{"id":2383,"date":"2013-11-03T22:13:44","date_gmt":"2013-11-03T20:13:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2383"},"modified":"2013-11-03T22:13:44","modified_gmt":"2013-11-03T20:13:44","slug":"im-bann-der-auslagenliteratur-und-warenhauskultur-um-1900von-uwe-lindemann4-11-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/11\/03\/im-bann-der-auslagenliteratur-und-warenhauskultur-um-1900von-uwe-lindemann4-11-2013\/","title":{"rendered":"Im Bann der AuslagenLiteratur und Warenhauskultur um 1900von Uwe Lindemann4.11.2013"},"content":{"rendered":"<p>Nicht mehr der Mangel soll als Anlass f\u00fcr den Kauf von Waren bestimmend sein<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst abgedruckt in: Monika Schmitz-Emans\/Gertrud Lehnert (Hg.): Visual Culture. Synchron: Heidelberg 2008, S. 197-212]<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">I. Die Performanz des Visuellen<\/p>\n<p>Das Warenhaus ist architektonisch ohne Vorbild. Wie der Bahnhof, wie die Markt- und Ausstellungshalle wird es in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts aus den modernsten Baumaterialien wie Eisen und Eisenbeton errichtet. Dies erm\u00f6glicht nicht nur eine gro\u00dffl\u00e4chige Verglasung der Au\u00dfenfassade, sondern er\u00f6ffnet auch f\u00fcr die Gestaltung des Innenraums neue M\u00f6glichkeiten. Andererseits steht die Architektur des Warenhauses f\u00fcr ein neues \u00f6konomi\u00adsches Bewusstsein, das den Absatz von Waren untrennbar mit ihrer visuellen Pr\u00e4\u00adsentation verkn\u00fcpft. Dies betrifft die Schaufensterauslagen und die Pr\u00e4sentation der Waren im Innenraum ebenso wie die regelm\u00e4\u00dfige Zeitungs\u00adwerbung der Waren\u00adh\u00e4user, die auf der Stra\u00dfe oder im Warenhaus verteilten Werbezettel und nat\u00fcrlich das umfassende Kataloggesch\u00e4ft. Es entste\u00adhen neue Berufe, die sich ausschlie\u00dflich mit der visuellen Inszenierung von Waren befassen: der Beruf des Dekorateurs, des Reklamefachmanns und \u2013 sp\u00e4ter \u2013 der des Mannequins (vgl. Lam\u00adberty 2000, 234ff. und Lehnert 1996, 64ff.).<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Weitere visuelle Reize bietet das Warenhaus durch ein Raumerleb\u00adnis, das bislang Sakral- und Repr\u00e4sentationsbauten vorbehalten schien. Wie dieses Raumerlebnis auf zeitgen\u00f6ssi\u00adsche Besucher gewirkt haben mag, wird schon fr\u00fch von der Literatur reflektiert. So hei\u00dft es beispielsweise in <em>Der <\/em><em>Warenhaus<\/em><em>k\u00f6nig <\/em>(1912) von Max Freund: \u201eWas f\u00fcr Hallen! Welche Pracht! Gewaltige Marmorpfeiler schnellen empor\u201c (Freund 1912, 36) und Erich K\u00f6hrer schreibt in <em>Warenhaus Berlin<\/em> (1909) \u00fcber den zentralen Lichthof seines fiktiven Kaufhauses: \u201ein sei\u00adner unermesslichen H\u00f6he [machte er] einen geradezu schwindelerregen\u00adden Eindruck\u201c (K\u00f6hrer 1909, 40f). Die einzelnen Etagen des Warenhauses werden nicht mehr durch mas\u00adsive Pfeiler im Innenraum gest\u00fctzt, sondern durch ver\u00adgleichsweise filigrane Eisen\u00ads\u00e4ulen und Eisentr\u00e4ger, die zum Teil mit Holz oder Stein verkleidet werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Dies erlaubt dem Besucher weite Blicke durch den Innenraum und l\u00e4sst die Grenzen zwischen den einzelnen Warenabtei\u00adlungen verschwimmen. Von Au\u00dfen und im Innern soll das Waren\u00adhaus offen wirken. Dabei geht es nicht allein um \u201erasche Abfertigung\u201c oder \u201e\u00dcbersichtlichkeit\u201c, wie Sigfried Giedion 1928 in <em>Bauen in Frankreich<\/em> bemerkt (Giedion 2000, 31 u. 33) oder um eine F\u00f6rderung der Transparenz des Warenverkehrs zugunsten des Kunden (vgl. Sombart 1928, 85), sondern, so meine These, um eine Entgrenzung des Blicks.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Diese Entgrenzung des Blicks im architektonischen Bereich wird gef\u00f6rdert durch die opulente, m\u00f6glichst farbenpr\u00e4chtige Pr\u00e4sentation der Waren. Auch dies wird fr\u00fch literarisch beschrieben. Schon in \u00c9mile Zolas Roman <em>Au Bonheur des Dames <\/em>(1883), dem \u201aUrtext\u2018 der Warenhausliteratur, hei\u00dft es:<\/p>\n<p>\u201eSo ergl\u00e4nzte [&#8230;] das \u201aParadies der Damen\u2018 seit acht Uhr in den Strahlen dieses hellen Son\u00adnenscheins [&#8230;]. Am Eingang wehten Fahnen, Wollwaren flatterten in der frischen Morgen\u00adluft [&#8230;], w\u00e4hrend die Schaufenster [&#8230;] wahre Symphonien von Auslagen entfalteten, deren leuchtende Farbe noch gesteigert wurden durch die Blankheit der Scheiben. Es war gleich\u00adsam ein Schwelgen in Farben, die hier hervorbrechende Freude der Stra\u00dfe, ein ganzer weit\u00adge\u00f6ffneter Winkel voll k\u00e4uflicher Dinge, wo jeder hingehen und sich eine Augenweide ver\u00adschaffen konnte.\u201c (Zola 2002, IV, 112)<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Was Zola als \u00e4sthetisches Erlebnis beschreibt, dient einer kaufm\u00e4nnischen Persuasionsstrategie, die das Warenhaus einer Logik visueller Performanz unterwirft, die von haptischen und olfaktorischen Reizen unterst\u00fctzt wird. Ziel dieser \u00d6konomie ist es, \u00fcber die sinnliche Affizierung einen Kontrollverlust bei den Warenhausbesuchern herbeizuf\u00fchren. Nicht mehr der Mangel soll als Anlass f\u00fcr den Kauf von Waren bestimmend sein, sondern der Warenkauf soll von dem emotionalen Bed\u00fcrfnis geleitet werden, an dem im Warenhaus zur Schau gestellten \u00dcberfluss und Luxus teilzuhaben. Dabei soll der Kaufrausch, nicht zuletzt gest\u00fctzt durch das Raumerlebnis (vgl. Miller 1981, 167ff.), als \u00e4sthetisches Erlebnis \u00fcberw\u00e4ltigen.<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Im Folgenden soll es darum gehen, auf Basis von literarischen und nicht-literarischen Quellen die Parameter und Bedingungen der visuellen Persuasionsstrategien der Warenhauskultur zu rekonstruieren. Im Mittelpunkt steht dabei die Analyse der Geschlechter\u00f6konomie im Warenhaus. Zugleich soll die Frage gestellt werden, welcher diskursiven Logik die literarischen und nicht-literarischen Texte in ihren Warenhausbeschreibungen folgen. Im Zentrum dieser Analysen wird das Verh\u00e4ltnis von Transgression und Reglementierung stehen, das sich auf prim\u00e4rer Ebene \u00fcber die visuelle Performanz des Warenhaus konstituiert, sich auf der sekund\u00e4ren Ebene aber als wichtigster Motor f\u00fcr die Zirkulation sexueller, \u00f6konomischer und im weitesten Sinne sozialer Energien im Warenhaus erweist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">II. Geschlechter\u00f6konomie und Visualit\u00e4t<\/p>\n<p>a) Transgression und Devianz<\/p>\n<p>Im Rahmen der fr\u00fchen Warenhauskultur werden vor allem Frauen als Zielgruppe der neuen prim\u00e4r visuell konzipierten Persuasionsstrategien betrachtet. Erstens werden Frauen gem\u00e4\u00df des zeitgen\u00f6ssi\u00adschen Geschlechterdiskurses<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> als weit verf\u00fchrbarer als M\u00e4nner angesehen, da sie gewisserma\u00dfen von Natur aus ein Bed\u00fcrfnis nach Luxus haben, insbesondere nach solchem Luxus, der sie selbst visuell besser pr\u00e4sentiert. In Cesare Lombrosos und Guglielmo Ferreros kriminalanthropologischer Studie <em>La donna delinquente, la prostituta e la donna normale<\/em> (1893)<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> hei\u00dft es entsprechend: \u201eDas Kleid ist quasi die Fortsetzung ihres K\u00f6rpers \u2013 und deshalb sehen wir Frauen Morde begehen, um sich in den Besitz eines Halsbandes zu bringen.\u201c (Lombroso\/Ferrero 1894, 154) Physiologisch begr\u00fcndet wird die \u201ePutzsucht\u201c bei Frauen durch geschlechtsspezifische Anlagen. Besonders anf\u00e4llig f\u00fcr die Verf\u00fch\u00adrungen der Warenwelt seien Frauen unter dem Einfluss von Menstruation, Menopause und Schwan\u00adgerschaft (vgl. Briesen 2001, 109). Zweitens kommt der visuellen Performanz des Warenhauses die zeitgen\u00f6ssische Rollenverteilung ent\u00adgegen. Zu dieser Zeit sind \u00fcberwiegend Frauen f\u00fcr den h\u00e4uslichen Einkauf verant\u00adwortlich: sie besitzen also auch die Mu\u00dfe, um sich f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit im Warenhaus aufzuhal\u00adten. Auf einen dritten Aspekt, der die immer wieder betonte besondere Rolle von Frauen im Rahmen der fr\u00fchen Warenhauskultur geschlechts\u00adspe\u00adzifisch deutet, hat Gertrud Lehnert hingewiesen: \u201eIst ihnen [den Frauen] in der herrschenden Geschlechter\u00f6konomie das aktive Schauen un\u00adtersagt \u2013 Frauen werden angeschaut \u2013, so d\u00fcrfen sie sich hier [im Warenhaus] nach Herzenslust umsehen, denn die Objekte ihrer Blicke sind nicht andere Menschen, sondern leblose Gegenst\u00e4nde.\u201c (Lehnert 2002, 565f.) Und viertens wird das Warenhaus als willkommene Abwechslung im monotonen h\u00e4uslichen Alltag angesehen. Besonders deutlich hat diesen seit Zola immer wieder hervorgehobenen Aspekt die deutsche Schriftstellerin Olga Wohlbr\u00fcck in ihrem Roman <em>Der gro\u00dfen Rachen<\/em> (1916) herausgestellt. Dort hei\u00dft es \u00fcber eine der weiblichen Hauptfiguren:<\/p>\n<p>\u201eGanz stumpf lebte sie nun in den Tag hinein, stopfte Str\u00fcmpfe, n\u00e4hte Hemdenkn\u00f6pfe an. Alle Woche ging sie in eine Konditorei, verspeiste gen\u00fc\u00dflich einen Mohrenkopf mit Schlagsahne und las dazu Romanfortsetzungen in den illustrierten Bl\u00e4ttern. Ein andermal st\u00fclpte sie pl\u00f6tzlich ihr einfaches Filzh\u00fctchen auf und fuhr mit der Elektrischen in ein Warenhaus. Manchmal beschr\u00e4nkte sich ihr Einkauf auf ein Paket Haarnadeln f\u00fcr zehn Pfennig, manchmal kaufte sie auch gar nichts. Sie ging nur immer auf und ab in den breiten, hellen G\u00e4ngen mit ihren bunten, \u00fcberladenen Verkaufs\u00adtischen. Dann blieb sieh wohl mal vor einem Tische stehen, betastete den einen oder anderen Gegenstand, wog die Schwere eines Stoffes in der Hand ab, fragte wohl auch nach dem Preis, kn\u00fcpfte mit der Verk\u00e4uferin ein kurzes Gespr\u00e4ch an, berauschte sich an der Einbildung, da\u00df sie wirklich gekommen sei, um Eink\u00e4ufe zu machen, lie\u00df sich allerlei Ware vorzeigen, beriet sich \u00fcber die Meterzahl, die zu einer Bluse oder zu einem Gesellschaftskleide erforderlich w\u00e4re [&#8230;]. Verk\u00e4uferinnen umstanden sie, der Rayon\u00adchef wurde herangeholt; alles war mit ihr besch\u00e4ftigt, das ganze Lager wurde ausger\u00e4umt, vor ihr ausgebreitet. [&#8230;] Dann fuhr sie [ohne etwas zu kaufen] wieder ganz vergn\u00fcgt mit der Elektrischen nach Hause, und es blieb von all der Unruhe und dem Aufsehen, die sie hervorgerufen, noch lange ein angenehm prickelndes Gef\u00fchl, das ihr Spannkraft und Heiterkeit f\u00fcr viele Tage gab.\u201c (Wohlbr\u00fcck, 21f.)<\/p>\n<p>Im Warenhaus kann sich die Frau, modern gesprochen, der zeitgen\u00f6ssischen Geschlechterpolitik entziehen. Sie erh\u00e4lt dort jene Aufmerksamkeit und Anerkennung, die ihr im h\u00e4uslichen Rahmen fehlt. Dabei ist es, zumindest nach Wohlbr\u00fcck, in psychologischer Hinsicht gleichg\u00fcltig, ob diese Aufmerksamkeit pro\u00adfessionellen Absichten entspringt oder nicht.<a title=\"\" href=\"#_ftn8\">[8]<\/a><\/p>\n<p>Bereits aus diesen wenigen Bemerkungen zum geschlechter\u00f6konomischen Standort von Frauen im Warenhausdiskurs um 1900 wird deutlich, dass die \u201eFrau im Warenhaus\u201c aus mindestens zwei Perspektiven beurteilt wird. Zum einen aus dem Blickwinkel des m\u00e4nnlich dominierten medizinisch-juridischen Dispositivs, f\u00fcr den beispielhaft Lombroso steht: Hier vermag sich die Frau weder auf psychologischer noch auf physiologischer Weise gegen die visuelle Per\u00adformanz des Warenhauses zu wehren, wobei sie bestenfalls zur \u201averf\u00fchrten Un\u00adschuld\u2018 deklariert wird, wenn sie nicht gleich zur potentiellen Kriminellen avanciert. Zum anderen ist aber auch schon aus zeitgen\u00f6ssischen Stellung\u00adnahmen die ge\u00adgenl\u00e4ufige Tendenz beobachtbar: die Frau nutzt den Aufenthalt im Warenhaus, um sich der m\u00e4nnlichen Geschlechter\u00adpolitik zu entziehen. Hier ist sie nicht \u201averf\u00fchrte Unschuld\u2018, sondern sie gewinnt gerade im Warenhaus eine Freiheit autonomer Selbstbestimmung: Die Frau kann sich, zumindest zeitweilig, dem m\u00e4nnlich reglementierenden Blick entziehen, der sie sonst in die engen Schranken des h\u00e4uslichen Raums verweist.<\/p>\n<p>Es bedarf kaum einer Erw\u00e4hnung, dass das m\u00e4nnliche Dispositiv den zeit\u00adgen\u00f6ssischen literarischen und nicht-literarischen Warenhaus\u00addiskurs dominiert. Nicht nur das ausufernde medizinisch-juristische Schrifttum zum Thema Waren\u00adhausdiebinnen<a title=\"\" href=\"#_ftn9\">[9]<\/a> best\u00e4tigt dies, wobei dessen geschlechterspezifische Definitions\u00admacht durch hehre moralische Absichten verschleiert wird (vgl. Briesen 2001, 114). Auch im literarischen Bereich ist die Dominanz dieses Diskurses feststellbar. Schon in Zolas Roman findet sich jene Ur\u00adszene, die in sp\u00e4teren Texten zum festen topischen Inventar der Warenhauslitera\u00adtur avanciert<\/p>\n<p>\u201eSchon ein Jahr lang stahl Frau de Boves auf diese Weise, verzehrt von einer tollen, unwi\u00adderstehlichen Begierde. Die Anf\u00e4lle verschlimmerten, wurden immer heftiger, bis sie zu ei\u00adnem woll\u00fcstigen Reiz ihres Daseins geworden waren, alle vern\u00fcnftigen \u00dcberlegungen hin\u00adwegschwemmten und mit um so prickelnderem Genuss befriedigt wurde, als sie dadurch <em>unter den Augen zahlloser Menschen<\/em> ihren Namen, ihren Stolz, die hohe Stellung ihres Mannes aufs Spiel setzte.\u201c (Zola 2002, XIV, 544; Hervorheb. U.L.)<a title=\"\" href=\"#_ftn10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Bei Zola ist die Warenhausdiebin nicht nur in sozialer Hinsicht deviant, sondern, entsprechend der zeitgen\u00f6ssischen medizinisch-psychologischen Diagnostik, auch in medizinischer Hinsicht. F\u00fcr sie wird der Diebstahl, folgt man der Semantik der zitierten Passage, zu einem erotisch aufgeladenen Ereignis, in dem sich Voyeu\u00adrismus und Exhibitionismus die Waage halten. Die sexuelle Semantik verweist hierbei ausdr\u00fccklich auf die bereits skizzierten physiologischen Erkl\u00e4rungsmodelle f\u00fcr Kleptomanie. Das Warenhaus wirkt, nicht zuletzt \u00fcber die Logik visueller Per\u00adformanz, auf die Frau als eine Art Aphro\u00addisiakum.<\/p>\n<p>Das Bemerkenswerte an dem Zitat ist, dass die Semantik in eklatanter Weise quer zum herrschenden medi\u00adzinisch-juristischen Diskurs steht, der das Warenhaus dezidiert weiblich besetzt. Wer oder was, so m\u00fcsste man dann aber fragen, w\u00e4re das Aphrodisiakum, das die Frauen im Warenhaus um den Verstand bringt? Die vermeintliche Erotik \u00e4sthetisch ansprechend gestalteter, aber letztlich geschlechtsloser Waren? Die visuelle Pr\u00e4\u00adsentation der Waren, die der weiblichen \u201ePutzsucht\u201c als sexuelles Stimulans dient? Oder sind es gar die Momente autonomer Selbstbestimmung, die bei Frauen im Wa\u00adrenhaus sexuelle Energien freisetzen? Die erz\u00e4hlerische Logik, welcher der Roman Zolas nicht nur in dieser Szene, son\u00addern \u00fcber weite Teile der Handlung gehorcht, legt eine andere Vermutung nahe. Der Handlungsverlauf folgt dem bekannten Erz\u00e4hlmuster b\u00fcrgerlicher Liebesro\u00admane: es ist ein typischer Eheanbahnungsroman, der allerdings in einem mo\u00adderneren Umfeld als \u00fcblich spielt.<a title=\"\" href=\"#_ftn11\">[11]<\/a> Octave Mouret, der Besitzer des Zolaschen Warenhauses, wird \u00fcber weite Strecken des Romans ausdr\u00fccklich als Verf\u00fchrer der Frauen ge\u00adschildert (vgl. Zola 2002, III, 100f.; Zola 1980, III, 111; vgl. Becker\/Landes 1999, 71). Das Warenhaus ist f\u00fcr ihn der Ort, an dem diese Verf\u00fchrung inszeniert und vollzogen wird; die Waren sind dabei lediglich das Mittel, um Frauen ins Warenhaus zu locken.<a title=\"\" href=\"#_ftn12\">[12]<\/a><\/p>\n<p>Auf diese Weise besetzt Zola das Warenhaus nicht nur weiblich, sondern zugleich auch m\u00e4nnlich, indem er die erotischen Energien des Warenhauses aus m\u00e4nnlicher Sicht ei\u00adnem dezidiert vormodernen Konzept heterosexueller Beziehungen unterwirft. Das Warenhaus wird bei Zola mit einer Zeit iden\u00adtifiziert, die in der b\u00fcrgerlichen Gegenwart l\u00e4ngst \u00fcberwunden schien. Anders ausgedr\u00fcckt: W\u00e4hrend der Mann die transgressiven Momente des Warenhauses strategisch f\u00fcr sich zu nutzen wei\u00df, hat die Frau niemals ihren vormodernen Status verlassen. Zolas semantische Beset\u00adzungen des Warenhauses erweisen sich im Rahmen seines Er\u00adz\u00e4hlmodells nicht nur als in hohem Ma\u00dfe konventionell, sondern \u2013 was entscheidend ist \u2013 sie temporalisieren \u00fcberdies die Geschlechter\u00f6konomie des Warenhauses: Im Grunde ist das Warenhaus, zumindest was die Geschlechterverh\u00e4ltnisse angeht, ein anachronistischer Ort. Bei Zola wird das Warenhaus erst an dem Punkt \u201amodern\u2018, wo der Verf\u00fchrer zum Ehemann wird und sich in b\u00fcrgerliche Normalit\u00e4tsvorstellungen einschreibt.<\/p>\n<p>Zolas Strategie der semantischen Entsch\u00e4rfung der transgressiven Momente des Warenhauses ist im Rahmen der Warenhausliteratur eher die Ausnahme. In der sp\u00e4teren Warenhaustexten werden vers\u00f6hnliche Momente weitgehend fehlen und die fingierten Warenh\u00e4user vielfach der materiellen Zerst\u00f6rung preisge\u00adgeben.<a title=\"\" href=\"#_ftn13\">[13]<\/a> Auch in diesem Fall erfolgt ein Re-Entry in b\u00fcrgerliche Normalit\u00e4tsvor\u00adstellungen \u2013 ein Re-Entry, das in den sp\u00e4teren Texten aber offenbar nur noch \u00fcber eine Eliminierung der Warenhauskultur vollzogen werden kann.<a title=\"\" href=\"#_ftn14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>In Bezug auf die weibliche Kleptomanie wird dieses Re-Entry noch auf eine zweite Weise geleistet. So sagt die \u201eFrau Reichsgerichtsrat\u201c in dem Roman <em>Det stora Varehuset<\/em> (1926) des schwedischen Schriftstellers Sigfrid Siwertz, als sie beim Stehlen ertappt wird: \u201eIch kann nichts daf\u00fcr [&#8230;]. Ich wei\u00df nicht, was mich \u00fcber\u00adkommt, aber ich kann es nicht lassen. Der Arzt sagt, das ist Kleptomanie.\u201c (Siwertz 1928, 247) Die Kleptomanin schreibt sich also von sich aus in m\u00e4nnlich do\u00adminierten, medizinisch-juristischen Diskurs ein und akzeptiert damit, nicht zuletzt aus Gr\u00fcnden des Selbstschutzes, einerseits eine pathologische Veranlagung des Weiblichen sowie andererseits die Definitionsmacht des Warenhausdiskurses selbst. Von \u00e4hnlichen, diesmal aber \u201arealen\u2018 F\u00e4llen berichtet im \u00dcbrigen auch die weitl\u00e4ufige zeitgen\u00f6ssische medizinisch-psychiatrische Literatur (vgl. z.B. Laquer 1907, 9 u. 27). Was hier erneut deutlich wird, ist der Versuch des m\u00e4nnlich besetzten Warenhausdiskurses, die bei Frauen im Warenhaus offenbar entfesselten transgressiven erotischen Kr\u00e4fte zu bannen und damit alle geschlechts\u00f6konomische Ambivalenzen auszuschlie\u00dfen, die mit dieser Entfesselung einhergehen.<\/p>\n<p>b) M\u00e4nnlicher Kontrollwunsch, m\u00e4nnlicher Kontrollverlust<\/p>\n<p>Doch diese Ambivalenzen lassen sich nirgends vollst\u00e4ndig tilgen. Ebenfalls in Siwertz\u2019 Roman gibt es eine Episode, in der geschildert wird, wie sich der Dekora\u00adteur des Warenhauses w\u00e4hrend einer Modenschau in ein Mannequin verliebt. Das Mannequin erwidert seine Liebe, man heiratet, doch die Ehe scheitert, nicht zuletzt weil sich das Mannequin zunehmend der Kontrolle, und zwar auch und gerade der visuellen Kontrolle durch ihren Mann einzieht (vgl. Siwertz 1928, 106ff. u. 264ff.). Vor der Heirat gilt das Hauptinteresse des Dekorateurs den weiblichen Schaufensterpup\u00adpen, die er wie reale Frauen behandelt.<a title=\"\" href=\"#_ftn15\">[15]<\/a> Als er seiner zuk\u00fcnftigen Frau zum ersten Mal n\u00e4\u00adher kommt, hei\u00dft es \u00fcber seine Gef\u00fchle:<\/p>\n<p>\u201eSie verwirklichte in so vollendeter Weise grade seinen besonderen K\u00fcnstlertraum, da\u00df die Wolllust in ihren Armen gewisserma\u00dfen das Streben seines ganzen Lebens kr\u00f6nte und in der Seligkeit des Ersterbens war es ihm, dies sei die wunderbare Puppe, an die er gedacht hatte, seitdem er das erstemal in ein Schaufenster gestarrt hatte.\u201c (Ebd., 127)<\/p>\n<p>Was an diesem Punkt noch metaphorische Rede ist, stellt sich wenig sp\u00e4ter als Faktum heraus: Seine Frau stand Modell f\u00fcr eine der weiblichen Schaufensterpup\u00adpen, mit denen Dekorateur arbeitet. In diesem Moment verschwimmt f\u00fcr den Deko\u00adrateur endg\u00fcltig die Grenze zwischen Puppe und Frau. Gertrud Lehnerts Bemer\u00adkung, dass Frauen in der damals \u201eherrschenden Geschlechter\u00f6konomie das aktive Schauen untersagt\u201c ist (Lehnert 2002, 565), gewinnt an diesem Punkt einen geradezu materiellen Ausdruck. Jenseits einer m\u00f6glichen psychologischen Deutung der Figur des Dekorateurs manifestiert sich in ihm pa\u00adradigmatisch die eingangs skizzierte m\u00e4nnliche Geschlechterpolitik, welche eine absolute Kontrolle \u00fcber das vom Warenhaus evozierte, transgressive Weibliche an\u00adstrebt und sich dabei gleichzeitig, was entscheidend ist, das Recht einr\u00e4umt, dieses Moment ausschlie\u00dflich f\u00fcr sich zu reservieren.<a title=\"\" href=\"#_ftn16\">[16]<\/a> Das Mannequin hat aber gerade die warenhausspezifische Performanz des Visuellen zu seinem Beruf gemacht: es ist Teil der ausgefeilten Reklamestrategien des Warenhauses, die andere Frauen gerade zu einem transgressiven Kaufverhalten ermutigen sollen. Der Konflikt, der bei Si\u00adwertz in der Figur des Dekorateurs ausgetragen wird, ist wiederum der zwischen Kontrollwunsch und Kontrollverlust \u2013 mit der entscheidenden Wendung, dass der Dekorateur in dem Moment, wo er sich in das Mannequin verliebt, selbst der transgressiven Performanz des Visuellen erliegt. Der Text fasst die\u00adsen Augenblick so \u2013 und bezeichnenderweise endet die Passage mit dem entgrenz\u00adten Blick des Dekorateurs:<\/p>\n<p>\u201eUnd er sah ihr lange nach, als sie mit gepudertem, geschminktem, unbeweglichem Gesicht und den Bewegungen eines sinnreich gebauten mechanischen Spielzeugs auf den <em>vervielf\u00e4l\u00adtigenden Spiegelfond<\/em> der Estrade zu glitt&#8230;\u201c (Siwertz 1928, 124; Hervorheb. U.L.)<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, als die Ehe scheitert, zeigt sich, wie sehr der Dekorateur der Entgrenzung der Warenwelt erlegen ist. Er ahnt, dass ihn seine Frau betr\u00fcgt, er kann sich aber gegen ihre eigent\u00fcmliche \u201eMacht\u201c (ebd., 270) nicht zu Wehr set\u00adzen. Ja, er denkt sogar daran, sie zu t\u00f6ten, aber, so seine \u00dcberlegung, \u201e[e]ine Puppe kann man nicht t\u00f6ten\u201c (ebd., 277). Nur konsequent ist es schlie\u00dflich, dass sich das Mannequin dem ehemaligen Reklamechef des Warenhauses anschlie\u00dft, der sie zum Film nach Amerika bringen m\u00f6chte: \u201eDer Reklamemann schaffte sich eine le\u00adbende Dekorationspuppe an: die <em>Verf\u00fchrung des Auges<\/em>, umgesetzt in klingende Dollars.\u201c (ebd., 284; Hervorheb. U.L.) Der Reklamemann versteht es, die Logik visueller Transgression auch privat \u00f6konomisch zu nutzen.<\/p>\n<p>c) Weitere Blicke, weitere Ambivalenzen<\/p>\n<p>Geschlechterpolitik und Visualit\u00e4t gehen im Warenhaus, wie ausgef\u00fchrt, eine in jeder Hinsicht am\u00adbivalente Beziehung ein. Die gleichzeitige Entgrenzung und Reglementierung von Blicken \u00fcberscheiden sich in einem Raum, der, wie abermals Gertrud Lehnert be\u00adtont hat, \u201eein durch und durch \u00f6ffentlicher Ort [ist], aber es vermag[,] zugleich die Illusion des Privaten zu erzeugen.\u201c (Lehnert 2002, 564) Dar\u00fcber hinaus ist das Warenhaus ein Ort der versteckten Blicke, insbesondere von M\u00e4nnern. Der of\u00adfene Innenraum der Warenh\u00e4user kennt, wie erw\u00e4hnt, keine sichtbare Ab\u00adgrenzungen zwischen den einzelnen Verkaufsabteilungen. Herren- und Damenbe\u00adkleidung m\u00f6gen voneinander r\u00e4umlich separiert sein, doch nirgends gibt es geschlechts\u00adspezifische Zugangsbeschr\u00e4nkungen, wie es f\u00fcr den alten Einzelhandel die Regel war.<\/p>\n<p>Vicki Baum hat in <em>Jape im Warenhaus <\/em>(1931) die Macht dieser versteckten Blicke auf \u00e4u\u00dferst drastische Weise be\u00adschrieben. In ihrer Erz\u00e4hlung l\u00e4sst sich der siebzehnj\u00e4hrige Jape, verf\u00fchrt von den Schaufensterauslagen, \u00fcber Nacht in ein Warenhaus einschlie\u00dfen, um endlich jene Krawatte zu stehlen, die er sich sonst nicht leisten kann. Allein im Warenhaus erliegt Jape der umfassenden visuellen Performanz der Warenwelt: \u201eDie Dinge bem\u00e4chtig\u00adten sich seiner, die ungekannten, unbesessenen, luxuri\u00f6sen Dinge, von denen ihn sonst eine Spiegelscheibe trennte.\u201c (Baum 1931, 226) Der Rausch des Besitzens verwan\u00addelt sich jedoch bald in Zerst\u00f6rungswut:<\/p>\n<p>\u201eOhne sichtbare Grenze, wie die einzelnen Abteilungen ineinander \u00fcbergingen, hatte die Damenkonfektion den tobenden Jape schon entlassen, ihn weitergegeben an die M\u00f6bel- und Kunstgegenst\u00e4nde. Was Jape neuerdings hinwarf, zertrat und anspuckte, das waren Bilder, Erzeugnisse eines gel\u00e4ufigen Kunsthandwerks. Nicht Kunstwerke geradezu, doch manchmal Nachahmungen von solchen, Kopien weltber\u00fchmter Vorbilder, freundliche und erhellende Strahlen aus reineren Bezirken des Lebens. Eines davon \u2013 \u201aMensch so \u2019ne Schweinerei\u2018 \u2013 brachte Jape zu Einhalten. Denn da lag nackt, splitternackt und schlafend, ein Weibsbild und zeigte alles, was sie hatte. [&#8230;] Einen Augenblick lang schwankte Japes Seele \u2013 denn auch Jape hatte eine Seele \u2013 zwischen H\u00f6he und Abgrund, einen Blitz lang war sie breit, aufzufliegen und sich gestillt der Sch\u00f6nheit zu ergeben. [&#8230;] Aber es gelang ihm nicht, er st\u00fcrzte ab. [&#8230;] Venus lag zertreten und schmutzig zwischen anderen Scherben und Fetzen; Jape entfloh.\u201c (Ebd., 233)<\/p>\n<p>Der Text endet mit einem Warenhausbrand, in dem der Protagonist sein Leben verliert. Kurz vor seinem Tod sieht er in den Flammen: \u201eda tanzen auch die Damen [gemeint sind die Schaufensterpuppen], sie sind nun doch lebendig geworden, sie kr\u00fcmmen und biegen sich, sie drehen gespenstisch ihre w\u00e4chsernen Glieder, sie zerschmelzen; gl\u00fchend und mit einer wei\u00dfen Flammenschicht bedeckt flie\u00dfen sie \u00fcber den Boden.\u201c (Ebd., 239)<\/p>\n<p>Sieht man von der kunst- und kulturkritischen Geste<a title=\"\" href=\"#_ftn17\">[17]<\/a> ab, die Baums Erz\u00e4hlung wie eine Monstranz vor sich her tr\u00e4gt, so zeigt sich einmal mehr der m\u00e4nnlich dominierte, modernekriti\u00adsche Warenhausdiskurs. Was Baums Erz\u00e4hlung, mehr noch als die Episode in Si\u00adwertz\u2019 Roman, deutlich macht: nicht nur auf Frauen wirkt das Warenhaus entgren\u00adzend, sondern, folgt man der erz\u00e4hlerischen Logik bei Baum, auch M\u00e4nner erliegen der Performanz der Visuellen. Nicht zuletzt dies ist, zumindest in geschlechterpolitischer Hinsicht, der Skandal des Warenhauses, der aus kulturkritischer Perspektive im literarischen wie im nicht-literarischen Bereich so massiv bek\u00e4mpft wird: das Warenhaus stellt \u00fcber die Performanz des Visuellen die klare geschlechtsspezifische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in Frage.<a title=\"\" href=\"#_ftn18\">[18]<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\">III. Exegese und Mediation: weibliche und m\u00e4nnliche Verk\u00e4ufer im Warenhaus<\/p>\n<p>Mit den willenlosen K\u00e4uferinnen und den verwirrten Voyeuren ist bis\u00adlang jedoch nur die Au\u00dfenseite des literarischen und nicht-literarischen Warenhausdiskurses beschrieben worden. Damit die Performanz des Visuellen tats\u00e4chlich in klingende M\u00fcnze verwandelt werden kann, bedarf es in der fr\u00fchen Warenhauskultur einer gro\u00dfen Zahl von Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4u\u00adfern. Diese Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer m\u00fcssen einerseits mit einer diagnosti\u00adschen Gabe ausgestattet sein, um am Auftreten, an der Mimik und nicht zuletzt an den Blicken ihrer weiblichen oder m\u00e4nnlichen Kundschaft zu erkennen, ob man etwas kaufen gedenkt. Zum anderen m\u00fcssen die Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer, entgegen ihrer Kund\u00adschaft, in hohem Ma\u00dfe immun sein gegen die Verf\u00fchrungskraft der Waren und sich durch ausgefeilte Verkaufsstrategien selbst als Teil der Logik der visuellen, sexuellen und moralischen Transgression im Warenhaus inszenieren.<\/p>\n<p>Auch dieses Thema ist fr\u00fch literarisch aufgegriffen worden. Schon bei Zola wird von Verk\u00e4ufern berichtet, die ihre weibliche Kundschaft \u00fcber eine erotisch aufgeladene Intimkommunikation zum Warenkauf animieren.<a title=\"\" href=\"#_ftn19\">[19]<\/a> Im Gegensatz zum Ende von Zolas Roman, wo das vormoderne Verf\u00fchrungsmodell zugunsten des b\u00fcrgerlichen Liebesmodells aufgegeben wird, m\u00fcssen die Verk\u00e4ufer in Zolas Warenhaus virtuos auf der Klaviatur der Verf\u00fchrungs\u00adtech\u00adniken spielen. Vergleichbares gilt, wenn auch entsprechend der zeitgen\u00f6ssischen Geschlechterpolitik asymmetrisch aufgefasst, f\u00fcr die weiblichen Verk\u00e4uferinnen: \u201eWenn man auch nicht verlangte, dass die M\u00e4dchen sch\u00f6n waren, so sollten sie im Interesse des Verkaufs doch anziehend wirken.\u201c (Zola 2002, II, 72; vgl. Zola 1990, 190)<a title=\"\" href=\"#_ftn20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Daneben kommt den Entzifferungs- und Einf\u00fchlungspraktiken der Verk\u00e4uferinnen und Ver\u00adk\u00e4ufer eine besondere Bedeutung zu \u2013 ein Thema, das immer dann in den Blick r\u00fcckt, wenn die soziale und \u00f6konomische Situation der kleinen Angestellten im Warenhaus literarisch in den Mittelpunkt gestellt wird. W\u00e4hrend die Verk\u00e4ufer und Verk\u00e4uferinnen bei den erotisch konnotierten Verkaufsstrategien den Warenwert symbolisch durch ihre Person substituieren, m\u00fcssen sie im Rahmen der Entzifferungs- und Einf\u00fchlungstechniken gerade das Gegenteil tun: Sie m\u00fcssen als Person gewis\u00adserma\u00dfen unsichtbar werden. In Hans Falladas <em>Klei\u00adner Mann &#8211; was nun?<\/em> (1932), der bekannterma\u00dfen zu erheblichen Teilen im Waren\u00adhausmilieu spielt, sagt einer der Verk\u00e4ufer:<\/p>\n<p>\u201eIch mu\u00df immer in die Leute reinkriechen, mu\u00df raten, was sie wollen. Darum wei\u00df ich auch so gut, was die eben f\u00fcr \u2019ne Wut haben werden, da\u00df sie den teuren Anzug gekauft haben. Jeder auf den anderen, und keiner wei\u00df mehr richtig, warum sie ihn gekauft haben.\u201c (Fal\u00adlada 2004, 170)<\/p>\n<p>Die Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer m\u00fcssen also zugleich als Medien und Exegeten der Konsumkultur agieren. Ihre Aufgabe ist es, nicht nur die Grenze, die zwischen Kaufwunsch und Kaufentscheidung liegt, zu invisibilisieren, sondern, wie das Zitat zeigt, sich selbst unsichtbar zu machen, so als g\u00e4be es f\u00fcr den Kunden keine (monet\u00e4re) Transferleistung zwischen dem Be\u00adgehren und dem Besitzen der Ware. Die Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit der Ware und die Sichtbarkeit bzw. Unsichtbarkeit der Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer l\u00e4sst sich somit als chiasti\u00adsches Verh\u00e4ltnis beschreiben: Je mehr sie sichtbar sind, desto unsichtbarer wird die Ware (Verf\u00fchrungstechnik als Verkaufsstrategie) bzw. je unsichtbarer sie selbst sind, desto deutlicher tritt die Ware hervor (Einf\u00fchlungstechnik als Verkaufstrategie).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">IV. Jenseits der Geschlechter\u00f6konomie: Masse und Individuum im Warenhaus<\/p>\n<p>Bereits Walter Benjamin hat darauf hingewiesen, dass mit der \u201eGr\u00fcndung der Warenh\u00e4user [&#8230;] die Konsumenten sich als Masse\u201c (Benjamin 1983, 93) zu f\u00fchlen begin\u00adnen \u2013 ein Aspekt, den literarischen und nicht-literarischen Zeugnisse des Warenhaus\u00addiskurses immer wieder hervorheben und zu gro\u00dfen Teilen den \u00f6konomischen Prinzipien geschuldet ist, nach denen die neuen Waren\u00adh\u00e4user Ende des 19. Jahrhunderts gef\u00fchrt und errichtet werden. Die Wirt\u00adschafts\u00adhistori\u00adkerin Heidrun Homburg hat diese Prinzipien wie folgt zusammengefasst:<\/p>\n<p>\u201e1. gro\u00dfer Umsatz \u2013 kleiner Nutzen, d.h. Gewinne und Rentabilit\u00e4t trotz vergleichweise knapp kalkulierten Gewinnspannen je Artikel durch raschen Umschlag der Waren und hohes Umsatzvolumen;<\/p>\n<p>2. offene Pr\u00e4sentation bzw. f\u00fcr den Kunden gut sichtbare Auslegung der Waren, kein Kaufzwang;<\/p>\n<p>3. deutliche und f\u00fcr jeden lesbare Preisauszeichnung der Waren, Verkauf nur zu den ausgezeichneten, sogenannten festen Preisen;<\/p>\n<p>4. Warenverkauf ausschlie\u00dflich gegen Barbezahlung;<\/p>\n<p>5. m\u00f6glichst attraktive, niedrige Preise bei Wahrung einer vom H\u00e4ndler garantierten (Mindest)Qualit\u00e4t der Ware;<\/p>\n<p>6. Umwerbung des Kunden durch besondere Dienstleistungen wie der Zusicherung, der Kunde k\u00f6nne die Ware bei Nichtgefallen gegen andere umtauschen oder erhalte sein Geld zur\u00fcck; aufmerksame, aber gleiche Bedienung eines jeden Kunden;<\/p>\n<p>7. bei gr\u00f6\u00dferen Eink\u00e4ufen Anlieferung der Waren durch einen gesch\u00e4ftseigenen Zustellungsdienst und dergleichen mehr.\u201c (Homburg 1992, 185f; vgl. Sombart 1928, 80ff.)<\/p>\n<p>Niedrige und feste Preise, gro\u00dfe Auswahl, freier Zugang, kein Kaufzwang usw. f\u00fch\u00adren zu einer \u201aDemokratisierung\u2018 des Warenkonsums. Im Warenhaus treffen sich die unter\u00adschiedlichsten Bev\u00f6lkerungsschichten. Stellvertretend f\u00fcr viele andere \u201aWarenhausschriftsteller\u2018 sei nochmals K\u00f6hrer zitiert:<\/p>\n<p>\u201eEine seltsame Mischung von Angeh\u00f6rigen aller Bev\u00f6lkerungsschichten presste sich gegen die Glasfassaden und die schlanken Eisenpfeiler [&#8230;]. Elegant gekleidete Damen und Herren [&#8230;] dr\u00e4ngten sich durch\u00adeinander mit h\u00f6chst zweifelhaften Elementen [&#8230;]. Gut gekleidete Angeh\u00f6rige des Mittelstan\u00addes fieberten mit Arbeiterfrauen um die Wette [&#8230;].\u201c (K\u00f6hrer 1909 47f; vgl. ebd., 85)<\/p>\n<p>Die bei K\u00f6hrer geschilderte soziale Transgression im Warenhaus stellt jedoch ein massives markt\u00adstrategisches Problem dar. Ist es erst gelungen, mittels g\u00fcnstiger Angebote die Kundschaft ins Warenhaus zu locken, geht es in ei\u00adnem zweiten Schritt darum, mehr als nur die g\u00fcnstigen Ange\u00adbote abzusetzen. Um dies zu erreichen, werden im Rahmen der fr\u00fchen Warenhauskultur im Wesentlichen zwei Strategien entwickelt. Zum einen werden die teuren Massen\u00adartikel, wie ebenfalls Ben\u00adjamin be\u00adtont hat, mit Hilfe der Kate\u00adgo\u00adrie der \u201eSpezialit\u00e4t\u201c (Benjamin 1983, 93) hervor\u00adge\u00adhoben, womit sie gleichzeitig an das im 19. Jahrhundert aufkommenden Mode\u00addispositiv angeschlossen werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn21\">[21]<\/a> Zum andern muss seitens des Personals in den Warenh\u00e4usern versucht werden, der letztlich gesichtslo\u00adsen Masse, die sich im Wa\u00adrenhaus um die Sonderverkaufsauslagen dr\u00e4ngt, ein Gesicht zu geben.<a title=\"\" href=\"#_ftn22\">[22]<\/a><\/p>\n<p>Hier kommen also erneut die Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer ins Spiel. So unsichtbar sie selbst h\u00e4ufig sind, so sehr m\u00fcssen sie darauf bedacht sein, den potentiellen K\u00e4ufe\u00adrinnen und K\u00e4ufern besondere Aufmerksamkeitsressour\u00adcen zu reservieren. Das nach Benja\u00admin \u201ecircensische und schaust\u00fcckhafte Element des Handels\u201c (ebd.), das im Wa\u00adrenhaus der Masse eine Welt des Scheins in der Abtrennung des Gebrauchswerts vom ideellen Wert vorgaukelt, ist nur die eine Seite der fr\u00fchen Wa\u00adrenhauskultur. Auf der anderen Seite geht es darum, die einzelne K\u00e4uferin bzw. den einzelnen K\u00e4ufer aus der gro\u00dfen, f\u00fcr die Masse gestalteten Inszenierung des Warenhauses auftauchen zu lassen und \u2013 scheinbar \u2013 zum Hauptakteur des Spektakels zu machen. Nichts ande\u00adres beschreibt die schon zitierte Passage aus Wohlbr\u00fccks Roman (s.o.): Nicht nur die Ware ist einzigartig und neu, auch der potentielle K\u00e4ufer bzw. die potentielle K\u00e4uferin sind es.<\/p>\n<p>So nehmen Kunden bereits in dem Moment, in dem sie ein Warenhaus betreten, am ambivalenten Spiel der Perfor\u00admanz des Visuellen im Warenhaus teil. Ihnen wird ebenso wie den Waren diese Performanz zugeschrieben, und zwar unabh\u00e4ngig von ihrer tats\u00e4chli\u00adchen Kaufkraft. Wiederum in Falladas Roman findet sich eine Szene, in der dieses Spiel der Performanzen eindr\u00fccklich beschrieben wird. Pinneberg, die Hauptfigur des Romans, ist als Verk\u00e4ufer in einem Warenhaus t\u00e4tig. Eines Tages kommt zu ihm der Schauspieler Schl\u00fcter. Die Lage ist f\u00fcr Pinneberg prek\u00e4r, da er kurz vor Monatsende sein Verkaufssoll noch nicht erf\u00fcllt hat. Zun\u00e4chst l\u00e4sst der Schau\u00adspieler nicht durchblicken, dass er die Situation im Warenhaus ledig\u00adlich daf\u00fcr be\u00adnutzt, um sich f\u00fcr eine neue Filmrolle vorzubereiten. Das Gespr\u00e4ch endet f\u00fcr Pinneberg desastr\u00f6s, denn Schl\u00fcter kauft nichts:<\/p>\n<p>\u201e\u201aHerr Schl\u00fcter!\u2018, sagt Pinneberg, und seine Stimme wird lauter. \u201aIch habe Sie im Film gese\u00adhen, Sie haben das gespielt, den armen kleinen Mann. Sie wissen, wie unsereinem zumute ist. Sehen Sie, ich habe Frau und Kind. Das Kind ist noch ganz klein, es ist jetzt noch so fr\u00f6hlich; wenn ich entlassen werde&#8230;!\u2018\u201c Und wenig sp\u00e4ter: \u201e\u201aBitte, bitte kaufen Sie was. Sie wissen doch, wie uns zumute ist! Sie haben es doch gespielt!\u2018\u201c (Fallada 2004, 378)<\/p>\n<p>Selbst in dem Moment, als der Schau\u00adspieler seine Rolle aufgibt und nichts kauft, h\u00e4lt Pinneberg an dem Rollenspiel fest, denn er unterstellt dem Schauspieler jenes Einf\u00fchlungsver\u00adm\u00f6gen, das von ihm selbst w\u00e4hrend eines jeden Verkaufsgespr\u00e4chs erwartet wird. Erst als Pinneberg begreift, dass der Schauspieler den \u201ekleinen Mann\u201c nur gespielt hat, f\u00e4llt er endg\u00fcltig aus seiner Rolle: er ist nicht mehr souver\u00e4ner Verk\u00e4u\u00adfer, der die W\u00fcnsche seiner Kunden von den Au\u00adgen abliest, sondern ein um seine Existenz besorgter Angestellter. Der performative Charakter des Rollenspiels im Wa\u00adrenhaus wird durch den Schauspieler in jeder Hinsicht unterlaufen. Zur\u00fcck bleibt eine Fragilit\u00e4t der Rollenzuweisungen, auch und gerade im Spiel der Performanzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">V. Im Wirbel der Finanzstr\u00f6me<\/p>\n<p>Indem das Rollenspiel bei Fallada zusammen\u00adbricht, zeigt sich, zumindest literarisch, eine andere Realit\u00e4t des Warenhausalltags. Entgegen der Semanti\u00adsierungen, wie sie in der zeitgen\u00f6ssi\u00adschen Literatur, aber auch in der aktuellen For\u00adschung zu finden sind (vgl. Miller 1981, 167f. oder Lehnert 2002, 567), ist das Warenhaus <em>kein <\/em>Theater, auch wenn es k\u00fcnstlerische Gestaltungstechniken f\u00fcr seine pomp\u00f6sen Inszenierungen der Warenwelt zu nutzen wei\u00df. Im Gegensatz zu den umworbenen Kunden m\u00fcs\u00adsen die Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer n\u00e4mlich stets ein genaues Bewusstsein f\u00fcr das im Warenhaus inszenierte Spiel der Performanzen haben. Vor al\u00adlem d\u00fcrfen sie niemals aus den Augen verlieren, zu welchem Zweck sie Teil der Inszenierungen im Warenhaus werden. Das theat\u00adralisch anmutende Spiel der Performanzen dient einzig und allein dem Erhalt und die Vermeh\u00adrung des Kapitals: visuelle, soziale, mo\u00adralische, sexuelle und nicht zuletzt \u00f6konomische Energien m\u00fcssen in letzter Konsequenz stets auf ei\u00adnen verdinglich\u00adten Kosmos umgelenkt werden.<a title=\"\" href=\"#_ftn23\">[23]<\/a><\/p>\n<p>Wenn Benjamin bemerkt, dass es fr\u00fcher der Mangel war, der Menschen sich als Masse f\u00fchlen lie\u00df, jetzt aber, im Zeitalter des Warenhauses, es der Konsum sei (vgl. Benjamin 1983, 93), bleibt er letztlich an der Au\u00dfenseite des Warenhausdiskurses, da der massenhafte Konsum erst m\u00f6glich wird durch eine massive Beschleunigung der Finanzstr\u00f6me Ende des 19. Jahrhunderts (vgl. Sombart 1928, 81). Im Gegensatz zum alten Detailhandel wird im Warenhaus das symbolische Tauschmedium Geld zum einzig akzeptierten Zahlungsmittel. Die allgemeine Praxis der Barzahlung erlaubt es den Warenh\u00e4usern, die Geschwindigkeit und H\u00f6he ihres Umsatzes erheblich zu steigern.<a title=\"\" href=\"#_ftn24\">[24]<\/a> Nicht nur Zola, auch alle sp\u00e4tere \u201aWarenhausschriftsteller\u2018 thematisieren ausf\u00fchr\u00adlich, welche Folgen dies f\u00fcr die sozialen, moralischen, sexuellen, geschlechtsspezifi\u00adschen und nicht zuletzt \u00f6konomischen Beziehungen im und um das Warenhaus herum hat. Der Logik der visuellen, sexuellen, moralischen und sozialen Transgres\u00adsion wird, so meine These, \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich durch transgressive Kraft, welche dem Geld inh\u00e4rent ist. Schon Karl Marx hat, freilich unter an\u00adderer Perspektive, auf diesen zentralen Aspekt des Kapitalismus hin\u00adgewiesen:<\/p>\n<p>\u201eSie [die Bourgeoisie] hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen nat\u00fcrlichen Vorgesetzten kn\u00fcpften, unbarmherzig zerrissen und keines anderes Band zwi\u00adschen Mensch und Mensch \u00fcbriggelassen, als das nackte Interesse, als die gef\u00fchllose \u201abare Zahlung\u2018. [&#8230;] Sie hat die pers\u00f6nliche W\u00fcrde in den Tauschwert aufgel\u00f6st und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die <em>eine<\/em> gewissenlose Handelsfrei\u00adheit gesetzt. [&#8230;] Die Bourgeoisie hat dem Familienverh\u00e4ltnis seinen r\u00fchrend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverh\u00e4ltnis zur\u00fcckgef\u00fchrt.\u201c (Marx 1978, 72)<\/p>\n<p>Was Marx \u00fcbersieht \u2013 dies haben etwa Deleuze\/Guattari in <em>Anti-\u0152dipe<\/em> in einer kritischen Analyse marxistischer Positio\u00adnen herausgearbeitet (vgl. Deleuze\/Guatta\u00adri 1977, 286ff.) \u2013, dass die transgressiven Kr\u00e4fte des Kapitals immer zugleich von massiven Reglementierungen begleitet werden, sei es, dass in Bezug auf die Gegenwart eine \u201abessere\u2018 Vergangenheit re\u00adkonstruiert wird, sei es, dass man sich in der Gegenwart in einen gesch\u00fctzten Kosmos, etwa der Kleinfamilie, zur\u00fcckzieht, oder sei es, dass man vom Jetzt aus eine \u201abessere\u2018 Zukunft entwirft, wo die Transgressionen des Gegenw\u00e4r\u00adtigen wieder zur\u00fcckgenommen werden.<\/p>\n<p>Im literarischen Bereich l\u00e4sst sich diese Dynamik an den meisten Texten des literarischen wie nicht-literarischen Warenhausdiskurses verfolgen. Schon Zolas Roman funktioniert nach dem Prinzip, dass jeder Transgression, und zwar sowohl auf der inhaltlichen wie auf der semantischen Ebene, eine Reglementierung entgegengesetzt wird: Dem transgressiven Verf\u00fchrungsmodell wird das reglementierende Liebesmodell entgegengesetzt, der Transgression des Weiblichen die reglemen\u00adtierende Kraft des M\u00e4nnlichen, der Transgression der Konsums die reglementierende Kraft der Lie\u00adbesgabe, der angenommenen promiskuitiven Verh\u00e4ltnisse zwischen den weiblichen und m\u00e4nnlichen Angestellten im Warenhaus eine harte milit\u00e4rische Disziplin (vgl. Zola 2002, II, 62 u. IV, 115, 119, 123; Zola 1980, II, 78 u. IV, 124, 127, 130)<a title=\"\" href=\"#_ftn25\">[25]<\/a> und der transgressiven Kraft des Visuellen die reglementierende Kraft der \u00dcberwachung durch die Kaufhausdetektive.<a title=\"\" href=\"#_ftn26\">[26]<\/a> Selbst die Semantik wird von dieser reglemen\u00adtierenden Bewegung ergriffen: nicht nur die Theater-Semantik, sondern auch die ebenfalls h\u00e4ufig in den Beschreibungen genutzte religi\u00f6se Semantik (Stichwort: Konsumtempel)<a title=\"\" href=\"#_ftn27\">[27]<\/a> ist bei Zola ein Versuch, die durch die Zirkulation des Kapitals beschleunigten transgressiven Kr\u00e4fte des Warenhaus, wenn schon nicht zu bannen, so doch zu entsch\u00e4rfen.<a title=\"\" href=\"#_ftn28\">[28]<\/a> Dennoch k\u00f6nnen die reglementierenden Momente \u2013 und dies betrifft insbesondere das Happy End von Zolas Roman \u2013 kaum \u00fcber die massiven transgressiven Kr\u00e4fte des Warenhauses hinwegt\u00e4uschen: Letztlich werden alle Diskurse im Warenhaus vom entfesselten Finanzstrom \u00fcbercodiert.<a title=\"\" href=\"#_ftn29\">[29]<\/a> Dies geht soweit, dass, wie ebenfalls Zola schildert, beim Kampf um die beste Provision selbst die Geschlechterunterschiede nivelliert werden!<a title=\"\" href=\"#_ftn30\">[30<\/a><\/p>\n<p>Von hier aus l\u00e4sst sich nochmals ein Blick auf die eingangs postulierte Performanz des Visuellen im Warenhaus werfen. Das Warenhaus l\u00e4sst sich insgesamt als eine Maschine visueller Perfor\u00admanzproduktion begreifen, die ihre Energien nicht nur aus seiner architektonischen Gestalt und einer spezifischen \u00d6konomie bezieht, sondern nicht weniger auch aus seinen sozialen Verh\u00e4ltnissen und Beziehungen. In diesem Sinne stellt sich die Frage, ob das Warenhaus, wie es vielfach in der Forschungsliteratur zu lesen ist, lediglich eine Repr\u00e4sentation der b\u00fcrgerlichen Kultur darstellt, oder ob es nicht vielmehr den b\u00fcrgerlichen Lebensstil \u00fcber seine visuelle Performanzproduktion allererst erzeugt (vgl. Miller 1981, 178ff.)<a title=\"\" href=\"#_ftn31\">[31]<\/a> \u2013 einen Lebensstil, dessen \u00c4sthetik und Soziologie ohne Zweifel untrennbar mit der \u00d6konomie des Hochkapitalismus verbunden ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">VI. Ausblick<\/p>\n<p>Die vorherigen d\u00fcrften deutlich gemacht haben, dass im Rahmen einer historischen Analyse der Visual Culture dem literarisch wie nicht-literarisch vielfach reflektier\u00adten Ph\u00e4nomen des Warenhauses eine herausragende Bedeutung zugemessen wer\u00adden muss. Alle genannten Texte (und es gibt noch zahlreiche andere, die ich nicht erw\u00e4hnt habe) sind dabei nicht nur in hohem Ma\u00dfe relevant und signifikant f\u00fcr die Analyse einer Konsumkultur, die bis heute unsere \u00d6konomie, Politik und sozialen Verh\u00e4ltnisse in wesentlichen Teilen bestimmt, sondern auch f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der Moderne. Ja, ich m\u00f6chte noch weiter gehen und be\u00adhaupten, dass die Wa\u00adrenhauskultur eine wichtigsten zeitgen\u00f6ssischen Umwelten des Avantgardediskur\u00adses darstellt, der sich fast zur gleichen Zeit mit den italienischen Futuristen zu konstituieren be\u00adginnt. Begriffe und Themen wie Entgrenzung bzw. Transgression, Reklame, Performanz des Visuellen, Kunst und \u00d6konomie, das Neue usw. lassen sich in der einen oder anderen Weise auch dort aufweisen. Diese These auszuf\u00fch\u00adren, muss allerdings einem gr\u00f6\u00dferen Forschungsprojekt vorbehalten werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><\/div>\n<div>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> F\u00fcr viele hilfreiche Hinweise und Anregungen m\u00f6chte ich mich an dieser Stelle ausdr\u00fccklich bei Christiane Lamberty, Moritz Ba\u00dfler und Sabine Biebl bedanken.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Vgl. \u00c9mile Zolas Beschreibung in den Vorarbeiten zu seinem Roman <em>Au Bonheur des Dames<\/em>: \u201eDer Anblick dieser aufeinanderfolgenden Hallen [im Warenhaus <em>Bon March\u00e9<\/em>], mit halbrunden B\u00f6gen, mit Galerien, die sich w\u00f6lben wie Br\u00fccken, Treppen, die schwerelos wie ins Leere hinaufsteigen, mit \u00fcbereinandergestuften Etagen, die Flucht all dieser Weiten, die Auft\u00fcrmung babylonischer Pal\u00e4ste, doch mit einer au\u00dferordentlichen Schwerelosigkeit gebaut.\u201c (Zola 1990, 159)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Sp\u00e4ter kommen, nach der Erfindung der elektrischen Gl\u00fchbirne, im \u00dcbrigen noch aufwendige Lichtinstallationen hinzu, die das aufsehenerregende Erlebnis der fr\u00fchen Warenh\u00e4user weiter verst\u00e4rken (vgl. Lamberty 2000, 43ff.).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Im Original hei\u00dft es: \u201eAussi, le <em>Bonheur des Dames<\/em>, d\u00e8s huit heures, flambait-il aux rayons de ce clair soleil, dans la gloire de sa grande mise en vente des nouveaut\u00e9s d\u2019hiver. Des drapeaux flottaient \u00e0 la porte, des pi\u00e8ces de lainage battaient l\u2019air frais du matin [\u2026]; tandis que, sur les deux rues, les vitrines d\u00e9veloppaient des symphonies d\u2019\u00e9talages, dont la nettet\u00e9 des glaces avivait encore les tons \u00e9clatants. C\u2019\u00e9tait comme une d\u00e9bauche de couleurs, une joie de la rue qui crevait l\u00e0, tout un coin de consommation largement ouvert, et o\u00f9 chacun pouvait aller se r\u00e9jouir les yeux.\u201c (Zola 1980 IV, 121)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Vgl. hierzu die \u00c4u\u00dferung Werner Sombarts \u00fcber die Warenpr\u00e4sentation des \u201aalten\u2018 Detailhandels: \u201eIm allgemeinen lagen die Waren aufgestapelt ohne jeden Anspruch an Sch\u00f6nheit und Geschmack.\u201c (Sombart 1928, 80)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Dies ist bzgl. der Warenhausproblematik gut erforscht (vgl. z.B. K\u00f6nig 2000; dort weiterf\u00fchrende Literaturhinweise).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Der Text wurde schon 1894 ins Deutsche \u00fcbersetzt (siehe Bibliographie).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref8\">[8]<\/a> Vgl. hierzu auch Leopold Laquers Bemerkung, dass Frauen zum \u201eZeitvertreib\u201c Warenh\u00e4user aufsuchen, weil sie sich h\u00e4ufig langweilen w\u00fcrden (vgl. Laquer 1907, 10).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref9\">[9]<\/a> Vgl. Briesen 2001, der diesen Aspekt ins Zentrum seiner Analysen stellt und mehrere hundert Publikationen zu diesem Thema zwischen 1880 und 1930 verzeichnet.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref10\">[10]<\/a> Im Original hei\u00dft es: \u201eDepuis un an, Mme de Boves volait ainsi, ravag\u00e9e d\u2019un besoin furieux, irr\u00e9sistible. Les crises empiraient, grandissaient, jusqu\u2019\u00e0 \u00eatre une volupt\u00e9 n\u00e9cessaire \u00e0 son existence, emportant tous des raisonnements de prudence, se satisfaisant avec une jouissance d\u2019autant plus \u00e2pre, qu\u2019elle risquait, <em>sous les yeux d\u2019une foule<\/em>, son nom, son orgueil, la haute situation de son mari.\u201c (Zola 1980, XIV, 484; Hervorheb. U.L.)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref11\">[11]<\/a> Das hei\u00dft, Zolas Roman veranschaulicht ein Erz\u00e4hlmodell, wie man es bereits in zahlreichen Erz\u00e4hltexten des 18. Jahrhunderts finden kann, etwa in Samuel Richardsons <em>Pamela<\/em>. Vgl. allgemein zum Thema \u201eLiebesroman als Eheanbahnung\u201c Werber 2003.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref12\">[12]<\/a> Fast als Parodie auf diesen von Zola stark betonten Aspekt liest sich das melodramatische Theaterst\u00fcck <em>Purpus<\/em> (1918) von Wilhelm St\u00fccklen [vgl. St\u00fccklen 1918].<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref13\">[13]<\/a> Das in diesem Zusammenhang immer wieder aufgegriffene Motiv ist der Wa\u00adrenhausbrand, so bei K\u00f6hrer 1909, Siwertz 1928 oder Baum 1931.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref14\">[14]<\/a> Dies steht \u2013 nebenbei bemerkt \u2013 in dezidiertem Ge\u00adgensatz zur fortgesetzten \u00f6konomischen Etablierung des realen Warenhauses in allen gro\u00dfen St\u00e4dten Europas und Amerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts (vgl. Briesen 2001, Miller 1981 oder auch Lancaster 1995)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref15\">[15]<\/a> Der Dekorateur weist seinen Schaufensterpuppen menschliche Attribute zu: er spricht mit ihnen, schminkt sie, wirft ihnen sogar \u201eKu\u00dfh\u00e4nde\u201c (Siwertz 1928, 107) zu. Auf den Pygmalion-Mythos wird in diesem Zusammenhang sogar im Text selbst hingewiesen (vgl. ebd., 266).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref16\">[16]<\/a> Man vgl. hierzu die Szene in Zolas Roman, wo ein gewisser Herr Boutarel sich weigert, seine Frau allein in die Umkleidekabine gehen zu lassen, da er \u201ekeineswegs dulden\u201c werde, \u201edass sie [seine Frau] sich ausziehe, ohne dass er dabei sei.\u201c (Zola 2002, XIV, 527) Im Original hei\u00dft es: \u201eM. Boutarel, quand il avait compris, s\u2019\u00e9tait f\u00e2ch\u00e9 carr\u00e9ment, criant qu\u2019il voulait sa femme, qu\u2019il entendait savoir ce qu\u2019on lui faisait, qu\u2019il <em>ne la laisserait certainement pas se d\u00e9shabiller sans lui<\/em> .\u201c (Zola 1980, XIV, 470; Hervorheb. U.L.)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref17\">[17]<\/a> Die Welt des Wa\u00adrenhauses wird bei Baum als Welt aus zweiter Hand beschrieben und an \u00e4sthetischen Idealen gemessen, die sich mindestens bis zu Winckelmann zur\u00fcckfolgen lassen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref18\">[18]<\/a> Die destruktive Geste der Hauptfigur bei Baum l\u00e4sst sich im Rahmen der Er\u00adz\u00e4hlung nicht nur als Ausdruck einer massiven Modernefeindlichkeit lesen, sondern auch politisch interpretieren. Gerade Ende der zwanziger, Anfang der drei\u00dfiger Jahre des 20. Jahr\u00adhunderts versch\u00e4rft sich im Zeichen der Weltwirtschaftskrise sowohl die konserva\u00adtive als auch die nationalistische Kritik an der Konsumkultur (vgl. Briesen 2001, 165ff.).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref19\">[19]<\/a> So gibt zum Beispiel bei Zola der eine Verk\u00e4ufer dem anderen den sowohl w\u00f6rtlich als auch meta\u00adphorisch gemeinten Tipp: \u201eNur zu, nur zu, mein Guter, streichle ihr nur t\u00fcchtig die Finger, das wird dich weiterbringen!\u201c (Zola 2002, IV, 130) Im Original: \u201eVa, va, mon bonhomme, frotte-lui bien les doigts, pour ce que \u00e7a t\u2019avance!\u201c (Zola 1980, IV, 136)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref20\">[20]<\/a> Im Original hei\u00dft es: \u201eSans exiger des filles belles, on les voulait agr\u00e9ables, pour la vente.\u201c (Zola 1980; II, 87)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref21\">[21]<\/a> Nicht zuf\u00e4llig hei\u00dfen die fr\u00fchen Waren\u00adh\u00e4user in Frankreich <em>magasins de nouveaut\u00e9s<\/em>, wobei das \u201eNeue\u201c, wie Ben\u00adjamin zu Recht be\u00admerkt, \u201eeine vom Gebrauchwert der Ware un\u00adabh\u00e4ngige Qualit\u00e4t\u201c (Benjamin 1983, 55) ist.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref22\">[22]<\/a> Vgl. Werner Sombarts Feststellung \u00fcber den fr\u00fch kapitalistischen Detailhandel: \u201eMan war [dort als Kunde] bekannt und wurde als bekannter beim Eintritt begr\u00fc\u00dft\u201c (Sombart 1928, 79) \u2013 diese Qualit\u00e4t des Handels geht mit dem Aufkommen des Warenhauses weitgehend verloren. Wenig sp\u00e4ter f\u00fcgt er allerdings hinzu: \u201eNeuerdings bemerken wir, namentlich in den Vereinigten Staaten, wieder das Bem\u00fchen, die Verk\u00e4ufert\u00e4tigkeit zu einer pers\u00f6nlichen Angelegenheit zu machen: das ist die Entpers\u00f6nlichung des Verk\u00e4ufer-K\u00e4ufer-Verh\u00e4ltnisses, wie sie vor allem die Warenh\u00e4user gef\u00f6rdert hatten\u201c (Ebd.). Zu den verschiedenen Formen der \u201eEntpers\u00f6nlichung\u201c im Warenhaus vgl. auch ebd. 84ff.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref23\">[23]<\/a> Ein Ver\u00adk\u00e4ufer in Zolas Roman dr\u00fcckt dies so aus: \u201eWenn sie [die Kundin] hierher kommt, werde ich sie einwickeln, ich brauche hundert Sous!\u201c (Zola 2002, IV, 131) Im Original: \u201eSi elle vient ici, je l\u2019entortille, il me faut cent sous!\u201c (Zola 1980, IV, 137)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref24\">[24]<\/a> Was ange\u00adsichts ihrer niedrigen Preise mit kleinen Gewinnspannen der einzige Weg ist, renta\u00adbel zu agieren. Dabei werden vielfach die Verk\u00e4uferinnen und Verk\u00e4ufer selbst am Umsatz beteiligt. Man versucht also, m\u00f6glichst viel in m\u00f6glichst kurzer Zeit zu verkaufen, um die eigene Provision zu er\u00adh\u00f6hen. Zu diesem Themenkomplex vgl. Zola 1990, 198 u. Miller 1981, 54ff. sowie das Zitat in Anm.30.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref25\">[25]<\/a> Zur realen Situation in den Warenh\u00e4usern vor 1900, die nicht weit von dem entfernt ist, was Zola beschreibt, der bekannterma\u00dfen selbst dort recherchiert hat vgl. Miller 1981, 80ff. Vgl. auch die zeitgen\u00f6ssische Studie von K\u00e4the Lux, darin \u00a7 5 \u201eDisziplin\u201c (Lux 1910, 33ff.).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref26\">[26]<\/a> Vgl. die Figur von Inspektor Jouve in Zolas Roman, ein ehemaliger Soldat!<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref27\">[27]<\/a> Vgl. auch folgendes Zitat: \u201eEr [Mouret] errichtet ihr [der Frau] einen Tempel, lie\u00df ihr von einer Le\u00adgion Kommis Weihrauch streuen, schuf den Ritus eines neuen Kults. Er dachte nur an sie, war unab\u00adl\u00e4ssig bem\u00fcht, st\u00e4rkere Verf\u00fchrungsk\u00fcnste zu ersinnen\u201c (Zola 2002, III, 100). Im Original: \u201eil lui \u00e9levait un temple, la faisait encenser par une l\u00e9gion de commis, cr\u00e9ait le rite d\u2019un culte nouveau; il ne pensait qu\u2019\u00e0 elle, cherchait sans rel\u00e2che \u00e0 imaginer des s\u00e9ductions plus grandes\u201c (Zola 1980, III, 111).<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref28\">[28]<\/a> Die beiden wichtigsten anderen, allerdings eher im Sinne der Transgression zu bewertenden Semanti\u00adken in Zolas Roman sollen nicht verschwiegen werden: es sind einmal die Kriegssemantik und zum anderen eine biologistische Semantik, die eindeutig am Darwinismus orientiert ist. Wie beide Semantiken sogar miteinander kombiniert werden k\u00f6nnen, zeigt folgendes Zitat: \u201eEr [Mouret] beteiligte fortan seine Verk\u00e4ufer am Absatz aller Waren [&#8230;], ein Verfahren, das den ganzen Modewarenhandel umge\u00adw\u00e4lzt hatte und zwischen den Kommis eine Existenzkampf hervorrief, aus dem die Inhaber Nut\u00adzen zogen. Dieser Kampf wurde \u00fcbrigens in seinen H\u00e4nden zum Lieblingsrezept, zu einem organisato\u00adrischen Grundsatz [&#8230;]. Er entfesselte die Leidenschaften, sorgte daf\u00fcr, dass die Kr\u00e4fte einander kampfbereit gegen\u00fcberstan\u00adden, lie\u00df die Kleinen von den Gro\u00dfen verschlingen und wurde fett durch diese Schlacht der Interessen.\u201c (Zola 2002, II, 47) Im Original: \u201eIl int\u00e9ressait d\u00e9sormais ses vendeurs \u00e0 la vente de toutes les marchandises, il leur accordait un tant pour cent sur le moindre bout d\u2019\u00e9toffe, le moindre objet vendu par eux: m\u00e9canisme qui avait boulevers\u00e9 les nouveaut\u00e9s, qui cr\u00e9ait entre les commis une lutte pour l\u2019existence, dont les patrons b\u00e9n\u00e9ficiaient. Cette lutte devenait du reste entre ses mains la formule favorite, le principe d\u2019organisation qu\u2019il appliquait constamment. Il l\u00e2chait les passions, mettait les forces en pr\u00e9sence, laissait les gros manger les petits, et s\u2019engraissait de cette bataille des int\u00e9r\u00eats.\u201c (Zola 1980, II, 65f)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref29\">[29]<\/a> Werner Sombart dr\u00fcckt dies so aus: \u201eDas Streben [des Warenhauses] ist auf <em>m\u00f6glichste Ausweitung<\/em> des Absatzes gerichtet; ist expansiv, dynamisch. <em>Alles<\/em>, was dieser Ausweitung des Absatzes dient,<em> ist willkommen.\u201c <\/em>(Sombart 1928, 81; Hervorheb. U.L.)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref30\">[30]<\/a> Es hei\u00dft bei Zola: \u201eH\u00e4tte der fortgesetzte Kampf um das Geld nicht die Geschlechterunterschiede verwischt, so w\u00fcrde die unausgesetzte Hetzjagd, die den Kampf v\u00f6llig beanspruchte und die Glieder wie zerschlagen machte, dazu gen\u00fcgt haben, jedes Begehren zu t\u00f6ten. Bei den Feindseligkeiten und den Cliquenbildungen unter Mann und Frau, den ewigen Reibereien von Rayon zu Rayon konnte man kaum einige wenige Liebesverh\u00e4ltnisse aufz\u00e4hlen. Alle waren nichts weiter als R\u00e4der im Getriebe, wurden mitgerissen vom Schwung der Maschine, gaben in der dieser allt\u00e4glichen und m\u00e4chtigen Gesamtheit einer Phalanst\u00e9re ihre Pers\u00f6nlichkeit auf und vereinigten einfach ihre Kraft.\u201c (Zola 2002, V, 174f.) Im Original: \u201eSi la bataille continuelle de l\u2019argent n\u2019avait effac\u00e9 les sexes, il aurait suffi, pour tuer le d\u00e9sir, de la bousculade de chaque minute, qui occupait la t\u00eate et rompait les membres. \u00c0 peine pouvait-on citer quelques rares liaisons d\u2019amour, parmi les hostilit\u00e9s et les camaraderies d\u2019homme \u00e0 femme, les coudoiements sans fin de rayon \u00e0 rayon. Tous n\u2019\u00e9taient plus que des rouages se trouvaient emport\u00e9s par le branle de la machine abdiquant leur personnalit\u00e9, additionnant simplement leurs forces, dans ce total banal et puissant de phalanst\u00e8re.\u201c (Zola 1980, V, 173; vgl. auch Zola 1990, 172f.)<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref31\">[31]<\/a> Man denke nur an das millionenfache Versenden von Warenhauskatalogen an potentielle K\u00e4uferinnen und K\u00e4ufer (siehe Wertheim 1903).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Baum, Vicki: Jape im Warenhaus. In: Die andern Tage. Novellen. Berlin 1931, S.215-241 [Baum 1931]<\/p>\n<p>Becker, Colette\/Landes, Agn\u00e8s: Profil d\u2019une Oeuvre: Au Bonheur des Dames. \u00c9mile Zola. Paris 1999 [Becker\/Landes 1999]<\/p>\n<p>Benjamin, Walter: Das Passagen-Werk. Hg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt\/Main 1983, 2 Bde. [Benjamin 1983]<\/p>\n<p>Briesen, Detlef: Warenhaus, Massenkonsum und Sozialmoral. Zur Geschichte der Konsumkritik im 20 Jahrhundert. Frankfurt, New York 2001 [Briesen 2001]<\/p>\n<p>Deleuze, Gilles\/Guattari, F\u00e9lix: Anti-\u00d6dipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. \u00dcbers. v. Bernd Schwibs. Frankfurt\/Main 1977. [Deleuze\/Guattari 1977]<\/p>\n<p>Fallada, Hans: Kleiner Mann \u2013 was nun? [1932]. Reinbek 2004 [Fallada 2004]<\/p>\n<p>Freund, Max: Der Warenhausk\u00f6nig. Barmen 1912 [Freund 1912]<\/p>\n<p>Giedion, Sigfried: Bauen in Frankreich. Eisen. Eisenbeton [1928]. Hg. u. mit Nachw. zur Neuausg. v. Sokratis Georgiadies. Berlin 2000 [Giedion 2000]<\/p>\n<p>Homburg, Heidrun: Warenhausunternehmen und ihre Gr\u00fcnde in Frankreich und Deutschland oder: eine diskrete Elite und mancherlei Mythen, in: Jahrbuch f\u00fcr Wirtschaftsgeschichte (1992\/1), 183-219 [Homburg 1992]<\/p>\n<p>K\u00f6hrer, Erich: Warenhaus Berlin. Ein Roman aus der Weltstadt. Berlin 1909 [K\u00f6hrer 1909]<\/p>\n<p>K\u00f6nig, Gudrun M.: Zum Warenhausdiebstahl um 1900. \u00dcberjuristische Definitionen, medizinische Interpretamente und die Geschlechterforschung. In: Mentges, Gabriele (Hg.): Geschlecht und materielle Kultur. Frauen-Sachen, M\u00e4nner-Sachen, Sach-Kulturen. M\u00fcnster, New York 2000, S.49-66 [K\u00f6nig 2000]<\/p>\n<p>Lamberty, Christiane: Reklame in Deutschland 1890-1914. Wahrnehmung, Professionalisierung und Kritik der Wirtschaftswerbung. Berlin 2000 [Lamberty 2000]<\/p>\n<p>Lancaster, Bill: The Department Store. A Social History. London, New York 1995 [Lancaster 1995]<\/p>\n<p>Laquer, Leopold: Der Warenhaus-Diebstahl. In: Sammlung zwangloser Abhandlungen aus dem Gebiete der Nerven- und Geisteskrankheiten (1907), Bd.7, Heft 5. [Laquer 1907]<\/p>\n<p>Lehnert, Gertrud: Mode. Models. Superstars. K\u00f6ln 1996. [Lehnert 1996]<\/p>\n<p>Lehnert, Gertrud: Nachwort zu \u00c9mile Zola &#8222;Das Paradies der Damen&#8220;. Berlin 2002, S. 585-571 [Lehnert 2002]<\/p>\n<p>Lombroso, Cesare\/Ferrero, Guglielmo: Das Weib als Verbrecherin und Prostituirte. Anthropologische Studien, gegr\u00fcndet auf eine Darstellung der Biologie und Psychologie des normalen Weibes. Autorisierte \u00dcbersetzung von H. Kurella. Hamburg 1894 [Lombroso\/Ferrero 1894]<\/p>\n<p>Lux, K\u00e4the: Studien \u00fcber die Entwicklung der Warenh\u00e4user in Deutschland. Jena 1910 [Lux 1910]<\/p>\n<p>Marx, Karl: Manifest der Kommunistischen Partei [1848]. Hg., eingel. u. komm. v. Theo Stammen in Zusammenarbeit mit Ludwig Reichart. M\u00fcnchen 1978 [Marx 1978]<\/p>\n<p>Miller, Michael B.: The Bon March\u00e9. Bourgeois Culture and the Department Store, 1869-1920. Princeton, New Jersey 1981 [Miller 1981]<\/p>\n<p>Saudek, Robert: D\u00e4mon Berlin. (um 1907) [Saudek 1907]<\/p>\n<p>Siwertz, Sigfrid: Das gro\u00dfe Warenhaus. \u00dcbertr. aus dem Schwedischen v. Alfons Fedor Cohn. L\u00fcbeck, Berlin und Leipzig 1928 [Orig.: Det stora Varehuset, Stockholm 1926] [Siwertz 1928]<\/p>\n<p>Sombart, Werner: Das Warenhaus ein Gebilde des hochkapitalistischen Zeitalters. In: Verband deutscher Waren und Kaufh\u00e4user e.V. (Hg.): Probleme des Warenhauses. Beitr\u00e4ge zur Geschichte und Erkenntnis des Warenhauses in Deutschland. Berlin 1928, 77-88 [Sombart 1928]<\/p>\n<p>St\u00fccklen, Wilhelm: Purpus. Ein Schauspiel in drei Akten. Berlin, M\u00fcnchen 1918 [St\u00fccklen 1918]<\/p>\n<p>Warenhaus A. Wertheim. Mode-Katalog 1903\/04. Nachdr. Hildesheim 1979 [Wertheim 1903]<\/p>\n<p>Werber, Niels: Liebe als Roman. Zur Koevolution intimer und literarischer Kommunikation<strong>.<\/strong> M\u00fcnchen 2003 [Werber 2003]<\/p>\n<p>Wohlbr\u00fcck, Olga: Der gro\u00dfe Rachen. Berlin o.J. [Wohlbr\u00fcck]<\/p>\n<p>Zola, \u00c9mile: Au Bonheur des Dames [1883]. Pr\u00e9face de Jeanne Gaillard. \u00c9dition \u00e9tablie et annot\u00e9e par Henri Mitterand. Paris 1980 (Gallimard: folio classique) [Zola 1980]<\/p>\n<p>Zola, \u00c9mile: Das Paradies der Damen. Berlin 2002 [Zola 2002]<\/p>\n<p>Zola, \u00c9mile: Frankreich. Mosaik einer Gesellschaft. Unver\u00f6ffentlichte Skizze und Studien. Hg. u. komm. v. Henri Mitterand. Aus d. Frz. v. Brigitte P\u00e4tzold. Wien, Darmstadt 1990 (Orig.: Carnets d\u2019Enqu\u00eates. Paris 1986) [Zola 1990]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des <a title=\"website synchron\" href=\"http:\/\/www.synchron-publishers.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Synchron<\/a> Verlags.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"homepage lindemann\" href=\"http:\/\/www.ruhr-uni-bochum.de\/komparatistik\/mitarbeiter\/lindemann.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dr. Uwe Lindemann<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Aufgaben eines Studienrates im Hochschuldienst am Lehrstuhl f\u00fcr Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p><strong><a title=\"\u201cDas Ankommen des \u203aGastarbeiters\u2039 auch im Popsong&lt;br \/&gt;Oder: Wer singt hier eigentlich \u00fcber wen?&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Kunz&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;23.10.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2339&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht mehr der Mangel soll als Anlass f\u00fcr den Kauf von Waren bestimmend sein<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[863,1270,1837,2439,2467,2502],"class_list":["post-2383","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-geschlechterpolitik","tag-konsum","tag-pop-zeitschrift-2","tag-uwe-lindemann","tag-visualitat","tag-warenhaus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2383","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2383"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2383\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2383"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2383"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2383"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}