{"id":2813,"date":"2014-02-19T12:16:03","date_gmt":"2014-02-19T10:16:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2813"},"modified":"2014-02-19T12:16:03","modified_gmt":"2014-02-19T10:16:03","slug":"konsumrezension-februarvon-simon-bieling19-2-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/02\/19\/konsumrezension-februarvon-simon-bieling19-2-2014\/","title":{"rendered":"Konsumrezension Februarvon Simon Bieling19.2.2014"},"content":{"rendered":"<p>Gegenst\u00e4nde diesmal: die Smartphones Lumia 1020 und Galaxy 4<!--more mehr--><\/p>\n<p>\u201eMyside bias\u201c \u2013 dieser nur unelegant \u00fcbersetzbare Begriff erinnert an eine wenig zutr\u00e4gliche Neigung: sich nur solchen Feststellungen und Beobachtungen zuzuwenden, die die eigenen Auffassungen bekr\u00e4ftigen. Sie spielt sicherlich auch eine gewichtige Rolle, wenn Urteile \u00fcber Produkte und Marken getroffen werden. Deshalb sollte eine wesentliche Leistung von Produktrezensionen darin liegen, Alternativen gegen allzu feststehende \u00dcberzeugungen ins Gespr\u00e4ch zu bringen.<\/p>\n<p>Wenig dazu geeignet scheinen mir Checklisten mit Kriterien zu sein, die noch jedes Produkt erf\u00fcllen sollte, wie zuletzt von <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2014\/01\/16\/konsumrezension-januarvon-antonia-wagner16-1-2014\/\">Antonia Wagner<\/a> vorgeschlagen. Nat\u00fcrlich ist es w\u00fcnschenswert, dass stereotype Geschlechterbilder mehr und mehr in den Hintergrund treten, und der Hinweis auf sie verdienstvoll. Doch verzichtet man auf die sorgf\u00e4ltige Betrachtung einzelner Produkte, wenn man sich als Rezensent*in darauf beschr\u00e4nkt, lediglich Kreuzchen in Checklisten einzutragen, Produkte also gleichsam moralisch abzuhaken. Vor allem aber nimmt man sich die Gelegenheit, dem eigenen Urteil und den ihm zu Grunde liegenden Kriterien abw\u00e4gend gegen\u00fcber zu treten, wenn eine Checkliste beide mechanistisch vorbestimmt.<\/p>\n<p>Auch schon die Wahl des Rezensionsgegenstands kann jedoch von Annahmen bestimmt sein, denen man zu sehr vertraut. Als ich mich entschloss, ein aktuelles Smartphone zu rezensieren, erschien es mir zun\u00e4chst naheliegend, ein Produkt mit hohen Verkaufszahlen in den Blick zu nehmen. Ich war mir sicher, dass allein der Markterfolg schon Relevanz garantieren k\u00f6nne, und beschloss, mich auf ein Ger\u00e4t des derzeit marktst\u00e4rksten Unternehmen zu konzentrieren: das \u201eSamsung Galaxy 4\u201c.<\/p>\n<p>Sich so isoliert auf die \u201eMarktsieger\u201c einer Produktsparte zu konzentrieren, erschwert es jedoch, das f\u00fcr die Konsumwelt so wesentliche Spiel der Konkurrenz ausreichend zu reflektieren. Denn Produkte werden weniger um ihrer selbst willen gestaltet als auf Differenzen zu Produkten konkurrierender Unternehmen hin.<\/p>\n<p>Konsumprodukte zu rezensieren erfordert deshalb immer auch ein Urteil dar\u00fcber, wie intelligent und sorgf\u00e4ltig Hersteller solche Differenzmerkmale ausw\u00e4hlen und gestalten. Darum ist es vielversprechend, das genannte Smartphone mit dem Angebot eines weniger erfolgreichen Unternehmens in Kontrast zu stellen: etwa mit dem \u201eNokia Lumia 1020\u201c, das neben einigen anderen Produkten dem finnischen Hersteller wieder gr\u00f6\u00dfere Marktanteile bescheren soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bildsmartphones.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2814 aligncenter\" style=\"margin-top: 5px;margin-bottom: 5px\" title=\"Bildsmartphones, Foto: Hersteller\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bildsmartphones.png\" alt=\"\" width=\"666\" height=\"402\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bildsmartphones.png 822w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bildsmartphones-300x181.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bildsmartphones-768x464.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 666px) 100vw, 666px\" \/><\/a><em>Bild: Hersteller<\/em><\/p>\n<p>Smartphones sind die aktuellste Umsetzung einer Utopie, die der Computeringenieur Alan Kay 1977 formulierte: n\u00e4mlich Computer als ein \u201epersonal dynamic medium\u201c f\u00fcr jedermann zu konstruieren, das alle erdenklichen Nutzerinteressen \u00fcber Software in einem Ger\u00e4t integriert. Aus diesem Grund wird man Smartphones nie allein nur als gestaltete Objekte, sondern immer auch daran messen m\u00fcssen, welche softwarebasierten Funktionen sie anbieten.<\/p>\n<p>Im Fall der genannten beiden Smartphones dr\u00e4ngt sich etwa besonders die Frage auf, auf welche Weise sie als Kamera in Szene gesetzt werden. Denn offensichtlich hat sich Nokia, dessen Mobilfunksparte in K\u00fcrze endg\u00fcltig von Microsoft \u00fcbernommen wird, vorgenommen, seine Ger\u00e4te vornehmlich als Kameratelefon wieder konkurrenzf\u00e4hig zu machen. \u201eUnschlagbare Fotos und Videos\u201c soll man mit dem \u201eLumia 1020\u201c, dessen Geh\u00e4use sich offensichtlich stark an Appleger\u00e4te anlehnt, herstellen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich sei nicht nur der \u201e41-Megapixel-Sensor\u201c absolut einzigartig, er w\u00fcrde noch dazu kombiniert mit der Sch\u00e4rfe eines eingebauten Carl-Zeiss-Objektivs.<\/p>\n<p>Noch so stark auf die unmittelbare \u00dcberzeugungskraft von Leistungszahlen und etablierten Markennamen zu hoffen, ist jedoch nicht die einzige Schw\u00e4che des Produkts. Man wird auch den Verdacht nicht los, dass man das Ger\u00e4t deshalb als Fotokamera pr\u00e4sentiert, weil man dem grundlegenden Merkmal moderner elektronischer Computer, vielf\u00e4ltige Funktionen annehmen zu k\u00f6nnen, misstraut. Ein angebotenes Zubeh\u00f6r, ein aufsteckbarer Kameragriff, der das Smartphone in eine konventionelle Kamera verwandelt, best\u00e4tigt, dass Nokia vor allem einen \u201eAnti-Computer\u201c auf den Markt hat bringen wollen, der nicht mehr so sehr multi-, sondern monofunktionale Merkmale besitzt.<\/p>\n<p>Samsung forciert umgekehrt die Multifunktionalit\u00e4t seines Smartphones nicht nur, sondern wirbt auch offensiv mit den imagin\u00e4ren Gehalten, die es mit seiner Softwaretechnik verkn\u00fcpft sieht. Das Unternehmen bezeichnet sein Ger\u00e4t \u201eGalaxy 4\u201c als \u201elife companion\u201c, als einen sowohl \u201eunterhaltsamen\u201c wie \u201ehilfsbereiten\u201c Begleiter. Offenbar ist Samsung der Meinung, dass die Merkmale von Haustieren und Butlern in dem Ger\u00e4t zur Deckung gelangen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Seinen \u201emobilen Begleiter\u201c pr\u00e4sentiert Samsung jedenfalls als eine soziale Kontaktfl\u00e4che. Das Ger\u00e4t stellt dem Unternehmen zufolge nicht nur die Verbindung mit den \u201eLiebsten\u201c her. Es \u201ehat\u201c sogar \u201eein echtes Faible f\u00fcr Gemeinschaft\u201c und \u201eliebt es Menschen zusammenzubringen\u201c. Das Smartphone wird als ein Conferencier choreografiert, der unauff\u00e4llig und selbstlos Familienmitglieder und Freunde, nicht jedoch Kollegen und Vorgesetzte miteinander verbindet.<\/p>\n<p>So suggeriert Samsung, man k\u00f6nne mit seinem Smartphone das soziale Leben allein auf Privatmenschen reduzieren und auf Auftritte in \u00f6ffentlichen Rollen, als <em>public man <\/em>oder <em>woman, <\/em>verzichten. Das w\u00e4re so unplausibel wie uninteressant, wenn Samsung nicht f\u00fcr seine Version sozialen Miteinanders eine \u00e4u\u00dferst originelle Fotografiefunktion implementiert h\u00e4tte. \u201eDual Shot\u201c hei\u00dft die fest installierte Fotografiefunktion, die erm\u00f6glicht, simultan nach vorne und hinten zu fotografieren und zugleich die beiden Bilder unmittelbar miteinander zu kombinieren.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Nokia mit seinem Produkt lediglich Reminiszenzen an regul\u00e4re Fotoapparate aktiviert, zielt Samsung darauf ab, das apparative Vokabular der Fotografie zu erweitern. Und w\u00e4hrend der finnische Hersteller versichert, dass sein Smartphone die \u201eperfekte Leinwand f\u00fcr Deine Geschichte\u201c sei, eine simple Projektionsfl\u00e4che also, auf der die Welt nach pers\u00f6nlichen Geschmack geordnet wird, erm\u00f6glicht Samsung vor allem einen bislang wenig bekannten Umgang mit dem fotografischen Selbstportr\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bild-Binoknokan.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2815 aligncenter\" style=\"margin-top: 5px;margin-bottom: 5px\" title=\"Bild Binoknokan, Foto: Elvine Madridejos\" src=\"http:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bild-Binoknokan.png\" alt=\"\" width=\"743\" height=\"441\" srcset=\"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bild-Binoknokan.png 918w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bild-Binoknokan-300x178.png 300w, https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/files\/2014\/02\/Bild-Binoknokan-768x455.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 743px) 100vw, 743px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em>Bild: Elvine Madridejos<\/em><\/p>\n<p>Dadurch gewinnt das Selbstportr\u00e4t eine neue Rolle, n\u00e4mlich andere Bilder zu personalisieren. Denn wenn das eigene Portr\u00e4t als Vignette in Gruppenportr\u00e4ts oder Aufnahmen von Sehensw\u00fcrdigkeiten erscheint, kann es dazu dienen, ein Bild, eine Perspektive oder gar ein Sujet f\u00fcr sich zu reklamieren. Genauso kann man diese Mehrfachfotografien aber auch dazu verwenden, sich imagin\u00e4r zwischen Fotograf und Sujet zu platzieren. Auf diese Weise erlaubt das Bildformat, das Verh\u00e4ltnis zwischen beiden zu reflektieren und den Akt des Fotografierens selbst mit ins Bild zu setzen. Nicht zuletzt l\u00e4sst sich mit der Kamerasoftware jedoch vor allem die soziale Verkn\u00fcpfung, das gemeinschaftliche Verh\u00e4ltnis, das das Smartphone herzustellen verspricht, in einer bislang kaum bekannten Form des Doppel- oder Gruppenportr\u00e4ts fotografisch gestalten.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man bei Nokias \u201eLumia 1020\u201c schnell zu einem eher negativen Urteil gelangt, f\u00e4llt es bei der Produktinszenierung des Samsung-Smartphones ambivalent aus. Das Versprechen einer technologisch induzierten idealen Gemeinschaft noch einmal vorgesetzt zu bekommen, ist n\u00e4mlich einerseits kaum \u00fcberzeugend. Dass Samsung aber andererseits f\u00fcr seine kaum plausible Idee ein so ungew\u00f6hnliches fotografisches Inszenierungsformat anbietet, macht das Ger\u00e4t auch wieder interessant. Und weil es letztlich nicht an sie gebunden ist, kann man dem Produkt des s\u00fcdkoreanischen Konzerns insgesamt bef\u00fcrwortend gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Produkte, die zugleich \u00fcberzeugen und entt\u00e4uschen, sind \u00e4u\u00dferst dankbare Rezensionsgegenst\u00e4nde, hat man bei ihnen doch kaum Gelegenheiten f\u00fcr den Komfort simpler Selbstbest\u00e4tigung. Und so k\u00f6nnte man <a href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/2013\/12\/16\/konsumrezension-dezembervon-daniel-hornuff16-12-2013\/\">Daniel Hornuffs Frage<\/a>, worin sich Konsumrezensionen von wissenschaftlichen Studien unterscheiden, auch an der jeweiligen Gegenstandswahl festmachen. W\u00e4hrend letztere ihren Gegenstandsbereich nach den jeweiligen Erkenntnisinteressen zur Konsumkultur ausrichten, kann sie in Konsumrezensionen danach getroffen werden, wie stark an ihnen auch widerspr\u00fcchliche Bewertungskriterien gegeneinander abgewogen werden k\u00f6nnen. Ob es sich bei ihnen um Ladenh\u00fcter oder Bestseller handelt, spielte dann bei der Frage, ob sie als Rezensionsgegenstand geeignet sind, keinerlei Rolle mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a title=\"website bieling\" href=\"http:\/\/www.konsumaesthetik.de\/?\/Personen\/SimonBieling\/\" target=\"_blank\">Simon Bieling<\/a> promoviert innerhalb des Forschungsverbunds \u00bbKonsum\u00e4sthetik\u00ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gegenst\u00e4nde diesmal: die Smartphones Lumia 1020 und Galaxy 4<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[1277,1685,1838,1841,2057,2135,2156],"class_list":["post-2813","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-konsumkritik","tag-nokia","tag-pop-zeitschrift-de","tag-pop-kultur-und-kritik","tag-samsung","tag-simon-beiling","tag-smartphone"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2813","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2813"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2813\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2813"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2813"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2813"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}