{"id":2699,"date":"2014-02-02T14:39:35","date_gmt":"2014-02-02T12:39:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2699"},"modified":"2014-02-02T14:39:35","modified_gmt":"2014-02-02T12:39:35","slug":"kleine-artikelrevue-januarvon-thomas-hecken2-2-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/02\/02\/kleine-artikelrevue-januarvon-thomas-hecken2-2-2014\/","title":{"rendered":"Kleine Artikelrevue Januarvon Thomas Hecken2.2.2014"},"content":{"rendered":"<p>Thema: Internetkritik (besser: der K\u00fchlschrank-Indikator)<!--more mehr--><\/p>\n<p>Zum H\u00f6hepunkt und baldigen Schluss des B\u00f6rsen-Hypes rund um Internetfirmen fiel mir Ende des letzten\/Anfang des neuen Jahrtausends ein recht h\u00e4ufig angef\u00fchrtes Beispiel auf. In starkem Kontrast zum Pathos der neuen Milleniums-Zahl war es h\u00f6chst prosaisch. Es ging um den vom Netz erfassten K\u00fchlschrank. Lieferfirmen sollten neue Waren anliefern, sobald sie automatisch die Nachricht \u203avom K\u00fchlschrank\u2039 erhalten hatten, Milch oder Butter sei bald verbraucht.<\/p>\n<p>Anschaulich sollte das Beispiel zeigen, wie gro\u00df die M\u00f6glichkeiten des E-Commerce seien, und damit den Wert vieler frisch b\u00f6rsennotierter Internetfirmen rechtfertigen. Das am\u00fcsante Beispiel des \u203aintelligenten\u2039 K\u00fchlschranks vor Augen, h\u00e4tte es f\u00fcr jeden Anleger eigentlich nur eine Konsequenz geben d\u00fcrfen: sofortige Liquidation der Wertpapierbest\u00e4nde. Wie bekannt, geschah dies nicht bzw. erst nach und nach unfreiwillig im Zuge des langgezogenen Crashs der Jahre 2000-2002, bei dem viele Internetfirmen mindestens 90% an Marktkapitalisierung verloren.<\/p>\n<p>Einige Jahre war es dann vergleichsweise ruhig, die meisten Firmen gingen ein oder verloren an Bedeutung, nur wenige kamen an die damals erzielten Aktienkurse wieder heran oder \u00fcbertrafen sie sogar (wie vor allem Amazon). Mittlerweile haben die Debatten um Internetfirmen wieder den alten dramatischen Ton zur\u00fcckgewonnen. Diesmal geht es aber nicht mehr um unerfindliche B\u00f6rsenwerte, sondern um total bedrohte politische und kulturelle Werte. Google und Co. k\u00f6nnten unser Leben komplett erfassen und \u00fcberwachen, um uns \u2013 ja, was eigentlich? Auf Dinge hinweisen, die uns nach den Erfahrungen unserer bisherigen Kauf- und Rezeptionspraxis ebenfalls zum Kauf animieren oder unsere Aufmerksamkeit absorbieren k\u00f6nnten? Das w\u00e4re ja etwas v\u00f6llig Neues in der kapitalistischen Marktwirtschaft!<\/p>\n<p>F\u00fcr den Grad der Aufregung bew\u00e4hrt sich als Messinstrument wieder das K\u00fchlschrank-Beispiel. Evgeny Morozov hatte es bereits recht fr\u00fch im Angebot: <strong>\u00bb<\/strong>intelligente K\u00fchlschr\u00e4nke, intelligente Schuhe, sogar intelligente M\u00fclltonnen, die unerm\u00fcdlich Daten \u00fcber uns sammeln\u201c, bereiten ihm unerm\u00fcdlich tiefe Sorge (Interview mit <strong>\u00bb<\/strong><a title=\"artikel morozov\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-104058610.html\" target=\"_blank\">Der Spiegel<\/a>\u00ab, 30\/2013).<\/p>\n<p>Kulturkritiker Byung-Chul Han wei\u00df als flei\u00dfiger Feuilletonleser (hoffentlich nur auf Papier) nun auch Bescheid: <strong>\u00bb<\/strong>Das Internet der Dinge vollendet gleichzeitig die Transparenzgesellschaft, die ununterscheidbar geworden ist von einer totalen \u00dcberwachungsgesellschaft. [\u2026] Der K\u00fchlschrank etwa wei\u00df Bescheid \u00fcber unsere Essgewohnheiten.\u00ab (<strong>\u00bb<\/strong>Im digitalen Panoptikum\u00ab, <strong>\u00bb<\/strong>Der Spiegel\u00ab, 2\/2014, S. 106; der Beitrag kommt in einigen Wochen hinter der Paywall des <strong>\u00bb<\/strong>Spiegel\u00ab hervor und steht dann im Netz im <a title=\"spiegel-archiv heft 2\/2014\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/index-2014-2.html\" target=\"_blank\">Spiegel-Archiv<\/a> f\u00fcr alle durchsuchbar; ob Han das wusste?)<\/p>\n<p>Nur Dietmar Dath hat in seinem Bem\u00fchen, zu jedem Feuilletongegenstand zwischen Arno Schmidt und Buffy eine Meinung und eine Kopfnote beizusteuern, den K\u00fchlschrank nicht n\u00f6tig. Bei ihm ist die K\u00e4lte schon \u00fcberall: <strong>\u00bb<\/strong>Ein Junge verschiebt am Rechner digitale Tonkl\u00f6tze in einem Musikprogramm und komponiert so eine simple Kindermelodie. Sie wird ein Requiem auf ihn selbst werden, aber das wei\u00df er noch nicht. [\u2026] Eine junge Frau erz\u00e4hlt drei Freundinnen in der Schulkantine von einer Katastrophe aus ihrem Familienleben. Die Mitsch\u00fclerin links von ihr h\u00e4lt den Blick gesenkt, man k\u00f6nnte meinen, aus Betroffenheit. Dann summt ihr Handy, auf das sie geschaut hat, und sie unterbricht die Beichte der Nachbarin mit der Nachricht von einer Party-Einladung. Die andere, die sich aussprechen wollte, sieht sie entgeistert an, spuckt ihr ins Gesicht und geht \u2013 eine der besten Szenen in einem Film [<strong>\u203a<\/strong>Disconnect<strong>\u2039<\/strong>]\u00ab, in dem Dath das <strong>\u00bb<\/strong>besch\u00e4digte, angefressene, von Aufl\u00f6sung bedrohte Private\u00ab vortrefflich aufgezeigt sieht. (<strong>\u00bb<\/strong>Der Teilnehmer ist im Moment nicht erreichbar\u00ab, <strong>\u00bb<\/strong><a title=\"artikel dath\" href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/kino\/video-filmkritiken\/video-filmkritik-disconnect-der-teilnehmer-ist-im-moment-nicht-erreichbar-12773577.html\" target=\"_blank\">FAZ<\/a>\u00ab, 28.1.2014)<\/p>\n<p>Einen derartigen Kitsch habe ich ungef\u00e4hr seit den Predigten unseres reaktion\u00e4ren, aber (bzw. und) bildungsbeflissenen Pfarrers nicht mehr geh\u00f6rt. Das war in den 1970er Jahren. Ich setzte mich in die Kirche mit 13 oder 14 dann nicht mehr zu meinen Eltern, sondern weit nach hinten, um sp\u00e4testens vor der Predigt die Kirche zu verlassen und auf den nahegelegenen Fu\u00dfballplatz zu gehen. Am Ende der Messe stand ich wieder am Kirchportal parat, um meinen Eltern meine komplette Andacht zu demonstrieren. Ich kann das hier jetzt im <strong>\u00bb<\/strong>digitalen Panoptikum\u00ab beichten, weil meine alten Eltern keinen Internetzugang besitzen. Hoffentlich sagt es ihnen Google nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thema: Internetkritik (besser: der K\u00fchlschrank-Indikator)<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[406,557,695,1091,1837,2337,2592],"class_list":["post-2699","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-byung-chul-han","tag-dietmar-dath","tag-evgeny-morozov","tag-internetkritik","tag-pop-zeitschrift-2","tag-thomas-hecken","tag-zeitschriftenschau"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2699","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2699"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2699\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2699"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2699"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2699"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}