{"id":203,"date":"2012-09-07T10:58:44","date_gmt":"2012-09-07T08:58:44","guid":{"rendered":"http:\/\/wp11048986.wp305.webpack.hosteurope.de\/?p=203"},"modified":"2012-09-07T10:58:44","modified_gmt":"2012-09-07T08:58:44","slug":"demokratie-und-schonbergrezension-zu-john-street-music-politicsvon-thomas-hecken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2012\/09\/07\/demokratie-und-schonbergrezension-zu-john-street-music-politicsvon-thomas-hecken\/","title":{"rendered":"Demokratie und Sch\u00f6nbergRezension zu John Street, \u00bbMusic &amp; Politics\u00abvon Thomas Hecken7.9.2012"},"content":{"rendered":"<p>Gute Musik, schlechte Welt<!--more-->Der englische Autor John Street, Professor f\u00fcr Politik an der University of East Anglia (Norwich), m\u00f6chte nicht nur ein Buch \u00fcber die politische Beaufsichtigung der Musik vorlegen. Gleichberechtigt soll auch Musik als politische Aktivit\u00e4t, als politischer Ausdruck untersucht werden. Dadurch gewinnt sein Buch \u00fcber ein fachwissenschaftliches Anliegen hinaus Kontur. Denn die \u00dcberzeugung, dass ein bestimmter Stil, eine bestimmte Gruppe politisch bedeutsam sei, pr\u00e4gt schlie\u00dflich nicht nur viele Musiker, sondern gleichfalls die Vorlieben vieler Musikh\u00f6rer.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u00bbSound barriers: censoring music\u00ab lautet der Titel seines ersten Kapitels. Streets Zensur-Begriff ist weit, sehr weit, das erm\u00f6glicht es ihm, die unterschiedlichsten Beispiele anzuf\u00fchren, von Visabestimmungen, die es Staaten erlauben, ausl\u00e4ndische Musiker an der Grenze abzuweisen, bis hin zu Initiativen von Lobbygruppen, Kinder vor obsz\u00f6ner und gewaltverherrlichender Rockmusik zu sch\u00fctzen. Sein Zensur-Begriff unterscheidet sich demnach fundamental von der juristischen Auffassung, die z.B. im heutigen deutschen Recht vorherrscht. Im deutschen Grundgesetz hei\u00dft es im Artikel 5, in dem das Recht auf Meinungsfreiheit garantiert wird, knapp: \u00bbEine Zensur findet nicht statt\u00ab. Was bedeutet: Es gibt keine Beh\u00f6rde, der bestimmte Erzeugnisse vor ihrer geplanten Ver\u00f6ffentlichung vorgelegt werden m\u00fcssen und die dar\u00fcber entscheidet, ob es \u00fcberhaupt zur Ver\u00f6ffentlichung kommen darf. Dieses verfassungsrechtliche deutsche Zensurverbot hindert aber nicht daran, Werke nach ihrer freien Ver\u00f6ffentlichung z.B. mit den Mitteln des Jugendschutzes zu indizieren oder sie strafrechtlich zu verbieten. Street ignoriert nicht nur diesen Unterschied von \u203aVorzensur\u2039 und \u203aNachzensur\u2039, wie er manchmal genannt wird, er unterl\u00e4sst es auch, die unterschiedlichen Rechtsg\u00fcter, die gegen eine umfassende Meinungs- und Kunstfreiheit ins Feld gef\u00fchrt werden, zu benennen. Deshalb kommt dieses Kapitel \u00fcber eine Aufz\u00e4hlung interessanter F\u00e4lle kaum hinaus. Misslich ist auch, dass er nicht ber\u00fccksichtigt, was an den musikalischen Werken zum Gegenstand der (im weiteren Sinne) Zensur wird. Sind es, wie zu vermuten, h\u00e4ufig bestimmte Textzeilen (unabh\u00e4ngig von ihrer musikalischen Darbietung)? Ist es auch einmal, vermutlich bereits wesentlich seltener, die Art, wie sie gesungen und begleitet werden? Steht Instrumentalmusik in westlichen L\u00e4ndern \u00fcberhaupt noch vor Zensurschranken?<\/p>\n<p>Andere Kapitel sind kategorial besser organisiert und geben fassbarere Ausk\u00fcnfte. Sie leiden aber nicht selten darunter, dass sie zu viele Ausk\u00fcnfte geben. Street springt durch die Zeiten und die Regionen, er gewichtet innerhalb seiner Materialsammlung zu wenig. Gesteigert wird die Konfusion noch dadurch, dass Street h\u00e4ufig Ausf\u00fchrungen von Wissenschaftlern, Philosophen und Politikern nebeneinander stellt, ohne anzugeben, welche sich davon an welcher Stelle durchgesetzt haben. So erf\u00e4hrt man etwa im Kapitel \u00fcber staatliche Musikpolitik einiges \u00fcber die Begr\u00fcndungen und Rechtfertigungen zur staatlichen Musikf\u00f6rderung, man bekommt aber an keiner Stelle aufgezeigt, welche davon in staatlichen Kulturprogrammen rechtsf\u00f6rmig oder in den Programmen wichtiger politischer Parteien wirkungsm\u00e4chtig niedergelegt sind. In allen Kapiteln erf\u00e4hrt man manch Interessantes und Anregendes, lernt viele einzelne Ideen und Ans\u00e4tze kennen, mehr aber zumeist auch nicht. Als Einf\u00fchrung und \u00dcberblicksdarstellung ist das Buch deshalb ungeeignet, erfahrungsgem\u00e4\u00df profitieren Studentinnen und Studenten von solchen unsystematischen und historisch zusammengew\u00fcrfelten Kompilationen und Referaten nicht.<\/p>\n<p>Kommen wir deshalb gleich zum eigenen Ansatz Streets, zu seiner These, \u00bbthat music embodies political values and experiences, and organizes our response to society\u00ab (S. 1). Street r\u00e4umt zwar zu Beginn ein, dass sein Buch zumeist von Musik handelt, die gemeinhin als \u00bb\u203apopular music\u2039\u00ab eingeordnet werde, er erhebt gleichwohl den Anspruch, dass seine Argumente f\u00fcr die Musik insgesamt von Geltung sind (S. 8). Von besonderer Bedeutung ist sein Bem\u00fchen, den Nachweis zu f\u00fchren, dass Musik f\u00fcr die von ihm bevorzugte partizipative, \u00bbdeliberative democracy\u00ab (im Gegensatz zu jener repr\u00e4sentativen Demokratie, die vom Stimmb\u00fcrger lediglich in gro\u00dfen periodischen Abst\u00e4nden eine Stimmabgabe verlange) einen wichtigen Beitrag leiste (S. 165). Bei dieser Betrachtung ist f\u00fcr ihn auf der einen Seite entscheidend, dass Musik nicht auf Songtexte und die Rezeption der Musik nicht auf eine kognitive Praxis reduziert wird, sondern die Wirkungen und Freuden von Klang und Rhythmus im Vordergrund stehen (S. 73). Auf der anderen Seite h\u00e4lt er es f\u00fcr wichtig, dass der Politik-Begriff auch allt\u00e4gliche \u00bb\u203amicropolitics\u2039\u00ab umfasst; Politik definiert er mit Colin Hay als eine \u00bbcombination of identifiable alternatives, over which actors can have an effect and upon which they can reflect within a social setting\u00ab (S. 161).<\/p>\n<p>Folgende Begr\u00fcndungen liefert er f\u00fcr seine Ansicht des innigen Bezugs von Musik und einer aus seiner Sicht erstrebenswerten Demokratieform, die auf Perspektivenwechsel, Empathie, Ausgleich und der Ber\u00fccksichtigung des Allgemeinwohls beruhe (S. 165):<\/p>\n<p>1. Musik verschaffe uns die Kenntnis anderer Menschen und ihrer Gef\u00fchle und Erfahrungen (S. 166).<\/p>\n<p>2. Musik erlaube uns, uns in andere und ihre Gef\u00fchle hineinzuversetzen, ihnen nachzuf\u00fchlen (\u00bballows us to feel those lives\u00ab) (S. 168).<\/p>\n<p>3. Musik bringe uns mit anderen Welten und Kulturen \u2013 seien es vergangene oder zuk\u00fcnftige, utopische \u2013 in Verbindung (S. 169).<\/p>\n<p>4. Gemeinsames Musizieren, gemeinsames Auff\u00fchren und H\u00f6ren von Musik, gemeinsames Produzieren und Distribuieren von Musik schaffe sozialen Zusammenhalt, Gemeinschaftsbewusstsein, solidarisches Handeln (S. 170), lasse Identit\u00e4ten und Institutionen erstehen (S. 173); Raves z.B. seien nicht nur Instrumente gewesen, um \u00f6kologische und kommunitaristische Botschaften zu verbreiten; \u00bbraves provided a way of living those politics\u00ab (S. 172).<\/p>\n<p>Dies alles bringt Street im Rahmen seiner Ansicht vor, dass Musik weit mehr sei als eine Dekoration politischer Handlungen. Seine Generalthese ist, \u00bbthat music does not just accompany our political thoughts and actions, and that it is not simply the object of state intervention and state policy, or the instrument of social movements, but rather that it is deeply implicated in the ideas and institutions that organize politics\u00ab (S. 175).<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig ist nun aber, dass er selbst seiner eigenen Hauptthese nur sehr begrenzt Rechnung tr\u00e4gt. Wenn die Hauptthese stimmt, dann fehlt in seinem Buch mindestens ein Kapitel dar\u00fcber, welche musikalischen Formen dazu beigetragen haben, die von ihm bevorzugte partizipative, deliberative Demokratie bislang zu verhindern. Denn wenn Musik tats\u00e4chlich \u00bbdeeply implicated in the ideas and institutions that organize politics\u00ab sein sollte, dann bedeutet das logischerweise, dass es Musiken geben muss, die der von ihm bevorzugten Musik der Empathie etc. entgegenstehen, sonst h\u00e4tte sich die von ihm kritisch gesehene repr\u00e4sentative, auf isolierte Wahlakte reduzierte Demokratie ja nicht durchsetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Offenbar wird das an einigen Formulierungen Streets selbst. Das nationalsozialistische wie das Sowjetregime sei von der politischen Bedeutung der Musik \u00fcberzeugt gewesen, merkt er zu Beginn seines Buches an: \u00bbtheir music policy was not simply a product of their ambitions to control every aspect of their people\u2019s lives. It was also driven by a belief, however distorted, of the power of music (S. 27). Ein Glaube, den auch Street hegt, schlie\u00dflich weist er oft darauf hin, dass man Musik nicht als \u00bb\u203amere entertainment\u2039\u00ab einstufen k\u00f6nne und d\u00fcrfe, sondern als politisch bedeutsame Kraft (S. 23).<\/p>\n<p>Diese \u00dcbereinstimmung gibt ihm auch deshalb nicht mehr zu denken, weil er die \u00dcberzeugung teilt, die Nazis h\u00e4tten \u00bb\u203athe opposite of Sch\u00f6nberg\u2039\u00ab bevorzugt \u2013 \u00bb\u203amusic in C major\u2039\u00ab (S. 26). Das verkennt aber z.B., dass die Nationalsozialisten auch gro\u00dfe Beethoven-Anh\u00e4nger gewesen sind, der bekanntlich nicht nur in als einfach erachteten Tonarten komponiert hat.<\/p>\n<p>Dies ist nur ein \u2013 wenn auch aussagestarkes \u2013 Indiz daf\u00fcr, dass der Zusammenhang von politischer Einstellung und musikalischen Pr\u00e4ferenzen nicht so eindeutig ist, wie Street sich das ausmalt. Dies ist ebenfalls ein guter Anhaltspunkt f\u00fcr die Auffassung, dass es wahrscheinlich auch im Sinne von Streets Demokratieidealen gar nicht von Nachteil w\u00e4re, in einer Gesellschaft zu leben, die Musik lediglich als Unterhaltung einordnete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nJohn Street<br \/>\nMusic &amp; Politics<br \/>\nCambridge: Polity Press 2012<br \/>\nISBN-13: 978-0-7456-3543-9<br \/>\n195 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gute Musik, schlechte Welt<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[947,1144,1309,1315,1584,1798,1816,1993,2248,2335,2589],"class_list":["post-203","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-hecken","tag-john","tag-kritik","tag-kultur","tag-music","tag-politics","tag-pop","tag-rezension","tag-street","tag-thomas","tag-zeitschrift"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/203","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=203"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/203\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=203"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=203"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=203"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}