{"id":2147,"date":"2013-08-24T09:08:22","date_gmt":"2013-08-24T07:08:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2147"},"modified":"2013-08-24T09:08:22","modified_gmt":"2013-08-24T07:08:22","slug":"zwei-punk-erinnerungenvon-thomas-hecken24-8-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/08\/24\/zwei-punk-erinnerungenvon-thomas-hecken24-8-2013\/","title":{"rendered":"Zwei Punk-Erinnerungenvon Thomas Hecken24.8.2013"},"content":{"rendered":"<p>Bay City Rollers, Scumfuck, Bundespr\u00fcfstelle Bonn<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zwei Aufs\u00e4tze, beide erschienen in: Philip Stratmann\/Dennis Rebmann, \u201eMit Schmackes! Punk im Ruhrgebiet\u201c, Verlag Henselowsky + Boschmann, Bottrop 2013]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong><br \/>\nJugendgef\u00e4hrdende Kassierer? Ich bitte Sie!<\/strong><\/p>\n<p>Die Geschichte spielt in einer Zeit, als Bonn noch der Regierungssitz Deutschlands war. Es muss wohl 1995 oder 96 gewesen sein, ganz genau kann ich es gar nicht mehr sagen, da fragte mich eine Studentin, ob ich den Kassierern bei einem Verwaltungsakt behilflich sein wollte. Hm, was hatte ich damit zu tun? Gerade hatte ich mein allererstes Seminar an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum abgehalten, Titel der Veranstaltung: \u201eLiteratur und Recht\u201c. Ein merkw\u00fcrdiger Moment. Am Tag davor war man noch als unbedarfter Student durch die Betong\u00e4nge der Uni gelaufen \u2013 auf einmal stand man selber vorn am Pult als Dozent. Ich f\u00fchlte mich wie eine Art Betr\u00fcger. Aber hatten nicht auch Leute, die nie einen Anatomiekurs von innen gesehen hatten, erfolgreich als Oberarzt fungiert? Wenn man nur sagt, dass man es ist und irgendeinen Zettel (damals gab es noch Vorlesungsverzeichnisse) pr\u00e4sentiert, glauben einem die Leute ja so ziemlich alles.<\/p>\n<p>Mir ging es nicht anders, kein Protest regte sich, als ich so tat, von dem Ahnung zu haben, was ich dort im Seminarraum vor einer einsch\u00fcchternden Zahl an Leuten erz\u00e4hlte. Dann sprach mich irgendwann nach Abschluss des Seminars diese Teilnehmerin an, sie sei die Freundin des Gitarristen der Kassierer, ob ich mit der Gruppe nach Bonn fahren k\u00f6nnte, zur Bundespr\u00fcfstelle f\u00fcr Jugendgef\u00e4hrdende Schriften \u2013 die CD der Kassierer \u201eHabe Brille\u201c sollte auf den Index gesetzt werden.<\/p>\n<p>Nicht schlecht, gerade noch Student, dann Hobby-Dozent, und jetzt schon Experte vor deutschen Gremien? Andererseits, wer sind diese Kassierer? Genaues wusste ich nicht, eine Platte von ihnen hatte ich nie geh\u00f6rt, blo\u00df ein paar Anekdoten. Ich lie\u00df mir also die CD zusenden, um dann sofort zuzusagen: Da konnte man ruhigen Gewissens seinen guten Namen f\u00fcr hergeben.<\/p>\n<p>Denn darum geht es ja: Um den Beweis, dass irgendein Uni-Mensch seine Reputation (bei mir damals nicht viel: ein Doktortitel sowie ein unbezahlter Lehrauftrag als Germanist) f\u00fcr irgendein widerliches Zeug aufs Spiel setzt. Wie ich sp\u00e4ter erfuhr, hatten es die Kassierer vorher sogar bei richtigen Professoren, bekannten Namen der Sozialp\u00e4dagogik aus Jugendfernsehen und Reformschule versucht, die sie aus ihrem Studium oder sonstwo her kannten. Verlorene Illusionen \u2013 blieb also nur ich \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Auf der Fahrt nach Bonn sah ich die vier Kassierer zum ersten Mal. Treffpunkt war eine Wohnung in Bochum-Mitte. Erinnere ich mich richtig oder spielt mir die Fantasie einen Streich?: Ein Zimmer der Wohnung war bis auf einen Haufen \u00fcber den ganzen Boden verstreuter Bierflaschen leer. Ob wahr oder falsch, die Impression ist ein guter Beleg f\u00fcr die Unsicherheit, die ich vor dem Treffen versp\u00fcrte. Mit wem sitze ich da auf der lieben langen Reise nach Bonn in einem Auto zusammen? Verachten mich die Punks nicht in Wahrheit, benutzen mich nur, weil sie nun einmal aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden nicht indiziert werden wollen (immerhin bedeutet Indizierung nicht nur ewigen subkulturellen Ruhm, sondern auch Werbeverbot, Verbannung aus \u00f6ffentlichen Plattenl\u00e4den), und werden mir geh\u00f6rig zu sp\u00fcren geben, dass sie eigentlich mit mir nichts zu tun haben wollten, nur vom Staat zu solcher Bekanntschaft gezwungen?<\/p>\n<p>Nun, die Sorgen waren umsonst, die Kassierer, ich kann es nicht anders sagen, hoffentlich nicht allzu rufsch\u00e4digend: nette Leute, teilweise sogar mit respektablen Berufen, einer Jazzgitarrist, einer Diplom-Psychologe. Merkw\u00fcrdig nur, dass auf der \u00fcberschaubaren Strecke von Bochum \u00fcber Wattenscheid nach Bonn oft an Tankstellen gehalten wurde. Es war fr\u00fch am Morgen, ungewohnt f\u00fcr die Kassierer, wurde st\u00e4ndig Bier gekauft oder Tabletten eingenommen? Auch das verschwimmt im R\u00fcckblick\u2026<\/p>\n<p>Ganz sicher wei\u00df ich aber, dass ich jetzt bester Dinge war. Insgeheim hoffte ich auf eine Indizierung der Platte, sah mich schon vor Verwaltungsgerichten als Gutachter aufgerufen, die Gr\u00fcnde des Verbots anzugehen \u2013 am Ende dann vorm Bundesverfassungsgericht. Deshalb war ich recht entt\u00e4uscht, als in Bonn tats\u00e4chlich noch ein professioneller Rechtsanwalt zu uns stie\u00df. Die Kassierer und ihre Plattenfirma nahmen die Sache unerfreulich ernst. Die Sitzung war denn auch schnell vorbei, rasche Indizierung und Fahrt nach Karlsruhe zu den roten Roben erst einmal abgehakt: Angesichts der geballten Pr\u00e4senz von Recht und Wissenschaft vertagte sich die Bundespr\u00fcfstelle, wollte ein eigenes (oder sagt man korrekter: ein weiteres) Gutachten einholen, nachdem ich einige Stellen aus meinem unangek\u00fcndigten Kurzgutachten vorgetragen hatte.<\/p>\n<p>\u00dcber ein Jahr sp\u00e4ter wieder in Bonn. So lang hat es bis zum zweiten Termin gebraucht. Endlich geht es zur Sache. Jetzt mit anderem Rechtsanwalt, nicht mehr der Musikbranchen-Anwalt mit eigent\u00fcmlich buntem Versace-Sakko, sondern ein gutartiger Vertreter aus Bochum, der die Kassierer als nette Buben ausgibt. Nerven muss man haben, wenn man Platten verkaufen m\u00f6chte! Aber die Kassierer erdulden alles still. Spa\u00df macht nat\u00fcrlich, dass die Vertreter der Bundespr\u00fcfstelle, neben den Beamten die Repr\u00e4sentanten unseres pluralen Gemeinwesens aus den Kirchen, K\u00fcnstlerverb\u00e4nden etc., bestimmt zehn, zw\u00f6lf Leute, sich die komplette CD mit uns schweigend anh\u00f6ren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Danach mein Vortrag, mit einigen Pointen aus dem diesmal vorab geschickten, auf 15 Seiten aufgebl\u00e4hten Gutachten. Hier die Highlights im Originalwortlaut: Zun\u00e4chst zu einzelnen St\u00fccken von \u201eHabe Brille\u201c:<\/p>\n<p>\u201e\u2013 bei einem drastischen Text wie etwa dem zum Song \u201aFrauenarzt\u2018, in dem besagter Arzt als \u201aFotzenfan\u2018 firmiert, hei\u00dft es im abschlie\u00dfenden Refrain dann auf einmal deutlich, um alle phallischen Identifikationen abzuschneiden: \u201aIch bin Urologe, weil ich Pimmelfan bin\u2018. Die m\u00f6gliche heterosexuelle, m\u00e4nnliche Begeisterung \u00fcber den allm\u00e4chtigen Arzt ist dadurch j\u00e4h beendet \u2013 und als wenn das noch nicht reichen w\u00fcrde, spricht eine Frauenstimme den guten Rat aus: \u201aGehen sie als Frau nicht zu einem Frauenarzt, gehen sie zu einer Frauen\u00e4rztin\u2018;<\/p>\n<p>\u2013 in \u201aIch bin Jesus und kann alles\u2018 wird die Allmachtsphantasie durch die Parodie neutestamentlicher Berichte zugleich gebrochen und zum Ausgang einer Religionskritik genommen;<\/p>\n<p>\u2013 in einer gewaltt\u00e4tigen Version der Allmachtsphantasie, \u201aIch t\u00f6te meinen Nachbarn und verpr\u00fcgel seine Leiche\u2018, endet der Refrain mit der merkw\u00fcrdigen Phrase \u2013 nachdem gerade davon die Rede gewesen ist, da\u00df dem Opfer des grausam umgesetzten Wutausbruchs der Bauch aufgeschlitzt werde \u2013: \u201aund dann gucken wir da alle rein\u2018, was in seiner kindlich-naiven Sprache den Exze\u00df eben nicht verharmlost, sondern als grobes, vielleicht d\u00fcmmliches, jedenfalls pubert\u00e4res Aufbegehren gegen den \u201aspie\u00dfigen\u2018 Nachbarn ausweist;<\/p>\n<p>\u2013 neben diesen Liedern stehen au\u00dferdem solche, die von einer gelassenen oder melancholischen Todesgewi\u00dfheit zeugen (\u201aSo leb dein Leben\u2018, \u201aMit \u2018nem Zeppelin durchs Jenseits\u2018, \u201a\u00dcberall bl\u00fchen Rosen\u2018),<\/p>\n<p>\u2013 daneben wieder wird auf eine anachronistisch anmutende Art und Weise ein derber, an die Sprache mittelalterlicher Schw\u00e4nke und Fazetien angelehnter skatologischer Humor gepflegt (\u201aFrau Bayersdorf\u2018).\u201c<\/p>\n<p>Kein Problem also, die Kassierer in Kunsttraditionen zu stellen, die mit \u201eDa\u201c anfangen und mit \u201eda\u201c aufh\u00f6ren. Zusammenfassung und Schlussfolgerung des Gutachtens (zu harmlosen Schuljungen, die verwirrt-derbe Streiche begehen, wollte ich die Kassierer auf keinen Fall herabw\u00fcrdigen):<\/p>\n<p>\u201eEines soll nicht bestritten werden (sonst verl\u00f6re man sich in einer tendenziell heuchlerischen Debatte der Art, man k\u00f6nne gar nie Reaktionen feststellen, Kunst entfalte sich im Medium interesselosen Wohlgefallens etc.): da\u00df ein entsprechendes Produkt Wirkungen etwelcher Art haben kann, da\u00df ein bereits subkulturell einschl\u00e4gig sozialisierter (Fun-)Punk-Anh\u00e4nger sich in seiner wahlweise d\u00fcsteren oder hier wohl eher hysterisch-zynisch fr\u00f6hlichen (manchmal verzweifelten) Weltsicht best\u00e4tigt f\u00fchlen und darob im Sinne von Elternhaus und Schule schwerer erziehbar sein wird, zu dieser Diagnose kann man sich abseits aller Problematisierungen psychologischer Wirkungsforschung wohl zweifelsfrei leicht verst\u00e4ndigen. Von einem Ideal leichter Erziehbarkeit ist allerdings in den einschl\u00e4gigen Curricula auch keine Rede. Inwiefern sich die oben gestellte Diagnose \u201aabweichende Weltsicht\u2018 und \u201aschwere Erziehbarkeit\u2018 mit dem hier, vor der Bundespr\u00fcfstelle, entscheidenden Begriff der \u201asozialethischen Desorientierung\u2018 deckt, soll denn auch tats\u00e4chlich Aufgabe der daf\u00fcr zust\u00e4ndigen Stelle bleiben und nicht in Form einer so oder so pointierten Empfehlung in den Sprachschatz dieses Gutachtens eingehen.\u201c<\/p>\n<p>Es reichte eh schon, die Kunsteigenschaft herausgestellt zu haben, die Bundespr\u00fcfstelle muss dann schauen, ob die vermutete Jugendgef\u00e4hrdung schwerer wiegt. In unserem Fall fiel die Abw\u00e4gung wohl leicht \u2013 leider. Kein Gang vor Verwaltungsgerichte, keine weiteren Reden meinerseits, das bl\u00f6de Ding konnte einfach weiter verh\u00f6kert werden. Und noch schlimmer: Auf keinen Text von mir bin ich so oft angesprochen und angeschrieben worden wie auf dieses unpublizierte Gutachten, da konnte ich in den Jahren danach noch so viele Aufs\u00e4tze und B\u00fccher ver\u00f6ffentlichen. Ungerechte Welt, in der es nur Punk-, aber keine Wissenschaftsfans gibt. Nachtr\u00e4glich bin ich doch f\u00fcr ein Verbot der Kassierer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Blick zur\u00fcck von au\u00dfen \u2013 \u201eScumfuck\u201c <\/strong><\/p>\n<p>Habe ich alle Platten von Buzzcocks, Ramones, Black Flag, Crass, Germs geh\u00f6rt? Sicher. Habe ich T-Shirts mit Sicherheitsklammern befestigt oder verziert, in einem besetzten Haus gelebt, einen Irokesenschnitt getragen? Im Leben nicht. Oder waren mir \u2013 andere Subszene \u2013 T-Shirts, Biertrinken, Livekonzerte, M\u00e4nnerfreundschaften und ehrlicher Punkrock das Gr\u00f6\u00dfte? Wohl kaum. Wie mir geht es \u2013 und vor allem ging es in der Zeit so ungef\u00e4hr von Sex Pistols bis Nirvana und Poison Idea \u2013 vielen anderen. Punk-H\u00f6rer sind nicht immer Punks. Oft sind sie nicht einmal Punkfans im harten Sinne. Nach den Dead Kennedys k\u00f6nnen sie in der n\u00e4chsten Minute unger\u00fchrt ein St\u00fcck der Pet Shop Boys oder noch schlimmerer \u201akommerzieller\u2018 Gruppen h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die gemeinsame Begeisterung f\u00fcr einen Musikstil muss nicht zu weiterer Gemeinschaft f\u00fchren. Meist gibt es einige \u00dcbereinstimmungen bei Abgrenzungen \u2013 Punkh\u00f6rer, die sich f\u00fcr Schubert oder das ZDF begeistern, trifft man selten \u2013, das war es aber auch schon. Der Punk-Lebensstil mag den gelegentlichen Slime-H\u00f6rer vielleicht nicht absto\u00dfen, er \u00fcbernimmt ihn jedoch keinesfalls f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Zu Begegnungen zwischen Punks und den anderen Punk-H\u00f6rern kommt es deshalb zumeist blo\u00df bei Konzerten. Der Unterschied ist an der Kleidung oft sofort sichtbar, er zeigt sich auch h\u00e4ufig an unterschiedlichen Verhaltensweisen. Der Sinn rabiateren, k\u00f6rperbetonteren Auftretens \u2013 symbolisiert, dokumentiert, vorbereitet durch abgerissene Kleidung \u2013 liegt auch darin, jene Musikh\u00f6rer, die nicht ihr ganzes Leben nach Punk-Prinzipien ausrichten wollen, an den Rand zu dr\u00e4ngen oder sie ganz aus der Szene zu vertreiben. Dann l\u00e4uft man zwar keine Gefahr mehr, wie ein Exot begafft zu werden, tr\u00e4gt jedoch durch den Ausschluss der unreinen Formen zuverl\u00e4ssig zur Selbstbeschr\u00e4nkung im mehrfachen Sinne des Wortes bei.<\/p>\n<p>Aber immerhin: So bleibt man unter sich. Oftmals reicht es ja schon aus, nur ein irgendwie gef\u00e4hrliches, abweisendes Image zu kultivieren, um andere fernzuhalten, die wiederum ihre Beklemmungen bereitwillig auf den vermuteten und untergr\u00fcndig bewunderten Aggressor projizieren, selbst wenn es sich vielleicht tats\u00e4chlich nur um grundsolide Bierchentrinker handelt.<\/p>\n<p>Eine Sache kommt aber selbst den st\u00e4rksten Puristen fast immer in die Quere: das eigene Selbstdarstellungsbed\u00fcrfnis. Selbst wenn man es durch verschiedene direkte oder indirekte Ma\u00dfnahmen unterbinden kann, von Au\u00dfenstehenden angestarrt, fotografiert, gefilmt, befragt zu werden, gibt es doch h\u00e4ufig szeneinterne Fotos und Antworten. Deren Wahrnehmung kann man aber nicht so gut kontrollieren, wie man durch handfeste oder symbolische Gesten andere von sich weghalten kann.<\/p>\n<p>Gerade der Mitteilungsdrang der Punks ist erstaunlich. Ich wei\u00df nicht, ob es heute entsprechend viele Blogseiten gibt, fr\u00fcher konnte man aber den Eindruck gewinnen, dass jeder Punk ein eigenes Fanzine herausgab oder zumindest an einem mitschrieb. Das hat es kontaktscheuen Musikh\u00f6rern wie mir dann doch erm\u00f6glicht, der jeweiligen Miniszene nahe zu kommen, ohne mit ihr wirklich etwas zu tun zu haben oder mit ihr in n\u00e4here Ber\u00fchrung zu kommen.<\/p>\n<p>Wie sah das aus? Ein Blick in die Geschichte lohnt hier. Nehmen wir das Zine \u201eScumfuck\u201c aus Duisburg. Hier konnte sich auch der Au\u00dfenstehende \u00fcber viele Jahre ein Bild eines wichtigen Teils der Ruhrgebietspunkszene machen. Ein Exemplar habe ich sogar \u00fcber all die Jahre aufbewahrt: Nr. 17 (aus dem Jahr 1991). Unter dem widerw\u00e4rtigen Abschaum-Titel starrt einen auf dem Cover eine r\u00e4tselhafte Totengr\u00e4bervisage an. Anders als auf der Stra\u00dfe und im Lokal schreckt das auf dem Papier aber nicht wesentlich ab. Auch zwei S\u00e4tze im Bericht \u00fcber einen Auftritt der Bullocks und der Beck\u2019s Pistols in der Geto Bar (D\u00fcsseldorf-Rath) \u2013 \u201eEin Langhaariger fiel derbst auf die B\u00fchne. Etwas Blut, um ihn besorgt, wurde der Song unterbrochen\u201c \u2013 wecken zwar keinerlei Verlangen, dabei gewesen zu sein, \u00e4ngstigen den Leser zu Hause auf der Couch jedoch nicht.<\/p>\n<p>Also weiter reingebl\u00e4ttert in das wie bei so vielen Punk-Zines \u00e4u\u00dferst gelungene Schere\/Pritt-Klebestift-Layout im alten Sch\u00fclerzeitungsformat (Din A4, gefaltet), zum charmanten \u201eDer abgeschlossene Roman (Teil I)\u201c: \u201e[I]ch kaufte noch ein paar Dosen Bier und eine Flasche Brombeerwein und machte mich auf den Heimweg. So ging ich durch die Stra\u00dfen verfluchte den zusammengefallenen Iro, mein warmes Bier, den Papst und die letzte Nacht, die sich anfing in meinem Kopf bemerkbar zu machen. Da fiel mir wieder dieser Spruch ein, den sich zwei Studenten am gegen\u00fcbertisch zutuschelten und zwar so, das ich ihn h\u00f6ren sollte. \u201aSIE M\u00d6GEN TRINKER SEIN, ABER SIE SIND DOCH MENSCHLICHE WESEN.\u2018 Herrgott, dachte ich, es gab mal eine Zeit, da hatten nur Eremiten einen Bart! Jetzt wo ich an diesem gro\u00dfen Altglascontainer lehne, \u00fcber diesen Spruch nachdenke f\u00e4llt mir dieses Plakat auf. Ein Blechmarienk\u00e4fer der sagt: \u201aIch war fr\u00fcher mal eine Blechdose.\u2018 M\u00f6chte mal wissen was an diesem Vieh besser sein soll als eine Blechdose.\u201c<\/p>\n<p>Ausgezeichnet auch die deutsche \u00dcbersetzung eines Artikels von Dee Dee Ramone: \u201eAls wir anfingen wussten wir \u00fcberhaupt nicht was wir spieln sollten. Wir versuchten ein paar BAY CITY ROLLERS Songs aber es war v\u00f6llig daneben.\u201c \u2013 \u201eAm Anfang unserer Freundschaft kauften wir uns oft ein paar Flaschen Wein, sa\u00dfen herum und sauften das Zeug den ganzen Tag. Joey konnte keine Drogen nehmen. Er versuchte es, aber es klappte nicht. Er flippte immer aus. Einmal sah ich ihn Pot rauchen, pl\u00f6tzlich stand er im Flur in einer seltsamen Position und sagte immer wieder: \u201aI\u2019m freaking out! I\u2019m freaking out!\u2018\u201c<\/p>\n<p>Dazwischen und drumherum viele Kurzberichte zu Fanzines, Tapes, Liveauftritten, Platten und CDs. Ohne viel Federlesen legen sie alle die beiden wichtigsten Pop-Ma\u00dfst\u00e4be an: Gef\u00e4llt es mir? Wozu taugt es? \u201eKein Mega-Hammer-Sound, der alle Leute begeistert; allerdings nette Musik, die man (ich) w\u00e4hrend des Beantworten von Briefen an die Staatsanwaltschaft laufen lassen kann\u201c (Willi Wucher zu Strawberry Spring). \u201eAlle Tangos pogten besoffen vor der B\u00fchne und auch der restliche Mob im Saal tobte. Selten so \u2018ne geile Punkrock-Party erlebt. Alle Hits wurden zum besten gegeben.\u201c (Abel Gebhardt \u00fcber ein Konzert der Lokalmatadore in der D\u00fcsseldorfer Geto Bar).<\/p>\n<p>Ahja, die Geto Bar, D\u00fcsseldorf-Rath, kenne ich zwar nicht, ich war nat\u00fcrlich nur mal bei den K\u00fcnstlern im Ratinger Hof nahe der Akademie, aber in der Geto Bar befanden wir uns doch zumindest mit der Lekt\u00fcre schon zu Beginn des Heftes\u2026 Buttocks, Beck\u2019s Pistols, \u201eLanghaarige\u201c schlugen blutig auf der B\u00fchne auf, Konzert unterbrochen\u2026 Wie ging das da weiter, mal das Ende lesen\u2026 \u201eNach dem Gig versammelten sich die Rechten und verlie\u00dfen friedlich den Veranstaltungsort. Einige Linke fingen an ihnen hinterherzujagen. Flaschen fliegen, rein in eine Kneipe, ein gezielter Messerstich gegen einen Verfolger besiegelt fast dessen Ende. Gewalt ausleben, tolle Filmszenen ausprobieren. Bullizei kommt\u201c, hei\u00dft es unangemessen lakonisch.<\/p>\n<p>Was f\u00e4llt der \u201eScumfuck\u201c-Redaktion noch dazu ein? Die letzten drei S\u00e4tze des Artikels: \u201eDa gibt es dann auch rein gar nichts mehr zu tolerieren! Da m\u00f6chten wir nichts mit zu tun haben! Leute mit solchen Einstellungen passen halt nicht auf ein Punkrock-Gig.\u201c Fragt sich allerdings, weshalb diese \u201eLeute mit solchen Einstellungen\u201c geglaubt haben, sie passten zu diesem Punkkonzert. Doch sehr gut, nie dabei gewesen zu sein und nur mal zu Hause die Ramones aufgelegt und in einem \u201eScumfuck\u201c-Heft gebl\u00e4ttert zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[weitere Informationen zum Buch, in dem die beiden Beitr\u00e4ge erschienen sind, <a title=\"hinweis punk ruhrgebiet\" href=\"http:\/\/www.vonneruhr.de\/mit_schmackes_punk_ruhrgebiet.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>]<\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bay City Rollers, Scumfuck, Bundespr\u00fcfstelle Bonn<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[395,716,1066,1201,1837,1918,2037,2337,2539],"class_list":["post-2147","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bundesprufstelle","tag-fanzine","tag-indizierung","tag-kassierer","tag-pop-zeitschrift-2","tag-punk","tag-ruhrgebiet","tag-thomas-hecken","tag-willi-wucher"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2147","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2147"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2147\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2147"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2147"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2147"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}