{"id":2721,"date":"2014-02-05T10:16:03","date_gmt":"2014-02-05T08:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2721"},"modified":"2014-02-05T10:16:03","modified_gmt":"2014-02-05T08:16:03","slug":"boheme-und-popkulturvon-thomas-hecken5-2-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/02\/05\/boheme-und-popkulturvon-thomas-hecken5-2-2014\/","title":{"rendered":"Boheme und Popkulturvon Thomas Hecken5.2.2014"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcberzeugung, dass Kunst und Lebensstil nicht voneinander zu trennen seien<!--more--><\/p>\n<p>Hipster, Hippies, Punks, New Waver usf. \u2013 dass sie nicht alle in langj\u00e4hrigen, festen Berufen steckten und bereits Familien gegr\u00fcndet hatten, braucht man nicht gro\u00df erl\u00e4utern. Der Grund daf\u00fcr liegt aber nicht nur im jungen Alter vieler Protagonisten. Gerade diejenigen, die zu den Produzenten, Distributoren und Publizisten der jeweiligen Szene geh\u00f6ren \u2013 Musiker, Labelmacher, Grafiker, Journalisten, Fotografen, Galeristen, Clubbesitzer etc. \u2013, wollen auch in ihren Zwanzigern oder Drei\u00dfigern oftmals nicht einer geregelten Arbeit nachgehen. Und wenn sich die anf\u00e4nglich riskanten oder eher nebenbei ausge\u00fcbten T\u00e4tigkeiten doch zu einem Beruf oder einer Kleinunternehmerexistenz verdichten, tun sie h\u00e4ufig ihr M\u00f6glichstes, um mindestens ihr Privatleben, meist aber auch den Beruf kreativ und unreglementiert anzulegen. Zumindest wollen sie den Eindruck erwecken, es sei so.<\/p>\n<p>Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird f\u00fcr solch ein Verhalten gerne der Begriff \u201aBoheme\u2018 verwandt. In Deutschland schreibt Karl Marx Anfang der 1850er Jahre: \u00bbNeben zerr\u00fctteten Rou\u00e9s [W\u00fcstlingen, Lebem\u00e4nnern] mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthausstr\u00e4flinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni [Tagediebe], Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus [Zuh\u00e4lter], Bordellhalter, Lasttr\u00e4ger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgel\u00f6ste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la boh\u00e8me nennen\u00ab. Marx selbst spricht mit deutlich negativem Gestus von \u00bbLumpenproletariat\u00ab, von Leuten, die \u00bbsich auf Kosten der arbeitenden Nation wohltun\u00ab (Marx [1852] 1988: 160f.)<\/p>\n<p>So eindeutig, wie Marx die franz\u00f6sische Begriffsverwendung schildert, ist es allerdings \u00fcberhaupt nicht. Im Franz\u00f6sischen finden sich auch andere Gebrauchsweisen. Bei Balzac hei\u00dft es in der Erz\u00e4hlung \u00bbEin Prinz der Boheme\u00ab aus dem Jahr 1840, in der Boheme begegne man \u00bbSchriftstellern, Verwaltungsbeamten, Soldaten, Journalisten, K\u00fcnstlern\u00ab. Sie seien alle zwischen 20 und 30 Jahre alt, hochbegabt und geistreich, m\u00fcssten aber, weil sie im \u00fcberalterten Staat momentan keine Posten finden k\u00f6nnten, in materiell sehr bedr\u00e4ngten Verh\u00e4ltnissen leben. \u00bbDie Boheme besitzt nichts und lebt von dem, was sie hat. Die Hoffnung ist ihre Religion, der Glaube an sich ihr Gesetzbuch, Almosen ihr Budget.\u00ab (Balzac [1840] 1977: 97).<\/p>\n<p>Henri Murger \u00fcbernimmt in seiner hoch erfolgreichen und pr\u00e4genden Erz\u00e4hlungssammlung \u00bbSc\u00e8nes de la Vie de Boh\u00e8me\u00ab aus der Mitte des 19. Jahrhunderts Balzacs hohe Meinung von der Boheme nur zum Teil. Zudem ist bei ihm von Verwaltungsbeamten und Soldaten keine Rede. Seine Szenen zeigen die Boheme-Helden als vogelfreie, mittellose K\u00fcnstler: \u00bbRudolf war von einem ungastlichen Hauswirt vor die T\u00fcr gesetzt worden und lebte seit einiger Zeit unsteter als die Wolken; er vervollkommnete sich nach Kr\u00e4ften in der Kunst, zu Bett zu gehen, ohne zu Abend gegessen zu haben oder zu Abend zu essen, ohne zu Bett zu gehen; sein Koch war der Zufall, und oft \u00fcbernachtete er bei Mutter Gr\u00fcn.\u00ab (Murger 1967: 77) Der muntere Ton der Erz\u00e4hlung l\u00e4sst aber erahnen, dass es insgesamt nicht schlecht steht.<\/p>\n<p>Die heitere Stimmung besitzt einen guten Grund. Am Ende der Geschichte feiern die K\u00fcnstler mit ihren Werken Erfolge beim (zahlungskr\u00e4ftigen) Publikum. Die Boheme ist f\u00fcr Murger nur ein Durchgangsstadium auf dem Weg zum Erfolg. Murgers Credo lautet: Man d\u00fcrfe in der Boheme nicht stecken bleiben, der wahre K\u00fcnstler bleibe kein Bohemien, sondern setze sich schlie\u00dflich durch.<\/p>\n<p>Anders geht es bei den \u00bbWassertrinkern\u00ab aus, einer weiteren Bohemegruppe, von der Murger kurz erz\u00e4hlt. Wie der Name schon sagt, lebt die K\u00fcnstlergruppe in gro\u00dfer Armut, mehr als Wasser steht oftmals nicht auf ihrem Speiseplan. Ihre Armut erf\u00fcllt sie aber geradezu mit Stolz, sie ist der Ausweis ihrer k\u00fcnstlerischen Integrit\u00e4t. Lukrative Angebote, die ihnen unlauter erscheinen, lehnen sie trotz ihrer Zwangslage konsequent ab. Einem bildenden K\u00fcnstler, der gegen dieses Gebot verst\u00f6\u00dft, h\u00e4lt ein Wassertrinker in der Erz\u00e4hlung Murgers entgegen: \u00bb\u203aTreibe dein Handwerk, wie es dir beliebt; f\u00fcr mich bist du kein Bildhauer mehr, f\u00fcr mich bist du ein Gipsfigurenfabrikant! Freilich wirst du nun Wein trinken k\u00f6nnen, aber wir, die wir nach wie vor unser Wasser trinken und Kommi\u00dfbrot essen, wir bleiben K\u00fcnstler.\u2039\u00ab (ebd.: 275)<\/p>\n<p>Wegen dieser kompromisslosen Einstellung, unterstellt Murgers Erz\u00e4hlung, seien die K\u00fcnstler der Wassertrinker arm und ohne Anerkennung geblieben. Sie sind also in seiner Sicht letztlich keine K\u00fcnstler, sondern blo\u00df Bohemiens. Die Wassertrinker selbst sehen das selbstverst\u00e4ndlich vollkommen anders. Gerade weil sie kompromisslos arm bleiben, sind sie K\u00fcnstler.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Kunst und Leben<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu Murgers Haltung entdeckt die g\u00e4ngige Boheme-Einstellung in der Erfolglosigkeit auf dem Markt und bei privaten oder staatlichen G\u00f6nnern kein Indiz des Scheiterns, sondern einen Beweis avancierter Kunst. Julius Bab etwa, der Chronist der Berliner Boheme, nennt 1904 als Gesetz der Boheme: \u00bb[\u00dc]berall wo die schlechte wirtschaftliche Lage jungen, mehr auf die k\u00fcnstlerische Lebenserfassung und Gestaltung, als auf den Lebensunterhalt bedachten Leuten die F\u00fchrung einer \u203agesellschaftsf\u00e4higen\u2039 Existenz verwehrt, da ist materielle Notwendigkeit gegeben f\u00fcr das Entstehen einer Boh\u00e8me.\u00ab Hinzutreten muss dann aber noch der \u00bbgeistige Anla\u00df\u00ab, nach Bab zu finden in jenen \u00bbeigenwilligen K\u00f6pfen und lebensdurstigen, k\u00fcnstlerisch gestimmten Sinnen\u00ab, die den \u00bbherrschenden Lebensgewohnheiten\u00ab opponieren (Bab [1904] 1994: 46, 8). Eigenwillige K\u00f6pfe \u2013 das ist hier zweifellos sehr positiv gemeint. Mit lebenshungrigem, kunstsinnigem Schwung gegen die allt\u00e4glichen Normen anzugehen, ist darum geradezu eine Notwendigkeit.<\/p>\n<p>Diese Definition und historische Erkl\u00e4rung pr\u00e4gt viele Schriften zur Boheme. Gew\u00f6hnlich ist aber anstelle der \u203aherrschenden Lebensgewohnheiten\u2039 vom B\u00fcrger zu lesen, der als Widersacher der Boheme fungiert (vgl. Kreuzer 1968). Der B\u00fcrger bringt nicht nur keine Begeisterung, nicht einmal Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Kunstwerke der Bohemiens auf, auch sein ganzer Lebensstil ist dem der Bohemiens entgegengesetzt. Umgekehrt erf\u00fcllt die Bohemiens die Kunst- und Lebensauffassung der B\u00fcrger mit Abscheu, deshalb halten sie nicht nur konsequent an ihrer Art zu malen und zu schreiben fest. F\u00fcr viele Bohemiens ist ihr unn\u00fctzer, ungeordneter, spontaner, unmoralischer, libert\u00e4rer Lebensstil keinesfalls blo\u00df von der Not diktiert, sondern in vielerlei Hinsicht auch eine Tugend.<\/p>\n<p>Lebensweise und Kunst bilden bei vielen Bohemiens, die schreiben oder malen, demnach nicht blo\u00df deshalb einen Zusammenhang, weil der mangelnde kommerzielle Ertrag ihrer Werke ihren Alltag bestimmt. Ein gemeinsamer Grund existiert auch in der Ablehnung von Regeln, in der Betonung nonkonformer Individualit\u00e4t. Wie das Werk sich g\u00e4ngigen, erfolgversprechenden Mustern verweigert, so auch die Lebenspraxis den Anforderungen b\u00fcrgerlicher Provenienz. Man glaubt, dass es an der Entt\u00e4uschung von Gewohnheiten liegt, weshalb die eigene Kunst auf wenig lukrative Resonanz st\u00f6\u00dft, und sieht in der unb\u00fcrgerlichen Art zu leben ein passendes Gegenst\u00fcck dazu (wie Bab sagt: \u00bblebensdurstige\u00ab und zugleich \u00bbk\u00fcnstlerisch gestimmte Sinne\u00ab!). Die bohemische Lebensweise gilt den angehenden K\u00fcnstlern deshalb letztlich als Ausdruck der Wahl, nicht des Zwangs. Selbst wenn gr\u00f6\u00dfere materielle Mittel zur Verf\u00fcgung st\u00fcnden, w\u00fcrde man nicht von ihr lassen.<\/p>\n<p>Zu diesem Lebensstil geh\u00f6rt es, in den Tag hineinzuleben, nichts anzusparen, sich sexuell freiz\u00fcgig zu geben, Unordnung und gelegentlich exzessive Verausgabung zu pflegen, durch Gesten, Frisuren und Kleidung gleich anzuzeigen, dass man auf b\u00fcrgerliche N\u00fcchternheit und Einf\u00f6rmigkeit keinen Wert legt. Pate steht hier Th\u00e9ophile Gautiers rote Weste und schulterlanges Haar, stehen die historischen oder exotischen Kost\u00fcmierungen der Jeunes Frances der 1830er Jahre. Mitunter weist diese Einstellung schon auf die avantgardistischen Topoi voraus, abgeschlossene Werke abzulehnen und die Kunst im Leben aufgehen lassen zu wollen: Das Boheme-Leben ist dann bereits die Kunst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Avantgarde<\/p>\n<p>Tragen Bohemiens durch auff\u00e4llige Stilisierungen ihrer selbst zur Unterhaltung der \u00d6ffentlichkeit bei (wie erschrocken oder moralisch abf\u00e4llig die Unterhaltung und Faszination auch ausfallen mag), sind sie ihrerseits nicht selten gerne bereit, unb\u00fcrgerlichen Vergn\u00fcgungen, die an wenig respektablen Orten stattfinden, etwas abzugewinnen. In Pariser Caf\u00e9s und Cabarets trifft man in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts immer wieder auf ein Mit- und Nebeneinander von moderner Kunst oder modernen K\u00fcnstlern und zeitgen\u00f6ssischen popul\u00e4ren Liedern bzw. S\u00e4ngern (ausf\u00fchrlich dazu Gendron 2002: 29ff.).<\/p>\n<p>\u00dcber die bohemische Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr manche Erzeugnisse der Massenpresse, der neuen Gattung Film, der \u203agothic novel\u2039, der Tanzmusik usw. kann man dann im 20. Jahrhundert regelm\u00e4\u00dfig in den Schriften ultramoderner K\u00fcnstler nachlesen, beginnend mit den Manifesten der historischen Avantgarde der 1910er und 1920er Jahre, bei den Futuristen, Dadaisten, Surrealisten. Diese Avantgardisten leben zwar nicht immer in Armut, die \u00dcberzeugung, dass ein unb\u00fcrgerliches, intensives Leben mit zur Kunst geh\u00f6re, haben sie sich aber nachdr\u00fccklich zu eigen gemacht. Ihre Parole, das Leben m\u00fcsse in der Kunst aufgehen, ist den antib\u00fcrgerlichen Auffassungen der Boheme vollg\u00fcltig verpflichtet, es macht sie sogar ausdr\u00fccklich zu ihrem k\u00fcnstlerisch revoltierenden, gegen die bestehende Arbeitsteilung und Spezialisierung gerichteten Prinzip.<\/p>\n<p>Besonders in den entspannteren Passagen der futuristischen Manifeste (abseits ihrer \u00fcblichen Begeisterung f\u00fcr martialische Technologien) trifft man auf solch eine \u00fcberschreitende Lebenskunst, die einen entgrenzten Geschmack beweist. Mit der Losung \u00bbdie Kunst und die revolution\u00e4ren K\u00fcnstler an die Macht!\u00ab verbindet der futuristische Chefideologe Marinetti die Hoffnung, dass dank des technischen Fortschritts die K\u00fcnstler-Politiker zumindest alle \u00bbintelligenten Menschen\u00ab von der Lohnarbeit werden befreien k\u00f6nnen. Bei allen anderen, die weiter dem m\u00fchseligen Arbeitsleben unterworfen bleiben, soll das \u00bbProblem des Wohlstands\u00ab aber ebenfalls angegangen werden. Erst einmal geht es Marinetti darum, die \u00bb\u00f6konomische H\u00f6lle\u00ab durch die \u00bbunz\u00e4hligen Feste der Kunst\u00ab zu versch\u00f6nern. Langfristig soll damit mehr als nur ein Ausgleich des ernsten Lebens durch die aufheiternde Kunst verbunden sein: Der \u00bbKunst-Alkohol\u00ab muss allen solange eingefl\u00f6\u00dft werden, bis viele selbst zu K\u00fcnstlern werden. Im Sinne eines \u00bbanarchistischen Individualismus\u00ab, dem \u00bbZiel und Traum eines jeden starken Geistes\u00ab, w\u00fcrde dann irgendwann \u2013 gem\u00e4\u00df Marinettis Plan \u2013 eine Zeit anbrechen, in der das Leben f\u00fcr alle ungehemmt von materieller Pression ein \u00bbKunstwerk-Leben\u00ab w\u00e4re (Marinetti [1919] 1995).<\/p>\n<p>Bereits in der Gegenwart, in futuristischen Abendveranstaltungen, lassen sich unproblematisch all jene Vorschl\u00e4ge verwirklichen, die ein entgrenztes Theater betreffen, bei dem die Trennung zwischen B\u00fchne und Parkett durchl\u00f6chert wird. Durch Juckpulver auf den Sitzen soll das Publikum zur Aktivit\u00e4t gebracht werden, es soll nicht nur zuschauen und zuh\u00f6ren, sondern selbst Teil der Auff\u00fchrung werden, soll mitsingen, improvisieren.<\/p>\n<p>Um das futuristische Theater zu einem avantgardistischen Ort zu machen, muss es sich von der \u00fcblichen Opernauff\u00fchrung oder der Klassiker-Inszenierung noch weiter unterscheiden. Beim Werk f\u00e4llt den Futuristen die Abgrenzung leicht. Als Postmoderner avant la lettre konzipiert Marinetti die Variet\u00e9-Auff\u00fchrung nach dem Vorbild ber\u00fchmter Dramen und Kompositionen \u2013 die Vorbilder taugen bei ihm aber nat\u00fcrlich nur zur Travestie. Was Schiller als kennzeichnende Eigenschaften der Werke popul\u00e4rer Kunst negativ herausgestellt hat \u2013 den durch k\u00fcnstlerische Formgebung ungeb\u00e4ndigten Stoff, das Bunte und Sinnliche, den Reiz \u2013, m\u00f6chte Marinetti jetzt aus den gro\u00dfen Klassikern der Formkunst hervortreiben, er m\u00f6chte aus ihnen einen \u00bbZusammenwurf von Bildern\u00ab machen \u2013 um wiederum einen Begriff anzuf\u00fchren, den Schiller zur Charakterisierung popul\u00e4rer Kunst benutzt hat ([1791] 1958: 253f.).<\/p>\n<p>Die angeblich \u00bbunsterblichen Meisterwerke\u00ab will Marinetti wie eine \u00bbx-beliebige Attraktion\u00ab pr\u00e4sentieren, das \u00bbErnste und Erhabene in der Kunst\u00ab soll dadurch zerst\u00f6rt, jede Tradition, aller Akademismus aufgel\u00f6st werden. W\u00fcrden seine einzelnen Absichten Wirklichkeit, erreichte Marinetti sein grunds\u00e4tzliches Ziel leichterdings. Er schl\u00e4gt etwa vor, die klassische Kunst zu \u00bbprostituieren\u00ab, indem alle antiken und klassizistischen Trag\u00f6dien an einem Abend in Kurzform oder einer \u00bbkomischen Mischung\u00ab aufgef\u00fchrt werden, er regt an, eine Beethoven-Symphonie r\u00fcckw\u00e4rts zu spielen oder die Werke von Chopin, Wagner, Bach, Bellini durch das \u00bbEinf\u00fcgen neapolitanischer Lieder\u00ab zu beleben \u2013 in dieser Mischung wahrlich ein \u00bbZusammenwurf von Bildern\u00ab, eine Aufl\u00f6sung des Zusammenhangs der Form zugunsten des besonderen stofflichen Reizes, sogar eine Kombination von \u203aHohem\u2039 und \u203aNiedrigem\u2039 auf dem Niveau des nach herk\u00f6mmlich durchgesetzter Kunstauffassung \u203aNiedrigen\u2039, nach bewusster Entstellung des \u203aHohen\u2039. Zugleich bleibt dadurch aber ebenfalls der Unterschied zu vielen g\u00e4ngigen Spielarten popul\u00e4rer Unterhaltung au\u00dferhalb des Variet\u00e9s erhalten, die trotz aller unterstellten Buntheit und Reizf\u00fclle keineswegs der narrativen und semantischen Geschlossenheit entraten. In der futuristischen Verletzung und Aufl\u00f6sung auch dieser Form zeigt sich die avantgardistische Souver\u00e4nit\u00e4t gegen\u00fcber allen anderen kulturellen (nicht allein den bildungsb\u00fcrgerlichen) Hervorbringungen.<\/p>\n<p>Anders sieht das bei einer weiteren futuristischen Losung aus. Das futuristische Variet\u00e9, als wahrhaft zeitgen\u00f6ssisches Theater, solle zerstreuen und unterhalten, fordert Marinetti. Zwar klingen die n\u00e4heren Angaben zu dieser antiken, r\u00f6mischen Funktionsbestimmung der literarischen Kunst moderner \u2013 als Mittel der Unterhaltung sollen \u00bbKomik, erotischer Reiz oder geistreiches Schockieren\u00ab dienen, und zur Zerstreuung kommt nicht mehr wie einst die Belehrung hinzu \u2013, in ihnen liegt aber eine Gefahr begr\u00fcndet. Wegen der bevorzugten Mittel des reizvollen, geistreichen Vergn\u00fcgens r\u00fcckt das futuristische Theater gef\u00e4hrlich nahe an die gut bekannten, harmlosen Formen b\u00fcrgerlicher Vergn\u00fcgungen abseits idealistischer Anspr\u00fcche heran. Das ganze weitere Manifest dient deshalb dazu, wieder auf Abstand zu gehen.<\/p>\n<p>Die Distanz wird nicht zuletzt durch eine Verst\u00e4rkung der Reize, durch potenzierte Vulgarit\u00e4t erfolgreich hergestellt. Marinetti will auf die B\u00fchne \u00bbdynamische Effekte\u00ab bringen, \u00bbschnellen und mitrei\u00dfenden Tanzrhythmus\u00ab, \u00bbderbe Gags\u00ab, \u00bbenorme Brutalit\u00e4t\u00ab, \u00bbkurz aufblitzenden Zynismus\u00ab, \u00bbverwirrende und endg\u00fcltige Symbole\u00ab, maximalen \u00bbEsprit\u00ab, \u00bbdie ganze Skala der Dummheit, des Bl\u00f6dsinns, des Unsinns und der Absurdit\u00e4t\u00ab, er pl\u00e4diert mit Nachdruck f\u00fcr den Einsatz neuer Medien im Theater, um eindrucksvolle Bilder von Ereignissen und Ph\u00e4nomenen, die sich sonst nicht auf die B\u00fchne bringen lassen, auf das Publikum einst\u00fcrzen zu lassen.<\/p>\n<p>Zuletzt wird von futuristischer Seite ein Unterschied gesetzt, der eine deutliche Differenz nicht nur zu ernsten Pr\u00e4tentionen markiert, sondern auch zum aktuellen Variet\u00e9 mit seinen ansprechenden T\u00e4nzen und eing\u00e4ngigen erotischen Attraktionen. Marinetti verherrlicht das elektrische Licht, er forciert die unnat\u00fcrliche Stilisierung: \u00bbGr\u00fcne Haare, violette Arme, blaues Dekollet\u00e9, orangefarbener Chignon\u00ab. Das futuristische Variet\u00e9 soll jedes romantische Gef\u00fchl mechanisieren, Coolness triumphiert: es \u00bberniedrigt die Wollust zur nat\u00fcrlichen Funktion des Koitus, beraubt sie jeden Geheimnisses, jeder deprimierenden Angst und jedes anti-hygienischen Idealismus\u00ab, so zumindest die Absicht Marinettis ([1913] 1972).<\/p>\n<p>Zwar nicht genau mit Wagner und neapolitanischen Liedern, Opern-Extrakt und bezwingenden Tanzrhythmen, Racine-Fragmenten und \u00bbderben Gags\u00ab, blauem Dekollet\u00e9 und orangefarbenem Chignon, aber mit anderen Elementen und Konfigurationen werden den Futuristen prinzipiell viele folgen: Berliner Dadaisten, anglo-amerikanische Pop-Artisten, Punk- und New-Wave-Situationisten, ungez\u00e4hlte Rockstars. Die einen eher mit Rhythmus und Brutalit\u00e4t, die anderen eher mit gr\u00fcnen Haaren und aufblitzendem Zynismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Erfolg und\/als Misserfolg des k\u00fcnstlerischen Boheme-Projekts<\/p>\n<p>All diese Ann\u00e4herungen an die Massen- und Popkultur gr\u00fcnden nat\u00fcrlich nicht nur in der \u00dcberzeugung der Bohemiens, es mit hervorragenden Artefakten zu tun zu haben. K\u00fcnstler, die mit ihren Werken und ihrer Lebenspraxis gegen b\u00fcrgerliche Konventionen massiv versto\u00dfen wollten, mussten sich zwangsl\u00e4ufig von jenen Orten angezogen f\u00fchlen, die au\u00dferhalb der Akademie und des Konzertsaals, aber auch au\u00dferhalb gesitteter Vergn\u00fcgungsst\u00e4tten lagen, sie mussten sich angezogen f\u00fchlen von Ph\u00e4nomenen, die vulg\u00e4r und ma\u00dflos schienen.<\/p>\n<p>Die Berliner Dadaisten waren sich noch sicher: Der \u00bbHa\u00df gegen die Presse, der Ha\u00df gegen die Reklame, der Ha\u00df gegen die Sensation\u00ab stelle die falsche, sentimentale Einstellung von Bildungsb\u00fcrgern dar, \u00bbdenen ihr Sessel wichtiger ist als der L\u00e4rm der Stra\u00dfe\u00ab (Tzara u.a. [1918] 1984: 31). Deshalb verb\u00fcnden sich die Dadaisten demonstrativ mit dem Feind des Bildungsb\u00fcrgertums: \u00bbDer Masse ist Kunst oder Geist wurscht. Uns auch.\u00ab (Hausmann [1919] 1977: 54)<\/p>\n<p>Das mag vielleicht so gewesen sein, auch wenn viele Schriften der Dadaisten nicht gerade von Geistfeindschaft zeugen. Als mittel- und langfristig eminenter Irrtum hat sich allerdings die Diagnose und zugleich Hoffnung der Dadaisten herausgestellt, das Bildungsb\u00fcrgertum werde durch sie nachhaltig verst\u00f6rt oder sei ihnen feindlich gesonnen. Akademien, Museen, Sammler, Feuilletonisten, Professoren, Zuschauer von Kultursendungen haben sich ihnen seit den 1960er Jahren verst\u00e4rkt zugewandt und sie in den Kanon der Hochkultur aufgenommen.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr viele andere Bohemiens, die Kunstwerke hervorgebracht haben. Ihre Regelverst\u00f6\u00dfe, ihre Attacken auf den g\u00e4ngigen Geschmack des Marktes ihrer Zeit haben ihnen \u00fcber kurz oder lang (also posthum) Ruhm eingebracht. Nicht jedem einzelnen K\u00fcnstler nat\u00fcrlich, aber den jeweils als wichtig erkannten Repr\u00e4sentanten einzelner Richtungen des Regelbruchs. Regelversto\u00df und Innovation z\u00e4hlen inzwischen zu den wichtigsten Werten der Kunstwelt.<\/p>\n<p>Der k\u00fcnstlerische Erfolg der Boheme ist darum zugleich ihr lebendiger Misserfolg. Zwar gibt es keine starren Kunstregeln mehr, die entgrenzte Kreativit\u00e4t hat aber nicht f\u00fcr eine radikale \u00c4nderung der Lebensverh\u00e4ltnisse gesorgt<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">Pop-Boheme?<\/p>\n<p>Deshalb lag es seit den 1960er Jahren nahe, Bohemia n\u00e4her an den Orten der Popkultur zu suchen und zu gr\u00fcnden, nicht in den literarisch-k\u00fcnstlerischen Caf\u00e9s und Cabarets. Immerhin waren einige Manager, Clubbesitzer, Labelmacher als Typen sehr nah an dem, was Marx zur Boheme z\u00e4hlte: Gauner, Spieler, Tagediebe. Zweitens waren und sind die Pop-Boheme-Szenen wesentlich gr\u00f6\u00dfer als ihre rein k\u00fcnstlerisch-avantgardistischen Pendants; in dieser Hinsicht nicht zu Unrecht hat man angesichts der Hippie- und Alternativbewegung von einer Massenbohemisierung gesprochen. Drittens konnte man bereits seit dem Rock \u2019n\u2019 Roll (und dann bis hin zu Techno) darauf bauen, dass endlich jene L\u00e4rmentfesselungen, jene Sensationen vorlagen, die dem bildungsb\u00fcrgerlichen Geschmack zuwiderlaufen.<\/p>\n<p>Auch hier musste man sich aber eingestehen, dass man sich get\u00e4uscht hatte. Die Massenbohemisierung erkl\u00e4rt sich besser aus der verl\u00e4ngerten Spanne, die man jungen Leuten bis weit in das Twen-Alter zugesteht, um sich abseits von geregelter Arbeit und Ehe fortzubilden, nicht aus ernsthaften Bestrebungen, durchg\u00e4ngig ein Bohemeleben zu f\u00fchren. Und die Wirkung des Rock \u2019n\u2019 Roll usf. ist in antib\u00fcrgerlicher Absicht auch \u00fcbersch\u00e4tzt worden. Er hat das gleiche Schicksal erlitten wie die k\u00fcnstlerische Avantgarde. Das Feuilleton sch\u00e4tzt ihn mehrheitlich bereits seit einigen Jahrzehnten, Universit\u00e4ten, \u00f6ffentlich-rechtliche Sender haben nachgezogen, l\u00e4ngst nicht mehr werden Pop-St\u00fccke nur von (aufbegehrenden) Teenagern, sondern von gesetzten Erwachsenen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Mittlerweile geh\u00f6rt es zur g\u00e4ngigen b\u00fcrgerlichen Kunstrezeption, auch Reklame, L\u00e4rm, Sensation einzubeziehen, solange sie auf der Stra\u00dfe oder im Konzertsaal bleiben. Solange es ein Event ist und an Freizeitst\u00e4tten stattfindet, kann oder soll sogar das Erlebnis f\u00fcr sie nun ungew\u00f6hnlich und verst\u00f6rend ausfallen. Als Einschr\u00e4nkung fungiert weiterhin \u203anur\u2039 die Leitlinie, dass weder Boheme-Unordnung noch Pop-Sensation den Arbeitsalltag nachhaltig durcheinander bringen d\u00fcrfen. Hier wird zwar heutzutage in manchen Bereichen der Kreativbranchen oder allgemein in der Manager-Rhetorik enorm Kreatives, Au\u00dfergew\u00f6hnliches, ja Revolution\u00e4res verlangt, meistens handelt es sich jedoch de facto um Lippenbekenntnisse.<\/p>\n<p>F\u00fcr die K\u00fcnstler bedeutet dies aber in jedem Fall, dass ihnen ein anderes Leben nicht nur gerne zugestanden, sondern manchmal geradezu abverlangt wird \u2013 als Anreiz und betrachtbare, partiell nach- und miterlebbare, letztlich allerdings konstitutiv ferne Utopie des B\u00fcrgers. Der k\u00fcnstlerische Bereich muss in seiner Boheme-Ausformung ein Separatbereich bleiben, wenn es um Arbeits- und Lebensformen geht, die den Renditeplan in Unordnung geraten lie\u00dfen.<\/p>\n<p>Einige \u00e4ltere Formen des Bohemelebens, die fr\u00fcher als moralisch verwerflich galten, sind unter dem Primat des Profitstrebens freilich sogar l\u00e4ngst legitimiert und stehen nicht per se im Widerspruch zur gegenw\u00e4rtigen liberalkapitalistischen Verfassung. Die zumeist kritisch und nicht liberal-affirmativ vorgetragene Diagnose weist zwei Dimensionen auf:<\/p>\n<p>Erstens wird h\u00e4ufig konstatiert, dass die kurzfristige Verausgabung und das Prinzip antiautorit\u00e4rer Selbstbestimmung gut zu einer entfalteten Kreditwirtschaft und zu einer Kulturindustrie passt, die von kreativen Ich-AGs weitgehend unbezahlte Vorarbeit leisten l\u00e4sst \u2013 von prek\u00e4ren Selbstst\u00e4ndigen, die ihre materiell unsicheren Lebensverh\u00e4ltnisse deshalb mit guten Worten bedenken (etwa als \u00bbdigitale Boheme\u00ab), weil sie unbeaufsichtigt und mit hohem Eigenengagement vorgehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sehr oft ist auch bereits \u2013 zweitens\u00a0\u2013 angemerkt worden, dass das Beharren der Boheme auf kreativer Originalit\u00e4t und auf einem abweichenden Lebensstil einer Konsumwirtschaft, die von modischen Wechseln und einem aufgef\u00e4cherten Warenangebot abh\u00e4ngig ist, Vorschub leistet.<\/p>\n<p>Seit 1968 geh\u00f6rt die Diagnose zum sicheren Bestand der erweiterten Kommerzialisierungs- und Konsumkritik. Der Underground-Szene wird oftmals mit kritischem Tenor vorgehalten, wegen ihres Willens zur Abweichung stets neue Produkte f\u00fcr das jugendliche Publikum hervorzubringen. 1972 \u2013 um wenigstens ein Beispiel zu zitieren \u2013 h\u00e4lt ein situationistischer Kritiker fest:<\/p>\n<p>\u00bbHip life creates and consumes new roles \u2013 guru, craftsman, rock star; new abstract values \u2013 universal love, naturalness, openness; and new mystifications for consolation \u2013 pacifism, Buddhism, astrology, the cultural debris of the past put back on the counter for consumption. The fragmentary innovations that the hippie did make \u2013 and lived as if they were total \u2013 have only given new life to the spectacle. Instead of fighting for a real life, the hippie takes on an abstract representation, an image of life, and advertises his change of appearance as real change. The moral seriousness which he attaches to his lifestyle measures his dependence on the new image. Since the proliferation of lifestyles develops parallel to the decay of values, valuation in turn decomposes in the direction of choosing an entire pseudolife from among the styles on the market. Records, posters, bellbottoms: a few commodities make you hip. When \u203ahip capitalism\u2039 is blamed for \u203aripping off our culture\u2039 it is forgotten that the early cultural heroes (Leary, Ginsberg, Watts, etc.) promoted the new lifestyle in the emporium of cultural consumption. These advertising men for a new style, by combining their own cultural fetishism with the false promise of an authentic life, engendered a quasi-messianic attachment to the cause. They \u203aturned on\u2039 youth simultaneously to a new family of values and a corresponding family of goods.\u00ab (Anonymus 1972)<\/p>\n<p>Die Maxime der Anti-Hippie-Fraktion Anfang der 1980er Jahre, die wiederum dem standardisierteren, k\u00fcnstlicheren Pop viel abgewinnen konnte, bedeutete so gesehen nat\u00fcrlich auch nichts anderes als jenen Versuch, etwas Abweichendes zu schaffen, den diese Pop-Apologeten an der Hippie-, Rock- und Alternativbewegung (in ihrem Dr\u00e4ngen auf Authentizit\u00e4t und Echtheit) verachteten. Von dieser Bewegung wollte man sich ja ganz bewusst absetzen, deshalb stellte in diesem kulturellen Bereich das Insistieren auf Pop-Gl\u00e4tte und -Konsum eine vor\u00fcbergehend provozierende, anregende (nat\u00fcrlich auch zum Kauf neuer G\u00fcter anregende) Neuerung und Differenz dar.<\/p>\n<p>Weitere Gemeinsamkeit: Wie bei den Hippies kann man auch bei den postmodernen Poppern unschwer erkennen, dass ihre Stil- und Konsum-Vorlieben in Boheme-Szenen gepr\u00e4gt wurden, bevor sie gr\u00f6\u00dfere Kreise erreichten. Boheme meint hier: Szenen \u00fcberwiegend junger Leute, die originell sein wollen und zumeist noch keinen festen Platz und kein berufsm\u00e4\u00dfiges Auskommen in einem Bereich der Kreativ- und Wissensbranche \u2013 zumindest aber noch keinen regelm\u00e4\u00dfig guten Verdienst \u2013 besitzen. Boheme meint unter Pop-Bedingungen auch weiterhin: die \u00dcberzeugung, dass Kunst und Lebensstil nicht voneinander zu trennen seien. Hinzu kommt, dass im Pop-Bereich ebenfalls weiterhin einige Leute anzutreffen sind, die man mit Marx, ob man seine negative Wertung nun teilt oder nicht, als Gauner, Gaukler, Spekulanten bezeichnen kann.<\/p>\n<p>Was ist aber mit dem Anspruch der Boheme, antib\u00fcrgerlich oder herrschenden Lebensverh\u00e4ltnissen entgegen zu wirken? Wenn schon von einer Abneigung von Managern und Regierungspolitikern gegen Kreativit\u00e4t, Erlebnis, Verausgabung, unreglementierte, flexible Arbeit grunds\u00e4tzlich kaum mehr eine Rede sein kann \u2013 und wenn der spontane, moralisch wenig eingehegte Konsum zwar immer noch auf mancherlei Bedenken st\u00f6\u00dft, von breiten Bev\u00f6lkerungskreisen de facto aber ungehindert zum Segen der Profitwirtschaft praktiziert werden darf, was bleibt dann vom alten Anspruch der Boheme unter zeitgen\u00f6ssischen Pop-Bedingungen?<\/p>\n<p>Die Losung, nur jene Pop-Formen, die avantgardistisch und besonders kreativ sind, als Boheme-Kunstwerke zuzulassen, f\u00fchrt offenkundig nicht weiter, sondern nur in das Reservat der modernen, staatlich gef\u00f6rderten Kunst hinein. Dagegen mag nichts zu sagen sein, antib\u00fcrgerlich ist es aber keineswegs.<\/p>\n<p>Die privatwirtschaftliche Variante dieses Ansatzes sieht so aus, dass die kreativen, zun\u00e4chst unterfinanzierten oder gar nicht bezahlten Versuche der Pop-Bohemiens in Williamsburg, Berlin-Mitte (oder wo auch immer sie nun hingezogen sein m\u00f6gen) freiwillig oder unfreiwillig als Test f\u00fcr neue Produkte und als Vorhut der Gentrifizierung dienen. Selbst diejenigen, die nicht \u2013 im Sinne Murgers \u2013 zum K\u00fcnstler (also erfolgreich) werden und f\u00fcr die Bohemia nicht nur eine Durchgangsstation darstellt, besitzen dadurch einen Anteil an der Profitsch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Bleibt also nur eine Variante, die mit der Produktivit\u00e4t und Kreativit\u00e4t bricht. Pop-Boheme \u2013 im Sinne der alten Definition einer antib\u00fcrgerlichen, den herrschenden Anforderungen abgewandten Lebensform \u2013 w\u00e4re dann dort zu finden, wo man sich von den im Netz bereitgestellten Pop-Angeboten berieseln l\u00e4sst, ohne anschlie\u00dfend zum Kauf von Produkten aufzubrechen oder selber welche zu verfertigen. Damit w\u00e4ren wir zu Marx\u2019 Definition zur\u00fcckgekehrt \u2013 zu den Leuten, die \u00bbsich auf Kosten der arbeitenden Nation wohltun\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Anonymus (1972): On the Poverty of Hip Life. http:\/\/www.bopsecrets.org\/PH\/hippies.htm [zuletzt abgerufen am 2.2.2014].<\/p>\n<p>Bab, Julius (1994): Die Berliner Boh\u00e8me [Artikelserie, Berliner Volkszeitung, 1904; zuerst als Buch ver\u00f6ffentlicht: 1904], Paderborn.<\/p>\n<p>Balzac, Honor\u00e9 de (1977): Ein Prinz der Boheme [Un prince de la Boh\u00e8me (1840)]. In: Ders.: Pariser Geschichten, Z\u00fcrich, S. 95-147.<\/p>\n<p>Gendron, Bernard (2002): Between Montmartre and the Mudd Club. Popular Music and the Avant-Garde, Chicago und London.<\/p>\n<p>Hausmann, Raoul (1977): \u00bbAliterell Deliterell Subliterell\u00ab [1919]. In: Karl Riha (Hg. in Zusammenarbeit mit Hanne Bergius): Dada Berlin. Texte, Manifeste, Aktionen, Stuttgart, S. 54-56.<\/p>\n<p>Kreuzer, Helmut (1968): Die Boheme. Analyse und Dokumentation der intellektuellen Subkultur vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart.<\/p>\n<p>Marx, Karl (1988): Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte [1852]. In: Ders.\/Friedrich Engels: Werke, Bd. 8, Berlin, S. 111-207.<\/p>\n<p>Marinetti, Filippo Tommaso (1995):\u00a0 Jenseits vom Kommunismus [Al di l\u00e0 del communismo (Dezember 1919)] [Auszug]. In: Wolfgang Asholt\/Walter F\u00e4hnders (Hg.): Manifeste und Proklamationen der europ\u00e4ischen Avantgarde, Stuttgart und Weimar 1995, S. 181-183.<\/p>\n<p>Marinetti, Filippo T. (1972): Das Variet\u00e9 [Il teatro di variet\u00e0 (1913)]. In: Umbro Apollonio (Hg.): Der Futurismus. Manifeste und Dokumente einer k\u00fcnstlerischen Revolution, K\u00f6ln, S. 170-177.<\/p>\n<p>Murger, Henri (1967): Boheme. Szenen aus dem Pariser K\u00fcnstlerleben [\u00dcbersetzung von \u00bbSc\u00e8nes de la Vie de Boh\u00e8me\u00ab (1951)], Stuttgart.<\/p>\n<p>Schiller, Friedrich (1958): \u00bb\u00dcber B\u00fcrgers Gedichte\u00ab [1791]. In: Ders., <em>Schillers Werke<\/em>, 22. Bd., hg. v. Herbert Meyer, Weimar (= Nationalausgabe), S. 245-264.<\/p>\n<p>Tzara, Tristan u.a. (1984): \u00bbDadaistisches Manifest\u00ab [1918, abgedruckt 1920]. In: Richard Huelsenbeck (Hg.): Dada. Eine literarische Dokumentation, Reinbek bei Hamburg, S. 31-33.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcberzeugung, dass Kunst und Lebensstil nicht voneinander zu trennen seien<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[279,287,364,1255,1297,1470,1579,1816,1837,2141,2337],"class_list":["post-2721","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-avantgarde","tag-balzac","tag-boheme","tag-kommerz","tag-kreativitat","tag-marx","tag-murger","tag-pop","tag-pop-zeitschrift-2","tag-situationisten","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2721","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2721"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2721\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2721"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2721"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2721"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}