{"id":2327,"date":"2013-10-09T20:57:58","date_gmt":"2013-10-09T18:57:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2327"},"modified":"2013-10-09T20:57:58","modified_gmt":"2013-10-09T18:57:58","slug":"pop-kunst-guerilla-sabotage-subversionvon-thomas-hecken9-10-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/10\/09\/pop-kunst-guerilla-sabotage-subversionvon-thomas-hecken9-10-2013\/","title":{"rendered":"Pop, Kunst, Guerilla, Sabotage, Subversionvon Thomas Hecken9.10.2013"},"content":{"rendered":"<p>Subversionen und Sabotagen stellen ein Schmiermittel des heutigen Kunstsystems dar, sie wirken weniger st\u00f6rend als belebend<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[leicht gek\u00fcrzte Fassung des Aufsatzes \u201eDies ist eine St\u00f6rung\u201c, in: \u201eSabotage! Pop als dysfunktionale Moderne\u201c, hg. v. Marcus S. Kleiner und Holger Schulze, transcript Verlag, Bielefeld 2013]<\/p>\n<p>Am 30.11.1970 zeigte der ARD-Sender S\u00fcdwestfunk (SWF) innerhalb der Sendung \u201eFernsehausstellung II, IDENTIFICATIONS\u201c [Fernsehgalerie Gerry Schum] u.a. einen Beitrag von Daniel Buren. Er bestand darin, das in der ARD damals zur Anzeige von technischen Problemen verwendete Bild zu verwenden, auf dem neben einigen grafischen Elementen das Wort \u201eSt\u00f6rung\u201c zu sehen ist. Dass der Fernsehempfang gest\u00f6rt ist, hat der aufmerksame Zuschauer nat\u00fcrlich selbst l\u00e4ngst gemerkt, die Einblendung des Senders zeigt ihm nun, dass es nicht sein Apparat ist, der repariert werden muss, sondern das Problem woanders liegt, au\u00dferhalb der Zust\u00e4ndigkeit, Verantwortung, Kontrolle des Empf\u00e4ngers.<\/p>\n<p>Bei Burens Beitrag handelte es sich allerdings nicht um eine St\u00f6rung im technischen Sinne. Buren \u00fcbernahm einfach die offizielle Einblendung, der zust\u00e4ndige Fernsehgalerist akzeptierte es im Rahmen seines Ansatzes, f\u00fcr Fernsehsendungen nicht blo\u00df Kunstwerke in Museen, Galerien, Ateliers abzufilmen, sondern Fernsehbilder selbst als Kunstwerke zu pr\u00e4sentieren \u2013 und der zust\u00e4ndige Redakteur akzeptierte den Beitrag. Deshalb lief er in der so betitelten \u201eFernsehausstellung\u201c. Der Zuschauer, der die Sendung von Anfang gesehen hatte oder durch Programmhinweise \u00fcber den Zuschnitt der Sendung im Bilde war, wusste demnach recht sicher, dass es sich nicht um die Anzeige eines gerade festgestellten technischen Defekts handelte.<\/p>\n<p>Ganz sicher sein konnte er sich freilich nicht. Wegen der Ununterscheidbarkeit von Burens Beitrag mit der \u00fcblichen, offiziellen \u201eSt\u00f6rungs\u201c-Einblendung gab es keine M\u00f6glichkeit, beide vor dem Fernsehschirm auseinanderzuhalten (nur die Sendeleitung und die Techniker im Rundfunk konnten das). Selbst der Hinweis, dass es sich um eine Kunstsendung handele und die einzelnen Beitr\u00e4ge Kunstwerke seien, vermochte beim Zuschauer die Unsicherheit nicht aufzuheben, schlie\u00dflich bestand ja die M\u00f6glichkeit, dass die St\u00f6rungsmeldung eine technische St\u00f6rung der Kunstsendung anzeigt.<\/p>\n<p>Nicht einmal ein vorhergehender Hinweis, das n\u00e4chste Bild \u00fcbernehme nur das \u00fcbliche St\u00f6rungsbild, verweise aber auf keine technische St\u00f6rung, h\u00e4tte dies unterbinden k\u00f6nnen, denn selbst in diesem Fall bliebe immer noch die M\u00f6glichkeit bestehen, dass in genau diesem Moment eine St\u00f6rung eintritt und rasch mit dem gewohnten Hinweis offenbart wird.<\/p>\n<p>Mittlerweile sieht der entsprechende Hinweis\u00a0 l\u00e4ngst anders aus, nicht einmal den Sender gibt es in der Form mehr (Nachfolger ist der SWR). \u00dcberdauert hat aber Burens Beitrag. Er ist nicht nur im Bestand des Centre Pompidou verzeichnet, sondern nach wie vor zu sehen. Ich habe ihn mir im November 2012 im ZKM Karlsruhe angeschaut, nach Angabe des ZKM blickte ich auf: \u201eUntitled (St\u00f6rung) von Daniel Buren S\/W, Sound, 48 sek. \u00a9 Collection Mnam\/Cci, Centre Pompidou, Paris\u201c (http:\/\/container.zkm.de\/presse\/special_video_vintage.html).<\/p>\n<p>Verst\u00f6rt kann jetzt nur noch der Betrachter sein, der in Verwirrung oder \u00c4rger dar\u00fcber ger\u00e4t, dass so etwas f\u00fcr Kunst gehalten und in einem staatlichen Museum pr\u00e4sentiert wird \u2013 was sogar zur Folge haben k\u00f6nnte, grunds\u00e4tzlich an einem Staat, der so etwas f\u00f6rdert, oder an all den Menschen zu (ver)zweifeln, die das erdulden oder gar betreiben. Bei der Erstausstrahlung im Fernsehen Anfang der 70er Jahre hingegen blieb zus\u00e4tzlich noch die M\u00f6glichkeit, an eine Unterbrechung im technischen Betriebsablauf zu glauben.<\/p>\n<p>Zugegeben, die M\u00f6glichkeit war klein, schlie\u00dflich fand das St\u00f6rbild seinen Platz in einer Sendung mit als solcher annoncierten Fernsehkunst, der informierte Betrachter wird die knapp einmin\u00fctige Einblendung also unzweideutig eingestuft haben. Und selbst f\u00fcr die Zuschauer, die zuf\u00e4llig auf dem Kanal gelandet waren oder \u00fcber keine Kenntnisse moderner Kunst verf\u00fcgten, d\u00fcrfte die St\u00f6rung nicht allzu gro\u00df ausgefallen sein, nach knapp f\u00fcnfzig Sekunden war die Sache schon wieder vorbei. Nachhaltig verst\u00f6rt waren h\u00f6chstwahrscheinlich blo\u00df diejenigen Zuschauer, denen die Einstufung des Buren-Beitrags als Kunstwerk missfiel. Da die Sendung in einer Zeit ausgestrahlt wurde, als es nur sehr wenige Programme gab, wird ihre Zahl nicht gering gewesen sein.<\/p>\n<p>Genau darum werden ihnen jedoch auch viele Zuschauer gegen\u00fcber gestanden haben, die der St\u00f6rung einiges abgewinnen konnten. Nicht nur die Freude \u00fcber die wagemutige, verst\u00f6rende Kunst allgemein, sondern auch \u00fcber die spezielle Unterbrechung der Fernsehgewohnheiten d\u00fcrfte ihnen gefallen haben: Die \u201eFernsehausstellung\u201c Burens werden sie mit gro\u00dfer Gewissheit als hintersinnige Aufforderung aufgefasst haben, mit dem Fernsehkonsum zu brechen. Diese \u201eSt\u00f6rung\u201c st\u00f6rte sie demnach \u00fcberhaupt nicht, ihre Freude dar\u00fcber, dass das Bild f\u00fcr eine Unterbrechung sorgt und zur Verst\u00f6rung anderer beitr\u00e4gt, sollte oftmals mit ihrer vollen oder weitgehenden Zustimmung zur Ausstrahlung einhergegangen sein (auch dass diese von ihnen vermutete Kritik am Fernsehen im Fernsehen stattfindet, wird bei diesen Anh\u00e4ngern moderner, verst\u00f6render Kunst zumeist wohl nicht f\u00fcr Irritation gesorgt haben).<\/p>\n<p>Auf eine weitere M\u00f6glichkeit kann man in diesem Zusammenhang nur zu sprechen kommen, ohne sie in gleichem Ma\u00dfe auf den speziellen Fall der \u201eFernsehgalerie\u201c beziehen zu k\u00f6nnen. Es gibt historische, internationale Beispiele daf\u00fcr, dass der St\u00f6rungs-Hinweis nicht nur bei \u00dcbertragungsschwierigkeiten zum Einsatz kommt, sondern auch bei Sendungen (gerade bei Live-Sendungen), die in den Augen der Regie inhaltlich untragbar geworden sind. Der Hinweis auf die (technische) St\u00f6rung, der die Sendung unterbricht oder beendet, soll den Akt des zensurierenden Eingriffs ebenso unsichtbar machen wie das anst\u00f6\u00dfige Programm. Angesichts der St\u00f6rungs-Einblendung innerhalb der Kunstsendung wird dieser verst\u00f6rende Verdacht jedoch nicht viele (vielleicht auch gar keine) Zuschauer \u00fcberkommen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sabotage, Guerilla, Terrorismus<\/p>\n<p>Wie ist es aber mit dem Verdacht, der Hoffnung oder Sorge, dass die Unterbrechung, die \u201eSt\u00f6rung\u201c, auf einen Sabotageakt zur\u00fcckgeht? In kriegerischer Hinsicht konnte dieser Verdacht 1970 kaum aufkommen, ein politisches Ereignis wie die bedrohliche Kuba-Krise lag nicht vor, an die Vorbereitung eines Angriffs durch den Sowjetblock war nicht zu denken. Auch nicht an einen Akt der Industriesabotage; privatwirtschaftliche Konkurrenz zum \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk gab es noch keine.<\/p>\n<p>Sehr wohl aber bestand die M\u00f6glichkeit der Sabotage durch Gruppen aus dem kulturrevolution\u00e4ren und linksradikalen Bereich. Entgegen des Eindrucks, der von der Angabe \u201e1968\u201c leicht erweckt werden kann, ist die anarchistische und sozialistische Bewegung wider den liberalkapitalistischen Staat keineswegs in besagtem Jahr an ihrem End-, nicht einmal auf ihrem H\u00f6hepunkt angelangt, schon gar nicht was den gewaltf\u00f6rmigen Teil ihrer Bem\u00fchungen anbelangt.<\/p>\n<p>Die Distanz entsprechender linksradikaler Gruppen zur Sowjetunion war gro\u00df (das beruhte auf Gegenseitigkeit), Sabotage im Zuge von Kriegsma\u00dfnahmen zwischen den Weltm\u00e4chten, zwischen sowjetisch gef\u00fchrtem Warschauer Pakt und amerikanischer NATO, schied deshalb von vornherein aus. Umso gr\u00f6\u00dfer war jedoch die N\u00e4he wichtiger Teile der au\u00dferparlamentarischen Opposition zu revolution\u00e4ren Kr\u00e4ften in der Dritten Welt. Ihren Niederschlag fand diese N\u00e4he nicht zuletzt in zahlreichen Verteidigungen und analytischen Schriften westlicher Linksradikaler zum Guerillakampf.<\/p>\n<p>Die revolution\u00e4ren K\u00e4mpfe in L\u00e4ndern der Dritten Welt bildeten nicht nur einen Eckpunkt f\u00fcr die sozialistische Agitation in der westlichen Welt. Viele Vertreter der Neuen Linken orientierten sich direkt an Haltungen und Vorgehensweisen der Aufst\u00e4ndischen dort. Ab 1965 fand der amerikanische SDS seine Helden in Vietnam, aber auch in Kuba. Bereits 1967 geh\u00f6rten Kenntnisse der Guerillatheorie zum allgemeinen Bildungsgut dieser intellektuellen Linken. In Deutschland nicht anders: Die Schriften von Fanon, Mao, Guevara, Castro und Debray spielten im Berliner SDS eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr diese Aneignung war die \u00dcberlegung, dass die Guerilla tats\u00e4chlich ihren Platz in den westlichen L\u00e4ndern finden k\u00f6nne. Fanon etc. lie\u00df sich das nicht unmittelbar entlehnen. F\u00fcr die Aufnahme des Guerillakampfes galt z.B. in den Schriften Guevaras in markantem Kontrast zu den Bedingungen in westlichen Staaten als Voraussetzung: Wichtig f\u00fcr die Herausbildung der Guerilla sei vor allem, dass kleine bewaffnete Gruppen sich in l\u00e4ndlichen, d\u00fcnn besiedelten R\u00e4umen bewegen k\u00f6nnen, in denen eine arme Bev\u00f6lkerung mehr schlecht als recht abseits des Machtzentrums der Hauptstadt lebt. Dies hinderte linke Aktivisten freilich nicht daran, \u00fcber eine metropolitane, westliche Guerilla ernsthaft nachzudenken.<\/p>\n<p>Wer so etwas macht, muss zwangsl\u00e4ufig auch \u00fcber das Guerilla-Mittel der Sabotage nachdenken. Dies gilt f\u00fcr die westlichen Systemfeinde besonders, weil sie nicht auf den Zielpunkt der Guerilla-Bem\u00fchungen, wie ihn etwa Mao postuliert hatte, hoffen konnten: Dass die Schw\u00e4chung, Abnutzung der regul\u00e4ren Armee durch irregul\u00e4re Attentate und Angriffe bis zu einem Punkt kommt, an dem endlich eine offene Schlacht gegen den Gegner mit einiger Erfolgsaussicht durchgef\u00fchrt werden kann.<\/p>\n<p>Da ein regul\u00e4rer Krieg \u2013 nach wie langen Guerilla-Vorbereitungen auch immer \u2013 gegen die westlichen Armeen nicht im Bereich des M\u00f6glichen lag, muss theoretisch den Sabotageakten eine gro\u00dfe Bedeutung zukommen, besonders nat\u00fcrlich im Bereich der Infrastruktur: Wege, Br\u00fccken, Leitungen. Das Ziel besteht dann darin, die gegnerischen Truppen zu demoralisieren und vor allem der Bev\u00f6lkerung zu signalisieren, dass die staatlichen Instanzen nicht f\u00fcr Ordnung sorgen k\u00f6nnen, keineswegs unangreifbar sind, gegen sie breiter Widerstand also m\u00f6glich und geboten sei (vgl. Hampel 1989).<\/p>\n<p>Die Sabotageakte besitzen folglich nicht nur das Ziel, durch Sch\u00e4digung von Geb\u00e4uden, Maschinen, Transport- und Kommunikationswegen die gegnerischen Kampfm\u00f6glichkeiten direkt materiell einzuschr\u00e4nken. Sie dienen auch dem Ziel, das Bewusstsein, die Handlungsdispositionen sowohl bei den gegnerischen Truppen als auch bei Teilen der Bev\u00f6lkerung, die den Saboteuren bislang feindlich oder indifferent begegneten, zu ver\u00e4ndern (vgl. M\u00fcller-Borchert 1973).<\/p>\n<p>Geschehen solche Sabotageakte ohne jede Aussicht auf materiell bedeutsame Sch\u00e4den (sprich: werden solche blo\u00df vereinzelt ausgef\u00fchrt), werden sie von Wissenschaftlern oftmals als terroristische Anschl\u00e4ge bezeichnet. Beim so verstandenen Terrorismus handelt es sich definitionsgem\u00e4\u00df um einen gewaltsamen, politisch motivierten Beeinflussungsversuch, der sich nicht in der Zerst\u00f6rung konkreter Dinge oder dem Mord einzelner Personen ersch\u00f6pfen soll: Die glaubhafte Androhung von Gewalt oder tats\u00e4chliche Anschl\u00e4ge sollen Dritte \u2013 vermittelt \u00fcber die mediale Berichterstattung \u2013 zu Reaktionen bewegen, die im Sinne einer l\u00e4ngerfristigen politisch-umst\u00fcrzlerischen Strategie vorteilhaft erscheinen.<\/p>\n<p>Auch die Akteure \u00fcbernahmen manchmal die Bezeichnung \u201eTerrorismus\u201c zur Selbstanzeige. F\u00fcr die russische Sozialrevolution\u00e4re Partei (am Beginn des 20. Jahrhunderts) zeichnete sich der terroristische Akt durch eine Aufsehen erregende, agitatorische Qualit\u00e4t aus: Er stifte innerhalb des Machtapparats Angst und Chaos, was den revolution\u00e4ren Geist breiterer Schichten befl\u00fcgeln k\u00f6nne, so Anspruch und Hoffnung (vgl. Hildermeier 1982).<\/p>\n<p>Die derart Angegriffenen gebrauchen den Begriff \u201eTerrorismus\u201c freilich nur in abwertender Absicht, um den Schreckenscharakter herauszustellen und jede politisch-widerst\u00e4ndige Qualit\u00e4t zu dementieren. In der breiteren \u00d6ffentlichkeit hat sich dieser Begriffsgebrauch durchgesetzt. Deshalb verwenden die so Titulierten den Begriff schon lange nicht mehr, sie bezeichnen sich sp\u00e4testens seit den 1960er Jahren wesentlich lieber als Guerilla oder gar als Armee.<\/p>\n<p>Bekannterma\u00dfen setzten die terroristischen Gruppierungen nach 1968 ganz darauf: Rote Armee Fraktion, Weather Brigade etc. Doch trotz dieser ambitionierten Bezeichnungen sind von ihnen Sabotageakte, die auch nur ansatzweise an die Wirkungsmacht von wenigstens einigerma\u00dfen erfolgreichen Guerilla-Organisationen (von Armeen und den ihnen assoziierten Geheimdiensten ganz zu schweigen) heranreichen, nicht zu verzeichnen, auch nicht auf dem H\u00f6hepunkt der europ\u00e4ischen linksterroristischen Gruppen im Verlauf der 70er Jahre (vgl. M\u00fcnkler 1980).<\/p>\n<p>Anfang 1970, als das \u201eSt\u00f6rungs\u201c-Bild Burens auf dem Bildschirm zu sehen war, hatte sich die deutsche RAF ohnehin noch nicht gegr\u00fcndet, Zuschauer-Irritationen \u2013 ist unser Staatssender sabotiert worden? \u2013, die 1977 bei \u00e4hnlichem Anlass sicherlich nicht ausgeblieben w\u00e4ren, sind zu diesem fr\u00fchen Zeitpunkt nicht in gleichem Ma\u00dfe wahrscheinlich. Vollkommen unwahrscheinlich erscheinen sie zu Beginn der 70er Jahre in der BRD allerdings nicht, schlie\u00dflich gab es in den Jahren zuvor mehr als genug Stimmen, die auf ironisch-spielerische bis agitatorische Weise f\u00fcr den Einsatz von \u201aGewalt gegen Sachen\u2018 eintraten; besonders prominent in der bundesdeutschen Geschichte die Kommune I mit ihrem Flugblatt (ironisch-spielerische Variante) anl\u00e4sslich eines Brandunfalls in einem Br\u00fcsseler Warenhaus und \u2013 aus dem Umfeld ebendieser Kommune \u2013 Baader\/Ensslin mit ihren Reden vor Gericht, nachdem sie Ende der 60er Jahre tats\u00e4chlich ein Kaufhaus angez\u00fcndet hatten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sabotage im modernen Kunstsektor<\/p>\n<p>Nun ist ein Brandanschlag gegen ein einziges Kaufhaus noch kein Sabotageakt (zumindest nicht, wenn das Wort \u201aGuerilla\u2018 eine halbwegs ernstzunehmende Bedeutung haben soll). Dennoch ist der Verweis auf die Kommune I und die ihr lose assoziierten Baader\/Ensslin nicht \u00fcberfl\u00fcssig, lenkt er doch den Blick auf eine K\u00fcnstler- und Intellektuellenszene, der das Dichten, Malen, Theoretisieren nicht mehr genug ist und die deshalb nach Wegen sucht, ihre Bet\u00e4tigungen direkter, unmittelbarer mit (anderen) Praxisformen zu verbinden oder gar in ihnen aufgehen zu lassen.<\/p>\n<p>Geleitet werden die K\u00fcnstler und Bohemiens dabei von der Absicht, die herrschenden Verh\u00e4ltnisse zu durchkreuzen, den Spie\u00dfer zu schockieren, den Mainstream subkulturell herauszufordern, die Normalit\u00e4tserwartungen zu entt\u00e4uschen, das Gewohnte zu verfremden, vom Geregelten abzuweichen, sich ins Offene zu begeben, Widerstand zu wecken, f\u00fcr Kontroversen zu sorgen, das Verst\u00e4ndliche fragw\u00fcrdig erscheinen zu lassen, das Nat\u00fcrliche als k\u00fcnstlich Gemachtes zu entdecken, das Selbstverst\u00e4ndliche als zwanghafte Konvention zu entlarven, Eindeutiges durch Mehrdeutiges zu ersetzen, sich kommerziellen Anforderungen zu widersetzen, f\u00fcr Verwirrung zu sorgen, Fragen aufzuwerfen, keine fixen Antworten zu liefern, Muster zu zerbrechen, \u00fcber sich selbst hinauszugehen, sich \u00fcber N\u00fctzlichkeitserw\u00e4gungen hinwegzusetzen, f\u00fcr Dissonanzen zu sorgen, das Unerwartete zu tun \u2013 und derlei Formeln mehr aus dem Handbuch des modernen Kreativen (vgl. Plumpe 1995).<\/p>\n<p>Bei all diesen Operationen kann man an Sabotage in metaphorischem Sinn denken: Kaputt gemacht oder sonstwie au\u00dfer Kraft gesetzt oder gest\u00f6rt werden Vorgehensweisen und Eigenschaften, die man in der jeweiligen Situation oder vom jeweiligen Produkt ausgesprochen oder stillschweigend erwartet. \u201aMan\u2018, das sind in all diesen F\u00e4llen Personengruppen oder Institutionen, welche die modernen Kreativen als m\u00f6gliche bzw. herauszufordernde Rezipienten, Kommunikationspartner oder Abnehmer im Blick haben.<\/p>\n<p>Dies gilt erst einmal unabh\u00e4ngig davon, ob solche Rezeptionen, Gespr\u00e4che, K\u00e4ufe, Gebrauchsweisen im Einzelnen tats\u00e4chlich stattfinden; oftmals geschieht das gar nicht. Aus Sicht aller einzelnen modernen Kreativen ist die Annahme dennoch h\u00e4ufig vollkommen vern\u00fcnftig und sinnvoll, weil sie nicht nur eine realistische Angabe treffen wollen, sondern a) auf breite Rezeption hoffen und (noch wichtiger) b) sich von einer breiteren Erwartungshaltung, einer weithin durchgesetzten Auffassungsweise betroffen f\u00fchlen und eingeschr\u00e4nkt wissen.<\/p>\n<p>Darum tun sie ihr M\u00f6gliches, um gegen sie anzurennen und sie zu ver\u00e4ndern. Selbst wenn sie nicht einmal die Hoffnung hegen, sie in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe oder auch nur ansatzweise ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen, wollen sie sie zumindest unterlaufen und entt\u00e4uschen, um ihren eigenen Ma\u00dfst\u00e4ben k\u00fcnstlerischer Nonkonformit\u00e4t, kreativer Ruhelosigkeit zu gen\u00fcgen.<\/p>\n<p>Das passiert auf vielerlei Weise, wie jeder noch so fl\u00fcchtige Blick in die Geschichte der K\u00fcnste beweist: Durch die Hinwendung zur Abstraktion oder zum Camp-Geschmack, durch detaillierte naturalistische Beschreibungen, atonale Musik, Ger\u00e4uschmusik, k\u00fchne Metaphern, Publikumsbeschimpfungen, durch den Einsatz der Sprache in ihrer Materialit\u00e4t als Laut oder grafisches Element (nicht zum Zwecke der bedeutsamen Verst\u00e4ndigung), durch die Ausstellung h\u00e4sslicher oder unbearbeiteter St\u00fccke, durch Genremischungen, offene Enden, moralische Tabubr\u00fcche, subjektive oder unbewusste Expression usw. usf.<\/p>\n<p>All das ist von K\u00fcnstlern u.a. deshalb betrieben worden, um herrschende Haltungen und Anforderungen zu verletzen. Die Sabotage (in metaphorischem Sinne) bestand darin, nicht das zu tun, was von einem direkt verlangt worden war oder von dem die jeweiligen K\u00fcnstler glaubten, es werde von ihnen erwartet. Die Sabotage bestand fast nie darin, die braven, sch\u00f6nen, verst\u00e4ndlichen, harmonischen, moralisch unanst\u00f6\u00dfigen, genregem\u00e4\u00dfen, geschlossenen, veredelt realistischen Kunstwerke zu zerst\u00f6ren oder deren Produktion durch Sch\u00e4digungen der Druckerpressen, Museumss\u00e4le, Verlagsr\u00e4ume etc. zu verhindern.<\/p>\n<p>Sie bestand darin, Alternativen anzubieten. Wurde das Angebot abgelehnt, lie\u00df man nicht ab, sondern suchte nach anderen Ver\u00f6ffentlichungsorten und -wegen: Kam man z.B. nicht in die Akademieausstellung, stellte man in der flugs gegr\u00fcndeten Sezession aus. Durch diese Art der Sabotage, so hofften manche der Sezessionisten, werde der alte Geist, die alte Kunstauffassung besch\u00e4digt, damit auch auf l\u00e4ngere Sicht die herk\u00f6mmliche Kunst bzw. ihre Herstellung verringert. Die (versuchte) Sabotage galt im Regelfall nicht Dingen, sondern bis dahin durchgesetzten Kunstansichten und eingeschliffenen Verhaltensmustern (vgl. Kreuzer 1968\/1971).<\/p>\n<p>All dies kann in die Vergangenheitsform gesetzt werden, weil seit ungef\u00e4hr einem halben Jahrhundert in den westlichen Staaten solche Sabotageakte im Kunstbereich weitgehend \u00fcberfl\u00fcssig geworden sind. Die Hoffnungen der Sezessionisten haben sich erf\u00fcllt. Nachdem sie manches pers\u00f6nliche Opfer gebracht und viele Widerst\u00e4nde \u00fcberwunden hatten, konnten teilweise noch sie selbst und vor allem ihre Nachfolger in den westlichen L\u00e4ndern enorme Erfolge feiern. Sie sitzen in den heutigen Akademien, sie werden staatlich gef\u00f6rdert, in \u00f6ffentlich-rechtlichen Kultursendungen vorgestellt, ihre \u00e4sthetizistischen, formalistischen, naturalistischen, abstrakten, unverst\u00e4ndlichen Werke werden an den Universit\u00e4ten analysiert und in Museen, Theatern, Literaturh\u00e4usern pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen unter ihnen, die im Namen unbedingter Modernit\u00e4t, radikaler Experimentierfreude angetreten sind, muss das allerdings streng genommen ein Problem darstellen. Konsequenterweise sollten sie heute zum b\u00fcrgerlichen Realismus, zum goldenen Schnitt, zur Harmonie zur\u00fcckkehren (und das nicht nur in Form des Pastiche), um den ihrerseits mittlerweile zum Programm gewordenen Anschauungen der modernen Kreativen nonkonform zu begegnen. Nur so (oder auf vergleichbaren Wegen) k\u00f6nnte im Bereich der staatlich gef\u00f6rderten Kultur und der hochpreisigen Galerienkunst f\u00fcr Abweichung gesorgt werden. Nur so k\u00f6nnten die inzwischen fest institutionalisierten Erwartungshaltungen modernistischer Avantgarde sabotiert werden.<\/p>\n<p>Es gibt jedoch noch eine andere M\u00f6glichkeit; mit ihr kehren wir an den Beginn dieses Kapitels zur\u00fcck, zu den Leuten, denen das Dichten, Malen, Theoretisieren nicht mehr gen\u00fcgt, die sich nicht l\u00e4nger darauf beschr\u00e4nken wollen, Werke zu verfertigen, die dann (wenn \u00fcberhaupt) von anderen einzeln und still rezipiert werden. Diese Abneigung gegen Werkkunst und kontemplative Aufnahme pr\u00e4gt bereits alle Avantgarden zu Beginn des letzten Jahrhunderts (vgl. Plumpe 1995). Wegen der Musealisierung und akademischen Beachtung auch ihrer Werke (selbst wenn sie mitunter als Anti-Werke konzipiert waren), wegen der \u00fcberragenden Stellung der Avantgarden als Richtung und einzelner Avantgardisten (Duchamp, Breton, Majakowski etc.) als Autornamen, als anerkannte Genies im institutionalisierten Hochkultursektor muss sich diese Abneigung noch versch\u00e4rfen.<\/p>\n<p>Zumindest sollte jedem heutigen Avantgardisten in der Tradition von Dadaismus, Surrealismus, Pop-Art, Fluxus usf. klar sein, dass er mit seinen Collagen, Lautgedichten, Siebdrucken nach Werbemotiven, Fundst\u00fccken, obsz\u00f6nen Inhalten oder immersiven Schockformen, aleatorischen Kompositionen, postmodernen Genremischungen, surrealen Erz\u00e4hlungen oder Traumniederschriften bei Lektoren angesehener Verlage, bei Redakteuren von Kultursendern, kulturwissenschaftlichen Professoren, Kuratoren, Galeristen, Feuilletonmitarbeitern, aber auch bei den H\u00f6rern und Lesern entsprechender Sendungen, bei Museumsbesuchern und Theaterzuschauern fast nie auf Entsetzen und Verwirrung, sondern auf freundliche Resonanz oder gepflegte Langeweile st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Das einstmalige Anliegen, mit bestimmten Artefakten, welche die damals vorherrschenden Anspr\u00fcche an ein ordentliches Werk sabotierten, die Grenzen zwischen Kunst und Leben aufzuheben, muss deshalb zumindest innerhalb des Bereichs institutionalisierter Kunst und Kunstvermittlung als gescheitert angesehen werden. Die Zufallswerke, Improvisationen, Kritzeleien, Montagen aus (anonym) Vorgegebenem, Sabotagen und Parodien von Vorlagen, Reproduktionen, Aneinanderreihungen, interaktiven Medienobjekte, Sinnes\u00fcberw\u00e4ltigungen, Laut- und Graphem-Materialit\u00e4ten und -\u201aKonkretheiten\u2018,\u00a0 Collagen, Aufzeichnungen, Kollektivproduktionen, Fragmente, Dokumentarromane, Gebrauchsgegenst\u00e4nde, unausgef\u00fchrten Konzepte, Fundst\u00fccke (also all das, was einem \u00e4lteren bildungsb\u00fcrgerlichen Werk-Begriff zuwiderl\u00e4uft) werden innerhalb des institutionalisierten Kunstsektors mittlerweile routiniert als Kunstwerke ausgestellt und innerhalb dieses Rahmens and\u00e4chtig oder beil\u00e4ufig rezipiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sabotage aus avantgardistischen Kreisen<\/p>\n<p>Deshalb haben einige der Nachfahren der historischen Avantgarden der 1910er und -20er Jahre darauf gedrungen, noch radikaler zu agieren. An Stelle der (einstmals) \u201aunb\u00fcrgerlichen\u2018 modern-entgrenzten Kunst, die ihren Platz mittlerweile zuverl\u00e4ssig in B\u00fcchern, Konzerts\u00e4len, Museen, Akademien besitzt, sollen nach ihrem Willen intensive Aktionsformen treten, die sich au\u00dferhalb der genannten Institutionen ereignen und mitunter von diesen nicht einmal im Nachhinein als Objekte dokumentiert werden k\u00f6nnen. Was die historischen Avantgarden bereits in Manifestform vorformuliert und zum Teil bereits auch durchexerziert haben, das soll jetzt in Reinform praktiziert werden (ohne den Fehler der historischen Avantgarden zu begehen, doch jede Menge an Zeichnungen, Partituren, Gedichten anzufertigen und zu hinterlassen).<\/p>\n<p>Durch solche Bem\u00fchungen bekommt die Sabotage wiederum einen hohen Rang zugewiesen \u2013 nun allerdings in materiell zerst\u00f6rerischem Sinne. Die Sabotage befindet sich bei situationistisch-anarchistischen Anh\u00e4ngern der Futuristen, Dadaisten, Surrealisten in gewaltverherrlichenden Programmen wieder, die wie bei den Guerilleros neben der Sabotage auf (terroristische) Attacken und auf anf\u00e4nglich spontane Widerstandshandlungen der breiteren Bev\u00f6lkerung bauen.<\/p>\n<p>Die englischen \u201eHeatwave\u201c-Autoren z.B. werden in den 1960er Jahren nicht m\u00fcde, Futurismus, Dadaismus und Surrealismus vom Ruch der Werkkunst befreien zu wollen und sie auf einen revolution\u00e4ren Lebensstil festzulegen. Ganz in diesem Sinne verurteilt \u201eHeatwave\u201c immer wieder die modernen Galerie-Happenings mit ihren passiven Zuschauern und stellt ihnen die Aktionen und den \u201ek\u00fcnstlerischen Vandalismus\u201c der fr\u00fchen holl\u00e4ndischen Provos entgegen; der \u201eAufruhr\u201c (riot) ist f\u00fcr sie eine popul\u00e4re Kunst- und Politikform zugleich, die alle Hierarchien und Vermittlungen \u00fcberwindet (Gray\/Radcliff [1966] 2000: 49).<\/p>\n<p>Als modernisierte Version von \u201eDADA\u201c tritt eine andere situationistische Gruppierung, die amerikanischen Motherfucker, 1968 nicht nur f\u00fcr die freie Liebe in der \u00d6ffentlichkeit ein. Ausdr\u00fccklich betonen sie auch, dass sie die Stra\u00dfe nicht einnehmen wollen, um ihre liberalen Rechte der Rede- und Versammlungsfreiheit auszu\u00fcben. Forderungen sollen nicht erhoben, sondern im k\u00e4mpferischen Vollzug gelebt werden.<\/p>\n<p>Liest man solche Aussagen zur befreienden Kunst des Aufruhrs, wird man angesichts der avantgardistischen Historie sicherlich geneigt sein, sie als \u00dcbertreibungen und Angebereien bzw. als papierene Konsequenzen jener Intensit\u00e4ts-Maximen aufzufassen, die zwar mit aller Macht auf eine Aufhebung des Unterschieds von Kunst und Leben abzielen \u2013 auf Exzess, Dehierarchisierung, Gegenwartserfahrung, Unvermitteltheit \u2013, vor der revolution\u00e4r-exzessiven Ausagierung solcher Maximen letztlich aber zur\u00fcckschrecken und es bei der Hoffnung auf ihre allt\u00e4glichen, von k\u00fcnstlerischen Techniken der Verfremdung und Bedeutungsaush\u00f6hlung bestimmten Events und Szenen belassen.<\/p>\n<p>Genau deshalb schreiben die Motherfucker ausdr\u00fccklich nieder, auf einen \u201ewirklichen (nicht einen metaphorischen) Guerillakampf\u201c zustreben zu wollen (\u00dcbersetzung von mir). Von anderen linken Theoretikern und K\u00fcnstlern grenzen sie sich ab, indem sie sich selbst gleich als \u201eSaboteure\u201c ausgeben. Und um jedem Missverst\u00e4ndnis vorzubeugen, dass sie es ernst meinen, koppeln sie die Sabotage sogleich an den Terror: \u201eWell, who are the saboteurs and the terrorists??? We are. All of us who will sabotage the foundations of amerika\u2019s fucked up life; all of us who strike terror in the heart of the bourgeois honkies and all their armchair bookquoting jive-ass honky leftists\/white collar radicals [&#8230;]\u201c (Berkeley Commune, Up Against The Wall\/Motherfucker 1971: 156)<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sabotage und Subversion<\/p>\n<p>Die \u201earmchair bookquoting jive-ass honky leftists\/white collar radicals\u201c haben dem Furor radikaler Sabotage- und Terror-Aufrufe (die ja selbst, wie auch im Falle der Motherfucker, oftmals nur auf dem Papier und darum dem \u201ebookquoting\u201c sehr nahe stehen) ein wichtiges Argument entgegenzusetzen: Dass es wichtiger sei, gegen eingeschliffene Normalit\u00e4tsvorstellungen und herrschende Wertsetzungen anzugehen, als Maschinen, Leitungen, B\u00fcror\u00e4ume zu besch\u00e4digen.<\/p>\n<p>Genau aus diesem Grund sind bereits nicht wenige der modernen Kreativen und ihrer Anh\u00e4nger der Meinung gewesen, dass die k\u00fcnstlerischen Experimente einen hochgradig politischen Charakter bes\u00e4\u00dfen: Die Entt\u00e4uschung traditioneller k\u00fcnstlerischer Erwartungen bef\u00f6rdert nach ihrem Urteil bzw. ihrer Hoffnung antiautorit\u00e4re Dispositionen insgesamt. Von Anarchisten, Libert\u00e4ren, Linkskommunisten, Vertretern der Frankfurter Schule bis hin zu Poststrukturalismus- und Queer-Verfechtern haben vielerlei Richtungen ihre Begeisterung f\u00fcr Kafka, Grosz, Picasso, Warhol, Zappa, Stockhausen, Godard, Dylan, Antony Hegarty etc. nicht zuletzt aus dieser Quelle einer Politik der Form gespeist: Kunst solle gerade nicht bestimmte Botschaften verk\u00fcnden, die man politisch f\u00fcr richtig halte; wahre antiautorit\u00e4re politische Kunst bestehe vielmehr darin, dank offener, experimenteller Formen freiheitliche Haltungen zu st\u00e4rken oder zu schaffen.<\/p>\n<p>Zwar ist innerhalb der k\u00fcnstlerisch-experimentellen Szenen von dieser unterstellten Wirkung mitunter wenig zu merken; stattdessen trifft man dort nicht selten auf Intoleranz und Ausgrenzung, Missmut und Doktrinarismus, Eifersucht und Neid, Egoismus und Chauvinismus. Dies hat aber die K\u00fcnstler selbst und vor allem ihre Anh\u00e4nger nie daran gehindert, an die (mikro-)politisch vorteilhaften Z\u00fcge der kreativ entgrenzten Aktionen und Werke zu glauben.<\/p>\n<p>Nur auf eine Politik der k\u00fcnstlerischen Form wollen sich die meisten der Boheme- und Akademie-Sozialisten und -Libert\u00e4ren dennoch nicht verlassen, auch nicht auf den avantgardistischen Totalversuch, Kunst und Leben miteinander zu verschmelzen. Ihre Absicht ist es (in Analogie zu vielen k\u00fcnstlerischen Grenz\u00fcberschreitungen, Sinnaufl\u00f6sungen, Kommunikationsverweigerungen, Verfremdungen), in speziellen, anderen allt\u00e4glichen und institutionellen Zusammenh\u00e4ngen hergebrachte Anforderungen zu unterlaufen.<\/p>\n<p>Vielerlei Handlungen und Gesten, die au\u00dferhalb der Bahnen und Orte offizieller Politik in Parlamenten und Parteib\u00fcros, in Ministerien und Botschaften erfolgen, gelten ihnen im Sinne ihres antiautorit\u00e4ren Ansatzes sehr wohl als politisch. Sei es Ironie oder Respektlosigkeit, die Befragung des scheinbar Selbstverst\u00e4ndlichen oder die Antwortverweigerung, sinnliche Opulenz oder asketische Zur\u00fcckhaltung, Unh\u00f6flichkeit oder \u00fcbersch\u00e4umende Freundlichkeit \u2013 sie alle sollen einen Beitrag dazu leisten, das jeweils Geforderte oder stillschweigend Vorausgesetzte nicht hinzunehmen und seine Macht zu brechen oder zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p>In metaphorischem Sinne kann man hier wieder von Sabotage sprechen \u2013 von einer Sabotage herk\u00f6mmlicher Verhaltensanforderungen und Sprachmuster. Die Metapher wird aber nicht allzu h\u00e4ufig daf\u00fcr verwandt. Beliebter ist in diesem Zusammenhang der Begriff der \u201aSubversion\u2018. Einstmals die Bezeichnung f\u00fcr politisch-revolution\u00e4re Kr\u00e4fte, die im Verborgenen auf einen gewaltsamen Umsturz hinarbeiten, ist \u201asubversiv\u2018 mittlerweile zu einem vieles umfassenden Begriff geworden (vgl. Ernst 2008).<\/p>\n<p>In der Nachkriegszeit wurde der Ausdruck von Mitgliedern der Exekutive zwar immer noch haupts\u00e4chlich verwandt, um Leute zu bezeichnen, die im Staat oder sogar im Staatsapparat gegen die staatliche Ordnung auf (halbwegs) verdeckte Weise arbeiteten (\u201asubversive Elemente\u2018). Den reaktion\u00e4ren staatlichen Vertretern und deren Anh\u00e4ngern galt als subversiv nun aber bereits so ziemlich alles, was von ihren Ordnungsvorstellungen abwich. Dazu rechneten sie keineswegs nur kommunistische Umtriebe, sondern beinahe gleichrangig auch jene Bestrebungen und Handlungen, die nicht auf einen Umsturz des herrschenden Regimes hinarbeiteten: die Taten und Werke von Humanisten, Satirikern, Sonderlingen, Perversen, Avantgardisten.<\/p>\n<p>Das alles z\u00e4hlt seit den 1970er Jahren in den westlichen Staaten zur Vergangenheit. Seitdem geh\u00f6rt es zum guten Ton innerhalb der F\u00fchrungsschichten, auch au\u00dferhalb des Kunstbereichs ein gutes Wort daf\u00fcr einzulegen, nicht ganz normal, kreativ, nonkonform, abenteuerlustig, jedenfalls nicht spie\u00dfig zu sein. Jetzt wird der Subversions-Begriff nur noch von den kreativen Modernen und den ihnen zugeh\u00f6rigen geistes- und kulturwissenschaftlichen Akademikern selbst gebraucht.<\/p>\n<p>Ironischerweise verwenden sie den Begriff nun auf genau dieselbe Weise wie ihr alter, kaum mehr vorhandener Kontrahent: auf m\u00f6glichst weite, diffuse Weise \u2013 in der Annahme (oder mit der vagen Hoffnung), dass humanistische, sonderbare, queere, nonkonforme, spielerische Verhaltensweisen irgendwie gegen die bestehende Ordnung gerichtet seien und mith\u00fclfen, sie in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfstab zu ver\u00e4ndern. Als subversiv (seltener als Akte der Sabotage) gelten unter den durch die Schule des Poststrukturalismus und der Cultural Studies Gegangenen auch alternative Lesarten herrschender Botschaften, unvorhergesehene Gebrauchsweisen kulturindustriell hergestellter Produkte (s. Ernst u.a. 2008).<\/p>\n<p>Auf einige wenige direkte Formen der Sabotage kann dieser Ansatz auch verweisen; beliebt sind besonders Verfremdungen, Umarbeitungen \u2013 aus Sicht der Werbetreibenden meistens: Verschmutzungen, Zerst\u00f6rungen \u2013 von Werbebotschaften und -tafeln (zur Methode vgl. Ort 2011). Verklebte Sitze, verrammelte T\u00fcren, clowneske Auff\u00fchrungen, Zwischenrufe und Trillerpfeifen, die dazu beitragen sollen, dass offizielle Veranstaltungen nicht durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen und an deren Stelle die Diskussion alternativer Entw\u00fcrfe tritt, kommen an der Universit\u00e4t und in manchen Redaktionsstuben oder Kunstr\u00e4umen auch noch manchmal vor \u2013 spektakul\u00e4r abgel\u00f6st mittlerweile h\u00e4ufig von der mit \u00e4hnlichen Zielen versehenen Variante des Hacking. All diese Sabotageakte besitzen den Vorteil, f\u00fcr diejenigen, die vor Ort sind oder auf die entsprechende Website gelangen wollen, unmittelbar wahrnehmbar zu sein.<\/p>\n<p>Ob die Wirkungen solcher Sabotagen \u00fcber den Moment hinausreichen, ist damit nat\u00fcrlich noch nicht gesagt. Immerhin k\u00f6nnen ihre Urheber aber sicher sein, auf Widerstand zu sto\u00dfen. Sie versto\u00dfen gegen Strafrechtsparagrafen oder zumindest gegen die Hausordnung; Strafbefehle (manchmal auch Strafen) oder Verweise dienen als unzweideutiger Beleg f\u00fcr ihre Sabotagearbeit. Bei den Anh\u00e4ngern der Subversion hingegen gibt es nur die Hoffnung, mit dem Versto\u00df gegen den unterstellten hegemonialen Diskurs einen kleinen Beitrag dazu geleistet zu haben, die mit diesem Diskurs verbundene Ordnung aufzul\u00f6sen (ausf\u00fchrlich dazu Kleiner 2005).<\/p>\n<p>Das hat zwar den Vorteil der Un\u00fcberpr\u00fcfbarkeit \u2013 ob die von ihren Urhebern als solche ausgegebenen \u201asubversiven\u2018 Taten tats\u00e4chlich einen Beitrag zur St\u00f6rung oder langfristig gar zur Beseitigung des bestehenden Systems leisten, ist schwerlich festzustellen \u2013, gerade dieser Vorteil kann sich jedoch in einen schwerwiegenden Nachteil verwandeln, wenn trotz vielj\u00e4hriger, besonderer subversiver Bem\u00fchungen keine \u00c4nderungen im Gro\u00dfen und Ganzen sichtbar werden. Entt\u00e4uschung oder die r\u00fcckblickende Diagnose, im Irrtum gewesen zu sein, falsch gehandelt zu haben, bilden nicht selten das Ende der Subversionsans\u00e4tze der letzten Jahrzehnte.<\/p>\n<p>Im Kunstbereich, aus dem heutzutage die meisten Versuche oder zumindest Absichtserkl\u00e4rungen stammen, subversiv oder gar sabotierend wirken zu wollen, ist solche Entt\u00e4uschung freilich oft mit beachtlichem, vorhergehendem Erfolg verbunden. Weil manchmal immer noch nicht recht erkannt wird, dass heutzutage von den Kulturinstitutionen Abweichung gerne pr\u00e4miert wird, m\u00f6gen die durchgef\u00fchrten Subversionen und Sabotagen, die innerhalb oder in Reichweite von Akademien, Galerien, Theaters\u00e4len etc. stattfinden, gut (bzw. schlecht) gemeint sein, ihr wirklicher Status ist jedoch ein vollkommen anderer.<\/p>\n<p>Subversionen und Sabotagen stellen tats\u00e4chlich ein Schmiermittel des heutigen Kunstsystems dar, sie wirken weniger st\u00f6rend als belebend, sie tragen auf mindestens mittlere Sicht zum Funktionieren entscheidend bei. Alle signifikanten Sabotageversuche des Kunstbetriebs finden sich \u00fcber kurz oder lang zuverl\u00e4ssig in seinem kanonisierten Bestand sowie in den Rubriken der Kunstzeitschriften und in den Schriften der Geisteswissenschaftler wieder. F\u00fcr Verwirrung oder Emp\u00f6rung sorgen sie momentan allenfalls noch, wenn Boulevardmagazine oder Parteif\u00fchrer mit ihrem der modernen Kunst fernen Publikum sich solcher Sabotagen annehmen. Weil dies aber kaum noch geschieht, tragen sie zumeist zu gar keiner St\u00f6rung mehr bei.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Sabotage und Popkultur<\/p>\n<p>Deshalb ist es nicht vollkommen verwunderlich, wenn k\u00fcnstlerisch inspirierte Saboteure auf die Idee verfallen, ihre subversiven oder militant st\u00f6renden Aktionen im Feld der medialen Massenkommunikation und insbesondere im Pop-Bereich durchzuf\u00fchren (vgl. Marcus 1989). Gerade der Pop-Sektor zeichnet sich dadurch aus, zwar h\u00e4ufig Publika abseits der offiziellen Kunst zu erreichen, aber dennoch nicht vollst\u00e4ndig konforme, hegemonial g\u00e4nzlich durchdrungene Schichten zu versammeln (um einmal den begriffsgeschichtlichen Unterschied aufzunehmen, der darin besteht, in und ab den 50er Jahren angesichts von Elvis, Brando, Science-Fiction-Heften, bunten Illustrierten, Imagewerbung nicht mehr nur von \u201epopular culture\u201c, sondern auch von \u201epop\u201c zu sprechen). Der fr\u00fche Akzent von Pop auf Jugendlichkeit macht die m\u00f6gliche Differenz von Pop zu den erwachsenen H\u00fctern der Routine und der institutionell durchgesetzten und befestigten Anschauungen deutlich.<\/p>\n<p>Auf die konservative Sorge vor den Halbstarken der 50er Jahre folgt die politische Hoffnung der Kulturrevolution\u00e4re der 60er und 70er Jahre: Dass die Jugendlichen die erwachsene Ordnung nachhaltig sabotieren. Ihre Macht reicht z.B. f\u00fcr den Manager\/Sprecher der MC5 an diejenige heran, die aus den Gewehrl\u00e4ufen kommt: \u201eWe don\u2019t have guns yet \u2013 not all of us anyway \u2013 because we have more powerful weapons: direct access to millions of teenagers is one of our most potent, and their belief in us is another. But we will use guns if we have to \u2013 we will do anything \u2013 if we have to.\u201c (Sinclair [1968] 1972: 104f.)<\/p>\n<p>Bereits am Ende der 1960er Jahre bemerkt aber eine Reihe der Sabotagewilligen, dass es mit dem Rebellentum in der jugendlichen Popkultur nicht weit her ist: Rebellion d\u00fcrfe nicht mit einem Freizeitvergn\u00fcgen, einem Samstagnachtph\u00e4nomen und auch nicht mit einer Liberalisierungswelle verwechselt werden, die wohl \u00fcberkommene konservative Werte beseitige, die Ausbreitung kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse jedoch bef\u00f6rdere. Auf die Kritik am Kommerzialismus und Konsum folgt rasch die Kritik an solchen Formen der Popkultur, die mit ihrer Lebendigkeit und ihrem flexiblen Abweichlertum als Blaupause f\u00fcr neoliberal entgrenzte Arbeitsverh\u00e4ltnisse dienten.<\/p>\n<p>Im vorliegenden Band zur \u201eSabotage\u201c [dem dieser Artikel entnommen ist] werden die Argumente mit vielen Hinweisen auf die aktuelle Situation von Marcus S. Kleiner zuverl\u00e4ssig ausgebreitet und zugespitzt. Das gr\u00f6\u00dfte Augenmerk gilt \u2013 wie fr\u00fcher bei manchen neulinken Theoretikern und Sprechern der au\u00dferparlamentarischen Opposition \u2013 dem Umstand, dass der Gegensatz von Mainstream und Underground nicht mit dem von Kapitalismus und einer irgendwie gearteten sozialistisch\/anarchistisch\/radikaldemokratisch, in jedem Fall latent oder manifest antikapitalistischen Bewegung zusammenf\u00e4llt. \u201eOppositionelle Haltungen werden nicht verfolgt, sondern vermarktet. Erst, wenn sie nicht mehr vermarktbar sind, w\u00e4ren sie wirklich subversiv bzw. gegenkulturell\u201c, h\u00e4lt Kleiner fest.<\/p>\n<p>Ob dieser Kritikpunkt ins Schwarze trifft, ist teilweise zweifelhaft. Erstens muss Kommerzialisierung nicht automatisch Verw\u00e4sserung bedeuten. Anders als \u00fcber den Markt (zumal den Medienmarkt) lassen sich heutzutage auch zutiefst oppositionelle Kritikpunkte nicht verbreiten; dass Unternehmer damit Geld verdienen (wollen), bedeutet keineswegs, dass die von ihnen einer breiteren Konsumenten\u00f6ffentlichkeit bekannt gemachten und zum Erwerb bereitgestellten Gegenst\u00e4nde und Botschaften dadurch ihre Kraft verlieren. Im Gegenteil, erst dadurch k\u00f6nnen sie in demokratischer Hinsicht an Impetus gewinnen.<\/p>\n<p>Dies kann man gerade an der 68er-Bewegung studieren, die als kleiner Zirkel von sektiererischen Studenten begann und in kurzer Zeit nicht zuletzt mithilfe dieser Popmedien und in Warenform angebotenen Produkte eine eindrucksvolle, beinahe hegemoniale Wirkung erlangte. Zweitens spricht gegen die allzu schnelle Verabschiedung der Pop-Rebellionen, dass die neoliberalen Politiker und Intellektuellen im Zuge ihrer machtvollen Wiedergewinnung \u00f6ffentlicher Meinungsf\u00fchrerschaft \u2013 bei ihrer erfolgreichen Kampagne f\u00fcr den Abbau des Sozialstaats und die Deregulierung des Arbeitsmarktes \u2013 kaum Pop-Bez\u00fcge ins Feld f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Richtig bleibt aber nat\u00fcrlich der Befund, dass den hedonistischen, zerstreuten oder intensiven Pop-Ans\u00e4tzen zur Sabotierung des ordentlichen Betriebs in Schulen und Betrieben keine entscheidende politische, ver\u00e4ndernde Kraft innewohnte. Nicht wenige der K\u00fcnstler, Theoretiker und feuilletonistischen Propagandisten der Pop-Subversion \u2013 die im Unterschied zu Kleiner den beachtlichen reformistischen Liberalisierungen, die mit den Pop-Rebellionen untrennbar verbunden sind, keinen Wert zubilligen \u2013 haben sich deshalb vom gro\u00dfen Pop-Bereich wieder verabschiedet (oder ihn erst gar nicht betreten).<\/p>\n<p>Stattdessen bauen sie blo\u00df auf Formen, Gruppen und Szenen im Pop-Sektor, die einigerma\u00dfen avantgardistische Z\u00fcge tragen \u2013 die auf autorlose Reproduzierbarkeit oder auf hoch originelle Abweichungen setzen, auf Atonalit\u00e4t oder extreme rhythmische Wiederholung, auf ausget\u00fcftelte Hybridit\u00e4t oder forcierte Gl\u00e4tte und Oberfl\u00e4chlichkeit. Mit dieser Konzentration k\u00f6nnen sie zwar h\u00e4ufig tats\u00e4chlich einen sehr starken kommerziellen Zugriff und den Erfolg bei einem gro\u00dfen Publikum, das standardisiertere (oder anders standardisierte) Werke erwartet, verhindern, nicht vermeiden k\u00f6nnen sie jedoch, dass sie dadurch in die N\u00e4he des institutionalisierten Kunstbereichs mit seinen anderen Erwartungen des Nonkonformen, Experimentellen, St\u00f6renden r\u00fccken \u2013 womit alle Hoffnungen auf eine gr\u00f6\u00dfere, umw\u00e4lzende Wirkung von Sabotagehandlungen schon wieder gegenstandslos sind.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren wir wieder beim Problem der subversiv wirken wollenden, sabotierenden Kunst angelangt \u2013 bei der heutigen Schwierigkeit, ja tendenziell Unm\u00f6glichkeit, im Feld der westlichen Kunst f\u00fcr erkennbare oder nachhaltige St\u00f6rungen zu sorgen. Selbst im Falle, dass Zuschauer bei einer Performance nicht nur brav herumstehen und ruhig zugucken, es bleibt doch immer ein Kunstereignis, spezielle R\u00e4ume, besondere Reihen, besondere Privilegien, sogar (Verfassungs-)Rechte, mittlerweile auch gepaart mit weitgehender Ignoranz vonseiten jenes tendenziell kunstfeindlichen, antimodernen Publikums, das sich noch \u00fcber Aktionen in solchen Kunstr\u00e4umen emp\u00f6ren k\u00f6nnte und dadurch erst den Titel \u201eSt\u00f6rung\u201c oder gar \u201eSabotage\u201c rechtfertigte.<\/p>\n<p>Erst von dem Augenblick an, wo man Arbeitsteilung und Redeordnung aufheben w\u00fcrde, erg\u00e4be sich eine \u2013 freilich tendenziell totalit\u00e4re \u2013 Belastung der Liberalit\u00e4t und ein Ende der Toleranz oder Ignoranz: als Staatsanwalt in der Klageschrift dichten; der Metzger, der aktionistisch agiert; als Versicherungsmathematiker dem Prinzip der Aleatorik folgen; die Magisterarbeit nach expressionistischen Kriterien beurteilen. Auch wenn solche Konsequenz oft wohl kaum w\u00fcnschenswert scheint, es bleibt die Schlussfolgerung, dass jeder, dessen Arbeit einer Verwirrung der Ordnung gilt, prinzipiell nicht unter der Berufsbezeichnung \u201aK\u00fcnstler\u2018 auftreten sollte. Nach der Logik (einer vielleicht doch witzigen Alltagskom\u00f6die) m\u00fcsste er in die Rolle des Staatsdieners, des Angestellten nicht nur zeitweise schl\u00fcpfen; es w\u00e4re interessant zu beobachten, wie lange man ihn gew\u00e4hren lie\u00dfe und was es f\u00fcr Folgen h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Die Hinwendung zu Pop-Formen geschah und geschieht teilweise aus dieser Absicht heraus: mit modernen k\u00fcnstlerischen Mitteln und Zielen in einen \u00f6ffentlichen Bereich hineinzukommen, der kein Kunst-Reservat bildet. Sie fand und findet ihren Grund auch in der Absicht, mit ihrer Hilfe in die Kulturst\u00e4tten einzudringen und ihre Abl\u00e4ufe durcheinanderzubringen: Dass L\u00e4rm vom Tanzschuppen oder dem Motorradclub in die Oper hineinschallt, in abstrakte Malerei Werbefl\u00e4chen fremd hereinragen, traditionell als hoch erachtete Literatur sich ein Beispiel an den Vert\u00fcfteltheiten mancher Science-Fiction-Hefte nimmt, Filmnarration von Videoclipmontagen zerschnitten wird usf.<\/p>\n<p>Nun ist auch das seit den Tagen der Pop-Art und Postmoderne schon wieder l\u00e4ngst Geschichte und nach wie vor g\u00e4ngige Praxis, deshalb kann auf breiter Grundlage Bilanz gezogen werden. Sie f\u00e4llt, gemessen an den Anspr\u00fcchen der St\u00f6rung und Sabotage, wiederum negativ aus. Die Kunstinstitutionen haben das alles bestens verkraftet, ohne auch nur ansatzweise von ihrer Fixierung aufs Werk und auf die passive, kontemplative Rezeption abzur\u00fccken. Und eine \u00c4nderung kapitalistischer Ordnung oder eine Erweiterung der Demokratie in Richtung allgemeiner Partizipation und gr\u00f6\u00dferer Gleichheit kann man nach solchem \u201aAngriff\u2018 des Poppigen auf die hergebrachte Kunst wirklich nicht verzeichnen.<\/p>\n<p>Deshalb bleibt es f\u00fcr jene Verfechter der Sabotage, die endlich von den Pseudo-Sabotagen innerhalb des Kunstbereichs wegkommen wollen, hochgradig attraktiv, in Sendungen und Arenen des Pop- und Massenkommunikationssektors \u2013 wenn sie denn von massenkultureller Bedeutung sind \u2013 mit St\u00f6rungen publik zu werden (s. Autonome A.F.R.I.K.A.-Gruppe u.a. 2001). Das wichtige Meisterschaftsspiel unterbrechen, indem beim Pfostenschuss die vorher manipulierten Tore zusammenfallen; das Ger\u00fccht in den Medien streuen, Trinkwasser sei mit LSD angereichert worden; das Playback der Lady-Gaga-Show nutzen, um ihre Abertausenden Fans mit Nonsense-Gedichten zu beschallen; in der Live-TV-Show jede Antwort verweigern und lange Schweigemomente entstehen lassen \u2013 das m\u00f6gen solche Aktionen sein, die gr\u00f6\u00dfere Wirkung zeigen und nicht gleich als Kunstexperimente wegerkl\u00e4rt werden k\u00f6nnen; noch eindeutiger technische Sabotagen, die das Konzert, die \u00dcbertragung oder die \u201aganze kulturindustrielle Maschinerie\u2018 zum Abbruch, zum Stillstand bringen.<\/p>\n<p>Daniel Buren war mit seinem \u201eSt\u00f6rungs\u201c-Bild zumindest vom Prinzip her schon recht nah an solchen Sabotagen. Die Ausstrahlung im ARD-Programm bescherte der \u201eSt\u00f6rung\u201c ein immenses Publikum. Die verbleibende Unsicherheit, ob die Einblendung der offiziellen \u201eSt\u00f6rungs\u201c-Bekanntmachung auf einen k\u00fcnstlerischen Pop-Art-Urheber verwies oder auf einen technischen Defekt oder gar auf einen Anschlag zur\u00fcckging, blieb trotz des Rahmens der Kunstsendung f\u00fcr den Betrachter unumg\u00e4nglich erhalten. Als kurzes, f\u00fcr sich allein stehendes Intermezzo konnte die \u201eSt\u00f6rung\u201c dennoch keinerlei Kraft entfalten.<\/p>\n<p>Mit dem gewonnenen Status als Kunstwerk, von dem bis heute die Archivierung und Ausstellung in Museen zeugt, mag sie allenfalls als Ansporn f\u00fcr K\u00fcnstler und Kunstrezipienten dienen, es n\u00e4chstes Mal besser zu machen. Die Irritationslosigkeit solch potenziell radikaler Kunstfreunde, ihr Einverst\u00e4ndnis mit der \u201eSt\u00f6rung\u201c, w\u00e4re dann, leicht paradox, die Voraussetzung daf\u00fcr, die anderen, die es mit ihren Ordnungssystemen zu sabotieren gilt, in Zukunft zu irritieren und aufzust\u00f6ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Wissenschaftliche Betrachtung der Sabotage<\/p>\n<p>Die Wissenschaften f\u00fchren selber keine Sabotagen durch, sie k\u00f6nnen jedoch sehr viel zu ihnen beitragen, sei es nun, dass sie Computerviren entwickeln, die Zentrifugen zerst\u00f6ren, oder sei es, dass sie empirische oder strategisch-taktische Untersuchungen zu den Bedingungen und Erfolgschancen von Guerillaaktionen anstellen.<\/p>\n<p>Im weicheren Sinn von \u201aSabotage\u2018 \u00fcberlassen sie die Anwendung ihrer Ergebnisse allerdings nicht Technikern, Milit\u00e4rs, irregul\u00e4ren K\u00e4mpfern oder Geheimdienstleuten. Wenn man das \u00fcberhaupt noch Sabotage nennen m\u00f6chte, besteht sie darin, mit ungewohnten Beobachtungsperspektiven Denkkonventionen zu st\u00f6ren. Solche Verfremdungsleistungen und Angriffe auf etablierte Sprachspiele, Klassifikationsweisen und\/oder Mythen nehmen die meisten Wissenschaftler ganz bewusst vor. Hier ist die Ver\u00f6ffentlichung der Ergebnisse bereits ein Teil der Sabotage (entscheidend ist nat\u00fcrlich, dass die Ergebnisse, Begriffe und Perspektiven von Nicht-Wissenschaftlern \u00fcbernommen und verbreitet werden, sonst bleibt es beim \u201aSabotage\u2018-Versuch).<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig am Buch zur \u201eSabotage\u201c [dem dieser Beitrag entstammt]\u00a0 ist die \u00fcberwiegende Konzentration auf Sabotageakte im sehr weiten, metaphorischen Sinn. Etwas kaputt gemacht, eine Leitung gekappt, eine Seite gehackt wird in ihm selbstverst\u00e4ndlich nicht \u2013 dazu eignen sich B\u00fccher schwerlich. Es ist aber nicht einmal die Rede von solchen Sabotageakten, die eine Zerst\u00f6rung oder Blockade von Dingen und Infrastruktur bewirken.<\/p>\n<p>Es scheint so, als ob die heutigen Kultur- und Medienwissenschaftler (wenn sie auch, vertraut man der Auswahl in diesem Band zur \u201eSabotage\u201c, dieselben antiautorit\u00e4ren, machtkritischen Haltungen kultivieren wie ihre Vorg\u00e4nger der 1960er und 1970er Jahre) der Verbindung von Sabotage und Guerilla nicht mehr nachgehen wollen \u2013 bzw. ihnen der Gedanke ganz fremd geworden ist. Wie zum Ausgleich daf\u00fcr hegen sie jedoch keinen Zweifel mehr (der ihre Vorg\u00e4nger noch oft beschlich), dass es sich bei kreativen Abwandlungen, einigerma\u00dfen unkonventionellen Aneignungsweisen, humanistischen Soll-Hinweisen, medialen Fiktionen um wirklichkeitsm\u00e4chtige, im Sinne einer tiefergreifenden \u00c4nderung bestehender Verh\u00e4ltnisse mittelfristig, kumuliert wichtige Akte handelt. Deshalb nennt man sie gerne \u201asubversiv\u2018.<\/p>\n<p>Die Begr\u00fcndung ist von in dieser Szene hoch anerkannten, regelm\u00e4\u00dfig und pflichtgem\u00e4\u00df zitierten Gro\u00dftheoretikern wie Judith Butler und Homi Bhabha geliefert worden. Ram\u00f3n Reichert fasst sie in seinem Beitrag zusammen: Damit die Bedingungen der Macht gelten, m\u00fcssen sie von den Subjekten inkorporiert und stetig wiederholt werden, dadurch k\u00f6nnen sie aber als ver\u00e4nderbar und endlich kenntlich und sogar travestiert und in der Abwandlung besch\u00e4digt und umgewidmet werden.<\/p>\n<p>YouTube-Taggings z.B. gelten demnach als subversiv, weil (und wenn) sie ihr Potenzial ausspielen, die evidenzstiftende Macht des Videobilds zu unterminieren, ein Potenzial, das ihnen im \u201eoffenen und unabgeschlossenen Bedeutungsprozess\u201c grunds\u00e4tzlich zuerkannt wird, wenn auch Reichert nicht vergisst, darauf hinzuweisen, dass YouTubes \u201einfrastrukturelle Rahmenbedingungen\u201c und \u201etechnische Vorgaben\u201c dieses Potenzial einschr\u00e4nkten und es ohnehin fragw\u00fcrdig sei, \u201epolitische Widerst\u00e4ndigkeit\u201c auf (Re-)Signifikationsprozesse zu beschr\u00e4nken.<\/p>\n<p>Nicht fragw\u00fcrdig ist jedoch, dass kultureller (und irgendwie damit verbunden auch politischer) Widerstand gegen die \u201eMacht\u201c geleistet werden soll. Dem \u00e4u\u00dferst ausgeweiteten Begriff der Macht und ihrer Subversion entsprechend ist auch das Ziel der Machtkritik und des potenziellen Widerstands von gro\u00dfer Allgemeinheit bzw. \u00e4u\u00dferster Besonderheit: Wider den Identit\u00e4tszwang, wider die Bedeutungsfestsetzung, wider das Hierarchische.<\/p>\n<p>Zumeist wird es nicht ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert \u2013 und schon gar nicht wird \u00fcber die Konsequenzen f\u00fcr die Organisation einer machtloseren Gesellschaft nachgedacht, nicht einmal eine Ankn\u00fcpfung an die \u00e4lteren anarchistischen Modelle findet zumeist statt, in dieser Hinsicht macht sich der Vorrang der Kultur doch bemerkbar. Bei Reichert hei\u00dft es (mit Rekurs auf Deleuze\/Guattari) abschlie\u00dfend: \u201eDie asignifikanten Diagramme k\u00f6nnen von den Zeichenregimen zwar verarbeitet, aber nicht integriert werden, weil sie nicht-narrative und asubjektive Repr\u00e4sentationen darstellen.\u201c Hier ist anzuerkennen, dass mit solcher Praxis, mit solcherart erreichtem Ziel tats\u00e4chlich eine nachhaltige Sabotage \u00fcblicher Kommunikation eintr\u00e4te, wenn sie nur von gen\u00fcgend Internetnutzern geteilt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Es bleibt allerdings die Frage, wer den Zusammenbruch herk\u00f6mmlicher Kommunikation au\u00dferhalb eines speziell daf\u00fcr hergerichteten k\u00fcnstlerischen Bereichs tats\u00e4chlich will. Es besteht eine eigent\u00fcmlich gro\u00dfe Weite (um nicht zu sagen Leere) zwischen der Maximalforderung aufgel\u00f6ster Narration und Bedeutung auf der einen und dem aus Sicht der Cultural Studies obligatorischen Hinweis auf der anderen Seite, das \u201eVerh\u00e4ltnis von sozialer Software (YouTube) und Selbstpraktiken (User)\u201c solle nicht als determinierende Beziehung verstanden werden\u201c, sondern als eine \u201estrategische Machtbeziehung, die offen bleibt f\u00fcr ihre Abweichungen oder Ver\u00e4nderungen\u201c (wiederum Reichert).<\/p>\n<p>Letzteres ist nichts anderes als das, was, mit anderem Vokabular, in jedem Verfassungsgerichtsurteil zu Demokratie und \u00d6ffentlichkeit auch steht: Partizipation und demokratische Willensbildung ist und muss m\u00f6glich sein. Ersteres, mit seiner Hervorhebung von \u201eAneignungspraktiken\u201c, die \u201esich der Symbolisierung in einem gegebenen Zeichenregime entziehen\u201c, ist dann gleich ganz woanders. Diese Spanne zwischen dem \u00fcblichen Aneignen und Herumbasteln und der k\u00fcnstlerisch inspirierten Sinnverweigerung ist nur dann auszuhalten, so meine Vermutung, wenn die Anh\u00e4nger der radikalen Deterritorialisierung, Dezentrierung, Dekonstruktion selbst nicht ernsthaft annehmen, dass aus Ersterem Letzteres erwachsen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Unter anderem deshalb sind diese \u201aAsignifikations\u2018-Formeln empirisch gesehen bislang blo\u00df Topoi, die f\u00fcr K\u00fcnstler und im Kunstbereich allgemein von Bedeutung sind. Selbst wenn sie oder in ihrem Geist entstandene Werke und Spiele mit der Absicht hervorgebracht werden, \u00fcber die philosophische Diskussion und den Kunstsektor hinaus zu wirken, ziehen die heutigen Beitr\u00e4ger wesentlich seltener aus dem Scheitern des Versuchs jene Konsequenz, die vor drei\u00dfig, vierzig Jahren noch ihre Vorg\u00e4nger manchmal bestimmte: Den Kunstsektor zu verlassen, die wohlgesetzte Formulierung von Sabotagehoffnungen zu beenden.<\/p>\n<p>Darum k\u00f6nnen heute die Analysen und\/oder Hochwertungen der Sabotage und Subversion ganz unbefangen auch an Ph\u00e4nomenen demonstriert werden, die mit der politischen oder aggressiv zerst\u00f6rerischen Dimension der Begriffe wenig oder gar nichts zu tun haben. Marcus Stiglegger verwendet die Begriffe der \u201aSt\u00f6rung\u2018, \u201aSch\u00e4digung\u2018 und sogar der \u201aSabotage\u2018, um jene zielgerichtete Praxis von Filmemachern, zur Beglaubigung historischer Authentizit\u00e4t ihr modernes Material hinter den Stand heutiger Technik zu bringen, zu kennzeichnen und minuti\u00f6s zu schildern.<\/p>\n<p>Und \u2013 weiteres Beispiel aus dem vorliegenden Band \u2013 Thomas D\u00fcllo h\u00e4lt f\u00fcr \u201eKnallchargen\u201c wie Theo Lingen die Auszeichnung \u201aSabotage\u2018 parat, weil f\u00fcr ihn besagte Typen fremd in den Filmen ihrer Zeit stehen (wenn auch das \u201eChaos und die Leere\u201c, die sie anrichten, nur zwischenzeitlich entsteht, wie D\u00fcllo anmerkt, und keineswegs den kompletten Film auszeichnet). Das \u00fcberzogene, groteske Spiel der Knallchargen sabotiert mit seinem Verfremdungseffekt das auf Expression und Nat\u00fcrlichkeit ausgerichtete Agieren der anderen Schauspieler ebenso wie das narrativ-funktionale Gef\u00fcge des psychologischen Realismus. Heute seien die Knallchargen \u201edas einzig Ertr\u00e4gliche in diesen Filmen\u201c, h\u00e4lt D\u00fcllo fest.<\/p>\n<p>Ich kann das und seinen Aufsatz insgesamt nur unterschreiben; die \u201aSabotageakte\u2018 der Knallchargen, die als komische Effekte in den Filmen der Abwechslung halber fest eingeplant waren, haben demnach f\u00fcr uns auf eine Weise gewirkt, die sich gegen den Rest jener Filme wendet. Aber was folgt daraus? Dass man jetzt die anderen Schauspielarten und Plots nicht mehr sehen m\u00f6chte, sondern nur noch Knallchargen und Filme, die keiner Realismuskonvention mehr unterliegen? Wohl kaum. Oder anders, weniger normativ klingend, sondern mit Blick auf die Empirie gesagt: Bereits die Tatsache, dass die Knallchargen eine feste Gr\u00f6\u00dfe in konventionellen Filmen darstellen, zeigt, wie wenig \u201asabotierend\u2018 sie wirken.<\/p>\n<p>\u201eKaputte Menschen\u201c, unter ihnen sicherlich einige gefallene Knallchargen, r\u00fcckt uns Holger Schulze eindrucksvoll vor Augen. Vom Penner, Gammler, Hustler, Hippie, irren Weisen, Theken-Philosophen bis hin zum \u201eskurril-kaputten Dandy\u201c zieht sich die Reihe der \u201eKaputten\u201c. Sie seien \u201eallesamt Gestalten des Dysfunktionalen, der Disruption und Erratik in einer Welt, die als \u00fcberfunktionalisiert, als rundlaufend, gutgeschmiert und sinnloses Getriebe gesehen wird.\u201c Auch Schulze sieht die moderne Welt offenkundig so. Vorstellungen \u201eeigener Ganzheit und gedanklich-k\u00f6rperlicher Integrit\u00e4t\u201c sind f\u00fcr ihn lediglich \u201eIllusionen\u201c, funktionierende Abl\u00e4ufe blo\u00df Projektionen narzisstischer Machtmenschen, die zwanghaft ihre eigenen Schw\u00e4chen \u00fcberdecken und darum die \u201eKaputten\u201c, denen sie begegnen, gewaltsam verfolgen bzw. zuvor alles tun, um sie von \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen auszuschlie\u00dfen, damit solch eine Begegnung sich erst gar nicht ereignet.<\/p>\n<p>Schulze pl\u00e4diert deshalb daf\u00fcr, die \u201eKaputten\u201c auf der \u00f6ffentlich-medialen B\u00fchne zuzulassen, um bei der (nicht voyeuristischen) Begegnung mit dem kaputten Anderen die eigenen Allmachts- und Reinheitsgel\u00fcste zu verlieren: \u201eDie Zerst\u00f6rung und Ruiniertheit soll bleiben, sie soll sich ausbreiten und tats\u00e4chlich als auswegslose gegenw\u00e4rtig sein: ein ausgehaltener, ein nicht zu heilender Schmerz, eine offene Wunde.\u201c Sie birgt die Erkenntnis \u201eder eigenen Zerst\u00f6rtheit, der Desintegration aller idealen und gelingenden Selbstbilder\u201c: \u201eWir sind ganz Schmerz.\u201c Die Sabotierung der eigenen abgedichteten Existenz durch die Kaputten w\u00e4re dann keine mehr; die Begegnung mit dem Kaputten w\u00e4re vielmehr Teil einer Art paradoxen Heilung, die in der Annahme der eigenen Fehlbarkeit best\u00fcnde.<\/p>\n<p>Die Sabotage ist demnach f\u00fcr Schulze kein Wert an sich, wohl aber das Kaputte. Um eine Verringerung des Kaputten geht es ihm gerade nicht. Dass eine noch besser funktionierende Exekutive den Kaputten zumindest mehr M\u00f6glichkeiten bieten w\u00fcrde, sich zu versorgen, kommt ihm darum nicht in den Sinn. Dennoch arbeitet Schulze solcher Exekutive ungewollt zu: Aussagen wie die, dass wir hienieden alle gest\u00f6rt und Schmerzenskreaturen seien, werden in der modernen \u00c4mterwelt, Sozialpolitik und (Pseudo-)Wissenschaft sehr zuverl\u00e4ssig nicht als christliches Bekenntnis aufgefasst, sondern als Aufforderung, mehr psychosoziale Dienste und Inspektionen einzurichten und durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Inspektionen, die von der privaten Netzwirtschaft organisiert werden, m\u00f6chten Daniela Kuka und Klaus Gasteier durchkreuzen. Sie st\u00f6ren sich daran, dass Onlinefirmen einem mithilfe der Auswertung von Klicks auf der Basis algorithmischer Berechnungen sagen, was man wohl f\u00fcr ein Typ ist, welche anderen Gegenst\u00e4nde einem vermutlich gefallen w\u00fcrden und wie man seine Popularit\u00e4t steigern k\u00f6nne. \u201eWie k\u00f6nnen wir Meinungen, Pr\u00e4ferenzen und Geschmack \u00fcberhaupt noch ausbilden\u201c, fragen sie besorgt, \u201ewenn uns die Rezeptionsangebote immer schon einen Schritt voraus sind und zu denen wir uns nur noch zustimmend oder ablehnend, love it or ban it, verhalten k\u00f6nnen? Wie kann noch Neues entdeckt und Abwegiges ausprobiert werden, wenn jede Handlung erfasst, interpretiert und sozial bewertet wird?\u201c Die Frage ist bereits die Antwort. Sie glauben, man k\u00f6nne dies nicht, der Konformismus werde einem als Ma\u00dfgabe der Selbstoptimierung erfolgreich nahegelegt.<\/p>\n<p>Sie selbst sind nat\u00fcrlich die Ausnahme vom Konformen, deshalb k\u00f6nnen sie noch Gegenma\u00dfnahmen einleiten. Um die g\u00e4ngige Netzpraxis zu sabotieren, planen sie keine Angriffe auf Rechenzentren, seien es nun Hackeroperationen oder Anschl\u00e4ge auf Server, Ingenieurb\u00fcros, Firmenzentralen. Stattdessen haben sie eine Versuchsanordnung entwickelt, in der man spielerisch erlernen soll, in welchen Zwangsapparat die Algorithmisierung des eigenen Lebens f\u00fchrt, und sogleich erproben kann, sich auf eine Weise zu verhalten, auf die die formalisierten Deutungsmuster keinen rechten Zugriff haben:<\/p>\n<p>\u201eInteressen simulieren, strategische Freund- und Feindschaften kn\u00fcpfen, \u00fcber Umwege (z.B. Freundesfreunde) N\u00e4he zum Feind aufbauen, Handlungen tarnen, Geheimcodes f\u00fcr die Distanzierung vom Selbst etablieren, durch kritische Massenbildung neue Kategorien provozieren, durch diffuses inkoh\u00e4rentes Verhalten Einordnung verunm\u00f6glichen\u201c \u2013 das sind einige solcher Taktiken einer \u201eAbweichung vom Selbst\u201c, die Kuka\/Gasteier \u201eals Sabotage der Struktur des medialen Systems, ohne sie zu ver\u00e4ndern oder gar zu zerst\u00f6ren\u201c, empfehlen.<\/p>\n<p>Auch dieser Ansatz wird \u00e4u\u00dferst scharfsinnig begr\u00fcndet und dargelegt, ja, er wird ebenfalls vollkommen koh\u00e4rent entfaltet; von einem \u201einkoh\u00e4renten Verhalten\u201c, zu dem sie den Internetnutzern raten, sehen die AutorInnen im Rahmen ihres Aufsatzes vollst\u00e4ndig ab. Darin kommen sie mit jenen anderen Beitr\u00e4gern dieses Bandes \u00fcberein, die bei aller Sympathie f\u00fcr das Asignifikante, Kaputte, Knallchargenhafte in der Art ihrer Sympathieerkl\u00e4rungen selbst keine Neigung dazu zeigen. Trotz solch argumentativer Koh\u00e4renz kann man dennoch \u00fcber die Erkl\u00e4rungen streiten \u2013 vor allem \u00fcber den Ausgangs- und Zielpunkt der \u00dcberlegungen.<\/p>\n<p>Wie offenbar nicht un\u00fcblich unter den von Foucault, Butler etc. herkommenden TheoretikerInnen, werden die Gefahren, die von den ungreifbaren M\u00e4chten herr\u00fchren (auf Milit\u00e4r, Polizei, Richter, Minister, Direktoren st\u00f6\u00dft man bei ihnen nicht mehr), genauso stark dramatisiert, wie die Hoffnungen, ihnen zu entgehen, vage, gesellschaftsfern oder euphorisch ausfallen: \u201eWas als einfacher neuer Button (oder die Entfernung desselben) in mittlerweile vertrauten Interfaces sozialer Plattformen daherkommt, kann vielleicht der Klick in eine neue Gesellschaftsform sein\u201c, schreiben Kuka\/Gasteier nicht zuletzt mit Blick auf ihre eigene \u201eMischung aus Sozialexperiment, Gesellschaftsspiel und Alternate Reality Szenario\u201c. Nun, denkbar mag das sein, wesentlich wahrscheinlicher ist allerdings, dass es sich um den Schritt in eine Galerie oder einen kulturwissenschaftlichen Sammelband handelt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Autonome A.F.R.I.K.A.-Gruppe\/Luther Blissett\/Sonja Br\u00fcnzels (2001): Handbuch der Kommunikationsguerilla, Berlin u.a.<\/p>\n<p>Berkeley Commune, Up Against The Wall\/Motherfucker (1971): \u201eAnother Carnival of Left Politics\u201c, in: Peter Stansill\/David Zane Mairowitz (Hg.): BAMN (By Any Means Necessary). Outlaw Manifestos and Ephemera, Harmondsworth, S. 155-156.<\/p>\n<p>Ernst, Thomas u.a. (Hg.) (2008): SUBversionen. Zum Verh\u00e4ltnis von Politik und \u00c4sthetik in der Gegenwart, Bielefeld.<\/p>\n<p>Ernst, Thomas (2008): \u201eSubversion \u2013 Eine kleine Diskursanalyse eines vielf\u00e4ltigen Begriffs\u201c, in: <em>Psychologie &amp; Gesellschaftskritik<\/em> 32: 4, S. 9-34.<\/p>\n<p>Gray, Christopher\/Radcliffe, Charles (2000) \u201eThe Provo Riots\u201c [in: <em>Heatwave<\/em>, Nr. 2, Oktober 1966], in: King Mob Echo. English Section of the Situationist International, London, S. 48-51.<\/p>\n<p>Hampel, Frank (1989): Zwischen Guerilla und proletarischer Selbstverteidigung. Clausewitz \u2013 Lenin \u2013 Mao Zedong \u2013 Che Guevara \u2013 K\u00f6rner, Frankfurt\/M..<\/p>\n<p>Hildermeier, Manfred (1982): \u201eZur terroristischen Strategie der Sozialrevolution\u00e4ren Partei Ru\u00dflands (1900\u20131914)\u201c, in: Wolfgang J. Mommsen\/Gerhard Hirschfeld (Hg.), Sozialprotest, Gewalt, Terror. Gewaltanwendung durch politische und gesellschaftliche Randgruppen im 19. und 20. Jahrhundert, Stuttgart (= Ver\u00f6ffentlichungen des Deutschen Historischen Instituts London, Bd. 10), S. 100-107.<\/p>\n<p>Kleiner, Marcus S. (2005): \u201eSemiotischer Widerstand. Zur Gesellschafts- und Medienkritik der Kommunikationsguerilla\u201c, in: Gerd Hallenberger\/J\u00f6rg-Uwe Nieland (Hg.): Neue Kritik der Medienkritik. Werkanalyse, Nutzerservice, Sales Promotion oder Kulturkritik?, K\u00f6ln, S. 314-366.<\/p>\n<p>Kreuzer, Helmut (1968\/1971): Die Boheme. Analyse und Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, mit einem Errataverzeichnis versehene, sonst textlich unver\u00e4nderte Studienausgabe von \u201dDie Boheme. Beitr\u00e4ge zu ihrer Beschreibung\u201d, Stuttgart.<\/p>\n<p>Marcus, Greil (1989): Lipstick Traces. A Secret History of the Twentieth Century, London 1989.<\/p>\n<p>M\u00fcller-Borchert, Hans-Joachim (1973): Guerilla im Industriestaat. Ziele, Ansatzpunkte und Erfolgsaussichten, Hamburg.<\/p>\n<p>M\u00fcnkler, Herfried (1980): \u201eGuerillakrieg und Terrorismus\u201c, in: <em>Neue Politische Literatur<\/em> 25, S. 299-326.<\/p>\n<p>Ort, Nina (2010): \u201eArgumentative \u00dcberidentifikation als Strategie der Kommunikationsguerilla\u201c, in: Ole Petras\/Kai Sina (Hg.): Kulturen der Kritik. Mediale Gegenwartsbeschreibungen zwischen Pop und Protest, Dresden, S. 95-107.<\/p>\n<p>Plumpe, Gerhard (1995): Epochen moderner Literatur. Ein systemtheoretischer Entwurf, Opladen.<\/p>\n<p>Plumpe, Gerhard (2001): \u201eAvantgarde. Notizen zum historischen Ort ihrer Programme\u201c, in: <em>Text und Kritik<\/em>, Sonderband IX\/01: Aufbruch ins 20. Jahrhundert. \u00dcber Avantgarden, M\u00fcnchen, S. 7-14.<\/p>\n<p>Sinclair, John (1972): \u201eThe White Panther State\/meant\u201c [in: <em>Fith Estate<\/em>, November 1968], in: ders.: Guitar Army. Secret Writings\/Prison Writings, New York, S. 103-105.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des transcript Verlags.<\/p>\n<p>N\u00e4here Hinweise zum \u201eSabotage!\u201c-Band <a title=\"information sabotage transcript\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts2210\/ts2210.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Subversionen und Sabotagen stellen ein Schmiermittel des heutigen Kunstsystems dar, sie wirken weniger st\u00f6rend als belebend<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[279,916,1325,1546,1837,2047,2257,2337],"class_list":["post-2327","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-avantgarde","tag-guerilla","tag-kulturtheorie","tag-moderne","tag-pop-zeitschrift-2","tag-sabotage","tag-subversion","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2327","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2327"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2327\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2327"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2327"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2327"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}