{"id":2336,"date":"2013-10-19T22:22:01","date_gmt":"2013-10-19T20:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2336"},"modified":"2013-10-19T22:22:01","modified_gmt":"2013-10-19T20:22:01","slug":"beschreibung-und-verherrlichung-rezension-zu-dennis-rebmanphilip-stratmann-mit-schmackes-punk-im-ruhrgebietvon-martin-seeliger19-10-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/10\/19\/beschreibung-und-verherrlichung-rezension-zu-dennis-rebmanphilip-stratmann-mit-schmackes-punk-im-ruhrgebietvon-martin-seeliger19-10-2013\/","title":{"rendered":"Beschreibung und Verherrlichung Rezension zu Dennis Rebman\/Philip Stratmann, \u00bbMit Schmackes! Punk im Ruhrgebiet\u00abvon Martin Seeliger19.10.2013"},"content":{"rendered":"<p>Welchen Beitrag die Kneipe Freak-Show in Steele f\u00fcr die Entwicklung von Punk im Ruhrgebiet geleistet hat, bleibt weitgehend unklar<!--more--><\/p>\n<p>Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe eine Menge eigener Erfahrungen und Meinungen\u00a0 zum Thema Punk im Ruhrgebiet und wenn ich ein \u00e4hnliches Buch wie das hier besprochene geschrieben h\u00e4tte, w\u00e4re es vermutlich ganz anders geworden. Und anders als im Fall einer Auswertung der Bev\u00f6lkerungsstatistik oder der Organisation eines Versuchs in der Experimentalchemie ist das auch kein Problem. Denn das Buch von Dennis Rebmann und Philip Stratmann ist kein wissenschaftliches Projekt im engeren Sinne. Es ist aber auch kein Fanzine, das sich allein der Huldigung (oder auch dem Verrei\u00dfen) mehr oder weniger bekannter Medien und K\u00fcnstlerInnen aus der Punkszene widmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Bis zur Ver\u00f6ffentlichung im August 2013 haben die beiden Autoren seit November 2011 an dem 270 Seiten starken Text gearbeitet. Auf Basis von 50 Interviews, zahlreichen Gastbeitr\u00e4gen und einer Menge (meist ausgezeichneter) Fotos und anderem Bildmaterial bewegt sich das Buch an einer Schnittstelle zweier Publikationsstr\u00e4nge, die in den letzten Jahren an Popularit\u00e4t gewonnen haben. Hierbei handelt es sich einerseits um die (kulturwissenschaftlich wie belletristisch inspirierte) Auseinandersetzung mit der Geschichte des Ruhrgebiets \u201avon unten\u2018 (Springer et al. 2008; Welt 2006; 2009) und andererseits mit dem zunehmend intensiv bestellten Feld der Historie von Punk in Deutschland (Ryser 2012; Meinert\/Seeliger 2013).<\/p>\n<p>Der Text ist mehr oder weniger chronologisch gegliedert, allerdings bietet die zeitliche Abfolge keinen ganz einheitlichen roten Faden vom Anfang bis zum Ende des Buches. Stattdessen beginnt man irgendwo zwischen sp\u00e4ten 1970ern und fr\u00fchen 1980er Jahren und rekonstruiert anhand mehr oder weniger koh\u00e4rent zusammengestellten Materials einen Plot von Punk im Ruhrgebiet. Diese Erz\u00e4hlung ergibt sich aus fragmentarisch zusammengestellten Teilberichterstattungen, die einerseits und zu einem guten Teil auf der Vorstellung unterschiedlicher Musikgruppen beruht.<\/p>\n<p>Weiterhin umfasst der Text aber auch Abschnitte \u00fcber Fanzines (und mit \u201aPunkrockers Radio\u2018 sogar eine Internetaudiosendung) und Filme sowie zahlreiche halboffene Interviews mit Szenevertretern und eine standardisierte Interviewrubrik.\u00a0 Einen weiteren Teil nimmt eine Reihe von Gastbeitr\u00e4gen ein, die unterschiedliche Schlaglichter auf das Ph\u00e4nomen werfen. Zum Ende des Buches werden schlie\u00dflich die Ergebnisse einer Umfrage visualisiert, im Rahmen derer unter anderem nach der wichtigsten Band und der wichtigsten Platte des Ruhrpott-Punkrock gefragt werden.<\/p>\n<p>Schon die oberfl\u00e4chliche Lekt\u00fcre zeigt: Der Text besitzt einen Doppelcharakter. Gegebenheiten und Entwicklung einer Szene und Subkultur in einem bestimmten regionalen Rahmen werden im Buch beschrieben <em>und<\/em> verherrlicht. Als vor allem historisch orientierte Darstellung ist der Text einerseits umfangreich, es werden viele Aspekte der zeitlichen Entwicklung von Punk im Ruhrgebiet abgedeckt.<\/p>\n<p>Andererseits bleibt er aber auch, recht oberfl\u00e4chlich beziehungsweise willk\u00fcrlich in seiner Vertiefung. So werden in einigen Interviews bestimmte Aspekte detailreich\u00a0 beschrieben (im Volksmund des Ruhrgebiet auch: \u201adie ollen D\u00f6nekes auspacken\u2018, vgl. z.B. die Geschichte \u00fcber die verbreiteten Eintrittsform in einen bekannten Veranstaltungsort \u00fcber das Toilettenfenster). Der Grund, aus dem diesen Aspekten mit gr\u00f6\u00dferer Tiefensch\u00e4rfe nachgegangen wird als anderen, wird allerdings nicht expliziert.<\/p>\n<p>Der Text besteht aus einem Haufen subjektiver Schlaglichter und changiert dabei im Spektrum zwischen der ethnographischer Sensibilit\u00e4t einer ausgezeichneten materialistischen Analyse (die Beschreibung zahlreicher Fahrten im \u00f6ffentlichen Nahverkehr, dessen Logistik Punk im Ruhrgebiet erm\u00f6glicht, oder die anschaulichen Darstellungen von Polizeirepression vor allem in den Anf\u00e4ngen) und dem redundant-aufdringlichen Stil eines schlechten Amsterdam-Reisef\u00fchrers.<\/p>\n<p>Dass die Geschichte von Punk im Ruhrgebiet gewisserma\u00dfen als Fortschreibung g\u00e4ngiger Regionalfolklore anmutet (Punker im Ruhrgebiet erscheinen streckenweise als Pendants zur Sozialfigur des \u201agroben Malochers mit Herz\u2018), wirkt gleicherma\u00dfen wahr und undifferenziert, wie es dem Leser \u00e4hnlich kitschig und herzerw\u00e4rmend erscheinen mag. Die mangelnde methodische Stringenz ist hierbei vollkommen unproblematisch (darf man sie \u00fcberhaupt monieren?), denn es handelt sich bei dem Text ja nicht um eine wissenschaftliche Studie, sondern um ein Liebhaberprojekt.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Bevor ich mich weiter unten in einigen Kritteleien ergehen werde, die man mir nicht \u00fcbel nehmen darf, weil ich das Projekt nicht nur lobenswert und sondern im Ergebnis \u00e4u\u00dfert gelungen finde, m\u00f6chte ich ganz deutlich machen, dass das Buch zur Schlie\u00dfung einer L\u00fccke beitr\u00e4gt: Es gibt bisher keine systematische Zusammenstellung zu Punk im Ruhrgebiet, und eine solche legen die beiden Autoren vor. Wohlbemerkt: \u201ebeitr\u00e4gt\u201c. Denn vollst\u00e4ndig geschlossen wird die L\u00fccke nat\u00fcrlich nicht (welches einzelne Buch schlie\u00dft eine L\u00fccke vollst\u00e4ndig?). Nun aber zu einigen kritischen Anmerkungen:<\/p>\n<p>Geschichte von Punk im Ruhrgebiet wird von Rebmann und Stratmann im Wesentlichen als Geschichte wei\u00dfer deutscher M\u00e4nner geschrieben. W\u00e4hrend das im Hinblick auf die ethnische Zusammensetzung der Szene auch weitgehend den Tatsachen entspricht (es gibt praktisch nur sehr, sehr wenige ausl\u00e4ndisch-st\u00e4mmige Punker im Ruhrgebiet), w\u00e4re eine st\u00e4rkere Ber\u00fccksichtigung von Frauencharakteren und ihren symbolischen Repr\u00e4sentationen auch numerisch gerechtfertigt gewesen (sollte also jemand \u00fcber Frauen und Post-Migranten in der Geschichte von Punkrock im Ruhrgebiet forschen wollen, unterst\u00fctze ich das!!).<\/p>\n<p>Weitere Ungereimtheiten ergeben sich meiner Ansicht nach \u2013 und das ist vermutlich keine \u00dcberraschung, denn irgendwen\/irgendwas vergisst man immer \u2013 in der Auswahl von Bands und Konzertlocations, die (angeblich) f\u00fcr die Entwicklung der Szene eine Rolle gespielt haben. Der Verfasser der oben genannten Rezension verweist z.B. zu Recht darauf, dass Cotzraiz vom Niederrhein stammen und eigentlich keinen unmittelbaren Ruhrgebietsbezug aufweisen. Welchen Beitrag die Kneipe Freak-Show in Steele f\u00fcr die Entwicklung von Punk im Ruhrgebiet geleistet hat, bleibt auch weitgehend unklar (vielleicht gehen die Autoren dort selbst gern ein paar Bier trinken?).<\/p>\n<p>Das im selben Stadtteil angesiedelte Julius-Leber-Haus, das unter der engagierten Leitung von J\u00fcrgen Zips-Zimmermann als st\u00e4dtische Einrichtung Generationen regionaler Punker im ihrem Punker-Werden gepr\u00e4gt hat, bleibt stattdessen v\u00f6llig unerw\u00e4hnt. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, schlie\u00dflich kommt dieser Begr\u00fcndungsmangel in den besten akademischen Fach-Familien vor (am T\u00fcrschild der Wohnsitze steht in der Regel der Nachname \u201eKulturwissenschaft\u201c). Auf Grund seiner fragmentierten, teilweise unbegr\u00fcndet wirkenden Zusammensetzung mag man dem Buch als einen Mangel an Koh\u00e4renz unterstellen. Etwas pointiert k\u00f6nnte man sich das Vorgehen der Autoren m\u00f6glicherweise als dem Sinnspruch folgend vorstellen \u201eLass mal \u00fcberlegen, wen wir noch fragen k\u00f6nnen? W\u00e4re der oder der nicht cool?\u201c.<\/p>\n<p>Auch die am Ende des Buches visualisierten Umfrageergebnisse zeigen: Das Buch ist eine Amateurver\u00f6ffentlichung. Die farbenfroh illustrierten Diagramme am Ende sind in ihrer Un\u00fcbersichtlichkeit die Karikatur einer bildhaften Darstellung statistischer Daten. Und wenn die Frage danach, welches die beste Punkband aus dem Ruhrgebiet ist, sich zwischen Eisenpimmel und den Kassierern entscheidet, ist das nat\u00fcrlich eine sch\u00f6ne Ironisierung der Aufbereitung demoskopischer oder volkswirtschaftlicher Datenbest\u00e4nde interpretierbar.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Wie bereits oben angemerkt, verzichten die Autoren in ihrem Text nicht auf die Bewertung des Beschriebenen. Man gewinnt beim Lesen sogar den Eindruck, dass der Glorifikationsanteil im Verlauf des Buches immer weiter zunimmt. Ich tippe darauf, dass das daran liegt, dass die Autoren, je n\u00e4her man der Gegenwart kommt, entsprechend hohe pers\u00f6nliche Identifikation mit dem Beschriebenen an den Tag legen.<\/p>\n<p>Es handelt sich also gleicherma\u00dfen um Deskription und Hommage und aus meiner Sicht l\u00e4sst sich hier v\u00f6llig problemlos ein \u201eund das ist auch gut so\u201c hinzusetzen. Das liegt aber, wie eingangs beschrieben, dass ich mich nicht nur abstrakt f\u00fcr Punk im Ruhrgebiet, sondern auch konkret f\u00fcr seine distanzlose Verherrlichung interessiere. Empfohlen sei das Buch daher nicht allen, sondern nur denen, die ein genuines Interesse an subjektiver Regionalgeschichtsschreibung oder Punk im Ruhrgebiet mitbringen. Denen allen aber dringend!!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Ryser, Daniel (2012): Slime: Deutschland muss sterben. M\u00fcnchen: Heine.<\/p>\n<p>Meinert, Philipp; Seeliger, Martin (Hg.) (2013): Punk in Deutschland. Sozial- und Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Transcript: Bielefeld.<\/p>\n<p>Springer, Johannes et al. (Hg.) (2008): Echt! Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet. Duisburg: Salon Alter Hammer.<\/p>\n<p>Welt, Wolfgang (2006): Buddy Holly auf der Wilhelmsh\u00f6he. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p>Wolfgang Welt (2009): Doris Hilft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nDennis Rebmann\/Philip Stratmann<br \/>\nMit Schmackes! Punk im Ruhrgebiet<br \/>\nBottrop 2013<br \/>\nVerlag Henselowsky Boschmann<br \/>\nISBK 978-3-942094-33-7<br \/>\n271 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage seeliger\" href=\"http:\/\/www.mpifg.de\/forschung\/wissdetails_de.asp?MitarbID=606\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Martin Seeliger<\/a> ist Doktorand am Max-Planck-Institut f\u00fcr Gesellschaftsforschung, K\u00f6ln.<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> In einer anderen Rezension des Buches im Fanzine \u201aPlastic Bomb\u2018 beschreibt der Autor \u201aMicha\u2018 die Methode, nach der der Text geplant und verfasst wurde, als \u201elearning by doing\u201c.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Wenn das als Witz gemeint war, finde ich ihn gut. Ich bin mir allerdings nicht sicher, bitte also um Aufkl\u00e4rung!<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welchen Beitrag die Kneipe Freak-Show in Steele f\u00fcr die Entwicklung von Punk im Ruhrgebiet geleistet hat, bleibt weitgehend unklar<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1466,1837,1919,1993],"class_list":["post-2336","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-martin-seeliger","tag-pop-zeitschrift-2","tag-punk-im-ruhrgebiet","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2336","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2336"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2336\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2336"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2336"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2336"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}