{"id":2641,"date":"2014-01-15T01:01:13","date_gmt":"2014-01-14T23:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2641"},"modified":"2014-01-15T01:01:13","modified_gmt":"2014-01-14T23:01:13","slug":"von-herzen-und-handschellen-rezension-zu-eva-illouz-die-neue-liebesordnung-frauen-manner-und-shades-of-greyvon-annemarie-opp15-1-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/01\/15\/von-herzen-und-handschellen-rezension-zu-eva-illouz-die-neue-liebesordnung-frauen-manner-und-shades-of-greyvon-annemarie-opp15-1-2014\/","title":{"rendered":"Von Herzen und Handschellen Rezension zu Eva Illouz, \u00bbDie neue Liebesordnung. Frauen, M\u00e4nner und \u203aShades of Grey\u2039\u00abvon Annemarie Opp15.1.2014"},"content":{"rendered":"<p>Wieso ist der Bestseller erfolgreich?, fragt die Soziologin<!--more--><\/p>\n<p>Viel ist im Feuilleton schon geschrieben und diskutiert worden \u00fcber E. L. James\u02bc Romantrilogie \u00bbFifty Shades\u00ab (dt. \u00bbShades of Grey\u00ab): schlecht geschrieben, frauenverachtend, der explizit pornografische Inhalt als Stein des Ansto\u00dfes \u2013 so der allgemeine, meist vernichtende Tenor. Was die Kritiker angesichts dieses Befundes umtreibt und dennoch keiner wirklich erkl\u00e4ren kann: Wie konnten drei derartige B\u00fccher im Jahr 2012 zu Rekorde brechenden Bestsellern werden?<\/p>\n<p>Dieser Frage hat sich nun auch Eva Illouz in einem l\u00e4ngeren Essay mit dem Titel \u00bbDie neue Liebesordnung \u2212 Frauen, M\u00e4nner und \u203aShades of Grey\u2039\u00ab angenommen. Der erste Abschnitt der Abhandlung befasst sich daher mit der Kommerzialisierung des Buches generell, dem Zusammenhang von Literatur und Gesellschaft, der Frage, wie Bestseller \u00fcberhaupt zu Bestsellern werden, sowie der nicht uninteressanten Publikationsgeschichte der Trilogie.<a title=\"\" href=\"#_edn1\">[i]<\/a><\/p>\n<p>Illouz\u02bc Interesse ist von Hause aus soziologisch, so dass sie ihr eigenes Vorgehen \u2013 die Analyse eines literarischen Textes zur Erl\u00e4uterung einer gesellschaftlichen Problemlage \u2013 mit einer \u00bbResonanzbeziehung\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn2\">[ii]<\/a> zwischen Literatur und Gesellschaft rechtfertigt. \u00dcber den Umweg zweier Modelle zur Erkl\u00e4rung von Trends und Moden, die sich dann jedoch nicht auf \u00bbFifty Shades\u00ab anwenden lassen, kommt sie zu dem Schluss, dass die Trilogie aus drei Gr\u00fcnden derart erfolgreich wurde: Sie dr\u00fccke erstens die \u00bbAporien heterosexueller Beziehungen\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn3\">[iii]<\/a> in der Postmoderne verschl\u00fcsselt aus, sie biete zweitens eine Phantasie zur \u00dcberwindung dieser Aporien und erf\u00fclle drittens die Funktion einer Anleitung zur Selbsthilfe in sexuellen Angelegenheiten.<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[iv]<\/a><\/p>\n<p>Illouz versucht damit, eine von den harschen Kritiken unterschiedene Perspektive auf die Romantrilogie zu gewinnen, und kn\u00fcpft an ihre vorhergehende, \u00e4u\u00dferst erfolgreiche Publikation \u00bbWhy Love Hurts\u00ab an, worin sie u.a. die Bedingungen, unter denen Liebe und Sexualit\u00e4t in der Postmoderne ma\u00dfgeblich von Unsicherheiten und Verwirrungen gepr\u00e4gt sind, analysiert. Kurzum: Der Reiz von \u00bbFifty Shades\u00ab liegt laut Illouz nicht nur darin, dass die Problemlagen gegenw\u00e4rtiger Paarbeziehungen verarbeitet und damit ein hohes Identifikationspotential geboten werde, sondern auch in dem Angebot eines handfesten L\u00f6sungsvorschlags, der das eigene Leben ver\u00e4ndern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Doch es gibt dar\u00fcber hinaus noch einen entscheidenden Faktor von \u00bbFifty Shades\u00ab, der f\u00fcr den Aufstieg zum Bestseller verantwortlich sein d\u00fcrfte: Es handelt sich um eine klassisch romantische Liebesgeschichte in bester Aschenputtel-Manier, die durch die W\u00fcrze der BDSM-Praktiken f\u00fcr die durchschnittliche Leserin<a title=\"\" href=\"#_edn5\">[v]<\/a> den Kitzel des Tabuisierten haben d\u00fcrfte. Laut Illouz k\u00f6nne die Darstellung sexueller Praktiken den Erfolg der B\u00fccher allein nicht erkl\u00e4ren \u2013 angesichts des ubiquit\u00e4ren Angebots in Literatur, Film und Internet. Vielmehr \u00bbstellt der Sex nur die Verpackung dar, in der sich die Liebesgeschichte verbirgt\u00ab.<a title=\"\" href=\"#_edn6\">[vi]<\/a><\/p>\n<p>Diese ist f\u00fcr Illouz der Dreh- und Angelpunkt in ihrer Argumentation im zweiten Abschnitt: Dort geht es um die \u00dcberwindung der Unsicherheit in der Sexualit\u00e4t, die durch ihre Isolierung von der Institution der Ehe und von romantischen Gef\u00fchlen zu \u00bbeinem leeren und freischwebenden Signifikanten\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn7\">[vii]<\/a> wurde, sowie die L\u00f6sung des chronischen Anerkennungsdefizits moderner Gesellschaften, die das Ich permanent an sich selbst zweifeln lassen \u2212 Heilung durch Liebe lautet die Devise.<\/p>\n<p>Mit der Idee absoluter Liebe, die laut Illouz in einer Kultur sexueller Autonomie nur noch schwer eingestehbar sei, liefere die Trilogie die ultimative Anerkennungsphantasie: Auch das unauff\u00e4llige, durchschnittliche M\u00e4dchen von nebenan kann zur Prinzessin eines der reichsten M\u00e4nner Amerikas werden, und im Gegenzug kann der von seinen Kindheitstraumata geplagte und in dieser Konsequenz f\u00fcnfzig Facetten \u2013 Fifty Shades \u2013 verk\u00f6rpernde Mann Liebe finden und damit eine \u203aontologische Verankerung\u2039 erfahren.<a title=\"\" href=\"#_edn8\">[viii]<\/a><\/p>\n<p>Obwohl Illouz auf den phantastischen Charakter dieser Liebesgeschichte verweist, so verwundert es doch, dass sie in dieser Geschichte einen konkreten L\u00f6sungsvorschlag f\u00fcr die zentralen Probleme zwischen M\u00e4nnern und Frauen in der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft sieht. Problematisch ist zudem das Frauen- und M\u00e4nnerbild, das Illouz im Zuge dessen entwirft.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang w\u00e4re erstens zu diskutieren, ob es in \u00bbFifty Shades\u00ab tats\u00e4chlich um die Befreiung weiblicher Sexualit\u00e4t geht. Laut Illouz werden darin Phantasien, die Frauen haben, inszeniert \u2013 dabei w\u00e4re jedoch anzumerken, dass ein Unterschied zwischen der Imagination sexuell ungew\u00f6hnlicher Praktiken und der tats\u00e4chlichen Ausf\u00fchrung dieser besteht.<a title=\"\" href=\"#_edn9\">[ix]<\/a><\/p>\n<p>In diesem Kontext ist Christian Greys extremes Bed\u00fcrfnis nach Kontrolle, das sich in seinem Verhalten bis zum Ende der Trilogie niederschl\u00e4gt, \u00e4u\u00dferst bedenklich.<a title=\"\" href=\"#_edn10\">[x]<\/a> Er schafft es, Anastasia derartig emotional von ihm abh\u00e4ngig zu machen, dass sie in etwas einwilligt, das sie nicht m\u00f6chte \u2013 man lese dazu nur die Spanking-Szene am Ende des ersten Bandes, in Folge dessen es zur Trennung kommt. Zwar unterzeichnet sie nie den Vertrag, der sie zu seiner \u203aSub\u2039 machen w\u00fcrde, Christian erwartet aber dennoch, dass sie dessen Regeln befolgt und bei Zuwiderhandlung bestraft wird.<\/p>\n<p>Es mag der Erz\u00e4hlung der klassisch romantischen und in diesem Fall konservativen Liebesgeschichte geschuldet sein, dass Anastasia noch Jungfrau ist, als sie Christian kennenlernt, jedoch kann angesichts dessen wohl kaum die Rede davon sein, dass sie wei\u00df, worauf sie sich einl\u00e4sst, als er ihr den BDSM-Vertrag als eine Bedingung, mit ihm zusammen zu sein, vorsetzt. Dass das BDSM-Mantra \u203aSafe, Sane, Consensual\u2039 hier zur Anwendung kommt, ist nur schwer vorstellbar.<\/p>\n<p>Zweitens ist Illouz\u02bc Behauptung, dass die Darstellung Christian Greys \u2013 wirtschaftlich, gesellschaftlich, kulturell und sexuell erfahren und m\u00e4chtig, kurz: hypermaskulin \u2013 typisch daf\u00fcr sei, wie Frauen M\u00e4nner in der Moderne wahrnehmen, in Zweifel zu ziehen, denn sie erscheint recht einseitig. Dazu passend definiert Illouz die Frau sozial durch ihre Schw\u00e4che, weshalb es dann auch die geheimste, romantische Phantasie jeder Frau sei, die Christian Grey erf\u00fcllt: Er legt der ohnehin schw\u00e4cheren Frau seine Macht zu F\u00fc\u00dfen, aus reiner Liebe und verbunden mit dem Risiko, seine M\u00e4nnlichkeit und sexuelle Potenz zu verlieren.<\/p>\n<p>Dies steht in einem argumentativen Gegensatz zu Illouz\u02bc Ausf\u00fchrungen im dritten Abschnitt zum \u00bbProblem mit der Gleichheit\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn11\">[xi]<\/a> und f\u00fchrt drittens zu der Frage, ob in die Romantrilogie tats\u00e4chlich Codes des Feminismus integriert sind. Anastasia sei ein \u00bbMuster an weiblicher Durchsetzungskraft und Selbstbehauptung\u00ab:<a title=\"\" href=\"#_edn12\">[xii]<\/a> Die Argumente, die Illouz daf\u00fcr anf\u00fchrt, sind jedoch anhand des Textes leicht zu entkr\u00e4ften<a title=\"\" href=\"#_edn13\">[xiii]<\/a> \u2212 mit diesen Codes wird h\u00f6chstens gespielt, sie werden letztlich jedoch nicht ernst genommen.<a title=\"\" href=\"#_edn14\">[xiv]<\/a><\/p>\n<p>Dem entspricht dann auch, dass Illouz drei Vorteile der Ungleichheit im Geschlechterverh\u00e4ltnis auflistet: die Klarheit der Geschlechterrollen, die Verwandlung des Macht- in ein Besch\u00fctzerverh\u00e4ltnis und spontanere, \u00bbweniger verkopfte[n] Gef\u00fchle[n]\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn15\">[xv]<\/a> in der Paarbeziehung \u2013 eben weil die Rollen nicht verhandelt werden m\u00fcssen.<a title=\"\" href=\"#_edn16\">[xvi]<\/a> Der Feminismus, so Illouz weiter, sei unvollendet geblieben und habe daher nur Ambivalenzen ins Geschlechterverh\u00e4ltnis eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Als Leserin des 21. Jahrhunderts mag einem angesichts dieser Argumentation ein wenig unwohl werden, legt Eva Illouz doch nahe, dass es angesichts der vielen anstrengenden Probleme, die es in Paarbeziehungen gegenw\u00e4rtig gibt, besser w\u00e4re, hinter den Feminismus und zur alten Rollenverteilung zur\u00fcckzukehren. Sie betont zwar, dass dies nur f\u00fcr das Schlafzimmer gelte und die Sehnsucht nach sexueller Dominanz nicht mit jener nach gesellschaftlicher gleichgesetzt werden d\u00fcrfte. Im sexuellen Bereich werde damit das ausagiert, was gesellschaftlich nicht mehr m\u00f6glich ist \u2013 gerechtfertigt durch den \u00bbmodernen kategorischen Imperativ [\u2026], jeden Tag f\u00fcr multiple Orgasmen zu sorgen.\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn17\">[xvii]<\/a> Das hei\u00dft f\u00fcr die Leserin, die aus der Romantrilogie Handlungsanleitungen mitnehmen soll: Im BDSM-Sex als Liebesutopie \u2013 die Illouz im vierten Abschnitt postuliert \u2212 liegt die L\u00f6sung gegenw\u00e4rtiger Partnerschaftsprobleme.<\/p>\n<p>Damit ergibt sich schlie\u00dflich das letzte, grundlegende Problem in der Argumentation Illouz\u02bc, es ist ein Problem, das aus der Anwendung von fiktionaler Literatur auf reale gesellschaftliche Probleme resultiert: Das, was in der \u00bbFifty Shades\u00ab-Trilogie als BDSM-Sex verkauft wird, hat mit den BDSM-Praktiken der realen Welt nur sehr wenig zu tun \u2013 Fakt und Fiktion treten auseinander.<a title=\"\" href=\"#_edn18\">[xviii]<\/a> Nicht nur wird der Grundsatz des \u203aSafe, Sane, Consensual\u2039 nicht im Entferntesten erf\u00fcllt, es wird zudem die Pathologisierung von BDSM nahegelegt, wenn Christian Grey nur deshalb seinen Kick in sadistischen sexuellen Praktiken findet, weil er aufgrund einer traumatisierenden Kindheit damit einhergehende psychische Probleme hat.<a title=\"\" href=\"#_edn19\">[xix]<\/a><\/p>\n<p>Auch die von Illouz betonte Beschr\u00e4nkung der traditionellen Rollenverh\u00e4ltnisse auf den sexuellen Bereich wird in der Trilogie nicht eingehalten: Christian Grey bleibt bis zum Schluss derjenige, der Anastasias Leben vollst\u00e4ndig \u00fcberwacht und kontrolliert. Sollte der reale BDSM-Lebensstil tats\u00e4chlich eine L\u00f6sung der Probleme moderner Paarbeziehungen anbieten, so d\u00fcrfte dieser dennoch f\u00fcr das Gros der Bev\u00f6lkerung keine reale Option darstellen: Es ist und bleibt eine minorit\u00e4re Vorliebe, die jede Menge Information und Erfahrung verlangt \u2212 beides kann man sich durch das Lesen von \u00bbFifty Shades\u00ab nicht aneignen.<\/p>\n<p>Eva Illouz referiert in diesem Zusammenhang lieber auf den deutlich gestiegenen Absatz von Sexspielzeug in Folge der Ver\u00f6ffentlichung der Trilogie, weshalb diese keineswegs Pornografie sei, sondern wie Ratgeberliteratur funktioniere.<a title=\"\" href=\"#_edn20\">[xx]<\/a> Was sie hier einen \u00bbAkt der Selbsterm\u00e4chtigung und Selbstverbesserung\u00ab<a title=\"\" href=\"#_edn21\">[xxi]<\/a> nennt, geh\u00f6rt jedoch zu den Praktiken der Optimierung des Selbst und zur \u00d6konomisierung sozialer Beziehungen \u2013 eine zentrale Quelle der Probleme in postmodernen Paarbeziehungen, wie Illouz selbst in \u00bbWhy Love Hurts\u00ab darlegt.<a title=\"\" href=\"#_edn22\">[xxii]<\/a> Phantasien spielen dabei eine gro\u00dfe Rolle, das Imaginationspotential von Konsumprodukten ist enorm.<a title=\"\" href=\"#_edn23\">[xxiii]<\/a> Und in diese Reihe geh\u00f6rt dann auch die \u00bbFifty Shades\u00ab-Trilogie selbst: F\u00fcr die durchschnittliche Leserin d\u00fcrfte sie weniger die \u203aneue Liebesordnung\u2039 als vor allem eine romantische Phantasie mit hohem eskapistischen Potenzial sein \u2013 nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> Diese ist bisher nur selten in der Diskussion um die \u00bbFifty Shades\u00ab-Trilogie angesprochen worden und wird auch von Illouz nicht weiter verfolgt: Es handelt sich dabei um Fanfiction zu den \u00bbTwilight\u00ab-Romanen und -Filmen von Stephenie Meyer, sie entstammt damit einem Raum, dem Fandom, der spezifischen Regeln folgt und dessen Grenzen klar definiert sind. Diesem Ursprung verdankt die Trilogie ihren phantastischen Charakter, dar\u00fcber hinaus ist Pornografie in Fanfiction alles andere als ungew\u00f6hnlich. Vor diesem Hintergrund ist der Erfolg von \u00bbFifty Shades\u00ab umso erstaunlicher, weil Fanfiction von Hobby-Autoren in der Regel nur ein sehr spezifisches Publikum anspricht. Da der Verlag Vintage (Random House) und E. L. James jedoch daf\u00fcr gesorgt haben, dass dieser Ursprung gekappt und eine origin\u00e4re Kreation propagiert wurde, d\u00fcrfte der Gro\u00dfteil der LeserInnen keine Ahnung davon haben \u2013 hierin liegt im \u00dcbrigen auch ein Originalit\u00e4ts- und damit Plagiatsproblem, da die Charaktere der urspr\u00fcnglichen Kreation, den Twilight-Romanen, entnommen sind. Im Fandom selbst ist das P2P-Verfahren (\u203apull to publish\u2039) h\u00f6chst umstritten, es gibt eigens Blogeintr\u00e4ge, die sich mit der \u00dcbereinstimmung zwischen der urspr\u00fcnglichen Fanfiction \u00bbMaster of the Universe\u00bb und \u00bbFifty Shades\u00ab (sie liegt bei 89%) sowie der Moral der kommerziellen Vermarktung von etwas, das ausschlie\u00dflich zum Vergn\u00fcgen von Fans f\u00fcr Fans geschrieben wurde, auseinandersetzen. Vgl. dazu: http:\/\/dearauthor.com\/features\/industry-news\/master-of-the-universe-versus-fifty-shades-by-e-l-james-comparison, 21.12.2013, und http:\/\/www.teleread.com\/ebooks\/twilight-fanfic-pulling-to-publish-and-the-fandom-gift-economy, 23.12.2013.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> Vgl. Eva Illouz: Die neue Liebesordnung. Frauen, M\u00e4nner und \u00bbShades of Grey<em>\u00ab. <\/em>Berlin: Suhrkamp 2013, S. 24.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Illouz: Liebesordnung, S. 32.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Vgl. ebd.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> Die Leserschaft der \u00bbFifty Shades\u00ab-Trilogie ist vor allem weiblich, vgl. Illouz: Liebesordnung, S. 33f.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref6\">[vi]<\/a> Ist Sadomasochismus die L\u00f6sung? Ein Gespr\u00e4ch mit Eva Illouz. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. Juni 2013.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref7\">[vii]<\/a> Illouz: Liebesordnung, S. 41.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref8\">[viii]<\/a> Vgl. ebd., S. 54.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref9\">[ix]<\/a> Ein gutes Beispiel sind die so oft ins Feld gef\u00fchrten Vergewaltigungsphantasien von Frauen, die auch Illouz anspricht (vgl. Liebesordnung, S. 57). Die wenigsten der Frauen, die diese Phantasien haben, d\u00fcrften jedoch eine tats\u00e4chliche Vergewaltigung als die Auslebung eines sexuellen Kicks bewerten.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref10\">[x]<\/a> Ein paar Beispiele: Noch bevor sich die beiden wirklich kennenlernen, l\u00e4sst er ihr Handy ohne ihr Wissen \u00fcberwachen und verfolgen sowie eine Hintergrund\u00fcberpr\u00fcfung vornehmen. Als Anastasia v\u00f6llig betrunken ist, nimmt er sie mit zu sich, zieht sie aus und um, ohne dass sie sich daran erinnern kann. Fortan \u00fcberwacht er sie permanent \u2013 nat\u00fcrlich nur zu ihrer eigenen Sicherheit. Christian kauft und schenkt ihr Dinge, obwohl sie dies immer wieder ablehnt. Er schreibt ihr vor, wann sie wie viel zu essen hat und duldet an ihr keine freiz\u00fcgige Kleidung. Dieses Kontrollverhalten Christians ist nicht verhandelbar \u2013 Anastasia gibt dem immer wieder nach \u2212 \u00a0und \u00e4ndert sich daher auch nicht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref11\">[xi]<\/a> Illouz: Liebesordnung, S. 56-61.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref12\">[xii]<\/a> Ebd., S. 57.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref13\">[xiii]<\/a> Vgl. Illouz: Liebesordnung, S.56f. Dass Anastasia ihren M\u00e4dchennamen beh\u00e4lt, stimmt schlichtweg nicht, nach der Hochzeit ist sie fortan \u203aMrs. Grey\u2039. Dass sie eine vermeintliche Konkurrentin kurzerhand aus Eifersucht feuern l\u00e4sst, zeugt wohl weniger von emanzipiertem und selbstsicherem, denn von kindisch-un\u00fcberlegtem und zudem moralisch bedenklichem Verhalten. Dass sie keinen Vorteil daraus zieht, dass Christian den Verlag aufkauft, in dem sie arbeitet \u2013 auch dies ein Akt des Kontrollzwangs und der Eifersucht \u2013 kann nicht ohne Weiteres behauptet werden; sicher ist, dass sie ohne dem nicht so schnell in der Position w\u00e4re, die sie schlie\u00dflich als leitende Lektorin einnimmt. Dass sie ihn trotz seines enormen Reichtums zum Essen einl\u00e4dt, kommt \u00e4u\u00dferst selten vor, es steht in keinem Verh\u00e4ltnis zu Christians Investitionen in die Beziehung und in Anastasia, sodass von Gleichheit oder Unabh\u00e4ngigkeit nicht die Rede sein kann. Dass sie sich weiterhin mit Freunden trifft, obwohl Christian dies nicht m\u00f6chte, geht f\u00fcr sie nie ohne entsprechendes Drama oder Bestrafung einher. Es gibt nur eine einzige Ausnahme, die von Anastasias Durchsetzungskraft zeugt: Wenn sie im dritten Band Jack Hyde im Alleingang zur Strecke bringt. Direkt danach jedoch steht sie wieder unter dem \u203abesonderen Schutz\u2039 von Christian Grey.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref14\">[xiv]<\/a> Illouz selbst nennt Anastasia eine \u00bbParodie auf weibliches Durchsetzungsverm\u00f6gen\u00ab (Illouz: Liebesordnung, S. 56). Zudem sei bemerkt: Dass Frauen, die das Buch gern gelesen haben, dieses als feministisch verteidigen, mag nicht an der tats\u00e4chlichen feministischen Qualit\u00e4t des Buches liegen, die es meines Erachtens nicht hat, sondern daran, dass man es sich als Frau heute gar nicht leisten kann, anti-feministisch zu sein \u2212 dies erkl\u00e4rt dann im \u00dcbrigen eventuell auch die Feminismus-Argumentation von Illouz.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref15\">[xv]<\/a> Illouz: Liebesordnung, S. 59.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref16\">[xvi]<\/a> Illouz belegt dies mit einem Zitat einer Bloggerin, die Konsens bei sexuellen Handlungen f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig erkl\u00e4rt (vgl. Liebesordnung, S. 59). Dies ist sehr bedenklich, weil es im Gegenzug Vergewaltigungen rechtfertigt. Hierin zeigt sich im \u00dcbrigen auch ein methodisches Problem, da Illouz die Kriterien der Auswahl der Blogs, die sie zitiert, nicht offenlegt, geschweige denn anspricht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref17\">[xvii]<\/a> Illouz: Liebesordnung, S. 61.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref18\">[xviii]<\/a> Es gibt Studien, die v\u00f6llig kontr\u00e4r zu Illouz argumentieren und die \u00bbFifty Shades\u00ab-Trilogie als Romantisierung von Missbrauch interpretieren, die nichts mit dem tats\u00e4chlichen BDSM-Lebensstil zu tun hat, vgl. z.B. Amy E. Bonomi, Lauren E. Altenburger, Nicole L. Walton: \u203aDouble Crap!\u2039 Abuse and Harmed Identity in \u00bbFifty Shades of Grey\u00ab. In: Journal of Women&#8217;s Health 22 (2013), H. 9, S. 733-744. Eine simple Google-Suche ergibt zudem unz\u00e4hlige Diskussionen im Internet, in denen sich BDSM Praktizierende zu Wort melden und die Trilogie f\u00fcr realit\u00e4tsfremd erkl\u00e4ren.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref19\">[xix]<\/a> Die Pathologie von BDSM ist mittlerweile in mehreren Studien widerlegt worden, vgl. beispielsweise diese australische Studie: http:\/\/www.ncbi.nlm.nih.gov\/pubmed\/18331257?dopt=Abstract.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref20\">[xx]<\/a> Vgl. Illouz: Liebesordnung, S. 71. Pornografie, so Illouz, sei nur dazu da, M\u00e4nner zum Masturbieren anzuregen, Frauen dagegen lesen B\u00fccher vor allem identifikatorisch und als Ratgeber. Auch diese These ist problematisch, denn sie zeigt nicht nur eine eingeschr\u00e4nkte Perspektive sowohl auf weibliche Lekt\u00fcre als auch Masturbation, sondern verwischt auch die Probleme, die Pornografie im Kontext von Gewalt gegen Frauen mit sich bringt, vgl. dazu z.B. Gail Dines, Sharon Smith: Porn and the misogyny emergency. In: http:\/\/overland.org.au\/previous-issues\/issue-207\/feature-gail-dines-sharon-smith\/, 23.12.2013.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref21\">[xxi]<\/a> Illouz: Liebesordnung, S. 74.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref22\">[xxii]<\/a> Vgl. Eva Illouz: Why Love Hurts. Cambridge u.a. 2012, S. 9f.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref23\">[xxiii]<\/a> Vgl. Wolfgang Ullrich: Habenwollen. Wie funktioniert die Konsumkultur? 2. Aufl. Frankfurt\/M. 2009, S. 45-52.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis:<\/strong><br \/>\nEva Illouz<br \/>\nDie neue Liebesordnung. Frauen, M\u00e4nner und \u00bbShades of Grey<em>\u00ab<\/em><br \/>\nBerlin 2013<br \/>\nSuhrkamp Verlag<br \/>\nISBN 978-3-518-06487-0<br \/>\n89 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website opp\" href=\"http:\/\/www2.uni-frankfurt.de\/42362329\/opp\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Annemarie Opp<\/a> ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universit\u00e4t Frankfurt\/Main.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieso ist der Bestseller erfolgreich?, fragt die Soziologin<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[195,604,689,1371,1837,1993,2122,2585],"class_list":["post-2641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-annemarie-opp","tag-e-l-james","tag-eva-illouz","tag-liebe","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension","tag-shades-of-grey","tag-zeitdiagnose"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2641"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2641\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}