{"id":2082,"date":"2013-08-08T14:14:07","date_gmt":"2013-08-08T12:14:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2082"},"modified":"2013-08-08T14:14:07","modified_gmt":"2013-08-08T12:14:07","slug":"der-nimbus-des-anti-glamourssuhrkamp-motorhead-und-wolfgang-weltvon-thomas-hecken8-8-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/08\/08\/der-nimbus-des-anti-glamourssuhrkamp-motorhead-und-wolfgang-weltvon-thomas-hecken8-8-2013\/","title":{"rendered":"Der Nimbus des Anti-GlamoursSuhrkamp, Mot\u00f6rhead und Wolfgang Weltvon Thomas Hecken8.8.2013"},"content":{"rendered":"<p>Forciert Unglamour\u00f6s<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[erweiterte Fassung des Aufsatzes \u201eLokales ohne Kolorit\u201c, in: \u201e\u201a\u00dcber Alles oder Nichts.\u2018 Ann\u00e4herungen an das Werk von Wolfgang Welt\u201c, hg. von Steffen Stadthaus und Martin Willems, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2013]<\/p>\n<p>Da ich in denselben St\u00e4dten wie Wolfgang Welt lange gewohnt habe (Bochum) und wohne (Witten), kann ich grunds\u00e4tzlich einigerma\u00dfen beurteilen, ob seine B\u00fccher \u201eNachrichten aus der Wirklichkeit\u201c sind, wie der Suhrkamp Verlag meint. Da ich in der Zeit, von der Welts Berichte bislang handeln (in erster Linie die 1980er Jahre), zum Teil \u00e4hnliche Dinge wie Welt gemacht habe (an der Ruhr-Universit\u00e4t Philosophie und Germanistik studiert, f\u00fcr Stadtzeitungen und Musikmagazine einige Artikel geschrieben), f\u00fchle ich mich nat\u00fcrlich erst recht berufen, den Realismustest anzustellen. Um gleich mit meinem Expertenwissen einzusetzen: Tats\u00e4chlich, es gibt nicht nur diese Eigennamen (Claus Bredenbrock, Christoph Biermann, Charly vom ALRO usw.), die mit den Namen im Geburtsregister belegten Personen haben die ihnen in Welts B\u00fcchern nachgesagten T\u00e4tigkeiten wirklich ausge\u00fcbt.<\/p>\n<p>Doch halt, ist das \u00fcberhaupt wichtig? Welts Schriften sind schlie\u00dflich nicht als Privatdruck erschienen, sondern in Verlagen, die ihre B\u00fccher bundesweit an Leute verkaufen wollen, die weder Bochum noch Welts Freunde und Kollegen kennen. Auch machen die Verlage deutlich, dass es sich f\u00fcr sie nicht um Protokolle handelt, sondern um Literatur im wahrscheinlich sch\u00f6nen, jedenfalls nicht expositorischen Sinne.<\/p>\n<p>Bei der ersten Buchver\u00f6ffentlichung von Welt, \u201ePeggy Sue\u201c (Konkret Literatur Verlag), hei\u00dft es auf dem Cover: \u201eRoman\u201c. Eine Wiederver\u00f6ffentlichung in der kleinen Edition Xplora l\u00e4uft unter dem Titel \u201ePeggy Sue &amp; andere Geschichten\u201c, wobei die \u201eanderen Geschichten\u201c gr\u00f6\u00dftenteils Zeitschriften- und Tageszeitungsver\u00f6ffentlichungen sind, einige davon Musikartikel. Der Suhrkamp Verlag, der \u201ePeggy Sue\u201c zum dritten Mal auflegt, unter dem Titel \u201eBuddy Holly auf der Wilhelmsh\u00f6he\u201c zusammen mit \u201eDer Tick\u201c und der Erstver\u00f6ffentlichung \u201eDer Tunnel am Ende des Lichts\u201c, kommt zur gleichen Einstufung: \u201eDrei Romane\u201c steht auf der Titelseite.<\/p>\n<p>Der Autor ist damit ganz einverstanden. Oft genug spricht er mit anderen dar\u00fcber, dass er sein Manuskript als Roman herausbringen m\u00f6chte, am liebsten beim bekanntesten deutschen Hochkulturverlag. Erste Absagen lassen ihn resignieren: \u201eDann mu\u00df eben die deutsche Literatur auf meinen Geniestreich verzichten\u201c (Doris hilft, Ffm. 2009, S. 93).<\/p>\n<p>Wir wissen dies aber nat\u00fcrlich nur, weil Welt doch weiter gemacht und bald einen Verlag gefunden, schlie\u00dflich sogar bei Suhrkamp ver\u00f6ffentlicht hat. Also doch Geniestreich, deutsche Literatur, Roman! Aber wieso eigentlich? Wir wissen doch nur von Welts literarischen Ambitionen aus seinen B\u00fcchern. Offenkundig glauben wir Welt, dass es sich in den B\u00fcchern um seine Lebensgeschichte handelt. Im speziellen Fall muss sogar kein Leser, auch der nicht, der Bochum nur als Eintrag in der Bundesligatabelle kennt und von Witten nie geh\u00f6rt hat, am Wahrheitsgehalt der Aussagen Welts zweifeln. Die inzwischen publizierten B\u00e4nde sind ja der Beweis daf\u00fcr, dass der Ich-Erz\u00e4hler Welt selbst ist, dass aus den Manuskripten, von denen die Rede ist, die B\u00fccher geworden sind, die der Leser in H\u00e4nden h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Warum also Roman, warum nicht Autobiografie? H\u00f6chstwahrscheinlich ist das Motiv der Roman-Einordnung beim Verlag dasselbe wie beim Autor. Roman, das verspricht mehr Nimbus, Roman ist Kunst und Kultur mit gro\u00dfem K, zumindest als Teil der \u201edeutschen Literatur\u201c.<\/p>\n<p>Mit hohem Nimbus ist zwar auch die Autobiografie verbunden, aber auf andere Art und Weise. Hoher Nimbus, \u00f6ffentliche Bekanntheit ist hier die Voraussetzung, dass jemand \u00fcber sein Leben in einer Buchver\u00f6ffentlichung schreiben darf. Welt wei\u00df das nat\u00fcrlich alles selbst, deshalb sein Drang zur \u201eLiteratur\u201c. Vollg\u00fcltig versteht er die Sache aber offensichtlich nicht. \u00dcber eine Absage von Kiepenheuer &amp; Witsch schreibt er, als g\u00e4be es in \u201eder Literatur\u201c keine Hierarchien: \u201eFrau Matthaei schrieb, mein Buch sei genauso armselig wie das Leben, das ich f\u00fchrte. Ich war k.o. So etwas sagte mir die Lektorin von Rolf Dieter Brinkmann. Hatte der denn nicht auch ein armseliges Leben gef\u00fchrt? Waren seine B\u00fccher deshalb auch armselig?\u201c (Doris hilft, S. 93)<\/p>\n<p>Schon richtig, aber Brinkmann war eben auch Dichter, Verfasser hochgemuter literar\u00e4sthetischer Essays, Herausgeber und Lancierer neuer literarischer Richtungen, \u00f6ffentliche Person, die Kritikergr\u00f6\u00dfen aufmerksamkeitsheischend attackiert, Tabubrecher. Nichts davon steht bei Welt zu Buche, in der literarischen Szene tritt er nicht in Erscheinung.<\/p>\n<p>Nur aber wer bereits etwas darstellt, darf sich schriftlich in aller Ausf\u00fchrlichkeit in Autobiografien darstellen. Ausnahmen best\u00e4tigen dabei die Regel; demokratische, egalit\u00e4re oder radikal plebejische Bestrebungen der \u201aGeschichte von unten\u2018, der Alltagsethnografie, der \u201aLiteratur der Arbeitswelt\u2018 haben sich weder auf dem Buchmarkt noch in den Feuilletons durchsetzen k\u00f6nnen; zudem versammeln sie fast immer mehrere Beitr\u00e4ger in einem Band oder bringen einzelne Mitschriften und Selbstzeugnisse in repr\u00e4sentativer Manier heraus.<\/p>\n<p>Wegen der \u00fcblichen Bindung des Genres der Autobiografie an bekannte bis ber\u00fchmte Personen (zumindest wenn die Autobiografien in publikumswirksamen Verlagen erscheinen) ist gew\u00e4hrleistet, dass jeder solide informierte Zeitgenosse, Zeitungsleser, Fernsehzuschauer \u00fcber die Richtigkeit der autobiografischen Basisangaben urteilen kann. L\u00fcge und Fantasie darf in solchen Autobiografien nicht walten, sie kann es aber auch nicht, weil sich kaum jemand t\u00e4uschen lie\u00dfe. Spielraum f\u00fcr L\u00fcge und unbewusste Fantasie bieten nur die Passagen, in denen sich der Autobiograf \u00fcber sein der \u00d6ffentlichkeit bislang verborgenes Leben und seine Gedanken, Motive, W\u00fcnsche \u00e4u\u00dfert. Als Fantasie, schon gar nicht als L\u00fcge d\u00fcrfen solche Passagen aber keineswegs entdeckt werden. Es geh\u00f6rt zur Konvention des Genres, dass in der Autobiografie die Wahrheit steht. Zuwiderhandlungen bestraft die \u00d6ffentlichkeit zumeist mit Missachtung.<\/p>\n<p>Als Personen des \u00f6ffentlichen Lebens sind die Autobiografen nicht selten sogar in Teilen ihres sog. Privatlebens Bestandteil medialer Archive; Informationen dar\u00fcber sind gut dokumentiert und jederzeit abrufbar, wenn sie nicht ohnehin im Ged\u00e4chtnis und Anekdotenschatz vieler Menschen fest verankert sind. Grobe Unwahrheiten oder offenkundig fiktionale Zus\u00e4tze verbieten sich auch deshalb, weil die Autobiografen als bekannte Personen ihr Leben oftmals in Kreisen gef\u00fchrt haben, die ebenfalls in der \u00d6ffentlichkeit stehen, in sie hineinwollen oder als Journalisten, Publizisten, Klatscherz\u00e4hler zu ihr entscheidend beitragen \u2013 und die darum ein gro\u00dfes Interesse daran haben, m\u00f6gliche L\u00fcgen und Fantasievorstellungen aufzudecken, sowie \u00fcber die M\u00f6glichkeit verf\u00fcgen, dies \u00f6ffentlich zu machen.<\/p>\n<p>All das scheidet im Falle Wolfgang Welts aus. Er selbst ist nicht bekannt, seine Bekannten sind es, mit Ausnahme Herbert Gr\u00f6nemeyers, auch nicht. Das hat sich auch durch die Ver\u00f6ffentlichung der B\u00fccher nicht ge\u00e4ndert. Die B\u00fccher scheinen nicht einmal daf\u00fcr gut zu sein, Kontakt zu alten Freundinnen herzustellen, wie es sich Welt in den B\u00fcchern manchmal ertr\u00e4umt. Nicht einmal Widerspr\u00fcche, Klagen oder Proteste gegen die Nennung ihrer Namen und die Schilderung ihres Sexlebens hat es wohl von den Bekannten Welts gegeben, wahrscheinlich f\u00fchlen sie sich nicht bedeutend genug, so etwas auf juristischem Wege anzustreben.<\/p>\n<p>Vielleicht haben einige von ihnen auch nie erfahren, dass sie nun im Buche stehen, obwohl Welt der eigenen Aussage nach in vielen F\u00e4llen keinerlei Anstalten unternimmt, sie vor einer solchen Entdeckung zu sch\u00fctzen. Dass \u00c4hnlichkeiten mit lebenden Personen rein zuf\u00e4llig seien, es sich bei den Figuren um Komposita aus mehreren Vorbildern oder um weitergedichtete, letztlich fiktionale Konstruktionen handle, auf solche \u00e4sthetischen (und rechtlichen) Erkl\u00e4rungen und Vorsichtsma\u00dfnahmen realistischer Literatur verzichtet Welt weitgehend.<\/p>\n<p>Deshalb spreche ich hier auch nicht vom Ich-Erz\u00e4hler, sondern sage, wenn im Erz\u00e4hlbericht \u201eich\u201c steht: Wolfgang Welt \u2013 behandle die B\u00fccher also als Autobiografien, nicht als Romane im Sinne fiktionaler Narration. Ist damit der Autor Welt gescheitert, hat er \u00fcberhaupt kein Recht, Zugang in die deutsche Literatur bekommen zu wollen? Ganz offenkundig nicht, wie die Aufnahme ins Suhrkamp-Programm offiziell belegt! Es muss demnach etwas anderes sein, weshalb die Aufnahme ins literarische Programm gerechtfertigt werden kann.<\/p>\n<p>Wenn es schon nicht die Schaffung eines eigenen fiktionalen Reiches ist, eines Kunstwerkes, das ganz f\u00fcr sich bleibt und in dem alle einzelnen Realien innerhalb der Ganzheit der Fiktion vorgeblich (wie die Literaturwissenschaft oft meint) ihren wirklichen Charakter verlieren \u2013 dann liegt es nahe, den Kunstwert im Gegenteil zu suchen, in der naturalistischen, genauen Schilderung eines Alltagsausschnitts. Immerhin ist seit gut einem Jahrhundert in k\u00fcnstlerischen Kreisen recht gut anerkannt, dass es eine wichtige Aufgabe der Literatur sei, Wirklichkeitsbereiche auch au\u00dferhalb der Sph\u00e4re der Herrschenden in den Blick zu nehmen, und dies nicht nur verkl\u00e4rend, sondern sogar in aller wirklichkeitsnahen Pr\u00e4zision.<\/p>\n<p>Hier komme ich wieder als Zeitzeuge, in meiner Eigenschaft als Bochumer und als 80er-Jahre-Musikjournalist, ins Spiel. Dass die Eigennamen f\u00fcr mich oftmals leicht erkennbar keine Erfindungen Welts sind, habe ich bereits gesagt. Die Feststellung gilt f\u00fcr alle Protagonisten aus der Musik-, Literatur- und Journalistenszene, die bei Welt vorkommen (nicht beurteilen kann ich das bei den Nachbarn Welts von der Wilhelmsh\u00f6he, seinen Arbeitskollegen in der Nachtw\u00e4chterabteilung und seinen Freundinnen, Bekannten sowie einigen Angestellten von Plattenfirmen, die er erw\u00e4hnt). Mit den Mitteln des Internets heutzutage sogar f\u00fcr jeden Leser leicht zu \u00fcberpr\u00fcfen sind Stra\u00dfennamen, die Namen der Kneipen und Diskotheken, Ortsangaben zu st\u00e4dtischen Geb\u00e4uden. Sie entstammen ausnahmslos der Welt au\u00dferhalb der Buchdeckel.<\/p>\n<p>Was erfahren wir aber genau \u00fcber diese Geb\u00e4ude, Personen, Vergn\u00fcgungsst\u00e4tten? Entsteht ein Bild Westfalens, das f\u00fcr heutige ausw\u00e4rtige Leser und k\u00fcnftige Generationen von kulturhistorisch interessierten B\u00fcrgern und Wissenschaftlern n\u00fctzlich ist? Die Antwort darauf lautet (auch wenn Feuilletonisten schon einmal in ihrer \u00fcblichen Manier, die Suhrkamp-Lektoren Eindruck macht, Welt als \u201eChronisten\u201c Bochums bezeichnet haben): eher nein. Welt interessiert sich kaum daf\u00fcr, wie Dinge oder Menschen aussehen (von Br\u00fcsten abgesehen), er nennt sie nur gerne beim Namen.<\/p>\n<p>Er interessiert sich auch nicht daf\u00fcr, was Menschen denken oder was sie weltanschaulich umtreibt. Er interessiert sich nur daf\u00fcr, was sie gerade tun, wenn er dabei ist, oder ob die Dinge da sind, die er gerade braucht oder gut findet: \u201eWas sollten wir tun. Wir fuhren in das Viertel, das heute als Bermuda-Dreieck bezeichnet wird. Der einzige Laden, der sich auf Anhieb anbot, war das Barrio, das heutige Caf\u00e9 Konkret. Jane ging rein, aber jetzt um elf hatten die die K\u00fcche dicht\u201c (Der Tunnel am Ende des Lichts, wiederver\u00f6ffentlicht in: Buddy Holly auf der Wilhelmsh\u00f6he, Ffm. 2006, S. 364). Oder: \u201eIn der Zeit kam mal der Christoph Biermann mit ein paar Jungs in den Laden rein. Die waren von der Vorgruppe, die er im Marabo mit ihrer ersten Single gehypt hatte. Sie kamen aus Wanne-Eickel\u201c (Peggy Sue, wiederver\u00f6ffentlicht in: Buddy Holly auf der Wilhelmsh\u00f6he, Ffm. 2006, S. 49). Oder: \u201eDann erz\u00e4hlte er mir (er hie\u00df Claus), da\u00df er seinen Job als Lehrer aufgegeben hatte und in der folgenden Woche f\u00fcr mindestens ein Jahr nach England ziehen w\u00fcrde\u201c (Peggy Sue, S. 108). Und: \u201eClaus und ich fuhren in die Zeche. Wir gingen die Treppe zum Restaurant hoch. Auf den Stufen mu\u00dfte er die Einladung vorweisen. Die Plattenfirma schien einen Ausflug gemacht zu haben\u201c (Doris hilft, S. 53).<\/p>\n<p>Das alles ist v\u00f6llig richtig, ich kann es best\u00e4tigen, ich bin dabei gewesen; nun, nicht in dem Moment nat\u00fcrlich, aber Stunden, Tage, Wochen vorher oder nachher. Ich k\u00f6nnte sogar \u00fcber Claus, Christoph, Barrio, Zeche etc. noch sehr viel berichten. Sicherlich k\u00f6nnte Welt das auch, er m\u00f6chte es aber schriftlich nicht (wahrscheinlich auch nicht im Gespr\u00e4ch, sch\u00e4tze ich). Sein Realismus ist allt\u00e4glich im besonderen Sinne, nicht aber in dem herk\u00f6mmlicher realistischer oder naturalistischer Literatur, die sich ebenfalls dem Besonderen verpflichtet f\u00fchlt, jedoch nicht sonderlich allt\u00e4glich davon erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Wenn man im Alltag \u00fcber den Alltag berichtet, erz\u00e4hlt man seinen Freunden und Bekannten nicht die Einzelheiten, die man beim allerersten Mal vielleicht noch ausf\u00fchrlicher beschrieben h\u00e4tte, man sagt nur, was sich gerade, gestern oder vorgestern zugetragen hat. Zwar interessiert das schon im n\u00e4chsten Moment oder in den n\u00e4chsten Tagen meistens niemanden mehr (dann gibt es ja neue Dinge von gerade eben zu erz\u00e4hlen), im Moment selbst gilt das aber als einigerma\u00dfen berichtenswert, nicht jedoch eine detaillierte Schilderung des Wesens von Christoph oder der Inneneinrichtung des Barrio.<\/p>\n<p>Die Alltagsbekannten, denen man das erz\u00e4hlt, wissen schlie\u00dflich, wie Christoph charakterlich beschaffen ist oder wer \u00fcblicherweise ins Barrio geht, etc. Denen muss man das nicht sagen. In gedruckten B\u00fcchern wiederum l\u00e4uft das zumeist genau umgekehrt, da soll alles wie zum ersten Mal stehen oder ein Detail symbolischen Wert gewinnen. Nicht aber in Welts Ver\u00f6ffentlichungen. Manchmal, wie bei Claus oder Christoph, erf\u00e4hrt man nicht einmal beim Bericht des ersten Kennenlernens, wie sie aussehen, oder bei der ersten Erw\u00e4hnung einer Kneipe wie dem Barrio, was sie f\u00fcr G\u00e4ste anzieht oder wie sie eingerichtet ist.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich werden Welts Autobiografien deshalb als Romane ver\u00f6ffentlicht: Nicht nur haben sie keinen bekannten Helden oder bedeutende Ereignisse vorzuweisen, sie tun auch ihr M\u00f6glichstes, um sprachlich und vom Erz\u00e4hlduktus her (nicht nur bei der Erz\u00e4hlperspektive, wie das in den meisten realistischen Romanen der Fall ist) im Banne des Pers\u00f6nlich-Allt\u00e4glichen zu bleiben.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re zwar noch vor nicht allzu langer Zeit das trefflichste Kriterium f\u00fcr Unkultur gewesen, nach ihrer modernen, dem Sch\u00f6nen abgeneigten Wende h\u00e4lt aber die Hochkultur \u2013 nur sie \u2013 selbst daf\u00fcr in einer avantgardistischen Ecke ihr Kunst-Reservat offen. Idealistischere Geister werden es wohl blo\u00df Darstellung eines Ego-Trips nennen, in einer anderen Zeit sollten Welts B\u00fccher jedoch nicht als Roman, sondern als Demokratiefibel ver\u00f6ffentlicht werden \u2013 als Alltagsbericht im mehrfachem Sinne, als Bericht eines Unberufenen, der nicht einmal Anstrengungen unternimmt, sich hochzuschreiben.<\/p>\n<p>Im Gegenteil, meist unternimmt er einige Anstrengungen, sich herunterzuschreiben. Darin beweist er gro\u00dfen Stilwillen, darin kommt auch das Egozentrische sch\u00f6n zum Tragen. Nach moralistischer Tradition kann man dazu auch wieder den Verdacht hegen oder die Gewissheit pflegen, dass alles eitel ist, und im bescheidenen oder selbstqu\u00e4lerischen R\u00fcckzug zuverl\u00e4ssig den Hochmut entdecken.<\/p>\n<p>Selbst aber wenn dies vollst\u00e4ndig stimmen w\u00fcrde, besitzt es \u2013 gewollt oder ungewollt \u2013 demokratische Auswirkungen, falls der Berichterstatter wie im Falle Welts wegen seiner marginalen sozialen Stellung \u00fcblicherweise keine Aufmerksamkeit \u00fcber den engsten Verwandten- und Bekanntenkreis bek\u00e4me. Die Fixierung auf das eigene Versagen, die eigene Deklassierung kann sogar so weit gehen, dass sie die eigene Person in den Mittelpunkt r\u00fcckt, selbst bei gelegentlichen Begegnungen mit wesentlich H\u00f6herrangigen.<\/p>\n<p>Ein gutes Beispiel sind daf\u00fcr Welts Tage mit Mot\u00f6rhead. Als Journalist begleitet er ihre England-Tour, in\u00a0 \u201eDer Tick\u201c berichtet er dar\u00fcber. Zum Starbericht, von dem aus auch etwas Glanz auf den Erz\u00e4hler f\u00e4llt, ger\u00e4t Welt die Sache selbstverst\u00e4ndlich nicht. Der Star dieser Show ist auf dem Papier niemand anderes als Welt. Nat\u00fcrlich als Antistar: Ohne den erwarteten Spesenvorschuss der Plattenfirma bleibt sein ganzes Interesse in England \u00fcber die Tage darauf gerichtet, irgendwie an Essen heranzukommen.<\/p>\n<p>Vor dem Konzert: \u201eAbends nahm mich Laura im Taxi zur Newcastler City Hall mit, wo wir sofort mit unsern Access-Karten in die Garderobe durchmaschierten. Wieder stand ein gro\u00dfer Papierkorb mit Hunderten von Eisw\u00fcrfeln und etlichen Dosen Bier in der Mitte. Auch einige Flaschen Wodka standen wieder rum. Ich hielt mich schadlos. Tats\u00e4chlich hatte auf dem gro\u00dfen Tisch in der Mitte ein Buffet gestanden. Es lagen aber nur noch vertrocknete Salatbl\u00e4tter an den R\u00e4ndern der Platten. Ich griff gierig zu, damit ich \u00fcberhaupt was au\u00dfer Bier in den Magen bekam.\u201c (Der Tick, wiederver\u00f6ffentlicht in: Buddy Holly auf der Wilhelmsh\u00f6he, Ffm. 2006, S. 287)<\/p>\n<p>Der Auftritt: \u201eF\u00fcr meine Story, die ich f\u00fcr den ME [Musik Express] nicht aus dem Blick verlieren durfte, wollte ich ein paar Besucher fragen, was sie an Mot\u00f6rhead so gut fanden. Eben die H\u00e4rte. Ein junges M\u00e4dchen sagte, die Band sei <em>mad<\/em>. Na dann. Ich ging zur\u00fcck in die Halle, mu\u00dfte an neuralgischen Punkten meinen Ausweis z\u00fccken und sah mir dann das Konzert an. Auf den Schnickschnack, mit einem Korb von der B\u00fchnendecke heruntergelassen zu werde, hatten sie diesmal verzichtet. Dann war das Konzert aus.\u201c (S. 288)<\/p>\n<p>Der Tag darauf: \u201eAm n\u00e4chsten Morgen dasselbe in Gr\u00fcn. Ich traute mich nicht, in den Fr\u00fchst\u00fccksraum zu gehen, weil ich Schi\u00df hatte, die w\u00fcrden mir ein paar Pfund f\u00fcr Schinken und Ei abkn\u00f6pfen. In der Lounge genehmigte ich mir dann wieder einen Kaffee.\u201c (S. 289) Sp\u00e4ter: \u201e[A]bends lief dieselbe Show. Ich gierte wieder nach den Salatbl\u00e4ttern. Es war diesmal sogar noch ein St\u00fcck Pastete da.\u201c (S. 290)<\/p>\n<p>Einen Tag weiter: \u201eAm n\u00e4chsten Morgen hatte ich nach der Tasse Kaffee noch knapp ein Pfund und zwei F\u00fcnfmarkst\u00fccke, die ich f\u00fcr die Fahrt vom D\u00fcsseldorfer Flughafen nach Bochum brauchte. Die w\u00fcrde mir sowieso keine Bank umtauschen.\u201c (S. 291) Offenkundig gibt es auch eine Artistik des n\u00fcchtern, aber beharrlich Kl\u00e4glichen \u2013 f\u00fcr gewisse Spielarten des forciert Unglamour\u00f6sen haben nicht nur katholische Orden, sondern auch einige Pop-Sekten Platz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[weitere Hinweise zu dem Sammelband, in dem gro\u00dfe Teile dieses Aufsatzes erschienen sind, <a title=\"sammelband wolfgang welt\" href=\"http:\/\/www.aisthesis.de\/titel\/9783895289965.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Forciert Unglamour\u00f6s<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[203,266,1837,1956,2337,2559],"class_list":["post-2082","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-anti-glamour","tag-autobiographie","tag-pop-zeitschrift-2","tag-realismus","tag-thomas-hecken","tag-wolfgang-welt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2082","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2082"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2082\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2082"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2082"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2082"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}