{"id":2485,"date":"2013-11-24T01:12:37","date_gmt":"2013-11-23T23:12:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2485"},"modified":"2013-11-24T01:12:37","modified_gmt":"2013-11-23T23:12:37","slug":"pop-asthetikvon-thomas-hecken24-11-2013-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/11\/24\/pop-asthetikvon-thomas-hecken24-11-2013-2\/","title":{"rendered":"Pop-\u00c4sthetikvon Thomas Hecken24.11.2013"},"content":{"rendered":"<p>Oberfl\u00e4chlichkeit ist f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik in dreierlei Hinsicht wichtig<!--more--><\/p>\n<p>Die Behauptung, Pop besitze eine \u00c4sthetik, zeigt in der Alltagssprache zuverl\u00e4ssig eine Wertsch\u00e4tzung an. Der Satz, es handele sich um \u00e4sthetische Aufnahmen \u2013 ein Satz, den man in Boulevardsendungen \u00f6fter h\u00f6ren kann \u2013, bedeutet zumeist oder immer: Es sind sch\u00f6ne, nicht vulg\u00e4re Fotos.<\/p>\n<p>Von der philosophischen Tradition wird diese Einsch\u00e4tzung nicht erzwungen. \u00c4sthetik meint als Disziplin in der Tradition Baumgartens aus der Mitte des 18. Jahrhunderts: Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis. Ihr geht es um sinnliche Wahrnehmungen, nicht um logische Schl\u00fcsse. Damit dreht sich nicht zwangsl\u00e4ufig alles um das Sch\u00f6ne, schon gar nicht nur um das Sch\u00f6ne als feststehende Eigenschaft von Objekten.<\/p>\n<p>Immanuel Kants \u00bbKritik der Urteilskraft\u00ab aus dem Jahr 1790 ist ein bekanntes Beispiel daf\u00fcr. Kant stellt nicht nur das Sch\u00f6ne, sondern auch das Erhabene in den Mittelpunkt. Noch wichtiger in unserem Zusammenhang: Er trennt das \u00bbGeschmacksurteil\u00ab vom \u00bbErkenntnisurteil\u00ab. Das Geschmacksurteil sei \u00bbnicht logisch, sondern \u00e4sthetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann.\u00ab Die Unterscheidung, \u00bbob etwas sch\u00f6n sei oder nicht\u00ab, r\u00fchre vom \u00bbGef\u00fchl der Lust oder Unlust\u00ab des einzelnen Subjekts her (\u00bbKritik der Urteilskraft\u00ab, \u00a7 1).<\/p>\n<p>Richtet man sich blo\u00df nach diesen Aussagen Kants, \u00f6ffnet sich f\u00fcr das \u00e4sthetische Urteil ein weites Feld. Das Urteil, etwas sei sch\u00f6n, muss sich keineswegs nur auf Kunstwerke beziehen \u2013 und es gibt keine Regel, die der Einzelne nachvollziehen m\u00fcsste, um zu dem Urteil \u203asch\u00f6n\u2039 zu gelangen.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft mit Blick auf Pop-Ph\u00e4nomene: Sowohl Pop-Songs, Pop-Gem\u00e4lde, Pop-Romane als auch Pop-Frisuren, Pop-T\u00e4nze, Pop-Slogans etc. k\u00f6nnen als nicht sch\u00f6n beurteilt werden, aber eben auch als sch\u00f6n.<\/p>\n<p>Es wird leicht klar, was das bedeutet, wenn man sich vor Augen f\u00fchrt, welch schlechten Ruf Pop-Ph\u00e4nomene unter Gebildeten besa\u00dfen. Sich dem unter ihnen g\u00e4ngigen Urteil, Pop sei h\u00e4sslich, un\u00e4sthetisch, wertlos, zu verweigern, ben\u00f6tigte man etwas Mut oder andere Hilfen. Die Ansicht, \u00e4sthetische Urteile fu\u00dften auf Lust\/Unlustempfindungen, nicht auf Erkenntnis und Bildung, kann zweifellos solch eine Hilfe sein.<\/p>\n<p>Ein wichtiger Teil der Pop-\u00c4sthetik besteht darum einfach aus positiven Geschmacksurteilen. Damit sie Eindruck bei denjenigen machen, die von der Position der Universit\u00e4t, der Akademie und anderer Bildungsinstitutionen aus urteilen, ist es nat\u00fcrlich oft hilfreich, wenn solche Urteile von Leuten kommen, die sie nicht verachten. F\u00fcr Akademiker und staatliche Stellen ist es wichtig, dass positive Einsch\u00e4tzungen zu Pop-Werken wenn schon zu Beginn nicht von Ihresgleichen, so doch von modernen Intellektuellen und K\u00fcnstlern stammen, keineswegs aber von Teenagern und Gesch\u00e4ftsleuten. Hier ein entsprechendes Beispiel von George Melly, der \u00fcber die Geschmacksvorlieben der Independent Group, einer kleinen Gruppe englischer Theoretiker und bildender K\u00fcnstler Anfang und Mitte der 1950er Jahre berichtet:<\/p>\n<p>\u00bbFor just it was the aggressively American music of Presley and Haley which sparked off the British teenage thing, so it was \u201aa trunkful of American magazines which John McHale brought back to England in 1955 from a trip to the U.S.\u2018 which led to the Independent Group deserting their generalized interest in modern mass culture in favour of an exclusive fascination with the American dream. As you might expect, the working-class adolescents who \u203awent ape\u2039 for Presley were naive and uncritical, whereas the intellectuals\u2019 enthusiasm for the subculture of billboards, pin-ups and auto-styling implied a certain irony, and the whole-hearted rejection of \u203agood taste\u2039 in their assessment of pop imagery was in itself the attitude of a dandy in the Baudelairean sense.\u00ab (Melly [1970] 1989: 13)<\/p>\n<p>Das soll hier noch den Unterschied machen: Die einen sind verr\u00fcckt nach Elvis, die anderen kultivieren ihre Hingabe mit Ironie und Distanz. Daran, dass beide Gruppen, die proletarischen Jugendlichen und die englischen Intellektuellen der Independent Group, Presley, Pin-ups und amerikanische Stra\u00dfenkreuzer gut finden, \u00e4ndert es jedoch grunds\u00e4tzlich nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Interesseloses Wohlgefallen<\/p>\n<p>Die Stichworte \u203aIronie\u2039 und \u203aDistanz\u2039 f\u00fchren aber zu einer anderen Debatte, bei denen sie sehr wohl einen grunds\u00e4tzlichen Unterschied bedeuten. Dazu kann und muss noch einmal bei Kant angekn\u00fcpft werden. Kants \u00bbKritik der Urteilskraft\u00ab geht n\u00e4mlich \u00fcber das bisher Gesagte weit hinaus. Zwar ist es Kants Auffassung, dass die Aussage, etwas sei sch\u00f6n, dem rein \u00e4sthetischen Geschmacksurteil zukomme, einem durchaus subjektiven Urteil, das keineswegs vom Objekt erzwungen werde. Es gibt nach Kant auch keine Ordnung des Sch\u00f6nen, die man als Geschmacksrichter lediglich nachvollziehen d\u00fcrfte. Zum Teil scheint Kant bei seiner Argumentation sogar das alte Bild des \u00bbGeschmacks\u00ab-Urteils w\u00f6rtlich zu nehmen, wenn es darum geht, das Recht der alten Regel\u00e4sthetik zu bestreiten: ich \u00bbversuche das Gericht an meiner Zunge und meinem Gaumen: und danach (nicht nach allgemeinen Prinzipien) f\u00e4lle ich mein Urteil.\u00ab (\u00a7 33)<\/p>\n<p>Doch dabei bleibt es nicht. Geschmack ist bei Kant nur eine Metapher. Sie zielt auf die Regellosigkeit, nicht auf den tats\u00e4chlichen Sinnengenuss, schon gar nicht auf Lust im erotischen Sinne. \u00bbAngenehm hei\u00dft jemandem das, was ihn vergn\u00fcgt, sch\u00f6n, was ihm blo\u00df gef\u00e4llt\u00ab, differenziert Kant, und er ist der Ansicht, dass nur das blo\u00dfe Gefallen, das \u00bbinteresselose Wohlgefallen\u00ab, wie er es nennt, eine \u00e4sthetische Haltung ausmacht.<\/p>\n<p>Sinnlicher Genuss, Vergn\u00fcgen hingegen verhindern ein \u00e4sthetisches Urteil, das von allen Interessen gereinigt ist; Interessen machen das freie Spiel der Einbildungskr\u00e4fte unm\u00f6glich. Kant muss von einem solchen \u00bbfreien Spiel\u00ab ausgehen, um den \u00bbGemeinsinn\u00ab des Geschmacksurteils sowohl vor der unbedingten Notwendigkeit eines \u00bbobjektiven Prinzips\u00ab als auch vor dem Privatgef\u00fchl des \u00bbSinnengeschmacks\u00ab zu retten (\u00a7 20).<\/p>\n<p>Deshalb baut Kant eine bedeutsame Klausel ein. Er traut dem Urteilenden nicht zu, sich in jedem Fall von seinen Neigungen distanzieren zu k\u00f6nnen. Interesselos kann folglich nur das Wohlgefallen urteilen, welches nicht zu sehr \u00bbReiz\u00ab und \u00bbR\u00fchrungen\u00ab ausgesetzt ist (\u00a7 13). \u00c4u\u00dferst Reizvolles kann nach Kant nicht als sch\u00f6n beurteilt werden. Darum geh\u00f6ren bestimmte Sujets und Pr\u00e4sentationsweisen aus dem Reich des \u00c4sthetischen kategorisch ausgeschlossen. Bei der \u00e4sthetischen Beurteilung von Malerei und Musik kann \u00bbder Reiz der Farben, oder angenehmer T\u00f6ne des Instruments\u00ab f\u00fcr Kant vielleicht eine Rolle spielen, aber den \u00bbeigentlichen Gegenstand des reinen Geschmacksurteils\u00ab machen \u00bbZeichnung\u00ab und \u00bbKomposition\u00ab aus (\u00a7 14).<\/p>\n<p>\u00c4u\u00dferliche Zutaten, \u00bbZieraten\u00ab, l\u00e4sst Kant ebenfalls gelten. Verzierungen wie \u00bbEinfassungen der Gem\u00e4lde, oder Gew\u00e4nder an Statuen, oder S\u00e4uleng\u00e4nge um Prachtgeb\u00e4ude\u00ab verbucht er auf der \u00bbForm\u00ab-Seite. Dinge wie den goldenen Rahmen schl\u00e4gt er allerdings der Seite des Reizes zu: \u00bbSchmuck [\u2026] tut der echten Sch\u00f6nheit Abbruch\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Bei bestimmten Gegenst\u00e4nden der Malerei wie Wiesen und G\u00e4rten, die \u00bbvon Natur gar zu viel Reiz haben\u00ab, hat Kant wiederum Bedenken (mit der heute einleuchtenderen Klimax \u00bbWiesen, G\u00e4rten, Wollust selbst\u00ab). Wenn man aber \u00fcber solche Gegenst\u00e4nde \u00bbnoch mehr Reiz verbreiten will\u00ab, bleibt f\u00fcr Kant ([1772] 1974b: 112) endg\u00fcltig ein un\u00e4sthetischer Eindruck zur\u00fcck. Sie werden dann wie Schl\u00fcsselreize angesehen, die einen ausweglos fesseln und binden.<\/p>\n<p>Verl\u00e4sst man Kants zumindest teilweise harmlos klingende Beispiele wirksamer Reize \u2013 die Wiesen und G\u00e4rten \u2013, wird mit einer langen idealistischen Tradition daraus das Verbot oder zumindest die Abneigung, tagesaktuelle, politische, schockierende, eklige, aufreizende, sexuelle oder vulg\u00e4re Gegenst\u00e4nde und Meinungen darzustellen. All das ist nicht \u00e4sthetisch wahrnehmbar \u2013 schon gar nicht, wenn es deutlich oder verwirrend eindringlich gezeigt wird.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings eine M\u00f6glichkeit, selbst prek\u00e4re Sujets zu verwenden. Kant spricht davon, Reizendes \u00bbnoch reizender zu machen\u00ab, im Umkehrschluss darf man wahrscheinlich eine gegenteilige Methode, eigentlich Reizendes reizloser zu gestalten, annehmen. Aus der Annahme wird Gewissheit, wenn man sich dem Kantianer Friedrich Schiller zuwendet. In Schillers Worten besteht diese Operation darin, den \u00bbStoff\u00ab durch die \u00bbForm\u00ab zu vertilgen. Die Kunst der Bearbeitung dr\u00e4ngt die Wirkung, die der eindrucksvolle Stoff bei einem geneigten Betrachter zweifelsohne ausgel\u00f6st h\u00e4tte, zur\u00fcck (Schiller [1795] 1962: 382).<\/p>\n<p>Schleiermacher spricht demgem\u00e4\u00df von der Aufgabe der Poesie, weder absichtlich noch aus Ungeschick im Leser ein anderes Verlangen als das \u00bbruhiger Betrachtung und freier Anschauung\u00ab zu erregen (Schleiermacher [1800] 1988: 178). Der \u203aK\u00fcnstler\u2039, der dagegen verst\u00f6\u00dft, ist eben keiner.<\/p>\n<p>Man kann sich leicht vorstellen, dass diese Argumentation Ph\u00e4nomene, die gew\u00f6hnlich der Popul\u00e4r- und Massenkultur zugerechnet werden, negativ erfasst. Genres wie R\u00fchrst\u00fcck, Melodram, Horror, Thriller, Slapstick, Pornographie, Tanzmusik, Stimmungsmusik besitzen ja ihren Zweck darin, einen auf bestimmte sinnlich-k\u00f6rperliche Wirkungen zu f\u00fchren und nicht zu ruhiger Anschauung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Moderne, antipopul\u00e4re Kant-Varianten<\/p>\n<p>In der Entgegensetzung von moderner und popul\u00e4rer Kunst kommt dieses Negativurteil sogar noch weitreichender zur Geltung. Hier richtet sich das \u00e4sthetische Urteil gegen alle Darstellungen, die auf dem Wirklichkeitseffekt beruhen, gegen alle Darstellungen, die vorgeben und beim Popul\u00e4r-Rezipienten auch erfolgreich den Eindruck hinterlassen, greifbar Wirkliches zu zeigen.<\/p>\n<p>So macht der bekannte spanische Kulturkritiker Ortega y Gassett 1921 deutlich, wie sehr die \u00bbUnbestimmheit der Grenzen zwischen Lebens- und Kunstdingen\u00ab die \u00e4sthetische Wahrnehmung st\u00f6re, und spricht sich darum f\u00fcr ein Kunstwerk aus, das von der Wirklichkeit deutlich getrennt ist (1978a: 213f.). Diese Trennung vornehmen zu k\u00f6nnen ist f\u00fcr ihn eine F\u00e4higkeit, die nur Eliten besitzen. Folgerichtig charakterisiert er 1925 in seinem Essay \u00fcber \u00bbDie Vertreibung des Menschen aus der Kunst\u00ab die \u00bbneue Kunst\u00ab kategorisch als \u00bbwesentlich volksfremd\u00ab, ja \u00bbvolksfeindlich\u00ab. Der \u00bbkompakten Majorit\u00e4t\u00ab bleibe sie ganz und gar unverst\u00e4ndlich und sto\u00dfe deshalb stets auf tiefe Ablehnung (1978b: 230f.).<\/p>\n<p>Wichtig ist dabei zu wissen, dass Ortega 1925 unter Volkskunst keineswegs nur die Erzeugnisse der Illustrierten- und Filmindustrie versteht. Nein, der \u00bbvolkst\u00fcmliche Stil par excellence\u00ab sei die Romantik, die \u00bbErstgeborene der Demokratie\u00ab. In Absetzung von der klassischen Kunst weise die Romantik bereits eine realistische Grundhaltung auf, die es dem breiten Publikum erm\u00f6gliche, sich mit den dargestellten Helden genussvoll zu identifizieren und an ihren Gef\u00fchlen teilzuhaben; die Malerei liefere den Leuten in gleicher Weise Portr\u00e4ts von interessanten Menschen oder von Landschaften, die sie gerne aufsuchen w\u00fcrden (233). Die Kunst des 19. Jahrhunderts sei deshalb so \u00bbpopul\u00e4r\u00ab gewesen, weil sie \u00bbnicht Kunst, sondern ein Auszug aus dem Leben war.\u00ab (Ebd.: 230, 233, 236)<\/p>\n<p>Das Gef\u00fchl des Realismus verdanke sich vor allem der Technik, den Betrachter gar nicht merken zu lassen, dass er eine Darstellung vor sich habe. Indem die Kunst konventionelle Sichtweisen nicht entt\u00e4usche, k\u00f6nne die Mehrzahl der Betrachter zum Kunstwerk eine \u00e4hnliche Haltung einnehmen wie zum allt\u00e4glichen Leben. Verst\u00f6\u00dfe gegen das aus ihrer Sicht Wahrscheinliche dulden sie deshalb nur insoweit, \u00bbals sie dadurch nicht bei der Betrachtung menschlicher Dinge und Schicksale gest\u00f6rt werden. Sowie diese rein \u00e4sthetischen Elemente \u00fcberwiegen und die Geschichte von Hans und Grete nicht klipp und klar zutage liegt, wird das Publikum kopfscheu und wei\u00df sich vor einer B\u00fchne, einem Buch, einem Bild nicht zu helfen.\u00ab (Ebd.: 234)<\/p>\n<p>Ortega lehnt diese Einstellung selbstverst\u00e4ndlich ab. Als Parteig\u00e4nger der idealistischen \u00c4sthetik muss f\u00fcr ihn der \u00bb\u00e4sthetische Genuss im eigentlichen Sinne\u00ab strikt von einer alltagspraktischen Dimension getrennt bleiben. An der neuen Kunst fasziniert ihn darum deren \u203aUnwirklichkeit\u2039. Sie garantiert in besonders hohem Ma\u00dfe, dass der Ausdruck des Gefallens sich an speziellen k\u00fcnstlerischen Darstellungsweisen entz\u00fcndet und nicht an dem dargestellten Objekt, das man auch au\u00dferhalb des Bildes oder der Beschreibung bewundert oder begehrt h\u00e4tte (ebd.: 234f.).<\/p>\n<p>Der Formalist Viktor Sklovskij hatte 1917 in \u00bbKunst als Verfahren\u00ab das Eigent\u00fcmliche der Kunst in den Verfremdungsverfahren ausgemacht, welche die automatisierten Wahrnehmungsgewohnheiten erschweren. Ortega y Gassett schlie\u00dft sich dem knapp zehn Jahre sp\u00e4ter an, als er vom Kunstwerk fordert, dass es eine praktische, allt\u00e4gliche Einstellung zum Dargestellten verhindern m\u00fcsse. Die neue Kunst mit ihrem Hang zur Abstraktion und Selbstbez\u00fcglichkeit kommt dem fraglos entgegen. Ihre radikale Abkehr von der Zustimmung der \u00bbMasse\u00ab gr\u00fcndet in den Verfahren der \u00bbEntmenschlichung\u00ab und der Wendung gegen die vertraute Wirklichkeit, lautet Ortegas Bilanz der Werke von Mallarm\u00e9, Debussy, Picasso, Joyce, Proust und Pirandello \u00a0\u2013 die ganze junge Kunst sei \u00bbunpopul\u00e4r\u00ab, und das nicht zuf\u00e4llig, sondern \u00bbnotwendig und wesentlich.\u00ab (1978b: 230ff.)<\/p>\n<p>Ein gutes Jahrzehnt sp\u00e4ter, 1939, hat der einflussreiche amerikanische Kunstkritiker Clement Greenberg ebenfalls keine Scheu, popul\u00e4re und moderne Kunst auch auf der Ebene der Wertung in einen vollkommenen Gegensatz zu bringen. Greenberg bezieht sich auf genau dieselben K\u00fcnstler, die auch Ortega anf\u00fchrte, und genau wie Ortega stellt er als zentrale Merkmale ihrer Werke Abstraktion und Ironie heraus; deren reine Selbstbez\u00fcglichkeit ziele sogar darauf ab, sich von der herrschenden Elite \u2013 also von der Schicht, welche allein als kultivierter Rezipient und K\u00e4ufer in Frage k\u00e4me \u2013 einschneidend zu l\u00f6sen. Ebenfalls genau wie Ortega sieht Greenberg die popul\u00e4re, kommerzielle Kunst (Hollywood-Filme, Werbung, \u00bbpulp fiction\u00ab) als Kunst der neuen Masse an, die von der alten Volkskultur (\u00bbfolk culture\u00ab) strikt verschieden sei \u2013 sie gew\u00e4hre eine blo\u00dfe, fl\u00fcchtige Ersatzbefriedigung, bleibe immer gleich, selbst wenn sie sich stilistisch ver\u00e4ndere, und arbeite stets mit Formeln und Klischees (1939: 37ff., 47).<\/p>\n<p>Auch Greenberg stellt als zentrale Gemeinsamkeit aller westlichen Kunst, die der Moderne abgewandt bleibt, deren Technik des Realismus heraus; sie erlaube es selbst dem ungebildeten Betrachter, sich und seine Welt wiederzufinden und sich in das Abgebildete hineinzuversetzen. In den popul\u00e4ren Werken gebe es eine Kontinuit\u00e4t zwischen \u00bbKunst und Leben\u00ab, fasst Greenberg die bereits von Ortega bekannte These pr\u00e4gnant zusammen (ebd.: 43f.). In seinem kanonischen Essay stellt Greenberg darum ein Gedicht von T. S. Eliot und einen Tin Pan Alley-Song, ein Gem\u00e4lde von Georges Braque und das Cover der \u00bbSaturday Evening Post\u00ab hart gegeneinander. Die Wertung k\u00f6nnte eindeutiger nicht sein. Gem\u00e4\u00df der kantianischen \u00c4sthetik, die nun modern gesteigert wird, sind erstere \u00e4sthetisch wertvoll, letztere wertlos.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Reiz-\u00c4sthetik<\/p>\n<p>Nun geh\u00f6ren zu den Richtungen, die solche modernen, unpopul\u00e4ren Werke hervorgebracht haben, zweifelsohne auch Futurismus, Dadaismus, Surrealismus. Ihnen aber kann man nicht nachsagen, sie h\u00e4tten es programmatisch auf eine Trennung von Kunst und Leben, auf interesseloses Wohlgefallen abgesehen. Ganz im Gegenteil geh\u00f6rt es zu ihrem Grundzug, Leben und Kunst ineinander aufgehen lassen zu wollen, freilich nicht auf dem Wege gewohnter realistischer Darstellungen. Mit aller Vehemenz halten z.B. die Surrealisten fest: Der Surrealismus sei \u00bbkeine dichterische Form\u00ab. Sie wehren sich dagegen, von der kunstinteressierten \u00d6ffentlichkeit als Schriftsteller oder Maler missverstanden zu werden; vielmehr seien sie \u00bbSpezialisten der Revolte\u00ab, die sich aller \u00bbAktionsmittel\u00ab \u2013 u.a. eben auch der Literatur \u2013 bedienten (B\u00fcro f\u00fcr surrealistische Forschungen [1925] 1998). \u00bbPoesie zu praktizieren\u00ab bedeute die \u00bbBegierden\u00ab im \u00bbanarchischen Zustand\u00ab zu halten, dekretiert der surrealistische Cheftheoretiker Andr\u00e9 Breton ([1924] 1968).<\/p>\n<p>Deshalb \u00fcberrascht es nicht, in Reihen der Avantgarde immer wieder auf Hinwendungen zur Popul\u00e4r- und Massenkultur zu treffen. Die Futuristen wollen in ihrem Theater, im futuristischen Variet\u00e9, \u00bbKomik, erotische[n] Reiz oder geistreiches Schockieren\u00ab voranstellen, sie wollen \u00bbdynamische Effekte\u00ab bringen, \u00bbschnellen und mitrei\u00dfenden Tanzrhythmus\u00ab, \u00bbderbe Gags\u00ab, \u00bbenorme Brutalit\u00e4t\u00ab. Die angeblich \u00bbunsterblichen Meisterwerke\u00ab der Vergangenheit, die zu den bevorzugten Gegenst\u00e4nden der Akademien und Universit\u00e4ten, der Theater und Opernh\u00e4user geh\u00f6ren, will Marinetti deshalb wie eine \u00bbx-beliebige Attraktion\u00ab pr\u00e4sentieren, er will sie im genauen Gegenzug zur idealistischen \u00c4sthetik Kants und Schillers reizvoller machen, das \u00bbErnste und Erhabene in der Kunst\u00ab soll dadurch zerst\u00f6rt werden ([1913] 1972: 170ff.).<\/p>\n<p>Nach Elvis Presley und den Rolling Stones sind viele dieser Leitlinie gefolgt, um Rock \u2019n\u2019 Roll und Beat zu legitimieren und zu preisen. Eine Pop-\u00c4sthetik w\u00e4re somit eine Reiz-\u00c4sthetik, die gerade nicht auf interesseloses Wohlgefallen, sondern auf sinnlich interessiertes Gefallen, ja Ekstase setzt. Jon Landau etwa, der Manager von Bruce Springsteen, lobt den Rock \u2019n\u2019 Roll als \u00bbhard, simple, body music\u00ab (Landau 1972: 129). Ein bekannter US-amerikanischer Kritiker deutet in dieselbe Richtung, wenn er \u00bbpop\u00ab mit den Adjektiven \u00bbfast, flash, sexual, loud, vulgar, monstrous or violent\u00ab charakterisiert. Was Kant genau als Grund aufgefasst h\u00e4tte, ein \u00e4sthetisches Urteil f\u00fcr ausgeschlossen zu halten \u2013 und seine vielen Gefolgsleute als Grund genommen h\u00e4tten, solche Werke zur Unkunst zu erkl\u00e4ren \u2013, gilt den Verteidigern der Jugendszenen nach 1950 genau als Ausweis \u00e4sthetischer Klasse.<\/p>\n<p>Interessant ist freilich, dass Nik Cohn die Apologie des Lauten, Gewaltsamen und Sexuellen am ber\u00fchmten Album der Beatles, \u00bbSergeant Pepper\u00ab, vornimmt. Nicht jedoch, um das Konzeptalbum als Pop-Meilenstein zu loben, sondern um vor ihm zu warnen. In Cohns Sicht erf\u00fcllt es n\u00e4mlich seine Pop-Kriterien nicht: \u00bbThis was far beyond Pop, beyond instinct and pure energy. Limp and self-obsessed, it was art. Not art; Art\u00ab, hei\u00dft seine Ablehnungsformel, die wie gesehen bildungsb\u00fcrgerliche Ma\u00dfst\u00e4be schlicht umdreht. Um \u00bbpop\u00ab zu sein, fehle den sp\u00e4teren Beatles fast alles, n\u00e4mlich die bereits genannten Eigenschaften: \u00bbIt wasn\u2019t fast, flash, sexual, loud, vulgar, monstrous or violent\u00ab, lautet Cohns aus seiner Sicht vernichtende Bilanz (1996: 137f., 144).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pop-Definition<\/p>\n<p>Ich nehme diese Zuschreibungen Cohns und seine Reserve gegen\u00fcber dem Beatles-Album zum Anlass, um eine Pop-\u00c4sthetik tats\u00e4chlich nicht in einer Reiz-\u00c4sthetik aufgehen zu lassen, zumindest nicht in einer, die das Ekstatische betont. F\u00fcr Letzteres stehen ja auch schon Konzepte wie Rock oder Avantgarde in ihrem Bem\u00fchen um energetischen Ausdruck oder Transgression bereit. Ber\u00fccksichtigen m\u00f6chte ich ebenfalls, dass mit Volkskultur und Massenkultur zwei weitere bedeutende, gut eingef\u00fchrte Konzepte existieren, weshalb es meines Erachtens keine Notwendigkeit gibt, Pop einfach als Synonym f\u00fcr Popul\u00e4r- oder Massenkultur zu verwenden.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung zwischen Pop und Gegenst\u00e4nden der Popul\u00e4r- oder Massenkultur dr\u00e4ngt sich auch aus historischen Gr\u00fcnden auf. Sp\u00e4testens seit der Pop-Art und der englischen Mod-Bewegung Anfang der 1960er Jahre liegt es nahe \u2013 und oft genug ist seitdem ja auch so verfahren worden \u2013, Pop nicht kategorisch in der Volks- bzw. Popul\u00e4rkultur mit ihren Merkmalen wie Einfachheit, Urspr\u00fcnglichkeit, Ungek\u00fcnsteltheit, Gemeinsinn, Verwurzelung im Regionalen, Nationalen oder im Alltagsleben der kleinen Leute aufgehen zu lassen. Den anderen oft zu lesenden Ansatz, Pop im Sinne der Massenkultur an gro\u00dfe, schichten\u00fcbergreifende Rezipientengruppen zu binden, strikt an allgemeine Beliebtheit und Verst\u00e4ndlichkeit, m\u00f6chte ich ebenfalls streichen, weil er das Problem mit sich bringt, viele K\u00fcnstler von Velvet Underground \u00fcber Rolf Dieter Brinkmann bis hin zu kleinen Independent-Produktionen nicht als Pop ansprechen zu d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Als Merkmale, die erf\u00fcllt sein sollten, damit ich von Pop in Reinkultur spreche, sind mir u.a. wichtig (ich nenne hier nicht die komplette Liste; sie ist zu finden in meinem Aufsatz \u00bbPop-Konzepte der Gegenwart\u00ab in der Zeitschrift \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 1; und als Internetver\u00f6ffentlichung <a title=\"aufsatz hecken pop-konzepte\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2013\/03\/14\/pop-konzepte-der-gegenwartvon-thomas-hecken14-3-2013\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>):<\/p>\n<p>Konsumismus. Pop tritt daf\u00fcr ein, dass nicht nur dem t\u00e4tigen Leben ein hoher Rang zukommt. Sich berieseln, erregen, unterhalten lassen steht ebenso hoch im Kurs. Konsumieren, also verzehren, ist zudem ein Pop-Kennzeichen, weil es den Gegensatz dazu bildet, sich verzehren zu lassen. Bewusstseinsverlust, Aus-Sich-Selbst-Heraustreten, Rausch z\u00e4hlen allenfalls vor\u00fcbergehend einmal zur Pop-Welt \u2013 als Samstagnachtph\u00e4nomen. Die Grundhaltung von Pop ist anti-ekstatisch.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlichkeit. Im Gegensatz zur Popul\u00e4rkultur steht auch, dass Pop mit dem Nat\u00fcrlichen nichts anfangen kann, au\u00dfer es zu elektrifizieren, im Studio bewusst aufzusplitten, digital zu modellieren. Plastik, Aufnahme- und Abspielger\u00e4te, Schneideraum, Mischpult, Scheinwerfer, Schminke, Silikon, Dildos, Photoshop, Synthesizer- und Sampler-Software, Spraydosen, Keyboards z\u00e4hlen zu den wichtigsten Instrumenten und Materialien des Pop.<\/p>\n<p>Oberfl\u00e4chlichkeit. Pop wendet sich gegen moderne, n\u00fcchterne Prinzipien. Die \u00dcberzeugung, dass die Form dem praktischen Zweck des Gegenstands im Sinne technischer Funktionalit\u00e4t dienen m\u00fcsse, wird nicht geteilt. Eine auff\u00e4llige Oberfl\u00e4che, die in keinem Zusammenhang zum Nutzen von elektronischen Ger\u00e4ten, von H\u00e4usern und M\u00f6beln steht, markiert das Pop-Design. Die dekorative Verpackung von G\u00fctern weitet das Oberfl\u00e4chen-Prinzip \u00fcber solche Objekte entscheidend aus; die Abl\u00f6sung des braunen Umschlags durch das Schallplattencover ist ein bedeutsames Beispiel daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Stilverbund. Ein Pop-Gegenstand kommt niemals allein. Nicht nur geh\u00f6ren zum Pop-Objekt der Aufdruck und die Verpackung bindend dazu, ein spezieller Gegenstand steht auch in einer Reihe mit Dingen aus anderen Bereichen. Der Musikstil z.B. ist mit einer Frisur, einer Hose, einem Auto, einer Attit\u00fcde verbunden. Das unterscheidet Pop von den meisten anderen Kulturrichtungen. Zwar zieht sich der Opernbesucher beim Besuch einer \u00bbAida\u00ab-Auff\u00fchrung zumeist anders an als an seinem Arbeitsplatz, das ist aber den Konventionen der Arbeits- und Abendkleidung geschuldet, nicht einer spezifischen Verdi-Mode. Anders bei den Anh\u00e4ngern von Pop-Stilen, die ganz bewusst \u2013 mit oder ohne Vorgaben des Marketing \u2013 solche Zusammenh\u00e4nge kultivieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pop-\u00c4sthetik der Oberfl\u00e4chlichkeit<\/p>\n<p>Nimmt man diese Charakteristika zusammen, m\u00fcssen die Bedenken der kantianischen \u00c4sthetik offenkundig geltend gemacht werden. Pop ist zwar moralisch weitgehend desinteressiert, tritt aber nicht mit dem Anspruch \u00e4sthetischer Interesselosigkeit auf. Es gibt hier mehr als einen Zweck: f\u00fcr Belebung sorgen, angenehm erregen, den K\u00f6rper in Bewegung setzen, Attraktivit\u00e4t erh\u00f6hen und eine nette, heitere Stimmung oder eine coole Haltung bewirken.<\/p>\n<p>Andererseits treffen die Kriterien der Verfechter der Rock- und Avantgarde-Transgression nicht zu. Rausch und Intensit\u00e4t, Blut, Schwei\u00df und andere K\u00f6rperfl\u00fcssigkeiten stehen keineswegs im Mittelpunkt der Pop-Vergn\u00fcgungen. Aus der k\u00f6rperlichen Tiefe kommt eher wenig, und in die metaphorische Tiefe \u2013 zu den Gr\u00fcnden des Menschlichen, Sozialen oder ihrer Aufl\u00f6sung \u2013 will der Pop-Fan auch kaum.<\/p>\n<p>Deshalb schlage ich vor, f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik das Prinzip der Oberfl\u00e4chlichkeit stark zu machen. Oberfl\u00e4chlichkeit ist f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik in dreierlei Hinsicht wichtig:<\/p>\n<p>1. Oberfl\u00e4chlichkeit als plane bildnerische Darstellung. Diese Operation besitzt ihre Grundlage in der zuerst von Clement Greenberg vorgebrachten, schnell \u00e4u\u00dferst wirkungsm\u00e4chtigen Auffassung, dass jede Kunstgattung sich auf die ihr gem\u00e4\u00dfen, ihr allein eigenen M\u00f6glichkeiten konzentrieren sollte. Im Falle der Malerei sei das wegen der Flachheit der Leinwand eine Malweise, die sich von der illusion\u00e4ren Erweckung dreidimensionaler Tiefe lossage (Greenberg [1960] 1997). Die Angabe \u203aoberfl\u00e4chliche Malerei\u2039 ist in dem Sinne ein \u00e4u\u00dferst anerkennendes Wort f\u00fcr eine moderne Malweise, welche die wesentliche Bedingung des Mediums Leinwand erkennt. Sie steht im Bunde mit der abstrakten Absage an die realistische Malweise.<\/p>\n<p>Der Bruch der Pop-Art mit der abstrakten Malerei, ihre teilweise Hinwendung zu menschlichen Szenen und Figuren scheint darum ein R\u00fcckschritt zu einer \u00e4lteren, unmodernen, pseudorealistischen Kunst zu sein. Mitte der 60er Jahre hat sich jedoch bereits in weiten Teilen der Kunstkritik die Ansicht durchgesetzt, dass auch die Pop-Art in den Kanon der Oberfl\u00e4chen-Moderne hineingeh\u00f6rt. Robert Rosenblum hebt bereits 1963 hervor, dass u.a. Roy Lichtenstein aus den vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten der \u00bbcommercial illustration\u00ab genau jene ausgew\u00e4hlt habe, die ein H\u00f6chstma\u00df an \u00bbpictorial flatness\u00ab gew\u00e4hrten. Rosenblum verweist auf die extreme, giftige Farbgebung Lichtensteins (\u00bbthe colors \u2013 the harshest yellow, green, blue, red \u2013 produce flat and acid surfaces\u00ab), auf die perfekt abgedichtete Farbfl\u00e4che (\u00bban opaque, unyielding paint surface that bears no traces of handicraft\u00ab) und auf weitere Techniken, die den Eindruck einer planen Oberfl\u00e4che zum Ergebnis haben, selbst wenn es sich um Darstellungen einer menschlichen Figur handelt. (1997c: 191).<\/p>\n<p>Eine einschneidende, tiefe Differenz von der Pop-Art zu den Bildern der Comics und Werbefotos existiert in dieser Hinsicht nicht. Auch letztere s\u00e4ubern oftmals ihre Darstellungen von menschlichen Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten und gl\u00e4tten Haut- oder beliebige Farbpartien zu einer undurchdringlichen, reinen Oberfl\u00e4che. Manchmal ist die Pop-Art in der Farbgebung giftiger, in der Zusammenstauchung der Anatomie radikaler, einen prinzipiellen Unterschied ergibt das aber nicht. In dem ersten kunsthistorisch bedeutenden Buch zur Pop-Art weist Lucy Lippard Mitte der 1960er Jahre darum auf deren \u00bbhard-edge, commercial techniques and colours\u00ab hin ([1966] 1967: 69).<\/p>\n<p>2. Oberfl\u00e4chlichkeit als Rezeptionshaltung. Lucy Lippard schreibt nach ihren Betrachtungen zu den scharf voneinander getrennten Farbfl\u00e4chen und den kommerziellen Werbetechniken weiter: \u00bbBecause it is easy to look at and often amusing, recognizable and therefore relaxing, Pop has been enjoyed and applauded on an extremely superficial level.\u00ab (Ebd.: 80) Man braucht wohl nicht gro\u00df zu betonen, dass die Angabe \u00bbsuperficial\u00ab hier wieder einen vollkommen negativen Klang besitzt.<\/p>\n<p>Mit dieser Wertung bricht aber die Pop-\u00c4sthetik. Ihr ist das Am\u00fcsante, Unterhaltsame, Erfreuliche, Angenehme \u2013 das Oberfl\u00e4chliche \u2013 nicht nur gut genug, sondern das, was sie als Wirkung von Ereignissen und Werken h\u00e4ufig an die erste Stelle setzt. Kant h\u00e4tte das fraglos als un\u00e4sthetische Wirkung abqualifiziert, die das interesselose Wohlgefallen und damit ein \u00e4sthetisches Urteil unm\u00f6glich mache.<\/p>\n<p>Es gibt aber eine Dimension des Angenehmen, die genau in die kantianische Richtung geht. Liest man sich Pop-Texte durch, schaut sich Pop-Videos an oder betrachtet die Zeichen und Insignien von Pop-Performern, dann st\u00f6\u00dft man nicht selten auf Eindrucksvolles und elementar Wichtiges \u2013 auf ekstatische Bilder, Kriegs-Zeichen, Bekundungen von Schmerz und Leid. Der Pop-Rezipient, wenn er der beschriebenen oberfl\u00e4chlichen Pop-\u00c4sthetik folgt, denkt sich jedoch nichts weiter gro\u00df dabei, bleibt weitgehend unger\u00fchrt bis auf einen angenehmen Kitzel der Ablenkung und Zerstreuung.<\/p>\n<p>Oder er f\u00fchrt sich einen starken Reiz zu, wei\u00df aber gewohnheitsgem\u00e4\u00df, dass es sich dabei um ein vor\u00fcbergehendes Man\u00f6ver handelt, das an speziellem Ort, in speziellem Genre auf zeitlich befristete Weise erfolgt. Dadurch wird dem Reiz von vornherein das Moment der alles in Unordnung bringenden \u00dcbertretung, der nachhaltigen Verst\u00f6rung genommen. Wegen der genrem\u00e4\u00dfigen Wiederholung solch starker Reize ist es dem Rezipienten im Modus der Pop-\u00c4sthetik sogar leicht m\u00f6glich, das Gef\u00fchl des Angenehmen oder sogar Erregenden auszukosten und gleichzeitig zu einem interesselosen Urteil \u00fcber die \u00e4sthetischen Qualit\u00e4ten des Rezipierten zu gelangen. Dieses Verfahren kann sich sogar bis zu einer coolen Haltung steigern, die zwar immer wieder sinnlich attraktive Pop-Reize sucht, es sich aber abtrainiert hat, k\u00f6rperlich sichtbare Reaktionen auf sie zu zeigen.<\/p>\n<p>Das soll nicht hei\u00dfen, der Pop-Rezipient beuge sich \u00fcber seine Gegenst\u00e4nde mit einem distanzierten, ironischen L\u00e4cheln oder gar Grinsen. Dies ist jene Attit\u00fcde, die Susan Sontag dem Camp-Dandy, dem Dandy im Zeitalter der Massenkultur, zuschreibt. Solch eine Haltung ist zu snobistisch, zu desinteressiert f\u00fcr die hier vorgeschlagene Pop-\u00c4sthetik. In der lebhafteren Wertsch\u00e4tzung von Trash und Kult kann sie allerdings auch im Pop-Bereich vorkommen.<\/p>\n<p>Es bleibt aber ein weiteres Problem der Abgrenzung. Die hier unter Punkt 2 \u2013 Oberfl\u00e4chlichkeit als Rezeptionshaltung \u2013 vorgestellte Haltung entspricht genau dem sehr gut eingef\u00fchrten Konzept der \u203aUnterhaltung\u2039, dem Vergn\u00fcgen am Entertainment. Es w\u00e4re \u00fcberfl\u00fcssig, hierf\u00fcr einen weiteren Titel \u2013 den der \u203aPop-\u00c4sthetik\u2039 \u2013 auszuloben. Deshalb muss f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik noch etwas hinzukommen. Die Kombination mit Punkt 1 \u2013 Oberfl\u00e4chlichkeit als plane bildnerische Darstellung \u2013 ist zu beschr\u00e4nkt auf besondere optische Ph\u00e4nomene, es muss also ein weiteres Element ins Spiel gebracht werden, mit dem die Unterhaltungs-\u00c4sthetik weitergehend modifiziert wird. Das ist der n\u00e4chste Punkt:<\/p>\n<p>3. Oberfl\u00e4chlichkeit als Ansammlung von Zutaten. Wie bereits erw\u00e4hnt, hat Kant die Zutat in Form des Zierrats (nicht aber des Schmucks) als tauglich f\u00fcr die \u00e4sthetische Einbildungskraft charakterisiert. Unter \u00bbZutat\u00ab fasst er das auf, \u00bbwas nicht in die ganze Vorstellung des Gegenstands als Bestandst\u00fcck innerlich, sondern nur \u00e4u\u00dferlich [\u2026] geh\u00f6rt und das Wohlgefallen des Geschmacks vergr\u00f6\u00dfert\u00ab. Als Beispiel solcher Zutat nennt er etwa, um auch das zu wiederholen, \u00bbGew\u00e4nder an Statuen\u00ab (\u00a7 14).<\/p>\n<p>Dies m\u00f6chte ich nun f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik aufnehmen. \u203aZutat\u2039 fasse ich daf\u00fcr weiter, als es Kant getan hat. Als Verfertiger der Zutaten r\u00fccke ich nun vor allem die Rezipienten von Gegenst\u00e4nden in den Mittelpunkt, die Pop-K\u00fcnstler geschaffen haben, seien es nun Musiker, Maler, Marketingleute etc. Bei meiner Pop-Definition hatte ich ja das Merkmal \u203aStilverbund\u2039 als bedeutsam herausgestellt. Dies m\u00f6chte ich nun auch f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik fruchtbar machen.<\/p>\n<p>Um meinen Standpunkt zu verdeutlichen, gehe ich erneut von der historischen Erinnerung und der These George Mellys aus: Mellys Unterscheidung zwischen den Intellektuellen, deren Begeisterung f\u00fcr Elvis Presley eine \u00bbgewisse Ironie\u00ab enthalte, und Presleys jugendlich-proletarischen Fans, die nach ihm verr\u00fcckt gewesen seien (\u00bb\u203awent ape\u2039 for Presley\u00ab).<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich soll das gar nicht in Zweifel gezogen werden. Es soll aber mit Nachdruck darauf hingewiesen werden, dass, empirisch gesehen, auch bei den nicht-intellektuellen Fans der Enthusiasmus sich oftmals keineswegs in einem kurzen oder h\u00e4ufig wiederkehrenden Begeisterungsrausch f\u00fcr ein St\u00fcck, einen Artisten, ein Image ersch\u00f6pft. Am besten sieht man das an den Teenage-Fans, die im Fernsehen gerne gezeigt werden, wenn sie vor der B\u00fchne ihr Idol anhimmeln, anschreien und kurz darauf vielleicht sogar vor lauter ekstatischer Hingabe ohnm\u00e4chtig umfallen. Von interesselosem Wohlgefallen, von (ironischer) Distanz, von einer Trennung zwischen zweckm\u00e4\u00dfigem Leben und dysfunktionaler Kunst kann da wahrlich keine Rede sein.<\/p>\n<p>Was aber seltener gezeigt wird, ist die langw\u00e4hrende Aktivit\u00e4t auch und gerade dieser Enthusiasmierten \u2013 die Abstimmung von Kleidung und Frisur, die ausgeschm\u00fcckten Poster, der Blog-Eintrag, die Party mit den Gleichgesinnten, die gemeinsame Anfahrt zum Konzert, die Konfigurierungsarbeit am I-Pod, welcher Song zu welchem anderen passt, einstudierte Gesten und Bewegungen, usf. Was hier \u00e4u\u00dferliche Zutat ist, was innerer Bestand, mag mitunter nur noch schwer oder gar nicht mehr zu unterscheiden sein.<\/p>\n<p>Durch all diese Handlungen wird (vor\u00fcbergehende) Ekstase keineswegs ausgeschlossen. Quantitativ (allein vom Zeitaufwand her), aber auch qualitativ gesehen, steht aber anderes im Vordergrund. Es geht nicht um eine Zutat im Singular, sondern um die oberfl\u00e4chliche Ansammlung diverser Zutaten, um ihre Anordnung und Abfolge. Es geht nicht um eine \u203atiefe\u2039 Begr\u00fcndung von Zusammenh\u00e4ngen, von prinzipiellen Ursachen f\u00fcr verschiedene Wirkungen und Ausformungen, sondern es geht um die Anschauung und intuitive Gewissheit, dass etwas zu etwas anderem passt, ein Lidstrich zu einer Bewegung, ein G\u00fcrtel zu einem Song.<\/p>\n<p>\u00dcber solchen \u00dcberlegungen und Aktivit\u00e4ten wird zwar Kants interesseloses Wohlgefallen nicht erreicht, daf\u00fcr sind sie noch zu sehr am Gebrauch und am sinnlich Angenehmen ausgerichtet. Sie f\u00fchren einen aber vollst\u00e4ndig von einer dauerhaften \u00dcberw\u00e4ltigung durch bindende Reize weg. Deshalb ist die hier vorgestellte Pop-\u00c4sthetik \u2013 in ihrer Verkn\u00fcpfung dreier Dimensionen des Oberfl\u00e4chlichen \u2013 gar nicht so weit vom \u00e4sthetischen Geschmacksurteil Kants entfernt, wie es urspr\u00fcnglich scheinen mochte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Breton, Andr\u00e9 (1968): Erstes Manifest des Surrealismus [1924]. In: Ders.: Die Manifeste des Surrealismus, Reinbek bei Hamburg, S. 11-43.<\/p>\n<p>B\u00fcro f\u00fcr surrealistische Forschungen (1998): Erkl\u00e4rung vom 27. Januar 1925. In: Heribert Becker (Hg.): Es brennt. Pamphlete der Surrealisten, Hamburg, S. 27-28.<\/p>\n<p>Cohn, Nik (1996): Awopbopaloobop Alopbamboom. The Golden Age of Rock [1969], mit einem neuen Vorwort, New York.<\/p>\n<p>Greenberg, Clement (1939): Avant-Garde and Kitsch. In: Partisan Review, Vol. VI, No. 5, S. 34-49.<\/p>\n<p>Greenberg, Clement (1997): \u00bbModernistische Malerei\u00ab [\u00bbModernist Painting\u00ab, in: Forum Lecturers,\u00a0 1960]. In: Ders., Die Essenz der Moderne. Ausgew\u00e4hlte Essays und Kritiken, Amsterdam und Dresden, S. 265-278.<\/p>\n<p>Kant, Immanuel (1974a): Kritik der Urteilskraft [1790], hg. v. Wilhelm Weischedel, Frankfurt am Main (= Werkausgabe, Bd. X).<\/p>\n<p>Kant, Immanuel (1974b): Aus einer Logikvorlesung [1772]. In: Jens Kulenkampff (Hg.): Materialien zu Kants \u00bbKritik der Urteilskraft\u00ab, Frankfurt am Main, S. 101-112.<\/p>\n<p>Landau, Jon (1972): Rock and Art [Juli 1968]. In: Ders., It\u2019s too Late to Stop Now, San Francisco, S. 129-134.<\/p>\n<p>Lippard, Lucy R. (1967): New York Pop. In: Dies. (Hg.), Pop Art [1. Aufl. 1966], 2. Aufl., New York und Washington, S. 68-138.<\/p>\n<p>Marinetti, Filippo T. (1972): Das Variet\u00e9\u00ab [Il teatro di variet\u00e0 (1913)]. In: Umbro Apollonio (Hg.): Der Futurismus. Manifeste und Dokumente einer k\u00fcnstlerischen Revolution, K\u00f6ln, S. 170-177.<\/p>\n<p>Melly, George (1989): Revolt into Style. The Pop Arts in the 50s and 60s [1970], mit einem neuen Nachwort, Oxford u.a.<\/p>\n<p>Ortega y Gasset, Jos\u00e9 (1978a): Meditation \u00fcber den Rahmen [Meditaci\u00f3n del marco (1921)]. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. I, Stuttgart, S. 209-216.<\/p>\n<p>Ortega y Gasset, Jos\u00e9 (1978b): Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst [Les deshumanizaci\u00f3n del arte (1925)]. In: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. II, Stuttgart, S. 229-264.<\/p>\n<p>Schiller, Friedrich (1962): Ueber die \u00e4sthetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen [1795]. In: Ders.: Schillers Werke, 20. Bd., Weimar (= Nationalausgabe), S. 309-412.<\/p>\n<p>Schleiermacher, Friedrich (1988): Vertraute Briefe \u00fcber Schlegels Lucinde [1800]. In: Ders.: Kritische Gesamtausgabe, Erste Abteilung, Bd. 3, hg. v. G\u00fcnter Meckenstock, Berlin und New York, S. 139-216.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oberfl\u00e4chlichkeit ist f\u00fcr die Pop-\u00c4sthetik in dreierlei Hinsicht wichtig<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[902,1086,1193,1677,1696,1823,1837,2337],"class_list":["post-2485","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-greenberg","tag-interesseloses-wohlgefallen","tag-kant","tag-nik-cohn","tag-oberflachlichkeit","tag-pop-asthetik","tag-pop-zeitschrift-2","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2485","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2485"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2485\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2485"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2485"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2485"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}