{"id":2114,"date":"2013-08-17T21:03:42","date_gmt":"2013-08-17T19:03:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2114"},"modified":"2013-08-17T21:03:42","modified_gmt":"2013-08-17T19:03:42","slug":"das-weise-rauschen-rezension-zu-friedrich-a-kittler-die-wahrheit-der-technischen-welt-essays-zur-genealogie-der-gegenwartvon-sven-gringmuth17-8-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/08\/17\/das-weise-rauschen-rezension-zu-friedrich-a-kittler-die-wahrheit-der-technischen-welt-essays-zur-genealogie-der-gegenwartvon-sven-gringmuth17-8-2013\/","title":{"rendered":"Das wei\u00dfe Rauschen Rezension zu  Friedrich A. Kittler, \u00bbDie Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart\u00abvon Sven Gringmuth17.8.2013"},"content":{"rendered":"<p>Die Doors, Jimi Hendrix, die Beatles (\u203aSgt. Pepper\u2039!), Barry McGuire und Pink Floyd werden vom Feldgerichtskommandanten Kittler vernommen und m\u00fcssen ihren \u00bbMi\u00dfbrauch von Heeresger\u00e4t\u00ab rechtfertigen<!--more--><\/p>\n<p>Seine \u00bbebenso unwiderstehliche wie unendliche Lust an der Spekulation\u00ab, die \u00bbintellektuelle Komplexit\u00e4t\u00ab seiner \u00bbDenk-Figuren\u00ab, das \u00bbeigenartige Profil seiner Erz\u00e4hlung von der Technikgeschichte als Kulturgeschichte\u00ab, seinen \u00bbspezifischen intellektuellen Stil, seinen Gestus, seine Gestalt, seinen Ansatz \u00ab \u2013 kurz, die \u00bbin ihrem Kontext absolut zu nennende, an keine Vorl\u00e4ufer anschlie\u00dfende Originalit\u00e4t von Kittlers intellektuellem Stil\u00ab (S. 397 ff.) beschw\u00f6rt Friedrich Kittlers Kollege und teilweiser Weggef\u00e4hrte Hans Ulrich Gumbrecht im Nachwort zu dieser Ver\u00f6ffentlichung noch einmal herauf. Dabei w\u00e4re dies gar nicht n\u00f6tig.<\/p>\n<p>In den dreiundzwanzig zwischen 1978 und 2010 an verschiedenen Orten ver\u00f6ffentlichten Essays ist sie immer noch sp\u00fcrbar, die intellektuelle Energie, die wahr- und wahnhafte \u203aTheorie-Raserei\u2039 dieses Mythomanen\/Mythografen (bedingt das eine nicht immer das andere?) Friedrich Kittler. In diesem Sinne ist dies kein \u00bbBest of\u00ab-Album\u00a0 \u2013 dazu w\u00fcrden auch die Hits aus \u00bbAufschreibesysteme 1800\/1900\u00ab (1985) und \u00bbGrammophon Film Typewriter\u00ab (1986), seinem in kommerzieller Hinsicht erfolgreichsten Buch, fehlen \u2013, wohl aber ein \u00bbB-Sides and Rarities\u00ab-Sampler, der es in sich hat. Anspieltipps und Sound-Beispiele gef\u00e4llig?<\/p>\n<p>Frage: Durch wen oder was wurde der Zweite Weltkrieg f\u00fcr die Alliierten gewonnen? Kittlers Antwort: Durch Alan Turing und seine Maschine im Bletchley Park, rund 70 Kilometer nordwestlich von London, im Informations- und Geheimdienstkrieg gegen die deutsche Enigma. Nicht von der Roten Armee oder den braven Sowjetb\u00fcrgern von Rostov beispielsweise, welche die deutschen Soldaten mit Bratpfannenhieben aus ihrer Stadt trieben. Sie bekommen nicht einmal eine Nebenrolle in Kittlers Fabel zugesprochen. Ihr Einsatz war und ist v\u00f6llig irrelevant, denn \u00bbder Zweite Weltkrieg, um es kurz zu machen, konfrontierte einfach zwei Schreibmaschinen [\u2026] Wichtigster Faktor f\u00fcr den Kriegsausgang war die Tatsache, dass der britische Geheimdienst die ersten operationalisierten Computer der Geschichte (und damit das Ende von Geschichte) installierte\u00ab \u2013 ergo \u00bbjede von einem Algorithmus gesteuerte Maschine kann geschlagen, ja \u00fcberboten werden, vorausgesetzt, da\u00df die Feindmaschine \u00fcber eine Obermenge von Algorithmen verf\u00fcgt. Genau das hat den Zweiten Weltkrieg entschieden. Computer waren und sind die strategisch entscheidende Gegenoffensive eines Medienkriegs\u00ab (S. 242).<\/p>\n<p>In \u00bbDie k\u00fcnstliche Intelligenz des Weltkriegs: Alan Turing\u00ab hat Kittler dem vermeintlichen Computer-Erfinder (\u00bbeiner der wenigen wahren Helden in seiner Mediengeschichte\u00ab \u2013 Gumbrecht, S. 408) und Autisten, der seine Uhr nach einem Stern stellte, seinen Heuschnupfen mit Gasmasken bek\u00e4mpfte, Fahrradsch\u00e4den mit Bindf\u00e4den reparierte und mit elf Jahren seine erste Schreibmaschine konstruierte (entgegen gesicherter biografischer Fakten \u2013 auch dies geh\u00f6rte zu Kittlers Arbeitsweise\u2026) ein Denkmal gesetzt. \u00bbUmsonst hatte Zuse dem Heereswaffenamt nahegelegt, die angeblich unschlagbare Enigma durch seine Computer zu ersetzen. Umsonst hatte Heinrich Scholz, G\u00f6ttingens letzter Logiker [\u2026] Turings maschinelle Widerlegung des Hilbert-Programms \u00fcbersetzt [\u2026]. Also holte die Wehrmacht Turings kriegsentscheidenden Vorsprung nicht auf (um von der Roten Armee zu schweigen)\u00ab.<\/p>\n<p>Eine weitere Frage: Wer erfand eigentlich Pop- und\/beziehungsweise Rockmusik? Musikwissenschaftler und Poptheoretiker w\u00fcrden wohl zu umfassenden Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen ausholen, auf die komplexe Entwicklung von Folk und Traditionals, Blues, R \u2019n\u2019 B und Jazz verweisen, vielleicht den Einfluss der Beatles ausloten. Kittler hingegen antwortet schlicht: Der deutsche Panzergeneral Heinz Guderian. Und die Beweisf\u00fchrung, mit der diese gewagte These in medienhistorisches (oder medienphilosophisches \u2013 um Kittlers kurzzeitige Lieblingsbezeichnung seines Fachgebiets zu nutzen) Arsenal \u00fcbergeht, lautet (in Kurzform) so:<\/p>\n<p>Wenn man davon ausgeht, dass die Wahrheit nur im Medium selber hausen kann, nicht in seinen Botschaften, dann ergibt es Sinn, dass \u00bbdie Wahrheit der Songs [\u2026] [zusammen f\u00e4llt \u2013 S.G] mit den Medien, die ihnen Weltmacht eintrugen. Um allerdings selber wieder zusammenzufallen mit dem milit\u00e4risch-industriellen Komplex am Radioursprung. Doch auch wenn die Stones den Text von \u203aBeggar\u2019s Banquet\u2039 nach Zufallsgesetzen aus lauter Zeitungsschlagzeilen zusammengeschossen haben sollten \u2013 \u203aSympathy for the devil\u2039 \u00a0spricht es trotzdem aus, welchem Satan, Funkerspuk oder Geisterheer die Musik als solche verdankt ist: \u203aI rode a tank, held a general\u2019s rank, when the blitzkrieg raged and the bodies stank\u2039. Schon mit bescheidenen Mitteln der immanenten Interpretation folgt aus diesen Zeilen der Ursprung der Rockmusik [\u2026]: Der Blitzkrieg tobte von 1939 bis 1941. Ohne seine medientechnischen Innovationen w\u00e4re Sound weiterhin jener Brei aus dem AM- oder Dampfmaschinenradio, jene Schlagerseligkeit mit Obertonbeschneidung, Rauschen und Fading [\u2026] [es \u2013 S.G] f\u00fchrte der Mi\u00dfbrauch von Heeresger\u00e4t [\u2026] zur Rockmusik. [\u2026] Deshalb kann man mit den un\u00fcblicheren Mitteln des Aktenstudiums den Blitzkrieg-General im Befehlspanzer, diesen rockmusikalischen Luzifer, auch mit Namen nennen. [\u2026] [Er \u2013 S.G] lie\u00df [\u2026] 1934 [\u2026] vom Heereswaffenamt pr\u00fcfen, ob Ultrakurzwellen tats\u00e4chlich von jedem Strauch auf dem Gefechtsfeld abgefangen werden. Das Testergebnis, allen Lehrmeinungen zum Trotz, war negativ. Also konnte Guderian jeden einzelnen Wehrmachtspanzer mit UKW-Funk ausr\u00fcsten. Die Brieftauben von 1917 durften in ihre Schl\u00e4ge zur\u00fcck\u00ab (S. 207 f.). Und Guderian wird vom Nazi-General zum (auch) Godfather of Rock. Die Doors, Jimi Hendrix, die Beatles (\u203aSgt. Pepper\u2039!), Barry McGuire und Pink Floyd werden zudem vom Feldgerichtskommandanten Kittler vernommen und m\u00fcssen ihren \u00bbMi\u00dfbrauch von Heeresger\u00e4t\u00ab rechtfertigen.<\/p>\n<p>Kittlers Ansatz basierte von Beginn an darauf, alle weichen, warmen Faktoren (l\u00f3gos\/Geist\/Software) komplett auszuschalten. An die harte, kalte Substanz (physis\/K\u00f6rper\/Hardware) sollte es gehen \u2013 die \u00bbAustreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften\u00ab (S. 401) erhob er zum Programm, schon in seinen fr\u00fchen Jahren in Freiburg, als er \u00bbauf der Theorie\u00fcberholspur [\u2026] Klassiker der Dissidenz gegen jede Art von hermeneutischer Harmlosigkeit\u00ab schuf (J\u00fcrgen Kaube: Jede Liebe war eine auf den ersten Blick. Zum Tod von Friedrich Kittler. FAZ; 18.10.2011). \u203aEigentlichkeit\u2039 war stets die Parole bei seinen epistemologischen Sto\u00dftrupp-Unternehmen.<\/p>\n<p>Wie Gumbrecht noch einmal \u2013 gegen jede postume Relativierung \u2013 im Nachwort betont, war Kittler im Auftreten stets \u00bbfrei von Selbstironie\u00ab (S. 397), in seiner Pr\u00e4senz \u00a0\u00bbkompromi\u00dflos n\u00fcchtern\u00ab (S. 406), und ein Wort, das ihm zeitlebens gefiel, lautete: Klartext. Dies \u00bbstand f\u00fcr einen deiktischen Gestus, der implizieren sollte, da\u00df alle weiteren Begr\u00fcndungen oder Erkl\u00e4rungen angesichts einer freigelegten Konstellation von Ph\u00e4nomenen nur tautologisch sein konnten\u00ab (S. 407). Dies erzeugte nicht nur Misstrauen, sondern auch Neid, H\u00e4me, Verachtung, Spott im akademisch-intellektuellen Milieu.<\/p>\n<p>Hier liegt nun der Fehler in Gumbrechts Einsch\u00e4tzung des Kittler\u2019schen Werkes. Er r\u00e4umt Kittler einen Einfluss auf dieses Milieu, dies- und jenseits der deutschen Hochschulen und Institutionen ein, den er abseits der von Hubert Burda finanzierten und flankierten Stiftungsprofessur an der HU Berlin und dem Forum, das ihm die Feuilletons weniger Zeitungen boten, nie hatte. Sein Einfluss \u2013 man sp\u00fcrt dies nach seinem Tode deutlicher denn je \u2013 auf die \u00bbakademisch-intellektuellen Bewegungen in Deutschland zwischen 1978 und 2010\u00ab (S. 399) war gering, und wenn \u00bbin Deutschland heute unentschlossene Erstsemester, die Kittlers Namen nie geh\u00f6rt haben, nicht selten \u203aetwas mit Medien\u2039\u00a0 studieren wollen\u00ab, ist das alles andere als \u00a0\u00bbohne seinen Einflu\u00df ganz undenkbar\u00ab (S. 397), keineswegs Kittler geschuldet, sondern Resultat einer spezifischen Sozialisation zwischen GZSZ, Casting-Shows, Karrieremagazinen und der sich daraus auf krude Weise speisenden Erwartungshaltung. Gumbrecht selbst offenbart Zweifel an seiner These, wenn er von \u00bbnicht nachlassender akademischer Skepsis\u00ab gegen\u00fcber Kittlers Werk berichtet und ihn die \u00bbEinhelligkeit, mit der man nun pl\u00f6tzlich aus der Retrospektive seine singul\u00e4re Bedeutung allenthalben feierte\u00ab, verbl\u00fcfft (S. 396).<\/p>\n<p>Denn Kittler spielte mit Vorliebe den \u203abad boy\u2039 im linksliberalen Akademie-Milieu, gefiel sich in schwelgerischen \u00bbapokalyptischen Perspektiven\u00ab (Gumbrecht, S. 406), wenn er vom \u203asogenannten Frieden\u2039, in dem wir alle leben, schrieb und sprach \u2013 nichts weiter als eine vor\u00fcbergehende Zwischenkriegszeit, die nur der kommenden Mobilisierung diene. Ein Vorentwurf, die Probe der totalen Mobilmachung des post-postmodernen K\u00f6rpers (vorerst noch) in Clubs und Discotheken, durch Videospiele und Gew\u00f6hnungsprozesse an den Speed der seriell-produzierten und unseren Lebenstakt bestimmenden Klein- und Kleinstrechner. Alles, das st\u00f6rt, muss raus aus den K\u00f6pfen und K\u00f6rpern: \u00a0\u00bbSystemschranken, physikalische Nebeneffekte, St\u00f6rquellen usw. All das Rauschen, da\u00df unm\u00f6glich zu verhindern ist, doch wenigstens zu minimieren\u00ab (S. 299) \u2013 das ist der Zwischenkriegsauftrag im \u203aKlartext\u2039.<\/p>\n<p>Auch so lassen sich die Kittler-Essays der 1980er-1990er Jahre heute lesen: Als Prophezeiung, die uns vom Ausgang der gro\u00dfen Krise berichten. Aber ist die Barbarei so unvermeidlich? Was l\u00e4sst sich dem Programm der Mobilmachung entgegensetzen? \u00bbVielleicht muss die Liebe unter Weltkriegsbedingungen aus wei\u00dfem Rauschen kommen\u00ab (S. 213), hei\u00dft es bei Kittler. Die Liebe \u00fcberhaupt \u2013 ein Ausweg, den Kittler zum Ende seines Lebens, seines Werkes hin manisch im alten Griechenland suchte, wie Gumbrecht pointiert darstellt. Die letzte Metamorphose in der intellektuellen Biografie des Freiburger Germanisten gleicht einem befreienden Akt \u2013 aus der selbst deklamierten \u00bbNacht der Substanz\u00ab \u00a0(S. 409) hin zum hellen Licht der G\u00f6tter, Mythen, Sagen, Versprechen \u2013 zum \u00a0\u00bbungeheuren Himmelsglanz \u00fcber Griechenland\u00ab (S. 389), verbunden mit Spekulationen \u00fcber das Fr\u00fchchristentum, die Entstehung des Alphabets, musiktheoretische \u00dcberlegungen, Heidegger-Exegese. 2001 fragte er sich und uns: \u00bbWie kommt es, da\u00df Leute in Europa nicht die Liebe wissen, sondern das Wissen lieben\u00ab?<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel zur Antwort auf diese Frage k\u00f6nnte auch in den hier versammelten Essays liegen, die die \u00bbDenk-Energie\u00ab (S. 399) Kittlers wahrlich sp\u00fcrbar machen und lebendig halten, wie es der Wunsch des Herausgebers ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nFriedrich A. Kittler<br \/>\nDie Wahrheit der technischen Welt. Essays zur Genealogie der Gegenwart<br \/>\nHg. v. Hans Ulrich Gumbrecht<br \/>\nBerlin 2013<br \/>\nSuhrkamp Verlag<br \/>\nISBN: 978-3-518-29673-8<br \/>\n432 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sven Gringmuth ist Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Doors, Jimi Hendrix, die Beatles (\u203aSgt. 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