{"id":2588,"date":"2013-12-17T14:15:33","date_gmt":"2013-12-17T12:15:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2588"},"modified":"2013-12-17T14:15:33","modified_gmt":"2013-12-17T12:15:33","slug":"punk-rezeption-in-der-brd-197677-und-ihre-teilweise-auflosung-1979von-thomas-hecken17-12-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2013\/12\/17\/punk-rezeption-in-der-brd-197677-und-ihre-teilweise-auflosung-1979von-thomas-hecken17-12-2013\/","title":{"rendered":"Punk-Rezeption in der BRD 1976\/77 und ihre teilweise Aufl\u00f6sung 1979von Thomas Hecken17.12.2013"},"content":{"rendered":"<p>\u00bbHa\u00df als Zeitbombe in einer Gesellschaft ohne Liebe\u00ab (Karl Heinz Bohrer, FAZ)<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[zuerst abgedruckt in: Philipp Meinert\/Martin Seeliger (Hg.): Punk in Deutschland. Sozial- und kulturwissenschaftliche Perspektiven. Transcript: Bielefeld 2013, S. 247-260]<\/p>\n<p>Zur Hochzeit des englischen Punk 1976\/77 gibt es keinen bedeutenden deutschen Beitrag. Wenn man Pogo-Purist ist (s.u.) und die folgenden Ver\u00f6ffentlichungen strikt von Punk trennt (also z.B. D.A.F. und S.Y.P.H. gar nicht mit Punk verbindet), bleiben \u00fcberhaupt keine nennenswerten, einigerma\u00dfen eigenst\u00e4ndigen deutschen Beitr\u00e4ge zur Punkmusik und -mode \u00fcbrig. Der deutsche Beitrag besteht in jenen Jahren vor allem darin, keine Zollschranken gegen die Einfuhr von Punk-Platten und -T-Shirts zu errichten, er besteht darin, das Abspielen von Punk-St\u00fccken im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht zu unterbinden. Anders gesagt: Der deutsche Beitrag liegt in der Rezeption einer angloamerikanischen, haupts\u00e4chlich englischen Stilrichtung.<\/p>\n<p>Nun ist das f\u00fcr den bundesrepublikanischen, sogar allgemein f\u00fcr den deutschsprachigen Raum nichts Neues. Das Gleiche galt schon f\u00fcr Jazz, Rock\u2019n\u2019Roll, Soul, Beat, Pop. Egal ob aus England oder den USA stammend \u2013 der deutsche Beitrag dazu war (und ist) in den allermeisten F\u00e4llen vernachl\u00e4ssigenswert. Eine kleinere Ausnahme bildete lediglich die Rockmusik (zu einer anders gelagerten Ausnahme komme ich sp\u00e4ter noch kurz). Wahrscheinlich weil sie teilweise eng verwoben war mit einer politisierten, gegenkulturellen Jugend- und Studentenbewegung, die auch in der BRD eine gro\u00dfe Zahl an Leuten erreichte, gibt es hier einige Beispiele f\u00fcr eine weniger epigonale Produktion.<\/p>\n<p>Dies ist aber zugleich ein Grund f\u00fcr die kaum merklichen fr\u00fchen deutschen Punk-Aktivit\u00e4ten. Die Alternativbewegung dominierte Mitte der 1970er Jahre noch den allergr\u00f6\u00dften Teil jener jungen Leute, die f\u00fcr ein Eintreten gegen das Spie\u00dfertum oder sogar gegen das System (wie man damals sagte) empf\u00e4nglich waren. Auf dem Schulhof meines Bochumer Gymnasiums sah man keine Punks, in meinem Stadtteil ebenfalls nicht (auf der Haupt- und Realschule gab es demnach auch keine). Auf den meisten Schulh\u00f6fen in der BRD (von den Universit\u00e4ten ganz zu schweigen) d\u00fcrfte es \u00e4hnlich ausgesehen haben.<\/p>\n<p>Auch wenn es zu Beginn viel weniger Punks als in England und kaum nennenswerte deutsche Punk-Gruppen gegeben hat, fand doch eine beachtliche Punk-Rezeption statt, haupts\u00e4chlich durchgef\u00fchrt und\/oder vermittelt durch Radio, Zeitschriften, Zeitungen (im Fernsehen d\u00fcrfte es nur sehr vereinzelte, kurze Berichte gegeben haben). Wie nun wiederum diese mediale Berichterstattung und die nach Deutschland exportierten Punk-Produkte rezipiert wurden, l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich nachtr\u00e4glich nicht mehr detailliert angeben (und damals sind dazu keine Studien durchgef\u00fchrt worden).<\/p>\n<p>Deshalb handelt dieser Artikel haupts\u00e4chlich von der vergleichsweise gut zu studierenden Punk-Rezeption durch deutsche Presseorgane. Ich konzentriere mich dabei auf Zeitschriften, die in erster Linie ein Publikum ansprechen, das vom beruflichen Status in der Mittel- und Oberschicht angesiedelt ist und\/oder das Abitur besitzt oder sich kurz vor dem Erwerb der Hochschulreife befindet. Der Hauptgrund f\u00fcr diese Beschr\u00e4nkung: Im Gegensatz zu England war Punk in der BRD kein Charts-Ph\u00e4nomen; die Berichterstattung durch \u00bbBild\u00ab und \u00bbBravo\u00ab d\u00fcrfte deshalb nicht von gro\u00dfer Wirkung gewesen sein (verschwiegen werden soll allerdings auch nicht, dass die leichtere Erreichbarkeit der im folgenden analysierten Quellen ebenfalls zu dieser Beschr\u00e4nkung beigetragen hat; einige Faksimiles zu Punk-Artikeln der Boulevardpresse in Stark\/Kurzawa 1981).<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbSounds\u00ab<\/p>\n<p>Ich beginne mit der Zeitschrift \u00bbSounds\u00ab, dem f\u00fchrenden deutschsprachigen Monatsmagazin f\u00fcr jene Anh\u00e4nger der Rock- und Popmusik, die sich selbst einen anspruchsvollen Geschmack und eine progressive politische, libert\u00e4re Haltung attestierten (dazu ausf\u00fchrlich Hinz 1998: 167ff.). \u00bbSounds\u00ab eignet sich u.a. deshalb als Ausgangspunkt, weil man mit der Zeitschrift an der Hand \u00fcberpr\u00fcfen kann, ob die oft geh\u00f6rte Begr\u00fcndung zutrifft, der Aufschwung von Punk erkl\u00e4re sich aus der Stagnation der Rockmusikszene, die von saturierten, pr\u00e4tenti\u00f6sen Supergruppen \u00e0 la Genesis, Rolling Stones, Pink Floyd dominiert werde.<\/p>\n<p>Bl\u00e4ttert man nun durch den \u00bbSounds\u00ab-Jahrgang 1976, wird man eines Besseren belehrt. Nat\u00fcrlich gibt es auch Artikel und Schallplattenkritiken zu den gerade genannten Gr\u00f6\u00dfen, in den Heften stehen in diesem Jahr aber ebenfalls Artikel und Rezensionen zu u.a. The Tubes, Dr. Feelgood, Can (\u00bbFlow Motion\u00ab), Ted Nugent, Bruce Springsteen, Blue \u00d6yster Cult, Miles Davis (\u00bbAgharta\u00ab), Bob Marley, Kraftwerk (\u00bbRadio-Aktivit\u00e4t\u00ab), David Bowie, John Cale (\u00bbHelen of Troy\u00ab), Led Zeppelin, Patti Smith, Little Feat, Average White Band, Graham Parker, Steely Dan, Tom Waits (\u00bbNighthawks At The Dinner\u00ab), The Runaways, Chris Spedding, AC\/DC (\u00bbHigh Voltage\u00ab), Jonathan Richman, Stevie Wonder (\u00bbSongs In The Key Of Life\u00ab). Berichtet wird in \u00bbSounds\u00ab ebenfalls \u00fcber Disco-Musik, also der einzigen Popmusikrichtung, die sich zu beachtlichen Teilen deutschen Tonstudios verdankt (in \u00bbSounds\u00ab f\u00e4llt die Berichterstattung dar\u00fcber, einem m\u00e4nnlich dominierten, alternativen Rockmagazin angemessen, jedoch selbstverst\u00e4ndlich kurz und abwertend aus). Als ein Panorama kultureller Stagnation und Einf\u00f6rmigkeit wird man das schwerlich ansehen k\u00f6nnen\u2026<\/p>\n<p>Dennoch \u00fcbernimmt \u00bbSounds\u00ab die in Musikerstatements und in der englischen Musikpresse \u00f6fter zu lesende Punk-Begr\u00fcndung. Erstens in der Form der Wiedergabe: Die Sex Pistols zeichne \u00bbeine absolute Intoleranz gegen\u00fcber dem Rock-Establishment mit seiner abgefuckten Hierarchie von Superstars, die \u2013 nach Meinung der Punks \u2013 dem Rock\u2019n\u2019Roll seine rohe Energie gestohlen haben\u00ab, aus (Strange 1977: 34).<\/p>\n<p>Zweitens \u2013 und wichtiger \u2013 auch direkt als Ausweis der eigenen Begeisterung \u00fcber den neuen Trend: \u00bbPunk-Bands\u00ab seien ein \u00bbakustischer Genesungsurlaub! \u2013 Wovon? \u2013 F\u00fcr mich z.B. vom Elton John H\u00f6ren, vom Paul McCartney-H\u00f6ren, vom Rolling Stones-, Udo Lindenberg-, Eela Craig-, Barclay James Harvest-, Ringo-, Pelle-, Petz- und Pingo-usw.-H\u00f6ren.\u00ab Die sich gleich anschlie\u00dfende \u00bbWarum\u00ab-Frage wird wie \u00fcblich mit dem \u203araw energy\u2039-Argument beantwortet: Die guten Punkgruppen machten \u00bbkeine pr\u00e4tenti\u00f6se, elektronische, sinfonische, verinnerlichte oder sonst wie geartete S\u00fclze in Konzept-Album-Verpackung\u00ab, sondern \u00bbrichtige Rock\u2019n\u2019Roll-Musik, wie man sie seit dem Ende der Liverpool-\u00c4ra nicht mehr geh\u00f6rt\u00ab habe (Dr. Gonzo 1977a).<\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die fr\u00fche Rezeption in \u00bbSounds\u00ab ist aber, dass dieses Lob nur f\u00fcr ganz bestimmte \u00bbPunk-Bands\u00ab reserviert bleibt. Der unter der Flagge des amerikanischen Journalisten Hunter S. Thompson antretende (bzw. sich darin versteckende) Dr. Gonzo (alias \u00bbSounds\u00ab-Redakteur J\u00f6rg G\u00fclden) schlie\u00dft aus seiner Begeisterung f\u00fcr Punk die Sex Pistols und anderes, das \u00bbman in England irrt\u00fcmlich \u203aPunk-Rock\u2039 nennt\u00ab, vehement aus. Die Sex Pistols seien \u00bbunbeschreiblich mau\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Andere \u00bbSounds\u00ab-Journalisten sind derselben Meinung: Hinter der \u00bbFassade aus Lautst\u00e4rke und Show\u00ab sei bei den Pistols blo\u00df \u00bbganz simpler 08\/15-Dampfhammer-Rock\u00ab zu entdecken (Gillig 1977). Die gesamte \u00bbSounds\u00ab-Redaktion lehnt die \u00bbPunk-Welle\u00ab, auch in Form der von den Pistols deutlich unterschiedenen Stranglers, ab; die Musik der Stranglers sei \u00bblaut und seltsam ungekonnt kompliziert, starr und leblos\u00ab (Anonymus 1977a).<\/p>\n<p>Manchmal wird Punk sogar generell in seiner \u00bbaufgemotzte[n], pubert\u00e4r-kraftstrotzende[n] Vehemenz\u00ab auf einem Niveau angesiedelt wie das \u00bbextrovertierte[] Wackeln mit dem Disco-\u00c4rschchen\u00ab, negativ bemessen am Gold-Standard des \u00bbfaszinierenden Rock\u2019n\u2019Roll\u00ab. In diesem Fall stellt den Standard Patti Smith dar: Ihr Album \u00bbRadio Ethiopia\u00ab sei \u00bbnoch ein paar Nummern subtiler\u00ab als der Vorg\u00e4nger \u00bbHorses\u00ab (\u00bb[d]en Stoff von Rimbaud, Burroughs, Dylan und Velvet Underground auf eine hei\u00dfe Spritze gezogen und unter die Haut gedr\u00fcckt, sprich: verinnerlicht\u00ab), dennoch bleibe der \u00bbOriginalton aus dem Anarcho-\u00c4ther\u00ab immer noch \u00bbungez\u00e4hmt und wild\u00ab. Angesichts dieser Attribute folgt umgehend die Warnung an \u00bbIgnoranten\u00ab, Smith nicht mit \u00bbirgendwelchen Holzhackern zusammen in die Punkrock-Kiste zu schmei\u00dfen\u00ab\u00a0 (Hartmann 1977).<\/p>\n<p>Diese \u00bbIgnoranten\u00ab findet man bei anderer Gelegenheit freilich in der gleichen Zeitschrift. Die Heroen MC5 werden anl\u00e4sslich der Wiederver\u00f6ffentlichung von \u00bbKick Out The Jams\u00ab als \u00bbOpas des Punk-Rocks\u00ab bezeichnet (Schwaner 1977: 59), Television beim erstmaligen Gebrauch des Punk-Begriffs in \u00bbSounds\u00ab als \u00bbPunk-Band\u00ab (Anonymus 1976).<\/p>\n<p>Einige Monate sp\u00e4ter wird zwar eingeschr\u00e4nkt, dass man Television nur unter M\u00fchen zur \u00bbPunk-Bewegung\u00ab z\u00e4hlen k\u00f6nne, weil \u00bbin England dieser Begriff inzwischen v\u00f6llig sinnentlehrt und mit musikalischem Unrat angef\u00fcllt zum blo\u00dfen Mode-Schlagwort in den Dreck getrampelt worden\u00ab sei. Die m\u00f6gliche Berufung auf Punk als US-amerikanischen \u00bbBegriff\u00ab und US-amerikanische Musik mit einer \u00bbinteressante[n] und starke[n]\u00ab Tradition ist die M\u00fche aber offenkundig wert: \u00bbTelevision befinden sich da in bester Gesellschaft mit erlauchten Geistern wie Velvet Underground, Stooges, Doors bis hin zu Patti Smith\u00ab (Dr. Gonzo 1977b: 64).<\/p>\n<p>Im amerikanischen Sinne k\u00f6nnen dann auch die Ramones als \u00bbUltra-Punk-Band\u00ab bestehen. Sie sind selbstverst\u00e4ndlich nicht \u203aerlaucht\u2039, daf\u00fcr aber mit ihrer \u00bbRock-Monotonie\u00ab und ihrem \u00bbDrei-Akkord-Bombardment\u00ab auf \u00bbessentiell[e]\u00ab Weise \u00bbunpr\u00e4tenti\u00f6s\u00ab (Dr. punk Gonzo 1976). Unter Berufung den auf \u203aungez\u00e4hmten\u2039, \u203aunpr\u00e4tenti\u00f6sen\u2039 Rock bzw. Rock\u2019n\u2019Roll k\u00f6nnen nat\u00fcrlich auch englische Gruppen des sog. Pub-Rock positiv eingeordnet werden; hier ist interessant, dass \u00bbSounds\u00ab die h\u00e4ufiger anzutreffende fr\u00fche Identifizierung von Pub-Rock und Punk-Rock kaum \u00fcbernimmt. Entscheidend daf\u00fcr ist vielleicht die Interview-Aussage von Wilko Johnson (von Dr. Feelgood) gewesen, der sich von den dilettantischen und f\u00fcr ihn schlicht unmusikalischen englischen Punks entschieden abgrenzte (Houghton 1976: 30).<\/p>\n<p>Dennoch ist die Sache f\u00fcr \u00bbSounds\u00ab noch nicht erledigt. Was auch immer der Grund gewesen sein mag \u2013 vermutlich der internationale (Aufmerksamkeits-)Erfolg von Punk \u2013, im Laufe des Jahres 1977 l\u00e4sst die Redaktion vereinzelt Autoren schreiben, die auch dem englischen Punk einiges abgewinnen k\u00f6nnen. Die Pointe an dieser teilweisen Wiedergutmachung besteht darin, dass zur Rettung genau dieselben Ma\u00dfst\u00e4be angelegt werden wie bei der vorherigen Verdammung. Wird im Januar-Heft nur konzediert, dass die englische Punk-Musik \u00bbeher auf physische Energie und Leidenschaft denn auf technische Bef\u00e4higung\u00ab setze, um sogleich negativ zu bilanzieren, dass \u00bbmusikalische Inkompetenz\u00ab vorherrsche (Strange 1977: 35), wird das Kriterium danach manchmal mit anderem Ergebnis bem\u00fcht.<\/p>\n<p>Verantwortlich daf\u00fcr ist Hans Keller, der ab Mai 1977 regelm\u00e4\u00dfig Punk-Platten rezensieren darf (vgl. Hinz 1998: 186ff.). Den \u00bbSimpel-Rock\u00ab englischer Punk-Gruppen adelt er mit genau jenem Argument, das bislang in \u00bbSounds\u00ab blo\u00df f\u00fcr den amerikanischen Punk-Rock gebraucht wurde: Die Einreihung von Punk in die Tradition des energetischen, einen direkt packenden Rock\u2019n\u2019Roll. Der Ma\u00dfstab bleibt vollst\u00e4ndig erhalten, blo\u00df der Eintrag auf dem Ma\u00dfband erfolgt nun an anderer Stelle.<\/p>\n<p>Keller zu The Damned: \u00bb[S]eit Elvis angefangen hat, diese Art von Krach zu machen, bin ich drauf gestanden\u00ab (1977a). Keller zu The Vibrators: \u00bbCatchy\u00ab (1977b). Keller zu den Sex Pistols: \u00bbungeheuer griffig[e] und treffsicher[e] [\u2026] Songs\u00ab (1977c). Auch der nun f\u00fcr die einschl\u00e4gige Berichterstattung aus England zust\u00e4ndige Mike Flood Page kommt (ganz im Gegensatz zum davor verpflichteten Steve Strange) zu diesem Ergebnis: \u00bbGod Save The Queen\u00ab von den Sex Pistols klingt \u00bbwie die fr\u00fchen Who im W\u00fcrgegriff\u00ab (Page 1977a: 33). \u00bbPretty Vacant\u00ab? Ein \u00bbR\u2019n\u2019R Klassiker\u00ab! (Page 1977b: 13).<\/p>\n<p>Page und Keller stehen auch f\u00fcr eine ver\u00e4nderte politische Bewertung von Punk ein. Die \u00bbSounds\u00ab-Redaktion \u2013 die als Teil oder zumindest im Horizont der alternativbewegten Szene 1976\/77 selbstverst\u00e4ndlich lange Artikel \u00fcber Einschr\u00e4nkungen der Grundrechte, Landkommunen, kritische Liedermacher etc. druckt \u2013 kann die Punk-Bewegung zu Beginn politisch keineswegs positiv einordnen. Offenkundig ist der Punk-Stil auch f\u00fcr diese Rock-Nonkonformisten zu absto\u00dfend, um ihn routiniert auf der Seite kultureller Rebellion zu verbuchen. Die Stranglers z.B. kommen ihnen schlichtweg \u00bbh\u00e4sslich\u00ab vor: \u00bbgeradewegs aus der M\u00fclltonne\u00ab (Anonymus 1977a). Der zuerst verpflichtete englische Punk-Berichterstatter sieht denn auch in der Punk-\u00bbRevolte\u00ab wenig, was \u00bbbewundernswert\u00ab w\u00e4re; \u00bbnihilistisch und destruktiv\u00ab sind bei ihm strikt abwertende Charakterisierungen (Strange 1977: 35).<\/p>\n<p>Im Laufe der Zeit tritt immerhin ein Gew\u00f6hnungseffekt ein, der die Redaktion in die Lage versetzt, endlich routiniert ihre \u00fcblichen politischen Einsch\u00e4tzungen abrufen zu k\u00f6nnen. \u00bbPunk ist chic\u00ab, lautet die Feststellung, der zuverl\u00e4ssig das Urteil auf dem Fu\u00dfe folgt, dass Punk mit der Verbreitung von T-Shirts, Postern etc. kommerzialisiert und vereinnahmt worden sei: \u00bbBig business rules\u00ab (Anonymus 1977b). Wie um alles in der Welt der als zutiefst h\u00e4sslich empfundene Punk-Stil innerhalb kurzer Zeit zum angeblichen Kommerz-Chic auf- bzw. absteigen konnte, um dieses R\u00e4tsel muss man sich im Banne der konventionellen Kritikformel am Modischen keine Gedanken machen.<\/p>\n<p>Auch Keller und Page wollen selbstverst\u00e4ndlich mehr in Punk als eine Jugendmode sehen. Im Unterschied zur Redaktion, die ihre Artikel gleichwohl abdruckt, erkennen sie aber mindestens vor der allseits bef\u00fcrchteten Kommerzialisierung einiges rebellisches Potenzial: \u00bbDie neue Sprache ist aufregend, absichtlich provozierend, h\u00f6hnisch, obsz\u00f6n, die Rhetorik der Jugend, sexuell aufreizend. Sie soll aufstacheln, sich zu erheben und was zu machen\u00ab (Page 1977a: 35). Auch hier ist demnach der Ma\u00dfstab identisch, Page und Keller gelangen allerdings wiederum zu anderen Messergebnissen.<\/p>\n<p>Bei Keller besitzt die Rhetorik des Aufbegehrens sogar einen entschieden politischen Klang. Zwar kenne die aktuelle Generation der Jugendlichen \u00bb(leider) weder Woodstock noch Flower-Power- oder Apo-Erfahrungen\u00ab, die Punks lie\u00dfen aber wenigstens ihre \u00bbmesserscharfe Aggressivit\u00e4t\u00ab aufblitzen, statt sich anzupassen; angesichts der momentanen Lage ist das f\u00fcr Keller bemerkenswert: \u00bbDenn dies, Leute, sind Zeiten, in denen 16-20j\u00e4hrige zum Kriechen gezwungen werden wie nie zuvor in der Nachkriegszeit. Diese Jugend wird mit Leistungsdruck, Stellenknappheit usw. erpre\u00dft\u00ab (Keller 1977a).<\/p>\n<p>Erstaunlich an diesem Urteil ist nicht nur die abenteuerliche Diagnose, dass der Tiefpunkt nun erreicht sei. Interessant ist auch, dass Keller bei seiner Feststellung nicht zwischen England und BRD trennt. Denn die Verh\u00e4ltnisse, unter denen Jugendliche 1977 aufwuchsen, sind mindestens in Westdeutschland nicht nur mit Blick auf die heutige Situation, sondern vor allem auf die unmittelbaren Nachkriegsjahre als gut (in jedem Fall aber als besser) einzustufen.<\/p>\n<p>Page, der tats\u00e4chlich auf vergleichsweise schlechtere sozio\u00f6konomische Daten als ein deutscher Berichterstatter schauen muss, formuliert seine Diagnosen abstrakter. Er bewundert an den Punk-Musikern deren \u00bbEngagement\u00ab, das er allgemein auf den Konflikt zwischen \u00bbJung und Alt\u00ab bezieht, er sch\u00e4tzt ihren Hass auf die \u00bbAutorit\u00e4t\u00ab, sei es nun die der \u00bbHippies\u00ab, der \u00bbLimousinen Haie, die hip Muzak\u00ab vermarkten (1977a: 34), oder die der Monarchie (1977b). Von schlechter wirtschaftlicher Lage kein Wort, h\u00f6chstens indirekt im Zitat aus \u00bb1977\u00ab von The Clash: \u00bbIn 1977\/Ain\u2019t so lucky to be rich\u00ab (1977a: 33).<\/p>\n<p>Kaum \u00fcberraschend darum, dass Page sich auch bei seiner Berichterstattung \u00fcber den Erfolg der Sex Pistols und ihre Vertr\u00e4ge mit diversen Major Labels die Kommerzkritik versagt. Hinnehmbar ist das f\u00fcr die \u00bbSounds\u00ab-Redaktion, weil auch Page seine f\u00fcr ein deutsches Rockmusikblatt einigerma\u00dfen ungew\u00f6hnlichen Ansichten im Namen des gut eingef\u00fchrten H\u00f6chstwerts \u00bbRock\u2019n\u2019Roll\u00ab \u00e4u\u00dfert. \u00bbWenn Provokation noch immer der Lebensnerv des rechten Rock\u2019n\u2019Roll ist\u00ab, dann seien die Sex Pistols ihrer Konkurrenz weit \u00fcberlegen (1977b: 12).<\/p>\n<p>Wenn auch nicht der letzten Einsch\u00e4tzung, kann die deutsche Redaktion dem ersten Teil des Konditionalsatzes nur zustimmen. Die Bindung an gewisse Traditionen der Rede \u00fcber \u00bbRock\u2019n\u2019Roll\u00ab ist die einzige M\u00f6glichkeit, der Rock- und Alternativszene in Deutschland Punk 1977 zum Teil nahe zu bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\u00bbSpiegel\u00ab, \u00bbFAZ\u00ab<\/p>\n<p>Diese Einordnung und Bewertung erreicht auch die Bl\u00e4tter der Mittel- und F\u00fchrungsschichten. In der Punk-Titelgeschichte des \u00bbSpiegel\u00ab Anfang 1978 (da haben sich die Sex Pistols schon aufgel\u00f6st\u2026) wird darauf hingewiesen, dass \u00bb[e]tablierte Popmusik-Kritiker\u00ab die Punkmusik mit denselben Worten abwerten w\u00fcrden, \u00bbdie ihre Vorg\u00e4nger auch f\u00fcr Elvis Presley und die Beatles benutzten: einfallslos, l\u00e4rmend, primitiv, brutal, z\u00fcgellos, geschmacklos und gemein\u00ab (Anonymus 1978: 146).<\/p>\n<p>Wie \u00fcblich d\u00fcrfte diese lange Nachrichtenmagazingeschichte von verschiedenen Autoren verfasst worden sein. Es dominiert auch nicht das Ideal der Widerspruchsfreiheit, sondern das einer breiteren Abdeckung hegemonial noch vermittelbarer Positionen. Deshalb hei\u00dft es anderer Stelle genau im sp\u00e4ter ironisierten Sinne: \u00bbaggressiver Primitiv-Rock\u00ab (ebd.: 140).<\/p>\n<p>Die sozialpsychologische Herleitung des Ph\u00e4nomens f\u00e4llt ebenfalls nicht eindeutig aus: \u00bbArbeitslosigkeit und Teenager-Frustration\u00ab, \u00bbkein[] andere[r] Ausweg aus Slums, Sozialgettos und Arbeitslosigkeit\u00ab (ebd.: 148), \u00bbabgebrannt und arbeitslos, einer Kanonade unverstandener und unverdauter Nachrichten aus den Massenmedien ausgesetzt\u00ab (ebd.: 144), \u00bbaufgestaute \u00c4ngste und \u00c4rger eines halbw\u00fcchsigen Lumpenproletariats und frustrierter B\u00fcrgerkinder\u00ab (ebd.: 140).<\/p>\n<p>Auf dem \u00bbSpiegel\u00ab-Cover hat sich der zust\u00e4ndige Redakteur f\u00fcr die in der Titelgeschichte \u00fcberwiegende Variante entschieden; von \u00bbB\u00fcrgerkindern\u00ab ist hier keine Rede: \u00bbPunk. Kultur aus den Slums: brutal und h\u00e4sslich\u00ab (auch dies ein Grund, weshalb man sich die Lekt\u00fcre der Punk-Berichterstattung der \u00bbBild\u00ab-Zeitung sparen kann; nur von \u00bbKultur\u00ab d\u00fcrfte an dieser Stelle in \u00bbBild\u00ab nichts zu lesen sein). Konsequent ist diese Variante\/Titelschlagzeile freilich: Denn in den \u00bbSlums\u00ab der \u00bbArbeitslosen\u00ab vermutet man ja traditionell jene rohe Sinnlichkeit, die man auch dem Rock\u2019n\u2019Roll gerne attestiert.<\/p>\n<p>Der Hauptartikel in der \u00bbFAZ\u00ab zum Thema lautet April 1978 auf den ebenfalls kindischen Titel \u00bbHa\u00df als Zeitbombe in einer Gesellschaft ohne Liebe\u00ab. Der zust\u00e4ndige Musikredakteur hatte zuvor die in Deutschland bis dahin g\u00e4ngige publizistische Version zu \u00bbPunk\u00ab bzw. \u00bbPunk-Rock\u00ab in indirekter Rede wiedergegeben \u2013 \u00bb[a]u\u00dferdem sei mittlerweile der Rock seit den Beatles fast schon zu einer Feierabendkultur der Erwachsenen geworden. Also zur\u00fcck zum unfl\u00e4tigen, proletarischen Gestus des fr\u00fchen, hart akzentuierten Rock\u2019n\u2019Roll\u00ab \u2013, um sie als Trugschluss hinzustellen: Denn der \u00bbRock\u2019n\u2019Roll der 60er Jahre war eine Musik von Jugendlichen, die sich gegen den Pferdehalfter-Kitsch der tradierten Unterhaltungsmusik richtete. Sie wollten bessere, eigene Musik kreieren. Punk aber will nichts Besseres, er will den Dreck\u00ab (WWS 1977).<\/p>\n<p>Eigent\u00fcmlicherweise schreibt derselbe Musikredakteur bei seiner Besprechung der Pub-Rock-Gruppe Eddie and the Hot Rods wenige Wochen sp\u00e4ter genau das Gegenteil. \u00bb\u203aPunk-Rock\u2039\u00ab kn\u00fcpfe \u00bbsowohl musikalisch als auch im Gestus seiner Interpretation da an, wo die Wurzeln dieser Musik liegen: im proletarischen Rock\u2019n\u2019Roll der f\u00fcnfziger Jahre\u00ab (Sandner 1978). Ob wohl die neu hinzugekommenen Anf\u00fchrungsstriche um Punk-Rock den Unterschied ausmachen sollen?<\/p>\n<p>Wie auch immer, durch den England-Korrespondenten der \u00bbFAZ\u00ab, Karl Heinz Bohrer, kommt doch noch ein neuer (wenngleich seit Ernst J\u00fcnger bis Rolf Dieter Brinkmann etc. allgemein bestens eingef\u00fchrter) Aspekt in die bundesdeutsche Berichterstattung zur Punk-Bewegung. Unter dem bereits erw\u00e4hnten albernen \u00bb\u2026 Gesellschaft ohne Liebe\u00ab-Titel adelt Bohrer den \u00bbHa\u00df\u00ab der Punks als eine \u00bbEmotion\u00ab, die \u00bbmehr Lebendigkeit und Kreativit\u00e4t besitzt als jener emotionslose, friedfertige Stumpfsinn, den man einer Freizeitgesellschaft ohne Utopie predigt\u00ab (Bohrer 1978). So k\u00f6nnen selbst konservative Revolution\u00e4re dem Ganzen etwas abgewinnen, auch wenn sie sicherlich nicht auf dem heimischen Plattenspieler Damned- oder Clash-LPs abspielen.<\/p>\n<p>Beinahe absurd an diesen diversen Erzeugnissen der sog. Qualit\u00e4tspresse mutet aber nicht nur an, dass sie alle \u2013 von \u00bbSounds\u00ab bis \u00bbFAZ\u00ab \u2013 offenbar \u00fcber keine Mittel verf\u00fcgen, eine neue Richtung au\u00dferhalb ihrer eigenen alten Beschreibungs- und Wertungsmuster darzustellen und einzuordnen, sondern auch, dass niemand von ihnen den wichtigsten Absprungpunkt der Punk-Bewegung benennt. Blo\u00df im Bericht des Engl\u00e4nders Page wird einmal kurz die Abneigung der Punks gegen die Hippies festgehalten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pop-Boheme<\/p>\n<p>Es wird einige Zeit dauern \u2013 und f\u00e4llt darum kaum mehr in den Berichtszeitraum dieses Aufsatzes \u2013, bis sich das \u00e4ndert. Im Banne dieser Frontstellung treten zu den Topoi \u00bbArbeitslosigkeit\u00ab, \u00bbRock\u2019n\u2019Roll gegen pr\u00e4tenti\u00f6se Supergruppen\u00ab, \u00bbH\u00e4sslichkeit\u00ab endlich andere Beschreibungsmomente hinzu, die verst\u00e4ndlich machen, in welch starkem Ma\u00dfe die Punk-Bewegung von Leuten aus der Nachwuchs-K\u00fcnstler- und Boheme-Szene gepr\u00e4gt wird, die sich von der alternativen Formlosigkeit, Innerlichkeit und den Nat\u00fcrlichkeitsanspr\u00fcchen\u00a0 mit aller Macht absetzen wollen (wenn es sich nicht um ganz junge Leute handelt, sind sie selbstverst\u00e4ndlich fast alle zuvor selbst Hippies\/Alternativbewegte oder K-Gr\u00fcppler gewesen; es handelt sich ja um szeneinterne Geschichten und Wandlungen; mit \u00bbArbeitslosigkeit\u00ab und \u00bbproletarische Jugendliche\u00ab kommt man an der Stelle auch in England, aber erst recht in Deutschland als Begr\u00fcndungsfiguren nicht hin).<\/p>\n<p>Verdienstvoll ist hier das B\u00e4ndchen von Rolf Lindner \u00bbPunk Rock\u00ab, in dem fr\u00fch, 1978, eine \u00dcbersetzung des einschl\u00e4gigen Aufsatzes von Simon Frith zu den \u00bbPunk Bohemians\u00ab abgedruckt wurde. Hollow Skai hat dann als erster deutscher Autor in seiner Magisterarbeit aus dem Wintersemester 79\/80 ausf\u00fchrlicher auf eine Verbindung von Punk und Situationismus hingewiesen (als Buch 1981 im \u00bbSounds\u00ab-Verlag ver\u00f6ffentlicht).<\/p>\n<p>Diese Ver\u00f6ffentlichungen kommen aber entweder an zu ablegenem Ort (Lindner) oder zu sp\u00e4t (Skai) zustande, um gr\u00f6\u00dfere \u00d6ffentlichkeitswirkung zu zeitigen. Dass sie aber der Sache nach bedeutsam sind, zeigt sich einfach an der Geschichte der bundesdeutschen Boheme- und Musikszene Ende der 70er Jahre. Um dies nicht nur den erst ab 1979 zahlreicheren Plattenver\u00f6ffentlichungen abzulauschen, ist man freilich auf unzuverl\u00e4ssigere Quellen angewiesen als die bislang behandelten Zeitungs- und Zeitschriftenartikel (Fanzines gibt es 1977\/78 kaum; zudem sind ihre Ausgaben nicht mehr greifbar und meines Wissens nicht archiviert; in der Anthologie Ott\/Skai 1983 sind leider auch nur sehr wenige Abdrucke aus \u00bbOstrich\u00ab und \u00bbNo Fun\u00ab aus jenen fr\u00fchen Tagen und dann aus dem Jahr 1979, in dem es schon wesentlich mehr Fanzines gibt, versammelt).<\/p>\n<p>Um die Rezeption von Punk in der Boheme- und K\u00fcnstlerszene 1976-78 in den Blick zu bekommen, muss man gr\u00f6\u00dftenteils auf Interviewaussagen und Erinnerungsartikel zur\u00fcckgreifen, die \u00fcber zwanzig oder sogar drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter gemacht und verfasst wurden (vor allem Teipel 2001; auch Gross u.a. 2002; Stahl 2008), deren Gehalt also den \u00fcblichen nachtr\u00e4glichen Schematisierungen, Raffungen, Idealisierungen, Erinnerungsfehlern unterliegt. Die Abwesenheit soziologischer Kategorien und die Betonung des Anti-Hippie-Movens pr\u00e4gt freilich die allermeisten Selbstzeugnisse, darum darf man wohl annehmen, dass diese \u00dcbereinstimmung nicht allein jener inzwischen \u00f6fter anzutreffenden feuilletonistischen und akademischen Einordnung von Punk entspringt, die nicht (nur) jugendlich-proletarischen Frust, sondern (auch) innerk\u00fcnstlerische und szeneinterne Entwicklungen zur Erkl\u00e4rung heranzieht.<\/p>\n<p>Ohne die Erinnerung der Akteure zu bem\u00fchen, kann man die Bedeutung der jungen bzw. renovierten Kunst\/Boheme-Szene f\u00fcr die deutsche Punk-Aneignung immerhin recht gut an der historischen (schriftlich dokumentierten) Begriffsverwendung und an dabei etablierten Wertma\u00dfst\u00e4ben erkennen. Die Dominanz des Rock\u2019n\u2019Roll-Bezugs wird 1978 und vor allem 1979 publizistisch gebrochen, was zweifelsfrei mit dem Wirken und den deutlich gestiegenen Ver\u00f6ffentlichungsm\u00f6glichkeiten jener Anti-Hippie-Boheme-K\u00fcnstler-Kreise zu erkl\u00e4ren ist, die von Punk beeinflusst sind (vgl. NGBK 2003; Diederichsen 2007).<\/p>\n<p>Einschl\u00e4gig ist hier vor allem der zweiteilige Artikel \u00bbNeue deutsche Welle\u00ab von Alfred Hilsberg 1979 in \u00bbSounds\u00ab. Bereits im M\u00e4rz 1978 hatte Hilsberg, der neben Keller nun bei \u00bbSounds\u00ab als zweiter Punk-Experte fungiert (vgl. Hinz 1998: 190f.), seinen ersten Bericht \u00fcber die deutsche Punk-Szene vorgelegt. Leitlinie seines Artikels ist die Vermutung, dass, speziell im Ruhrgebiet, die ungewisse \u00bbZukunft der Jugendlichen im Dschungel der Industriew\u00fcste\u00ab die beste Voraussetzung f\u00fcr eine Punk-Bewegung darstelle.<\/p>\n<p>Er muss dann aber konstatieren, dass \u00bbfast alle Punks\u00ab in NRW Gymnasiasten sind. Er rettet daraufhin seine Pr\u00e4misse halbwegs, indem er, am Rande der Selbstparodie, deren Punk-Begeisterung auf andere \u203asoziale Probleme\u2039 zur\u00fcckf\u00fchrt: \u00bbIhre Frustration und Aggression r\u00fchrt mehr her von den Verh\u00e4ltnissen in einem wohlhabenden Elternhaus (\u203aHier haste f\u00fcnfzig Mark, mach dir \u2019n sch\u00f6nen Tach\u2039) und der Schule\u00ab (Hilsberg 1978: 22). Von so schlimmen Missst\u00e4nden und gesellschaftlichen Ursachen der erhofften jugendlichen Devianz (Punk als \u203aAusdruck\u2039 dessen, dass Eltern Jugendlichen viel Geld geben und sie in ihrer Freizeit in Ruhe lassen) wusste nicht einmal der \u00bbSpiegel\u00ab! Auch die Anliegen sind imponierend: \u00bbDie [D\u00fcsseldorfer Gruppe] Male: \u203aWir wollen was gegen diese Discoschei\u00dfe a la Boney M. machen. Es wird Zeit f\u00fcr Rock\u2019n\u2019Roll!\u2039 Das ist doch schon etwas\u00ab (ebd.: 24).<\/p>\n<p>Im Oktober 1979 h\u00e4lt sich Hilsberg in politischer Hinsicht st\u00e4rker zur\u00fcck, das Spektrum der Gruppen, \u00fcber die er in seinem zweiten \u00dcberblicksartikel berichtet, macht es sicherlich noch schwieriger, die obigen Parolen anzubringen. Wenn Hilsberg in seinem unvollst\u00e4ndigen \u00bbABC der bundesdeutschen Punk-Szene\u00ab auch einr\u00e4umt, dass nur noch manche der Portr\u00e4tierten mit dem Punk-Begriff etwas anfangen k\u00f6nnen, benutzt er ihn gleichwohl, um so unterschiedliche Gruppen wie Mittagspause, D.A.F., Der Plan, Din-A-Testbild, Coroners, Geisterfahrer, Male, Buttocks, Hans-a-Plast, KFC, S.Y.P.H. in seinem \u00bbABC\u00ab unterzubringen (Hilsberg 1979a: 20).<\/p>\n<p>Die Abst\u00e4nde zwischen diesen Gruppen werden aber nat\u00fcrlich schon im Artikel sichtbar, etwa wenn Hilsberg berichtet, dass S.Y.P.H. von einigen f\u00fcr eine \u00bbKunstrock-Truppe\u00ab gehalten werde (1979b: 26). In einem Fanzine hei\u00dft es noch deutlicher zu den Buttocks, dass sie sicherlich weiter \u00bbresistant\u00ab blieben gegen\u00fcber \u00bbden ganzen Kraftwerkrevivalbands und zu den von A. Hilsberg promovierten Versuchsgruppen, die als Punk verkauft werden\u00ab (Reprintbeilage zur Box \u00bbGuter Abzug\u00ab; Anonymus 1982: o.S.).<\/p>\n<p>In \u00bbSounds\u00ab selbst tritt der Gegensatz ebenfalls deutlich in einem Bericht zur \u00bbZweite[n] Punknacht in Hamburg\u00ab zutage. Auf der einen Seite sieht der Artikel, der h\u00f6chstwahrscheinlich vom Jung-Redakteur Diedrich Diederichsen stammt, Gruppen wie die Buttocks (\u00bbPogo-Liebhaber, die nach Feierabend oder st\u00e4ndig die Sau rauslassen wollen, was dem Publikum am besten gefiel\u00ab), auf der anderen Seite die vom \u00fcberwiegenden Teil des Publikums abgelehnten \u00bbexperimentellen Bands\u00ab wie Din-A-Testbild und die \u00bbultra-avantgardistischen und von Punkpuristen bereits als dekadent und intellektualistisch verdammten\u00ab Geisterfahrer (Anonymus 1979).<\/p>\n<p>Ungeachtet der teils vehementen Ablehnung des Pogo-Publikums, ist festzuhalten, dass auch die letztgenannten Gruppen zu einem deutschen \u00bbPunk\u00ab-Abend geladen worden waren und sich als \u00bbNeue deutsche Welle\u00ab (analog nat\u00fcrlich zum englischen New Wave) in einem \u00bbPunk-Szene\u00ab-\u00dcberblick wiederfanden. Wichtig ist diese Feststellung nicht, weil man damit eine Erweiterung des Punk-Begriffs auch f\u00fcr den heutigen Begriffsgebrauch reklamieren kann (so etwa B\u00fcsser 2003), sondern weil sie den entscheidenden, bis heute wirkungsm\u00e4chtigsten Punkt der damaligen deutschen Punk-Rezeption anzeigt (international vgl. etwa Reynolds 2005): Den Bruch mit der bis dahin hegemonialen Rock\u2019n\u2019Roll-Doktrin, von der noch die erste deutsche Punk-Wahrnehmung und -Einordnung ganz durchdrungen war.<\/p>\n<p>Sobald \u00bbPunk\u00ab und \u00bbexperimentell\u00ab, \u00bbintellektualistisch\u00ab, \u00bbultra-avantgardistisch\u00ab, \u00bbdekadent\u00ab etc. sich nicht mehr wechselseitig ausschlie\u00dfen, ist die Rock\u2019n\u2019Roll-Lehre \u00fcberwunden. An dieser \u00dcberwindung h\u00e4ngt auch jene Pop-\u00c4sthetik und -Theorie, die mittlerweile in Feuilleton und Akademie die herrschende Doktrin darstellt und f\u00fcr die K\u00fcnstlichkeit, Dilettantismus, Medienhype, Show ebenso wenig mehr reine Negativkategorien sind wie \u00bbintellektualistisch\u00ab, \u00bbultra-avantgardistisch\u00ab, \u00bbdekadent\u00ab.<\/p>\n<p>Eine beachtliche, geradezu entehrende Laufbahn f\u00fcr eine Mode- und Musikrichtung der vorgeblichen \u00bbH\u00e4sslichkeit\u00ab, \u00bbAussichtslosigkeit\u00ab, \u00bbArbeitslosigkeit\u00ab. Mit \u00bbRock\u2019n\u2019Roll\u00ab im 76\/77 beschworenen deutschen Sinne hat das nun wirklich nichts mehr zu tun, in dieser Hinsicht hatten die fr\u00fchen \u00bbSounds\u00ab-Ver\u00e4chter der Sex Pistols und Stranglers v\u00f6llig Recht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Anonymus (1976): \u00bbNews\u00ab. In: Sounds, H. 10, S. 7.<\/p>\n<p>Anonymus (1977a): \u00bbWhat ever punks you on\u00ab. In: Sounds, H. 3, S. 10.<\/p>\n<p>Anonymus (1977b): \u00bbZelluloid-Punks\u00ab. In: Sounds, H. 9, S. 6.<\/p>\n<p>Anonymus (1978): \u00bbPunk: Nadel im Ohr, Klinge am Hals\u00ab. In: Der Spiegel, H. 4, S. 140-147.<\/p>\n<p>Anonymus (1979): \u00bbPunk bis zum Untergang\u00ab. In: Sounds, H. 8, S. 6<\/p>\n<p>Anonymus (1982): Guter Abzug. eine dokumentation der neuen deutschen musik, 1982<\/p>\n<p>Bohrer, Karl Heinz (1978): \u00bbHa\u00df als Zeitbombe in einer Gesellschaft ohne Liebe\u00ab. In: FAZ, 13.04.1978, S. 25.<\/p>\n<p>B\u00fcsser, Martin (2003): \u00bb\u203aEs war kein britisches Klassen-Punk-Zeug\u2039. US-Punk und New Wave als Rock-Demontage\u00ab. In: NGBK (2003): 108-118.<\/p>\n<p>Diederichsen, Diedrich (2007): \u00bbIntensity, Negation, Plain Language: Wilde Maler, Punk, and Theory in Germany in the \u201980s\u00ab. In: Dominic Molon (Hg.): Sympathy for the Devil. Art and Rock and Roll since 1967, New Haven und London, S. 142-153.<\/p>\n<p>Dr. Gonzo [J\u00f6rg G\u00fclden] (1977a): Rez. zu Original Punk Rock [div. Interpreten]: \u00bbLive from The CBGB\u2019s Club, New York\u00ab. In: Sounds, H. 1, S. 46.<\/p>\n<p>Dr. Gonzo [J\u00f6rg G\u00fclden] (1977b): Rez. zu Television: \u00bbMarquee Moon\u00ab. In: Sounds, H. 4, S. 64-65.<\/p>\n<p>Dr. punk Gonzo [J\u00f6rg G\u00fclden] (1976): Rez. zu Ramones: \u00bbDto\u00ab. In: Sounds, H. 10, S. 80-81.<\/p>\n<p>Gillig, Manfred (1977): \u00bbViel Stunk um Punk\u00ab. In: Sounds, H. 2, S. 12.<\/p>\n<p>Gross, Ulrike u.a. (Red.) (2002): Zur\u00fcck zum Beton. Die Anf\u00e4nge von Punk und New Wave in Deutschland 1977-\u201982, K\u00f6ln.<\/p>\n<p>Hartmann, Walter (1977): Rez. zu Patti Smith Group: \u00bbRadio Ethiopia\u00ab. In: Sounds, H. 3, S. 60 u. 62.<\/p>\n<p>Hilsberg, Alfred (1978): \u00bbKrautpunk. Rodenkirchen is burning\u00ab. In: Sounds, H. 3, S. 20-24.<\/p>\n<p>Hilsberg, Alfred (1979a): \u00bbNeue deutsche Welle. Aus grauer St\u00e4dte Mauern\u00ab. In: Sounds, H. 10, S. 20-25.<\/p>\n<p>Hilsberg, Alfred (1979b): \u00bbAus grauer St\u00e4dte Mauern (Teil 2). Dicke Titten und Avantgarde\u00ab. In: Sounds, H. 11, S. 22-27.<\/p>\n<p>Hinz, Ralf (1998): Cultural Studies und Pop. Zur Kritik der Urteilskraft wissenschaftlicher und journalistischer Rede \u00fcber popul\u00e4re Kultur, Wiesbaden.<\/p>\n<p>Houghton, Mick (1976): \u00bbDr. Feelgood. Promovierte Punks aus den Southend-Pubs\u00ab. In: Sounds, H. 12, S. 28-30.<\/p>\n<p>Keller, Hans (1977a): Rez. zu The Damned: \u00bbDto\u00ab. In: Sounds, H. 5, S. 74.<\/p>\n<p>Keller, Hans (1977b): Rez. zu The Vibrators: \u00bbPure Mania\u00ab. In: Sounds, H. 9, S. 54.<\/p>\n<p>Keller, Hans (1977c): Rez. zu Sex Pistols: \u00bbNever Mind The Bollocks\u00ab. In: Sounds, H. 12, S. 66.<\/p>\n<p>Lindner, Rolf (Hg.) (1978): Punk Rock, Frankfurt.<\/p>\n<p>NGBK (2003): Lieber zu viel als zu wenig. Kunst, Musik, Aktionen zwischen Hedonismus und Nihilismus (1976-1985), Berlin.<\/p>\n<p>Ott, Paul\/Skai, Hollow (Hg.) (1983): Wir waren Helden f\u00fcr einen Tag. Aus deutschsprachigen Punk-Fanzines 1977-1981, Reinbek bei Hamburg.<\/p>\n<p>Page, Mike F. (1977a): \u00bbLondon brennt. Szenen einer musikalischen Revolution\u00ab. In: Sounds, H. 7, S. 32-35.<\/p>\n<p>Page, Mike F. (1977b): \u00bbSex Pistols. Gott sch\u00fctze sie\u00ab. In: Sounds, H. 8, S. 12-13.<\/p>\n<p>Reynolds, Simon (2005): Rip It up and Start again. Postpunk 1978-1984, London.<\/p>\n<p>Sandner, Wolfgang (1978): \u00bbPunk-Rock richtig r\u00fcde\u00ab. In: FAZ, 31.01.1978, S. 21.<\/p>\n<p>Schwaner, Teja (1977): \u00bbImporte\u00ab. In: Sounds, H. 2, S. 59-60.<\/p>\n<p>Skai, Hollow (1981): Punk. Versuch der k\u00fcnstlerischen Realisierung einer neuen Lebenshaltung, Hamburg.<\/p>\n<p>Stahl, Enno (2008): \u00bbRatinger Hof \u2013 Thomas Kling und die D\u00fcsseldorfer Punkszene\u00ab. In: Dirk Matejovski\/Marcus S. Kleiner\/Enno Stahl (Hg.): Pop in R(h)einkultur. Oberfl\u00e4chen\u00e4sthetik und Alltagskultur in der Region, Essen, S. 205-226.<\/p>\n<p>Stark, J\u00fcrgen\/Kurzawa, Michael (1981): Der gro\u00dfe Schwindel? Punk \u2013 New Wave \u2013 Neue Welle, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>Strange, Steve (1977): \u00bbPunk-Rock. Die R\u00fcckkehr der Rotznase\u00ab. In: Sounds, H. 1, S. 34-37.<\/p>\n<p>Teipel, J\u00fcrgen (2001): Verschwende Deine Jugend. Ein Doku-Roman \u00fcber den deutschen Punk und New Wave, Frankfurt am Main.<\/p>\n<p>WWS [= Wolfgang Sandner] (1977): \u00bbGibt es eine Musik nach Punk?\u00ab. In: FAZ, 12.12.1977, S. 29.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Transcript Verlags. N\u00e4heres zum Buch \u00bbPunk in Deutschland\u00ab <a title=\"hinweis punk deutschland\" href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/ts2162\/ts2162.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cZwei Punk-Erinnerungen&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;24.8.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2147&amp;action=edit\"><strong>\u00a0<\/strong><\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbHa\u00df als Zeitbombe in einer Gesellschaft ohne Liebe\u00ab (Karl Heinz Bohrer, FAZ)<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[90553,535,723,1647,1837,1918,2183,2198,2337],"class_list":["post-2588","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-90553","tag-deutsche-rezeption","tag-faz","tag-neue-deutsche-welle","tag-pop-zeitschrift-2","tag-punk","tag-sounds","tag-spiegel","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2588","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2588"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2588\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2588"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2588"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2588"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}