{"id":2713,"date":"2014-02-02T15:24:48","date_gmt":"2014-02-02T13:24:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2713"},"modified":"2014-02-02T15:24:48","modified_gmt":"2014-02-02T13:24:48","slug":"empire-strikes-back-rezension-zu-hubert-winkels-hg-christian-kracht-trifft-wilhelm-raabe-die-diskussion-um-imperium-und-der-wilhelm-raabe-literaturpreis-2012von-sven-gringmuth","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/02\/02\/empire-strikes-back-rezension-zu-hubert-winkels-hg-christian-kracht-trifft-wilhelm-raabe-die-diskussion-um-imperium-und-der-wilhelm-raabe-literaturpreis-2012von-sven-gringmuth\/","title":{"rendered":"Empire strikes back Rezension zu Hubert Winkels (Hg.), \u00bbChristian Kracht trifft Wilhelm Raabe. Die Diskussion um \u203aImperium\u2039 und der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2012\u00abvon Sven Gringmuth2.2.2014"},"content":{"rendered":"<p>Vision einer radikalen Antimoderne<!--more--><\/p>\n<p>Als die \u203aDebatte\u2039 um Christian Kracht ihrem H\u00f6hepunkt entgegen ging, traf ich ihn kurz. Irritierend freundlich wirkte Christian Kracht, als ich in der Kulturkirche in K\u00f6ln-Nippes neben ihm stand. Er hatte eben, vor vollem Hause, aus seinem letzten Roman, \u00bbImperium\u00ab, gelesen. Nun blickte er von schr\u00e4g unten, Desinteresse in l\u00e4hmende Freundlichkeit transformierend, zu mir auf: \u00bbDoktor Eulenberg? Sind Sie das?\u00ab \u00a0\u2013 \u00a0\u00bbMehr oder weniger. Es ist eine Art\u2026 Spitzname k\u00f6nnte man sagen\u00ab \u00a0\u2013 \u00a0\u00bbOh, dann schreibe ich den \u203aDoktor\u2039 auch aus\u2026\u00ab. Er signierte das Werk, l\u00e4chelte, nickte.<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste, die n\u00e4chste. Vor mir: Eine Freundin, mit der ich die Lesung besuchte. \u00bbDas Titelbild erinnert ja an die \u00bbTim &amp; Struppi\u00ab-Comics\u2026 Ist das so gewollt? Absicht?\u00ab Ja, das ist es \u2013 durchaus. Er erkl\u00e4rte kurz, nickte, l\u00e4chelte. Weiter ging es. Ob er noch gel\u00e4chelt h\u00e4tte, wenn sie ihr Interesse n\u00e4her h\u00e4tte erl\u00e4utern m\u00fcssen? Sie schrieb zu diesem Zeitpunkt ihre Abschlussarbeit \u00fcber Ausdr\u00fccke faschistischer \u00c4sthetik und rassistischer Weltsicht in Herg\u00e9s Comics.<\/p>\n<p>Dass die Lesung ausverkauft war und die\u00a0\u203alit.Cologne\u2039\u00a0ihren damaligen \u203aStargast\u2039 derart pr\u00e4sentieren konnte, d\u00fcrfte zweifelsohne auch an der \u00bbSpiegel\u00ab-Rezension von Georg Diez und der anschlie\u00dfenden Diskussion um den \u00bbT\u00fcrsteher der rechten Gedanken\u00ab (Diez, S. 38) gelegen haben. Hierzu \u2013 in K\u00f6ln, wie bei der Lesung in Leipzig zuvor \u2013 kein Wort. Kracht heizte die Debatte zun\u00e4chst an &#8211; indem er schwieg.<\/p>\n<p>Die Verkaufszahlen gingen derweil in die H\u00f6he, Feuilletonchefs applaudierten oder riefen Zeter und Mordio. Man \u00fcbertraf sich in textinterpretativen Kunstgriffen, um dieses oder jenes zu beweisen \u2013 Nazi oder Nicht-Nazi, langweiliger Sermon oder bester deutschsprachiger Roman seit langem \u2013 und\/oder vollzog detailverliebt die sprachlichen Kunst-\/Missgriffe des Christian Kracht nach, der sich selbst darauf berief, dass er lediglich den Stil eines Erich K\u00e4stner habe imitieren wollen.<\/p>\n<p>Die Debatte um Christian Kracht und\u00a0\u00bbImperium\u00ab\u00a0bewies dabei vor allem eines: Die Eigent\u00fcmlichkeit des deutschen Feuilletons und die energische Cleverness eines Literaten, der durch den Erfolg der literarischen Comedy (lies: Popliteratur) in Deutschland eines gelernt und gleichsam verinnerlicht hat: Die Choreographie der medialen Inszenierung.<\/p>\n<p>Die Aufregung legte sich (mehr oder weniger\u2026), nachdem Christian Kracht den Wilhelm-Raabe-Preis 2012 verliehen bekam und andere Dinge in den medialen Fokus r\u00fcckten. In der Retrospektive scheint dies alles ein Sturm im Wasserglas, und Hubert Winkels selbst, der nun die \u00a0\u203aDiskussion\u2039 in einem \u00a0\u203aSuhrkamp-Sonderdruck\u2039 (seltsam genug\u2026) zusammengefasst und dazu die relevanten Rezensionen, Essays, Erkl\u00e4rungen versammelt und abgedruckt hat, stellt diese im Vorwort der Skandalisierung von Helene Hegemanns \u00a0\u00bbAxolotl Roadkill\u00ab als Vergleichsgr\u00f6\u00dfe zur Seite. Das ist also die Dimension.<\/p>\n<p>Das meiste, was man in den Rezensionen zu Krachts \u00bbImperium\u00ab seinerzeit lesen durfte, ist dabei ohnehin geschenkt. Es sind so unglaublich banale Einsichten (\u00bb\u2026weil das Leben ohne Liebe dunkel und \u00f6de ist\u00ab schrieb Michael Sailer in \u00bbkonkret\u00ab 4\/12, und \u00bbEngelhardt wird von den Menschen wiederholt entt\u00e4uscht\u00ab, wusste Leif Randt in \u00bbSpex\u00ab 03-04\/12), dass man beinahe wie der Hauptprotagonist des Romans, August Engelhardt, sich ein St\u00fcck Fleisch aus dem eigenen Fu\u00df rei\u00dfen mag \u2013 freilich aus Verzweiflung, nicht aus Hunger oder esoterisch-verkl\u00e4rter Weltsicht. Womit wir beim Thema w\u00e4ren: Worum geht es \u00fcberhaupt in Krachts Roman und weshalb die Aufregung? Michael Wiederstein schrieb im \u00a0\u00bbSchweizer Monat\u00ab (3\/12) die Story zusammenfassend:<\/p>\n<p>\u00bbErz\u00e4hlt wird die Geschichte des N\u00fcrnbergers August Engelhardt, der 1902 in Herbertsh\u00f6he, Deutsch-Neuguinea, eintrifft. Engelhardt ist Kokovore, er glaubt an die G\u00f6ttlichkeit der Kokosnuss, an ihre heilende und lebenspendende Kraft. Der Aussteiger kauft eine Insel, dort zieht er eine Kokosplantage hoch, besch\u00e4ftigt Ureinwohner, ohne sie zu bezahlen, und produziert allerhand Kokosprodukte, f\u00fcr die nirgends auf der Welt eine Nachfrage besteht. Dennoch: innerhalb k\u00fcrzester Zeit findet er Bewunderer in industrialisierungsm\u00fcden Zirkeln und propagiert mit beachtlichem Erfolg seinen \u203aSonnenorden\u2039. Der besteht zun\u00e4chst nur aus ihm selbst, was sich aber schon bald \u00e4ndert und f\u00fcr \u00c4rger in der Kolonie sorgt (\u2026)\u00ab.<\/p>\n<p>Was nach einer \u00bbKrachtschen \u00dcberblendung\u00ab klingt, \u00bbist aber tats\u00e4chlich eine weitgehend historisch verb\u00fcrgte Biographie aus der Bl\u00fctezeit der Lebensreformbewegung\u00ab (ebd.). In der Tat: August Engelhardt und sein Glaube an das G\u00f6ttliche der Kokosnuss, sein wahnhaftes Sendungsbewusstsein rund um den Kokovorismus sind historisch verbrieft. Die meisten Charaktere, die im Buch auftauchen, haben wirklich gelebt \u00ab Daten und Zahlen stimmen, auch die BRT des Dampfers \u203aPrinz Waldemar\u2039 \u00a0k\u00f6nnen mithin jederzeit \u00fcberpr\u00fcft werden.<\/p>\n<p>Soweit, so langweilig. Beachtenswert wird\u00a0\u00bbImperium\u00ab tats\u00e4chlich erst, wenn man die Metaebene (die Kracht selbst ja auch keineswegs bestreitet (man vergleiche die eindeutigen Passagen im Buch und die Aussagen im Interview mit Dennis Scheck im ARD-Literaturmagazin\u00a0\u00bbdruckfrisch\u00ab; 03\/12) n\u00e4her betrachtet. Neben August Engelhardt ist n\u00e4mlich eine zweite Figur dauerhaft pr\u00e4sent \u2013 Adolf Hitler.<\/p>\n<p>\u00bbSo wird nun stellvertretend die Geschichte nur eines Deutschen erz\u00e4hlt werden, eines Romantikers, der wie so viele dieser Spezies verhinderter K\u00fcnstler war, und wenn dabei manchmal Parallelen zu einem sp\u00e4teren deutschen Romantiker und Vegetarier ins Bewusstsein dringen, der vielleicht lieber bei seiner Staffelei geblieben w\u00e4re, so ist dies durchaus beabsichtigt und sinnigerweise, Verzeihung, in nuce auch koh\u00e4rent\u00ab (Kracht, Christian: Imperium. K\u00f6ln, 2012, S. 18 f.).<\/p>\n<p>Vielleicht\u00a0lieber? Hoppla! Oder auch nicht? Der Kampf der beiden Romantiker gegen die westliche Dekadenz, gegen Aufkl\u00e4rung, Rationalismus und den weltweiten Durchbruch des kapitalistischen Vergesellschaftungssystems geht tats\u00e4chlich in eins \u2013 keine Frage! Aber fehlt da nicht noch was? Selbstverst\u00e4ndlich! \u00bbWaren nicht die dunklen Rassen den wei\u00dfen um Jahrhunderte voraus?\u00ab (ebd., S. 38). Nat\u00fcrlich! Auch ein plumper Kult des Primitiven, ein archaisches Raunen durchzieht Engelhardts Denken und verweist auf eine, Faschismus wie Nationalsozialismus inh\u00e4rente, sozialdarwinistische Ideologie-Komponente.<\/p>\n<p>\u00bb\u2026ach, warten wir doch einfach ab, bis sie in \u00e4olischem Moll d\u00fcster anhebt, die Todessymphonie der Deutschen. Kom\u00f6diantisch w\u00e4re sie wohl anzusehen, wenn da nicht unvorstellbare Grausamkeit folgen w\u00fcrde: Gebeine, Excreta, Rauch\u00ab (ebd., S. 79)<\/p>\n<p>Die Kracht\u02bcschen Andeutungen k\u00f6nnen provozieren oder langweilig sein, je nach Standpunkt (ein wenig schielt er gewiss auch in Richtung des von ihm verehrten Jonathan Littell\u2026), aber das ist und war in der auf den Roman folgenden Diskussion nicht der Punkt und das macht auch niemanden zum Halb- oder Dreiviertel-Nazi, denn wir sprechen \u00fcber Literatur, Kunst mithin.\u00a0Und die hat nun mal \u00bbnicht die Aufgabe (\u2026) die Menschheit zu verbessern (\u2026). Das muss die Menschheit schon selber tun; wenn sie dabei auch noch die Kunst verbessern kann, hat es sich doppelt gelohnt\u00ab (Dath, Dietmar: Das m\u00e4chtigste Feuer. Die Kriegsfantasie als Nukleus von Moderne und Gegenmoderne in Pop oder\/und Avantgarde; in: B\u00fcsser, Martin u.a: testcard#9 \u2013 Pop und Krieg. Mainz, 2000).<\/p>\n<p>Lassen wir uns dennoch einmal auf das Spiel mit dem Namen Literaturwissenschaft ein. Fragen wir, mit Georg Diez und Thomas Assheuer, deren Beitr\u00e4ge in Winkels Band (wieder-)abgedruckt sind: Wer spricht? Autor oder Protagonist? Kracht oder Engelhardt? Oder ein Erz\u00e4hler aus dem Off? Wenn ja, aus welcher Position genau? Einer \u00fcberhistorischen? Und: Was hat er uns zu sagen?<\/p>\n<p>Georg Diez: \u00bbWer spricht da? (\u2026) Wer denkt so? Durch den sch\u00f6nen Wellenschlag der Worte scheint etwas durch, das noch nicht zu fassen ist. Das ist die Methode Kracht. (\u2026) [Er \u2013S.G.] kann sich da leicht in seinen Literaturgewittern verstecken\u00ab (S. 31 ff.).\u00a0Klamme rhetorische Fragen zur \u00dcberlebensgr\u00f6\u00dfe aufgebl\u00e4ht. Thomas Assheuer hingegen liefert \u00a0einen stichhaltigeren interpretativen Ansatz:<\/p>\n<p>\u00bbSchon die Stimme des Erz\u00e4hlers ist verd\u00e4chtig, mal t\u00f6nt sie ironisch, mal sehr vern\u00fcnftig, mal kom\u00f6diantisch verschmitzt. Aber wer spricht hier eigentlich? Ein gnostischer Sonnenanbeter wie Engelhardt? Keineswegs. Der Erz\u00e4hler gibt sich ganz offen als Zivilisationsliterat zu erkennen (\u203aWir Nichtgnostiker\u2039), als Angeh\u00f6riger jener vern\u00fcnftigen, siegreichen, fortschrittlichen und christlichen \u203aModerne\u2039, der sich der verr\u00fcckte Engelhardt &#8211; \u203aunser Sorgenkind \u2039 &#8211; leider habe entziehen wollen. Das ist ein gut platzierter Wink. Ironisch gibt er dem Leser zu verstehen, dass Ironie nicht das Formprinzip des Romans ist, sondern nur das Formprinzip der im Roman erz\u00e4hlten Geschichte \u2013 also der Geschichte vom Sieg des Coca-Cola-Imperiums \u00fcber den deutschen Spinner Engelhardt. Die Ironie hei\u00dft das, ist der Jargon des Hegemons. Kracht benutzt hier einen sch\u00f6nen romantischen Kniff. Er l\u00e4sst die Ironie ironisch werden, sie wendet sich gegen sich selbst (\u2026) Denn wenn Ironie die Herrschaftssprache der westlichen Sieger ist, dann vertauschen sich die Vorzeichen und dann muss der Leser fragen: Sind die Verr\u00fcckten gar nicht verr\u00fcckt? Und sind die Zivilisierten die wahren Barbaren? (\u2026) Dann ist nicht der Verlierer Engelhardt verr\u00fcckt, sondern verr\u00fcckt ist die siegreiche Zivilisation. (\u2026) Die H\u00e4ndlermoderne frisst alles auf, am Ende sogar sich selbst\u2026\u00ab (S. 72 ff.).<\/p>\n<p>F\u00fchrt man diesen Gedanken zu Ende, so l\u00e4sst sich, mit Assheuer, feststellen:\u00a0\u00bbUnd wer leistet bei Kracht den finsteren M\u00e4chten Widerstand? Der eine ist nat\u00fcrlich der komische Engelhardt, der andere Adolf Hitler (\u2026) Zu Recht skandalisiert er [Diez \u2013 S.G.], dass Hitlers Aufstieg als notwendige (\u2026) Reaktion auf den Nihilismus des Westens erscheint. Solche Passagen jonglieren tats\u00e4chlich mit dem geistigen Besteck der Rechten, mit einem Denken, dass Deutschland zum Opfer der westlichen Moderne stilisiert, zum schuldig-unschuldigen Spielball auf der nihilistischen B\u00fchne der amerikanischen Weltverfinsterung\u00ab (S. 74 f.).<\/p>\n<p>Wo dieses Denken seine Wurzeln hat, d\u00fcrfte klar sein \u2013 in der deutschen Romantik, jener Universalpoesie, die den deutschen Sonderweg geistig begr\u00fcndete: Die Wendung ins Innere. Wenn das politisch impotente B\u00fcrgertum Einigung und Republik nicht zu erk\u00e4mpfen vermag, dann machen wir aus der Not eine Tugend. Die deutsche Seele, die deutsche Kultur \u2013 allen anderen weit \u00fcberlegen, so das Credo.<\/p>\n<p>Am deutschen Wesen sollte in Folge (nicht nur einmal) die ganze Welt genesen. Es trafen sich (politische) Romantik, Lebensreformbewegung \u2013 und sp\u00e4ter auch fanatische Rassisten und Antisemiten. Der Ordnungsgedanke des deutschen Kleinb\u00fcrgertums gebar zudem einen stieren Fanatismus, der bis heute nachwirkt. Wenn ein Volk auf dieser Welt eine Mission hat, dann dieses.<\/p>\n<p>Das kann wahlweise sein: M\u00fclltrennung, Ausstieg aus der Atomkraft, Vegetarismus, die Verhinderung eines zweiten Auschwitz oder die Rettung des Waldes. L\u00e4cherlich? Nur wenn man es aus westlicher Perspektive betrachtet. Und genau so eine Figur ist August Engelhardt (und &#8211; auf einer anderen Ebene \u2013 Adolf Hitler) bei Christian Kracht: Der (verhinderte) Romantiker, der Verlierer gegen die Zumutungen von Moderne und weltweiter Durchsetzung kapitalistischer Produktion, der Tr\u00e4umer \u2013 zum Schluss Fanatiker und (aus dem Handlungsverlauf unerkl\u00e4rlicherweise) Antisemit.<\/p>\n<p>Es ist also ein romantischer Roman, in ironisch-gebrochener Erz\u00e4hlweise verfasst. Macht das aus Christian Kracht irgendetwas anderes als einen Autor? Ja und Nein. Nimmt man ihn hier beim Wort, so darf man feststellen, dass mit Kracht \u00bbantimodernes, demokratiefeindliches, totalit\u00e4res Denken\u00ab (Diez, S. 38) re-etabliert wird, beziehungsweise der Roman \u00bbgewiss (\u2026) nicht von guten Demokraten [tr\u00e4umt \u2013 S.G.] (\u2026) Durch die Totaldenunziation der Moderne soll ein Gef\u00fchl des Mangels entstehen (\u2026). Wer auch das noch als Ironie verstehen will, der ist f\u00fcr Kracht vermutlich verloren\u00ab (Assheuer, S. 75 f.).<\/p>\n<p>Und doch: Nimmt man Kracht nicht beim Wort, so bleibt eben alles \u00bbIronie, Spiel, Provokation, lachhaftes Entertainment und kalkulierter Skandal. Krachts Botschaft lautet: Alles, auch er selbst, ist l\u00e4cherlich\u00ab, so Sailer noch einmal \u00bbkonkret\u00ab; \u00a0\u00bbKracht spielt (\u2026) ein teils am\u00fcsant ironisches (\u2026) Spiel mit antiquarischen Versatzst\u00fccken\u00ab, so Iris Radisch in \u00bbDie Zeit\u00ab (S. 70).<\/p>\n<p>Stichwort \u203aantiquarische Versatzst\u00fccke\u2039: Nat\u00fcrlich stiehlt (f\u00fcr die Freunde klassischer Kunstauffassung) oder sampelt (f\u00fcr die Poststrukturalisten unter uns) Kracht hemmungslos (bestenfalls kann er Pastiche reklamieren\u2026). Engelhardts Reise in die S\u00fcdsee ist meines Erachtens C\u00e9lines Reise ins franz\u00f6sische Kolonialafrika aus seiner\u00a0\u00bbVoyage au bout de la nuit\u00ab (1932) nachgebildet. Sailer behauptet zudem, die Figur Engelhardts sei dem Comic-Roman \u00bbS\u00fcdseeballade\u00ab (1983) von Hugo Pratt entnommen. Weitere Namen, die man an dieser Stelle guten Gewissens nennen kann: Hesse, Hamsun, Littell, London.<\/p>\n<p>Georg Diez grub in seinem Artikel, zur Untermauerung seiner These, aber auch den Mailwechsel zwischen dem US-amerikanischen \u203aK\u00fcnstler\u2039 David Woodard und Christian Kracht,\u00a0\u00bbFive Years Vol. 1: 2004-2007\u00ab \u00a0(Hannover, 2011), aus und bezeichnete diesen als \u00bbin gewisser Weise Vorarbeit[] zu dem Roman Imperium\u00ab. Die Mails zeigten \u00bbdie dunkle Seite des Werks, sie\u00a0f\u00fchren direkt ins Denken und Schreiben von Christian Kracht und sind von dem Roman nicht zu trennen\u00ab (S. 34 f.).<\/p>\n<p>Auch ich habe, dankbar f\u00fcr diese Anregung, das beinahe 20 Euro teure Werk bestellt (neben vielen anderen Menschen \u2013 Diez\u02bc Hinweis wirkte ungemein verkaufsf\u00f6rdernd; den kleinen Hannoveraner Wehrhahn-Verlag wird es gefreut haben) und wurde nicht entt\u00e4uscht: Ein (sich zumindest so gerierender) \u00c4stheto-Faschist und ein (meines Erachtens nach lupenreiner) Faschist unterhalten sich \u00fcber alles, was so wichtig scheint in ihrer Welt \u2013 ein Blick ins angeh\u00e4ngte Personenregister gen\u00fcgt beinahe: Elisabeth F\u00f6rster-Nietzsche, Julius Evola, Francisco Franco, Jean Genet, Martin Heidegger, Guido von List, Horst Mahler, Timothy McVeigh, Josef Mengele, Benito Mussolini, Ernst R\u00f6hm, Gabriele D\u02bcAnnunzio, Otto Skorzeny, Richard Wagner, Alain de Benoist, Martin Walser und Ernst Z\u00fcndel geben sich die Ehre. Aber auch (nicht minder bedeutsam!): Osama Bin Laden, Nicolae Ceausescu, Kim Jong Il, Enver Hoxha, Josef Stalin, Muammar Gaddafi, Pol Pot.<\/p>\n<p>Es scheint \u00fcberhaupt nicht wichtig, auf welcher politischen Seite diese Menschen stehen \u2013 alleine wichtig ist, dass sie die Vision des Totalen teilen. Kracht h\u00e4ngt der Vision einer radikalen Antimoderne an, die sich, unter welchen Vorzeichen auch immer, als totalit\u00e4res Gebilde gegen das kapitalistisch-dekadente Gesellschaftsmodell des Westens in Stellung bringen soll. Das kann eine fiktive kriegskommunistische Schweiz (in Krachts Roman \u00bbIch werde hier sein, im Sonnenschein und im Schatten\u00ab; K\u00f6ln, 2008) ebenso wie ein im apokalyptischen B\u00fcrgerkriegstaumel versinkender Iran (im seinem vorigen Roman \u00bb1979\u00ab; K\u00f6ln, 2001)\u00a0oder das reale Ausleben phantastischer Weltherrschaftsphantasien eines irren Lebensreform-Deutschen in der kolonialherrschaftlich-aufgeteilten S\u00fcdsee sein. Der permanente Ausnahmezustand \u2013 diese Idee fasziniert Kracht und nichts sonst.<\/p>\n<p>Doch auch an diesem Mailwechsel schieden und scheiden sich die Geister. Abermals Provokation? Alles Mumpitz? \u00bbZwei Nerds spielen b\u00fcrgerliches Schreiben\u00ab, vermutete Thomas E. Schmidt in \u00bbDie Zeit\u00ab. \u00bbWie weit kann man gehen, bis man eine draufkriegt, aus \u00e4sthetischen, politischen oder psychopathologischen Gr\u00fcnden\u00ab, sah Sailer als einziges Leitmotiv des Dialogs.<\/p>\n<p>Was man bei \u203aImperium\u2039 allerdings noch (mit einer ordentlichen Portion gutem Willen) als Spiel, Ironie, Provokation abtun kann, das geht hier schief, wenn Kracht Woodard seine Bewunderung f\u00fcr den toten niederl\u00e4ndischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn mitteilt (\u00bbWhy I think Europe is worth living here\u00ab), Woodard mit seinem irren Projekt zur F\u00f6rderung der deutschen Kolonie\u00a0\u203aNueva Germania\u2039 (in der auch KZ-Arzt Josef Mengele nach Kriegsende Unterschlupf fand) im paraguayischen Dschungel bis zum damaligen US-Vizepr\u00e4sident Cheney vordringt, und er Kracht (begeistert wie \u00fcber den Fund eines seltenen Schatzes!) drei unver\u00f6ffentlichte Fotos der SS-Legende Otto Skorzeny sendet. Kracht kann schlie\u00dflich nur mit M\u00fche und Not verhindern, dass Woodard einen Text \u00fcber den Prozess gegen den Holocaust-Leugner Ernst Z\u00fcndel in seinem Magazin \u00bbDer Freund\u00ab ver\u00f6ffentlicht (\u00bbWhile I like the style and certain parts a lot it is very antisemitic in tone\u00ab).<\/p>\n<p>Ist das blo\u00df Erzeugung \u00e4sthetischer Mehrdeutigkeit? Ausloten von politischen, \u00e4sthetischen Grenzen? Erweiterung des Diskurses? Ein Nebensatz aus dem Artikel von Schmidt ist es, der die gesamte Debatte um Christian Kracht und Imperium gewiss am trefflichsten zusammenfasst:<\/p>\n<p>\u00bbDas Ganze ist eigentlich urkomisch, aber es ist nicht zum Lachen\u00ab (S. 78).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bibliografischer Nachweis<\/strong>:<br \/>\nWinkels, Hubert (Hrsg.)<br \/>\nChristian Kracht trifft Wilhelm Raabe. Die Diskussion um \u203aImperium\u2039 und der Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2012<br \/>\nBerlin 2013<br \/>\nSuhrkamp Verlag<br \/>\nISBN: 978-3-518-07119-9<br \/>\n157 Seiten<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website gringmuth\" href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/germanistik\/mitarbeiter\/gringmuth_sven\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Sven Gringmuth<\/a> ist Lehrkraft f\u00fcr besondere Aufgaben am Germanistischen Seminar der Universit\u00e4t Siegen.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cVon Herzen und Handschellen&lt;br \/&gt; Rezension zu Eva Illouz, \u00bbDie neue Liebesordnung. Frauen, M\u00e4nner und \u203aShades of Grey\u2039\u00ab&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Annemarie Opp&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;15.1.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2641&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vision einer radikalen Antimoderne<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[441,747,846,1033,1057,1837,1993,2266,2336],"class_list":["post-2713","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-christian-kracht","tag-feuilleton-debatte","tag-georg-diez","tag-hubert-winkels","tag-imperium","tag-pop-zeitschrift-2","tag-rezension","tag-sven-gringmuth","tag-thomas-assheuer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2713","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2713"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2713\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2713"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2713"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2713"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}