{"id":2662,"date":"2014-01-16T01:13:13","date_gmt":"2014-01-15T23:13:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2662"},"modified":"2014-01-16T01:13:13","modified_gmt":"2014-01-15T23:13:13","slug":"pop-pose-und-postdemokratie-von-nadja-geer16-1-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/01\/16\/pop-pose-und-postdemokratie-von-nadja-geer16-1-2014\/","title":{"rendered":"Pop, Pose und Postdemokratie von Nadja Geer16.1.2014"},"content":{"rendered":"<p>Ein Pop-Materialismus, der in der Geste die physische Idee erkennt<!--more--><\/p>\n<p>2008 beschrieb Diedrich Diederichsen in \u00bbEigenblutdoping\u00ab die Pose als ein Gegenkonzept zu dem, was er als Fetisch der Kunst der Gegenwart erkannte: Bio-\u00c4sthetik und ungebrochene Lebendigkeit.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> In einem Aufsatz zu Politik und Moral bei Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol hatte er schon drei Jahre zuvor die Pose, als \u00bbneue, man kann sagen: minorit\u00e4re oder auch in einem weiteren Sinne queere Position zwischen Selbsterm\u00e4chtigung und Unterdr\u00fcckung\u00ab geadelt, und zwar \u00bbim Sinne eines narzisstischen lebenden Bildes, einer Kinokategorie, die nicht nach der Narration und der Konsequenz, sondern nach dem gedehnten Moment strebt\u00ab.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Was Diederichsen in seinem \u00a0Buch nur sehr nebenbei streift, n\u00e4mlich den Rock\u02bcn\u02bcRoll als \u203aklassisches Format\u2039 \u00bbpseudo-kontingenter Lebendigkeitsproduktion\u00ab, soll hier noch mal f\u00fcr einen Moment im Mittelpunkt stehen.<\/p>\n<p>Vor der queeren Pose gab es im Pop schon das Konzept \u203aquere Pose\u2039. Dieses hatte wenig mit Kino, aber viel mit Narration und dem Spiel der Bedeutungen zu tun. \u00dcber seine performativen und figurativen Elemente kann es zur\u00fcckgebunden werden an den afroamerikanischen Trickster, den \u00bbsignifying monkey\u00ab, der, wie Henry Louis Gates schrieb,\u00a0 die \u00bbgro\u00dfe Trope des afroamerikanischen Diskurses\u00ab sei in seiner \u00bbdouble-voiced trickery through indirection\u00ab. Die K\u00fcnstlichkeit und Kunstfertigkeit des schwarzes Tricksters und seine \u00fcber den Gott Esu gegebene N\u00e4he zum Phallischen, die sich im schwarzen Rock\u2019n\u2018Roll Anfang der 1950er-Jahre niederschlug, rief, so behaupte ich, sogar ganz nebenbei Pop ins Leben.<\/p>\n<p>Pop als subversive Form, deren Anspielungen und Verklausulierungen dazu beigetragen haben, dass sich nicht nur die Rolle der Afroamerikaner in der amerikanischen Gesellschaft ver\u00e4ndert hat, sondern auch die Rolle der Kunst. Die \u203aVerwei\u00dfung\u2039 durch Warhol oder durch die britische Independent Group sind vielleicht Pop-Art, aber vor der Pop-Art gab es schon eine Pop-Form, die gar nicht Art sein wollte. Und diese Form hatte sehr viel mit dem (Re)Konstruktionsprozess schwarzer Kulturen innerhalb der schwarzen Diaspora zu tun.<\/p>\n<p>Insofern k\u00f6nnte man sogar sagen, dass der Ursprung von Pop in zwei Emanzipationsbewegungen lag: Einmal in der afroamerikanischen Selbsterm\u00e4chtigungsform namens Rock\u2019n\u2019Roll und dann in der wei\u00dfen Selbsterm\u00e4chtigungsform namens Camp, in der an die Stelle der alten, europ\u00e4ischen Aristokratie eine Aristokratie des Geschmacks gesetzt wurde. Hier kommt dann auch die queere Pose wieder ins Spiel, aber im Gegensatz zu einigen Pop-Theoretikern glaube ich, dass Pop eben nicht mit Camp begann, sondern mit Rock\u02bcn\u02bcRoll.<\/p>\n<p>Das ist nicht nur eine Lappalie, denn der Unterschied zwischen beiden Konzepten liegt darin, dass das eine von sich \u00bbselbst abbildenden Strategien\u00ab ausgeht (Diederichsen) und das andere von der Form. In den Sich-selbst-abbildenden-Strategien findet sich eher die f\u00fcr den Pop so wichtige Subversion, w\u00e4hrend der Gedanke der Rebellion, der ja im Zusammenhang mit Pop fast schon zu einem Relikt aus l\u00e4ngst vergangenen Zeiten geworden ist, im Rock\u02bcn\u02bcRoll und Punk beheimatet ist.<\/p>\n<p>Punk steht f\u00fcr ein (teilweise auch j\u00fcdisches, wie wir im letzten Jahr von Caspar Battegay gelernt haben) Aufbegehren gegen europ\u00e4ische Spie\u00dfer, gegen die Kleinb\u00fcrgerlichkeit, die ja bekannterma\u00dfen die Regeln der Aristokratie nicht abgelegt hat, sondern nur an ihre Lebenswelt angepasst. Damit kann Punk also eigentlich f\u00fcr das Pop-Konzept Distinktion einstehen \u2013 auf jeden Fall f\u00fcr das im deutschen Pop beliebte Modell des Punks nach Feierabend (ich erinnere an Peter Hein von den Fehlfarben).<\/p>\n<p>Als Pop in den 1990er Jahren in Deutschland auch allgemein pl\u00f6tzlich mit Distinktion gleichgesetzt wurde, da war das nat\u00fcrlich nicht nur der Effekt des deutschen Post-Punk, sondern auch der Import eines Habitus aus Gro\u00dfbritannien, des Brit-Pop der 1990er Jahre. Der britische working class intellectual, jemand wie Mark E. Smith oder Jarvis Cocker, wurde mit seinen Idiosynkrasien und Minderwertigkeitskomplexen zu einer Art Folie f\u00fcr den deutschen depressiven Dandy der 1990er Jahre. Das war eigentlich ein Rollback in die alten britischen Punkzeiten: Mit Pop gegen Margret Thatcher, auch wenn diese schon nicht mehr regierte. Damals bediente man sich der Dialektik von Pop und Zentrum und schuf das Ph\u00e4nomen mit dem Namen Indie.<\/p>\n<p>Im Berlin der 1990er Jahre dann wurde das Konzept Indie als Pose eingedeutscht. Auch die Pop-Literatur konnte erst entstehen, als die Deutschen Pop verdeutscht hatten, wof\u00fcr sie den britischen Klassenaspekt romantisierten. In Deutschland wandte man sich ab von dem amerikanischen Modell Pop gleich sozialer Aufstieg. Stattdessen bastelte man sich, das britische Modell \u2013 Pop gleich Klasse \u2013 verwendend, sein eigenes, sehr deutsches Modell: Pop gleich stylishe Nische. Gleichzeitig gab es im Diskurs noch \u00dcberreste aus den 1980er Jahren, denen ich in meinem Buch \u00bbSophistication. Zwischen Denkstil und Pose\u00ab hinterher gesp\u00fcrt habe, indem Stil und Wissen eine seltsame Machtkonstellation ins Leben gerufen haben, die auf der Idee beruhte, dass Stil eine Erkenntnisform sei \u2013 dabei ist er bekanntlich nur eine Zivilisationsstufe.<\/p>\n<p>Das schizophrene Verh\u00e4ltnis zur Macht und zu einem hegemonialen Diskurs hat lange zu Differenzen und zu einem gro\u00dfen Unbehagen in der deutschen Pop-Linken gef\u00fchrt. Einen Ausweg zeigte das Konzept \u00bbqueer\u00ab. \u00a0Denn durch \u00bbqueer\u00ab wurde pl\u00f6tzlich die Paradoxie m\u00f6glich, in der Mitte sein zu wollen, aber gleichzeitig Underground. Und das hat etwas damit zu tun, dass Judith Butler in einem gro\u00dfen Wurf im Kontext der idealistischen Philosophie aus der Idee der Subversion \u2013 und um nichts anderes geht es ja in den oben vorgestellten Pop-Konzepten \u2013 ein Sein machte. Allerdings ein Sein, das vorgibt, eine Travestie zu sein. Ein anti-essentialistisches Sein, ein Sein unter dem Strich.<\/p>\n<p>Wie auf einer Queer-Konferenz in Berlin vor drei Jahren gut zu erkennen war, ist allerdings die Pose im Kontext einer queeren feministischen Politik sehr viel problematischer als in der von Diederichsen entworfenen Idee des narzisstischen gedehnten Bildes. Denn Queer im Sinne einer radikalen weiblichen Homosexualit\u00e4t kann man eigentlich nicht posen. Wie Monique Wittig 1969 schrieb: Jede Geste ist ein Umsturz. Politisch ist Queer \u2013 genau wie Pop \u2013 erst, wenn es gelebt wird, als Gegenentwurf. Dieses Argument ist ja im Sinne von Diedrich Diederichsen der pure Reaktionismus. Wer also hinter die Pose als Konzept zur\u00fccktritt oder diese zu einem Sein umwandeln will, ist reaktion\u00e4r. Stimmt das?<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pose und Poptheorie<\/p>\n<p>Dem poststrukturalistischen Feminismus, so argumentiert Linda Zerilli in ihrem (im Original 2005 erschienenen) Buch \u00bbFeminismus und der Abgrund der Freiheit\u00ab, sei etwas Wertvolles verloren gegangen: die Politik als eine inaugurale Freiheitspraxis. Genau dasselbe k\u00f6nnte man von der Poptheorie der letzten Jahre sagen: Durch die Fixiertheit auf die Dekonstruktion des transzendentalen Subjekts und die damit einhergehenden anti-essentialistischen Subjekthaltungen wie die der Pose, hat sich die Poptheorie die M\u00f6glichkeit genommen, eine neue Form der Politik und Kritik ins Leben zu rufen, und so politisch zu handeln.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Denn wie kann Pop zu einem \u00bbuniversalistischen Politikversprechen\u00ab werden \u2013 eine Hoffnung, die Sami Khatib in seinem Text \u00bbPop III. Das Ende der Kunst als Politikersatz\u00ab formulierte \u2013, wenn es gleichzeitig um ein, ich zitiere aus seinem letzten Satz, \u00bbNischen-sprengendes Durchschreiten\u00ab von \u00bbSubjektpositionen\u00ab<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> gehen soll? Ist es nicht eben dieses Durchschreiten \u2013 man k\u00f6nnte auch von Durchstreichen sprechen \u2013 des Subjekts und damit einhergehend auch der M\u00f6glichkeit einer kritischen Position, durch die es dem Einzelnen als Subjekt gerade nicht mehr m\u00f6glich ist, politisch zu handeln \u2013 sei es nun im Rahmen einer universalistischen oder einer partikularistischen Politik? Kann ein in der Theorie zu begr\u00fc\u00dfendes Axiom in der konkreten kritischen Praxis \u2013 in den angewandten Kulturwissenschaften also, zu der die Popwissenschaft hoffentlich bald geh\u00f6ren wird \u2013 dazu f\u00fchren, dass man sich selbst den Boden unter den F\u00fc\u00dfen wegzieht?<\/p>\n<p>Im Pop II zumindest war es ebenso schwierig wie in der Dritten Welle der Frauenbewegung, Freiheit als \u00bbMacht des Neubeginns\u00ab (Zerilli 2010: 49) zu feiern. Allerdings muss man hier fairerweise hinzuf\u00fcgen: Man wollte es auch gar nicht. Im Gegenteil, man war der Meinung, Freiheit mache in der Disziplinargesellschaft nur arm, und als Mark Terkessidis und Tom Holert 1996 den \u00bbMainstream der Minderheiten\u00ab herausbrachten, glaubte niemand mehr an die M\u00f6glichkeit zur Ver\u00e4nderung.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang f\u00e4llt der Pose eine zentrale Rolle zu, so verstanden, wie in Diederichsens oben zitierter Definition, die sich an den verstorbenen Kunstkritiker, schwulen Aktivisten und Feministen Craig Owens anlehnt: als passive Selbsterm\u00e4chtigungsstrategie. Die Pose ist sozusagen die letzte erlaubte Form der Subjektivit\u00e4t. Das Subjekt posiert als Objekt, um ein Subjekt zu sein. Zwischen Aktion und Passion, so Owens weiter, sei die Pose zu verorten \u2013 auch die kritische Poptheorie, so lie\u00dfe sich behaupten, steckte in den letzten Jahren genau dort fest.<\/p>\n<p>Das Verzwickte an der Pose im Pop ist, das d\u00fcrfte inzwischen klar geworden sein, dass sie auf mehreren Ebenen in Erscheinung tritt: in der Popmusik und in der Popkritik. Denn sieht man im Pop nicht nur das Archiv als ein Werkzeug an, sondern auch die Performance, dann geht es im Sinne der Emergenz und der Pose darum, wie das Material produktiv wird. Und hierbei ist ganz sicher nicht nur das dinghafte Archivmaterial gemeint, sondern die Materialit\u00e4t des Medialen ebenso wie menschliche Gesten und Bewegungen. Kodwo Eshun sprach vor drei Jahren im beschaulichen Whitstable in England davon, dass die Zukunft ein Pop-Materialismus sei, der in der Geste die \u00bbphysische Idee\u00ab erkenne.<\/p>\n<p>Eshun zufolge ist also auch die Pose \u2013 als Geste \u2013 eine physische Idee, und Posieren geh\u00f6rt zu einer der wichtigsten Fertigkeiten, sowohl in der Popkultur als auch im Popdiskurs. Im Pop spielen nichtauthentische Authentizit\u00e4tsposen \u2013 Thomas D\u00fcllo w\u00fcrde hier vielleicht von der \u00bbAls-ob-Authentizit\u00e4t\u00ab sprechen \u2013 eine gro\u00dfe Rolle. Die Frage ist hier, ob sich das Posieren im Pop normierend oder parodierend auswirkt, und auch hier kann nur wieder festgestellt werden: beides ist der Fall.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich das Voguing ins Spiel bringen, eine in den 1980er Jahren recht beliebte Form des \u00fcberstilisierten, angetanzten Auftritts \u2013 eigentlich eine Verballhornung der italienischen Bella Figura, bei der es recht traditionell darum geht, \u00e4u\u00dferlich eine gute Figur zu machen \u2013, was gleichzeitig auch schon identit\u00e4tsbildend wirkt, wie man bei einigen Theoretikern der Bella Figura nachlesen kann. Voguing entstand in der schwulen New Yorker House-Szene der 1980er als Travestie dieser heteronormativen Form der Selbstdarstellung.<\/p>\n<p>In Hinblick auf die bundesrepublikanische popkulturelle Praxis kann das Travestierende des Voguing als Sinnbild gesehen werden, kann dieses doch als Travestie einer authentischen Gegenkultur gelten. Allerdings hat die popkulturelle Praxis so in Deutschland doch wieder identit\u00e4tsbildend gewirkt, da aus ihr die Gruppe derer hervorging, die \u00bbgegen die waren, die dagegen sind\u00ab. Die Posenhaftigkeit des Pop war also die Travestie einer Haltung und damit die bewusst eingesetzte Strategie gegen die authentische Haltung der B\u00fcrger, der Hippies und der 68er. Und gleichzeitig fand, genau wie im Voguing, immer auch ein interner Kampf darum statt, wer die beste Pose hinlegt.<\/p>\n<p>\u00bbTr\u00e4gst du deinen K\u00f6rper, steht dir alles, was du tr\u00e4gst\u00ab \u2013 eine Zeile aus dem Song \u00bbWas ziehst du an heute Nacht\u00ab der deutschen New-Wave-Band DAF verdeutlicht genau diesen Umstand. Sehr sch\u00f6n zeigt dieser Slogan, dass es bei den Distinktionen im Pop nicht nur um Marken und Kleidung, also \u00bbangelegte\u00ab Maskeraden und Kost\u00fcme oder R\u00fcstungen geht, sondern in der Pose der ganze K\u00f6rper \u2013 und der ganze Kopf \u2013 zum Einsatz kommt.<\/p>\n<p>Erkennt man mit Thomas D\u00fcllo, die \u00bbPr\u00fcfung der plausiblen annehmbaren Inszenierung der Als-Ob-Authentizit\u00e4t\u00ab \u00a0als Aufgabe der angewandten Kulturwissenschaften, dann kann man erkennen, dass es sich bei der Pose im Pop um ein Crossover von Authentizit\u00e4t erster und zweiter Ordnung handelt, da eine Kongruenz von Fiktion und Identit\u00e4t vorliegt, der eine entscheidende Rolle zukommt bei der Durchsetzung von Pop als \u00bbmentalem Muster\u00ab (D\u00fcllo) in den 1980er Jahren.<\/p>\n<p>Die Pose instrumentalisiert den Raum und die Performanz gleicherma\u00dfen und kann damit als strategisch sehr effiziente Selbstinszenierung angesehen werden. W\u00e4hrend die Moderne, glaubt man Lawrence Grossberg, f\u00fcr die \u00bbPrivilegierung der Zeit gegen\u00fcber dem Raum\u00ab stand und \u00bbSehen immer ph\u00e4nomenologisch verstanden und damit in die Sph\u00e4re des Temporalen zur\u00fcckgef\u00fchrt\u00ab wurde (Grossberg 2010 [1992]: 36<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a>), wird im Pop der Postmoderne die ephemere Materialit\u00e4t nicht nur privilegiert, sondern sie wird auch produktiv durch eine zweifache Immersion: die Immersion des Subjekts in das Objekt und die Immersion der Theorie ins Material.<\/p>\n<p>In der Verr\u00e4umlichung der Verz\u00f6gerung, die die Pose als gedehnter Moment eines narzisstischen lebenden Bildes (Diederichsen) schafft, wird der Raum instrumentalisiert als \u00bberm\u00f6glichende Bedingung und Raster politischer, \u00f6konomischer und kultureller Macht\u00ab (Grossberg). Gleichzeitig schreibt sich die Pose als performativer Prozess durch Wiederholungen und Wiederauff\u00fchrungen in die Zukunft ein.<\/p>\n<p>Hier lie\u00dfe sich dar\u00fcber spekulieren, ob sich die Wirkdimensionen von Sophistication, \u00c4sthetizismus und Pop-Pose der 1980er Jahre\u00a0\u2013 zusammengefasst unter dem Begriff Als-ob-Authentizit\u00e4t\u00a0\u2013 heute in den leeren inszenatorischen Zeichen der Postdemokratie wiederfinden lassen. Zumindest hat sich die Pose im Pop als so effizient erwiesen, dass sie jetzt von der Politik inkorporiert wird \u2013 das alte Muster der aneignenden Kooperation greift hier, jedoch nicht im Hinblick auf den Kapitalismus, sondern im Hinblick auf die Politik. Die gekonnte Geste ist im Zuge der optimierten Aufmerksamkeits\u00f6konomie zu einem Geburtshelfer des sogenannten \u00bbFlexibilit\u00e4ts-Normalismus\u00ab (J\u00fcrgen Link) geworden, f\u00fcr den heute nicht nur Pop, sondern auch Obama stehen kann.<\/p>\n<p>Lassen wir noch einmal ein paar Posen der Popmusik der 1980er wieder aufleben, um besser zu verstehen, warum es 2013 der amerikanische Pr\u00e4sident ist, der die beste Pop-Pose hinlegt. Meiner Meinung gibt es mindestens drei gro\u00dfe Posen im Pop: neben den offensichtlichen Posen, dem bereits erw\u00e4hnten Trickster und dem europ\u00e4ischen depressiven Dandy, gibt es noch eine gro\u00dfe Pose im Pop, die weniger offensichtlich ist, da sie augenscheinlich f\u00fcr Tiefe und Echtheit steht: Soul.<\/p>\n<p>Ende der 1990er Jahre beschrieb der britische Cultural Studies Professor Paul Gilroy Soul als praktische Philosophie, als ein \u00bbdistinctively African-American phenonemon\u00ab, das die religi\u00f6se Qualit\u00e4t von Expressivit\u00e4t s\u00e4kularisiert und politisiert. Auch wenn Gilroy Soul als ein \u00bbKonzept\u00ab bezeichnet und bei der performativen Seite des Soul der Aspekt der Invokation mindestens eine so gro\u00dfe Rolle wie der der Perlokution, das hei\u00dft hier kommt Gott mit ins Spiel, glaube ich dennoch, dass das Konzept Soul ohne die Pose nicht denkbar ist \u2013 dass also die Pose ein hinreichendes und notwendige Kriterium f\u00fcr Soul ist. Das ist vielleicht diskutabel. Au\u00dfer Frage steht jedoch, dass diese drei Posen, depressiver Dandy, Trickster und Soulman, gerade wieder sehr en vogue sind, wenn man sich Dirty Projectors, Flying Lotus oder Frank Ocean anschaut bzw. anh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Soul war in den 80ern einer der gr\u00f6\u00dften Einfl\u00fcsse des Pop, man kann auch sagen, der wei\u00dfe Pop war damals schwarz,\u00a0 das war back to black vor Amy Winehouse, mit einem bewussten Umschlag von Pop zur\u00fcck ins Triviale, K\u00fcnstliche, Inszenierte, Aufgeblasene \u2013 ja, man k\u00f6nnte auch sagen: ins Showbusiness.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pose und Postdemokratie<\/p>\n<p>Hinter Obamas Regierungsstil, den die Amerikanistin Sabine Sielke in einem Aufsatz treffenderweise als \u00bbpoetics of presidency\u00ab bezeichnet, hinter Obamas \u00bbPr\u00e4sidentschaftspoetik\u00ab also, steht die Selbsterm\u00e4chtigungspose Pop: erstens in der Modifikation des King\u02bcschen Traums in Obamas Dankesrede nach der Wiederwahl; zweitens durch gezieltes Einsetzen von Pop-Stil \u2013 ich erinnere hier nur kurz an die Fliegerjacke, die er trug, als der Hurricane Sandy New York lahm zu legen drohte. Damals schrieb die taz, Obama h\u00e4tte sich die Milliarden f\u00fcr die Kampagne sparen k\u00f6nnen, h\u00e4tte er sich schon fr\u00fcher in die Fliegerjacke aus Top Gun geschmissen und damit seine Post-Raciality im Namen der Popkultur erkl\u00e4rt. Und drittens, indem er eine sentimentale Pose aus dem Pop, Soul, aus der Kultur in die Politik importiert hat.<\/p>\n<p>Der inh\u00e4rente Zusammenhang zwischen Postdemokratie und Pop besteht also darin, dass in beiden die Pose operativ eingesetzt wird. Dar\u00fcber hinaus ist es nat\u00fcrlich das Showbusiness, das beide aneinanderkoppelt. Ich habe die Sophistication der Pop-Intellektuellen einmal als Showroom des Wissens bezeichnet, und wie Colin Crouch in seinem Essay \u00bbPostdemokratie\u00ab beschreibt, hat die Politik den Trick der Kommunikation der Werbung \u00fcbernommen, nicht mehr auf Argumentation aufzubauen, sondern auf dem Anschein von Evidenz.<\/p>\n<p>Unternehmen, die wahren Dirigenten der Postdemokratie, m\u00fcssen flexibel sein \u2013 auch hier gibt es also wieder eine Parallele zu dem Flexibilit\u00e4ts-Normalismus der Pop-80er. Die Politik heischt nach Aufmerksamkeit und muss sich deswegen einer visuell wirksamen Form der Kommunikation bedienen. In der Postdemokratie triumphiert die kommerzielle Form der Kommunikation \u00fcber die politische. In der Popintellektualit\u00e4t, die sich ebenfalls verkaufen muss, triumphiert wiederum bisweilen die Pose \u00fcber den Denkstil, und das sch\u00f6ne Selbst \u00fcber das Erkenntnissubjekt.<\/p>\n<p>Ich habe mit dem Begriff der Sophistication im Zusammenhang mit der Pop-Intellektualit\u00e4t dar\u00fcber nachgedacht, was es eigentlich bedeutet, wenn Politik Pose und Pose Politik ist. Daf\u00fcr habe ich die intellektuelle Pose im Pop tempor\u00e4r essentialisiert, um ihre Form und Funktion zu bestimmen und zu verstehen, und zwar, indem ich ihr einen Begriff zugeordnet habe, n\u00e4mlich den der Sophistication \u2013 Sophistication als das kleine, das minorit\u00e4re Wissen, die kleine, tricksende Weisheit, signifiziert die Pose des Wissens als Pose.<\/p>\n<p>Daher muss man sagen: Die Pose im Pop hatte eine Selbstreflexivit\u00e4t, die zwar nicht die eigenen Machtgel\u00fcste, aber dennoch die Funktion der Pose durchleuchtet hat \u2013 im Gegensatz zum Beispiel zu Guttenberg, (dem selbst Ulf Poschardt in seiner Verteidigung \u00fcber den Begriff des Sampling vorwarf, dass wer \u00bbmodern\u00ab arbeite, \u00bbsein Werk nicht als \u203aalte Denkschnitzerei\u2039 ausflaggen d\u00fcrfte, wenn er nicht als \u203aGernegro\u00df\u2039 [sprich: schlechter, da enttarnter Poser, N.\u00a0G.] dastehen m\u00f6chte\u00ab.)<\/p>\n<p>Wenn man also Pop und Postdemokratie parallel schaltet, dann nicht unbedingt, um die intellektuelle Pose im Pop zu denunzieren. Vielmehr kann man so zeigen, wie wichtig es ist, zu erkennen, dass die Pose im Pop eine existenzielle Dimension angenommen hat. Sie ist selbst zu einer Materialit\u00e4t geworden aus implizitem wie explizitem Wissen und ist durch die gekonnte Darstellung dieses Wissens ins Zentrum von Machtverhandlungen vorger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Indem man eine Methode entwickelt, um die Authentizit\u00e4tsstrategien zweiter Ordnung zu durchleuchten, k\u00f6nnte man also in der Pop-Wissenschaft ein neues Verst\u00e4ndnis von Gegenwart generieren. Die Methode m\u00fcsste sich dadurch auszeichnen, dass man den narzisstischen Aspekt des Pop \u2013 Liebe deine Pose wie dich selbst \u2013 au\u00dfen vor l\u00e4sst, und sich stattdessen \u00fcberlegt, welche Funktion die Pose in unserer heutigen Welt einnimmt.<\/p>\n<p>Auf die \u203aVerpoppung\u2039 der Welt kann man entweder wie Slavoi Zizek reagieren \u2013 verbieten, alles verbieten, Reality-TV, Facebook, Twitter \u2013 oder man kann aktuell mit zwei kritischen Theorien antworten, die beide im Zeichen der Freiheit und Demokratie das fordern, was bei Deleuze immer sehr negativ \u00bbReterritorialisierung\u00ab genannt wurde: mit Colin Crouch und seiner warnenden Analyse der Postdemokratie oder mit Zerilli und dem von ihr dargelegten Abgrund der Freiheit.<\/p>\n<p>Ein gegen die Pose gerichteter Affekt kommt naturgem\u00e4\u00df dann auf, wenn man Pop nicht mehr unter \u00e4sthetischen, sondern unter politischen Pr\u00e4missen denkt. Da ist es fast naheliegend, dass Politologen wie Zerilli oder Soziologen wie Mark Greif auf den Freiheitsbegriff von Hannah Arendt zur\u00fcckgreifen und f\u00fcr die Emanzipation durch den Intellekt sind. In der Literaturwissenschaft und den Kulturwissenschaften, in denen die Poetik, das Fiktive und das Kreative positiv besetzt sind, ist das nicht unbedingt n\u00f6tig. Dennoch, so denke ich zumindest, sollte man sich auch hier nicht dem Mechanismus der Pose ausliefern, sondern man sollte sie als \u00bbAuthentizit\u00e4tseindruckserzeugnis\u00ab (D\u00fcllo) lesen und durchaus, wenn man denn will, dekonstruieren. \u00a0Die Pose, das habe ich versucht dazulegen, ist nicht Pop-ad\u00e4quat, sondern effizient in einer Gesellschaft, deren Slogan mit Jon McKenzie: \u00bbPerform or else\u00ab lautet: Also stell dich dar, oder verschwinde von der Erdoberfl\u00e4che. Sie ist sehr effektiv momentan in der Politik, die versucht, nicht zu verschwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen<\/strong><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Diedrich Diederichsen: Eigenblutdoping, K\u00f6ln 2008, S.\u00a0272.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Ders.: \u00bbQueere Pose und erhabene Ungerechtigkeit: Politik und Moral bei Fassbinder und Warhol\u00ab,www.filmkritik.antville.org\/stories\/1229508\/.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Gleichzeitig begibt man sich nat\u00fcrlich mit einer derartigen Form der Reterritorialisierung, um ein Schlagwort aus dem Deleuze-Kosmos aufzugreifen, auf ein gef\u00e4hrliches Terrain, da man \u2013 zumindest wissenschaftsgeschichtlich gesehen \u2013 hinter den erreichten Erkenntnisstand zur\u00fcckgeht: den des Poststrukturalismus n\u00e4mlich, der ja nicht ganz ohne Grund Abschied genommen hat von dem transzendentalen Subjekt, dem die eigene Vernunft wie ein Naturgesetz war. Nat\u00fcrlich kann man das transzendentale Subjekt nicht mit dem realen Subjekt ohne Weiteres gleichsetzen. Oder doch? F\u00fcr Quentin Meillassoux, Vordenker des \u00bbSpekulativen Realismus\u00ab ist das transzendentale Subjekt \u00bbvon der Inkarnation in einem K\u00f6rper nicht zu trennen\u00ab. Der K\u00f6rper, so Meillassoux weiter, sei \u00bbdie \u203aretro-transzendentale\u2039 Bedingung des Erkenntnissubjekts\u00ab (Meillassoux 2008:43). Bei Marx wurde das Subjekt als das begriffen, was es f\u00fcr die Gesellschaft tun kann. So konnte etwa ein revolution\u00e4res Subjekt bestimmt werden, nicht weil es seine Geschichte denkt, sondern weil die M\u00f6glichkeitsbedingung existieren, dass es praktisch in die Geschichte eingreift-\u2013 so hat \u00fcbrigens auch Norman Mailer den schwarzen Hipster nach dem zweiten Weltkrieg als revolution\u00e4res Subjekt ausgerufen.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> Sami Khatib: \u00bbPop III. Das Ende der Kunst als Politikersatz\u00ab. In: Style&amp;The Famliy Tunes Nr.2\/4, 2009, S. 154-160, hier S.160.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> \u00bbEs liegt ein interessantes Paradox in der Privilegierung der Zeit gegen\u00fcber dem Raum durch die Moderne, denn sie ist auf eine viel l\u00e4ngere Geschichte des Primats des Sichtbaren als Metapher f\u00fcr die Wirklichkeit aufgesetzt. Doch Sehen wird immer ph\u00e4nomenologisch verstanden und damit in die Sph\u00e4re des Temporalen zur\u00fcckgef\u00fchrt. Das Resultat ist nichtsdestoweniger, dass Raum als erm\u00f6glichende Bedingung und Raster politischer, \u00f6konomischer und kultureller Macht ausgel\u00f6scht wird\u00ab (Grossberg 2010 [1992]: 36).<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vortrag, der am 11.01.2013 an der Universit\u00e4t der K\u00fcnste (Berlin) im Rahmen der Konferenz \u00bbWas erz\u00e4hlt Pop?\u00ab gehalten wurde. [F\u00fcr die Internet-Ver\u00f6ffentlichung wurden Zahlen im Text an das Datum der Publikation \u2013 Januar 2013 \u2013 angeglichen.]<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website geer\" href=\"http:\/\/independent.academia.edu\/NadjaGeer\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Nadja Geer<\/a> ist freie Autorin (Berlin).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Pop-Materialismus, der in der Geste die physische Idee erkennt<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[263,1613,1835,1837,1873,1875,1931],"class_list":["post-2662","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-authentizitat","tag-nadja-geer","tag-pop-theorie","tag-pop-zeitschrift-2","tag-pose","tag-postdemokratie","tag-queer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2662","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2662"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2662\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2662"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2662"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2662"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}