{"id":2611,"date":"2014-01-02T09:52:54","date_gmt":"2014-01-02T07:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2611"},"modified":"2014-01-02T09:52:54","modified_gmt":"2014-01-02T07:52:54","slug":"punkkoch-und-dubai-culture-rezension-zu-asthetik-ohne-widerstand-texte-zu-reaktionaren-tendenzen-in-der-kunstvon-dominik-irtenkauf2-1-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/01\/02\/punkkoch-und-dubai-culture-rezension-zu-asthetik-ohne-widerstand-texte-zu-reaktionaren-tendenzen-in-der-kunstvon-dominik-irtenkauf2-1-2014\/","title":{"rendered":"Punkkoch und Dubai Culture Rezension zu \u00bb\u00c4sthetik ohne Widerstand. Texte zu reaktion\u00e4ren Tendenzen in der Kunst\u00abvon Dominik Irtenkauf2.1.2014"},"content":{"rendered":"<p>Bildende Kunst<!--more--><\/p>\n<p>Den beiden Herausgebern des Sammelbands \u00bb\u00c4sthetik ohne Widerstand\u00ab, Annette Emde und Radek Krolczyk, stellt sich die Lage im Kunstbereich zweigeteilt dar: \u00bbAuf die Frage, was unter Kunst zu verstehen sei, erh\u00e4lt man aktuell meist zwei unterschiedliche Antworten: Die einen erheben den Anspruch, Kunst habe politisch korrekt zu sein und die Gegenwart kritisch zu kommentieren oder in sie einzugreifen, die anderen dagegen fordern von der Kunstproduktion und -rezeption einen besonderen, von der Lebenspraxis abgehobenen Status, nichts anderes also als die Autonomie der Kunst, die Losl\u00f6sung der Kunst von s\u00e4mtlichen gesamtgesellschaftlichen Prozessen. Die einen setzen auf Politik und Aktivismus, die anderen auf selbstreferenzielle Fragestellungen.\u00ab (S. 7)<\/p>\n<p>Emde und Krolczyk pl\u00e4dieren in ihrem Vorwort stattdessen f\u00fcr Ambiguit\u00e4t zwischen beiden Polen: Indem die Kunst ihr eigenes Zustandekommen mitreflektiert und in der Gestaltung spiegelt, erm\u00f6glicht sie Erkenntnis \u00fcber die Kontextualisierung von Welt. Eines wird im Vorwort allerdings wenig beleuchtet: Was setzt eine solche Wahrnehmung von Kunst voraus? Kann oder sollte man eine solche Haltung auch von Sonntagsbesuchern des \u00f6rtlichen Kunstmuseums verlangen? F\u00fcr die Haltung im \u203aDazwischen\u2039 ist nicht nur die Kenntnis einer Formen- und Motivsprache notwendig, sondern auch des \u203aVerfahrens\u2039 der Kontextualisierung. Diesen \u203aVerfahren\u2039 widmen sich alle Beitr\u00e4ge des vorliegenden Sammelbandes.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge haben die Herausgeber in drei Abschnitte unterteilt: \u00bbDrei Zwischen\u00fcberschriften m\u00f6gen eine Orientierung bieten: Unter \u203aDer Kitt der Kritik\u2039 versammeln sich Beitr\u00e4ge, in denen es um Kritik als neue Form von Affirmation geht. Unter \u203aGenredramen\u2039 zeigen die Autoren die Schwierigkeiten auf, die der Gattungsbegriff in der Kunst mit sich bringt. Und unter \u203aVerpasste Ausfahrt\u2039 werden die Irrfahrten von K\u00fcnstlern und Gruppen zwischen Kritik und Affirmation thematisiert.\u00ab (S. 9)<\/p>\n<p>Wolfgang M\u00fcller fragt in seinem Beitrag \u00bbIch bin im Arsch. Zur Zeitlichkeit und Beweglichkeit von Symbolen im Raum\u00ab: \u00bbWas tun, wenn die Deutsche Bundesbahn 2009 mit einem \u203aPunkkoch\u2039 wirbt? Es geht ja keinesfalls um die aufgew\u00e4rmte Suppe von 1980, die Suppe aus Regenw\u00fcrmern, Glasscherben und Spinnenbein. Was tun, wenn der deutsche Nationalismus nun pl\u00f6tzlich \u203afr\u00f6hlich und unbeschwert\u2039 daherkommt? Wo sind wir gelandet, wenn \u203aBILD\u2039 und \u203aBZ\u2039 fr\u00f6hlich Preise an \u203aRebellen\u2039 und \u203aAnarchisten\u2039 verleihen? Bleibt da \u00fcberhaupt noch etwas \u00fcbrig?\u00ab<\/p>\n<p>Weniger wird die Einverleibung von Renegatentum in Werbestrategien und konservativ-rechte Boulevardbl\u00e4tter angesprochen als die \u203aschiefe Adaption\u2039 von \u2013 ja: was eigentlich? Man ist verleitet zu antworten: kritischer Kunst. Doch was macht diese in einer nivellierenden Generaltendenz neoliberaler Gesamtzusammenh\u00e4nge aus? Deutlicher wird die Problematik der Transferleistung, wenn man sich auf die von M\u00fcller vorgebrachten Beispiele konzentriert (worin auch ein klarer Vorzug dieses Aufsatzes im Band besteht): Die Installationsk\u00fcnstlerin Kathrin Sanders bat um Einsendungen von verschiedenen K\u00fcnstlern f\u00fcr ein Sammelprojekt, das sie dann jedoch zu einer Einzelausstellung unter ihrem Namen umfunktioniert, dadurch Kuratorin und Nutznie\u00dferin der fremden Inputs wird, sich Vorw\u00fcrfen, fremdes Werk als eigenes auszugeben, durch den Verweis auf eine \u203arealistische Dokumentation\u2039 neoliberalen Einverleibens entwindet. Sie stelle damit nur die g\u00e4ngige Praxis in der industrialisierten Welt dar.<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel von falscher Selbstverst\u00e4ndlichkeit w\u00e4re die Fotografie als \u203arealistisches\u2039 Medium. Der Fotografie wird innerhalb der K\u00fcnste manchmal eine Rolle der Authentizit\u00e4t zugesprochen \u2013 andererseits beginnt bereits im Alltag die Rolle der Fotografie als Repr\u00e4sentationsmittel, man denke etwa an Bewerbungs- oder Hochzeitsfotos. Eine andere Repr\u00e4sentation stellt Annette Emde in ihrem Beitrag zur \u00bbFotografie made in Germany\u00ab heraus: \u00bbVon Portr\u00e4t und Akt bis zu Landschaftsaufnahme und Panorama erstreckt sich die Parade wirklichkeitsgetreuer Darstellungen, die \u2013 und das ist das Entscheidende \u2013 das Besondere, das Ungew\u00f6hnliche, das Au\u00dfergew\u00f6hnliche meidet und sich zum Teil damit begn\u00fcgt, Allt\u00e4glichkeiten abzubilden: Die unmittelbare Umwelt des Fotografen, die Stadt oder die Landschaft, in der er lebt, die Menschen um ihn herum, seine Freunde und Bekannte.\u00ab (S. 194)<\/p>\n<p>Emde arbeitet kritische Stimmen zu der Entwicklung dieser Art Fotografie, die international als \u00bbdeutsche Fotografie\u00ab wahrgenommen werde, heraus: dass der eigentliche mediale Charakter des Fotos f\u00fcr die gro\u00dfformatige Fotografie als Tafelbild aufgegeben werde, dadurch die Fotografie zu Repr\u00e4sentationszwecken einer superreichen Globalisierungsgewinnerklasse umfunktioniert werde. Statt eine Dokumentation kritischer Verh\u00e4ltnisse mit einem besonderen Medium zu leisten, w\u00fcrden Stillleben inszeniert. \u00a0In einer detailreichen Studie geht die Autorin den Repr\u00e4sentationsfiguren in den Werken der Fotografen Thomas Struth, Thomas Ruff und Andreas Gursky nach.<\/p>\n<p>Nicht allein Repr\u00e4sentation spielt eine wesentliche Rolle in der zeitgen\u00f6ssischen Kunst, auch die Aufmerksamkeits\u00f6konomie regelt bereits im Kreativit\u00e4tsprozess der K\u00fcnstler die thematische Orientierung. Diese bis zu einem gewissen Grad egoistischen Strategien werden von realwirtschaftlichen Entwicklungen im globalen Ma\u00dfstab konterkariert. So zeigen Alice Creischer und Andreas Siekmann in ihrem Beitrag die nur bedingte Kritikf\u00e4higkeit globalisierter Projekte auf, die blinden Flecken in den L\u00e4ndern, in denen sie agieren, zur Sprache zu bringen. Dubai scheint das neue Megalopolis der Kunst- und Museumsprojekte zu sein. Die miserablen Arbeitskonditionen zur Errichtung der Kunstpyramiden, die \u00e4hnlich wie die Bauten f\u00fcr die Fu\u00dfball-WM im W\u00fcstenstaat Katar mit fernasiatischen ArbeiterInnen errichtet werden sollen, interessieren nur peripher oder gar nicht, wenn es um die vision\u00e4re Erschaffung einer Kunstwelt nicht nur im \u00fcbertragenen Sinne geht. \u00bbIm Emirates Palace feiert sich die starke und unsichtbare Hand, die Rigidit\u00e4t des \u00d6konomismus und des Regimes, das von der demokratischen Konsensprozedur unbehindert solche Superlativprojekte durchsetzen kann.\u00ab (S. 97) Europ\u00e4ische und amerikanische K\u00fcnstler scheinen vom gro\u00dfen Geld der Scheichs verlockt zu werden, auch deutsche Kulturinstitutionen wie die Kunstsammlung Dresden, die staatlichen Museen Berlin und die Bayrischen Staatsgem\u00e4ldesammlungen kooperieren mit der Dubai Culture and Arts Authority. Die prek\u00e4ren sozial- und arbeitspolitischen Verh\u00e4ltnisse werden \u00fcbersehen und totgeschwiegen.<\/p>\n<p>Weitere Beitr\u00e4ge des Bandes verfolgen z.B. noch die Verb\u00fcrgerlichung avantgardistischer Positionen wie dem Situationismus oder der Wiener Aktionsgruppe, zeigen auf, inwiefern sich der b\u00fcrgerliche Kulturbetrieb dieser St\u00f6rfaktoren annimmt. Nicht von ungef\u00e4hr f\u00e4llt in dem Artikel zur situationistischen Internationalen der h\u00e4ufig gebrauchte Begriff: Musealisierung \u2013 was im Museum landet, ist sp\u00e4testens ab diesem Zeitpunkt von seinem kritischen Impetus bereinigt.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass der Sammelband mit viel Liebe zum Detail kompiliert worden ist. Dass nicht die \u00fcblichen \u203aVerd\u00e4chtigen\u2039 der Kunstkritik zu Wort kommen, kann als ein eindeutiger Vorteil der Publikation gewertet werden. Kritische Perspektiven werden ohne R\u00fccksicht auf arrivierte Empfindlichkeiten entwickelt. Emde und Krolczyk als Herausgeber sensibilisieren f\u00fcr ein im Feuilleton nach Meinung der Herausgeber h\u00e4ufig \u00fcbergangenes Problem der zeitgen\u00f6ssischen Kunst- und Kulturkritik: die vorhandene reaktion\u00e4re Tendenz in der Kunst. Ein \u00e4hnliches Bild zeichnet Enno Stahl mit der kritischen Analyse der Popliteratur in seiner neuesten, 2013 erschienenen Ver\u00f6ffentlichung \u00bbDiskurspogo\u00ab. Soziale Entwicklungen und Missst\u00e4nde in der sp\u00e4tkapitalistischen Wirtschaftsordnung werden laut Stahl in zeitgen\u00f6ssischer deutschsprachiger Literatur bewusst \u00fcbergangen. Das Problem scheint also nicht ganz unbeachtet in der deutschen Kritik geblieben zu sein. Gerne mehr dieser Publikationen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Hinweis:<\/strong><br \/>\nAnnette Emde\/Radek Krolczyk (Hg.)<br \/>\n\u00c4sthetik ohne Widerstand. Texte zu reaktion\u00e4ren Tendenzen in der Kunst<br \/>\nMainz 2013<br \/>\nVentil Verlag<br \/>\nISBN 978-3-931555-40-5<br \/>\n254 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dominik Irtenkauf M.A. ist freischaffender Journalist und Autor (u.a. f\u00fcrs Legacy-Magazin und Telepolis), zudem arbeitet er an einer Dissertation in den Sound Studies zur Soundscape der Schw\u00e4rze<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cRotation der Schallplatten auf dem Diskursteller&lt;br \/&gt; Rezension zu Thomas Meinecke,\u00bbAnalog\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Dominik Irtenkauf&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;9.11.2013&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2404&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bildende Kunst<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[242,583,1311,1329,1333,1580,1837,1993],"class_list":["post-2611","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-asthetik","tag-dominik-irtenkauf","tag-kritische-theorie","tag-kunst","tag-kunstkritik","tag-musealisierung","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2611","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2611"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2611\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2611"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2611"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2611"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}