{"id":2653,"date":"2014-01-16T01:04:42","date_gmt":"2014-01-15T23:04:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2653"},"modified":"2014-01-16T01:04:42","modified_gmt":"2014-01-15T23:04:42","slug":"konsumrezension-januarvon-antonia-wagner16-1-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/01\/16\/konsumrezension-januarvon-antonia-wagner16-1-2014\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Januarvon Antonia Wagner16.1.2014"},"content":{"rendered":"<p>Der feministische Bechdel-Test, umformuliert f\u00fcrs Marketing, ausprobiert an AXE Deodorant Bodyspray.<!--more mehr--><\/p>\n<p>Der \u201ekleine Unterschied\u201c zwischen Mann und Frau l\u00e4sst sich schnell im Supermarktregal erkennen: rosa-hellblau, rund-kantig, dunkel-hell, s\u00fc\u00df-herb. W\u00e4hrend das Ziel einer Produktrezension die kritische Untersuchung der sinnlichen Erfahrung eines Konsumproduktes im Kontext seines Gebrauchs sein sollte, m\u00f6chte ich dieses Verst\u00e4ndnis einer Konsumrezension um die Notwendigkeit erg\u00e4nzen, das Produktdesign und seine (un)intendierten Gebrauchsweisen auch hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen Reproduktion von Genderrollen zu pr\u00fcfen.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hierf\u00fcr den Versuch machen, den Bechdel-Test f\u00fcr die Frauenfreundlichkeit von Filmen auf die Beurteilung von Konsumprodukten anzuwenden. Der Test ist benannt nach Alison Bechdel, die in einem Comic drei Kriterien f\u00fcr einen frauenfreundlichen fiktionalen Film aufstellte: Dass er erstens zwei Frauen zeigt, die zweitens miteinander sprechen und drittens \u00fcber etwas anderes als M\u00e4nner. Es geht bei dem Test darum, das weibliche Geschlecht nicht ausschlie\u00dflich in Relation zum m\u00e4nnlichen zu betrachten, denn das andere Geschlecht macht bekanntlich nur einen Teil im Leben einer Frau aus.<\/p>\n<p>Weitere Versionen des Tests wurden entwickelt, die beispielsweise dem dritten Punkt Gespr\u00e4che \u00fcber Familie und Kinder hinzuf\u00fcgen, was die Zahl der die Kriterien erf\u00fcllenden Filme noch einmal erheblich senkt. Berechtigterweise wurde das Schema jedoch auch f\u00fcr seine Unzul\u00e4nglichkeit kritisiert, Sexismus zu benennen, da er nur die Pr\u00e4senz von Frauen in fiktionalen Filmen testet und nicht sexistische Inhalte.<\/p>\n<p>Es besteht kein Zweifel daran, dass die Kritik von Sexismus in der Werbung ein zentrales feministisches Anliegen war und nach wie vor ist. Werbebotschaften, die M\u00e4nner und Frauen zeigen, k\u00f6nnen in der Rollen- und K\u00f6rperdarstellung und deren Machtverh\u00e4ltnissen sexistisch sein. Auf der design\u00e4sthetischen Ebene wird der Sexismus jedoch h\u00e4ufiger nicht direkt, sondern indirekt als Gestaltung mit limitierenden Gebrauchsweisen evident.<\/p>\n<p>Wenn die Organisation Pinkstinks beispielsweise das rosa verpackte \u00dcberraschungsei kritisiert, dann nicht weil rosa an sich als Verpackung sexistisch w\u00e4re, sondern weil \u00fcberall immer wieder Rosa als Farbe der M\u00e4dchenhaftigkeit vermittelt wird. Diese eingeschr\u00e4nkte Vorstellung von Weiblichkeit und M\u00e4dchenhaftigkeit kann Sexismus f\u00f6rdern. Das rosa \u00dc-Ei ist in seiner Ausschlie\u00dflichkeit nicht akzeptabel. Leider hat das Unternehmen nicht mit einer bunten M\u00e4dchen-und-Jungen-\u00dcberraschungsei-Version (bei der rosa nur eine Version von mehreren w\u00e4re) auf ihre Kritiker*innen geantwortet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Bechdel-Test f\u00fcr Konsumprodukte<\/p>\n<p>Wie lassen sich die drei Kriterien des Bechdel-Tests auf Konsumprodukte \u00fcbertragen? Hier ein Vorschlag, der zur \u00dcberpr\u00fcfung beitragen soll, wie frauenfreundlich Konsumprodukte sind:<\/p>\n<p>1. Die Gestaltung des Produkts betont weder weiblich noch m\u00e4nnlich konnotierte Attribute, Verhaltensweisen oder Vorz\u00fcge, indem a) Gegens\u00e4tze vereint oder nicht sexuell konnotierte Gestaltungselemente genutzt werden oder b) das Produkt in mehrfachen Varianten existiert, sodass das Produkt nicht auf jeweils eine M\u00e4nner- oder Frauenrolle limitiert bleibt. Ein einzelnes Frauenprodukt unter mehrfachen M\u00e4nnerprodukten oder andersherum stellt n\u00e4mlich die bin\u00e4re Opposition der Geschlechter zu stark in den Vordergrund. Es muss also f\u00fcr Frauen und M\u00e4nner jeweils mindestens zwei Varianten eines Produkts geben.<\/p>\n<p>2. Das Produkt muss einen Assoziationsraum f\u00fcr seinen Gebrauch bieten, der sich nicht nur auf die Zweisamkeit von Mann und Frau bezieht. Vielmehr m\u00fcssen durch das Produkt Situationen nahegelegt werden, in denen auch Frauen mit Frauen (und M\u00e4nner mit M\u00e4nnern) kommunizieren.<\/p>\n<p>3. Die Kommunikation der Frauen darf sich nicht alleine auf M\u00e4nner (bzw. die der M\u00e4nner nicht auf Frauen) beziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">AXE Deodorant Bodyspray<\/p>\n<p>Testen wir, ob das Deodorant Bodyspray der Marke AXE des Unternehmens Unilever die genannten Kriterien erf\u00fcllt. Deos gab es schon im alten \u00c4gypten. Das erste Roll-Deo wurde in den 1930er Jahren auf den Markt gebracht, in Spr\u00fchdosen gibt es sie seit den 1960er Jahren. Bodysprays hingegen sind relativ neu. Das zeigen auch die Hilferufe in Konsument*innenforen: \u201eWo benutzt man eigentlich ein Bodyspray?\u201c wird dort gefragt. Die Antwort lautet: \u201eAuf den ganzen K\u00f6rper \u2013 da wo du sp\u00e4ter Schnupperer erwartest ;-)\u201c Am Ende der Werbespots f\u00fcr AXE wird gezeigt, wie das geht: Der Mann steht in Boxershorts und spr\u00fcht in einer S-f\u00f6rmigen Kurve das Deodorant Bodyspray \u00fcber Brust, Bauch und Intimzone.<\/p>\n<div id=\"attachment_2657\" style=\"width: 705px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/01\/AXE-Bodyspray.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2657\" class=\"size-large wp-image-2657\" title=\"AXE Bodyspray\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/01\/AXE-Bodyspray-1024x380.jpeg\" alt=\"\" width=\"695\" height=\"257\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2657\" class=\"wp-caption-text\">Bild: Hersteller<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das erste Kriterium des Tests wird nicht erf\u00fcllt: Das Bodyspray richtet sich fast ausschlie\u00dflich an M\u00e4nner und zeigt Varianten von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit nicht gleichwertig nebeneinander. Auf den Verpackungen, die an eine Spraydose erinnern, sind passend zum jeweiligen Produkttitel dynamische Zeichen ferner Welten abgebildet: die leuchtenden Sterne des \u201eDeep Space\u201c, die \u00d6l auf schwarzem Wasser \u00e4hnelnden Kringel einer \u201eDark Temptation\u201c, \u201eApollo\u201c mit zackigen Spuren im All, \u201eAnarchy for him\/for her\u201c mit Stra\u00dfenschablonendrucken und \u201eSportblast\u201c mit runden, eleganten und schnellen Linien eines Balls oder anderer Sportbewegungen.<\/p>\n<p>Aktuell wird die \u201eSpecial Edition\u201c AXE Mature beworben, deren tiefes Rot f\u00fcr die noch zu entdeckende Welt der Erotik zu stehen scheint. Dennoch \u00fcberwiegt farblich Schwarz, gefolgt von Blau-, Gr\u00fcn- und Silbert\u00f6nen. Sowohl die schwarze Haube als auch die sich ver\u00e4ndernden Designs sind m\u00e4nnlich konnotiert, Designs, die das Weibliche im Mann ansprechen wie bei den Varianten \u201eExcite\u201c mit pinken Flammen oder das Wei\u00df der Version \u201eSensitive\u201c haben dagegen Seltenheitswert. F\u00fcr Frauen gibt es genau ein einziges AXE Produkt. Die Frau wird damit zu einer Repr\u00e4sentantin von Weiblichkeit, anstatt Frauen in ihrer Unterschiedlichkeit darzustellen. Es richtet sich an die Frau als Vorstellung und ist nicht f\u00fcr unterschiedliche Typen von Weiblichkeit gemacht.<\/p>\n<p>Kriterium zwei l\u00e4sst sich folglich nur noch f\u00fcr M\u00e4nner testen, da das Bodyspray gar keine Frauenprodukte f\u00fcr unterschiedliche Frauentypen anbietet. Die Extremsituationen, die mit den Bodysprays verbunden werden, das All, die Arktis, lange Trinkn\u00e4chte, heftiger Sport, Ungl\u00fccksf\u00e4lle wie Erdbeben oder Autounf\u00e4lle lie\u00dfen zwar grunds\u00e4tzlich Gespr\u00e4che bzw. kommunikative Aktivit\u00e4t zwischen M\u00e4nnern zu, zeigen sie jedoch isoliert. Kriterium zwei ist ausschlie\u00dflich f\u00fcr M\u00e4nner und nicht f\u00fcr Frauen erf\u00fcllt, weil mit den Situationen ein dynamisches Miteinander von M\u00e4nnern assoziiert wird. Dennoch werden die M\u00e4nner in den Spots auf ihr Handeln f\u00fcr \u201edie Frau\u201c reduziert, was durch die Existenz des einen und einzigen AXE Bodysprays \u201efor her\u201c unterstrichen wird.<\/p>\n<p>Damit ist Kriterium drei auch f\u00fcr M\u00e4nner nicht erf\u00fcllt: Immer taucht eine Frau auf, die gerettet oder erobert werden will oder um deren Applaus es geht. M\u00e4nnlichkeit bei AXE existiert nur als komplement\u00e4rer Gegensatz zur Weiblichkeit. Der Mann genie\u00dft den guten K\u00f6rpergeruch nicht als olfaktorisches Erlebnis, sondern nutzt ihn, um die Frau damit ins Bett zu bekommen. AXE Bodysprays erf\u00fcllen folglich nicht die Kriterien f\u00fcr \u201eFrauen- und M\u00e4nnerfreundlichkeit\u201c.<\/p>\n<p>Was der Bechdel-Test bei Filmen verdeutlicht, leistet er auch f\u00fcr Konsumprodukte: Im Fall von AXE existieren Frauen nur aus Sicht von M\u00e4nnern und als einsame Repr\u00e4sentation von Weiblichkeit, nicht jedoch als vielf\u00e4ltige, menschliche Charaktere. Gleichwohl f\u00e4llt auf, dass M\u00e4nnern durch Konsumprodukte auch ein Stereotyp von M\u00e4nnlichkeit als Frauenheld auferlegt werden kann. Dies best\u00e4rkt meinen Ansatz, bei der \u00dcbertragung des Bechdel-Tests auf Konsumprodukte nicht nur Frauen-, sondern auch M\u00e4nnerfreundlichkeit zu untersuchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Fazit<\/p>\n<p>Eine Konsumproduktkritik sollte meines Erachtens pr\u00fcfen, wie Handlungs- und Gebrauchsweisen der Konsument*innen durch die Produkt\u00e4sthetik gereizt, inspiriert und angeleitet werden. Daf\u00fcr sollte sie f\u00fcr die Geschlechtergleichwertigkeit und gegen Diskriminierung eintreten und pr\u00fcfen, inwiefern sich die Fiktions- und Gebrauchsversprechen nur an ausgew\u00e4hlte Stereotype wenden.<\/p>\n<p>Denn Produkte, die die Geschlechter in Gegens\u00e4tze trennen, d.h. nur Frauen, die so, und M\u00e4nner, die eben so (nicht) handeln, ansprechen, widersprechen nicht nur der gesellschaftlichen Vorstellung von Gleichstellung. Sie stehen insbesondere dem Anspruch der Konsumwelt, eine reiche, bunte und vielf\u00e4ltige Sinneserfahrung zu erm\u00f6glichen, die alle Bed\u00fcrfnisse befriedigen kann, diametral entgegen. In diesem Sinne hat uns die \u00dcbertragung des Bechdel-Tests auf Konsumprodukte erste m\u00f6gliche Qualit\u00e4tsmerkmale f\u00fcr genderfreundliche Konsumprodukte geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website wagner\" href=\"http:\/\/www.hfg-karlsruhe.de\/lehrende\/akad-mitarbeiter\/antonia-wagner.html\" target=\"_blank\">Antonia Wagner<\/a> ist akademische Mitarbeiterin am Institut f\u00fcr Kunstwissenschaft und Medientheorie, Staatliche Hochschule f\u00fcr Gestaltung Karlsruhe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der feministische Bechdel-Test, umformuliert f\u00fcrs Marketing, ausprobiert an AXE Deodorant Bodyspray.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[210,280,303,1282,1458,1837,2523],"class_list":["post-2653","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-antonia-wagner","tag-axe-deodorant","tag-bechdel-test","tag-konsumrezension","tag-marketing","tag-pop-zeitschrift-2","tag-werbung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2653","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2653"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2653\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}