{"id":2404,"date":"2013-11-09T14:53:29","date_gmt":"2013-11-09T12:53:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2404"},"modified":"2013-11-09T14:53:29","modified_gmt":"2013-11-09T12:53:29","slug":"rotation-der-schallplatten-auf-dem-diskursteller-rezension-zu-thomas-meineckeanalogvon-dominik-irtenkauf9-11-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/11\/09\/rotation-der-schallplatten-auf-dem-diskursteller-rezension-zu-thomas-meineckeanalogvon-dominik-irtenkauf9-11-2013\/","title":{"rendered":"Rotation der Schallplatten auf dem Diskursteller Rezension zu Thomas Meinecke,\u00bbAnalog\u00abvon Dominik Irtenkauf9.11.2013"},"content":{"rendered":"<p>Es geht um Namen, Namen und nochmals Namen<!--more--><\/p>\n<p>\u00bbAnalog\u00ab versammelt Kolumnen, die Thomas Meinecke f\u00fcr die Musikzeitschrift \u00bbGroove\u00ab in den Jahren 2007 bis 2013 verfasste. Dieses Jahr entschloss sich Meinecke, die zweimonatlich erscheinende Kolumne zu beenden. Der Verbrecher Verlag ver\u00f6ffentlicht nun alle Beitr\u00e4ge in einem schmucken kleinen Buch, mit Illustrationen von Michaela Meli\u00e1n versehen, die das immergleiche Vinylplattenmotiv farblich variieren.<\/p>\n<p>Schon bei der ersten Kolumne, in der Meinecke erz\u00e4hlt, wie ein Klassenkamerad ihn, damals f\u00fcnfzehnj\u00e4hrig, in die Geheimnisse der neu aufkommenden Disco-Bewegung einf\u00fchrte und ihn anwies, wie man zu entsprechender Musik zu tanzen habe, wird deutlich, dass man ohne ein extensives (enzyklop\u00e4disches) Wissen \u00fcber die behandelte Musik und ihre Interpreten kaum zu einem Lesegenuss gelangen kann. Wenn zum \u203aLekt\u00fcregenuss\u2039 das verstehende Lesen und ein gewisser Einblick in die behandelte Materie geh\u00f6rt, so richtet sich Meineckes Buch an die Insider-Group. Eben an die Leser der \u00bbGroove\u00ab, aber auch an die H\u00f6rer von Dance- oder elektronischer Musik, um das Genre m\u00f6glichst breit zu fassen.<\/p>\n<p>Die zunehmende Auff\u00e4cherung des Genres, die zunehmende Ausdifferenzierung eines Oberbegriffs in unz\u00e4hlige Subnischen kennt man nicht nur in der elektronischen Musik, die verschiedene Arten von Techno, House, Acid und Experimentellem umfasst, sondern auch im Rock- und Metalbereich. Meinecke bezieht sich in seinem Buch verst\u00e4ndlicherweise auf die Stile, mit denen er sich jahrzehntelang journalistisch wie literarisch besch\u00e4ftigt hat.<\/p>\n<p>Mehr noch pr\u00e4gten seine Erfahrungen als DJ seine \u203aakustische Wahrnehmung\u2039. Im Vorwort gebraucht er selbst das Wort \u00bbSonisches\u00ab (S. 5), genauer: \u00bbv\u00f6llig neuartig modulierte Wahrnehmungsweisen des Sonischen.\u00ab (ebd.) Dieses Attribut verweist auf die Sonic Fiction, die sich aus einer Gemengelage zwischen Popjournalismus und \u2013wissenschaft speisen kann. Das Paradebeispiel solchen Schreibens ist Kodwo Eshuns \u00bbMore brilliant than the sun\u00ab, in dem theoretische Einsichten mit einer intensiven Besch\u00e4ftigung mit \u203aBlack Music\u2039 gekoppelt werden.<\/p>\n<p>Meinecke schreibt, den Begriff \u203aBlack Music\u2039 gebe es im Angloamerikanischen nicht. Er benutzt diesen Begriff in seiner Kolumne dennoch, weil er griffig scheint. Die Suche nach dem \u00e4daquaten Ausdruck der H\u00f6rerfahrungen begleitet jedes der Kapitel in Meineckes Buch. Es blitzen immer wieder luzide Momente in Meineckes H\u00f6rerfahrungen auf, so in etwa wenn er, bereits zu Zeiten der Pubert\u00e4t, die \u00bbIdee des Jazz\u00ab (S. 43-44) in Thelonious Monk findet. Sp\u00e4ter verfeinert er diese Idee noch in seiner musikjournalistischen T\u00e4tigkeit, durch die konstante Entdeckung neuer \u203aMonks\u2039 in anderen Genres.<\/p>\n<p>Meineckes Schreiben ist ein st\u00e4ndiges Verweisspiel auf seine Plattensammlung. Die Platten ersteht er in Second-Hand-Shops, die \u00fcber den gesamten Erdball verstreut sind, daher wohl auch der Titel des B\u00fcchleins. Ein anderer Grund f\u00fcr die Wahl liegt in der bis heute konstanten DJ-Praxis Meineckes, Plattenspieler zu nutzen und nicht mithilfe von Laptops das Abendprogramm f\u00fcr den Dancefloor zu gestalten. Vorliegendes Werk setzt an vielen Ecken und Enden an, ein roter Faden ist also wohl die Plattensammlung, die man beim Autor zu Hause im Regal oder in Kisten verstaut vorfinden sollte.<\/p>\n<p>Die einzelnen Kapitel sind der Ver\u00f6ffentlichungsform in der Musikzeitschrift geschuldet, zu kurz, um wirklich extensiv auf wichtige Ph\u00e4nomene der Musikszenen wie Euro Trash, der Einflu\u00df der Candombl\u00e9-Rhythmen auf zeitgen\u00f6ssische House-Produktionen, den Reiz von Mjunik Disco und vieles andere eingehen zu k\u00f6nenn. Es sind Momentaufnahmen, die stellenweise von sch\u00f6ner Luzidit\u00e4t sind (z.B., wenn Meinecke sehr genau das Geschehen in den Clubs beobachtet und kommentiert), dann wiederum st\u00f6\u00dft der Leser gegen eine Wand von Insider-Wissen, das sich stellenweise narzisstisch um sich selbst dreht.<\/p>\n<p>Allusionen finden sich zu Hauf, ausf\u00fchrende Worte oder gar ein Endnotenapparat werden ausgespart \u2013 klar: hier handelt es sich um journalistische Kurzbeitr\u00e4ge, die f\u00fcr sich sprechen (sollen). Dadurch wird allerdings Thomas Meineckes Schreibe unverst\u00e4ndlich, weil sie auf die anekdotische Verk\u00fcrzung und Exemplifikation setzt, statt narrativ die Erlebnisse und Erfahrungen als wandernder DJ und Schriftsteller auszuf\u00fchren. Die Leser der \u00bbGroove\u00ab-Zeitschrift h\u00e4tten es vielleicht als seltsam empfunden, wenn Meinecke die Kolumnen f\u00fcr die Sammlung in Buchform noch etwas expliziert h\u00e4tte. So wird jedoch die Ver\u00f6ffentlichung beim Verbrecher Verlag nur f\u00fcr Experten Gewinn bringen.<\/p>\n<p>\u00bbAnalog\u00ab verdeutlicht ein Problem des Popjournalismus: es geht um Namen, Namen und nochmals Namen, auch Titel beziehungsweise deren Konstellationen und Verbindungen. Das \u00e4hnelt dem Schreibstil diverser Prog-Rock-Fetischisten, die jeden noch so kleinen Line-Up-Wechsel der Rock-Dinosaurier aus dem Ged\u00e4chtnis zitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Statt sich etwas mehr auf die Atmosph\u00e4re, die Umgebung, die Bewegungen im Raum und der Zeit zu konzentrieren, werden Namen gedroppt, so dass die leicht nerdige Leserschaft sofort wei\u00df, wohin der Hase l\u00e4uft. Mit dem verbalen Zielfernrohr wird dann gewisserma\u00dfen Jagd auf die Koryph\u00e4en und bekannten Namen gemacht.<\/p>\n<p>Diese \u203aPersonenversessenheit\u2039 vermehrt sich nicht nur in den Musik-, sondern auch speziell in den Literatur- und schon immer in den Kunstszenen. In letzterer erhalten die Kunstwerke alleine durch die Identit\u00e4t des Urhebers ihren Marktwert.<\/p>\n<p>Selbst in einer so schlecht gelittenen Musikszene wie dem Metal hat hingegen der Poststrukturalismus mindestens in Form der Genre-Pr\u00e4fixe wie Post Metal und Post Black Metal etc. Einzug gehalten. Der Personenkult wird durch die Akkumulation von Gitarren und Drumrhythmen, ja durch die Ausschaltung jedes S\u00e4ngers und des \u00dcbergangs in den rein instrumentell dargebotenen Post Metal ausgeschaltet.<\/p>\n<p>In Meineckes \u00bbGroove\u00ab-Kolumnen jedoch wimmelt es vor Namen, Titeln und Personen. Das mag den behandelten Genres geschuldet sein, aber w\u00e4re es nicht zur Abwechslung interessant, diese Personen \u203aauszuschalten\u2039 und dekonstruktive Experimente zu wagen? Besonders dann, wenn man Meineckes eigenes Werk bedenkt: \u00bbIch ver\u00f6ffentlichte einen Roman, dessen Anordnung darin bestand, einen nicht-schwulen Flugbegleiter im beruflichen Umfeld aus heterosexuell orientierten Frauen und homosexuell orientierten M\u00e4nnern zum Ausdruck zu bringen, das hei\u00dft, ihn an sprachlichen Regelungen zur Reibung zu bringen, die Heterosexualit\u00e4t als sekund\u00e4r, als <em>das Andere der Homosexualit\u00e4t<\/em> erscheinen lie\u00dfen.\u00ab (S. 50)<\/p>\n<p>Das eben zitierte Andere kann ebenso gut als Blick \u00fcber die eigene musikalische Nische verstanden werden, die sich nicht (immer) in den allzu vertrauten Beat fallen l\u00e4sst, sondern quer gegen das Genre denkt (und dieses Mal wirklich quer und nicht queer, wie Meinecke sofort versetzen w\u00fcrde!). Das Verfahren des Signifying bildet den theoretischen Unterbau des Buchs, wie durch Adaption eines Popstils subversive Aneignung m\u00f6glich wird. Auch die Verschiebung der Geschlechtergrenzen wird durch den Prozess des Signifying m\u00f6glich. \u00bbDie von mir gesch\u00e4tzten kulturellen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts verdanke ich in erster Linie \u00e4sthetischen Konzepten sexuell Andersdenkender (allen voran schwuler M\u00e4nner). Subtile Resignifizierungen, wie sie Camp hervorgebracht hatte (Vaudeville, Broadway, Hollywood, Theatre of the Ridiculous, Disco, House), wurden zu meinem poetologischen Leitsystem.\u00ab (S. 49-50)<\/p>\n<p>Die Inszenierung von Geschlecht pr\u00e4gt nicht nur \u203atanzbare\u2039 Stile, wie die Rezension von Gr\u00fcnwalds Buch zu einer anderen Musikrichtung aufzeigt, sondern h\u00f6chstwahrscheinlich jeden Musikstil, der sich an ein vorwiegend junges respektive junggebliebenes Publikum richtet. Die Verhandlung der (Geschlechts-) Grenzen pr\u00e4gt vor allem die Adoleszenz, wird jedoch in \u203aMassen\u2039-Musik als thematisches Repertoire stets neu reaktualisiert. Manche der akustisch aggressiveren Stile verbergen diese Verhandlungen geschickt unter einer zun\u00e4chst absto\u00dfenden Oberfl\u00e4che, doch das w\u00e4re ein Thema f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte auch an der L\u00e4ssigkeit, dem Spiel mit Vexier- und Spiegelbildern liegen, dass nach der Lekt\u00fcre des kleinen Buchs so viele Namen h\u00e4ngen bleiben, aber zu wenig durchdringende Pop-Erkenntnis. (Wenn man darunter, wie bereits ausgef\u00fchrt, die Bewegungen versteht, die sich nicht nur in einzelnen Akteuren, sondern in einer Vielzahl von Charakteristika niederschlagen. Wie sollte man sonst wissen, dass mancher Stil nur so grobk\u00f6rnig klingt, weil das Geld f\u00fcr teures Equipment oder die Geduld f\u00fcr Produktionszeit oder h\u00e4ufig sogar beides fehlte? Wie steht es mit dem Einfluss der Landschaften, denen Musiker ausgesetzt sind und die wohl auch \u00fcber geographische und meteorologische Namen verf\u00fcgen, jedoch nur vermittelt in der Musik den Weg auf den Dancefloor finden k\u00f6nnen? Dies sind nur ein paar Gedanken, die den Fokus des Buchs verst\u00e4ndlicher und breiter h\u00e4tten werden lassen k\u00f6nnen.)<\/p>\n<p>Der Autor nennt diese Gefahr selbst: \u00bbNeulich wurde ich zu sp\u00e4ter Stunde in einem einschl\u00e4gigen Club, einschl\u00e4gig vor einschl\u00e4gig geweihtem Tanzboden meine beseelten afrikanisch-amerikanischen House 12-inches auflegend, von einem ausdauernd ekstatischen T\u00e4nzer, der an die Kanzel kam, f\u00fcr mein Set gelobt, und als ich mich gerade gl\u00fccklich daf\u00fcr bedanken wollte (ich hatte ihn ja die ganze Zeit sehr inspiriert und inspirierend tanzen gesehen), lie\u00df er ein enormes Donnerwetter auf mich runter, den <em>unverst\u00e4ndlichen Schei\u00df<\/em> betreffend, den ich (an dieser Stelle) alle zwei Monate in der Groove verzapfe.\u00ab (S. 93)<\/p>\n<p>Meinecke schreibt, dass f\u00fcr ihn als Schriftsteller die Musik \u00bbeinen Sehnsuchtsraum\u00ab (ebd.) er\u00f6ffne. In diesem Raum f\u00fchle er Freiheit, weil die Sprache dort nicht einfach hinkomme. Man w\u00fcnschte sich mehr dieser Freiheitsbestrebungen in den Buchkapiteln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Hinweis:<\/strong><br \/>\nThomas Meinecke<br \/>\nAnalog<br \/>\nBerlin 2013<br \/>\nVerbrecher Verlag<br \/>\nISBN 978-3-943167-43-6<br \/>\n111 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dominik Irtenkauf M.A. ist freischaffender Journalist und Autor (u.a. f\u00fcrs Legacy-Magazin und Telepolis), zudem arbeitet er an einer Dissertation in den Sound Studies zur Soundscape in gitarrenverst\u00e4rkten Musiken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cGut gelaunter Supermann&lt;br \/&gt; Rezension zu J\u00f6rg Scheller, \u00bbArnold Schwarzenegger oder Die Kunst, ein Leben zu stemmen\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;28.10.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2365&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es geht um Namen, Namen und nochmals Namen<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[112352,573,583,1837,1993,2065,2289,2340],"class_list":["post-2404","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-analog","tag-diskurs","tag-dominik-irtenkauf","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension","tag-schallplatten","tag-techno","tag-thomas-meinecke"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2404"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2404\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}