{"id":2725,"date":"2014-02-05T13:33:11","date_gmt":"2014-02-05T11:33:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2725"},"modified":"2014-02-05T13:33:11","modified_gmt":"2014-02-05T11:33:11","slug":"american-rock-journalismvon-ulf-schulenberg-und-marcel-hartwig5-2-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/02\/05\/american-rock-journalismvon-ulf-schulenberg-und-marcel-hartwig5-2-2014\/","title":{"rendered":"American Rock Journalismvon Ulf Schulenberg und Marcel Hartwig5.2.2014"},"content":{"rendered":"<p>Grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen sowie Programmhinweise zu einer Internationalen Konferenz.<!--more mehr--><\/p>\n<p>Die Idee der Krise hat das Schreiben \u00fcber Rockmusik seit seinen Anf\u00e4ngen in den USA begleitet. Unzweifelhaft hat dies sehr viel damit zu tun, dass das Schreiben \u00fcber Rockmusik idealiter ein freies ist. Sein Anspruch besteht darin, sich dem Formelhaften und Starren anderer Arten des Journalismus zu verschlie\u00dfen. Stattdessen soll dem von den jeweiligen Idiosynkrasien des Stils getragenen Begehren ein Spielraum belassen werden. Textformen, die f\u00fcr Leserinnen und Leser unverst\u00e4ndlich sind, wenn sie nicht gar als skandal\u00f6s erscheinen, sind nicht selten die Folge.<\/p>\n<p>Die ersten Rockjournalisten in den USA waren im strengen Sinne Autoren. Dies gilt f\u00fcr den ersten wirklichen Star unter den Rockjournalisten, Lester Bangs, der wie niemand vor ihm einen unverwechselbaren Schreibstil entwickelte. Sein fr\u00fches Ende wurde dadurch herbeigef\u00fchrt, dass er der tragischen Annahme erlag, ein Rockjournalist m\u00fcsse das Leben eines Rockmusikers f\u00fchren. Im Vorwort einer\u00a0 Sammlung von Texten Bangs\u2019 schreibt der Rockjournalisten und Herausgeber\u00a0 Greil Marcus \u00fcber seinen Freund und Kollegen: \u201ePerhaps what this book demands from a reader is a willingness to accept that the best writer in America could write almost nothing but record reviews\u201c (2003: x).<\/p>\n<p>Das Besondere des Stils, das Herausarbeiten der jeweils eigenen Form sowie die Konturierung der \u00e4sthetiktheoretischen und kulturpolitischen Positionen lassen sich auch bei den anderen Vertretern des fr\u00fchen amerikanischen Musikjournalismus finden, so z.B. bei Greil Marcus selbst, weiterhin bei Richard Meltzer, Richard Goldstein und, etwas sp\u00e4ter, Ellen Willis.<\/p>\n<p>Diese Autoren nutzen Rockmusik auf sehr unterschiedliche Art und Weise, um zu einem tieferen Verst\u00e4ndnis ihres Heimatlandes zu gelangen. \u201eWhat is America?\u201d \u2013 diese Frage hat f\u00fcr die meisten der fr\u00fchen amerikanischen Musikjournalisten eine zentrale Bedeutung. Sie nutzen das stets prek\u00e4re Zusammenfinden von Sprache und Musik, um sich der Komplexit\u00e4t der USA anzun\u00e4hern. Die vielschichtigen Mythologien der USA werden in diesen Texten nicht nur dekonstruiert und radikal kritisiert, sondern auch affirmativ weitergeschrieben und kreativ umgeformt. Es ist diese Doppelbewegung des Begriffs, die nicht in traditionell linker Kulturkritik sich ergeht, die u.a. den Reiz dieser musikjournalistischen Texte ausmacht.<\/p>\n<p>Heute ist die Krise des Musikjournalismus in westlichen Medien evident. Die dieser Branche zugrundeliegenden Textsorten gelten als Hort leerer Worth\u00fclsen und der Phrasendrescherei, als Selbstprojektionsfl\u00e4che untalentierter Autoren und als kritikfreier weil der PR-Industrie naher Monolog (vgl. Ruckli). Unter diesem Aspekt ist die Form zugleich ein teils persiflierter Topos in der gegenw\u00e4rtigen amerikanischen Literatur (z.B. in Bret Easton Ellis\u2019 <em>American Psycho<\/em> (1991) oder Jennifer Egans <em>A Visit from the Goon Squad<\/em> (2010)), des narrativen Hollywoodkinos (z.B. <em>Almost Famous<\/em> (2000)) wie auch der amerikanischen TV-Serie (z.B. Davis McAlery in <em>Treme<\/em> (2010\u2013). In diesen Medien erscheint der oft m\u00e4nnliche Rockjournalist, ob im Radio oder im Printmedium, als infantiler oder nostalgisch verkl\u00e4rter Exzentriker, dessen Worte und Taten von Zivilisationsm\u00fcdigkeit zeugen.<\/p>\n<p>Neben den plurimedialen Repr\u00e4sentationen des amerikanischen Rockjournalismus unter\u00adliegt die Textform selbst Prozessen der Historisierung und Kanonisierung, wie etwa u.a. An\u00adtho\u00adlogien wie <em>The Rolling Stone Illustrated History of Rock and Roll<\/em> (1992) und <em>Spin: 25 Years of Heretics, Heroes, and the New Rock &#8217;n&#8216; Roll<\/em> (2010) belegen. Somit findet sich der ame\u00adri\u00adkanische Rockjournalismus wieder in einem Spannungsfeld zwischen Unterhaltungs\u00adkultur und ernstem Kulturdiskurs. Hierin sind Form, \u00c4sthetik und das Medium der Text\u00adsorte die Bedeutungstr\u00e4ger f\u00fcr eine Zuordnung zu den beiden sich gegen\u00fcberstehenden Polen.<\/p>\n<p>Die Wahrnehmung der Wirkbereiche des Musikjournalismus geht einher mit dem sozialen Milieu der sich seit den fr\u00fchen 1990ern aus den Zirkeln der Neo-Bohemians entwickelten Hipster-Kultur (vgl. Lloyd, vgl. Greif). Die Akteure der Subkultur handeln unter der Zuschreibung <em>Hipster<\/em> ihren Distinktionsgewinn durch einen spezifischen Geltungskonsum aus, der mittlerweile als Massenph\u00e4nomen gilt. Politikverdrossenheit wie Systembest\u00e4tigung sind dem <em>Hipster<\/em> ebenso inh\u00e4rent wie Mittelklassendenken und Besserwisserei. Kurzum: Der <em>Hipster<\/em> spiegelt die gelebten Charakteristika der oben genannten Eigenschaften des Rockjournalismus als Textform wider. Rockjournalismus ist somit zugleich eine Lebensform und formal\u00e4sthetische Praxis.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/kte7-Xd0SQDQIrMUB9Gnz8dAIrgOU-Bm-fMm8rX-_xokieyY2iWFurchEileFIihCTezfUxjGCXrUH9ABE_2YUxaztpGgrwPwLFfioWannU5vah-PXL4r-ACAZIYS3faw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-2729\" title=\"Flyer American Rock Journalism\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/kte7-Xd0SQDQIrMUB9Gnz8dAIrgOU-Bm-fMm8rX-_xokieyY2iWFurchEileFIihCTezfUxjGCXrUH9ABE_2YUxaztpGgrwPwLFfioWannU5vah-PXL4r-ACAZIYS3faw.jpg\" alt=\"\" width=\"419\" height=\"590\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/kte7-Xd0SQDQIrMUB9Gnz8dAIrgOU-Bm-fMm8rX-_xokieyY2iWFurchEileFIihCTezfUxjGCXrUH9ABE_2YUxaztpGgrwPwLFfioWannU5vah-PXL4r-ACAZIYS3faw.jpg 728w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/kte7-Xd0SQDQIrMUB9Gnz8dAIrgOU-Bm-fMm8rX-_xokieyY2iWFurchEileFIihCTezfUxjGCXrUH9ABE_2YUxaztpGgrwPwLFfioWannU5vah-PXL4r-ACAZIYS3faw-213x300.jpg 213w\" sizes=\"auto, (max-width: 419px) 100vw, 419px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Das Ziel der Tagung (<a title=\"programm tagung\" href=\"http:\/\/www.uni-siegen.de\/phil\/anglistik\/americanrockjournalism\/files\/arj_program.pdf\" target=\"_blank\">hier das Programm<\/a>) ist es, auszuloten, was genau die Krise des Rockjournalismus kennzeichnet, welche Akteure und Institutionen sie vorantreiben und welche Begrifflichkeiten dabei die Form und die Idee des Rockjournalismus konturieren. Ebenso ist es Ziel der Tagung, die Begriffe des Mediums und des Autors genauer zu untersuchen und Fragen nach der Autonomie und den kulturellen Codes der Wissenstr\u00e4ger dieses Diskurses zu kl\u00e4ren. Zuletzt gilt es hierbei, die vorherrschenden Mythen (etwa Authentizit\u00e4t, Amerika etc.) in ihren Kontexten zu lesen und zugleich ihre Formen, Konzepte und Funktionen zu skizzieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Greif, Mark, Kathleen Ross und Dayna Tortorici (Hrsg). <em>What Was the Hipster: A Sociological Investigat<\/em><em>ion<\/em>. New York: n+1, 2010. Print.<\/p>\n<p>Lloyd, Richard. D. <em>Neo-Bohemia: Art and Commerce in the Postindustrial City<\/em>. New York: Routledge, 2010. Print.<\/p>\n<p>Marcus, Greil (Hrsg.) (2003). <em>Psychotic Reactions and Carburetor Dung by Lester Bangs<\/em>. New York: Anchor Books. Print.<\/p>\n<p>Ruckli, Christoph. \u201eGegen \u201ajournalistische Masturbation\u2018\u201c. <em>MedienKritik<\/em>. 10.1.2013. Web. 26.7.2013.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cBoheme und Popkultur&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;5.2.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2721&amp;action=edit\"><br \/>\n<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen sowie Programmhinweise zu einer Internationalen Konferenz.<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[111606,904,1305,2019],"class_list":["post-2725","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-amerika","tag-greil-marcus-lester-bangs","tag-krise","tag-rockjournalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2725","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2725"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2725\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2725"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2725"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2725"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}