{"id":2160,"date":"2013-09-01T08:42:34","date_gmt":"2013-09-01T06:42:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2160"},"modified":"2013-09-01T08:42:34","modified_gmt":"2013-09-01T06:42:34","slug":"pop-okonomievon-thomas-hecken1-9-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/09\/01\/pop-okonomievon-thomas-hecken1-9-2013\/","title":{"rendered":"Pop-\u00d6konomievon Thomas Hecken1.9.2013"},"content":{"rendered":"<p>Braucht Kapitalismus Pop? Braucht Pop den Kapitalismus?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst erschienen in: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 2, Fr\u00fchling 2013, S. 86-102]<\/p>\n<p>Wenn der Wirtschaftsnobelpreistr\u00e4ger und Kolumnist der \u00bbNew York Times\u00ab Paul Krugman ein Buch \u00bbPop Internationalism\u00ab nennt, dann darf man sicher sein, dass es sich um eine Abrechnung mit \u00f6konomischen Positionen handelt. Wenn ein Feuilletonist den Zusammenhang von Popkultur und gegenw\u00e4rtiger Wirtschaftsordnung beleuchtet, \u00fcberrascht es nicht, dass seine Beschreibung negativ ausf\u00e4llt: Der frivole Zustand des Kapitalmarktes mache deutlich, in welch starkem Ma\u00dfe die \u00d6konomie zu einer Form hedonistischer \u00bbPopkultur\u00ab verkommen sei, hei\u00dft es in z.B. in der \u00bbS\u00fcddeutschen Zeitung\u00ab nach dem gro\u00dfen Finanzcrash 2008.<\/p>\n<p>\u00bbPop\u00ab zeigt hier immer an, dass etwas nicht richtig sein kann. Was als Kritik am Kommerzialismus der Popkultur begonnen hat, findet vor allem mit der gegenw\u00e4rtigen Finanzkrise eine Fortsetzung. Nun bilden die kritischen Kommentatoren ihre Positionen h\u00e4ufiger mit Blick auf die Verfassung der Wirtschaftsordnung insgesamt aus. Die erst seit der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre anzutreffende Gleichsetzung von Popkultur mit freier, dynamischer Wirtschaft ist dadurch bereits wieder betr\u00e4chtlich in die Defensive geraten.<\/p>\n<p>Eines haben freilich diese unterschiedlichen Ans\u00e4tze oft gemeinsam: Sie kommen in den wirkungsm\u00e4chtigen \u00f6ffentlichen Debatten, abseits spezialisierter Wissenschaftsperiodika, in Diskussionsbeitr\u00e4gen, Print- und Blogartikeln oft auf eine knappe, kursorische Weise zustande, nicht selten gar in einem Ton vorgebracht, als verst\u00fcnden sie sich von selbst. Es ist deshalb ein guter Moment, sie einer gr\u00fcndlicheren Analyse zu unterziehen \u2013 die vertrauten Arten und Weisen der Kommerzialismus-Kritik ebenso wie die weniger bekannten, teils neuen Ans\u00e4tze, Pop und Wirtschaftsverfassung auch au\u00dferhalb der Unterhaltungsindustrie in einem bedeutenden Zusammenhang zu sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Kritik am Kommerzialismus<\/p>\n<p>Die seit Langem bestens vertraute Kritik an der kommerziellen Ausrichtung besitzt einen guten Grund: Sie trifft den Pop-Bereich in beinahe vollem Umfang, weil fast alle Pop-Gegenst\u00e4nde von kapitalistischen Unternehmen hergestellt und vertrieben werden. Eine staatliche Unterst\u00fctzung, die auch aus dem Grund erfolgt, der \u00d6ffentlichkeit einen freien oder kosteng\u00fcnstigen Zugriff auf Kulturg\u00fcter zu bieten, erfahren sie zumeist nicht. Von einer Autonomie der Pop-K\u00fcnste kann deshalb in \u00f6konomischer Hinsicht keine Rede sein. Autonom kann nur das Urteil sein, das \u00fcber sie gef\u00e4llt wird.<\/p>\n<p>Daran setzt folgerichtig die weitere Kritik am Pop-Kommerz an: Die Kommerzialisierung verhindere genau solch ein Urteil. Da die kulturindustrielle Produktion \u2013 so geht das Argument \u2013 aus Profitinteressen heraus erfolge (und nicht aus Gr\u00fcnden der Bildung, des freien \u00e4sthetischen Spiels oder subversiver Verfremdung), ziele sie auf breite K\u00e4uferschichten. Selbst wenn nicht mehr auf den schichten\u00fcbergreifenden Mainstream, sondern nur noch auf Teilkulturen und Stilkohorten abgezielt werde, trage das Profitmotiv zur Standardisierung der Produkte, zum Konformismus, zur Orientierung am je kommerziell Bew\u00e4hrten bei \u2013 dadurch werde die Voraussetzung eines autonomen \u00e4sthetischen Urteils in der \u00d6ffentlichkeit insgesamt erfolgreich untergraben.<\/p>\n<p>Problematisch ist an dieser Kommerzialismus-Kritik, dass sie oftmals ausblendet, in welch starkem Ma\u00dfe sie nicht blo\u00df die Pop-Branche betrifft. Der Bereich der klassischen Musik z.B. wird ebenfalls stark von Rendite- und Marketingzielen beherrscht, \u00f6ffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten unterscheiden sich bei ihren gro\u00dfen Sendern wegen des bangen Blicks auf die Einschaltquoten kaum von ihren privatwirtschaftlichen Konkurrenten.<\/p>\n<p>Noch widersinniger ist es h\u00e4ufig, Independent- von Major-Labels zu trennen. Zwar gibt es gewaltige Abst\u00e4nde bei den Umsatzzahlen, Profitinteressen verfolgen beide Firmensorten jedoch gleicherma\u00dfen; nicht selten stehen sie sogar in direkten Gesch\u00e4ftsbeziehungen miteinander. Unabh\u00e4ngig sind die Musiker bei erstgenannten Firmen demnach keineswegs; zudem zeigt die g\u00e4ngige Verwendung von \u203aIndependent Music\u2039 an, dass Teile der von solchen Labels ver\u00f6ffentlichten Titel in stilistischer Sicht leicht zusammengefasst werden k\u00f6nnen, also wenigstens innerhalb einer bedeutsamen Szene ein beachtliches Ma\u00df an Konformit\u00e4t anzutreffen ist (oder war).<\/p>\n<p>Das Gleiche gilt f\u00fcr andere Branchen von Mode bis Print. Unter anderem deshalb stellt der Vorwurf an einzelne K\u00fcnstler und Firmen, sie seien kommerziell, lediglich ein rhetorisches Man\u00f6ver dar, mit dem eine \u00e4sthetische oder sonstige Abneigung auf scheinbar sachliche Weise wirksam zum Ausdruck gebracht werden soll. Oftmals steckt hinter dem Kommerzialismus-Vorwurf die Kritik an der ungebildeten Masse, die man sich nicht mehr traut, offen auszusprechen.<\/p>\n<p>Solche Fehler kann man der Adorno-Schule keineswegs vorwerfen. Auch wenn das manchen seiner Leser, die wohl nur einzelne Studien und Urteile, etwa Adornos Verdikte gegen den Jazz, kennen, verborgen geblieben ist: Adorno hat in seinem Werk keinen Zweifel daran gelassen, dass die kulturindustriellen Verh\u00e4ltnisse nicht nur die Produktion und Rezeption von Hollywoodfilmen und Popmusik bestimmen, sondern auch die der anderen Kulturwaren. Folgerichtig hat Adorno nicht nur die Beatles, sondern auch Karajan kritisiert. Allgemein erkennt Adorno die Zurichtung der klassischen Musik auf Marketing- und Renditeziele hin in der hervorgehobenen Stellung des Dirigenten, der Bevorzugung \u203agro\u00dfer Stimmen\u2039 und im Kult des Virtuosentums, wenn er auch der Ansicht ist, dass die Produkte der popul\u00e4ren Musik im Regelfall genormter und noch st\u00e4rker auf den Einzelreiz hin getrimmt sind als die kulturindustriellen Darbietungsformen klassischer Musik.<\/p>\n<p>In immer neuen Anl\u00e4ufen moniert Adorno den Warencharakter von Werken, die aus normierten Teilen, aus wenigen Grundtypen best\u00fcnden und darum unter Beif\u00fcgung oberfl\u00e4chlicher Variationen flie\u00dfbandartig gefertigt werden k\u00f6nnten. Das kulturindustriell gefertigte einzelne Werk besteht f\u00fcr ihn vor allem aus einer vorgepr\u00e4gten Abfolge standardisierter, konditionierender sinnlicher Reize. Bedeutsam sind diese abwertenden Einsch\u00e4tzungen, weil sie nicht im Namen alter harmonischer, klassizistischer Ideale vorgebracht werden. Adorno bejaht selber in weitreichendem Ma\u00dfe den Einspruch des besonderen Reizes gegen die Totalit\u00e4t, umso schwerer wiegt sein Urteil \u00fcber die zwanghaft, schematisch zusammengeklammerten Einzelreize.<\/p>\n<p>All das einger\u00e4umt, ist die Frage, ob die Analysen Adornos (weiterhin) richtig sind, jedoch noch nicht beantwortet. Treffen die Feststellungen \u00fcber kulturindustriell hergestellten Konformismus und Schematismus, \u00fcber routinierte Effekthascherei und steten R\u00fcckgriff auf kommerziell bereits Bew\u00e4hrtes zu? Mit einem einfachen Ja oder Nein kann man die Frage freilich keineswegs beantworten. Wenig stichhaltig ist zwar das Gegenargument (man h\u00f6rt es h\u00e4ufig aus Reihen der Wirtschaft selbst), die Diagnose von der profitablen Manipulation, von den durchgesetzten Produktstereotypen sei falsch, weil das t\u00e4gliche Marktgeschehen immer wieder erweise, dass Erfolge nicht planbar seien. Das ist aus Sicht einzelner Manager oder manchmal auch einzelner Firmen sicherlich ein wichtiger Hinweis, widerlegt aber nicht Adornos Position. In der Konkurrenz der Anbieter untereinander (selbst bei oligopolistisch eingeschr\u00e4nkter Konkurrenz) kann nat\u00fcrlich nicht jedes Produkt Gewinn bringen, auch nicht jedes mit gro\u00dfer Kapitalmacht hergestellte. Das \u00e4ndert allerdings nichts an der Tatsache, dass Waren, die mit Hilfe finanzstarker Marketingma\u00dfnahmen auf den Markt gelangen, grunds\u00e4tzlich viel gr\u00f6\u00dfere Absatzchancen haben als jene, die von der Firmenseite her der gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit kaum bekannt gemacht werden (k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Falsch ist Adornos Kritik in anderer Hinsicht. Erstens hat sich die von ihm unterstellte Tendenz zur Monopolbildung im Bereich der Kulturwarenproduktion nicht vollzogen. Zweitens m\u00fcssen gro\u00dfe St\u00fcckzahlen und breite K\u00e4uferschichten nicht zwangsl\u00e4ufig gleichbedeutend mit gro\u00dfen Profiten sein (nur mit hohen Ums\u00e4tzen); mit weniger zahlreich vertriebenen Produkten k\u00f6nnen mitunter h\u00f6here Margen und manchmal sogar in absoluten Zahlen gr\u00f6\u00dfere Gewinne erzielt werden. Die kapitalistische Pop-\u00d6konomie ist deshalb grunds\u00e4tzlich keine Wirtschaft weniger Produkttypen.<\/p>\n<p>Nicht bestritten werden soll mit diesem Urteil, dass die gro\u00dfen Firmen Skalenvorteile nutzen wollen, im f\u00fcr sie besten Falle international. Nicht nur die M\u00f6glichkeit, vom einmal hergestellten Werk viele Exemplare reproduzieren zu lassen, erh\u00f6ht ab einem bestimmten Punkt den Gewinn. Wird das Image eines K\u00fcnstlers oder eines Produkts in vielen nationalen M\u00e4rkten akzeptiert und bejaht, muss nicht jeweils ein anderer Marketingansatz ausgearbeitet werden, auch das reduziert die Kosten. Die Tatsache, dass national wie international beachtliche Prozentzahlen des Gesamtumsatzes mit wenigen Filmen, CDs etc. erzielt werden, zeigt den Erfolg dieser Bem\u00fchungen. Der schon allein von der Organisationsweise der gro\u00dfen Unternehmen her naheliegende Versuch, die Produktion am Bew\u00e4hrten auszurichten, ist h\u00e4ufig ebenfalls erfolgreich, was man wiederum an den Spitzenpl\u00e4tzen der jeweiligen Verkaufsranglisten erkennen kann. Sie werden h\u00e4ufig von weitgehend standardisierten Produkten dominiert, die blo\u00df marginale Unterschiede aufweisen.<\/p>\n<p>Dennoch kann man dem heutigen Kulturwarenangebot nun wirklich nicht nachsagen, es biete nur ein paar jeweils leicht variierte Grundtypen an. Selbst im gerade angesprochenen Bereich der Produkte mit hohen Verkaufszahlen l\u00e4sst sich auf l\u00e4ngere Sicht keine Einf\u00f6rmigkeit feststellen, dazu hat z.B. der schnelle Wechsel der Stile im Popmusiksektor beigetragen. Mit dem Auslaufen des popmusikalischen Fortschritts (bzw. der raschen, einschneidenden, modischen Stilabfolge) in postmoderne Kombinationen, Retromoden, Kristallisationen hat sich an der Reichhaltigkeit des Angebots und der keineswegs gleichf\u00f6rmigen Nachfrage nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Ge\u00e4ndert hat sich blo\u00df, dass heutzutage \u00e4ltere Produkte in neuen Auflagen oder neuen Speichermedien mit h\u00f6herem Erfolg neuen Artefakten Marktanteile und\/oder Aufmerksamkeit entziehen. Auch Waren, die \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum einigerma\u00dfen konstante Renditen einspielen, besitzen f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere Firmen Attraktivit\u00e4t (nicht nur punktuelle Bestseller). Gleiches gilt f\u00fcr Produkte, die \u00fcber kleinere, aber von der Zahl her immer noch beachtliche K\u00e4uferschichten verf\u00fcgen. Neben den Blockbustern, die ein schichten\u00fcbergreifendes Publikum oder sehr viele Angeh\u00f6rige einer gro\u00dfen Gruppe (beim Film etwa der Teenager) erreichen, sind f\u00fcr die Kultur- und Konsumg\u00fcterindustrie solide Abs\u00e4tze in mittelgro\u00dfen Segmenten oder in kaufkr\u00e4ftigen Szenen lukrativ genug, um entsprechende Angebote stetig zu erneuern.<\/p>\n<p>Jene Kritik am Kommerzialismus und an den gro\u00dfen Konzernen, die sich als Kritik an pseudoindividuellen und schlichten Produkten \u00e4u\u00dfert, m\u00fcsste deshalb wenigstens teilweise anders ansetzen (vorausgesetzt, man m\u00f6chte \u00fcberhaupt an einer Kritik geschmacklicher Pr\u00e4ferenzen festhalten und das Einfache und Regelhafte mit dem \u00e4sthetisch Schlechten identifizieren). Die Kritik m\u00fcsste sich mindestens mit gleicher Intensit\u00e4t auf die Gruppen und Schichten erstrecken, die diese standardisierten Produkte oftmals zu den gr\u00f6\u00dften Umsatztr\u00e4gern machen \u2013 denn davon, dass anders beschaffene Produkte nicht von der Kulturindustrie hergestellt w\u00fcrden, kann keine Rede sein (zudem wird jedem Heranwachsenden in der Schule wiederholt ein Kontrastprogramm zu den aktuellen Bestsellern pr\u00e4sentiert).<\/p>\n<p>Es w\u00e4re allerdings ebenso kurzsichtig, besagte Vielf\u00f6rmigkeit, die sich nicht blo\u00df an den schmalen R\u00e4ndern umsatzschwacher Marktsegmente zeigt, lediglich auf die T\u00e4tigkeit freien Unternehmertums zur\u00fcckzuf\u00fchren. Zwar stimmt es, dass wichtige Bereiche der Popkultur (Musik, Mode, Spiele) weitgehend ohne staatliche Unterst\u00fctzung auskommen, nicht zu untersch\u00e4tzen ist aber der allt\u00e4gliche Anteil, der unabh\u00e4ngig von erzielten Profiten dazu beitr\u00e4gt, den Pop-Markt am Laufen zu halten: Ohne die vielen Nachwuchsk\u00fcnstler, die, finanziert von den Eltern oder durch Einnahmen aus anderen T\u00e4tigkeiten, beachtliche Vorleistungen erbringen, bevor einige von ihnen Vertr\u00e4ge mit der Kulturindustrie abschlie\u00dfen k\u00f6nnen, verl\u00f6re das Pop-Warenangebot wahrscheinlich an Vielfalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pop-Haltungen und Wirtschaftsordnung<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Frage, ob es sich beim raschen Wechsel der Pop-Moden um letztlich illusion\u00e4re Unterschiede oder um deutliche Abweichungen handelt, die nicht nur in m\u00e4\u00dfiger Weise profitable Standards variieren, k\u00f6nnen sich linke Kritiker im Regelfall darauf einigen, dass der modische Pop-Konsum von gro\u00dfer Bedeutung f\u00fcr den Fortbestand der kapitalistischen Wirtschaft sei. Falsche Bed\u00fcrfnisse w\u00fcrden zum Zwecke des immer weitergehenden Profitwachstums geweckt, funktionierende Gegenst\u00e4nde aus \u00e4u\u00dferlichen, nichtigen Gr\u00fcnden wegen Produkteinf\u00fchrungen ausgemustert, deren Neuheit blo\u00df in Designvarianten und Marketingillusionen bestehe.<\/p>\n<p>Konservative teilen die Sto\u00dfrichtung der Kritik vollkommen, sie sind jedoch der \u00dcberzeugung, dass diese Erzeugung des Wirtschaftswachstums die freie Markwirtschaft nicht befestige, sondern \u00fcber kurz oder lang zerst\u00f6ren werde. Da das Produktionssystem weitgehend umorganisiert worden sei, um die nun nie abrei\u00dfenden Konsumw\u00fcnsche zu erf\u00fcllen, untergrabe die \u00d6konomie ihr eigenes Fundament. Die F\u00f6rderung des Hedonismus bewirke die Aufl\u00f6sung jenes protestantischen Charakters mit seinen kulturellen Leitvorstellungen der Selbstdisziplin, Triebunterdr\u00fcckung und Arbeitsaskese, der ben\u00f6tigt werde, um die geforderten Produkte herzustellen. Der Widerspruch zwischen hedonistischer Konsumkultur und den rational-funktionalen Erfordernissen der \u00f6konomischen Produktion sei eklatant<\/p>\n<p>Immer wieder haben Konservative w\u00e4hrend der letzten f\u00fcnf Jahrzehnte in alarmiertem Tonfall darauf hingewiesen, dass verschiedene Ausw\u00fcchse der Popkultur (von der Pornografie bis zum Drogenmissbrauch), aber vor allem die konsumistische Haltung an sich (Bequemlichkeit, Spa\u00df-Moral, Ausrichtung des Lebens auf Freizeitvergn\u00fcgungen) nicht nur mehr oder minder sittlich bedenklich seien, sondern den Bestand der Gesellschaft insgesamt hochgradig gef\u00e4hrdeten. Sowohl die Schul- als auch die Arbeitsleistung sehen sie nachhaltig bedroht, das Ende der rational organisierten und wettbewerbsf\u00e4higen Wirtschaft nahe.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt nicht schwer, die konservative Diagnose zu entkr\u00e4ften. Inzwischen ist genug Zeit unter der Herrschaft des Konsumismus vergangen; die letzten Jahrzehnte kann man als eine Art Experiment in allergr\u00f6\u00dftem Ma\u00dfstab ansehen, mit einem Ergebnis, das in den westlichen Staaten klarer nicht h\u00e4tte ausfallen k\u00f6nnen \u2013 von einem Niedergang der Wirtschaftst\u00e4tigkeit, von einer L\u00e4hmung der Arbeitsproduktivit\u00e4t kann keine Rede sein. Die konservativen Prognosen haben sich bislang als vollkommen grundlos erwiesen. Offensichtlich muss der intensivierte Freizeit-Pop-Hedonismus und die zerstreute Konsum-Mentalit\u00e4t aufs Ganze gesehen der konzentrierten Arbeitsleistung und der Verwaltungsrationalit\u00e4t keinen Abbruch tun.<\/p>\n<p>Dieses Ergebnis st\u00fctzt die liberalen wie neulinken Ans\u00e4tze, die im Gegensatz zu den Konservativen und Ordoliberalen in der Entfaltung des modischen Pop-Konsums stets einen wichtigen oder gar unverzichtbaren Motor des Kapitalismus gesehen haben. Ihre These lautet seit David Riesmans \u00bbEinsamer Masse\u00ab und der Kritischen Theorie: Die moderne, an der Konsumsteigerung ausgerichtete \u00d6konomie ben\u00f6tige hedonistischere und zugleich flexiblere, auf wechselnde Reize reagierende, immer wieder neu manipulierbare Charaktere, nicht mehr den puritanischen Menschen, der an den v\u00e4terlich-autorit\u00e4r eingepflanzten Pflicht- und Tugendidealen um ihrer selbst willen festh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Liberale begr\u00fc\u00dfen diese Entwicklung, Neulinke kritisieren sie, weil sie darin nur eine Scheinliberalit\u00e4t erkennen; die vorgebliche Freiheit sei vom Wirtschaftssystem erzwungen. Selbst abweichende Meinungen, Schockdesigns und Erzeugnisse der Gegenkultur, die warenf\u00f6rmig vertrieben werden, stellen in den Augen der neulinken Theoretiker in erster Linie weitere Produkte dar, die den Differenzkonsum konsequent entfalten und damit das kapitalistische System am Laufen halten.<\/p>\n<p>F\u00fcr beide Ans\u00e4tze, den liberalen wie den neulinken, spricht einiges. Zweifellos ist es richtig, dass der Renditedrang und -zwang keine moralischen Gebote und Pflichtideale anerkennt. Was Profit verspricht, wird auf dem Markt angeboten; nur staatliche Sanktionen k\u00f6nnen Einhalt gebieten, und selbst dann werden die Angebote nicht selten illegal aufrechterhalten. Nicht richtig ist aber, wie manche Liberale mit positivem und die allermeisten Vertreter der Neuen Linken mit negativem Grundton vermerken, dass die kapitalistisch er\u00f6ffneten R\u00e4ume hedonistischen Pop-Konsums mittlerweile unumg\u00e4nglich f\u00fcr das Bestehen des Wirtschaftssystems seien. Genau weil es dem Kapitalinvestor und Unternehmer egal sein kann, womit er seinen Profit erzielt, m\u00fcssen Pop-Hedonisten nicht notwendigerweise als K\u00e4ufer bereit stehen.<\/p>\n<p>Fielen sie auf der Nachfrageseite aus, w\u00fcrde eben mit anderen Produkten Geld verdient. Absatzprobleme bei H&amp;M, Apple, Phantasialand und Sony k\u00f6nnten etwa Metro, Boss, BHW Bausparkasse und Expedia zugutekommen. Auch der ganz unwahrscheinliche Fall, dass Bertelsmann und RTL vom Markt verschwinden und mit Suhrkamp, ECM, Manufactum neue Umsatzriesen entstehen, w\u00fcrde an der bestehenden \u00f6konomischen Ordnung rein gar nichts \u00e4ndern. Sogar eine \u00fcber viele Jahre h\u00f6her ausfallende Sparquote ist mit der kapitalistischen Wirtschaft prinzipiell vereinbar, wenn die daraus abgeleiteten Kredite im Immobiliensektor, bei Infrastrukturprojekten etc. einer profitablen Verwendung zugef\u00fchrt werden \u2013 oder, im negativen Falle, wenn eine wegen r\u00fcckl\u00e4ufiger Konsumausgaben bewirkte Rezession nicht zu einer Systemkrise und sozialistischen Umschw\u00fcngen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Fragw\u00fcrdig ist auch, dass die neulinke und queere Kritik die Entstehung und Durchsetzung vergr\u00f6\u00dferter Konsumm\u00f6glichkeiten zumeist blo\u00df aus kapitalistischen Bedingungen und Machtstrukturen heraus erkl\u00e4rt. Auf diese Art und Weise wird ein Zustand, der das Ergebnis vielf\u00e4ltiger politischer, gewerkschaftlicher, \u00f6konomischer, technologischer, k\u00fcnstlerischer Auseinandersetzungen und Prozesse ist, schlicht zur Folge der wirtschaftlichen Interessen und gesellschaftlichen Anforderungen des Neoliberalismus. Das mag zwar eine politisch wirkungsvolle These sein, hat aber mit der historischen Wirklichkeit wenig zu tun.<\/p>\n<p>Die Argumentation wider den Pop-Kapitalismus geht jedoch noch weiter. Sie richtet sich bei den Liberalen wie den Neulinken nicht blo\u00df auf den Konsumenten, sondern mittlerweile oft auch auf den Unternehmer und den Angestellten. Bei den Liberalen steht st\u00e4rker der Unternehmer, der Selbstst\u00e4ndige im Brennpunkt. Ihm wird nachgesagt, dass er im innovativen Falle mit Pop-Prinzipien wie Freiheitsdrang und Rebellentum im Bunde stehe. An solche Diagnosen kn\u00fcpfen neulinke Analysen an, allerdings sind diese st\u00e4rker auf die Angestellten bezogen, zu deren Anforderung es mittlerweile z\u00e4hle, kreativer, eigenst\u00e4ndiger, flexibler zu agieren als in den vergangenen Zeiten straffer Firmenhierarchien, national st\u00e4rker abgeschotteter \u00d6konomien und auf Konformit\u00e4t ausgerichteter B\u00fcrokratie.<\/p>\n<p>Nicht ohne unmittelbare \u00dcberzeugungskraft ist das liberale Argument, wenn man z.B. an den gelegentlichen Konflikt zwischen verschiedenen staatlichen Instanzen und Rockmusik oder Videospielen denkt. Hier \u00fcberzeugt auf den ersten Blick die Analogie von Pop-Freiheit und jenem Unternehmertum, das sich nicht um traditionelle bildungsb\u00fcrgerliche und neuere sozialp\u00e4dagogische Bedenken schert. Wieso dies allerdings ein bedeutender Beitrag des Pop-Sektors zum kapitalistischen Fortschritt sein soll, bleibt unerfindlich, ist das Ph\u00e4nomen des traditionslos handelnden und spekulierenden Entrepreneurs und Investors doch viel \u00e4lter als die Popmode.<\/p>\n<p>Wer meint, es sei kein Zufall, dass die ungebundenen finanzkapitalistischen Spekulationsgesch\u00e4fte und -krisen mit dem Aufstieg der Popkultur einhergehen, macht sich ein allzu idyllisches Bild von fr\u00fcheren b\u00fcrgerlichen Zeitl\u00e4uften. Deshalb kann man sicher behaupten, dass der Pop-Sektor vom unreglementierten Unternehmertum profitiert hat, nicht aber umgekehrt, dass der Kapitalismus einen rebellisch oder amoralisch gearteten Pop-Impuls ben\u00f6tige (ganz zu schweigen davon, dass es mit dem Individualismus und dem Nonkonformismus im Pop-Bereich oftmals nicht weit her ist).<\/p>\n<p>Auch das neulinke Argument \u00fcberzeugt nicht vollst\u00e4ndig. Zwar sind die Manager-Fibeln \u00fcbers\u00e4t mit Forderungen nach Kreativit\u00e4t, Originalit\u00e4t etc., mit der Wirklichkeit in den Firmen haben sie au\u00dferhalb einiger Werbeagenturen, Softwarefirmen, Designerb\u00fcros jedoch wenig zu tun (und selbst in den genannten Branchen der Kreativwirtschaft sind die Freiheitsspielr\u00e4ume auf den niedrigeren Hierarchieebenen trotz aller Freiheits- und Selbstst\u00e4ndigkeitsrhetorik de facto stark beschr\u00e4nkt). Der Anspruch, flexibel zu sein, hat sich allerdings in vielen Abteilungen und deregulierten, ehemaligen Staatsbetrieben durchgesetzt, es geht ihnen aber wenig um geistige, nicht einmal um modische Beweglichkeit, sondern um rechtlich schlechter ausgestaltete, unsichere Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Die kreative Leistung besteht auf der Seite des Angestellten, Leiharbeiters oder freischaffenden K\u00fcnstlers darin, unter diesen aufgeherrschten Bedingungen einigerma\u00dfen zu leben oder sie sich \u2013 H\u00f6hepunkt geistiger Freiheit \u2013 als Chance zurechtzulegen.<\/p>\n<p>Direkter mit dem Pop-Bereich verbunden ist der weitere neulinke Punkt, die Entscheidungen der Konsumenten, sich selbst mit bestimmten Waren auszustaffieren und zu stilisieren, nicht blo\u00df als Freizeitaktivit\u00e4t zu verbuchen. Wie bereits Herbert Marcuse in \u00bbDer eindimensionale Mensch\u00ab festhielt, seien \u00bb\u203asexy\u2039 B\u00fcro- und Ladenm\u00e4dchen, der ansprechende, virile Juniorchef und der Verk\u00e4ufer\u00ab selbst \u00e4u\u00dferst \u00bbmarktg\u00e4ngige Waren\u00ab. Erfolg hei\u00dft nach dieser neulinken Auffassung heute, so konsumiert zu haben, dass man selbst von einflussreichen, m\u00e4chtigen Institutionen und von vielen begehrten Personen konsumiert wird. Schon seit den 1920er Jahren kann man (etwa mit Siegfried Kracauer) feststellen: Modestile sowie gewisse Attraktivit\u00e4ts- und Lebendigkeitsformen, die als Konsumobjekte, Sch\u00f6nheitsnormen und Bewegungsmuster dem Pop-Sektor zuzurechnen sind, haben mit der Vergr\u00f6\u00dferung des Dienstleistungsgewerbes zweifellos an Bedeutung f\u00fcr die Berufst\u00e4tigkeit gewonnen.<\/p>\n<p>Liberale w\u00fcrden das sicherlich als Zeichen gr\u00f6\u00dferer Freiheit und antipuritanischer Ungezwungenheit auch au\u00dferhalb der Privatsph\u00e4re ansehen. Neulinke Theoretiker im Gefolge von Frankfurter Schule bis Althusser und Foucault hingegen erblicken darin eine Form der Lebensgestaltung, die einem zwar nicht unter Androhung von Repressionen diktiert wird, die man jedoch nur selbstt\u00e4tig ausbildet und ungezwungen bejaht, weil sie die passende Haltung darstellt, um innerhalb der heutigen kapitalistischen \u00d6konomie Anerkennung als Unternehmer, Verk\u00e4ufer und Marketingagent seiner selbst zu finden.<\/p>\n<p>Auch wenn das in Teilbereichen richtig sein mag, untersch\u00e4tzt man auf neulinker Seite damit insgesamt aber wiederum die Kr\u00e4fte der Marktordnung. Wie der Kapitalismus zu seiner Reproduktion nicht zwingend den Pop-Konsumenten braucht, ist es f\u00fcr seinen Fortbestand auch nicht notwendig, dass die Arbeitskr\u00e4fte \u00fcber Eigenschaften und Antriebe \u2013 Sexyness, modische Flexibilit\u00e4t, ausgestellte Lebendigkeit, Rebellentum \u2013 verf\u00fcgen, die mitunter dem Pop-Bereich zugeschlagen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Den Leiharbeitern, Putzfrauen, Bediensteten im Hotel- und Gastst\u00e4ttengewerbe, Paketzustellern, Callcenter-Mitarbeitern etc. wird zudem in erster Linie klar gemacht, dass sie die n\u00f6tige positive Einstellung, Freundlichkeit und eine weitreichende Flexibilit\u00e4t bei Arbeitszeiten und Lohnvorstellungen an den Tag legen sollten, indem man ihnen mit dem Verlust des Arbeitsplatzes droht \u2013 und von staatlicher Seite das Arbeitslosen- und Sozialhilfegeld so gering h\u00e4lt, wie es eben verfassungsrechtlich m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Ein Appell an die Kreativit\u00e4t und Lebensfreude dieser Mindestverdiener \u2013 wie ihn etwa McDonald\u2019s in seinen Spots f\u00fcr Auszubildende voll popmusikalischen Bewegungsdrangs zelebriert \u2013 ist darum nur Beiwerk, das viel st\u00e4rker der Imagepflege beim Kunden dient als der Anwerbung und Motivation des Personals. Deren Gr\u00fcnde, am Arbeitsplatz einigerma\u00dfen lebendig und dynamisch zu agieren, stammen vor allem aus materiellen Pressionen, kaum aus einer verinnerlichten Pop-Ideologie.<\/p>\n<p>Was bleibt, ist bei n\u00e4herer Betrachtung demnach \u2013 blo\u00df oder immerhin \u2013 die Diagnose, dass in einigen Sektoren der gegenw\u00e4rtigen kapitalistischen \u00d6konomie Pop-Dispositionen von relativ gro\u00dfer Bedeutung sind. Vergleicht man die Sph\u00e4ren der Arbeit und Konsumtion miteinander, gilt das in h\u00f6herem Ma\u00dfe f\u00fcr die Ausrichtung des Konsumenten als f\u00fcr die der Angestellten. Wenn man den stetigen Kauf von Waren des allt\u00e4glichen Gebrauchs, deren Neuheit sich modisch ver\u00e4nderten Designs verdankt (nicht gr\u00f6\u00dferer Haltbarkeit, technischer Funktionalit\u00e4t oder neuen Unterhaltungstypen), als Pop-Konsum anspricht, dann besitzt diese Konsumweise einen beachtlichen Anteil am Bruttoinlandsprodukt der westlichen Staaten.<\/p>\n<p>Eine besondere Beziehung zwischen Kapitalismus und so bestimmtem Pop-Konsum kann daraus aber wie gesagt nicht hergeleitet werden. Aus rein \u00f6konomischer Sicht machte es insgesamt keinen Unterschied, wenn die Kaufakte viel weniger Jeanshosen und Videospielen und st\u00e4rker Delikatessen und Baumarktprodukten g\u00e4lten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Die Systemfrage<\/p>\n<p>Drehen wir aber die Frage einmal um: Braucht Pop den Kapitalismus? Hier, sollte man meinen, f\u00e4llt die Antwort doch eindeutiger aus, gibt es entschiedenere Beziehungen und Bedingungen. In den Zeiten der Systemkonkurrenz, besonders in den Jahren von 1964 bis 1989 stand die Antwort unumst\u00f6\u00dflich fest: Ohne Kapitalismus kein Pop, man sah es am grauen Ostblock-Kommunismus. Wenn man Anh\u00e4nger des real existierenden Kommunismus war oder zumindest den westlichen Liberalismus und seine Pop-Dekadenz verabscheute, konnte man darin nat\u00fcrlich auch einen Vorteil sehen. Besonders dem modernen amerikanischen Parteig\u00e4nger des Kapitalismus aber war die Existenz von Beach Boys, Hollywood und Madonna ein vorz\u00fcglicher Beleg f\u00fcr die \u00dcberlegenheit des liberalkapitalistischen Systems.<\/p>\n<p>Nicht irre machen lie\u00df er sich davon, dass seit den 1960er Jahren den Konsumchancen der Bev\u00f6lkerung in den sozialistischen F\u00fcnfjahrespl\u00e4nen eine gro\u00dfe Bedeutung einger\u00e4umt wurde \u2013 und umgekehrt seit den sp\u00e4ten 1970er Jahren in den westlichen Staaten allm\u00e4hlich die Anschauung durchgesetzt wurde, dass der Konsum der Armen, Arbeitslosen und Rentner in geringerem Umfang sozialpolitisch unterst\u00fctzt werden sollte. Ihm reichte vollends die offenkundige Tatsache, dass ungeachtet sozialistischer Pl\u00e4ne und trotz neoliberaler K\u00fcrzungen das westliche Konsumniveau allgemein betr\u00e4chtlich h\u00f6her lag \u2013 und gerade im Pop-Bereich in den realsozialistischen Staaten kaum modische und insgesamt nur relativ wenige Produkte vorlagen. Die sozialistische Praxis, bei Ver\u00f6ffentlichungen staatlich gut ausgebildete Komponisten, Designer, Regisseure etc. zu bevorzugen, trug nicht einmal zum erkennbaren \u00e4sthetischen Vorzug entsprechender Produkte bei. Wegen der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion sind das alles nur noch historische Anekdoten.<\/p>\n<p>An ihr Ende ist diese Geschichte dennoch nicht gelangt. Nicht weil in China mittlerweile viele Pop-Waren produziert und auch konsumiert werden \u2013 diese Neuerung geht schlie\u00dflich mit der chinesischen \u00d6ffnung zum Kapitalismus und der teilweisen Abkehr von der Planwirtschaft einher \u2013, sondern wegen der kapitalistischen Dynamik selbst. Mit staunenswerter Rasanz und finanzieller Wucht haben sich die Investoren in Zusammenarbeit mit den staatlichen Beh\u00f6rden daran gemacht, die digitalen Kommunikationsnetze auszubauen. Beliebter \u203aContent\u2039 im Netz ist wenig \u00fcberraschend Pop-\u203aContent\u2039. Eine ungeheure F\u00fclle an digitalisierten Songs, Texten, Bildern, Videos steht f\u00fcr jeden dort frei (zumindest frei von unmittelbaren monet\u00e4ren Anforderungen) zur Verf\u00fcgung. Gesch\u00e4ftsmodelle, die solche Inhalte kostenlos anbieten, um auf anderem Wege Profit aus den Besuchern ihrer Internetseiten zu schlagen, machen es m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Soziale Netzwerke wiederum bestehen zu einem Gutteil daraus, dass Leute \u00fcber Notebook oder Handy diverse Pop-Produkte an Freunde und Bekannte weiterempfehlen. Selbst wenn man nicht (wie bei den meisten Facebook-Mitgliedern \u00fcblich) \u00fcber Hunderte solcher \u203aFreunde\u2039 verf\u00fcgt, erreicht ein t\u00e4glicher Strom an Links zu Fernsehsendungen, Covern, Popst\u00fccken, Starfotos, Modevideos den einzelnen Bewohner der digitalen Welt. Voraussetzung f\u00fcr die eigene Teilnahme ist demnach (wenn man sich nicht blo\u00df auf private Botschaften und das Versenden von Urlaubsfotos beschr\u00e4nken m\u00f6chte) die Suche im Netz nach interessanten Pop-Fundst\u00fccken, um sich an ihnen selbst zu erfreuen, sie mit anderen zu teilen und dadurch den eigenen Geschmack oder die eigene Kenntnis auszustellen. F\u00fcndig wird man bei dieser Suche selbst bei wenig Geduld fast immer, als Pop-Archiv hat das weltweite Netz die Bibliotheken im Nu \u00fcberfl\u00fcgelt.<\/p>\n<p>Viele der Such-, Finde- und Speichert\u00e4tigkeiten w\u00e4ren selbst bei einer Versch\u00e4rfung des Urheberrechts und seiner \u00dcberwachung erlaubt; die schwer l\u00f6sbaren Probleme bei der Durchsetzung der rechtlichen Bestimmungen verschaffen unbek\u00fcmmerten Nutzern zudem mancherlei M\u00f6glichkeiten, sich auch aktuelle kommerzielle Produkte, die illegal auf Servern lagern, kostenfrei anzuh\u00f6ren und anzusehen. Unrechtsbewusstsein versp\u00fcren sie dabei kaum, ganz im Gegenteil kontern sie sogar recht h\u00e4ufig die Versuche, ihre Handlungen zu kriminalisieren, aggressiv im Namen der Freiheit, als geh\u00f6re die Garantie des (unternehmerischen) Eigentums nicht zu den wichtigsten Rechtsg\u00fctern b\u00fcrgerlicher Demokratie.<\/p>\n<p>Der Widerspruch zwischen (bald hemmender) privater Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die Produktionsmittel und der zunehmenden (dr\u00e4ngenden) Vergesellschaftung durch den Fortschritt bei der Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte, den Marx und Engels als Hauptgrund f\u00fcr die Notwendigkeit des Umschwungs zum Sozialismus benannt haben, taucht hier wieder auf: als Widerspruch zwischen der technologisch nun einfach m\u00f6glichen Digitalisierung, Vernetzung, Rezeption und dem Anspruch, bestimmte Digitalisate als Privateigentum sch\u00fctzen zu lassen und nur gegen Geld zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<p>Eigent\u00fcmlicherweise geht also momentan der einzige wirksame antikapitalistische Widerstand vom Pop-Sektor aus \u2013 weil der weit verbreitete illegale Zugriff auf Pay-TV-Serien, Hollywoodfilme, Rockst\u00fccke etc. der Forderung nach Internetfreiheit einige Attraktivit\u00e4t verleiht. Ganz fest ist die Verbindung von Kapitalismus und Popkultur demnach doch nicht. Es w\u00e4re freilich vermessen, dieser Abkehrbewegung momentan gr\u00f6\u00dfere Zugkraft zuzubilligen. Da die Bedenken gegen das Privateigentum nur bei digitalen Angeboten laut werden, nicht aber bei allen anderen G\u00fctern auch, handelt es sich um einen sehr beschr\u00e4nkten, eher zuf\u00e4lligen Antikapitalismus (man sieht es auch daran, dass er sich manchmal in bornierter Weise als K\u00fcnstlerkritik \u00e4u\u00dfert: als Kritik am Beharren der K\u00fcnstler, ihr sog. geistiges Eigentum geltend zu machen).<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von linken Bestrebungen muss man den internetfixierten Eigentumskritikern, die f\u00fcr Songs und Videos im Netz partout nichts zahlen wollen, jedoch einiges Engagement attestieren. Sie geben sich nicht mit dem zufrieden, was jetzt bereits wohl unwiderruflich frei im Netz steht \u2013 das ist immerhin ein guter Teil der gesamten Popgeschichte \u2013, sondern m\u00f6chten das kostenlose Angebot auf alle aktuellen Produkte ausgeweitet wissen. Von w\u00fcnschenswerten Grenzen des Wachstums ist bei ihnen zumindest in dieser Hinsicht nichts zu h\u00f6ren. Als Konsumsperre, als Hemmnis, sich besonders f\u00fcr neue Werke zu interessieren, haben die Bekundungen zu Postmoderne und Posthistoire offensichtlich nicht gewirkt, selbst wenn die Innovationsm\u00f6glichkeiten in den Pop-K\u00fcnsten tats\u00e4chlich deutlich geringer geworden sind.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr den Modesektor: Auch hier f\u00fchren Retrotrends, Patchwork-Kombinationen und die Legitimierung der Secondhand-Kleidung nicht zum Ende des Wachstums in der Modeindustrie; Interesse f\u00fcr \u00c4lteres und Neueink\u00e4ufe gehen Hand in Hand. Eine drastische Verringerung der Geldausgaben ist f\u00fcr den Pop-Anh\u00e4nger zwar heutzutage leicht m\u00f6glich, aber trotz hoch angesehenem Flohmarktchic, Internet-Archivismus, Retrosound insgesamt nicht festzustellen. Was an CD-K\u00e4ufen und Zeitschriftenabonnements eingespart wird, tr\u00e4gt nicht zur Askese bei, sondern wird f\u00fcr Videospiele und Handys ausgegeben; der Griff in den Kleiderschrank der Eltern er\u00fcbrigt kaum einmal den Gang zu Zara oder H&amp;M.<\/p>\n<p>Dennoch sollte man die Auffassung, dass es gerade die kurzfristigen Pop-Moden seien, die einen in den Zyklus von Konsum und abh\u00e4ngiger Arbeit einspannten, mit einiger Skepsis betrachten. Zweifellos ist die Ansicht nicht falsch, wie man eindrucksvoll an der gerade erw\u00e4hnten Tatsache sieht, dass auch Postmoderne und Internetflatrates nicht zur Schrumpfung des Pop-Budgets f\u00fchren. Sie \u00fcbersieht aber, in wie viel h\u00f6herem Ma\u00dfe einen andere K\u00e4ufe unentrinnbar ins kapitalistische Leistungssystem (vor allem nach der starken neoliberalen Begrenzung von Arbeitslosengeld und Sozialhilfe) verstricken. Haus- und Autokauf fallen ganz anders ins Gewicht \u2013 und im Gegensatz zum Luxuskonsum, der sich ums Echte, Seltene und um die gro\u00dfen Sch\u00f6pfernamen dreht, sind die k\u00fcnstlichen, massenhaft reproduzierten, manchmal anonymen Gegenst\u00e4nde des Pop-Konsums oftmals \u00e4u\u00dferst billig.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine sozialistische Grundversorgung auf dem Niveau der ehemaligen Sowjetstaaten ist der g\u00e4ngige Pop-Konsum trotzdem nicht standardisiert genug. Die Bedeutung der vielf\u00e4ltigen Genre- und Subgenredifferenzierungen und der fl\u00fcchtigen, kurzlebigen Modetrends weist den Pop-Bereich zuverl\u00e4ssig als kapitalistischen Sektor aus, weil beide Faktoren von einer Planwirtschaft nicht angemessen erfasst werden k\u00f6nnen. Nur wenn sich die Postmoderne so stark durchsetzen w\u00fcrde, dass die aktuelle Rezeption und der aktuelle Konsum \u00fcberwiegend an Dingen (vor allem an digitalisierten Aufzeichnungen) der Vergangenheit Gefallen f\u00e4nde, w\u00e4ren sozialistische Wirtschaft und Popkultur miteinander vereinbar.<\/p>\n<p>Gerade in der heutigen Zeit, in der beachtlichen Teilen der Bev\u00f6lkerung in den westlich-kapitalistischen Staaten Sparanstrengungen abverlangt und auferlegt werden, um nicht zuletzt den Erhalt und die Verzinsung der gro\u00dfen Kapitalverm\u00f6gen zu sichern, m\u00fcssen Pop-Anh\u00e4nger jedoch nicht zwangsl\u00e4ufig als gl\u00fchende Verfechter des herrschenden Wirtschaftssystems auftreten. Ein Bekenntnis zur Pop-\u00d6konomie kann auch linke Z\u00fcge tragen. Bereits angesichts des Thatcherismus hat Gary Clarke 1981 unter dem Titel \u00bbDefending Ski-Jumpers\u00ab am Centre for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham eine Abhandlung vorgelegt, die in der Popkultur einen Ort des Widerstandes gegen die Austerit\u00e4tspolitik ausmachte. Gegen den beliebten Aufruf, dass \u203awir\u2039 sparen m\u00fcssen, setzte Clark die Losung des Pop-Konsums.<\/p>\n<p>Clarke tat dies nicht in der Manier keynesianischer Politiker und Kommentatoren, die sich von st\u00e4rkeren Staatsausgaben und einem erh\u00f6hten Konsum eine Belebung der Wirtschaft insgesamt erhoffen \u2013 die also an ihren konservativen Gegnern, die auf eine Beschneidung der Staatsausgaben setzen, in erster Linie kritisieren, dass sie die bestehende Wirtschaftsordnung nicht verst\u00fcnden und das Wachstum gef\u00e4hrdeten. Bei Clarke geht es nicht um eine \u00f6konomische Ableitung, sondern um eine politische Forderung, um eine ver\u00e4nderte Aufteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten derjenigen, die sonst \u00fcblicherweise am st\u00e4rksten von \u203aunseren\u2039 Sparma\u00dfnahmen betroffen sind.<\/p>\n<p>Deshalb rief Clarke dazu auf, sich von der Privilegierung subkultureller Pop-Szenen zu verabschieden und stattdessen den Hedonismus und Materialismus der Jugend- und Popkultur insgesamt politisch herauszustreichen. \u00bbYoung people now expect a certain standard of living based on good clothes, records, nights out, or whatever\u00ab, hielt Clarke fest, um darin nicht die durchgesetzte kapitalistische Ideologie, sondern eine wichtige Grundlage sozialistischer Agitation zu erkennen: \u00bbthe very existence of a youth culture, the quest for \u203agood times\u2039 and \u203agood clothes\u2039, contains an element of resistance as part of a struggle over the quality of life\u00ab. Und mit einer weiteren Formulierung, bei der man nicht recht wei\u00df, ob es sich um eine Feststellung oder eine Hoffnungsbekundung handelt: \u00bbState monetarism involves an attempt to lower working-class expectations, to \u203atighten our belts\u2039; youth culture represents an anchor for refusal, for resistance to a return to austerity.\u00ab<\/p>\n<p>Hat Clarke Recht, m\u00fcsste das heute, in den Tagen der Finanzkrisen, in verst\u00e4rktem Ma\u00dfe, europaweit, gelten. Auch hier ist aber Skepsis angebracht. Wie die Geschichte der letzten f\u00fcnfzig, sechzig Jahre hinl\u00e4nglich gezeigt hat, verf\u00fcgt jugendlicher Widerstand nur \u00fcber sehr begrenzte, rasch abebbende Kraft. Zudem sind jugendkulturelle Bewegungen, obwohl sie sich von Erscheinungsformen und Protagonisten der Popkultur oft haben mitrei\u00dfen lassen, nie im Namen des Pop-Konsums und des oberfl\u00e4chlichen Hedonismus angetreten. Freiheitspathos oder allgemeine Forderungen nach Gerechtigkeit, Anklagen gegen politische Unterdr\u00fcckung und erwachsene Autorit\u00e4t pr\u00e4gten ihre Parolen und verschafften ihnen Dynamik.<\/p>\n<p>Dies muss nat\u00fcrlich nicht hei\u00dfen, dass es so bleiben muss. Da mit politischem Anspruch auftretende Jugendkulturen, die \u00fcber kleine Szenen hinauskommen, schon seit zwei Jahrzehnten nicht mehr zu verzeichnen sind, liegt der Gedanke nahe, an die Stelle von Freiheitsverlangen und Entfremdungskritik einmal materialistische Forderungen nach garantiertem Zugriff auf \u00bbgood clothes, records, nights out, or whatever\u00ab zu setzen. Je abwegiger diese Idee erscheint, desto besser dient sie immerhin als Beweis der These, dass der kapitalistische Geist noch lange nicht im Pop-Hedonismus aufgeht.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cEngagement und Autonomie&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;14.7.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2020&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Braucht Kapitalismus Pop? 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