{"id":2052,"date":"2013-07-28T15:33:16","date_gmt":"2013-07-28T13:33:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2052"},"modified":"2013-07-28T15:33:16","modified_gmt":"2013-07-28T13:33:16","slug":"agit-pop-und-wagner-wahnkulturelle-strategien-bei-bazon-brockvon-andrea-seyfarth28-7-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/07\/28\/agit-pop-und-wagner-wahnkulturelle-strategien-bei-bazon-brockvon-andrea-seyfarth28-7-2013\/","title":{"rendered":"Agit-Pop und Wagner-WahnKulturelle Strategien bei Bazon Brockvon Andrea Seyfarth28.7.2013"},"content":{"rendered":"<p>Zwei grundlegende Strategien kultureller Produktion<!--more--><\/p>\n<p>Bazon Brock (geb. 1936) ist derzeit vor allem als K\u00fcnstler der Fluxus-Bewegung, als Veranstalter von Happenings, sogenannten Action Teachings, und als Schriftsteller bekannt. Die philosophische Relevanz seiner theoretischen Schriften wurde bisher nicht ausreichend gew\u00fcrdigt. Dies mag dran liegen, dass seine Schriften allzu oft ausschlie\u00dflich als essayistisch, fragmentarisch, sogar dadaistisch wahrgenommen werden \u2013 was sie zweifelsohne teilweise auch sind, worin sie aber nicht aufgehen. Darum kann die Forschungslage zu Brocks Schriften mit Fug und Recht als desolat bezeichnet werden. Das darf jedoch nicht dar\u00fcber hinweg t\u00e4uschen, dass seine mittlerweile \u00fcber f\u00fcnf Jahrzehnte praktizierte Reflexion zeitgen\u00f6ssischer Kultur Konzepte und Strategien bereit stellt, die nicht nur, aber auch f\u00fcr die Popforschung von Interesse sein sollten.<\/p>\n<p>Zu den wichtigsten Schriften des Adorno-Sch\u00fclers Brock, die zum Teil die Grundlage dieses Aufsatzes bilden, z\u00e4hlen: \u00bb\u00c4sthetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten\u00ab (DuMont; K\u00f6ln 1977); \u00bb\u00c4sthetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Die Gottsucherbande\u00ab (DuMont; K\u00f6ln 1986); \u00bbDie Re-Dekade. Kunst und Kultur der 80er Jahre\u00ab (Klinkhardt und Biermann Verlag; M\u00fcnchen 1990); \u00bbDer Barbar als Kulturheld. \u00c4sthetik des Unterlassens\u00ab (DuMont; K\u00f6ln 2002) und \u00bbLustmarsch durch das Theoriegel\u00e4nde \u2013 Musealisiert Euch!\u00ab (DuMont; K\u00f6ln 2008).<\/p>\n<p>Anliegen des Aufsatzes ist es, Brocks Schriften nicht auf Einzelanalysen hin zu befragen, sondern auf Strategien, welche die Grundlage f\u00fcr Einzelanalysen bilden k\u00f6nnen. Es geht also nicht um spezifische kulturelle Gegenst\u00e4nde, wie beispielsweise eine Analyse bestimmter Hollywood-Filme, sondern um das Aufzeigen von Werkzeugen, mit denen diese Gegenst\u00e4nde bearbeitet werden k\u00f6nnen. Insofern steht der Titel dieses Aufsatzes \u203aAgit-Pop und Wagner-Wahn\u2039 exemplarisch f\u00fcr zwei Strategien gegenw\u00e4rtiger Kultur.<\/p>\n<p>Bazon Brock unterscheidet in seinen Schriften zwei grundlegende Strategien kultureller Produktion; zum einen eine Strategie, die er als \u203aWirkungskalk\u00fcl\u2039 anspricht, zum anderen eine Strategie der \u203aProblematisierung\u2039. Zur Kennzeichnung beider Strategien verwendet er jeweils verschiedene Begriffe, die aber alle zwei Grundtendenzen markieren. Neben dem Begriff \u203aWirkungskalk\u00fcl\u2039 gebraucht er auch \u203aAnbetung\u2039, \u203adas Prinzip Hollywood\u2039 und \u203aTotalitarismus\u2039 auf der einen, die Begriffe \u203aProblematisierung\u2039, \u203anegative Affirmation\u2039, \u203aAgit-Pop\u2039 und \u203aTotalkunst\u2039 auf der anderen Seite. Beiden Strategien ist ihre Ableitung aus der Sph\u00e4re der Kunst gemeinsam. Insofern spricht Brock auch von k\u00fcnstlerischen Strategien. Jedoch sind sie nicht auf die Kunst beschr\u00e4nkt, sondern markieren vielmehr kulturelle wie gesellschaftliche Ph\u00e4nomene.<\/p>\n<p>Im Folgenden sollen Brocks Analysen beider Strategien dargestellt werden. Hierbei geht es vor allem darum, ihre Pr\u00e4missen und Konklusionen kenntlich zu machen. In einem zweiten Schritt werden Brocks \u00dcberlegungen vor der Tradition der kritischen Theorie Theodor W. Adornos beleuchtet. Es soll daf\u00fcr pl\u00e4diert werden, dass Brocks kulturkritische Untersuchungen an die kritische Theorie anschlie\u00dfen und diese weiterentwickeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wagner-Wahn \u2013 Strategie des Wirkungskalk\u00fcls<\/p>\n<p>Unter dem Banner \u00bbHollywood-Charakteristik\u00ab (Brock 2002: 257) beschreibt Brock die k\u00fcnstlerische Strategie, Werke auf eine bestimmte Wirksamkeit hin zu konzipieren. Hierbei geht es um die leitende Frage, wie Kunst im Hinblick auf ein Publikum, das animiert werden soll, wirksam werden kann. Der Gedanke, dass Kunst auf Wirksamkeit ausgerichtet ist, scheint selbstverst\u00e4ndlich zu sein. Eine Kunst, die auf Wirksamkeit verzichtet, w\u00fcrde nur schwer als solche wahrgenommen werden. Brock geht es mit seiner Analyse kultureller Strategien darum zu zeigen, auf welche Weise diese Wirksamkeit realisiert werden kann. Letztlich zielen seine \u00dcberlegungen auf die Wechselwirkung zwischen Werk und Rezipient. Denn es macht offensichtlich einen Unterschied, ob beispielsweise ein Gem\u00e4lde des sozialistischen Realismus als kompositorisch gelungen oder als Verk\u00fcndigung einer Ideologie angesehen wird.<\/p>\n<p>Brocks Analyse der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie ist der Versuch, eine bestimmte Weise des Wirksamwerdens zu beschreiben. Brock formuliert seine Fragestellung so: \u00bbWie wird Kunst wirksam im Hinblick auf ein Publikum, das belebt, animiert, beseelt, bewegt, angetrieben, gem\u00fctsbestimmt, zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt, zu Aggressionen auf dem Marktplatz angestachelt werden soll?\u00ab (Ebd.: 258) Das Verh\u00e4ltnis zwischen Kunst und Rezipient, das Brock innerhalb dieser Strategie fokussiert, ist eines der Anh\u00e4ngerschaft. Kunst fungiert hier einerseits als Tr\u00e4ger bestimmter Interessen, Ideen und Vorstellungen, die durch sie hindurch auf ein Publikum \u00fcbertragen werden sollen. Andererseits wird das Kunstwerk rezipiert, als w\u00e4re es bereits die Realisation einer bestimmten Vorstellung.<\/p>\n<p>Als historisches Beispiel verweist Brock in diesem Zusammenhang auf Wagners Konzeption des Gesamtkunstwerks. Wagner hatte sich durch dessen Ausformulierung in seinen Schriften, die zum Teil in den \u00bbBayreuther Bl\u00e4ttern\u00ab ver\u00f6ffentlicht wurden, \u00bbeinen Anspruch, als gesellschaftsbewegende Kraft zu wirken\u00ab, verschafft und zwar \u00bbauf dieselbe Weise wie gleichzeitig die politischen Parteien\u00ab\u00a0 (ebd.: 257). Wagners Arbeit zielte nicht nur auf Werkschaffen, sondern gleicherma\u00dfen darauf, eine \u00bbBegeisterungsgemeinschaft\u00ab oder Anh\u00e4ngerschaft zu formieren (ebd.). Es ging ihm nicht um die Kunst als Kunst, sondern darum, mittels der Kunst in die gesellschaftliche Praxis einzugreifen. Die Wagner-Vereine und die von Wagner selbst akribisch betriebene \u00d6ffentlichkeitsarbeit zeugen von diesem Umstand.<\/p>\n<p>Zur Veranschaulichung sei an dieser Stelle eine kurze Passage aus Wagners Schrift \u00bbDas Kunstwerk der Zukunft\u00ab herangezogen: \u00bbDas gro\u00dfe Gesammtkunstwerk, das alle Gattungen der Kunst zu umfassen hat, um jede einzelne dieser Gattungen als Mittel gewisserma\u00dfen zu verbrauchen, zu vernichten zu Gunsten der Erreichung des Gesammtzweckes aller, n\u00e4mlich der unbedingten, unmittelbaren Darstellung der vollendeten menschlichen Natur, \u2013 dieses gro\u00dfe Gesammtkunstwerk erkennt er [der Geist] nicht als die willk\u00fcrlich m\u00f6gliche That des Einzelnen, sondern als das nothwendig denkbare gemeinsame Werk der Menschen der Zukunft.\u00ab (Wagner 1850: 32)<\/p>\n<p>Dieser kurze Ausschnitt soll zweierlei verdeutlichen: Zum einen dient Werkschaffen, im Sinne einer Entwicklung von Dramen, Partituren, Kost\u00fcmen, B\u00fchnenbild usw., dem Zweck, eine Wirkung zu erzielen, die \u00fcber das Werk selbst hinausgeht. Das Bayreuther Publikum soll eine Auff\u00fchrung nicht verlassen, um zum Tagesgesch\u00e4ft \u00fcberzugehen, sondern um die Impulse der Auff\u00fchrung in ihre Lebenswelt zu \u00fcbertragen. Zum anderen wird deutlich, dass im Werk eine umfassende Idee oder Vorstellung dargestellt werden soll, die nicht an den Urheber, in diesem Fall Wagner, gebunden ist. Die Idee einer \u00bbvollendeten menschlichen Natur\u00ab wird als universale Idee angesprochen, die alle \u00bbMenschen der Zukunft\u00ab gleicherma\u00dfen betrifft. Wagner tritt hier also nicht also Urheber dieser Idee auf, sondern steht in ihrem Dienst; verhilft ihr zur Anschaulichkeit. Damit gibt er seiner Idee einer \u00bbvollendeten menschlichen Natur\u00ab den Anschein, als sei sie eine gleichsam im Raum schwebende Wahrheit \u2013 gleicherma\u00dfen universal wie verbindlich.<\/p>\n<p>Unter der Voraussetzung, dass die Rezipienten \u00bbdie eigentlichen Akteure der Kunst\u00ab sind (Brock 2002: 258), wird der Rezipient zum Adressaten der Idee und unter Umst\u00e4nden zum Ort ihrer Realisation. Der Rezipient wird also innerhalb der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie nicht als ein Gegen\u00fcber des Werks gedacht, sondern explizit als Teil des Werks verstanden. In diesem Sinne konstatiert Brock, dass \u00bbdas Werk gar nicht mehr als Werk im Sinne einer physisch materiellen Gestaltung, sondern nur noch als Summe der Kalk\u00fcle der Wirkungen, die es erzielen soll\u00ab existiert (ebd.: 257). Das Werk wird hier als funktionale Vermittlungsinstanz gedacht und nicht als autonomes Gebilde. Insofern richtet sich der Gestaltungsimpuls des K\u00fcnstlers nicht auf die Formung irgendeines Materials, sondern \u00bbzielt auf den sozialen K\u00f6rper als Ganzen, auf die Menschheit, auf die Gesellschaft\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Brock beschreibt das Verh\u00e4ltnis des K\u00fcnstler zum Publikum mit Hilfe der Metapher der Bewegung. Der K\u00fcnstler wird als derjenige charakterisiert, der dem \u00bbBewegungsimpuls\u00ab des Publikums eine Richtung gibt (ebd.: 259). In diesem Sinne spricht er auch von der Rolle des K\u00fcnstlers als \u203aBeweger\u2039. Am Beispiel Wagner kann gezeigt werden, dass er den Anspruch erhob, seinem Publikum die Richtung zur \u00bbvollkommenen menschlichen Natur\u00ab zu weisen. Umgekehrt benutzt Brock \u203aquasi\u2039theologische Begriffe wie \u203aAnbetung\u2039 und \u203aG\u00f6tzendienst\u2039, um das Verh\u00e4ltnis des Publikums zum K\u00fcnstler zu beschreiben: \u00bbDie Anbetung \u00e4u\u00dfert sich in der Realisation abstrakter Hirnakrobatiken [\u2026] Diese Vitalisierung des Publikums, um seine Bewegung auf die Verwirklichung eines abstrakten Plans zu lenken [\u2026] ist primitivster G\u00f6tzendienst.\u00ab (Ebd.)<\/p>\n<p>Brock beschreibt innerhalb dieser Strategie also eine bestimmte Weise, wie Kunst im Hinblick auf ein Publikum wirksam wird. Der K\u00fcnstler tritt auf, als stehe er mit seinen Werken im Dienste einer universalen Idee oder Ganzheitsvorstellung, die auf ein Publikum \u00fcbertragen und durch das Publikum realisiert werden soll. Die gedankliche Figur, die Brock zur Charakterisierung der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie verwendet, ist die einer Identit\u00e4t von Ganzheitsvorstellung und Realit\u00e4t. Wagners \u00bbvollkommene menschliche Natur\u00ab soll nicht nur als Idee bestaunt, sondern in der Lebenspraxis realisiert werden. Deshalb spricht Brock auch von \u203aBegeisterungsgemeinschaften\u2039. Die Begeisterung bezieht sich nicht auf einen einzelnen K\u00fcnstler, sondern auf die durch sein Werkschaffen vermittelte Idee.<\/p>\n<p>Brocks Analyse der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie arbeitet mit der Voraussetzung, dass die Ebene des \u00e4sthetischen Scheins verlassen wird. Es fokussiert explizit das Verh\u00e4ltnis einer k\u00fcnstlerischen Ganzheitsvorstellung oder Fiktion zur Realit\u00e4t. Eine solche \u00dcbertragung von Vorstellungen auf die Lebenspraxis ist aber keineswegs eine der Kunst vorbehaltene Strategie. Vielmehr handelt es sich um eine Strategie, deren Struktur in anderen Lebensbereichen gleicherma\u00dfen angewendet wird und wirksam ist. Das hat zur Folge, dass Kunst nicht mehr klar von anderen Bereichen unterschieden werden kann.<\/p>\n<p>Denn es macht \u00bbkeinen Sinn, die eine Art der Erzeugung von Publikumsreaktion als Kunst zu bezeichnen, die andere als Verkaufsstrategie, die dritte als Unterhaltung, die vierte als Gottesdienst.\u00ab Wenn in der \u00bbGesellschaft, Politik oder Wirtschaft, von der Kirche \u00fcber das Produkt-Marketing die gleichen Mechanismen der Belebung von Klienten und der Bewirkung von Verhalten in Gang sind\u00ab wie in der Kunst, dann kann man berechtigt von einer Aufhebung der Kunst sprechen (ebd.: 264). Die Analyse der Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 kulminiert also in der Konsequenz, Kunst nicht mehr als spezifische Leistung beschreiben zu k\u00f6nnen und die Rolle des K\u00fcnstlers zugunsten der des Inszenierungsexperten aufzugeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00a0Agit-Pop \u2013 Strategie der Problematisierung<\/p>\n<p>Die Strategie der \u203aProblematisierung\u2039, die Brock auch als \u203anegative Affirmation\u2039 oder \u203aAgit-Pop\u2039 bezeichnet, ist kritisch gegen die M\u00f6glichkeit gerichtet, die in der Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 behauptet wird: N\u00e4mlich die \u00dcberf\u00fchrung eines gedanklichen Konstrukts in die Realit\u00e4t. Ausgangspunkt der \u00dcberlegungen Brocks ist die Annahme, dass die Verwirklichung eines solchen Konstrukts in der Realit\u00e4t zwingend fatale Folgen zeitigt: \u00bbWenn der pathologisch gesunde Menschenverstand meint, da\u00df man politische Programmatiken und Konzepte einer w\u00fcnschenswerten Gesellschaft durch einhundertprozentige Verwirklichung in die Lebensrealit\u00e4t umzusetzen habe, dann f\u00fchrt das zu Katastrophen, f\u00fcr die gerade die j\u00fcngste deutsche Geschichte horrende Beispiele bietet.\u00ab (Brock 1986: 18)<\/p>\n<p>Auch wenn Brock an dieser Stelle von \u203apolitischen Programmatiken\u2039 spricht, trifft seine Kritik auf k\u00fcnstlerische Visionen und wissenschaftliche Modelle gleicherma\u00dfen zu. Denn es geht ihm um die allgemeinere Einsicht in eine \u00bbgenerelle Diskrepanz zwischen gedanklichem Konstrukt und seiner Vergegenst\u00e4ndlichung\u00ab (Brock\u00a02002: 312).<\/p>\n<p>Die Figur des \u203aAgit-Pop\u2039 denkt Brock als Widerstandsstrategie. Nicht, indem man einen Anspruch, z.B. die Durchsetzung einer politischen Programmatik, negiert und Gegenargumente ins Feld f\u00fchrt, kann man Widerstand gegen diesen Anspruch leisten, sondern indem man den Anspruch in \u00fcbertriebener Weise bejaht, d.\u00a0h. \u00bbWiderstand durch 150 % Zustimmung statt durch Negation\u00ab (Brock 2002: 49).<\/p>\n<p>Den Kerngedanken dieser Strategie beschreibt er folgenderma\u00dfen: \u00bbDer Begriff der negativen Affirmation soll besagen, da\u00df es bei der ausdr\u00fccklichen Bejahung eines Aussagenanspruchs nicht darum gehen soll, ihn auch zu akzeptieren \u2013 gar als Feststellung der Wahrheit; sondern es geht darum, durch vorbehaltlose Bejahung die Konsequenzen des Aussagenanspruchs aus sich selbst heraus aufzul\u00f6sen. [\u2026] Zu diesen \u00dcbertreibungen will die negative Affirmation totalit\u00e4re Wahrheitsanspr\u00fcche verf\u00fchren.\u00ab (Brock 1986: 19) Die kulturelle Strategie der \u203anegativen Affirmation\u2039 oder des \u203aAgit-Pop\u2039 ist darauf gerichtet, die fatalen Folgen der Realisierung von Vorstellungen vorweg zu nehmen, um damit das totalit\u00e4re Potential einer solchen Realisierung aufzuzeigen. Die vorbehaltlose, 150% Bejahung einer Vorstellung schl\u00e4gt diese Vorstellung mit ihren eigenen Mitteln.<\/p>\n<p>Im Unterschied zur Wirkungskalk\u00fcl-Strategie ist die Strategie der \u203anegativen Affirmation\u2039 auf eine andere Weise der Wirksamkeit ausgerichtet. Sie setzt da an, wo Wirksamkeit im Sinne von Zustimmung als problematisch erfahren wird: \u00bbNur wer akzeptiert, da\u00df die Mechanismen des Wirksamwerdens auf M\u00f6glichkeiten des L\u00fcgens und T\u00e4uschens beruhen, wie sie in der Natur des Menschen per se begr\u00fcndet sind [&#8230;], kann mit diesen Mechanismen kalkulieren und ihnen entgehen.\u00ab (Ebd.: 262)<\/p>\n<p>Brock arbeitet mit der Voraussetzung, dass die Wirksamkeit auf ein Publikum hin, wie sie in der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie angelegt ist, auf der T\u00e4uschbarkeit des Menschen beruht. Der Versuch, eine \u203aBegeisterungsgemeinschaft\u2039 zu formieren, setzt, ob bewusst oder unbewusst, auf diese T\u00e4uschbarkeit. Die Strategie der \u203aProblematisierung\u2039 ist aufgrund dieser Einsicht darauf gerichtet, Distanz zum Rezipienten zu erzeugen. Sie \u00bbrichtet sich genau gegen die Verh\u00e4ltnisse, die K\u00fcnstler vom Schlage Wagners ausgenutzt haben\u00ab (ebd.: 261). Der Rezipient soll, im Gegensatz zur Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls<strong>\u2039<\/strong>, daran gehindert werden, sich mit der im Werk vermittelten Idee zu identifizieren. In diesem Sinne schreibt Brock, der seine k\u00fcnstlerischen Aktionen bereits in den 60er Jahren dezidiert als \u203aAgit-Pop\u2039 auswies: \u00bbIdentifizierung mit mir und dem, was ich sage, ist unm\u00f6glich.\u00ab (Brock 1977: 759)<\/p>\n<p>Als historisches Beispiel verweist Brock in diesem Zusammenhang auf die Aufkl\u00e4rungsleistung der Pop-Art. Die Pop-Art hatte durch die bis zur Radikalit\u00e4t \u00fcbertriebene Zustimmung zur Konsumkultur gegen die Konsumkultur Widerstand geleistet. \u00bbDie Pop-Programmatik empfiehlt eine k\u00fcnstlerische Haltung, die sich nicht mehr aus der offenen Konfrontation mit den herrschenden Unsinnigkeiten der Konsumwelt, der Massengesellschaft, mit Hollywood und Fernsehschmonzes entwickeln sollte; die sich nicht mehr die Produktion von blo\u00dfem Widerspruch gegen alles das abverlangen l\u00e4\u00dft, was sich durch diesen Widerspruch erst recht demokratisch kritisiert und deshalb legitimiert darstellen kann. [\u2026] Die einzige M\u00f6glichkeit Ver\u00e4nderung herbeizuf\u00fchren, lag bestenfalls darin, den Leuten m\u00f6glichst total und radikal die Konsequenzen ihrer Verhaltensweisen vor Augen zu f\u00fchren \u2013 sie also m\u00f6glichst schnell mit der ersehnten Schokolade so vollzustopfen, da\u00df sie kotzen mussten.\u00ab (Brock 1986: 242)<\/p>\n<p>Als weiteres prominentes Beispiel f\u00fchrt Brock die Selbstanzeige-Kampagne von 374 Frauen in der Zeitschrift \u00bbStern\u00ab vom 06. Juni 1971 an. Unter der Schlagzeile \u00bbWir haben abgetrieben!\u00ab bekannten diese Frauen \u00f6ffentlich, illegal abgetrieben und damit gegen den Paragraphen 218 des Strafgesetzbuches versto\u00dfen zu haben. 1971 konnten illegale Abtreibungen mit bis zu f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis geahndet werden. Brock fasst diese Selbstanzeigen der Frauen als Akt, der geltendes Recht bejaht, um die Diskrepanz zwischen geltendem Recht und Rechtsempfinden auf drastische Weise offenzulegen.<\/p>\n<p>Auch am Beispiel Wagners lie\u00dfe sich eine \u203aAgit-Pop\u2039 Strategie konstruieren, die allerdings wohl kaum im Sinne Wagners sein d\u00fcrfte. Anstatt zu verk\u00fcnden: \u203aDies ist die \u00bbvollkommene menschliche Natur\u00ab und diese zu verwirklichen, ist die Aufgabe aller\u2039, w\u00fcrde eine \u203aAgit-Pop\u2039 Strategie etwas folgenderma\u00dfen lauten: \u203aDies ist die \u00bbvollkommene menschliche Natur\u00ab und alle, die das nicht einsehen wollen, werden erschossen.\u2039. Beide Aussagen sind gar nicht allzu weit voneinander entfernt. Denn nat\u00fcrlich stellt sich bei der ersten Aussage die unbeantwortete Frage, was mit all denjenigen passiert, die der Idee einer \u00bbvollkommenen menschlichen Natur\u00ab nicht entsprechen. Die \u203aAgit-Pop\u2039 Strategie nutzt diese L\u00fccke, um m\u00f6gliche Konsequenzen der Verwirklichung einer Idee aufzuzeigen. Eine Identifizierung des Rezipienten mit der ersten Aussage ist nicht nur vorstellbar, sondern auch historisch belegbar. Eine Identifizierung mit der zweiten Aussage d\u00fcrfte ungleich schwieriger sein.<\/p>\n<p>Um die Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 und der \u203aProblematisierung\u2039 in einen gr\u00f6\u00dferen Kontext setzen zu k\u00f6nnen, muss auf Brocks Kulturverst\u00e4ndnis rekurriert werden. Brock nimmt dieses Verst\u00e4ndnis zum Ausgangspunkt, um Kriterien f\u00fcr die Unterscheidung beider Strategien zu generieren. Brock fasst Kulturen als den Versuch, \u00bbihren Mitgliedern die Erfahrung von der Einheit der Welt zu erm\u00f6glichen\u00ab (Brock 1986: 58). An anderer Stelle charakterisiert er Kulturen als \u00bbdurch Kommunikation aufrechterhaltene Beziehungsgeflechte zwischen Menschen, durch welche Verbindlichkeit in der Antizipation von Verhalten und Handlungen der Beteiligten erreicht werden soll\u00ab (Brock 2002: 221). Diese kurzen Hinweise m\u00f6gen gen\u00fcgen, um zu zeigen, dass Brock in Bezug auf den Begriff \u203aKulturen\u2039 das Moment der Einheit oder Ganzheit auf der einen und das Moment der Normativit\u00e4t auf der anderen Seite hervorhebt. Ganzheit und Normativit\u00e4t bilden genau diejenigen Kriterien, vor deren Hintergrund Brock die Unterscheidung von \u203aWirkungskalk\u00fcl\u2039 und \u203aProblematisierung\u2039 trifft.<\/p>\n<p>Beide Strategien thematisieren Ganzheit und Normativit\u00e4t gleicherma\u00dfen, jedoch auf unterschiedliche Weise. Die Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 ist darauf gerichtet, Einheit oder Ganzheit nicht nur als m\u00f6gliches, gedankliches Konstrukt zur Sprache zu bringen, sondern daraus \u00bbsoziale und politische Handlungsanleitungen\u00ab zu generieren (Brock 1986: 63). Insofern kann innerhalb dieser Strategie von einer Verkopplung von Ganzheitsvorstellung und Normativit\u00e4t gesprochen werden. Aufgrund dieser Verkopplung gebraucht Brock auch den Begriff des \u203aTotalitarismus\u2039 als Synonym f\u00fcr diese Strategie, denn \u00bbwer begriffs- und bildgl\u00e4ubig die Verwirklichung von Utopien und Gedankensystemen durchzusetzen versucht, mu\u00df zwangsl\u00e4ufig totalit\u00e4r werden\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber kann die Strategie der \u203aProblematisierung\u2039 als Versuch verstanden werden, die eben skizzierte Verkopplung zu radikalisieren und dadurch aufzul\u00f6sen. Es handelt sich also um den Versuch, \u00bbder Begriffs- und Bildgl\u00e4ubigkeit als Ursache des Totalitarismus dadurch entgegenzuwirken, da\u00df man sie ins Extrem treibt, bis mit w\u00fcnschenswerter Klarheit die grausamen Konsequenzen erfahrbar werden\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Brock gebraucht f\u00fcr diese Strategie auch den Begriff der \u203aTotalkunst\u2039. Sie, die Totalkunst, \u00bbradikalisiert die Beziehung zwischen Fiktion und Realit\u00e4t\u00ab (ebd.). W\u00e4hrend die Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 also auf eine positive Identit\u00e4t zwischen Ganzheitsvorstellung und Realit\u00e4t zielt und dabei einen Anspruch auf Normativit\u00e4t als Garant dieser Identit\u00e4t erheben muss, richtet sich die Strategie der \u203aProblematisierung\u2039 zum einen durch Radikalisierung der Identit\u00e4t gegen diese Identit\u00e4t, ist also wesentlich negativ, und entkoppelt zum anderen die Ganzheitsvorstellung von der daraus abgeleiteten Normativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Aus der Zielsetzung beider Strategien muss eine weitere Unterscheidung getroffen werden. Sie betrifft die Adressaten des Verwirklichungsanspruchs. Im Fall der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie soll die Ganzheitsvorstellung von m\u00f6glichst vielen Menschen, wenn nicht gar der Gesellschaft insgesamt, zur Verwirklichung gebracht werden. Insofern sich die Vorstellung auf ein \u203aGanzes\u2039 bezieht oder als universale Idee gedacht wird, richtet sich ihr Anspruch notwendigerweise an alle. Das Moment der Normativit\u00e4t ist durch diesen umfassenden Anspruch gesichert. Im Fall der Problematisierungs-Strategie realisiert sich die Identit\u00e4t von Vorstellung und Lebenspraxis exemplarisch in einer Person. Deshalb spricht Brock auch von \u00bbbeispielhafte[r] Individualit\u00e4t\u00ab (Brock 2002: d).<\/p>\n<p>Diese Weise der Verwirklichung dient dem Zweck, implizite Konsequenzen eines Anspruchs explizit zu machen, um damit m\u00f6gliche fatale Folgen aufzuzeigen. Man k\u00f6nnte auch sagen, die Verwirklichung vollzieht sich hier probehalber. In diesem Sinne charakterisiert Brock ein solches Vorgehen als \u00bbRealexperiment\u00ab und bezeichnet es als \u00bbbevorzugte Form, in der moderne K\u00fcnstler die Vermittlung zwischen Spekulation \u00fcber das Ganze und faktischer Unterwerfung unter das Ganze vorzunehmen suchen\u00ab (Brock 1986: 63f).<\/p>\n<p>Gemeinsam ist beiden Strategien, dass sie die Sph\u00e4re des \u00e4sthetischen Scheins verlassen. D.\u00a0h. in beiden F\u00e4llen wird die Ganzheitsvorstellung nicht als Fiktion oder Konstrukt thematisiert, sondern immer in Hinblick auf deren Verwirklichung in der Realit\u00e4t. Im einen Fall, um die Verwirklichung in der Realit\u00e4t durchzusetzen; im anderen Fall, um die Konsequenzen einer solchen Durchsetzung aufzuzeigen. In den Worten Brocks: \u00bbStatt die bewegenden Wirkungen der Kunst im Sinne einer Ausrichtung auf Verwirklichung von irgendwelchen Vorstellungen zu verwenden, die uns alle packen, verwenden wir diese Wirkungen um die Vorstellung gerade zu kritisieren\u00ab (Brock 2002: 260).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Brocks Analysen als Weiterentwicklung der kritischen Theorie<\/p>\n<p>Obwohl Brock die beschriebenen Strategien aus der bildenden Kunst als Teil der kulturellen Produktion ableitet, verortet er die Mechanismen dieser Strategien in allen Bereichen der Kultur; charakterisiert also allgemeine Tendenzen der Kulturpraxis. Brocks Analysen erinnern zuweilen an die kulturkritischen Studien seines Lehrers Theodor W. Adorno. Vor allem seine Beschreibung der Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 weist aus einer bestimmten Perspektive starke Parallelen zu Adornos Kritik der Kulturindustrie auf.<\/p>\n<p>Der Begriff der \u203aKulturindustrie\u2039 ist wesentlich weiter angelegt als Brocks Charakterisierung der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie. Er umfasst Aspekte der Produktions-, Objekt- und Rezeptionsebene, w\u00e4hrend Brock vor allem die Rezeptionsebene thematisiert. Deshalb muss sich ein Vergleich haupts\u00e4chlich auf diese Ebene beschr\u00e4nken. Wenn Objekt- oder Produktionsaspekte angesprochen werden, dann immer vor dem Hintergrund ihrer Relevanz f\u00fcr die Rezeption.<\/p>\n<p>Im Folgenden soll kurz auf einige dieser Parallelen eingegangen werden, um zu verdeutlichen, auf welche Weise Brock Adornos Kritik weiterentwickelt. Es soll gezeigt werden, dass im Fall der Kulturindustrie und der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie, erstens, beide Denker kulturelle Produktion als Herabsetzung der Distanz zwischen Produkt und Rezipient beschreiben. Zweitens, dass beide die Ausrichtung der Kulturprodukte als Beg\u00fcnstigung einer auf Distanzlosigkeit gerichteten Rezeptionsweise charakterisieren. Und dass, drittens, diese Rezeptionsweise den \u00dcbergang von Rezeption zu Konsum markiert. Gewinnbringend wird der Vergleich Brock \u2013 Adorno aber erst, wenn gezeigt werden kann, welche Differenz Brock als neues Unterscheidungskriterium in die Debatte einbringt. Ausgehend vom Begriff des \u203a\u00e4sthetischen Scheins\u2039 kann Brocks Weiterentwicklung der Kulturkritik Adornos beschrieben werden.<\/p>\n<p>Die Strukturaffinit\u00e4ten zwischen Brock und Adorno betreffen zum einen die Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses zwischen Kulturprodukt und Rezipient als eines der Distanzlosigkeit. Wie oben herausgestellt wurde, arbeitet Brocks Analyse der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie \u2013 unter dem Stichwort der \u203aBegeisterungsgemeinschaft\u2039 \u2013 mit der Figur einer Ann\u00e4herung des Rezipienten zur im Werk repr\u00e4sentierten Vorstellung. Der Rezipient wird zu dem Ort, an dem sich die Wirkung des Werks realisiert. Wie Brock, weist auch Adorno auf die durch das Werk gelenkten Bewegungsimpulse des Publikums hin: \u00bb[D]as Produkt zeichnet jede Reaktion vor\u00ab (Adorno\u00a01989: 157). Die Tendenz \u00bbzur Herabsetzung der Distanz von Produkt und Betrachter\u00ab (Adorno 1977: 510) charakterisiert Adorno als Tendenz der gesamten Kulturindustrie. Insofern bezeichnet er Kulturindustrie an anderer Stelle als \u00bbdie Bef\u00f6rderung und Ausbeutung der Ich-Schw\u00e4che\u00ab (ebd.: 345). Diese \u00bbfatale \u203aN\u00e4he\u2039\u00ab (ebd.: 511) zwischen Produkt und Rezipient kn\u00fcpft Adorno jedoch, anders als Brock, ausschlie\u00dflich an die Aufl\u00f6sung des \u00e4sthetischen Scheins.<\/p>\n<p>Eine weitere Parallele besteht in der Art und Weise, wie Adorno und Brock die Ausrichtung der Kulturprodukte zur Wirkungserzeugung denken. Es geht also um die Frage, durch welche Mechanismen Distanzlosigkeit gef\u00f6rdert wird. W\u00e4hrend Brock die Ausrichtung der Strategie des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 als \u00bbschiere Oberfl\u00e4chlichkeit, schiere Banalit\u00e4t\u00ab charakterisiert (Brock\u00a02002:\u00a0257), spricht Adorno von der Reaktionserzeugung \u00bbdurch Signale\u00ab (Adorno\u00a01989: 157) oder Effekte: \u00bbDie Kulturindustrie hat sich entwickelt mit der Vorherrschaft des Effekts.\u00ab (ebd.: 144)<\/p>\n<p>Der Begriff \u203aOberfl\u00e4chlichkeit\u2039 wird bei Brock mit den Begriffen \u203aTiefe\u2039 und \u203aWesen\u2039 kontrastiert. Innerhalb der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie gibt es \u00bbkeine Tiefe, kein Wesen, sondern nur die Wirkung\u00ab (Brock 2002: 257). Adorno setzt dem Begriff des \u203aEffekts\u2039 den der \u203aIdee\u2039 entgegen (vgl. Adorno 1989: 144). In beiden F\u00e4llen wird die Abkehr vom \u203aWesen\u2039 oder von der \u203aIdee\u2039 als Verlust beschrieben. Die Fokussierung auf \u203aEffekt\u2039 und \u203aOberfl\u00e4che\u2039 geht jeweils mit der Nivellierung des Werkcharakters einher: \u00bbW\u00e4hrend sie [die Kulturindustrie] nichts mehr kennt als den Effekt, bricht sie deren Unbotm\u00e4\u00dfigkeit und unterwirft sie der Formel, die das Werk ersetzt.\u00ab (ebd.: 145) Brock spricht davon, dass \u00bbdas Werk gar nicht mehr als Werk im Sinne einer physisch materiellen Gestaltung\u00ab, sondern nur noch als \u00bbSumme der Kalk\u00fcle der Wirkungen\u00ab existiert (Brock 2002: 257). Beide gehen also davon aus, dass die Nivellierung des Werkcharakters eine distanzmindernde Rezeptionsweise beg\u00fcnstigt. Und in beiden F\u00e4llen wird der Mechanismus dieser Nivellierung als Verlustmechanismus beschrieben.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend soll noch eine weitere Gemeinsamkeit aufgezeigt werden. Sie betrifft die Konsequenzen einer auf \u203aEffekt\u2039 oder \u203aOberfl\u00e4che\u2039 hin ausgelegten Kulturproduktion. Beide vertreten die Auffassung, dass eine derart ausgelegte Kulturproduktion die Grenzen zwischen Kultur- und Konsumsph\u00e4re nivelliert. Auf der Rezeptionsebene wird hierbei der \u00dcbergang von Rezeption zu Konsum vollzogen. In diesem Sinne spricht Adorno von einem \u00bbReklamecharakter der Kultur\u00ab (Adorno 1989: 185). Und Brock weist darauf hin, dass es keinen Sinn macht, \u00bbdie eine Art der Erzeugung von Publikumsreaktion als Kunst, die andere als Verkaufsstrategie\u00ab voneinander zu unterscheiden.<\/p>\n<p>Beide beschriebenen Kulturmechanismen arbeiten vor dem Hintergrund einer Aufl\u00f6sung des \u00e4sthetischen Scheins. Diese Aufl\u00f6sung korreliert mit der von Brock und Adorno hervorgehobenen Distanzlosigkeit zwischen Kulturprodukt und Rezipient. Mit den ironischen Worten Adornos: \u00bbDie besch\u00e4mende Differenz zwischen der Kunst und dem Leben [\u2026] soll verschwinden\u00ab (Adorno 1970: 32). Es ist aber genau jene Differenz, die in Adornos \u00dcberlegungen Kunst von den Produkten der Kulturindustrie trennt. Die Aufhebung dieser Differenz versteht Adorno als \u00bbBasis f\u00fcr die Einreihung der Kunst unter die Konsumg\u00fcter\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Den \u00e4sthetischen Schein charakterisiert er folgenderma\u00dfen: \u00bbDie Differenz der Kunstwerke von der Empirie, ihr Scheincharakter\u00ab (ebd.: 158). An anderer Stelle: \u00bb[K]ein Kunstwerk hat den Gehalt anders als durch den Schein\u00ab (ebd.: 164). Einerseits bestimmt Adorno den Scheincharakter der Kunst also wesentlich durch die Distanz zur Lebenswelt. Andererseits ist es dieser Scheincharakter, der Kunst erst kunsthaft sein l\u00e4sst. Aus der Perspektive Adornos transformiert der Verlust der Distanz zur Lebenswelt Kunst zu Konsumg\u00fctern.<\/p>\n<p>Auch Brock unterscheidet zwischen Wahrung und Aufhebung des \u00e4sthetischen Scheins. Im Bezug auf das Konzept des Gesamtkunstwerks schreibt er Folgendes: \u00bbGesamtkunstwerke erwecken aber allzu leicht den Eindruck, selber schon der realisierte Gedanke eines umfassenden Ganzen zu sein [&#8230;]. So lange dieser Vorgang auf der Ebene des \u00e4sthetischen Scheins bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden\u00ab (Brock 1986: 63). Problematisch wird die Ganzheitsvorstellung erst, wenn die Ebene des \u00e4sthetischen Scheins verlassen und die Vorstellung auf die Lebenswelt \u00fcbertragen wird. Soweit sind sich Brock und Adorno einig.<\/p>\n<p>Die vorgenommene Parallelisierung der \u00dcberlegungen Brocks und Adornos dient dem Zweck, zu verdeutlichen, dass beide bei der Analyse der Wirkungskalk\u00fcl-Strategie bzw. der Kulturindustrie von \u00e4hnlichen Pr\u00e4missen ausgehen und zu \u00e4hnlichen Ergebnissen kommen. Beide korrelieren den Verlust des \u00e4sthetischen Scheins mit der Herabsetzung der Distanz des Rezipienten zum Werk. Anders als Adorno hebt Brock allerdings eine dritte M\u00f6glichkeit zwischen Kunst bzw. Scheincharakter und Kulturindustrie bzw. Aufl\u00f6sung des \u00e4sthetischen Scheins hervor.<\/p>\n<p>Die Strategie der \u203aProblematisierung\u2039 arbeitet explizit mit der Voraussetzung einer Aufhebung des \u00e4sthetischen Scheins unter gleichzeitiger Wahrung der Distanz zwischen Produkt und Rezipient. Es handelt sich gewisserma\u00dfen um eine Zwitterfigur. Obwohl die Kunsthaftigkeit durch die Realisierung einer Vorstellung in der Lebenswelt des K\u00fcnstlers aufgebrochen und damit die Ebene des \u00e4sthetischen Scheins verlassen wird, f\u00fchrt dieser Mechanismus nicht zur Distanzlosigkeit, die als Signum der Kulturindustrie herausgestellt wurde.<\/p>\n<p>Brock bricht die starre Polarit\u00e4t von Kunst und Kulturindustrie auf, um eine dritte Figur einzuf\u00fchren: diejenige der \u203anegativen Affirmation\u2039 oder des \u203aAgit-Pop\u2039. Die Strategie der \u203anegativen Affirmation\u2039 zielt, wie oben bereits angesprochen, darauf, zu best\u00e4tigen, \u00bbwas nicht gelingen kann\u00ab (Brock\u00a02002: 20): n\u00e4mlich die \u00dcbereinstimmung von gedanklichem Konstrukt und Wirklichkeit. Deshalb ist diese Strategie wesentlich darauf gerichtet, die Grenzen der kognitiven F\u00e4higkeiten des Menschen aufzuzeigen; jene Bedingtheiten aufzuzeigen, \u00bbda\u00df wir Tiere sind, da\u00df wir in einer geschlossenen Welt leben, da\u00df die Realit\u00e4t uns gegen\u00fcber nur das ist, worauf wir keinen Einflu\u00df haben\u00ab (ebd.: 261).<\/p>\n<p>Brock realisiert mit der Strategie der \u203anegativen Affirmation\u2039 oder des \u203aAgit-Pop\u2039 eine Denkfigur, die in Adornos Schriften h\u00f6chstens vage und sehr selten angedeutet, nicht jedoch ausgearbeitet wurde. Eine der seltenen Stellen, mit denen Adorno in eine positive Richtung weist, ist jene: \u00bbNur ein Denken, das ohne Mentalreservat, ohne Illusion des inneren K\u00f6nigtums seine Funktionslosigkeit und Ohnmacht sich eingesteht, erhascht vielleicht einen Blick in eine Ordnung des M\u00f6glichen [&#8230;]\u00ab (Adorno 1977: 471)<\/p>\n<p>Die Analysen der kulturellen Strategien des \u203aWirkungskalk\u00fcls\u2039 und der \u203aProblematisierung\u2039 stellen Brock nicht nur in die Tradition der kritischen Theorie. Vielmehr kann mit Hilfe der Problematisierungs-Strategie gezeigt werden, wie Brock diese Traditionslinie weiterentwickelt. Damit erweitert er das Repertoire kulturkritischer \u00dcberlegungen und liefert ein Instrument an die Hand, das es erlaubt, Kulturprodukte jenseits der Polarit\u00e4t von Kunst und Konsum zu beschreiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1970): \u00c4sthetische Theorie, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1977): Kulturkritik und Gesellschaft, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Adorno, Theodor W. (1989): Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Philosophische Fragmente [1944], Leipzig.<\/p>\n<p>Brock, Bazon (1977): \u00c4sthetik als Vermittlung. Arbeitsbiographie eines Generalisten, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Brock, Bazon (1986): \u00c4sthetik gegen erzwungene Unmittelbarkeit. Die Gottsucherbande, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Brock, Bazon (2002): Der Barbar als Kulturheld. \u00c4sthetik des Unterlassens, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Wagner, Richard (1850): Das Kunstwerk der Zukunft, Leipzig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei grundlegende Strategien kultureller Produktion<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[98238,99352,173,295,1326,1837,2330],"class_list":["post-2052","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-affirmation","tag-agit-pop","tag-andrea-seyfarth","tag-bazon-brock","tag-kulturtheorien","tag-pop-zeitschrift-2","tag-theodor-w-adorno"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2052","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2052"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2052\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2052"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2052"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2052"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}