{"id":2633,"date":"2014-01-05T20:41:21","date_gmt":"2014-01-05T18:41:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2633"},"modified":"2014-01-05T20:41:21","modified_gmt":"2014-01-05T18:41:21","slug":"schluss-mit-lustiguber-die-sehr-geringen-chancen-vor-lachen-einen-klaren-politischen-gedanken-zu-fassenvon-georg-seeslen5-1-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/01\/05\/schluss-mit-lustiguber-die-sehr-geringen-chancen-vor-lachen-einen-klaren-politischen-gedanken-zu-fassenvon-georg-seeslen5-1-2014\/","title":{"rendered":"Schluss mit lustig?\u00dcber die sehr geringen Chancen, vor Lachen einen klaren politischen Gedanken zu fassenvon Georg See\u00dflen5.1.2014"},"content":{"rendered":"<p>Da sind sich alle Parteien einig: Das Abh\u00f6ren von Angela Merkels Handy, also wirklich, das geh\u00f6rt sich nicht, dadurch wird \u201edie deutsch-amerikanische Freundschaft aufs Schwerste belastet\u201c. Und der Noch-Au\u00dfenminister bestellt den US-Botschafter ein. We are not amused. Are we?<!--more mehr--> Ehrlich gesagt, doch. So etwas scheint das allgemeine Empfinden zu belegen: Die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst. Weltgeschichte und Politik, Sprache und Kultur, Ethik und \u00c4sthetik: Vor unseren Augen hebt sich das auf als gro\u00dfer Witz. Der m\u00e4chtigste Mann der Welt, die m\u00e4chtigste Frau der Welt: Der eine hat von nichts gewusst, und f\u00fcr die andere ist das Internet noch Neuland. Nein, ernst nehmen kann man diese M\u00e4chtigen wirklich nicht mehr. Und das macht uns wohlig und gerade richtig temperiert erregt, dass der Kaffee noch schmeckt. Gerade haben wir noch \u201egew\u00e4hlt\u201c. Pruuust!<\/p>\n<p>Wir haben es uns n\u00e4mlich, ob wir es nun \u201ePostmoderne\u201c nennen oder nicht, in einer Kultur bequem gemacht, in der man lernt, nichts wirklich ernst zu nehmen. Menschen, die mit heiligem Eifer ein hehres Ziel, die Weltrevolution oder die Rettung des Sauwaldschl\u00f6sschens, verfolgen, oder die sich noch \u201erichtig\u201c aufregen k\u00f6nnen, bekommen leicht etwas unfreiwillig Komisches. Man sieht solchen Menschen dabei zu, wie sie sich verrennen, wie sie zu Karikaturen ihres Engagements, wie sie grotesk werden in diesem asymmetrischen Kampf zwischen einem System, das selbst seine Protagonisten beschei\u00dft und seine Kritiker, die man gerne schon einmal in der Psychiatrie verschwinden l\u00e4sst oder anderswie zum Schweigen bringt. Wer sich ernsthaft aufregt beweist nur seine Ahnungslosigkeit.<\/p>\n<p>Oh, dieser Eifer, der zur Selbstgerechtigkeit mutiert! Dieser heroische Aufbruch in die selbstorganisierte T\u00fctteligkeit. Gelten lassen k\u00f6nnten wir nur jene Formen des Protestes, die selber Spektakel werden, selber Ironie, Unernst und Distanz aufnehmen. Kein Wunder, dass die einzige gemeinhin verbreitete und akzeptierte Form der fundamentaleren Dissidenz und der politischen Opposition im angewandten Kabarettismus liegt. Die Kritik in der Kultur des Unernstes ist, wie man so sagt, zur Kleinkunst geworden.<\/p>\n<p>In unseren Leitmedien kommt ein wahres Bild unserer Verh\u00e4ltnisse nur in Form der Satire vor. Und wie das Kabarett die Aufgaben der politischen Kritik hat \u00fcbernehmen m\u00fcssen, so wurde Gesellschaftskritik oder, ganz allgemein gesprochen: Ethik, zur Sache launiger Kolumnen, die von jedem Bl\u00f6dsinn handeln k\u00f6nnen und doch immer nur von einem, dem Recht des Subjekts, sich \u00fcber allen gesellschaftlichen Wahnsinn erhaben zu f\u00fchlen. Der Kolumnist, die Kolumnistin erkl\u00e4ren unter dem Beifall ihrer Leser die Welt zwischen Kleinb\u00fcrgeralltag und Weltgeschichte zum Tollhaus, von dem man sich, mindestens f\u00fcr die Lekt\u00fcrel\u00e4nge entfernt f\u00fchlen darf.<\/p>\n<p>Als einzige Rettung haben sie ihre elegante, sarkastische und wenn es sein muss auch durchaus nihilistische Ironie zu bieten. Wie auch anders? So wenig man n\u00e4mlich dem Gegner machttechnisch gewachsen ist, so wenig ist er kulturell auch nur satisfaktionsf\u00e4hig. In Deutschland, sagt man, gen\u00fcgt es, um Erfolg zu haben, nicht, ein Arschloch zu sein, man muss auch noch ein dummes Arschloch sein. Und in solchen \u00dcberdrehungen von Kabarettismus und Kolumnismus hat man innerlich mit dem System abgeschlossen, das man \u201eeigentlich\u201c als unertr\u00e4glich empfindet.<\/p>\n<p>Kabarettismus und Kolumnismus sind die angemessenen Formen der Kritik in einer Gesellschaft des Unernstes. Gegen deren Protagonisten ist im \u00fcbrigen ganz und gar nichts zu sagen, viele von ihnen machen ihren Job ausgezeichnet, und manche von ihnen sogar so gut, dass sie auch noch \u00f6ffentlich dar\u00fcber nachdenken k\u00f6nnen, dass sie unterm Strich selber als \u201eVentil\u00f6ffner\u201c eben diese Kultur des Unernstes unterst\u00fctzen, die im Wesentlichen einer Gesellschaft entspricht, die sich nicht \u00e4ndern will, oder wenigstens nicht merken will, wie sie sich \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Das Unernste, Unleidenschaftliche, Unk\u00e4mpferische ist allerdings nicht nur die lustvollste Art der Kapitulation vor den Verh\u00e4ltnissen, es beinhaltet auch die Verachtung des Leidenschaftlichen, K\u00e4mpferischen und Ernsten. Es ist indes eben das Gebot des Unernstes, zu \u00fcbersehen, dass Ver\u00e4nderung durchaus stattfindet. Allerdings ohne uns.<\/p>\n<p>Auch Oma, die sich dar\u00fcber wundert, wie Politiker etwas tun und das Gegenteil davon sagen, ist zweifellos nicht von dieser Welt: Oma! Das wei\u00df doch jeder, dass man die nicht ernst nehmen darf! Es wei\u00df doch jeder, dass wir belogen, ausgetrickst und bespitzelt werden. Es wei\u00df doch jeder, dass unsere billige Nahrung mit Blut und Tr\u00e4nen anderswo bezahlt wird. Es wei\u00df doch jeder, dass wir nichts dagegen machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Gebot von Unernst und Abkl\u00e4rung geht so weit, dass \u201erationalisierende\u201c und analysierende Kritik an herrschenden Zust\u00e4nden, an Kulturwaren, an Ausbeutung erhebend l\u00e4cherlich wirkt. Rechthaberische Spa\u00dfverderber! Es gen\u00fcgt eine Allusion zum \u201eLehrerhaften\u201c herzustellen, um sich Kritik vom Leib zu halten, was im \u00fcbrigen ein Seitenlicht auf das zutiefst gest\u00f6rte Verh\u00e4ltnis der Kultur des Unernstes zur \u201eBildung\u201c wirft.<\/p>\n<p>Distanziert und ironisch zu bleiben, neben sich und neben der Welt, jeden Aufschrei mit einem sarkastischen \u201eAls ob wir das nicht w\u00fcssten\u201c beantworten, statt auf Marx und auf die \u201eSimpsons\u201c zuverweisen, die Ambivalenz von allem und jedem genie\u00dfen, das scheint die ad\u00e4quate Einstellung f\u00fcr eine Gesellschaft, in der es unschicklich scheint, Subjekt der Geschichte werden zu wollen. Wer aber macht die Geschichte, wenn wir sie nicht machen?<\/p>\n<p>Ich bin gespalten. Ich w\u00fcnsche mir keine R\u00fcckkehr der Sauert\u00f6pfe und der Rechthaber, schon gar keine der Stalinisten und Seminaristen. Zu Recht misstraut die Kultur des Unernstes den gro\u00dfen Welterz\u00e4hlungen und heroischen Mythen der Geschichte, zu Recht misstraut sie L\u00f6sungen, Modellen, Projektionen, Helden und Vordenkern; zu Unrecht aber glaubt sie, man k\u00f6nne sich durch Ironie, Moderation und Distanz von der Verantwortung f\u00fcr den Lauf der Dinge befreien. Zu Unrecht glaubt sie an eine M\u00f6glichkeit, sich rauszuhalten und trotzdem alles zu sehen. Zu Unrecht glaubt die Kultur von Abkl\u00e4rung und Unernst, den M\u00e4chtigen sei am besten mit taktischer Nachgiebigkeit und einem Hauch von Subversion zu begegnen. Leidenschaftliche und zornige Gesten erscheinen in der Kultur als kindisch, vulg\u00e4r und unangenehm. H\u00f6chstens ein paar Greise d\u00fcrfen sie noch einfordern. Leute mit ernsthaften \u00dcberzeugungen tun ansonsten vor allem eines: Sie gehen uns auf die Nerven.<\/p>\n<p>Und das hat nat\u00fcrlich seine Gr\u00fcnde. Bislang hat doch noch ein jeder zu Ende gedachter Gedanke nichts als Terror oder Wahn mit sich gebracht. Bislang ist aus jeder \u00dcberzeugung eine Ideologie, und aus dieser ein neuer Unterdr\u00fcckungsapparat geworden. Bislang waren Meinungen vor allem Waffen. Menschen ohne Meinungen aber mit einem Gesp\u00fcr f\u00fcr den richtigen Geschmack, auch in der Politik, sind angenehme Zeitgenossen. Und was hatten \u201edie 68er\u201c von ihrer Besserwisserei und ihrem missionarischen revolution\u00e4ren Eifer? Dass sie jetzt an allem, wirklich an allem Schuld sind. An der Finanzkrise, an schlechten deutschen Filmen, an der Bildungsmisere und an Angela Merkel. Ja, genau besehen sind sie sogar daran schuld, dass wir jetzt nichts mehr ernst nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Unsere Kultur ist beileibe nicht die erste Kultur, die sich die Kunst, nichts wirklich ernst zu nehmen, zum Fluchtpunkt w\u00e4hlt. Im vorrevolution\u00e4ren Frankreich, nur zum Beispiel, war eine solche Kultur verbreitet, in der ein Kerl wie Jean-Jacques Rousseau einen sonderbaren Schrecken verbreitete, nur weil er die Dinge, das Theater, die Pflanzen im Garten oder die Erziehung etwa, pl\u00f6tzlich wieder ernst nahm. Aber das hatte er ja dann auch von seinem Eifer, dass man seine B\u00fccher verbrannte, ihn verfolgte und als Puppe aufh\u00e4ngte. Und der Ernst kehrte auf blutige, falsche Weise zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Immer geht es darum, das \u201eInvolvieren\u201c zu vermeiden. In der Kultur des Unernstes spaltet sich die Gesellschaft in eine Minderheit, die zu viel involviert ist, die zu viel Verantwortung, zu viel Besorgnis, zu viel Ernst, wom\u00f6glich sogar zu viel Moral zeigt, und in eine Mehrheit, die sich aus allem raush\u00e4lt. Es ist nicht der Leidenschaftliche und Zornige, der absurd und komisch wird in der Kultur des Unernstes, es ist der sich immer weiter \u00f6ffnende Abgrund zwischen ihm und dem Zentrum dieser Kultur. Der Kritiker, der sich und seinen Gegenstand bedingungslos ernst nimmt, kann nur verr\u00fcckt sein.<\/p>\n<p>Die Kultur des Unernstes ist entstanden aus berechtigter Skepsis gegen\u00fcber Dogmen, Welterkl\u00e4rungsmodellen, Verschw\u00f6rungstheorien, moralischem Eifer, Propaganda etc. Aber sie ist auf dem besten Weg, eine Gesellschaft der grausamen Gleichg\u00fcltigkeit zu werden, eine Gesellschaft, die aus lauter Ironie und Moderation der politischen Leidenschaften gar nicht mehr erkennt, dass sie selber zu etwas von dem geworden ist, was sie f\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Denn auch die Abkl\u00e4rung hat so ihre Dialektik, auch sie kann zum Dogma und zum Wahn werden. Im Namen der Moderation, im Namen des \u201eAlles-nicht-so-schlimm\u201c oder des \u201eAlles-Dogma-au\u00dfer-uns\u201c kann man genau so t\u00fcckisch, intolerant, gewaltt\u00e4tig argumentieren wie im Namen einer Ideologie. Diese Form der sp\u00f6ttischen Affirmation, der ironischen Mitmacherei (wie sie sich so trefflich in der Sprache des Spiegel ausdr\u00fcckt), der besserwissenden Konventionalit\u00e4t ist selber zum Mainstream-Dogma der Gesellschaft des Unernstes geworden. Wie eine schief laufende Aufkl\u00e4rung, so kann auch eine schief laufende Abkl\u00e4rung die Menschen blind machen. Wie eine schief laufende politische Passion, so kann auch eine matte Leidenschaftslosigkeit in den Abgrund f\u00fchren. Und wie falsches Tun, kann auch falsches Nichtstun Verrat an den Hoffnungen auf eine menschliche Zukunft sein.<\/p>\n<p>Der Abschied von der politischen Kultur des Unernstes kommt bestimmt. Es w\u00e4re zu w\u00fcnschen, ihn in vollem, oder wenigstens in Dreiviertel-Bewusstsein zu vollziehen. Und wenn wir den M\u00e4chtigen erkl\u00e4ren, dass wir sie und ihre Worte nicht mehr ernst nehmen, dann soll das nicht mehr hei\u00dfen, dass sie getrost so weiter machen k\u00f6nnen wie bisher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Beitrag \u201e<a title=\"artikel original\" href=\"http:\/\/www.seesslen-blog.de\/2013\/10\/29\/schluss-mit-lustig-ueber-die-sehr-geringen-chancen-vor-lachen-einen-klaren-politischen-gedanken-zu-fassen\/#more-2201\" target=\"_blank\">Schluss mit lustig<\/a>\u201c ist zuerst erschienen in Georg See\u00dflens <a title=\"blog see\u00dflen\" href=\"http:\/\/www.seesslen-blog.de\/\" target=\"_blank\">Blog<\/a>.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cKonsum als Selbsttechnologie&lt;br \/&gt;Zwischen konsumistischem M\u00f6glichkeitssinn und quantifikatorischer Selbstoptimierung&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Uwe Lindemann&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;2.1.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2614&amp;action=edit\"><br \/>\n<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da sind sich alle Parteien einig: Das Abh\u00f6ren von Angela Merkels Handy, also wirklich, das geh\u00f6rt sich nicht, dadurch wird \u201edie deutsch-amerikanische Freundschaft aufs Schwerste belastet\u201c. 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