{"id":2951,"date":"2014-03-12T22:52:19","date_gmt":"2014-03-12T20:52:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/?p=2951"},"modified":"2014-03-12T22:52:19","modified_gmt":"2014-03-12T20:52:19","slug":"rtl-gestiftet-von-bertelsmannvon-thomas-hecken12-3-2014","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/2014\/03\/12\/rtl-gestiftet-von-bertelsmannvon-thomas-hecken12-3-2014\/","title":{"rendered":"RTL, gestiftet von Bertelsmannvon Thomas Hecken12.3.2014"},"content":{"rendered":"<p>Gut beratenes Programm<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left\">[aus: \u00bbPop. Kultur und Kritik\u00ab, Heft 4, Fr\u00fchling 2014, S. 10-12]<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Jahre RTL, f\u00fchrende Institution des deutschen und europ\u00e4ischen Privatfernsehens. Ein selten gegl\u00fcckter Begriff, sinnvoll doppelter Bezug: Erstens Privateigentum und zweitens Unterhaltung durch erlaubte, verstohlene, inszenierte Blicke ins Intim-Private. Der Mehrheitseigent\u00fcmer: Bertelsmann. Die Bertelsmann Stiftung wiederum, die den Medienkonzern zu gut 75% besitzt, hofft nicht nur auf die Mehrung des Kapitals, sondern finanziert auch Bestrebungen, die unternehmerische Macht zu vergr\u00f6\u00dfern. Nat\u00fcrlich zum Wohl des Ganzen. Mehr Wettbewerb schafft eine bessere, zumindest leistungsst\u00e4rkere, effizientere Gesellschaft, lautet ihre Devise. Weniger Lohn, weniger Sozialausgaben, weniger Staat sind ihre Forderungen, die sie durch verschiedene Rankings und viele Kongresse untermauern m\u00f6chte.<\/p>\n<p>B\u00fcrgerengagement und unternehmerische Verantwortung soll dadurch zugleich zum Ausdruck gebracht und bef\u00f6rdert werden. Vorbildlich steht daf\u00fcr die RTL Group (neben den bekannten TV-Sendern geh\u00f6ren ihr z.B. noch dutzende Radiostationen unter Titeln wie \u00bbFun\u00ab und \u00bbCool\u00ab). In ihren Sendungen kommen staatliche Agenten h\u00f6chstens in Form von Regierungschefs und Polizisten (Zollfahnder und Pathologen mal eingerechnet) vor. Letztere deutlich l\u00e4nger, \u00fcberwiegend in fiktionalen Serien und Soaps mit dokumentarischem Anspruch, aber auch gerne in Nachrichtenshows.<\/p>\n<p>Der Verzicht, offizielle staatliche Verlautbarungen und parteipolitische Stellungnahmen ins Programm zu nehmen, schafft konsequent Raum f\u00fcr die zwei genannten S\u00e4ulen der Stiftungsidee: Unternehmertum und zivile Eigenst\u00e4ndigkeit. Auf Werbung folgt gern ein St\u00fcck aus dem Leben der Beworbenen. Probleme mit dem Partner und dem Auto, mit dem Konto und dem Haustier, mit dem Unterleib und dem Haarwuchs. Oft werden Werbeobjekte und Beworbene von den Programmmachern zusammengebracht: Nicht nur weil es ihr einziger Auftrag ist, Sendungen zu produzieren, die den Werbetreibenden Zuschauer zuf\u00fchren, sondern indem sie Produkte einem Gebrauchstest unterziehen. Fast nie freilich die beworbenen Angebote, \u00fcbrig bleiben die Waren kleinerer Firmen, deren Name nichts zur Sache tut: Es geht um Matratzen, Di\u00e4ten, Gartenst\u00fchle, Dinge, die einen im eigenen Haushalt besch\u00e4ftigen. Popul\u00e4rkultur bedeutet f\u00fcr RTL nicht blo\u00df Starkult, sondern ebenso h\u00e4ufig Alltagskultur. Was ist hier gut, was kann man raten, welche Erfahrungen haben die Nutzer selbst gemacht\u2026<\/p>\n<p>Es geht um das Wohl des B\u00fcrgers, keine Frage. Kritisch muss man im Sinne der Stiftung wahrscheinlich sehen, dass die gezeigten Menschen f\u00fcr stark betreuungsbed\u00fcrftig gehalten werden oder es sogar sind. Unternehmer werden aus ihnen schwerlich. Andererseits braucht man auch Leute, die f\u00fcr andere arbeiten, damit diese ihre Unternehmungen profitabel durchf\u00fchren k\u00f6nnen. Deshalb kann Betreuung nicht schaden, wenn Kinder, Schulden, Krankheiten geregelte Lohnarbeit allzu sehr beeintr\u00e4chtigen oder verhindern.<\/p>\n<p>Misslich wiederum allerdings, in welch hohem Ma\u00dfe die eventuell gewonnene Kraft in jene wenig renditetr\u00e4chtigen und b\u00fcrgerschaftlichen Aktivit\u00e4ten gesteckt wird, wie sie die Soap- und Realityskripte in ihren Intrigen zeigen und nahelegen. Immer sind es die anderen, die einem st\u00e4ndig oder regelm\u00e4\u00dfig zu wenig an Gef\u00fchl, Aufmerksamkeit, Einzigartigkeit zugestehen, das f\u00fchrt zu Quengeleien und Passionen aller Art. Die Konkurrenz um emotionale und sexuelle G\u00fcter w\u00e4re tats\u00e4chlich besser \u2013 so kann ja nur die Ma\u00dfgabe der Stiftung lauten \u2013 in der \u00f6konomischen Sph\u00e4re aufgehoben, nicht in den Wohnzimmern und Freizeitst\u00e4tten. Dass man es dem eigenen Sender erlaubt, dennoch die television\u00e4re Zeit damit zu f\u00fcllen, manifestiert eindrucksvoll den Freiheitsimpetus, dem die Stiftung verpflichtet ist.<\/p>\n<p>In den knappen Minuten, die der Sender im Sinne der Hauptaufgaben der Stiftung \u2013 Forschung und Politikberatung \u2013 gestaltet, bleiben immerhin deren Methoden gewahrt: Auswertung von Umfragen sowie deutliche Botschaften. In einer der Magazinsendungen RTLs, die kurz neben allerlei Rat und Tratsch kostbare Sendezeit der Politisierung einr\u00e4umt, bietet sich an einem beliebigen Tag im Januar ein Bild, das vollst\u00e4ndig repr\u00e4sentativ ist (da es keine Zuf\u00e4lle im Programm gibt, erschlie\u00dft sich das ohne jeden weiteren Zeitaufwand): Zuerst pr\u00e4sentiert man Zahlen aus Meinungsumfragen, nach denen eine gro\u00dfe Mehrheit der Deutschen weiter Streit in der gro\u00dfen Koalition erwartet. Unmittelbar darauf l\u00e4sst man Teile dieser famosen, kenntnisreichen und politikverdrossenen Bev\u00f6lkerung nicht nur als statistische Gr\u00f6\u00dfe, sondern in Fleisch und Blut auftreten. Eine B\u00fcrgerinitiative hat sich gegr\u00fcndet, die gegen ein Schwerbehindertenheim protestiert; ein Insasse des Heims hat eine Frau vergewaltigt. Gut, dass die Gesunden so etwas nicht tun und in dem Sender ein Sprachrohr gegen den kranken Staat besitzen, der solche Einrichtungen unterh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Anti-etatistisch ist auch das Bildungsprogramm von RTL ausgerichtet. Fordert die Stiftung eine \u00bbentfesselte Hochschule\u00ab, die sich endlich ohne bildungspolitische Bevormundung an der Leistungsbilanz der gro\u00dfen Unternehmen orientiert, die zuverl\u00e4ssig in gro\u00dfen Mengen Autos, Finanzprodukte, Drohnen, Milliard\u00e4re, Popmusikst\u00fccke, Z\u00e4hleinheiten in der Armutsstatistik, B\u00fccher, M\u00fcllhalden, Ferienorte hervorbringen, geht der eigene Sender noch einen Schritt weiter. Er l\u00e4sst anarchisch die Institutionen ganz hinter sich und l\u00e4dt ein in die alternative Volkshochschule der Castingshows. In ihnen legen ohne Ansehen von Herkunft, Stand und Schulzeugnis alle, die sich berufen f\u00fchlen, Talent- und Disziplinproben ab \u2013 vor einem harten, aber gerechten Lehrer (dem, oft geh\u00f6rten \u00f6ffentlichen Nettigkeitsbekundungen zum Trotz, geheimen Ideal der heutigen Studentengeneration).<\/p>\n<p>RTL selbst ist noch demokratischer ausgerichtet, man sieht es nicht nur daran, dass Telefonvotings die Urteile der Vordenker au\u00dfer Kraft setzen k\u00f6nnen. RTL hei\u00dft sogar fast alle in seiner ausschlaggebenden Quotenstatistik willkommen. Legte man jahrzehntelang auf die 14- bis 49-J\u00e4hrigen Wert, bilden neuerdings alle zwischen 14 und 59 den Ma\u00dfstab f\u00fcr Sender und eventuell auch Werbewirtschaft. Ein erstaunliches Exempel jener Toleranz, die aus der Anerkennung des Konsumeinsatzes entspringt \u2013 gerade wenn man bedenkt, dass RTLs Urspr\u00fcnge im Radio-Programm liegen, mit j\u00fcngeren Menschen als Zielgruppe, die in den 1960er und 1970er Jahren im \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk noch vergleichsweise selten ihre Pop-Favoriten h\u00f6ren konnten.<\/p>\n<p>Aktuelle Popmusik ist zwar im heutigen RTL-Fernsehen fast nicht mehr anzutreffen, daf\u00fcr aber einige Chart-Nostalgie sowie ein vor\u00fcbergehender Exponent des RTL-Pop, Thomas Gottschalk (Anfang der 80er Jahre \u00bbMister Morning\u00ab bei Radio Luxemburg). F\u00fcr ihn schlie\u00dft sich der Kreis nun, mit Shows im Gepr\u00e4ge \u00e4lterer Popul\u00e4rkultur, Variet\u00e9 und Kirmes, immer in der Hoffnung, einen alten Heroen aus der eigenen Twen-Zeit, als der Tod noch fern war, pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen, ELO, Barclay James Harvest, Deep Purple, Kraftwerk\u2026<\/p>\n<p>Zweifellos ist die lange Lebensdauer nach Beendigung der Lohnarbeit ein \u00c4rgernis f\u00fcr jedes unternehmerische Engagement. Dennoch l\u00e4sst man die Altstars gew\u00e4hren, wohl wissend, dass blondierte Str\u00e4hnen auf Dauer kein Vademecum sind, und trotz der Bef\u00fcrchtung, dass sich solche Altersmilde auf die allf\u00e4lligen Debatten zur K\u00fcrzung der Rente und zur Beendigung jener Wahlgeschenke an sentimentale Senioren, die zuungunsten der schaffenden Jungen erfolgen, abtr\u00e4glich auswirken k\u00f6nnte. Dies ein letztes Beispiel f\u00fcr die Liberalit\u00e4t der Bertelsmann Stiftung.<\/p>\n<p><strong><a title=\"\u201cBoheme und Popkultur&lt;br \/&gt;&lt;small&gt;&lt;i&gt;von Thomas Hecken&lt;\/i&gt;&lt;br \/&gt;5.2.2014&lt;\/small&gt;\u201d bearbeiten\" href=\"http:\/\/www.pop-zeitschrift.de\/wp-admin\/post.php?post=2721&amp;action=edit\">\u00a0<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut beratenes Programm<\/p>\n","protected":false},"author":391,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[57],"tags":[320,1837,1894,2032,2337],"class_list":["post-2951","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-bertelsmann","tag-pop-zeitschrift-2","tag-privatfernsehen","tag-rtl","tag-thomas-hecken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2951","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/users\/391"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2951"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2951\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2951"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2951"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blogs.uni-siegen.de\/pop-zeitschrift\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2951"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}