00ab (Nagel), und ebendies gilt, nach Bogost, f\u00fcr \u00bbeverything else\u00ab (65). So begreift sich \u00bbmetaphorism\u00ab als einzig m\u00f6gliche Praxis einer \u00bbalien phenomenology\u00ab durch Analogie bzw. das Fragen danach, \u00bbwhat it\u2018s <em>like<\/em> to be\u00ab (72). Bogost verfolgt dies u.a. am Beispiel medientechnischer Objekte und ihrer Relationen, so im Blick auf Kameras und ihre Lichtsensoren. Theoretisch entspricht dem das Denken einer Objektrelation, in der unser Bezug \u00bbnicht erste Person ist\u00ab, sondern \u00bbalways once removed\u00ab (67); dies m\u00fcndet bei Bogost in einem Regress-Modell \u203ametaphoristischer seriegeschalteter Analogieketten\u2039 bzw. \u00bbDaisy Chains\u00ab (80).<\/p>\n<p>Der dritte Vorschlag Bogosts zielt auf eine handwerkliche Praxis oder eine \u00bbcarpentry [\u2026] built with philosophy in mind\u00ab, bezogen auf die Herstellung von Artefakten etwa als \u00bbAlien Probes\u00ab der Dingwelt (100). Bogost \u00fcbertr\u00e4gt damit den \u2013 Alphonso Lingis entlehnten \u2013 Begriff Harmans einer \u00bbcarpentry of things\u00ab in eine \u00bbcarpentry\u00ab als \u00bbjob description\u00ab (109). Eines seiner Beispiele ist eine eigene Software-Arbeit zu Ataris historischer Spielkonsole VCS (1977): Die Arbeit zum Television Interface Adapter (TIA) der Konsole verfremdet die \u00fcbliche Bildschirmausgabe, um das Spezifische des TIA selbst ins Bild zu setzen. Eine zweite vorgestellte Arbeit von Instituts\u00adkollegen Bogosts, \u00bbTableau Machine\u00ab, ist eine Intervention in das Konzept eines sensortechnisch ausgestatteten \u203aintelligent\u2039 bzw. \u00bbAware Home\u00ab: \u00bbTableau Machine\u00ab verfremdet dieses, indem es den Bewohnern des Hauses die Daten der Sensoren als abstraktes Bild an der Wand pr\u00e4sentiert. Die Arbeit erzeugt somit, nach Bogost, eine \u00bbalien presence\u00ab statt eines \u00bb[human] task support\u00ab (106). \u00bbCarpentry\u00ab, in diesen Beispielen als Form technischer Manipulation, setze dabei \u00bbTheorie in Praxis\u00ab um wie auch \u00bbPraxis <em>als<\/em> Theorie\u00ab (111).<\/p>\n<p>Offenkundig ist, dass diese Praxis \u00bbof metaphysics\u00ab in Bogosts Buch gesamthaft dem theore\u00adtischen Fluchtpunkt der postulierten Abkehr vom \u203aHumanzentrierten\u2039 folgt. \u00bbAlien phenomeno\u00adlogy\u00ab, so zeigt auch das letzte Kapitel (an Gegenst\u00e4nden von Fernsehserien bis zur Wissenschaft), will einer Kultur spekulativer Praxis das Wort reden, mit der an die Stelle einer \u00bbhuman-centricity\u00ab und einer Instrumentalit\u00e4t der Dinge \u00bbwonder\u00ab \u00fcber diese tritt (124). So sieht Bogost kulturkritisch in TV-Kultserien wie \u00bbThe Wire\u00ab oder \u00bbMad Men\u00ab Spiegel eines Appeals der \u00bbhuman experience\u00ab, dem er das \u00bbalien everyday\u00ab von Kochserien wie \u00bbGood Eats\u00ab entgegenh\u00e4lt: \u00bbwonder\u00ab etwa dar\u00fcber, wie Butter \u00bblight and fluffy\u00ab wird, \u00fcber Triebmittel, Kuchenteig und Fettkristalle (119). Damit pl\u00e4diert Bogost nicht daf\u00fcr, Kulturwissenschaft durch Chemie zu ersetzen oder durch STEM (\u00bbScience, Technology, Engineering, Mathematics\u00ab) \u2013 das Akronym ist das \u00c4quivalent zum Deutschen MINT. Eher sei, nach John Maeda, STEM durch ein \u00bbA\u00ab f\u00fcr \u00bbArt\u00ab zu \u00bbSTEAM\u00ab zu erg\u00e4nzen (128), bzw.: Natur- wie Kulturwissenschaften fehle eine \u00bbposture [\u2026] of wonder\u00ab vor dem Fremden der allt\u00e4glichen Dinge (133).<\/p>\n<p>\u00bbI am seduced\u00ab formuliert Bogost an einer Stelle (29) \u00fcber den Spekulativen Realismus und seine Botschaft einer Abkehr \u2013 oder, nach Harman, Befreiung \u2013 vom \u203ahumanzentrierten\u2039 Korrelationis\u00admus. Auf dieser Ebene der Theorie ist daher mit Bogosts Buch tats\u00e4chlich kaum eine Diskussion zu er\u00f6ffnen. Naheliegender und anregend ist es dagegen, das Buch nicht als theoretischen Beitrag (oder als Verf\u00fchrung) zu einer Ontologie zu rezipieren, sondern es, dem Vorgehen Bogosts folgend, praxisorientiert und \u2013 spekulativ \u2013 als Praxis und als Spiegel zu lesen. Denn die \u203aangewandten\u2039 Beispiele des Buchs weisen in interessanter Weise \u00fcber die Botschaft einer Harmanschen Metaphysik oder der Bogostschen Theorie hinaus.<\/p>\n<p>So mag etwa Bogosts Kommentar zur Arbeit \u00bbTableau Machine\u00ab befremden: Seine Kritik zumindest, die sensortechnisch ausgestattete \u203aintelligente Umgebung\u2039 eines \u00bbAware Home\u00ab sei zu \u203ahuman-centered\u2039 anstelle einer Erfahrung \u00bbthat turns <em>us<\/em> into the aliens\u00ab (107) erscheint so wenig nachvollziehbar. F\u00fcr Bogost gilt diese Kritik, dar\u00fcber hinaus, f\u00fcr die Arbeit \u00bbTableau Machine\u00ab selbst: Denn (auch) deren Prizip einer Pr\u00e4sentation der Sensordaten als Bild an der Wohnungs\u00adwand konzentriere sich auf \u00bb<em>human<\/em>-computer relations, not computer-computer relations \u2013 or house-computer relations, for that matter\u00ab worin, aus Bogosts Sicht, ihr (korrelationistischer) \u00bbFehltritt\u00ab liegt (ebd.). Damit operiert Bogost theoretisch (und entgegen der Vorstellung einer \u203aflat ontology\u2039) mit einer Opposition von \u00bbhuman-\u00ab, \u00bbcomputer-\u00ab und \u00bbhouse-relations\u00ab, die am Beispiel des \u00bbAware Home\u00ab gerade fehlschl\u00e4gt, indem dieses als hybrides System Mensch, Computer und Haus untrennbar miteinander verbindet.<\/p>\n<p>Bruce Sterling hat unl\u00e4ngst im Blick auf solche hybriden Systeme, hier bezogen auf das \u00bbInternet of Things\u00ab, die Frage gestellt, welche Art von \u00bbthing\u00ab diese Dinge seien? Der soziale Wandel erzeugt, nach Sterling, L\u00fccken in der Sprache, weshalb Sterling die Bezeichnung \u00bbSpimes\u00ab kreiert hat, um \u203avernetzte\u2039 Dinge zu kennzeichnen. Die j\u00fcngere Designbewegung der \u00bbNew Aesthetic\u00ab wiederum hat, im Gegensatz zu Tendenzen einer Retro-Architektur, das Pervasive einer digitalen Objektwelt hervorgehoben. Der Vorstellung einer abgrenzbaren Welt der Dinge oder Objekte gegen\u00fcber steht hier etwa diejenige, dass \u2013 wie der Designer James Bridle in seinem Blog (2012) anf\u00fchrt \u2013 \u00bb[s]ome architects can look at a building and tell you which version of autodesk was used to create it\u00ab. Bogosts Beispiel des \u00bbAware Home\u00ab verweist auf solche Hybridit\u00e4t und mithin auf die Frage: \u00bbwhat is a thing [\u2026]?\u00ab (11), die Bogost jedoch theoretisch nicht verfolgen will: \u00bbThat things are is not a matter of debate\u00ab (30). So kontrastiert die angewandte Praxis des Buchs mit einem vorausgesetzten Dingbegriff und einer Rede von Schmierfett, Saft, Schie\u00dfpulver und Gips, Fahrradschaltung und Kuchenteig, die nostalgisch und geradezu ironisch anmutet. Es gibt sie noch, so scheint Bogost sagen zu wollen, die alten Dinge. What else?<\/p>\n<p>\u00bbDoch die Dinge, zu denen wir zur\u00fcckgehen sollen\u00ab, so schreibt Latour (2005) in der Einleitung zu \u00bbMaking Things Public\u00ab, \u00bbsehen seltsam aus\u00ab (ebd. 32); und dies spiegelt sich ebenso in Bogosts Buch. Teil dieser seltsamen Dinge sind in Bogosts Beispielen die digitalen Software-Objekte der Computerspiele oder der Bildschirmoberfl\u00e4chen. Zugleich bezeichnet Bogost die Praxis seines Buchs selbst als ein Art \u00bbobject-oriented engineering to ontology\u2019s physics\u00ab (29). \u00bbObject-oriented ontology\u00ab r\u00fcckt damit in die N\u00e4he von \u203aobject-oriented software engineering\u2039, oder, wie Latour an einer von Bogost zitierten Stelle schreibt, den \u00bbwunderbaren Ausdruck \u203aobjektorientierte Software\u2039\u00ab (23, Anm. 52), wobei Bogost auch diesen Bezug theoretisch aus\u00adklammern will: Der Begriff des Objekts \u00fcberhaupt f\u00fchre im Kontext digitaler Medien eher zur \u00bbconfusion\u00ab (23). Diese Konfusion benennt jedoch die zentrale mit Bogosts Buch aufgeworfene Frage nach einer Zusammenkunft und nach dem Verh\u00e4ltnis von digitaler Technik und einem Denken der Dinge oder Objekte: nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen Dingen und dem Semiotischen der Software und (Programmier-) Sprache und nach dem Verh\u00e4ltnis zwischen objektorientierter Metaphysik und objektorientiertem Programmieren. So mag man aus \u00bbAlien Phenomenology\u00ab folgern, dass nicht nur die Dinge, sondern auch Theorien \u00fcber sie seltsam aussehen; sie sehen, als \u00bbobject-oriented ontology\u00ab, ein wenig aus wie \u00bbobject-oriented (software) engineering\u00ab.<\/p>\n<p>\u00bbMaking Things Public\u00ab, der Titel der Ausstellung 2005, die nach der <em>res<\/em> der res publica fragte, trifft Bogosts Buch und die objektorientierte Wende \u203azu den Dingen\u2039 in etwas anderer Weise, und auch in dieser Hinsicht wirft \u00bbAlien Phenomenology\u00ab Fragen auf. Bogosts zielt ganz w\u00f6rtlich auf ein \u203amaking public\u2039 im Gegensatz zur wissenschaftlichen Publikation als \u00bbprofessional endorse\u00adment\u00ab und auf ein Publizieren im Gegensatz zum akademischen Schreiben von Texten \u00bbnot to be read but merely to have been written\u00ab (88). So benennt die Rede von \u00bbangewandter\u00ab Theorie auch ein Verbreiten \u00fcber akademische Theoriedebatten hinaus, von der Bogosts Buch und seine Schreibweise ebenso zeugt wie die rege Internetdiskussion um OOO in Blogs und Social Media. OOO wurde als die vielleicht erste \u00bbborn-digital philosophy\u00ab des Social Web bezeichnet \u2013 wie David M. Berry, bezeichnenderweise in einem Blogbeitrag (2012), schreibt \u2013 und hat sich vor allem online \u00fcberaus rasch verbreitet. \u00bbIn other words\u00ab, so kommentiert dies (2012 ebenfalls in seinem Blog) Levi Bryant, \u00bbthere\u2019s a sense in which, as McLuhan put it, \u203athe medium is the message\u2039\u00ab.<\/p>\n<p>Dass eine \u00bbobject-oriented ontology\u00ab ihr Medium auch auf digitalen Plattformen findet, mag folgerichtig erscheinen. Metaphysik-Diskussionen in Blogkommentaren (einschlie\u00dflich der Frage, ob diese hierf\u00fcr der richtige Ort seien) oder Ontologie-Postings auf Facebook sind gleichwohl ein ungewohntes Ph\u00e4nomen der Zusammenkunft von Social Media und akademischer Theorie. Im Sinne einer \u203aflat ontology\u2039 gilt hierbei f\u00fcr die OOO-Diskussion im Web wie in Bogosts Buch eine Egalit\u00e4t der Gegenst\u00e4nde; ist doch nach Harman das Sein der Dinge ganz \u00bbon equal footing\u00ab. So treibt Bogosts Thematisierung von Fahrradgangschaltung, Atari Spielkonsole, \u00bbMad Men\u00ab und \u00bbGood Eats\u00ab beispielhaft auch jene von Bruno Latour bemerkte Ironie dessen auf die Spitze, dass sich heute eine Bedeutung des \u00bbDings\u00ab, die sich auf Lekt\u00fcren Heideggers beruft, unterschiedslos ausdehnt \u00bbauf das, was Heidegger und seine Nachfolger inbr\u00fcnstig ha\u00dften, n\u00e4mlich Wissenschaft, Technik, Handel, Industrie und Popul\u00e4rkultur\u00ab (Latour 2005, 33).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0<strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Graham Harman: Tool Being: Heidegger and the Meta\u00adphysics of Objects. Chicago 2002.<\/p>\n<p>Ders.: Guerrilla Metaphysics. Phenomeno\u00adlogy and the Carpentry of Things. Chicago 2005.<\/p>\n<p>Bruno Latour: Von der <em>Realpolitik<\/em> zur <em>Dingpolitik<\/em> oder Wie man Dinge \u00f6ffentlich macht. Berlin 2005.<\/p>\n<p>Quentin Meillassoux: Nach der Endlichkeit. Versuch \u00fcber die Notwendigkeit der Kontingenz. Z\u00fcrich u. Berlin 2008.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Blogbeitr\u00e4ge<\/p>\n<p>David M. Berry: <a href=\"http:\/\/stunlaw.blogspot.com\/2012\/06\/new-bifurcation-object-oriented.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The New Bifurcation? Object-Oriented Ontology and Computation<\/a>. Beitrag zum Blog \u00bbstunlaw\u00ab, 4.6.2012,(17.7.2013).<\/p>\n<p>James Bridle: <a href=\"http:\/\/booktwo.org\/notebook\/sxaesthetic\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">#sxaesthetic<\/a>. Beitrag zum Blog \u00bbbooktwo.org\u00ab, 15.3.2012, (17.7.2013).<\/p>\n<p>Levi Bryant: <a href=\"http:\/\/larvalsubjects.wordpress.com\/2012\/06\/03\/the-materiality-of-srooo-why-has-it-proliferated\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The Materiality of SR\/OOO: Why Has It Proliferated?<\/a> Beitrag zum Blog \u00bbLarval Subjects\u00ab, 3.6.2012, (17.7.2013).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nIan Bogost<br \/>\nAlien Phenomenology, or What It\u2019s Like to Be a Thing<br \/>\nMinneapolis u. London 2012<br \/>\nUniversity of Minnesota Press<br \/>\nISBN 978-0-8166-7897-6 (hc), 978-0-8166-7898-3 (pb)<br \/>\n166 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fragen nach Dingen und Objekten sind disziplinen\u00fcbergreifend prominent<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[106435,1042,1309,1315,1816,1838,1969],"class_list":["post-2024","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-alien-phenomenology","tag-ian-bogost","tag-kritik","tag-kultur","tag-pop","tag-pop-zeitschrift-de","tag-regine-buschauer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2024","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2024"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2024\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2024"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2024"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2024"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}