{"id":2365,"date":"2013-10-28T13:40:19","date_gmt":"2013-10-28T11:40:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2365"},"modified":"2013-10-28T13:40:19","modified_gmt":"2013-10-28T11:40:19","slug":"gut-gelaunter-supermann-rezension-zu-jorg-scheller-arnold-schwarzenegger-oder-die-kunst-ein-leben-zu-stemmenvon-thomas-hecken28-10-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/10\/28\/gut-gelaunter-supermann-rezension-zu-jorg-scheller-arnold-schwarzenegger-oder-die-kunst-ein-leben-zu-stemmenvon-thomas-hecken28-10-2013\/","title":{"rendered":"Gut gelaunter Supermann Rezension zu J\u00f6rg Scheller, \u00bbArnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen\u00abvon Thomas Hecken28.10.2013"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbOftmals ist das Triviale nur trivial in seiner Isoliertheit und theoretischen Unerschlossenheit.\u00ab<!--more--><\/p>\n<p>In seinem dem Ver\u00f6ffentlichungstitel nach nicht mehr als Dissertation zu erkennenden Buch ordnet J\u00f6rg Scheller Schwarzenegger als \u00bbfaszinierend intertexuelle, \u00e4sthetisch hochinteressante Figur ein, die der Trivial- oder Massenkunst zuzurechnen\u00ab sei (S. 19). Forschungsleitend ist Schellers Diktum: \u00bbOftmals ist das Triviale nur trivial in seiner Isoliertheit und theoretischen Unerschlossenheit\u00ab (S. 20).<\/p>\n<p>An Entschlossenheit, Schwarzeneggers \u00bbWerk\u00ab, das Schauspielerei, Bodybuilding, Politik umfasst, mit dem R\u00fcstzeug zahlreicher kulturwissenschaftlicher Theorien zu traktieren, mangelt es Scheller selbst nicht. In seinen Referenzen auf gro\u00dfe und mittelgro\u00dfe Theoretikernamen ist sein Buch dann wieder als Dissertation erkennbar. Ungew\u00f6hnlich f\u00fcr die Textsorte ist aber der mitunter pointierte Stil Schellers und seine Neigung zum klaren, nicht verdrucksten Urteil.<\/p>\n<p>Im gro\u00dfen Rahmen ordnet Scheller Schwarzeneggers Werk in jener Postmoderne ein, die Kunst und Leben, hohe und niedrige Kunst auf spektakul\u00e4re Weise miteinander zu verbinden trachtet. Mit seinem Bodybuilding sei Schwarzenegger in den 1970er Jahren zu einem \u00bbder prominentesten Vermittler zwischen Subkultur und Mainstream\u00ab aufgestiegen (S. 43). Durch die \u00dcberbetonung und Verk\u00fcnstlichung des K\u00f6rpers habe Schwarzenegger das Muskul\u00e4re von jedem semantischen Kern der Ert\u00fcchtigung und Kampfesbereitschaft gel\u00f6st \u2013 ganz im Sinne des Camp wird Schwarzenegger deshalb zur \u00bbexaltierten \u00e4sthetizistischen Person\u00ab erkl\u00e4rt (S. 54).<\/p>\n<p>Im Sinne zeitgen\u00f6ssischer Oberfl\u00e4chlichkeit, die ihre Tiefenlosigkeit bewusst ausstellt, stuft Scheller ebenfalls Schwarzeneggers Hollywood-Filme ein, nicht nur die sp\u00e4teren selbstironischen Produktionen, sondern auch die p\u00e4dagogisch und ideologisch umstrittenen. \u00bbDas eigentlich modernistische Element des Actionfilms aber ist seine Idiotie. Nur ein Narr kann ihn als mimetisches Genre interpretieren. Gerade durch Stumpfsein und \u00dcbertreibung stellt er seine Gemachtheit offen zur Schau, bekennt er sich zur Selbstreferentialit\u00e4t: Er zeigt das, was nur durch und mit ihm m\u00f6glich ist; nicht das, was auch ohne m\u00f6glich w\u00e4re oder faktisch ist.\u00ab (S. 187)<\/p>\n<p>Postmodern wiederum agiere Schwarzenegger bei der Aneignung und Neukombination abendl\u00e4ndischer und anderer Mythen, die er ihres Bildungsgehalts, aber auch ihres volkst\u00fcmlich- und monotheistisch-hegemonialen Kerns entleere. Scheller kommt darum zu dem Schluss: Das \u00bbFantasma der homogenen Rasse sowie den v\u00f6lkischen Ewigkeitskult, der schwerlich mit der permanenten Evolution des Kapitalismus und seiner Moden zu vereinbaren ist, finden wir weder beim Bodybuilder Schwarzenegger noch beim Unternehmer Schwarzenegger, noch beim Schauspieler Schwarzenegger, noch beim Politiker Schwarzenegger. Er ist ein Mann der \u203ashopping malls\u2039 und der \u203askyscraper\u2039, ein Kumpel der Hedge-Fonds-Manager, ein Liebhaber des glitzernden schnelllebigen Konsums.\u00ab (S. 163)<\/p>\n<p>Mit der postmodernen Variante des autorit\u00e4ren Gebarens, das Schwarzenegger kultiviert, kann Scheller darum auch politisch halbwegs seinen Frieden machen. Ganz allgemein ist Scheller der Auffassung, dass zum \u00bbPluralismus\u00ab nicht die radikaldemokratische \u00bbAbschaffung von Hierarchien und Stolz\u00ab geh\u00f6re, sondern die \u00bbneidlose Anerkennung jener Hierarchien\u00ab, die nicht gewaltsam zustande gekommen sind (S. 174f.).<\/p>\n<p>Trotz offenkundig libert\u00e4rer Auffassungen kann Scheller umso mehr zu dieser halb meritokratisch, halb konservativen Anschauung gelangen, als er zu wissen glaubt, dass in einem konsumistischen Kapitalismus, der mit liberaler Demokratie verbunden wird, der \u00bbepische Glamour\u00ab des herkulischen, aber schwertlosen Schwarzenegger keinen gro\u00dfen Schaden anrichten k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Man sieht, Scheller denkt trotz seiner ironisch-postmodern-pluralistischen Ang\u00e4nge gern in gro\u00dfen Kategorien, er liebt das Pathos der Bekundungen und unerschrockenen Bilanzen. Das reduziert betr\u00e4chtlich seine Bereitschaft, den kleinen Schaden, den Figuren wie Schwarzenegger anrichten, darzustellen. Beredt ist Scheller vor allem darin, Schwarzenegger auf Mittelma\u00df zu bringen \u2013 \u00bbein Mann ohne erkennbare Talente im engeren Sinne\u00ab au\u00dfer dem, ein Image zu bilden. Da aber \u00bbPop auch in der Abkehr vom \u203aSelberk\u00f6nnen\u2039 und \u203aNeumachenm\u00fcssen\u2039 wurzelt\u00ab (S. 116), vermag Scheller als Pop-Apologet dem positive Z\u00fcge abzugewinnen.<\/p>\n<p>Richtig gro\u00df kann also nur der Autor selbst sein, der souver\u00e4n und spielerisch mit Schwarzenegger als Formmasse und Attraktion sein Bildungswissen und seine Thesenfreudigkeit wieder und wieder unter Beweis stellt. Tats\u00e4chlich gelingt dies Scheller in dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen, sehr gut geschriebenen Dissertation. Gerade als Feuilletonist, Pop-Theoretiker und Zeitdiagnostiker sollte eine gro\u00dfe Laufbahn vor ihm liegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nJ\u00f6rg Scheller<br \/>\nArnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen<br \/>\nStuttgart: Franz Steiner Verlag 2012<br \/>\nISBN: 978-3-515-10106-6<br \/>\n279 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cErfolgreich, wenn auch nicht kommerziell&lt;br \/&gt; Rezension zu Max Dax\/Anne Waak (Hg.), \u00bbSpex. Das Buch. 33 1\/3 Jahre Pop\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;17.5.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=1754&amp;action=edit\"><strong>\u00a0<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbOftmals ist das Triviale nur trivial in seiner Isoliertheit und theoretischen Unerschlossenheit.\u00ab<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[228,1159,1837,1993,2337],"class_list":["post-2365","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-arnold-schwarzenegger","tag-jorg-scheller","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2365","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2365"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2365\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2365"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2365"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2365"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}